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Theater

Hermann Bahr: Theater - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleTheater
publisherS. Fischer
addressBerlin
firstpub1897
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060427
projectid3bd51929
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Erstes Kapitel

Als ich das letzte Mal in München war, hörte ich, aus der Sezession nach dem Englischen Garten gehend, meinen Namen rufen. Ich sah mich um und konnte mich des Winkenden nicht gleich entsinnen. Erst als er in seiner langsamen, bedächtigen und pedantischen Art, den Zwicker in der Hand, sich näherte, erkannte ich, daß es Mohr war.

Ich hatte ganz vergessen, daß der jetzt in München lebt. Wir begrüßten uns. Es traf sich, daß er nichts zu tun hatte; so trug er sich an, mich zu begleiten, und ich war es froh.

Wir kennen uns lange. Als ich 1883 nach Berlin zu Wilhelm Scherer ins Seminar kam, war der Doktor Naurus Mohr als Assistent dort: er leitete unsere Verhandlungen, teilte die Themen aus und Scherer schien viel von ihm zu halten. Ich habe mich oft gefragt, was der freie, feine und so heitere Geist unseres edlen Lehrers denn wohl an diesem schweren und doktrinären Schüler finden mochte. Mohr war mir nämlich damals gar nicht sympathisch. Ich kann nicht recht sagen, was ich eigentlich gegen ihn hatte. Seinen Verstand, seinen Fleiß durfte ich nicht leugnen; auch war er von den besten Manieren, freilich umständlicher und peinlicher, als man es sonst unter Studenten ist. Ich wurde doch eine leise Warnung in mir nicht los. Ich mußte ihn achten, man konnte von ihm lernen, aber er war mir halt zu korrekt. Ich hätte was für eine tolle Laune, eine ungerechte Wallung, einen dummen Streich von ihm gegeben, da wir doch junge Leute waren. Er nahm auch in die Kneipe, ins Café immer den Dozenten mit und wenn wir plauderten, schien er eher einem Stenographen zu diktieren. Auch ging es mir auf die Nerven, daß er immer dieselben drei Gebärden hatte: wenn er sprach, hob er die rechte Hand auf, streckte den Zeigefinger aus und hielt ihn vor sich hin; dann nahm er den Zwicker ab und deckte die Augen mit der linken Hand zu; am Ende machte er eine kleine Pause, strich sich behutsam den langen, schwarzen Bart und schmunzelte ein wenig. Diesen langen, schwarzen, sehr gepflegten Bart konnte ich nicht leiden; er ließ sein Gesicht auf den ersten Blick beinahe bedeutend erscheinen, was es doch, mit den müden kleinen Augen, der kurzen und stumpfen Nase, den bedrückten Zügen gar nicht war. Auch wußte er immer alles besser und ließ es einen in seiner zu höflichen, fast unterwürfigen, doch leise ironischen Art fühlen. Er war mir eben zu gescheit und ich meinte schon damals, daß man nicht viel ist, wenn man nichts als gescheit ist. Ich wäre so gern einmal mit ihm grob geworden, aber man konnte nicht dazu kommen. So vermied ich ihn lieber, obwohl er mich zu suchen schien.

Ich ging dann fort, Scherer starb, und nun hörte ich lange nichts, bis er mir, es wird 1888 oder 89 gewesen sein, nach Paris schrieb, er hätte die akademische Karriere verlassen und sei nach Wien zurück, um hier eine Wochenschrift zu begründen. Den Prospekt und eine Liste der Autoren schickte er mir mit; es sollte eine Tribüne der jungen Leute werden. Ich hatte kein besonderes Vertrauen und wunderte mich, bald zu hören, wie schnell das junge Blatt gedieh. Man muß ihm das lassen: Maurus Mohr, wie er sich jetzt nannte, den Doktor ließ er weg, verstand das Geschäft. Indem er die Argumente der Jugend in einer klaren, deutlichen, ja beinahe mathematischen, höchst verständigen und eigentlich recht philiströsen Sprache vortrug, Bosheiten nicht scheute und doch auch wieder, wenn es klug war, nachzugeben wußte, konnte es ihm nicht fehlen. Ich muß ja sagen: mir gefiel auch sein Blatt nicht. Ich verkannte nicht, daß es mutig und witzig manchen falschen Enthusiasmus der leichten Wiener hernahm, nach dem Worte des Ibsen, das er gern zitierte: »Ist es wirklich groß, das Große?« Gewiß, er machte das sehr geschickt, man fürchtete seinen Spott, und ich mußte ja auch lachen, aber ich konnte nicht froh dabei werden. Ja, es geschah mir oft, daß ich törichte und lächerliche, aber in einer herzlichen Begeisterung taumelnde Menschen, die ich sonst wohl selbst verhöhnt hätte, gegen seinen bösen Verstand bei mir verteidigte. Wenn ich auch glaubte, daß man sie tadeln sollte, fühlte ich doch, daß man sie anders tadeln müßte. Ich beneidete ihn nicht; es schien mir doch ein recht trauriges Metier, wenn die Menschen wieder eine Woche gestrebt und geirrt hatten, am Samstag diese ganze Welt von Hoffnungen und Wünschen mit ein paar Witzen abzutun. Auch war mir der ganze Stil, was seine Verehrer sein »wahrhaft Lessingisches Deutsch« nannten, nicht angenehm; er hätte lieber gleich in algebraischen Zeichen schreiben sollen. Immer Antithesen und lauter Pointen – ich konnte bald keine Zeile mehr lesen. Agaçant, ich weiß kein deutsches Wort dafür, fand ich zuletzt alles von ihm. Doch darf ich nicht ungerecht sein und muß zugestehen, daß er seine Macht nicht mißbrauchte und, obwohl er jetzt anfing, zu den »großen Journalisten« zu gehören, sich nicht veränderte, sondern ein guter Kamerad blieb, so weit davon bei seinem glatten und ironischen Wesen überhaupt die Rede sein konnte. Der Ruhm hat ihn nicht verdorben. Bald durfte man nämlich in der Tat schon von seinem Ruhme sprechen, seit sein Stück »Das Kind« im Stadtheater so sehr gefallen hatte. Das war 1893 und nützte der ganzen Jugend, nun fingen die Leute doch an, uns ernst zu nehmen. Es war ein wirklicher Erfolg. Lustig, spöttisch, ohne doch unangenehm zu werden, ein wenig sentimental, ohne weinerlich zu sein, mit allen Kniffen der Routine, jeder Phrase des Tages huldigend, von einem verblüffenden und doch die Komtessen verschonenden Mute, ganz moderne Wiener Dinge in einer Form verhandelnd, die eigentlich in der Nähe die alte Schablone war, sah es wie ein Werk der Jugend aus, ohne doch den Geschmack der anderen zu beleidigen. Die Alten waren froh, endlich einmal einen Jungen loben zu können; die Jungen schwiegen dazu, wir profitierten ja alle. Auch fiel in dem Stücke die Bastante zum erstenmal auf. Sie war früher nur als Schönheit berühmt gewesen, nun wurde ihr Talent erst »entdeckt«. Ihrer zärtlichen und subtilen Poesie verdankte er viel. Sie wurden denn auch jetzt immer zusammen genannt. Bald hieß es sogar, sie hätten sich lieb, er wolle sich von seiner Frau, einer schüchternen und unscheinbaren Berlinerin, die man fast nie zu sehen bekam, scheiden lassen, und wie schon so geredet wird. Sein zweites Stück fiel ein halbes Jahr später durch. Die Kenner lobten manche feine und kuriose Szene, die es aus alten Chroniken zog, aber man mußte wohl Germanist sein, um es zu würdigen. Das Publikum wurde ungeduldig, lärmte und pfiff. Mohr nahm das tragischer, als sonst Autoren pflegen. Man sah ihn nicht mehr, in der nächsten Nummer der Wochenschrift fehlte sein Artikel, und nach vierzehn Tagen hatten sie einen neuen Redakteur. Es hieß, er sei mit seiner Frau und dem Kinde nach München verzogen, um sich dort zu habilitieren. Man wunderte sich, eine Zeit wurde noch von ihm gesprochen, bald war er vergessen.

Nun gingen wir im Englischen Garten, fragend und erzählend, unserer Berliner Zeit gedenkend, die Wiener Freunde betrachtend. Ich war angenehm überrascht: er schien milder geworden, er war nicht mehr so definitiv, er dozierte nicht mehr. Das ironische Lächeln hatte er freilich noch immer, das mich in Berlin schon ärgerte, aber es war jetzt trauriger; gütig konnte man es beinahe nennen. Selten hob er den Finger noch in jener demonstrativen Art, da mußte er schon sehr lebhaft werden; meistens hielt er jetzt den Zwicker in der rechten Hand, um mit der anderen in seiner Weise die scheuen und empfindlichen Augen zu bedecken. Ich bildete mir sogar ein, daß seine sonst so schrille, schneidende Stimme trüb und stumpf geworden war. Ein Flor schien über sein ganzes Wesen gezogen. Was mochte mit ihm geschehen sein? Er beklagte sich nicht; er schien zufrieden, aus dem Lärm des Journalismus weg zu sein, und lobte sich das stille Leben des Gelehrten. So resigniert klang alles, was er sprach. Das befremdete mich. Er war doch kaum sechsunddreißig Jahre und es lag so gar nicht in seiner Natur. Was mochte da geschehen sein? Aber ich hütete mich, zu fragen.

Ich blieb zehn Tage in München. Die paar Freunde, die ich dort habe, waren schon auf dem Lande. Auch er war allein; nur jeden Sonntag fuhr er nach Tegernsee zu seiner Frau und dem Knaben. So gab es sich, daß wir gern nach der Arbeit, wenn er von der Bibliothek, ich aus der Sezession kam, spazieren gingen, von unseren Gedanken, Plänen und Beschäftigungen redend, meistens über das Buch, an dem er jetzt schrieb, oder auch, wenn ich gerade was Besonderes gesehen hatte, über Malerei, aber da konnten wir uns nicht verständigen. Einst hatte er für die »Moderne« geschwärmt, jetzt wollte er nicht mehr mit. Er billigte die Naturalisten, aber diese neuesten Sachen mochte er nicht gelten lassen. Da konnte er böse werden. Wenn mir nur einmal jemand sagen könnte, was man sich denn dabei eigentlich denken soll, fragte er mich oft. Ich antwortete, daß man doch der Kunst mit dem bloßen Verstande nicht beikommen kann; die vagen Werke dieser unverständlichen und nur so lallenden Künstler hätten doch die Macht, Stimmungen zu gebieten, die mir teuer sind, weil sie mich das Leben stärker spüren lassen. Aber ich konnte ihn nicht bekehren. Er sagte höchstens zuletzt: kann sein, daß Sie recht haben – ich bin jetzt schon so weit, daß ich in der Kunst überhaupt gar nichts mehr weiß. So stritten wir oft. Lieber sprach er von seinem Buche über Lichtenberg. Er wurde nicht müde, das klare und reine Wesen dieses nur vom Verstande lebenden Mannes zu loben.

Einmal holte ich ihn von der Bibliothek ab. Wie ich ihn da in dem trüben, grauen Zimmer unter den alten Folianten sitzen sah, sagte ich: »Das ist auch nicht der Ort, das Theater zu vergessen.« »Nein,« antwortete er, »das würde auch zu schwer sein; das Theater vergesse ich wohl nie!« Es klang seltsam, wie er das sagte: so traurig. Ich meinte: »Das ist eine alte Geschichte, das Theater läßt einen nicht mehr los; man mag es tausendmal verschwören, es nützt alles nichts, Sie werden schon sehen; wollen Sie wetten, es dauert nicht drei Jahre und Sie lassen den ganzen Krempel da stehen und kehren zum Theater zurück?« Er sagte bloß: »Nie!« Aber ich erschrak. So ernst hatte ich ihn noch nicht gesehen, und er zitterte.

Ein anderes Mal gingen wir auf der Straße und blieben vor einer Kunsthandlung stehen, mir fiel ein Bild von Stuck auf, das den bayrischen Komiker Dreher in vielen Rollen zeigt, merkwürdig und fast unheimlich gemacht, das cäsarische Profil in der Mitte, allerhand Masken herum. Es hing da zwischen Photographien berühmter Schauspieler und Schauspielerinnen. Wir traten hin, um es besser zu sehen, und ich wollte eben mein Entzücken aussprechen, als mich Mohr so heftig an der Hand riß, daß ich taumelte. Ich sah ihn an, er war ganz fahl, ich mußte ihn halten. Ich bemerkte nun erst ein Bild der Bastante neben dem Dreher. Ich wollte ihn wegziehen, da war er schon fort und rannte, indem er sich ein Tuch vor das Gesicht hielt, über die Gasse in ein Haus. Dort sah ich ihn im Tore, heftig bewegt, sich an die Mauer lehnen, den Kopf hielt er gesenkt und mit der Hand drückte er auf sein Herz, wie um es zu bezwingen. Ich ging etwas weg, da wir doch nicht so intim waren, daß ich ihn hätte trösten dürfen, und wartete. Nach einiger Zeit kam er mir nach, sagte aber nichts und ich wußte auch nichts zu sagen. So gingen wir lange, er schnäuzte sich ein paarmal. Endlich setzte er seinen Zwicker wieder auf und versuchte in seinem gewöhnlichen ruhigen Tone zu reden. »Ich habe mich recht kindisch benommen. Nun wird es schon das beste sein, daß ich Ihnen alles erzähle. Sonst komme ich Ihnen ja gar zu albern vor. Es wird mir auch wohltun; vielleicht rede ich es mir weg. Ich hoffe, es wird mir dann leichter sein, wenn es auch ein anderer weiß.« Und er schlug mir vor, uns abends in einer Weinstube zu treffen, wo man recht behaglich sitze und ungestört sei. Da sollte ich alles hören.

Vom Promenadenplatz, wo der Kurfürst Max Emanuel und der Orlando di Lasso stehen, geht links eine kleine Gasse hinein, da ist die Rüdesheimer Weinstube. Der Besitzer heißt Franz Fischer und hat seine Weine aus dem Keller des Herrn Johannes Baptist Sturm, der ein großer Weinbauer in Aßmannshausen ist. Teppiche teilen das lange, schmale, braune Gemach in Nischen ab. Zum stillen Zechen, zu Vertraulichkeiten ist es da herrlich, und es gibt einen Rauenthaler Berg, der rinnt so sanft und zärtlich durch die Kehle, daß man gar nicht mehr weggehen möchte. Eine lange, dünne und hektische Person serviert; sie trägt die dichten aschblonden Locken präraffaelitisch, junge Maler kneipen da gern. Man hört sie gar nicht, wenn sie geht; so leise, so linde sind ihre Schritte. Meistens lehnt sie an der Kredenz, träumelt vor sich hin und lächelt nur so. Man fühlt, hier wird mit Andacht gezecht; das Trinken ist hier eine ernste und heilige Sache. Hier hat er mir sein Abenteuer erzählt.

Er leitete es sehr feierlich ein. Er tat so, als würde ich eine ganz seltsame und unglaubliche Geschichte hören. Ich konnte das eigentlich nicht finden. Es war doch zuletzt eine recht banale Begebenheit, die auch anderen schon geschehen ist. Mir schien an ihr nichts merkwürdig, als daß er sich gar so wunderte und es noch immer nicht fassen konnte. Daran glaubte ich wieder einmal recht deutlich das Wesen des Theaters zu spüren, und es wurde mir manches bestätigt, das ich schon öfter vermutet hatte. Amüsant waren mir allerhand Figuren, die er schilderte; die Episodisten seiner Geschichte stellte er zum Greifen hin. Freilich, was er eigentlich sagen wollte, ist er mir schuldig geblieben. Immer kündigte er mir an: »Warten Sie nur, jetzt kommt es erst!« Aber es kam nicht, und am Ende wußte ich noch immer nicht, was er denn meinte. Im einzelnen war er so deutlich, daß ich oft schon ungeduldig wurde; zum Ganzen konnte er doch nicht kommen. Ich muß aber sagen, mir gefiel das gerade: so blieb mir immer noch zu deuten und zu raten. Bei mir wurde die Geschichte erst fertig, indem ich alle Schilderungen nach seinem Wesen, wie ich es vor mir hatte, zu korrigieren suchte. Das war mir lieber, als bloß zuzuhören. Vielleicht werden andere dasselbe denken. Deshalb erzähle ich es ihm nach und ändere nichts, alle Vermutungen bei mir behaltend. Es wäre ja nicht so schwer gewesen, manches besser zu stellen, um das Wichtige sehen zu lassen; aber es hätte mir leid getan.

Wünschen möchte ich, daß es mir gelungen sei, seinen Ton zu treffen, seine gelassene, sachliche, manchmal ein bißchen langsame und schwere, immer getreu referierende Art der Erzählung, die so glücklich ist, von unserer Leidenschaft der suggestiven Worte noch nichts zu wissen. Sie gehört dazu. Ich habe mich bemüht, aber ich bin noch nicht gewiß, ob es mir geraten sein wird.

Und nun lasse ich ihn erzählen.

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