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Sylt 1921

Victor Auburtin: Sylt 1921 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
booktitleSylter Lesebuch
titleSylt 1921
publisherVerlag Ullstein GmbH
editorKurt Lothar Tank
year1986
isbn354820595X
firstpub1973
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Victor Auburtin

Sylt 1921

Zoologie

Wenn der D-Zug, mit dem Tempo, das sie jetzt haben, durch Schleswig-Holstein nach Norden fährt, so sei dem darin befindlichen Fahrgast geraten, sich inzwischen mit Zoologie zu beschäftigen.

Also zuerst wird er mit Freude bemerken, daß die Entente uns doch noch einige Milchkühe gelassen hat. Man sieht in dieser Landschaft mehr Milchkühe als Menschen, was der Landschaft nur zum Vorteil gereicht; und man kommt zu der Erkenntnis, daß es nicht an den Kühen liegen kann, wenn die Milch so teuer ist. Es scheint noch irgend jemand anders die Hand dazwischen zu haben.

Bei dieser Gelegenheit muß ich das Geständnis ablegen, daß ich nicht recht weiß, warum man diese Tiere immer ausdrücklich Milchkühe nennt. Was sollen es denn sonst für Kühe sein? Oder gibt es auch Kognakkühe? Dann bedauere ich nur, daß ich noch keiner von ihnen begegnet bin.

Nun kommt der D-Zug an einer Katze vorüber, die im Grase auf die Jagd geht. Sie wirft uns nur einen kurzen mißbilligenden Blick zu und widmet sich darauf gelassen wieder ihrer Beschäftigung. Ganz deutlich hat sie in diesem Augenblick gedacht: »Muß die Bande gerade jetzt vorbeikommen?«

Ich finde es so reizend, daß die Züge jetzt so langsam fahren. Man hat viel mehr vom Leben.

Da liegt auf der Wiese ein Pferd lang ausgestreckt, als sei es tot. Es ist aber gar nicht tot, es erlaubt sich nur, auch einmal im Liegen zu schlafen wie sonst alle andere Kreatur, und das ist ein Anblick, den man nur zu selten hat und der jedem Herzen wohl tun muß. Das schönste aber daran ist, daß dieses Pferd eine Stute ist und ihr Fohlen bei sich hat. Das Fohlen liegt ebenfalls ausgestreckt an der Mutter und trinkt und schläft zu gleicher Zeit.

Darauf bleibt der Zug auf offener Strecke völlig stehen, entweder weil er die letzten drei Meter schneller gefahren ist, als ihm die neue Vorschrift erlaubt, oder weil sonst etwas nicht in Ordnung ist. Wir lassen die Fenster herunter, stecken die Köpfe hinaus und werden dabei jetzt erst gewahr, daß während der ganzen Zeit über uns die Lerchen am Werk gewesen sind. Zu Hunderten hängen sie in der Luft, hingerissen in ihrem wilden, süßen, sonnenseligen Gesang, und über der ganzen Juniwiesenwelt ist ein goldenes Netz von Klingen und von Lebenslust gespannt.

Wir Fahrgäste aber wenden uns an den Schaffner mit den Worten: »Was ist denn das für eine infame Bummelei, daß der Zug hier so lange stehenbleibt!«

 

Durch Dänemark

Wer jetzt mit der Eisenbahn nach Sylt fährt, der muß durch ein Stück des neuen Dänemark hindurch und befindet sich ungefähr zwei Stunden lang unter der Herrschaft des Königs Friedrich V. Es kann übrigens auch Christian VII. sein, ich weiß es im Augenblick nicht so genau, aber das ist ja ganz dasselbe.

Also bei Süderlügum kommt der Schaffner mit einer großen Zange und knipst an jede Tür des Zuges ein Bleisiegel, wobei er einige Witze macht. Und von da ab sind wir in Skandinavien, was man aber der Landschaft, der Vegetation usw. nicht anmerken kann. Man merkt es nur an den dänischen Inschriften und Tafeln, die von den neuen Besitzern mit großem Eifer und offenbar mit großer Eile überall angebracht worden sind. Ortsnamen, die ein O enthalten wie Tondern, haben jetzt durch dieses o einen schiefen Strich bekommen, und ich nehme an, daß dieser schiefe Strich sehr schwer auszusprechen sein muß.

Aber ihr mögt nun machen, was ihr wollt, der schiefe Strich hindert folgendes nicht: Mitten in dem neuen Dänemark steht irgendwo zwischen vielen anderen Häusern ein Haus, und wie wir Deutschen an diesem Haus vorüberkommen, winken uns die Bewohner freudig mit Tüchern zu. Kinder, seid ihr denn ganz von Gott verlassen! Das kann euch nicht schlechte Scherereien kosten. Aber natürlich: wir im Zuge an die Fenster gestürzt und zurückgewinkt wie verrückt.

In Hoyerschleuse, das jetzt ebenfalls jenen Strich bekommen hat, werden wir durch eine dänische Mannschaft in die große Wartehalle geführt und dort in Ketten gelegt. Das heißt, es bekommt nicht etwa jeder einzelne Ketten an die Hände, sondern es werden vor die Tür Ketten gespannt, und an jede Tür tritt ein Posten. Dieser Posten hat für alle Fälle eine Flinte bei sich, und so bewaffnet hütet er uns Deutsche, die in der Halle warten müssen, bis der deutsche Fährdampfer kommt, und die sich die Zeit damit vertreiben, daß sie dänische Postkarten schreiben, das Stück zu vier Mark.

Übrigens benehmen sich die Dänen sehr ordentlich und geben auf alle Fragen höfliche Antworten. Es scheint mir, sie sind uns nicht mehr böse darüber, daß sie uns etwas weggenommen haben.

 

Westerland

In Westerland auf Sylt sind außer mir schon viele elegante Leute anwesend. Ja, wir sind der Kurdirektion offenbar etwas zu früh gekommen, denn es ist noch nicht alles bereit. Die große Sturmflut dieses Winters hat eine Strecke der Strandmauer eingerissen, die jetzt wieder hergestellt wird und in einigen Tagen fertig sein kann; und auch sonst im Orte sieht man hier und da festliche Hallen, an denen noch gearbeitet wird.

Immerhin können wir, die wir hier sind, schon jetzt ein richtiges Badeleben beginnen. Wir haben Reunions und Nachmittagstees, wir gehen abends in das Kabarett, wir sitzen in der Halle und beschäftigen uns stundenlang damit, daß wir uns gegenseitig besehen, was kolossal unterhaltend ist; und wenn die Sonne untergeht und das Meer legt seinen donnernden Abendpsalm in Feuer und Gold, so machen wir das »Hamburger Fremdenblatt« möglichst breit auf und lesen den Prozeß Holz. Kurz, das Leben von Leuten, die der städtischen Sorgen überdrüssig sind und sich zu der Mutter Natur zurückgeflüchtet haben.

Abends schluchzen die Dielen, denen man schöne altfriesische Namen wie Trocadero, Bristol oder Astoria beigelegt hat.

Aber ich bleibe dabei, das liegt alles nur an uns. Die Insel Sylt ist so groß, sie setzt dicht bei den letzten Häusern Westerlands mit solcher wilden Meereseinsamkeit ein, daß auch der abseitige Schwärmer finden kann, was er sucht. Und wer ein wenig geschickt ist, der kann billig leben. Die Nordseebäder sind nicht so kostspielig, wie ich es mir gedacht habe.

 

Austern im Sommer

In List, am äußersten Nordende der Insel Sylt, befinden sich die Austernbänke, und es befand sich da eine Marinestation.

Die Austernbänke sind geblieben, die Marinestation ist zu ihrem größten Teile verfallen.

Man sieht ein gewaltiges Eisengerippe, das wohl eine Zeppelinhalle werden sollte, und in weitläufigen Kasernen klappern die Fenster; der Betonterrassen beginnt das Heidekraut sich zu bemächtigen, die Baracken aber sind zu Kinderheimen umgewandelt, so daß diese Gebäude doch einmal einem vernünftigen Zweck gedient haben.

Aber eine Marinestation mag zerfallen sein, so viel sie will, der Eintritt bleibt deshalb doch verboten, und so steht denn alsbald vor mir eine beamtete Persönlichkeit und fragt mich: »Was wollen Sie hier?« – »Austern essen«, antwortete ich kurz und der Wahrheit gemäß. Die Persönlichkeit blickt mich prüfend an; sie kommt zu dem Ergebnis, daß ich allerdings aussehe wie ein Mann, dem Austernessen nichts Fremdes ist, und zeigt mir freundlich das verhutzelte alte Gasthaus, in dem man dieses Geschäft besorgen kann.

Die Austern werden, wie ich sie bestelle, aus dem Meeresbecken geholt und mir von einem friesischen Mädchen gebracht, das sich ohne lange Umstände zu mir setzt.

Daß die Auster des Sommers besser ist als die verfrorenen Dinger, die man uns im Winter in die Stadt schickt, dieses habe ich schon vor Jahren in St. Malo und Cancale in der Bretagne erfahren, wo ich deren im August große Mengen gegessen habe. Das Tier ist des Sommers in seinem Liebesgeschäft begriffen und hat deshalb die Würze und die Schwungkraft, die verliebten Leuten eigen zu sein pflegen. Ja, so erklärt mir das friesische Mädchen, es gäbe Leute, die äßen sogar die Austern mit Laich, was man aber nicht tun solle, weil es verboten sei. Man könne die laichende Auster an ihrer dunkleren Schale erkennen und müsse sie wieder in das Becken zurücktun.

In diesem Wirtshaus möchte ich einmal einen Sommer wohnen und einen Sommer hindurch Austern essen. Es kann nicht so teuer sein; das Dutzend zwanzig Mark.

Die Schalen der gegessenen Tiere werden auf die Felder und die Geest geworfen und bilden da schon ganze Haufen. In Millionen von Jahren, wenn von unseren Marinestationen und der Entente usw. kein Korn mehr übriggeblieben ist, werden die Geologen diese Austernhaufen finden, sie werden sie Kjökkenmödding benennen und aus ihnen den Schluß ziehen, daß hier menschliche Geschöpfe gelebt haben, die vernunftbegabt gewesen sein müssen, denn sonst hätten diese Geschöpfe ja keine Austern gegessen.

So wirke ich aufklärend und unterrichtend für die Zukunft, während ich neben dem friesischen Mädchen sitze in dem windumwehten Gasthaus und scheinbar nur meinen Begierden fröne.








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