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Sein Spielzeug

Ludwig Anzengruber: Sein Spielzeug - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
titleSein Spielzeug
authorLudwig Anzengruber
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeErster Band
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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I.

Es war ein stilles Gemach, es war immer ein solches gewesen. Tagsüber war es Arbeitsstube, nachts schlief der Inwohner daselbst und, als der noch bessere Zeiten hatte, da war es luftig und licht im Räume. Jetzt aber waren die Fenster matt geworden, der Regen hatte an die Scheiben geschlagen, der Staub hatte sich daran gelegt, die Luft war lange eingeschlossen gewesen und ein fader, widerlicher Geruch von Medikamenten durchzog sie. Auf dem Bette in der Ecke lag ein bleicher, abgezehrter Mann; bald durchschauerte ihn der Gedanke an das nahe Ende, bald half er sich über alle Schauer des Todes und alles körperliche Unbehagen mit keckem Humor hinüber.

Eine kleine, sorgfältig gekleidete Frau sitzt zuweilen an dem Krankenlager; das zierliche Figürchen trägt auf weißem, rundem Nacken einen Kopf, wie aus Wachs bossiert, die Wangen voll und stark gefärbt, das Näschen gerade und die Nüstern schön geschwungen, der Mund eine Kirsche und die Augen groß, mit weiten fast unbeweglichen Sternen. Hübsch, nicht schön. Hübsch und das ist auch alles.

»Artur,« sagt sie, und ihre weiche Hand, an jedem Finger mit einem Grübchen, legt sich auf die knöcherne Faust des Mannes. »Artur, du mußt doch sagen, daß ich dich recht pflege.«

»Gewiß, mein Kind, so gut du es eben verstehst.«

»O, was du garstig bist, so gut ich es eben verstehe, das kann ebensogut heißen, daß ich es nicht verstehe. Du bist recht undankbar.« Die großen Augen wurden feucht und an den mit goldblonden Haaren reich befranzten Lidern zitterte ein schwerer Tropfen.

»Hermine Goldhuhn,« sagte der Kranke, »weine nicht, du weißt, das macht mich immer lachen.«

»O, ich weiß, das sieht dir gleich, Unartiger du!« Ihre Lippen kräuselten sich und ließen die kleinen, blanken Zähne sehen. »Warte nur, dafür beiße ich dich in den kleinen Finger. Soll ich?«

»Wenn dir's Vergnügen macht, an einem Knochen zu knabbern.«

Sie hielt den Finger zwischen den ihren und betrachtete ihn nachdenklich. »Du magerst aber auch schrecklich ab, Artur, von Tag zu Tag.«

»Ja, ich bin gerade nicht stolz auf diese Leistung, aber weil ich eben dabei bin, so lieber ordentlich, als gar nicht.«

»Ach, du kannst leicht scherzen, wenn du wüßtest, wie ich mich manchmal ängstige.«

»Warum, mein Huhn, um was?«

»Am Ende stirbst du mir gar!«

»Liebes Kind, am Ende effektuieren wir das alle. Du wirst dich dann ein halbes Jahr ganz schwarz kleiden müssen, dann das andere Halbjahr in grau, schwarz geputzt. Meinst du nicht, daß dir das ganz gut lassen wird?«

»O ja.«

»Nun, also. Hahaha!«

»Wie abscheulich, daß du dazu lachen magst. Wenn mir die Trauer noch so gut läßt, siehst du es denn?«

»Du hast recht, ich glaube kaum, daß sich dazu eine Gelegenheit findet.«

»O, ich weiß wohl, daß ich recht habe, und du gingest von mir, dir ist gar nicht darum, um mich zu sein, Artur« – wieder feuchteten sich ihre Augen – »hast du mich denn nicht gern?«

»Ich schwur es dir. Ich schwur es dir so oft und bei allem Erdenklichen, bei dem zu schwören hergebracht ist, daß du endlich doch darauf bauen könntest. Wozu wären sonst Schwüre überhaupt gut?«

»O du Schelm!« und mit etwas rücksichtsloser Liebkosung legte sie die Hand über seine Stirne und drückte ihm den Kopf tiefer in das Kissen.

»Eh, Frau Gemahlin, Sie sind etwas grob.«

»Hab' ich dir weh getan?«

»Nicht der Rede wert, mein Herz. Ich bin nur gegenwärtig etwas zu schwach für derbe Zartheiten.«

»Sei nicht böse. Ich wollte dich nur strafen, weil du mir von deinen Schwüren geredet. Was die auch hübsch waren! Einmal hast du bei dem Angedenken an deine Großeltern geschworen und hinterher versichert, du hättest die so wenig gekannt wie die Leute im Monde. Ein anderes Mal beim Sonnenlichte, als rabenschwarze Nacht war, oder bei den ewigen Sternen über uns, nachdem du mir kurz vorher auseinandergesetzt, daß auch die Milchstraße unfehlbar einmal gerinnen müsse zu Allquark. Geh mir! – Aber ernstlich gesprochen, Artur, ich mochte wissen, ob und wie du mich geliebt und – wenn du das nicht getan hast – warum du gerade mich genommen und keine andere? Ein Mann muß doch Gründe haben, die seine Entschlüsse bestimmen und gar einen solchen, von dem sein eigenes Lebensglück und dazu noch das einer anderen Person abhängt! Du sollst es mir sagen, wie du gerade auf mich verfallen bist, hörst du? Und offen und ehrlich. Ich würde ganz untröstlich sein, wenn du mir das nicht mehr zu sagen vermöchtest, darum sollst du nicht leichtsinnig scherzen oder dich aufs Lügen verlegen, denn du bist krank, armer Artur, du bist sehr krank!«

»So feierlich? Ja, dann muß ich freilich. Habe nur vorher die Güte, mir die Polster ein wenig zurecht zu rücken. Ach! Wie hübsch unbeholfen du das machst! Man kann dir nicht zürnen. Danke – du hast, ganz recht, Kind, ich bin eben daran, wie jener Märchenheld ›Hans im Glück‹, die Früchte meines letzten Tauschgeschäftes in den Brunnen fallen zu lassen und mit nichts für alles zur Mutter Erde zurückzukehren. Zur Mutter, das klingt ganz ausnehmend tröstlich, ich habe aber keine erbauliche Vorstellung davon, die Alte läßt sich ihre Kinder im Futteral zurückstellen und schiebt sie in die schmutzige Tasche. Brr! –

Ach ja, ich weiß, das gehört nicht zur Sache. Laß nur die Bettdecke, sie kann nicht glatter liegen, als sie liegt. Wir kommen auf alles zu sprechen. Nur Geduld, mein Kind. Als ich selbst noch ein solches war, da gab es kein ruhigeres Geschöpf unter der Sonne; ich war imstande, in einem Winkel der Stube stundenlang allein zu spielen. Sobald man dieses schätzenswerte Talent erkannte, wurde es sofort aufgemuntert und unterstützt. Eltern, Verwandte und Bekannte ließen es mir nie an Spielzeug fehlen.

Anfangs war allerdings mein näherer Umgang den Spielwarm nicht zuträglich, aber später, als ich heraus hatte, was in den Quietschpuppen quietschte, in den Drehkästchen klang und die Figürchen auf denselben bewegte, was die Mühlen trieb und die Hasen trommeln machte, kurz, als ich mit dem Mechanismus meiner Spielzeugwelt hinlänglich vertraut war, da respektierte ich auch jede ihrer Erscheinungen und es konnte jedes Stück bei mir so alt werden, als dies eben bei fürsorglicher Abnützung anging.

Da ich so viel Schonung gegen lebloses Spielzeug an den Tag legte, gestattete man mir auch lebendes. Ich hatte ein Kaninchen und eine Taube. So oft noch eine unserer Köchinnen hereingestürzt kam, um bei dir Klage über den ewig qualmenden Herd zu führen – und es kam noch jede gestürzt – erinnert mich das unglückliche Geschöpf mit den triefenden, roten Augen an das Kaninchen, und wenn du dann ratlos den Kopf hin und her wendest und einen Schritt nach rechts und einen nach links trippelst, denke ich an meine Taube.

Von meinem Spielzeugwinkel zur Schulbank hatte ich nur einen Schritt. Bei dem Frage- und Anwortspiel des Katechismus war ich mit Vergnügen darauf aus, auf jede Frage die richtige Antwort zur Hand zu haben. Der Lehrer der Naturgeschichte stellte mir sämtliche Tiere zur Verfügung, um sie zu benennen, daß es eine Art hatte, – nur sollte ich auch auf die Gattung nicht vergessen. Er legte mir die Pflanzenwelt in die Hände, um sie zu klassifizieren, nach einem neueren System, früher geschah das nach einem andern; im grunde ist jedes dazu gut und mir hatte es das gleiche Vergnügen gewährt. Er lieferte mir auch das Mineralreich aus und ich wußte bald von Salzen, Erden und Erzen zu schwatzen wie ein – anderer Schuljunge. Zu hohem Danke aber fühlte ich mich dem Professor der Naturlehre verpflichtet, der das Nützliche mit dem Angenehmen zu vereinen wußte, indem er seinen Vortrag durch physikalische und chemische Versuche illustrierte, wodurch er es auch mir ermöglichte, in häuslichem Kreise, an der Hand des untrüglichen Experimentes, für wissenschaftliche Wahrheit einzustehen! Ich befaßte mich mit der Herstellung von Elektrophoren, schmolz zu diesem Behufe Harz in einer alten Sardinenbüchse zu Kuchen und ruinierte dabei die Herdplatte so gründlich, daß sich die Magd noch nach acht Tagen darüber beklagte; oder ich erzeugte Wasserstoffgas, was ungleich einfacher und amüsanter ist, dazu braucht's nur eine mäßige Flasche Wasser, eine Handvoll Eisenfeilspäne und eine geringe Quantität Vitriolöl; unrichtig angewendet erzeugt das letztere allerdings auf Röcken und Beinkleidern tiefrote Flecken, diese verschwinden aber schon nach einigen Tagen samt der Stelle, worauf sie saßen. Es gab aber niemand, den diese Naturerscheinung mit größerer Genugtuung erfüllte, als den Schneider, der für das Haus meiner Eltern arbeitete. Nachdem ich also in der Schule alles zur Zufriedenheit meiner Eltern wohl und manches zu ihrem lebhaften Mißvergnügen nur zu gut begriffen hatte, traten sie mit der Frage an mich heran: welche Rolle in der Welt ich spielen wolle?

Nun, dachte ich, ist's vorbei mit deiner Spielzeugwelt, du sollst den Ernst des Lebens kennen lernen, aber früher möchtest du doch wissen, was dieses selber ist. Ich bat studieren zu dürfen und kam von der niederen auf die hohe Schule; es war dieselbe Wendeltreppe, nur führte sie ein Stück weiter hinan und mündete auf der hübschen Plattform aus, die wir allgemeine Bildung nennen. Ich hatte einen guten Kopf und mich machte das Hinansteigen nicht schwindeln. Die Maturitätsprüfung bestand ich glänzend, ich wußte den Professoren all das wieder zu sagen, was sie mir selbst zeitüber gesagt hatten, wußte alles, was man zu wissen glaubte und zu glauben wußte. Aber ich empfand darüber durchaus nicht jene freudige Genugtuung wie andere, ich fühlte mich »so klug als wie zuvor!« Ich sah im Leben dieselbe Willkür, die ein Spielzeug hätschelt oder zerbricht, ich sah die Menschen das Leben unter allen Voraussetzungen des Spieles leben. Es war alles zuvor hübsch abgemacht, wer Hauptmann sein sollte, was die Steine im Verkehr zu gelten hatten und wie man sich den Puppen gegenüber zu verhalten habe; nur war alles Spielwerk selbständig geworden und spielte mit, das nannte man Wirklichkeit, es war aber weiter nichts als eine Degradation der Phantasie, die einst unumschränkt alle Dinge beherrschte und nun in deren Knechtschaft geraten war. Mit dieser Erkenntnis verlor ich meine Kindlichkeit. Einst trieb ich mein Spiel mit den fragwürdigsten Gegenständen in gebührendem Ernste, aber das fragwürdige Spiel mit den sogenannten ernsten Dingen stimmte mich heiter.

Unterdessen trat aber doch die Frage knapper an mich heran: willst du den andern für Rechensteine, für Heiligenbilder, für Pillen und Pulver ihre Butterbrote abtauschen? Willst du ihnen neue Märchen erzählen statt der alten? Die Welt soll nicht in sechs Tagen entstanden sein, sondern rechtschaffen Zeit dazu gebraucht haben. Eine Seehundsfamilie soll ganze Zeitalter hindurch von einer bequemen Promenade am Strande geträumt haben, so daß ihr die Sehnsucht Beine machte und das immer längere von Generation zu Generation, bis der Urenkel des Urgroßvaters als der erste Mensch an das Ufer stieg. Es verschlägt nichts, denn im Grunde wissen wir mit den Myriaden Schöpfungsjahren und dem Urahnen aus der See gerade so viel anzufangen als mit den sechs biblischen Werkeltagen und dem Adam. – Ich entschloß mich in ein Rechnungsdepartement zu treten.

Da ich nun wie die andern mein Butterbrot hatte und sah, daß die meisten sich ein Püppchen zugesellten, das sie, seinem rosenroten Mäulchen und elfenbeinernen Zähnen zuliebe, davon naschen ließen, so verleitete mich der Nachahmungstrieb, es ihnen gleichzutun, das heißt, nur der Sache, nicht der Form nach. Sie nahmen das Leben und alles darum und daran für ernst und schwer, glaubten, zu zweien trüge es sich leichter, hofften auf eine Ergänzung ihres eigenen Wesens durch ein zweites, wünschten zu verstehen und verstanden zu werden. Ach, was glaubten, hofften und wünschten sie nicht alles! Sie nannten das Suchen: Sehnen, das Finden: Liebe, den Besitz: Seligkeit! Ich aber, der ich mir vom Leben nichts vormachen ließ, ich verlangte nach Zerstreuung, ich durfte also niemanden suchen, der an das Leben besondere Anforderungen stellte, der sich vom Leben eine besondere, ja überhaupt eine Vorstellung machte und mir mehr sein wollte als ein Spielzeug. Mich begünstigte das Glück, ich fand dich!«

»O, du Abscheulicher,« sagte die kleine Dame.

»Und das glaube mir,« fuhr der Kranke fort, »so war es gut für uns beide. Du entsprachst vollkommen meinen Wünschen und du vermöchtest auch bei dem besten Willen keinem mehr zu sein als mir. Wenn dir einer von den andern sagt, du könntest es, dem traue nicht; ich kenne das Gelichter, entweder er betrügt sich, dann läßt er es aber nachträglich dir entgelten, oder er will dich betrügen! Du hast dich ja nicht zu beklagen gehabt, mein Herz, denn, wie erwähnt, ich ging immer sehr sorgfältig mit meinem Spielzeug um, mit dem leblosen, wie mit dem lebenden, mit Kaninchen und Tauben, am sorgfältigsten mit dir, denn du machtest mir auch das meiste Vergnügen, Mine!« Er versuchte mit seiner abgezehrten Hand ihre Rechte zu fassen und zu drücken.

Das kleine Frauchen aber erhob sich rasch und trat einen Schritt von seinem Lager zurück. »Das klingt ja immer garstiger. Dein Spielzeug! Weiter nichts?«

Sie verließ schmollend das Zimmer.

Zwei Tage später stürzte sie zu tiefst erschreckt aus der Tür desselben, der Mann da drinnen lag im Sterben und das war doch gar zu entsetzlich, um es mit anzusehen.

Die Trauer aber kleidete sie sehr gut.

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