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Seespeck

Ernst Barlach: Seespeck - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorErnst Barlach
titleSeespeck
publisherRowohlt Taschenbuch Verlag GmbH
year1991
isbn3499129450
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090316
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Erstes Kapitel

Als Seespeck nicht lange danach in der Gegend von Wilsede in einer Postkutsche durch die Lüneburger Heide auf Buxtehude zu fuhr, weil er am Tage darauf in Hamburg sein mußte, saß er mehrere Stunden in eines Mannes Gesellschaft, die seinen gewöhnlichen Zustand so sehr verkehrte, daß es ihm zu Mute war, als stände er ohne Halt auf einer hohen Leiter oder als faßte ihn für die ganze Zeit ein Schwindel, weil er in einen Spiegel hineinschaute, in dem sich alles bewegte, was draußen sonst ruhig lag und stand. So oft er meinte, sich so zu rücken, daß er den andern fest ins Auge fassen konnte, schien ihm der Boden unter den Füßen zu schwanken, und alles wollte sich vor seinen Blicken wie einem überkopf Stürzenden um- und umkehren. Er hatte den Tag vorher auf dem Wilseder Berge lange gezecht, und daher saß ihm in der Magengegend noch ein gelegentliches Gefühl, als gerönne etwas, als versteinte oder erstarrte etwas, worauf sich gleichzeitig ein leichter Schwindel hinter der Stirn merkbar machte. Aber damit hatte der Anblick dieses Mannes in der Ecke der Postkutsche wohl nichts zu tun, auf dessen Gesicht vom Licht der Bocklaterne ein Rückwärtsstrahl fiel. Seespeck selbst saß in der schräg gegenüberliegenden Ecke am offenen Türfenster und ließ vor diesem noch am Seitenfenster sein Profil gegen den Himmel abschatten.

Der Mensch hatte ein so ordinäres Gesicht, wie man nur haben kann, aber die Augen in diesem Gesicht waren so, wie sie durch die Augenlöcher einer Maske schauen. Etwas paßte hier nicht zusammen, und wenn Seespeck auch an seinen gerüttelten Magen genug zu denken hatte, so horchte er auf die Stimme aus der anderen Ecke doch mit einer sonderbaren Spannung, als er so beiläufig die Bemerkung angebracht hatte, daß die vielen Wacholderbäume auf der Heide in dunklen Gruppen zusammenständen wie Menschen, die über Klatsch die Köpfe zueinanderbögen. Aber der Mann, den die Laterne blendete, wandte kaum die Augen gegen das Fenster und sagte so gelangweilt wie möglich: »Ich sehe nichts.« So ließ auch Seespeck seine Worte und Gedanken in ihren Kammern ruhen und stieg in Moosburg, wo er übernachten wollte, aus, während der andere weiterreiste. Er war aber nicht beruhigt und grübelte, während er zu seinem Abendbrot, nur um nicht unliebsam aufzufallen, ein Glas Bier trank, unausgesetzt über die Wirkung nach, die der Mensch in der Postkutsche auf ihn gemacht hatte. Am nächsten Mittag traf er ihn auf dem Dampfer in Buxtehude, der die Elbe hinunter nach Hamburg fuhr. Der Mensch rauchte und grüßte Seespeck, was ihn nicht wenig erstaunen ließ, weil er gewiß meinte, daß der andere sein Gesicht nicht gesehen haben konnte. Er sagte es auch, und der Mann antwortete, wenn man sich auf Gesichter verlassen wollte, wäre man von seinen guten Geistern verlassen, worauf Seespeck höflich fragte, woran er ihn dann wohl erkannt haben möchte, ohne Antwort zu bekommen. Übrigens hatte der Fremde heute so etwas wie einen Schleier vor den Augen, so daß Seespeck von etwas, das mit der übrigen Visage nicht stimmen wollte, nichts mehr wahrnahm. Sie sprachen noch über allerlei und gingen, als es zu regnen begann, zusammen in die Kajüte, um einen Kaffee zu trinken. Da saß ein fetter Mann, den Seespeck sogleich als einen Gast im Wirtshaus zu Moosburg erkannte, der Nachbar Bäcker, der den Abend über dem Wirt vorgeprahlt hatte. Jetzt war er betrunken, tauchte Pfefferkuchen, die er aus der Tasche zog, in sein Bier und verschlang sie so aufgeweicht, fischte auch wohl abgebröckelte Stückchen, die nun halbflüssig waren, mit plumpen Fingern aus dem Glas und ließ sie hinter den faulen Zähnen verschwinden, nicht ohne daß sie ihm die Weste bekleckerten, worauf er sie, nachdem er sich an der Nase gewischt, mit den Fingern breitquetschte, anstatt sie säuberlich zu entfernen. Dieser Kerl fing an, Seespeck und den andern auszufragen, und hatte die beste Absicht, mit ihnen zu fraternisieren. Seespeck schluckte Kaffee und ließ die Unannehmlichkeit an sich abgleiten, der andere aber erhob sich augenblicks und ging zur Treppe, offenbar um lieber im Regen zu stehen als die Zudringlichkeit des Bäckers nur noch eine Minute zu dulden. Der Bäcker aber vertrat ihm den Weg und bot ihm mit einer scheinbaren Entschuldigung zynisch die Hand, die der andere sich weigerte zu fassen. In diesem Augenblick schien es Seespeck, als sähe er abermals das Widersprechende in seinen Mienen, dasselbe Auge, das durch die Gucklöcher einer Maske lugte. »Na, wir können uns ja auch wieder hinsetzen«, sagte er aber ziemlich ruhig und setzte sich wieder auf den alten Platz, kehrte aber dem Bäcker den Rücken zu und ließ ihn mit seiner ausgestreckten Dreckhand stehen. Dieser war jetzt so schwach und zittrig, wie Jähzornige in besinnungsloser Wut sind. Sein Herz schlug offenbar, als wollte es sich losreißen, und sein schwammiges, blasses Gesicht war wie vertrocknet, seine Haut zeigte eine Menge kleiner Vertiefungen, er schlug endlich mit der Faust auf den Tisch und brüllte dumpf und wie erstickt. Man verstand nicht was, er schien einen erwürgenden Klumpen Wut in Todesangst auszubrechen. »Sie wollten ja wissen, woran ich Sie heute erkannt habe, da ich Ihr Gesicht nicht sehen konnte«, sagte jener nun zu Seespeck. »Ich bin Ihnen die Antwort schuldig geblieben. Sie tragen eine Krawatte, die ewig verrutscht, und daran fingern Sie fortwährend und wissen es vielleicht selbst nicht; als Sie in Buxtehude an die Brücke kamen, sah ich gleich, daß Sie es sein müßten, daran, das ist das ganze Geheimnis.«

»Das stimmt mit der Krawatte«, sagte Seespeck nervös, »und wenn ich mir heute morgen eine bessere gekauft hätte, hätte ich nicht das Vergnügen gehabt, von Ihnen gegrüßt zu werden?« »Gewiß nicht«, war die Antwort. Unterdessen hatte sich der Koloß von Wuthammel herangeschoben und gellte mit pfeifender Stimme drohende Fragen dazwischen. Der Dampfer war aber gerade in die Elbe hinausgelaufen und fing an, leise zu schaukeln, denn er war eins der kleinsten Boote in der Gegend. Darum setzte sich der Bäcker schwerfällig auf einen Sessel und mußte sich, weil er seinerseits schon nicht im Gleichgewicht war, mit den Händen am Tisch halten. Der Mann hinter dem Schankverschlag war herangekommen und machte einen vorsichtigen Gebrauch von begütigenden Redensarten, zeigte aber eine energische Bereitwilligkeit, die Prügel, die es geben würde, mit seinem Rücken aufzufangen. Der, dem die Wut galt, drehte sich einen Augenblick nach dem Schreier um und sagte deutlich: »Pfui Teufel!«

Als nun der Dicke mit einem Ruck aufsprang, der Hemdärmelige ihn aber bei den Händen faßte, stieß er mit dem Fuß an den Sessel, der umgefallen war, kam ins Stolpern und schlug nieder, recht mit dem Kopf auf den Boden, wo er einige Augenblicke ruhig blieb, sich dann mit Hilfe des Schenks aufrappelte und ganz zufrieden, wie es schien, seinen früheren Platz wieder einnahm. »Wenn ich nicht besoffen wäre«, sagte er mit deutlicher Selbstverspottung, »sollten Sie mal sehen, was es heißt, Bäcker Buurs Hand auszuschlagen«, und etwas später setzte er hinzu: »Wenn ich nicht besoffen bin, fang ich überhaupt keinen Streit an.«

Sie schwiegen alle einen Augenblick; der Schenk hatte dem Bäcker auf seinen Wink ein neues Glas Bier gebracht. Es wurde fast dunkel, und man hörte den Regen auf das Verdeck platschen, obgleich die Räder des Dampfers draußen im Wasser heftig wühlten.

Seespeck war es wieder, als drehten sich um ihn alle Dinge, und er wußte nicht, wo oben und unten war. Er belauerte ein wenig seinen neuen Bekannten und dachte nach, was er wohl sagen könnte, der aber schien so verdrossen, daß er sich nicht gleich traute, ihn anzureden. Da winkte der Bäcker dem Wärter, legte einen braunen Kuchen auf den Teller und sagte: »Bringen Sie dem Herrn den Kuchen, es ist gute Ware.« Und wirklich, der Herr nahm den Kuchen an und knabberte ein Stück ums andre davon herunter. Zu sprechen hatte er aber offenbar keine Lust, und der Geber des Kuchens war nur ein dickes, immer keuchendes Stück Luft für ihn.

Es war aber ein Stück Luft, dessen Stimmung bei zunehmender Dunkelheit immer besser wurde, es wurde ein tönendes Stück Luft, das Stück Luft, das wie seine natürliche Funktion erst singvogel-ähnlich sein einziges Motiv mehrere Male herausließ, dann sich im Singgefühl zusammenballend sein Genügen wie tönendes Selbstgespräch, Selbsttrost, Selbsterbauung, Selbsterleuchtung aus sich heraus scheinen und schimmern ließ. Was für eine Art Singen es war, ließe sich schwer beschreiben; man konnte denken und sagen, es war das gesungene Porträt des Bäckers, wie er etwa, befreit von der Schwere seines fleischigen Überflusses, aber doch als Riese und Ungetüm leicht tänzelnd, mühelos hüpfend in grotesker Gewandtheit seiner Unförmlichkeit spottend durch Wald und Heide striche, seiner selbst entledigt und doch sein Selbst entfaltend, durchaus unähnlich dem Begriffe, den man nach den früheren Vorgängen von ihm haben konnte, und doch mußte man denken, daß sich so, wie er sich nun zeigte, erst die rechte Anschauung seines Wesens ergab. Der Kuchenesser ließ sich nicht stören, man sah nicht, ob dieses Singen ihn verdroß oder ob er es überhaupt wahrnahm. Schließlich drehte er sich doch um, stützte die Ellenbogen auf die Knie, duckte sich beobachtend zusammen und ließ den Rauch seiner Zigarre an dem zusammengekniffenen einen Auge vorbei, vor den hochgezogenen Brauen vorweg, die heftig gerunzelte Stirn verschleiernd, mit schiefer Kopfhaltung aufsteigen. Er faßte das singende Ungetüm von Bäcker ins Auge, er sog sich fest an ihn, er schnitt in ihn hinein mit der gelassenen Sachlichkeit eines Operateurs. Seespeck wurde angst und bange. Aber da sah er schon, wie des Bäckers Gesicht, wie aus einer Dunstwolke auftauchend, sich dem andern zuwandte und wie ein Grinsen, dessen Deutung nicht versucht werden kann, dieses Gesicht überzog und wie die dicke Zunge zwischen seinen Lippen aus verborgener Höhle hervor auf den Betrachter zielte. Der Bäcker schnitt seine Grimasse, und der andre parierte diese Hiebe, die in ihrer Scheußlichkeit, wie Entleerungen von Unrat, schlimmer als Fausthiebe oder Schimpfworte waren, mit der geräuschlosen Tätigkeit seiner Augen, aber nicht ohne von dem Ekel des Kampfes ermüdet und verwundet zu werden. Man sah, wie seine Schultern im Krampf des Ringens nach Atem sich hoben und senkten. Es war für Seespeck offenbar überflüssig, ein Wort zu sagen, denn hier war kein Blutvergießen oder sonst ein rasch vergessenes Malheur zu erwarten, und wenn man als Bürger und Mensch von üblicher Betrachtungsweise in dem Gebaren des Bäckers das eines Tollen hätte ansehen können, was Seespeck aber ganz fern lag, da es im geringsten nicht das Wesen der Sache traf, so mußte man vom tiefen Ernst ergriffen werden, mit dem sein neuer Bekannter bei diesem Duell mit geheimnisvollen Waffen seine Sache betrieb. Die Erwartung, was hieraus entstehen sollte, war dieselbe, mit der man dem Ablauf eines Unglücks zusieht, das in seinen einzelnen Zuständen noch nicht ans Ende geraten ist. Der Bäcker war wohl der Stärkere an Ungestüm und Gewandtheit, seine berserkerhafte Lust schöpfte immer neue Erfindungen in der Ausschüttung von inneren Zuständen auf den Gegner, er schämte sich so wenig der Anwendung selbstschänderischer, entblößender Entstellungen, daß er den Gegner schon durch die Scham vor dieser Selbsterniedrigung zu entwaffnen drohte. Aber was war das auch für ein Wesen, das diese Verzerrungen, diese Entladungen, diese Selbstbehauptungen vom unheimlichen Grunde wie stinkende Blasen aus dem Sumpf in Gebärden und Grimassen heraufquellen machte! Ein Mensch? Wenn ein Mensch so seine Fesseln sprengen kann, wenn er so Rasendes, Vulkanisches in sich hat, dann war es ein Mensch. Man konnte sich einbilden, den Widerhall vom Gebell von hunderttausend Dämonen zu hören, die sich gegen Gott empören. Er ließ seine geballte Faust auf der Nase tanzen, als wollte er die unerträgliche Mißgestalt eines so abscheulich mit klumpigen Geschwüren Gezeichneten an sich reißen, er ließ bei geschlossenen Augen die linke Mundseite zur Ausflußöffnung eines widerlichen Tones werden, der zwischen der inneren Seite der fetten Backe und den schwarzen Zahntrümmern hindurchsickerte. Pfui Teufel, war das ein Menschenmund, der sich dazu hergab, ein ekelhaft ausgebildetes Ausgußloch zwischen ein paar Hinterbacken zu werden? Und wie Kot und allerlei seelischen Unrat leerte ›jener‹ gelassen aus, wobei es ihm recht darauf ankam, den Vorgang unmißverständlich sein zu lassen; er verschob die untere Hälfte des Gesichts so weit, daß die Augen aus dem ordentlichen Zusammenhang gequetscht schienen, er bog den Kopf in den Nacken und mißhandelte die Lippen zu einem lächelnden Ausdruck eines schweinischen Behagens; aber dies wenige und tausenderlei anderes gleichzeitig mit blitzschnell vorübergleitenden Variationen von Offenbarungen der Verblödung und der Selbstzerstückelung, der Verunehrung und Ableugnung alles Heiligen und überhaupt des menschlich Würdigen, Graden und Ganzen. Und das Schlimme schien, daß dies alles in getroster Verfassung stattfand, daß auf diese mit Verzweiflung geruhig noch einmal gespuckt, daß die Entwürdigung mit Prahlerei gesalzen wurde.

Er nahm einmal die sanftmütigste Miene von der Welt an, belud jeden Zug seines Gesichts mit Gnädigkeit, Genehmlichkeit, und die Spielgenossen seines Gesichts trieben Sanftgeherei und Zutulichkeit, mit Erbarmen an jedes einzelnen Leidlaune, aber dabei und dazwischen trieb sich wie der Schatten eines versteckten Reißtieres ein Lauern um, das man nur spürte durch die Nase eines reinen Gefühls und das die fromme Miene zur hämischen verdarb. Ein anderes Mal biß er die Zähne zusammen, ließ ein Augenglotzen und ein gleichzeitiges Erblinden wie in jäher Angst vor etwas Schrecklichem ausbrechen ... die Miene eines selbstmörderisch Erstickenden, dessen Angst vor dem Gräßlichen nur überboten und gelähmt wird durch den Ekel vor sich selbst.

Der andre, der Mensch, der bisher seine Maske getragen hatte, zeigte aber nun auch sein Gesicht. Es war gleichbedeutend mit den Kinderblicken in einen unermeßlichen Abgrund oder besser in eine Unermeßlichkeit überhaupt.

Die ganze Veränderung seiner Mienen bestand vielleicht darin, daß aus der anfänglichen Wehr und Abwehr dann ein Aufnehmen und Empfangen geworden war, alle Türen der Empfänglichkeit waren weit aufgetan. Die klare Stirn und der reine Blick waren Brücken und Wege, auf denen alles, was wollte, ungehindert zudringen konnte, und nur ein gelegentliches Augenblinken zeigte an, daß da Schlucken und Saugen in einem Maße stattfand, daß die Kanäle sich zu verstopfen drohten und die Zugänge sprengen mußten, der Mund stand halb offen, und die Kinnbacken zitterten in leisem Krampf wie von unterdrücktem Wehgeschrei, wie im Moment, wo ein Mißhandelter seine Geduld, seine Demut weichen spürt; ein paarmal schlugen die Zähne aufeinander. Was aber Seespeck bald heraus hatte, war, daß der Sporn all dieser Anstalten zu guter Letzt so etwas war wie eine frevelhafte, bis zur Selbstausschaltung gehende Neugierde, eine ungehörige Begierde, die wie ein wollustartiger Krampf sich an Fremdes und Anderes wie an Besseres hingibt und verliert. Und über allem leuchtete der Schein eines Leidens, wie es einen Menschen zerfleischen kann, der im Jähzorn sein Kind mißhandelt und dabei sein eigenes Gefühl vergewaltigt. In seiner Hand hielt er krampfhaft wie einen Fetisch den Stummel der Zigarre.

Wer während dieser wenigen Minuten die Augen geschlossen gehabt hätte, um ein wenig einzunicken, hätte von all diesem nichts gemerkt. Der Regen platschte oben auf das Deck, und die Schaufelräder schnauften bei ihrer Arbeit. Es war so dunkel geworden, daß die Fettleibigkeit des stumm rasenden Bäckers zur Gespensthaftigkeit wurde und Seespeck, der es nicht länger aushielt, dem Schenk zurief, er solle Licht machen. Eine Lampe, die an der Decke hing, wurde angezündet und gab sich mehr mit Flackern und Stinken als mit Leuchten ab. Immerhin, es fiel Schein auf die Köpfe und Rücken; die Stirnen, Nasenrücken, Backenknochen der Leute gaben stumme Antwort auf die stummen Fragen der Lampe; was mit ihnen geschah, das taten sie an andern, und die blanke Tischplatte legte ihren Schatten wie ihre tote Ehehälfte auf den Boden der Kajüte. Seespeck war aufgestanden und sagte, weil ihm nichts Besseres einfiel, zu seinem Bekannten: »Kommen Sie nur, oben regnets nicht mehr, und hier unten kann man keine Luft kriegen.« Es war nur eine Spur von Aufheben in der Gestalt des Angesprochenen fühlbar, er konnte nicht, denn der Bäcker hatte mit dem Finger abgewinkt. Er durfte nicht, nein, er wollte nicht. »Gehen Sie nur«, sagte er langsam. »Gehen Sie doch ...!« wiederholte er schneller. Aber Seespeck, der so etwas wie ein Kitzeln in sich fühlte, schlenderte zwischen beiden durch und lehnte sich an den Schankverschlag, wo er ein langes und breites von Allerweltsredensarten mit dem Mann dahinter zu wechseln begann. Der Bäcker, der in der Dämmerung lebendig geworden war, starb unter der Lampe ab. Er wiegte sich ein wenig, faltete die Hände über den Bauch, wobei er die Weste, indem er mit den Schultern zuckte, über die Hose hinaus, mitzog, daß das schmutzige Hemd sich zeigte, sein Grimassentrieb erstarrte, und er sank in dem Stuhl noch mehr zusammen, aber so ins Gleichgewicht aller seiner Fleisch- und Fettmasse hinein, daß er ruhig schlafen durfte, wenngleich seine Schweinsaugen ins Licht zu träumen fortfuhren. Der andere blieb sitzen und senkte den Blick, doch so, daß er den Bäcker im gröbsten Sehbereich seiner Augen behielt. ›Was‹, dachte Seespeck, ›ist dieser Klumpen von einem Bäcker ein Verdammter, der hier einmal seine Qual und seine Schuld herausgemimt hat? Hat diese Masse leiblicher Unsauberkeit das klare Bewußtsein seiner unsauberen Geistigkeit? Aber was für ein Fürst von einem Übeltuer!‹ Indem stieß das Boot in Neumühle an die Landungsbrücke und nahm eine Menge Menschen auf, die sich in die Kajüte warfen und Tische und Bänke bis auf den letzten Platz besetzten. Der Ruck hatte den Bäcker ermuntert, und die menschliche Sturmflut hatte ihn in Stimmung gebracht. Er begann, wie vorhin braune Kuchen in Bier zu tauchen und mit Kuchenschlamm zu wirtschaften; gewissermaßen hämisch, als ob er innerlich frohlockte: ›Wenn ihr wüßtet, was für ein Ekel ich bin!‹ Zugleich ging eine Unterhaltung von ihm aus, gutmütig-vernünftig mit allerlei roher Schalkheit vermischt. Doch wußte er wohl, an sich zu halten, und trat niemand mit seinen Dreistigkeiten zu nahe. Es war, als streue er Taubenfutter, die Flinte hinterm Rücken, um nachher desto lustiger zwischen sie zu pfeffern. Dabei zog er auf geschickte Art die Frauen ins Gespräch und gab sich so spaßige kleine Blößen, daß alle Welt ihn für einen allerliebst närrischen Kauz hielt. »Hannis«, rief er dann plötzlich und suchte im Hin- und herrücken seines Halses nach dem Menschen von vorhin, der in der Menge saß, »Hannis, mein Engel, denkst Du auch, ich bin ein Trampeltier, wie alle Damen tun?« Der so genannte Hannis wurde rot bis an die Stirn und duckte sich tiefer, als wollte er sich versenken, aber der Bäcker faßte nach ihm mit unsichtbaren Händen und rief: »Ich seh Dich ja doch, was denkst Du bloß? Sehn Sie ihn an, meine Herren, das ist Hannis, mein Engel!« Alle sahen auf ihn. »Ob Du auch meinst, daß ich ein Trampeltier bin?« beharrte der Bäcker, dem unterdes die Kuchen ausgegangen waren. Seespeck zitterte. »Machen Sie bitte ein wenig Platz, Herrschaften«, rief der Bäcker, »damit ich meinen Hannis ins Auge fassen kann. So, danke verbindlichst.« Man hatte tatsächlich zwischen dem Bäcker und dem »Hannis« eine hohle Gasse geschaffen, und so saßen sie sich nun im Gedränge gegenüber. »Ach Gott«, sagte der elende Mensch, »ein Trampeltier sind Sie wohl nicht.«

»Und was sonst?« fragte der Bäcker. »Ein Rhinozeros?« Und fügte halblaut hinzu: »Kuchen gibts keine mehr, mein Engel, die sind alle. Hannis ißt nämlich für sein Leben gern aus meiner Hand«, erklärte er den Leuten wie ein Schauspieler, der beiseite spricht. Und da »Hannis« noch immer nichts sagte, fuhr er fort: »Komm, gib mir Deine Pfote, Hannis, Du weißt besser als alle, was ich bin.« Und der arme Hannis tat, was er sollte, er ging einen Gang wie zum Schafott, und der Bäcker schüttelte ihm die Hand und behielt sie fest, daß er vor ihm stehen mußte, während sich zugleich der freie Raum hinter ihm wieder füllte und die Leute dicht hinter ihm drängten, so daß er mit dem Bäcker Hand in Hand gefangen war. »Hast Du noch etwas, mein Herz«, fuhr der Bäcker fort, »daß Du meine Hand nicht losläßt? Möchtest Du einen Dreiling haben oder so was? Dann wollen wir sehen...«, und immer noch die Hand des Jammer-Hannis festhaltend, suchte der Bäcker mit der freien Linken in der Hosentasche nach einem Geldstück.

Das Spektakel wurde den Leuten widerlich. Einige Stimmen hörte man, die halblaut wissen wollten, was das alles zu bedeuten habe. »Nein«, sagte der Bäcker, davon unberührt, »Du hast an Deinem Kuchen genug gehabt, Du wirst sonst übermütig, geh an Deinen Platz, aber laß meine Hand gefälligst los, sonst wirst du sehen« und trieb es in derselben Art noch einige Augenblicke weiter. Hannis war, was man wie aus dem Wasser gezogen nennt; schließlich schien dem Bäcker die Geduld zu reißen. »Marsch allons!« schrie er wütend und gab Hannis einen Stoß, daß er gegen seine Hintermänner prallte, »wer bist Du denn, ich kenn Dich überhaupt nicht, so ein Hundsfott!« Seespeck hatte sich herangedrängt und faßte den »Hannis« an der Schulter, um ihn fortzuziehen, denn er war Schritt für Schritt zu der Einsicht gekommen, daß man den Hannis bevormunden müsse, wenn man als redlicher Freund an ihm handeln wolle. Ihm schien dieser Hannis zu denen zu gehören, die immer darauf warten, irgendwie in Richtung gebracht zu werden, die ohne Direktor wie herrenlose Gespanne quer zu allen vernünftigen Wegen hin- und hertreiben. Die man vor allem nicht fragen müßte, was ihnen beliebe, denn ein Belieben zu ergründen, macht ihnen die schwerste Pein, weil sie nie eins haben oder sich wenigstens nur dann eins einbilden, wenn es von andern approbiert wird; zwischen zwei Direktoren aber zu geraten, ist ihnen bei ihrer Redlichkeit und dem ewigen Drang, sich selbst den Glauben von der einzigen Heilstatsache ihres schlichten Überzeugtseins einzureden, das Widerwärtigste, was ihnen aufstoßen kann. Darum vertrat er gegen Seespeck den Respekt vor dem Bäcker von Moosburg aus barem Verlangen nach einem Davonkommen in Redlichkeit. Und der Bäcker, dem in einem Strudel von kaltblütig versetzten, aber rotsaftigen Grobheiten von allen Seiten nicht wohl war, machte sich, als er den Treu und Glauben seines Hannis bemerkte, ein wenig Luft, indem er, wie ein Schwimmer mit den Händen Spritzer und Flutgüsse abwehrt, die Ellbogen höher hob als die Hände selbst, und hängte sich in seiner Not an des Hannis Rockschöße, die ihm unvermutet geboten wurden. »Minschenkinners! Minschenkinners, is jo allens nich so meent west ... was, Hannis, keine Rede von Ernst, alles Spaß, alles Spaß!« »Jawoll«, schrie einer, »Spaß wie Wurstmachen für Schweine!« Dazu lachten einige, andere wandten sich ab und orientierten sich über den Gang des Schiffes und den Stand des Wetters, eine Anzahl aber spitzte sich auf Hannis und seine Stellungnahme, denn am Ende mußte er am besten wissen, ob ihm Spaß oder was sonst widerfahren war. »Uns geht die Sache ja schließlich nix an«, hörte man sagen, »aber den ...« »So?« sagte Seespeck. »Wenn einer vor Ihren Augen und Ohren geludert wird, dann geht Sie das nichts an? Dann könnte es ihm ebensogut einfallen, Ihnen Modde in den Mund zu stopfen, und Sie dürfen sich auch nicht beklagen. So ist es nun doch nicht! Wissen Sie!« »Na«, schrie jetzt ein anderer, »was wollen Sie denn, Sie lassens sich ja auch bieten, warum machen Sie denn nichts? Lassen Sie sich ja nich abhalten, Sie haben den Vortritt. Machen Sie Platz für den Herrn, er will sich'n büschen zeigen und kann bloß nicht rankommen.« Seespeck, der genau wußte, daß er der Situation gar nicht gewachsen war, fand sich schnell dem Bäcker gegenübergeschoben. Einen Augenblick blitzten die Grimassen des Kolosses im Dämmerlicht an seinen Augen vorüber. Er hatte die Vision eines Ungetüms, eines boshaften, schädlichen, unheimlich mächtigen und dabei spottlustigen Riesen. ›Wie komm ich dazu, mich hierhin zu stellen?‹ Dieser Schatten von Feigheit glitt durch sein Gemüt, aber er konnte nicht entwischen, ohne den Hohn der ganzen Menge auf sich zu laden, und dazu fehlte es ihm noch (mehr) an Mut, ›und am Ende‹, dachte er, ›wollen sie bloß ihre Unterhaltung haben, und hier ist keine Arena, wo der Stier am Boden liegen muß.‹ So ungefähr klang es bei ihm. Hannis, wie der Mann am Ende wohl genannt bleibt, wollte natürlich vermitteln, aber Seespeck schob ihn mit so viel Entschiedenheit zurück, daß ein Hanswurst hätte behaupten können, er mache sich statt an den Bäcker an den Freund, bei dem die Gelegenheit, Forsche zu zeigen, weniger riskant sei. Der Anfang des Intermezzos war glücklich, denn der Bäcker verriet mit einer einzigen unsicheren Handbewegung etwas wie Überraschung, und Seespeck winkte ab. »Lassen Sie um Gottes Willen Ihre Hand, ich habe Ihnen meine nicht hingestreckt und denke auch nicht daran, es zu tun.« Der Bäcker kratzte sich an den Bartstoppeln und betrachtete Seespeck so lustig wie ein Hungriger einen fetten Bissen. In seinem Bauch begann es zu wühlen, als ob Platz geschaffen würde, und einige Stöße oder Packen von Lachen wurden an die Luft gesetzt.

»Ich habe ja keine Kuchen mehr«, sagte er mit dem Ausdruck aufrichtiger Sachlichkeit. Es lag ihm daran, daß dies Faktum allerseits allen guten Leuten zugängig wurde, man konnte es nicht laut und eindringlich genug sagen ... und natürlich freundlich und mit jener großartigen Ehrpusseligkeit, mit der manche Leute ein Nichts von Richtigkeit zu einer beschworenen Wichtigkeit machen. Er sah Seespeck teilnehmend an. Man lachte. »Es ist mir ja nicht um Kuchen zu tun«, sagte Seespeck, »ich will mich überhaupt mit Ihnen nicht unterhalten ...« »Schade«, sagte der Bäcker und stopfte die Zeigefinger in die Ohren, »es hätte mich gefreut mit einem vornehmen Herrn ... man kann immer zulernen, aber wenn nicht, dann nicht, was ich Ihnen so vorquatsche, kann nicht weit her sein, unsereins steht am Backofen oder manscht mit Mehl und Teig ...«, und als Seespeck, weil der Bäcker die Ohren wieder losgelassen hatte, seinerseits, was für sein Ansehn sehr notwendig war, ein kräftiges Sprüchlein sagen wollte, fuhren die Zeigefinger des Bäckers wie Mäuschen in die Löcher zurück, und er hob die Augen, und indem er alles Schmalz seiner Kehle auftrug, ergoß er sich restlos in die gesungene Frage an die Decke: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?« Man lachte lauter, man fand ihn zuletzt prachtvoll und ließ sich für diese Art Abfuhr Seespecks beifällig finden. Seespeck war erfahren genug, um einzusehen, daß er seine Manier von Grund auf ändern müsse; der Bäcker, der nicht zuhörte, war unverletzlich und konnte ihm seinerseits antun, was ihm nur beifiel. ›Bellen nützt nichts, man muß beißen‹, dachte er, darum stieß er ihn, wirklich wütend geworden, mit dem Fuß vor den Bauch, was er von da, wo er stand, ganz bequem tun konnte, und immerhin war er, wenn auch an körperliche Leistungen nicht gewöhnt, kräftig genug und hatte die Gelegenheit instinktiv so ausgiebig wahrgenommen, daß er dem fetten Ungetüm sein Leibliches schmerzlich zum Gefühl brachte. Er heulte auf und setzte im nächsten Augenblick etwas tiefer zu einem Gebrüll an, wie wenn sich seine überschäumende Wütigkeit mit dämpfender Überlegung zu mischen anfinge, und überhaupt dachte Seespeck, daß er für den Fußtritt wohl ein bißchen dick auftrüge, und begann, im nächsten Augenblick ein fades Gefühl der Überraschung über die Folgen seiner Tat an der Reversseite des kühnen Herzens zu spüren. Er hätte noch nicht einmal so leicht das herrische Auftreten dieses Gefühls an seiner empfänglichsten Stelle geduldet, wenn nicht der Bäcker, nachdem das tiefer und tiefer gestimmte Gebrumm sich verlaufen hatte, nun halbwegs ernüchtert, mit dem fatal wachen Ausdruck gepeinigter Leute um sich gesehen hätte, die ihren Schmerz verkneifen, so lange es geht.

Und doch, das fade Gefühl an dieser gewissen Stelle war doch wohl nur ein natürlicher Schauer seines heftig klopfenden Herzens ...! Was konnte denn dem Dicken Schlimmes passiert sein, er wußte ja am besten, daß er schließlich nur pro forma zur Änderung der Situation gestoßen hatte. -- Die Leute waren still geworden, und die Waage der Parteien stand einen Augenblick im Gleichgewicht, so lange der Bäcker den Blick, der eigentlich sein Eingeweide beschaute, in der Menge hin- und hergehen ließ und den wütenden Schmerz, der wuchs oder nachließ, wie ein andern unsichtbares Gespenst zwischen ihnen musterte. ›Er spielt Klavier‹, dachte Seespeck einen Augenblick, ›seine Mimik fingert sich ihre Melodie in uns zurecht.‹ Nun zog der Bäcker die Augenbrauen höher und spannte die Muskeln des Gesichts, was entschieden auf Zunehmen des Schmerzes und größere Anstrengung, ihn zu verhehlen, deutete, und die Waagschale zu seinen Gunsten stieg langsam hoch.

›Ach Gott, der ist ja auch noch da‹, dachte Seespeck, als er Hannis an den Bäcker herangehen sah, und war froh, ein wenig in den Schatten geschoben zu werden. »Nu, mein Engel, willst Du mir auch eins versetzen?« fragte der Bäcker mit verhaltener Stimme, als wolle er das Zwerchfell schonen, aber doch mit einem Anflug von Aufgekratztheit. »Sieh mal zu, ob da was zu sehen ist, sonst hilf nach...«, und dabei knöpfte er sich vorsichtig auf und machte Miene, das Hemd hochzuzerren, hielt aber mitten in diesem Geschäft inne und ließ aus seinem Bauch einen Seufzer blasen, der ihnen allen so etwas wie Bauchweh einflößte, bei Seespeck aber das bewußte fade Gefühl am Herzen neu reizte. »Mir ist bannig übel, Hannis«, sagte er dann, »geh mal zur Seite, ich bin bange, ich mache Dich naß dabei.« So weit kam es nun nicht, aber doch machte der Bäcker aus seinem Bauche eine Fundgrube von verschiedenartigsten Ansprüchen an des armen Hannis Erbötigkeit zum Beistand.

»Wie heißt er?« fragte er in einer Pause, als ob er sich plötzlich an den Urheber seiner Leiden erinnerte, und als Hannis geantwortet hatte: »Ich weiß nicht«, ließ er die Gedanken wieder zu seinen Schmerzen untertauchen, hauchte aber, noch wie beiläufig: »Frag ihn und schreibs mir auf, Hannis ...«, und Hannis trat wahrhaftig zu Seespeck heran und bat um Namen und Adresse. Seespeck zögerte und überlegte einen Augenblick, dann, um Zeit zu gewinnen und vielleicht um sich ein wenig mit Gleichmut aufzuspielen, fragte er Hannis, wer er denn wäre, und erfuhr, er wäre Photograph und wohne da und da und hieße Germann. »Schreibs richtig auf«, rief der Bäcker, und es schien Seespeck, als wäre zwischen die gepreßten und gequetschten Töne versehentlich ein unterirdisches Lachen geraten. »Wozu will er meine Adresse haben?« sagte Seespeck plötzlich, weil er dachte, wenn schon er den Fußtritt bezahlen müsse, so könne ein wenig Widerspenstigkeit gut und gern mit dreingehen. Der Bäcker hörte es und wandte sich an die Leute: »Lassen Sie ihn nicht raus, er will seine Verantwortung loswerden.« Man hörte verschiedene Stimmen, und es ließ sich so an, als ob dem Bäcker sein Recht nicht verkümmert werden solle. »Aber Leute«, sagte Seespeck, »er hat doch eine Tracht Prügel verdient, und nun sollen wir die Scherereien haben, ist das vernünftig?« »Sie haben nicht mit Füßen nach Menschen zu stoßen«, sagte großartig ein Fanatiker. »Ganz recht«, schrie Seespeck, der die Besinnung verlor, »ich hätte ihm eine Kugel in den Bauch jagen müssen, dann hätte der Mensch sein Recht gehabt.« Damit hatte er seine Sache zwar nicht verbessert, aber es war doch so etwas wie eine Diskussion eröffnet. Jemand wollte wissen, was der Bäcker Seespeck eigentlich getan hätte, und Seespeck antwortete: »Angeekelt hat er mich ..., und dann hat er Hannis wie einen Lumpen behandelt.« Das wäre ja Hannis' Sache, fand ein Unsichtbarer in der Ecke. »Nein«, feuerte Seespeck aufs Geratewohl in die Richtung, »ein Mensch, der das ansieht und sich nicht beteiligt fühlt, hört auf, ein anständiger Mensch zu sein.« So hetzten die Glossen eine Weile hin und her. Jemand wollte wissen, ob er ein anständiger Mensch wäre, er hätte sich nicht beteiligt gefühlt, und Seespeck antwortete, das könne er sich nach dem Früheren ja selbst sagen. Der Jemand wollte ihm darauf zu Leibe gehen, aber er blieb im dichten Gedränge ein unsichtbarer Fechter, und sein durchlöchertes Ehrgefühl verblutete mit Geschrei. Seespeck aber kam durch seine Nächsten arg ins Gedränge, die Beweise und Theorien von Recht und Ehre wurden wie Schallgewichte geschleudert, und die Münder drängten sich so nahe, als wollten sie Seespeck seine Irrtümer vom Leibe abbeißen.

Inzwischen hatte Hannis dem Bäcker etwas auf ein Notizblatt geschrieben und ihm in die Hand gegeben. »Ist das sein richtiger Name?« fragte der Bäcker. »Nein«, sagte Hannis, »meiner, aber der genügt, denn schließlich hat er sich ja meinetwegen mit Ihnen angelegt, ich wills selbst verantworten.«

Der Bäcker griff mit den Händen nach Hannis' beiden, trommelte darauf und spielte den Nachdenklichen. »Sehn Sie bloß«, schrie nun Seespeck und wies auf diese artige Szene, »ich wette, er macht sein Testament, wenn Ihr mich tüchtig prügelt, kommt der eine oder andre von Euch auch mit hinein. Es sieht ja aus wie Erbschleicherei, Herr Germann«, sagte er zu Hannis, »schämen Sie sich nicht?« »Was wollen Sie«, antwortete Hannis, »er ist ja wieder ganz nett«, und der Bäcker, wohl etwas ermattet von überstandenen oder glücklich gespielten Schmerzen, aber doch versöhnt mit dem Leben, kaute ein paarmal vorsichtig wie auf einem Bissen, der noch soeben sehr hart war, nun aber saftig und weich geworden ist, und sah dabei auf Hannis, als wäre der sein Einziger und die Stütze seines Alters.

»Es scheint wieder alles in Ordnung, Leute«, sagte er milde, »gebt mir einen ordentlichen Schnaps und den andern auch, es soll alles vergessen sein.« Der Schnaps war schnell zur Hand, und Hannis und ein paar der Nächsten, auch Seespeck, fanden sich die Gläser in Händen dastehen, ehe sie wußten, was kommen sollte. »Hannis soll leben«, rief der Bäcker und ließ sein Glas zum Anstoßen mit dem ausgestreckten kleinen Finger hin- und herkreuzen. Seespeck trank vorher aus. »Noch eins!« kommandierte der Bäcker, und es gab wieder eine Lage. »Meine Herren«, begann er nun, »unser gnädigster Kaiser, Se. Majestät Wilhelm der Zweite, er lebe hoch!« Einige stimmten ein, Seespeck lachte. »Hallo?« sagte der Bäcker und ließ die fette Hand mit dem winzigen Gläschen aufs Bein sinken, »was fällt Ihnen ein, Herr, ich verbitte mir das Lachen.« »Ich lache ja nicht mehr«, antwortete Seespeck, »aber es ist lächerlich, auf den Kaiser mit Schnaps anzustoßen. Trinken Sie auf die Gesundheit Ihres Magens, das wäre richtiger.« »Tu Du es, Hannis«, wandte sich der Bäcker an den Photographen, »stoß mit ihm auf die Gesundheit meines Magens an, mit Dir wird er anstoßen.« Seespeck war jetzt wirklich neugierig; die eigene Sache schien ihm würdig ausgegangen, es genügte seinen Ansprüchen, die nicht groß waren. Das mit Hannis wollte er nun erst einmal an sich herankommen lassen.

Hannis war entsetzt; das Glas, woran er beim ersten Anstoßen nur genippt hatte, hielt er noch wie ein fatales Beweisstück für die eigene Würdelosigkeit so ungeschickt und widerwillig in den Händen, als fürchte er nur, sich beim Wegwerfen daran zu schneiden. »Nein, nein«, rief er heftig abwehrend, als könnte er das Wort des Bäckers noch einfangen und ihm wieder in den Mund stopfen, »das tu ich nicht.« ((Was tust Du nicht, Hannis?« fragte der Bäcker, »Du willst nicht einmal auf meine Gesundheit anstoßen?« »Mit ihm nicht«, sagte Hannis tonlos und feig. »Nun, so stoß mit mir an und den andern«, drängte der Bäcker.

Der Photograph Germann war ein kleiner, fester Mann in einem schlechten Anzug, und die Augen, die aus seinem Maskengesicht schauten, waren die eines sprachlos Verwunderten darüber, daß es so etwas, so ein fünfzigjähriges Leben wie seins geben könne. Sie schienen immer zu erwarten, daß der schlechte Spaß nun aus sei und daß das Leben eben nichts als ein Spaß gewesen. Nach einem Zwinkern faßte er die Welt ins Auge, als ob nun alles in Ordnung und in guter Ordnung sei, wie es sich gehöre und wie man -- das Bewußtsein von Hannis -- es nun mal gewohnt gewesen seit unermeßlichen Ewigkeiten. Aber diese fünfzig Jahre Leben -- merkwürdig, so etwas gibt es also wohl doch; ein wenig Zweifel, etwas Verwunderung, das war aber doch der ganze Effekt, den es auf ihn auszurichten imstande war. ›Ist es denn der Mühe wert, so einen dummen Spaß auch noch zu begreifen, so wichtig ist er doch wohl nicht‹, das monologisierten die Augen in sich hinein. Sein schwarzer Bart war wie von mehlbestäubten Bäckerhänden zerrauft, war so wild und ungepflegt -- er trug ihn sicher nicht aus Eitelkeit oder einem andern Grunde als dem des Ersparens von Zeit und Umständen. Es war ein Behelfs- und Interimsstück seines Äußeren, wie Anzug und alles andre auch, gut genug für dieses -- man sagt »Leben«. Es paßte zu ihm wie ein schmutziger Kragen zu einem Menschen, der ihn so kurz vorm Zubettgehen nicht wechselt, Leute, denen er sich nicht zeigen möchte, kommen ja nicht zu ihm. Er gab dem Bäcker so etwas wie einen vertraulichen Wink, und dieser neigte das Ohr, daß Hannis hineinflüstern konnte. »Was sagst Du, Hannis«, fragte er, »sag es mir.« »Ich trinke keinen Schnaps«, flüsterte Hannis, und man merkte an nichts, ob er log oder nicht, doch so, daß man es verstand, »es ist so lange her, daß ich einen getrunken habe, ich bring ihn nicht runter.« »Was willst Du denn haben -- Bier?« fragte der Bäcker. Hannis schüttelte den Kopf, sah aber dem allen voll Angst ins Gesicht. »Ach was«, brummte der Bäcker, »Du willst nur nicht mit uns anstoßen, das ist das Ganze«, machte aber eine huldvolle Miene und kaute wieder ein bißchen auf dem bewußten guten Bissen herum. Er schien müde, denn seine Augen waren wie mit leichtem Tau beschlagen und der Sehtrieb lässig geworden. Er fügte hinzu: »Möchtest Du ein Butterbrot essen, was? Mit Kaviar? Oder hast Du Kaviar auch schon so lange nicht gehabt, daß Du ihn nicht runterbringst?« »Wir sind ja in Hamburg«, antwortete Hannis -- »wir müssen gleich aussteigen.« »Was«, sagte der Bäcker, »aussteigen, das ist schade, wir haben uns gut miteinander unterhalten, nicht? Da, nimm Deinen Zettel wieder, ich habe ihn nicht angesehen, ich will gar nicht wissen, wer Du bist. Aber ein bißchen lieb hast Du mich doch, hm?« Als ob er keine Antwort erwartete, führte der Bäcker nun sein Schnapsglas hoch und kippte seinen Inhalt in diese Krateröffnung von Mund. Hannis nahm den Zettel und steckte ihn schnell in die Tasche. Man wußte nicht, als der Bäcker jetzt sein »hm?« wiederholte, ob das ein erneutes Fragen oder nur ein Dankgegrunz seiner befeuchteten Kehle bedeutete. Er wiederholte aber: »Wir haben uns gut unterhalten«, und fügte hinzu: »Das mußt Du sagen!« Er machte mit der Hand eine Bewegung, als schmisse er Seespeck eine Erbse ins Gesicht, und sagte: »Der taugt nichts, aber Du -- Du bist ein grundguter Kerl, das bist Du« -- und dann wurde er plötzlich wieder wach und nahm Hannis scharf ins Gesicht: »... Oder bist Du am Ende gar sein Freund, kennt Ihr Euch? Warum wolltest Du seinen Namen nicht nennen?« Hannis war beinah erschüttert, und Seespeck hatte ihn im Verdacht, daß er lieber angestoßen und den Schnaps ausgetrunken haben würde als diese Frage erleben. Er zögerte zu antworten. »Willst Du Geld haben?« fragte der Bäcker, und Hannis, der diesen Augenblick mit geschlossenen Augen jede Pistole abgedrückt hätte, bloß um Lärm zu machen, sagte prompt: »Ja.«

In diesem Augenblick war der Bäcker fast heroisch, die rechte Hand vergrub sich nach einem einleitenden Schwung mit einer Bogenbewegung über die mächtige Brust hinweg in die linke Brusttasche, und der Kopf mit gerunzelten Brauen und aufgeworfenen Lippen wandte seine massive Front gewaltsam nach rechts, dabei stauchte sich der Kragen tief in den Hals hinein und ließ eine Menge Hautfalten wie fingerdicke Würmer über sich weggleiten, wie aus einer Wunde herausgeplatzt und vom Licht ins Dunkel unter die Weste flüchtend. Er grollte über die Schulter weg mit der tiefen Stimme: »Gleich?« Hannis schüttelte mit dem Kopf, als wollte er den wilden Bart wegschleudern, hob auch die Hände und das Glas dazu in die Höhe und bekämpfte mit ihnen die neue Gefahr wie einen Hornissenschwarm, der in Gestalt von Wohltaten aus dem schrecklichen Gemüt des Bäckers hervorbrach. Es nützte ihm wenig, daß er einige Hornissen zerschmiß und dabei den Schnaps über des Bäckers Bein vergoß, der Lärm des allgemeinen Aufbruchs riß im Wirbel seine Worte mit, und seine Gebärde verflüchtete alle Bedeutung mit dem Schwund der Worte. Er wollte ausreißen, aber der Bäcker erwischte ihn am Arm. »Hannis, Hannis, was bist Du für ein Esel!« brüllte er. Aber Hannis, dem die Nähte seines Ärmels rissen, gab ihm einen Ruck, daß er loslassen mußte, um nicht zu fallen, und nahm seinen Apparat, der in ein grünes Tuch gewickelt in einer Ecke verstaut gewesen, unter den Arm und stand schon zwischen andern auf der Treppe, als der Bäcker sich auf die Beine gebracht und herangetrampelt war. Mit offenem Mund fauchend wie eine Lokomotive, mit Augen wie zwei Leuchtfeuer, die Hände vor sich hertragend wie zwei Puffer und doch den lächerlichen Eindruck erweckend, als ob er ganz eilig nur einmal hinaus müsse, brach er seine Bahn, fand sich aber von dem Schankhalter aufgehalten, der bezahlt sein wollte und mit dem Stoizismus, der einem glatten Geschäftsbetrieb förderlich ist, alle Schimpfworte überhörte. Er blieb grade so lange taub dafür, bis er sein Geld hatte, dann begann ihn sachte zu kränken, was er zu hören bekommen hatte, und er sekundierte seinem Ärger mit den tausendfach abgewalzten drei oder vier Bellworten für solche Gelegenheiten, die niemand anhört. Aber als sich der Bäcker von dem Menschen abwandte und sich auf Hannis besann, sah er oben auf der leeren Treppe Seespeck stehen, der freundlich herunterrief: »Hannis ist längst an Land, aber wenn Sie das Geschäft machen wollen, kann ich Ihnen mal nach Moosburg schreiben. N' Abend, Herr Bäcker Buur --« und verschwand. Der Bäcker wölbte sein Rückengebirge und schlug den Kragen hoch, denn er hatte gesehen, daß Seespeck schon im Regen gestanden hatte, er machte auch den Kopf nach Möglichkeit zwischen den Schultern schildkrötenartig klein und kaute dabei langsam auf seinen Gedanken herum. Sein Schatten äffte es ihm nach und übertrieb alles in die Breite und Dicke. Dann faßte er, als wollte er die ganze Himmelsleiter hinaufsteigen, unternehmend das Treppengeländer und arbeitete sich mit auswärts spreizenden Beinen langsam hinauf. Man konnte denken, er sei die Maschine des Schiffes, die Feierabend mache, so schnaufte er dabei wie nach einer schweren Arbeit.

Seespeck ging im Regen nach Hause. ›Ich muß sehen, daß ich Hannis ausfindig mache, und mit ihm reden, er scheint Geld brauchen zu können. Morgen -- ja gleich morgen.‹ Aber vor morgen kam noch erst heute. Er hatte keine Familie, aber die Sorgen, die er deswegen nicht hatte, machten ihn nicht froh. Er hatte zu den jungen Leuten gehört, die nicht recht wissen, was sie mit ihren Kräften machen sollen, und fühlte sich der Zeit gewissermaßen im Wege stehend, er hatte so sein Pulver zum guten Teil verschossen und wußte nicht, wohin er eigentlich gezielt hatte. Jetzt, und das war eben auch heute abend der Fall, kam es ihm vor, als ginge er an einer langen Planke entlang und fände nirgends einen Ausgang, die Planke aber hatte er im Verdacht, daß sie im Kreise liefe und er mit ihr. Wie er aber hineingekommen, war ein Geheimnis.

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