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Schwarze Diamanten

Maurus Jókai: Schwarze Diamanten - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMaurus Jókai
titleSchwarze Diamanten
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorEduard Glatz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070204
modified20170818
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Erster Band.

Bevor es Menschen auf der Erde gab.

Der Pentateuch hat recht, insofern es darin heißt, daß die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde.

Nur hat er die Tage nach der göttlichen Sanduhr gemessen, in der jedes herabrieselnde Sandkorn ein Jahr ist. Der ganze Tag umfaßt danach hunderttausend Jahre.

Der Anfang selbst ist eine Unendlichkeit, die menschlichen Zahlen ebensowenig standhält wie die Ewigkeit. Die Frage: »wann?« ist auch dort ein den Stolz demütigendes Rätsel, auf welches der Gelehrte antworten muß: »Ich weiß nichts! ...«

So viel haben wir schon herausgebracht, daß das Gestern, welches unserm Dasein vorausging, wenigstens hunderttausend Jahre von uns entfernt ist. Nur das Gestern! Wie erst der erste Tag der Schöpfungswoche?!

Aber das Gestern kennen wir schon.

Wir haben ein großes Buch: die Erdrinde. Diese hat, wie ein Buch, Blätter, eines über das andere gelegt, und jedes Blatt repräsentiert zehntausend, hunderttausend (wer weiß, wieviel?) Jahre. Der verwegene menschliche Wissensdurst ist mit Schaufeln, Hämmern, Stemmeisen und Bohrern durch diese Blätter in die Tiefe gedrungen. Jedes Blatt ist voll beschrieben mit Buchstaben, mit Nachrichten, welche ein Hunderttausend von Jahren dem andern hinterlassen hat: – mit ewig toten und ewig sprechenden Zeugnissen. Der menschliche Geist hat gelernt darin zu lesen.

Er hat die Seiten dieser Blätter der Erde gezählt, er hat den Sinn der geheimnisvollen Lettern erlauscht, aus Felsen, aus den zu Bergen aufgetürmten winzigen Infusionstierchen Geheimnisse erschlossen, mit dem Mikroskop in die kaum sichtbaren Tierüberreste des Innern der Erde geschaut, wie sein Blick durch das Teleskop in die endlosen Fernen des Himmelsgewölbes gedrungen ist und er ist zu dem Bewußtsein gelangt, daß es nach unten wie nach oben kein Ende gibt.

Das erste Blatt dieses Buches, das der Mensch aufgeschlagen hat, ist die Granit- und Porphyrschicht. Weiter hinab konnte er nicht mehr dringen. Was darunter ist, davon reden nur die Vulkane; Feuer ... doch was für Feuer? Die Schicht, die der Vulkan bildet, ist erst das zweite Blatt des Buches. Das vulkanische Feuer hat nur den Basalt erzeugt; das Granitfundament nennt man »plutonische Formation«. Pluto ist nach dem tiefen Sinne des Mythos der Name des unterirdischen Gottes.

Und über das Feuer hinaus ist Dampf, der alles vereinende Dampf, in welchem Eisen, Granit, Diamant, Gold beisammen leben, wirklich leben; aber wodurch?

Ein Blatt hat das Feuer gestaltet, das andre das Meer, die Sintflut, das dritte entstand durch chemische Wirkungen; aber jene Kraft, welche den Granit als zitternde Gallerte durch die Spalten der Erdrinde gedrängt hat, sagt: »Frage nicht nach meinem Namen! ich bin Gott!«

Der Granit ist ein leeres Blatt; er sagt gar nichts. »Unendlichkeit!« ist die Antwort, wenn du in ihm forschest. Bei ihm ist das Buch verschlossen.

Die vulkanische Formation spricht schon, sie sagt dir, daß die Erde gelebt, daß aber auf ihr noch nichts Lebendes bestanden habe. Nur sie selbst hat gelebt, ein stürmisches Leben, an welchem noch kein andres Wesen teilnahm. Sie bestand große Kämpfe! mit dem Feuer und der Luft, mit ihrer eignen Umdrehung und mit der Anziehungskraft des Mondes. Die einzelnen Blätter der Flötzbildungen beginnen dann dunkle Märchen von vergangenen Jahrtausenden zu erzählen.

Die Tier- und Pflanzenwelt der begrabenen Zeiten liegt auf diesen ewigen Blättern in ihren versteinerten Ueberresten, und vor dem Auge des Forschers werden dieselben in langer Reihe lebendig.

In der ersten Schicht gibt es noch keine andere Pflanze als Meergras, Farnkräuter, Schafthalme, Erdmoose, die kein Tier genießt, Kryptogame und die niedrigsten Gattungen der Tierwelt, Schnecken und Muscheltiere, in endloser Abwechselung. Damals gehörte die Welt noch diesen.

In der höheren, in der silurischen Schicht erscheinen bereits die Fische, wunderbar gestaltete Wasserbewohner, von deren anderthalbtausend Arten jetzt weder die Meere noch die Flüsse eine einzige mehr aufweisen. In der noch höheren, der Devonschen Schicht, beginnt schon das Reich der Saurier – Tiere, welche einst Herren der Erde gewesen sein mögen, sieben Klafter lange Ungeheuer mit schrecklichen Knochen. Auch mit diesen zusammen sind noch keine andern Pflanzen begraben als Farnkräuter und Likopodium. Die Tiere lebten eines vom Fleisch des andern.

Das erste grasfressende Tier, das riesige Iguanodon, erscheint oberhalb der Juraformation in der Kreideschicht; diese selbst besteht aus lauter kleinen Muschelschalen.

Die oben liegenden Erdschichten sind voll von Ueberresten riesiger Säugetiere und mit diesen zusammen ist die gesamte Pflanzenwelt einer entschwundenen Zeit begraben, nach Gattungen gesammelt und auf die Blätter eines ungeheuren botanischen Buches abgedruckt.

Ueber dieser Schicht leben wir, die Herren des »Heute«. Worauf wir herumgehen, das ist das »Gestern«.

Wie mag die Welt von Gestern ausgesehen haben?

* * *

Die Luftschicht war zweimal heißer als jetzt, und daher der Himmel nicht azurblau, sondern in Porzellanfarben schillernd; abends und morgens feuerrot. Sonne und Mond erschienen beim Aufgang und Niedergang zweimal so groß als jetzt.

Die Erdschichten sind noch durchwärmt; das Meer ist noch zehnmal größer als das trockene Land; daher herrscht zwischen beiden Polen ewiger Sommer, ein von der Wärme des Wassers und der Höhe der Atmosphäre gleichmäßig erhaltener Sommer.

Nur die beiden Erdpole, wo der schräge Strahl der Sonne die Erdwärme nicht mehr anzieht, sind mit Eis und Schnee bedeckt. Dort geht die Welt plötzlich in den Winter über; – wie denn auch am rotglänzenden Gestirn des Mars, am Pol jener weiße Fleck ersichtlich ist, welcher im Perihelium abnimmt, im Aphelium wieder wächst.

Das trockene Land besteht nur noch aus zerstreuten Inseln; die meisten Inseln haben einen Vulkan, manche auch deren mehrere. Die Umgebung derselben bedeckt kahler Lavaschutt; ein oder der andere Vulkan erhebt sich in die Schneeregionen, ein Eisgipfel mit einer Flammenkrone; zu den Füßen der Vulkane aber dehnt sich der urkräftig fruchtbare Boden aus, so warm und so feucht, wie er aus dem Schoß des siedenden Meeres an das Tageslicht emporgekommen ist.

Wer weiß, die wievielte Formation das ist? Es ist noch immer nicht die letzte.

Die Farnkräuter, die Schafthalme, die wir jetzt als mindere Gräser kennen, waren damals riesenhafte Stämme, so groß wie heute die Tannen; die Tannen aber waren turmhohe Kolosse; und wo die Tanne lebte, dort prangte auch die Palme. Das Pflanzensystem ist mit sich selbst noch nicht im reinen; es gibt Schilf, welches den Palmen gleicht; geheimnisvolle Pflanzen, die den Uebergang bilden von der Palme zur Tanne, von der Tanne zum Schafthalm. Unter den Pflanzenreihen der vorausgegangenen Periode fehlten noch die Blumen, der bunte Schmuck der Wiesen; die Schar der Duft und Honig spendenden Blumen war noch nirgends vorhanden; von ihr träumte damals noch die kreisende Erde.

Und da es an Blumen fehlte, so gab es auch noch keine Bienen, weder Schmetterlinge noch die Tausende von summenden Käfern, welche die Blumen umschwirren.

Und ebenso gab es noch keine Vögel, die Luft war noch leer. Die Singvögel leben alle von Insekten. Wären die Insekten früher zur Welt gekommen als die Singvögel, so wären alle Wälder für ewig abgefressen, und wenn die Vögel vor den Insekten gekommen wären, so würden sie am ersten Tag Hungers gestorben sein.

Die Welt entbehrte des Gesanges, sie hatte nur Riesen und Ungeheuer, und der Laut derselben ist Donner.

In unserem »Gestern« ist dies schon anders. Das Gras ist bereits von Blumen untermengt, Luft, Feld und Wald haben bereits gefiederte Sänger, Schmetterlinge.

Es ist die Periode der jüngeren Schöpfung und man nennt sie »Pliozän«.

Es war ein schöner Traum der schaffenden Gottheit.

Alle Teile des trockenen Landes sind ewig grün und ewig fruchtbar.

Das Gras, das die Ebene bedeckt, gleicht an Höhe und Wuchs dem Mais, nur daß es fortwährend grünt. Das Wasser der Teiche, die Oberfläche der Sümpfe ist ebenfalls nicht müßig und mit Blumenteppichen überzogen: die Oberfläche der jüngeren Teiche bedeckt noch das Grün der Caulinie, bunt durchwirkt mit Wasserrosen und Blüten des Wasserklees; in der späteren Periode bedeckt die Ränder derselben der Lotus und die Nymphäa in dichteren Gruppen, hutgroße rosenrote, weiße und gelbe Tulpen wiegen sich auf dem Teppich pergamentfester mit rotbraunen Adern durchzogenen Blätter, während die Mitte des Teichs von den Blüten der gelbroten Utrikularia wie von einem flammenden Mosaik bedeckt ist. Dann bemeistert sich die Pflanzenwelt immer mehr des Wasserspiegels. Die Wasserzypresse bildet darauf schon ein ganzes Gestrüppe, Beeren tragende Gewächse, Schlingpflanzen überweben den Wasserspiegel vollends; endlich erreicht ihn der Pandanus und die Affenfeige, der Baukünstler der Pflanzenwelt, dessen jeder Zweig Wurzel schlägt und jeder Zweig ein Stamm wird, bis er das Reich der Wasser mit seinen schlanken Säulen überbaut, überbrückt und mit seiner ein Ganzes bildenden unzertrennlichen Laubwölbung bedeckt und es für das immer weiter sich ausdehnende Reich des festen Bodens erobert.

Die erhöhte Ebene ist dann mit ewig grünem Laub bedeckt. Noch ist für die Pflanzenwelt der Tag der babylonischen Zerstreuung nicht angebrochen; Palmen, Eichen und Tannen sind noch nicht nach Zonen verteilt; es gedeiht alles miteinander, von Sibirien bis zum Atlasgebirge. Auf einem und demselben Schieferstein sieht man Abdrücke von der Samenhülse des Ambrabaumes, von den Kätzchen der Weide und von den Zapfen des Kampferbaumes. Also die Erzeugnisse des Frühjahrs, des Hochsommers und des Spätherbstes nebeneinander; also sind Herbst, Frühling und Sommer fortwährend und gleichzeitig; die Bäume tragen immer Blüte, Frucht und ewiges Laub; von einem fallen Blüten, von anderen Früchte, Laub von keinem; der reifen Frucht folgt unmittelbar die neue Blüte.

Und was für wunderbare Formen von Pflanzen.

Farnbäume mit klafterdicken schlanken, geschuppten Zapfen und Kronen, wie die Palmen. Der Kalamit ist ein einzelner hoher, hohler Schaft ohne Blatt, an der Spitze mit einem gefurchten Samenkolben. Das Sphenophillum ist ein aus lauter Ringen zusammengesetzter Stamm, an jedem Ring mit einem Blätterkranz umgeben. Lepidodendron, ein Wunderstrauch, wie aus mannsdicken Katzenschweifen zusammengesetzt. Der Phaseolites, die bekannte Bohnenpflanze, ist so groß und stark wie ein Baum und bildet ganze Wälder. Das Equisetum, eine Art Tanne, deren Wipfel in eine wie ein Nest gestaltete Frucht ausläuft. Die langen Zweige der Banksia reichen Blumensträuße dar, in welchen genießbare Früchte sitzen; denken wir uns eine Erdbeere, an der jedes Knöllchen groß ist wie ein Apfel. Und unter diesen alle wunderbaren Pflanzen der südlichen Zone: der Brotbaum, der Zimtbaum, der Pisang, der Ambrabaum, Duft verbreitende, Blüten streuende, Frucht bietende, Honig träufelnde, Bernstein ausschwitzende Bäume, die in dichten Gruppen aus der Erde wachsen, miteinander verwebt, durchschlungen von blühenden Schlingpflanzen, oben mit blattgrünen Parasiten, am Stamm mit weichen Moosen bedeckt und unten im dichten, von keinem Sonnenstrahl je erhellten Schatten von gefleckten Aronblumen und gelben Korallenschwämmen umgeben. Kein Fleck der Erde, der nicht mit aller Pracht der Natur bewachsen wäre; – und wie furchtbar groß ist diese Pracht!

Einbildungskraft, dichterische Phantasie genügt nicht, es auszudrücken, man muß die Ziffer zu Hilfe nehmen. Das Zweimalzwei der Wissenschaft wirft ein Licht auf diesen Gegenstand. Alle Kohlen eines jetzigen Urwaldes verhalten sich zu den Kohlen jenes Waldes, der unter dem heutigen liegt, wie 7 Linien zu 21 Fuß; multipliziere nun den heutigen mit 4321 (frz.) Fuß = 144 Linien (zu je 2,25 mm) und der gestrige steht vor dir.

Wahrhaftig, diese Erde bedurfte riesiger Bewohner; es hätte sich ja kein andres Tier da bewegen können als die Maus, die durch das Schilf schlüpft, und der Affe, der von Ast zu Ast springt – wenn jene Welt nicht das Mammut gehabt hätte.

Die Bewohner der gestrigen Welt waren vorwiegend Dickhäuter (Pachydermen). Einige der kleineren Tiere dieser Art sind auch auf das gegenwärtige Zeitalter gekommen: der Elefant, das Rhinozeros, das Nilpferd, der Tapir; alle diese sind schwarz, mit wenigen Borsten und mit einer dicken Panzerhaut versehen. Die Riesen der früheren Periode befinden sich schon unter unseren Füßen in der Tonschicht: das Sivatherium mit seinen zwei Klaftern langen vier Hörnern, von welchen zwei nach vorne, zwei nach rückwärts geneigt sind, das Megatherium mit Füßen, die schwerer sind als sein Kopf, das Dinotherium, das eine Elefantengestalt und zwei nach unten geneigte Hauer hat, das Mastodon, der Elefant mit vier Hauern, von welchen die beiden oberen vielmehr klafterlange Hörner sind.

Aber unter allen diesen ist das Mammut der König, die herrschende Familie.

Mit seinem vierhundert Zentner schweren Körper bricht es sich Bahn durch die Urwildnis von den sibirischen Ufern, wohin er Salz lecken geht, bis zu den süßen Wässern Iberiens. Das Mammut ist der Bahnbrecher der gestrigen Schöpfung.

Außerdem hat es einen organisierten Staat, es hält eine regelmäßige Armee; eine aus zwanzig, dreißig, vierzig Gliedern bestehende Familie nimmt ein bestimmtes Gebiet ein, das ist ihr Reich, dort hält sie die Ordnung aufrecht. Auf den Ruf des Führers halten sie zusammen, in Gefahren verteidigen sie einander, auf Reisen gehen sie in Gesellschaft, sie stellen Vorposten aus, kämpfen nach einem Schlachtplan und sind immer wachsam. Das Mammut ruht niemals.

Denn schon jene Periode hat ihre Ruhestörer, die blutgierigen Räuber der Tierwelt, als da sind: die Höhlenhyäne, der Riesenhund, der Höhlenbär, dieser gefräßigste Uebeltäter, und das schrecklichste aller Raubtiere, der Machaerodus; dieser ist zweimal so groß als der Königstiger und gegen denselben müssen die ohnmächtigen Untertanen in Schutz genommen werden, nämlich: der elende Hylobates, welcher trotz seiner zwei Klafter langen Gestalt und seiner schrecklichen Krallen nur zu schreien vermag, das träge Mylodon und das Hippotherium, das Urpferd, dessen Nachkommen die Aristokratie der Tiere bilden.

Ferner hat jene Welt auch ihre Rebellen, die aus vergangenen Jahrtausenden stammenden Ungeheuer – die späten Nachkommen vergangener Geschlechter, welche noch immer glauben, daß eine neue Erdrevolution sie wieder zur Herrschaft bringen werde: die Saurier aller Art, die noch Zähne genug haben, nur daß sie damit nicht durch den Panzer der Dickhäuter dringen können, weshalb sie sich in den Gewässern verbergen, unter anderm der Pterodaktylus, mit dem Hals der Schlange, dem Kopf des Krokodils, mit riesigen Fledermausflügeln, mit vier Füßen und Schwimmhäuten zwischen den Zehen; einst herrschte er im Wasser, in der Luft und auf dem Trockenen, jetzt ist er nirgends mehr Herr und durchfliegt bloß in der Nacht die Luft.

Endlich hat die gestrige Welt auch ungeschickte Schadenanrichter, wie das Paleotherium, ein plumper Bursche, welcher die aus seiner Nase emporwachsenden zwei riesigen Hörner dazu benutzt, um die fruchttragende Palme zu entwurzeln, da es sonst kein Mittel hat, um zu der Frucht der Palme zu gelangen.

Unter diesen ist das Mammut berufen, die Ordnung aufrecht zu erhalten.

* * *

Und wo war diese wunderschöne Gegend? Hier, wo wir stehen. Vielleicht im Zsiltale? vielleicht im Orawiczarer Becken? im Fünfkirchner Gebirge? oder im Neograder Gebirgskessel? Hundertundfünfzig Fuß unter dem jetzt grünenden Rasen.

* * *

Das Wehgeschrei des Hylobates schrillt im Urwald. Der Hylobates ist das Faultier der Urzeit.

Er ist genau das Tier von heute, ebenso träge, mit ebenso starken Krallen und ebenso schwachen Zähnen, nur daß es in zwei Klafter langen Exemplaren existiert. Es ist ein unschuldiges Geschöpf, das bloß von Baumblättern lebt. Es bedarf großer Mühe, um auf einen Baum zu klettern, das ist eine ganze Tagreise; es braucht aber noch größere Anstrengung, um wieder herabzugelangen. Es geht nur hinauf, weil es hungrig ist; aber wenn es satt ist, macht es ihm zu große Mühe herabzukommen. Darum bleibt es oben, bis es wieder sehr hungrig wird und ganz abgemagert; dann hängt es sich mit den scharfen Krallen der Vorderfüße an den abgeweideten Baum und baumelt und schreit, als ob es jammern würde, daß jemand sich seiner erbarme und ihm herabhelfe.

Aber es ist auch zu faul zu schreien, nur in der Morgen- und in der Abenddämmerung tut es dies. Heute führt es daher bei den Indern den Spottnamen: »Uhr der Wälder«; es bejammert den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang.

Die Sonne versinkt hinter kahlen Basaltfelsen, welche die Natur noch nicht bekleidet hat und feuerrote Farbe bedeckt den Himmel bis zum östlichen Horizont; dort erhebt sich durch stahlfarbene Dünste, wie in einem Refraktor vergrößert, der Mond mit kupferrotem Gesicht. Vielleicht glühten damals noch die Vulkane desselben? Vielleicht der »Ptolemeus«, der »Hipparch« oder der »Plato«, welche die Astronomen noch vor zweitausend Jahren glühen sahen?

Auf das Geschrei des Faultieres kommt in der Tat ein barmherziges Geschöpf, das ihm helfen will.

Aus dem Dickicht der Wasserzypressen, wo es den ganzen Tag zugebracht hat, bricht das Paleotherium, das Urnashorn, hervor. Seine dicke, rauhe Haut schlottert wie ein weiter Panzer um seinen formlosen langen Leib, vollbehängt mit Sumpfschnecken, welche seine Parasiten sind. Das Ungeheuer ist drei Klafter lang und hat auf der Nase zwei Hörner, deren jedes drei Fuß hoch ist; diese dienen ihm als Waffe, Haue und Schaufel. Denn das Paleotherium lebt von Gras und Graswurzeln. Es verachtet auch die Wassernuß nicht, aber besonders liebt es die guten Früchte des trockenen Landes, wie sie die Nußpalme bietet. Nur daß es nicht hinaufklettern kann. Auch hat es keinen solchen Hackenzahn wie das Dinotherium, um damit die Krone der Palme zu sich herabzuziehen; die Kraft hätte es dazu. Und am Rüssel hat es keinen Finger, um damit aus einer Höhe von fünf Klaftern etwas herabholen zu können. Das größte Uebel aber ist, daß es kurzsichtig ist; es hat schlechte Augen, bei Tag kann es den hellen Glanz nicht ertragen und bei Nacht sieht es die Nuß nicht.

Hingegen hat es einen scharfen Verstand. Es weiß, daß das Faultier nur die Blätter der Obstbäume frißt. Woher weiß es dies? Das ist ein Geheimnis. Darauf kann ich ebensowenig antworten wie darauf, woher der Schmetterling der Ringraupe weiß, daß er seine Eier nicht auf die Zweige des »Moskauer Nalivia« genannten Apfelbaumes legen darf, weil dieser erst Ende Mai ausschlägt und seine Raupen da Hungers sterben würden.

Indes mag das Nashorn aus Erfahrung wissen, daß das Faultier die Palmnüsse nicht frißt, weil dies zu mühsam wäre.

Wenn es daher das Faultier auf dem Baum schreien hört, so weiß es, daß es jetzt seinen »Mann« gefunden und eilt hin, um ihm und sich selbst zu helfen.

Das Faultier, das sich mit seinen starken Krallen an die Krone einer schönen Adansonia gehängt hat, baumelt in der Luft; das Nashorn geht zu der Palme hin und reibt daran zunächst seine Haut. Es tut ihm wohl, sich von den vielen Schnecken zu befreien, die im Sumpf an ihm hängen blieben, wie die Kletten am Schwein. Die Palme und das daranhängende Faultier kommen durch das Reiben in schnelles Schaukeln. Dem Faultier mag diese unwillkürliche schnelle Bewegung gefallen, die ihm gar keine Mühe kostete.

Dann beginnt das Nashorn die auseinanderlaufenden Wurzeln der Palme mit seinen spitzen Hörnern einzelnweise aufzureißen, um dann den ganzen Stamm umzustürzen.

Das ist eine sehr verfehlte Nationalökonomie, die eine ernste Rüge verdient.

Diese Arbeit kostet Zeit. Es wird Nacht und beim Mondschein erscheinen die Bewohner der Nacht.

Es kommt aus seiner Höhle der Rhamphorhynchus, welcher lange Zeit von sich glaubte, daß er auch ein Vogel sei, denn er hat Flügel, Vorderfüße und einen langen Schnabel, aber dazu einen Krokodilschweif und einen Pferdekopf mit langen Ohren; jetzt weiß er nicht, wem er angehört und kommt heraus, um seine Fußspuren in dem nassen Lehmboden anzustaunen.

Es wackelt der verspätete Abkömmling der Pterodaktylen aus dem Sumpf herbei; auf seinem Schwanenhals einen Krokodilrachen aufspannend und läßt seine ledernen Flügel in der Luft rauschen, wie um zu probieren, ob er noch fliegen könne.

Es kriecht der riesige Trionyx ans Ufer, die urweltliche Schildkröte; es ist nicht eben eine Schildkröte, sondern vielmehr eine Schildeidechse, so lang streckt sich der Hals und der spitze schuppige Schweif aus dem harten Panzerschild hervor. Das Tier versucht seine Eier, so groß wie ein Menschenkopf, im Sande zu vergraben, um sie von der Sonne ausbrüten zu lassen.

Diese sind in den Jahrtausenden der Pliozän nur mehr Exilierte.

Aus dem Uferdickicht schleicht, auf dem Bauch kriechend, der nächtliche Räuber, der todbringende Machaerodus herbei, die Riesenkatze, welche den allein gefundenen Elefanten tötet, den Auerochsen zu ihrer Höhle schleppt und mit ihren Feueraugen in Nacht und Dickicht nach Beute ausschaut.

Der Pterodaktylus ist ein guter, fetter Bissen. Seine weiche Haut ist tranicht von den Fischen, mit welchen er sich nährt; aber er läßt sich nicht überraschen. Er hat ein feines Gehör. Er vernimmt das leiseste Geräusch und auf die Bewegung des Tigers wirft er sich in den Sumpf zurück. Seine Flügel eignen sich schon mehr zu Flossen als zu Fittichen.

Aber der Trionix kann überrascht werden, er ist taub.

Der Tiger springt ihm mit einem Satz auf den Rücken, während er eben beschäftigt ist, mit den Hinterfüßen die Eier in den Sand zu vergraben.

Die Urkatze kennt auch das Fleisch dieser Schildkröte, es ist weich und geschmackvoll. Auch die vornehmen Herren lieben es.

Nur daß der Trionix keine solche Schildkröte ist wie die übrigen. Er hat eine Waffe, seinen Schweif. Seinen Kopf und seine vier Füße zieht er rasch unter den Schild zurück und beginnt seinen Angreifer mit seinem schuppigen Schweif wie mit einer Geißel zu peitschen. Der Machaerodus war auf diesen Angriff nicht vorbereitet. Eine andere Schildkröte läßt sich auf den Rücken umwenden und dort, wie aus einer Schüssel, ihren Braten herausschmausen; diese aber weiß zuzuschlagen. Und es ist nicht möglich, die Schläge zurückzugeben. Sie hat einen Panzer, durch welchen keine Kralle dringt. Währenddessen hat das Nashorn die Palme umgestürzt. Das Faultier ist schreiend auf die Erde gefallen und gleich liegen geblieben. Es wartet, bis der Morgen kommt, um dann erst aufzustehen.

Das Nashorn aber fällt über die Datteltrauben der umgestürzten Adansonia und beginnt die süße Frucht zu schmausen, die eisenharten Kerne lustig zerknackend.

Das wilde Raubtier wird auf dieses Geräusch aufmerksam. Was bietet sich ihm dort dar? Die Schildkröte muß es fahren lassen, die ist zu kostspielig; vielleicht ist der andre Fang leichter zu erlangen. Ein Faultier und ein Nashorn. Das Faultier ist ein billigerer, aber schlechter Schmaus; es ist mager, dürr und geschmacklos. Das Nashorn hat Kuhfleisch und seine Tatzen sind ein ganz besonderer Leckerbissen. Aber es ist ein grobes Tier und hat eine dicke Haut.

Indes hat auch das Nashorn den überlegenden Gegner wahrgenommen und es hat die gleiche Gewohnheit wie das Schwein; wenn es einen Feind sieht, so überläßt es ihm nicht den Angriff. Besonders wenn es frißt, will es, daß man es in Frieden lasse und beißt jeden weg, der ihm zuschaut. Es kümmerte sich nicht darum – sieht es ja ohnehin nicht gut, wer dort sein mag, ein wie großes Tier das sei, welches mit den Feueraugen herglotzt. Es weiß wohl, daß es sich vor keinem Tier fürchtet, wenn es demselben entgegentreten kann, darum rannte es geradezu hin.

Der Tiger wartete nicht, bis er niedergerannt wurde, sondern sprang zur Seite und stellte sich dann dem Dickhäuter entgegen, worauf dieser zu seinem unterbrochenen Schmause zurücktrottete und behaglich grunzte.

Aber der Tiger lief nicht davon. Er kam im Dickicht dem Nashorn in den Rücken und sprang ihm, während dieses die süßen Kerne behaglich knabberte, mit einem ungeheuren Satz auf das Genick.

Das Paleotheorium hat eine sehr dicke Haut, aber die Krallen des Machaerodus dringen doch durch dieselbe und seine Zähne finden an den weicheren Stellen der Haut das lebendige Fleisch.

Aber selbst das ist noch nicht die äußerste Gefahr.

Das dickhäutige Ungeheuer läuft mit dem an seinem Rücken geklammerten anderen Ungeheuer in den Sumpf, taucht dort bis auf den Grund des Wassers, und da es länger unter dem Wasser zu bleiben gewohnt ist, als der Räuber des trockenen Landes, so ist dieser schließlich genötigt, den Kampf aufzugeben und hungrig ans Ufer zurückzuschwimmen.

Der Tiger ist wütend über den mißlungenen Versuch. Währenddessen hat sich auch der Trionyx geflüchtet und nichts blieb zurück, als das Faultier.

Nun denn, wenn alle verschwunden sind, so komme du! Der Tiger stürzt sich auf das Faultier.

Dieses flüchtet sich nicht vor ihm. Es liegt da, alle viere von sich gestreckt, sowie es von der Palme heruntergefallen ist.

Aber sowie ihm der Tiger in die Brust beißt, schlingt es alle vier Füße mit ihren eisernen Krallen um ihn und preßt seinen Angreifer mit den harten, aus lauter Sehnen bestehenden Gliedern so fest an sich, daß dieser wie in einen eisernen Block eingeschlossen ist.

Der Tiger sträubt sich wütend und schleudert sich in die Luft. Seine Beute folgt ihm; beißt er das Faultier, so preßt ihm dieses den Hals um so fester zusammen und unter den Krallen desselben krachen ihm die Rippen nicht weniger, wie dessen Knochen unter seinem Biß. Das Faultier ist ein schreckliches Tier, nur bleibt es gern passiv.

Jetzt dröhnt donnerndes Gebrülle in den Kampf hinein. Als ob der Sturm in eine riesige Trompete stoßen würde.

Die beiden kämpfenden Gegner lassen erschreckt einander fahren. Der Machaerodus springt auf; selbst das Faultier stellt sich auf die Beine und lehnt sich träge an einen Baumstamm.

Auf dem durch den Urwald gebrochenen Wege zwischen den aus Palmen und Pinien gebildeten Wänden nähert sich eine würdevolle Gestalt, der König der Pliozän, das Mammut.

Ein wahrer König!

Eine vier Klafter hohe Gestalt, ein ungeheurer Körper, ein starker Kopf, eine breite, gewölbte Stirne. Seine zwei Hauer sind, wie die des Elefanten, waldhornförmig nach oben gebogen; sein Rüssel gleicht ebenfalls dem des Elefanten; aber außer seiner zweimal so großen Gestalt unterscheidet sich das Mammut von jenem auch durch das dichtere Haar, mit welchem es bedeckt ist; von der Stirne angefangen den ganzen Rücken entlang ist es von einer dichten, nach beiden Seiten herabwallenden Mähne bedeckt, welche der ganzen Gestalt einen furchtbaren, erhabenen Charakter verleiht. Zwischen dieser dichten, zottigen Mähne sitzen gleichsam als dauernd angestellte Höflinge die Silberreiher, welche von Sr. Majestät die lästigen Insekten fernhalten.

Die Bahn, welche der Mammutzug gebrochen, führt zu einem Süßwasserbach, der sich von der Wildnis in den Teich ergießt. Hierher pflegen die Kolosse der Urwelt in der Nacht zu kommen.

Voran geht der Führer und hinter ihm folgen auf dem schmalen gestampften Wege noch vierundzwanzig ähnliche Riesen.

Sowie der Machaerodus, von der hartnäckigen Umarmung seines Gegners befreit, seinen schrecklichen Fürsten vor sich erblickt, stürzt er ihm entgegen, von Hunger gestachelt und von blinder Wut über die erlittenen Schlappen getrieben. Er will sein Blut trinken. Er will sich für den Aerger, den ihm die elenden kleineren Geschöpfe bereitet, an dem größten, dem gehaßtesten rächen.

Seine ganze Kraft zusammennehmend, seine stählernen Sehnen aufs höchste anspannend, machte er einen Satz, um dem ernst blickenden Koloß auf den Kopf zu springen.

Das Mammut erhebt vor dem auf ihn losstürzenden ergrimmten wilden Tiere ruhig und ohne Aufregung den Rüssel, und als dieses mit einem wütenden Sprung ihm nach dem Kopf flog, ringelte es ihm rasch wie der Blitz den Rüssel um den Leib und schleuderte es von sich auf den Boden.

Und dann setzte es seinen schrecklich schweren Fuß auf den Kopf des betäubten wilden Tieres. Einen Augenblick hielt es unbeweglich. Dann drückte es mit seiner ganzen Schwere darauf und schritt weiter. Es sah sich nicht einmal mehr um. »Du warst und bist nicht mehr!« – Der zerschmetterte Schädel des grausamen Bluttrinkers lag samt der Spur des Mammutfußes in den weichen Boden eingedrückt.

Die ganze Schar der Kolosse schritt auf dem Palmenwege im Mondschein zu den süßen Wassern hin.

Als sie auf jene zerstampfte Stelle gelangten, wo das Rhinozeros die Palme umgestürzt, wo der Tiger mit dem Rhinozeros gekämpft, wo das Faultier und seine Gegner sich auf dem Boden umhergewälzt hatten, stieß das führende Mammut mit dem Fuß an den Stamm der ausgerissenen Adonsonia.

Wie ein leichtes Rohr hob es denselben vor seinen Gefährten mit seinem Rüssel empor und ließ seinen brüllenden Ton hören.

Das Gebrüll seiner Gefährten war die Antwort darauf.

Der auf frischer Tat ertappte Uebeltäter!

Hier ist der Palmenvernichter, der Zerstörer der Obstbäume, der böse Feind der Republik!

»Er wird bestraft werden!« Das war das allgemeine Gebrülle.

Die schrecklichen Kolosse stellen sich auf der zerstampften Stelle zusammen und murmelten etwas untereinander. Sie vereinigten sich über einen Schlachtplan.

Dann brach ein Teil nach rechts, ein andrer nach links auf. Einige blieben mit dem Führer an Ort und Stelle.

Kurze Zeit darauf ließ sich das kurze Signal der Entfernten vernehmen.

Darauf gingen sie alle nach dem Sumpf hin und wateten bis zum Genick hinein.

Der Verbannte, zu dessen Verfolgung die Gesellschaft aufgebrochen war, schlief auf der Sumpfinsel im Bambusgesträuch und es tat ihm wohl, die Wunden, die ihm der Tiger mit seinen Krallen in den Rücken geschlagen, im lauen Wasser zu baden.

Aus dem schrillen Sturmgeheul rings um ihn entnahm er, was gegen ihn im Anzug sei.

Davor fürchtet er sich nicht!

Seine Familie herrscht nicht; sie ist nicht zahlreich und nicht zusammenhaltend. Er geht nicht einmal zu zweien umher. Aber auch allein fürchtet er sich vor niemandem.

Er weiß wohl, daß das Mammut eine viermal größere Masse ist als er. Das kümmert ihn nicht. Er weiß, daß das Mammut in Scharen umherzugehen pflegt. Mögen sie kommen! Wenn sie auch zu vierzig kommen, so bricht er dennoch dort zwischen ihnen durch, wo es ihm gefällt. Er ist ein dreimal besserer Läufer als das Mammut. Ihn kümmert es nicht, daß jenes der König ist; dieses muß dennoch sterben, wo er ihm begegnet. Er läuft unter ihm durch, stößt ihm seine Hörner in den Bauch, bringt es zum Sturz und schreitet darüber hinweg. Das Mammut kann ihm weder mit seinen Hauern noch mit seinem Rüssel etwas anhaben.

Aber auf diese neue Kriegslist war das Ungeheuer nicht gefaßt. – Das Mammut kommt mitten durchs Wasser, seinen Verfolgten anzugreifen. Und das Wasser verändert die Proportionen.

Auf dem flachen Boden kann der Angegriffene besser laufen als sein Gegner, im Wasser sind sie gleiche Schwimmer.

Auf dem trockenen Lande kann er dem Feinde unter den Bauch kommen, im Wasser sind die beiden Gegner mit den Köpfen in gleicher Höhe einander gegenüber.

Taucht er unter, so verliert sein Stoß im Wasser die Kraft, er hat keinen festen Boden unter sich, auf den gestützt er seinem Stoß nach oben mehr Gewalt geben kann.

Und dann sind fünfundzwanzig gegen einen.

Das Paleotherium bemerkte, daß es einen sehr ungleichen Kampf angenommen habe. Seine Gegner bildeten einen Kreis und schwammen mit hocherhobenen Rüsseln auf ihr Ziel los; mitten im Kreise war es wahrzunehmen, wie das Paleotherium im Zickzack hin und her eilte, einen Ausweg suchend, indem es den zweihörnigen Rüssel aus dem Wasser hob und aus den Nüstern Wasserstrahlen spritzte.

Es versuchte den Kreis zu durchbrechen und stürzte geradezu auf den nächsten Gegner los. Dieser ließ es ruhig nahekommen und in dem Augenblick, wo es vor ihn hingelangt war, drückte er es mit einem Schlage seines Rüssels unter das Wasser.

Das Paleotherium nahm hydrostatische Lektionen. Die unter dem Wasser wirkende Muskel ist gelähmt, die über dem Wasser wirkt mit voller Kraft. Das Gewicht des im Wasser schwimmenden Tieres ist ein Gran.

Und als das Paleotherium wieder emportauchte, war ihm schon wieder ein andrer Gegner gegenüber und drückte es mit einem Schlage unter das Wasser.

Es war gewohnt, minutenlang unter dem Wasser zu sein, aber fortwährend unten zu bleiben, ohne zu atmen, dazu waren seine Organe nicht eingerichtet.

Seine Gegner aber ließen es keinen Augenblick auf der Oberfläche des Wassers bleiben; so eng hatten sie bereits den Belagerungsrayon gezogen, daß das Paleotherium fortwährend zwischen ihnen zappelte. Unaufhörlich drückten sie es unter das Wasser. Stundenlang, bis zum Anbruch des Morgens, kämpften sie so mit ihm. Endlich tauchte das Paleotherium mit dem Bauch nach oben auf die Oberfläche des Wassers empor.

Da erhoben die Mammuts mit schmetterndem Triumphgebrülle ihre Köpfe und schwammen aus dem Wasser, den toten Gegner sich selbst überlassend.

Das klagende Geheul des Hylobates verkündete vom Walde her den Morgen. Das Faultier stand auch jetzt noch dort mit den Vorderfüßen an den Baum gelehnt; es hat seitdem noch keinen Schritt getan.

* * *

Nachdem Ihre Majestäten die äußeren und inneren Feinde der Gesellschaft so glänzend besiegt und die im Finstern schleichende Verschwörung in deren Höhlen zurückgescheucht hatten, hielten sie ein feierliches »Tedeum«, die aufgehende Sonne mit mächtigem Trompetengeschmetter begrüßend und dann befriedigten sie ihren allerhöchsten Durst mit dem klaren Wasser des Baches.

Bis zum Mittag sahen sie nach ihrer Zivilliste. Sie halten keine Steuereinnehmer, sie werfen selbst das Laub von den Bäumen und pflücken selbst die Rispen des Knöterichs, mit welchen sie ihre Tageszulagen decken. Ein Defizit kommt niemals vor.

Mittags, wenn die Sonne heiß niederbrennt, wenn die Leibgarde der ihnen fortwährend auf dem Rücken sitzenden Silberreiher nicht mehr imstande ist, die lästige Schar der unverschämten Bremsen und Wespen von Ihren Majestäten abzuwehren, ziehen diese sich in ihre fürstlichen Lauben zurück und halten Siesta.

Diese Laube ist ein großer runder Platz, welchen die Mammuts mit ihrem Besuch im Dickicht der Palmen und Teebäume ausgetreten haben; die riesigen Kronen der ringsumher stehenden Bäume überwölben denselben mit einer grünen Kuppel, die auf tausend lebenden Pfeilern ruht mit den korinthischen und brahmanischen Kapitalen der Palmen und des Equisetum.

Das ist der königliche Palast.

Ihre Majestäten genießen durch ihre langen Rüssel die mit Blumenduft geschwängerte Lebenslust, welche die Wälder atmen. Daher mögen die indischen Sultane die Idee des Nargileh geschöpft haben.

Sie verbringen die Zeit mit gemütlicher Zerstreuung.

Es erscheinen vor ihnen die Histrionen der Urwelt, die vierhändigen Pithekus und Satyre und produzieren mit ihren seltsamen Sprüngen eine Pantomime. Es befinden sich unter ihnen große Akrobaten und berühmte Jongleurs, welche Nüsse in die Lüfte schleudern und wieder auffangen. Ihre Clowns sind alle ausgezeichnet. Die Gesellschaft führt auch einen Wunderdoktor mit sich; der Karko kennt die Baumblätter, welche zerkaut schwärende Wunden heilen. Bei Künstlern ist dies notwendig.

Dann kommen die Sänger. Die Nachtigall der Urwelt, deren Gefieder das des Paradiesvogels an Pracht übertrifft, der Flötenvogel, die Pfauenschweifamsel lullen mit ihrem Konzert Ihre Majestäten in süßen Schlummer, während im flaumigen Nest zwischen sich schaukelnden Aesten ein Taubenpaar, himmelblau, mit goldgelben Schopf ein Liebesidyll produziert, der bunte Schwarm der Schmetterlinge dazu ein feenhaftes Ballabile tanzt und die zwischen dem Laub durchdringenden goldenen Sonnenstrahlen die Beleuchtung dazu schaffen.

Alles überschreien sodann mit ihrem betäubenden Gekreisch die »Stände und Klassen« der auf den Aesten sich wiegenden Kakadus. Es sind unverwüstliche Redner. Sie halten einen wahren Landtag. Ihre Majestäten lassen sie reden, und sanft schlummernd tun sie, als ob sie diesen Ausbrüchen der Beredsamkeit des Argustruthahns ihre ernstliche Aufmerksamkeit schenkten.

Bald kommt auch einer, der Beschwerde führt und den man zu Ende hören muß. Der trunkene Halmaturus klettert zwischen dem Geäste nahe heran und schreit kläglich, was er auszustehen habe, daß er auf Tagewerk gehen und dabei seine beiden Jungen im Beutel herumtragen muß, bis sie heranwachsen. Ihr Majestäten trösten ihn huldvoll: aufs Jahr werde es anders sein.

Dann kommt, auf dem Bauch kriechend, der gepanzerte Glyptodon, der Ameisenbär hinzu und bittet Ihre Majestäten, sie mögen ihm gestatten, ihre Füße zu lecken, erstens wegen der großen Ehre und zweitens wegen der schönen großen Ameisen, von welchen ihre Füße voll sind. Ihre Majestäten senken zum Zeichen der Genehmigung huldvoll ihre Rüssel.

Dann untersuchen sie die Fortschritte der Industrie. Sie sehen nach, wie weit schon die Bauameise in der Aufführung ihres Wunderbazars gekommen sei, das wievielte Stockwerk sie schon aufgesetzt habe – aus feinem festen Ton und Kalk, mit tausend Gängen und Millionen Zimmern. Diesen Bau wird die Nachwelt bewundern. Und das wievielte Dach hat die Wespe bereits an ihrem ungeheuren Pavillon gezimmert? Ein wunderbarer Handwerker, der so ohne Werkzeug und ohne Hand arbeitet. Er verdient den Nummulithus erster Klasse.

Ebenso gebührt das auszeichnende Kreuz der gewerbfleißigen Weberin, der Spinne, die so ausgezeichnete Stoffe aus gedrehter Seide anzufertigen versteht, welche sie rings um den königlichen Palast zwischen den Zweigen ausspannt, damit die zudringlichen Fliegen und Bremsen darin hängen bleiben. Hierfür gebührt ihr wirklich das Verdienstkreuz »honoris causa«

Schlangen gibt es noch nicht. Sie sind unsere Zeitgenossen. Wir erst haben den Teufel erfunden. Das Mammut hatte mit ihm noch nichts zu tun.

Nach vollendetem Tagewerk und nachdem die Zerstreuung, vorüber ist, brechen Ihre Majestäten mit dem ganzen Hofstaat zu der Salzquelle auf, aus welcher ein Trunk zur Verdauung notwendig ist.

Das Salz ist auch schon zu jener Zeit königliches Eigentum; es wird an der Quelle durch einen eignen Vorposten bewacht, und für das große Publikum nur im Becken des Salzsees verteilt, und muß mit einem gewissen Prozent von Rippenstoßen bezahlt werden.

Hier bei diesem »süßen«, wenn auch salzigen Genuß wird der Abend erwartet, nach dessen Anbruch die die Nacht erhellenden »Lampyris« hervorkommen, und unter Mitwirkung der musizierenden Zikaden den ausgezeichnetsten Rednern unter den Papageien eine Fackelserenade darbringen.

Der nachterfüllte Wald bevölkert sich mit fliegenden Sternen, und in den Augen Seiner Majestät ist dies die Illumination zur Feier des heutigen siegreichen Tages.

* * *

Aber warum mußte diese schöne Welt zugrunde gehen? Weil noch etwas fehlte.

Die Natur hat ihre ewigen Gesetze, welchen selbst die schaffende Kraft nicht zuwider handeln darf.

Die schaffende Kraft hat bereits die Oberfläche der Erde schön, reich, entzückend gestaltet. Diese Formation hatte eine prächtige Pflanzenwelt, wunderbare Tiere und ihre festgesetzte Ordnung.

Und dennoch mußte dieses ganze Bild von der Tafel weggewischt werden, weil ein Wesen darin vergessen war.

Es ist das Wesen, welches die Bestimmung hat, die Bäume zu verwüsten.

Sein Name ist: Mensch.

Die Lust zu prahlen wird ziemlich abgekühlt durch das Bewußtsein, daß die Welt zunächst deshalb des Menschen bedurfte, damit er die Bäume verwüsten helfe.

Das war auch seine erste Arbeit.

Sowie der Mensch den ersten Stein zu einem Beil schärfen gelernt hatte, begann er damit die Bäume auszurotten, und der erste Mensch, der noch nackt ging und sich keine Hülle weben konnte, baute schon sein Haus auf Pfählen.

In der Pliozän verzehrte kein Tier einen Baum. Die Bäume wuchsen aufeinander. Die Schichten der sechshundert Fuß unter der Erde begrabenen Wälder beweisen, daß Jahrtausende lang ein Wald auf den Stämmen des andern erwuchs und wieder von einem nachfolgenden begraben wurde.

Der Ueberfluß an Wäldern hatte noch eine andere Folge.

Jedermann weiß, daß das Baumblatt eine umgekehrte Tierlunge ist. Die Lunge nährt sich mit Sauerstoff und atmet Azot aus, das Baumblatt aber saugt das Azot auf und atmet Sauerstoff aus.

In der Urwelt gab es also tausendmal mehr Sauerstoff als jetzt, die Atmosphäre bestand beinahe ganz daraus. Die Menge der Tiere war nicht imstande den Sauerstoff zu konsumieren, die Lebenstätigkeit der Pflanzenriesen überwog die der Tiere.

Der Sauerstoff ist die Luft der tierischen Wonne. In ihm ist die Blutzirkulation rascher, jede Regung lebhafter; durch das Einatmen des reinen Sauerstoffes werden alle Nerven in ein Gefühl von Wollust versetzt, wird die Seligkeit des Körpers erweckt; der Sauerstoff würde den Menschen in eine fortwährende Ekstase versetzen, welche den Körper und die Seele in einer ununterbrochenen irdischen Wonne verzehren würde.

Wer hat es nicht schon gesehen, daß im Sauerstoff unter einer Glasglocke der Zunder mit einer Flamme brennt, daß die Kohle funkensprühend wie ein Meteor verflackert, daß im Sauerstoff entzündeter Phosphor ein blendendes Licht verbreitet, und die blaßblaue Flamme des Schwefels Diamantstrahlen verbreitet?

Und jetzt denken wir uns die ganze Atmosphäre bis hinauf zu den Lämmerwolken voll von Sauerstoff.

Da braucht ja nur ein einziger Baum in einem Walde in Brand zu geraten, damit die Welt plötzlich rettungslos in Flammen aufgehe.

Indes machen die Tiere kein Feuer an; unter ihnen befindet sich kein Prometheus, und von selbst entzündet sich ein Baum nicht.

Der Blitz hat wohl auch damals gezündet wie heute, nur war der damalige Regen nicht so wie der heutige. Es war ein aus dem Himmel herabstürzendes Meer, und das vom Blitz entzündete Feuer wurde sogleich gelöscht.

Auch das Feuer der Vulkane findet nichts, was es in Brand hätte stecken können. Rings um die Vulkane ist die Gegend kahl.

Aber auch bei heiterem klarem Wetter kann auf der Erde ein Feuer entzündet werden – durch die »Feuerkugel«.

Es ist dies eines jener mit einem Flammenschweif versehenen Meteore, welche in der St. Lorenznacht schwärmen, die regelmäßig am 13. November wieder zum Vorschein kommen, die Erdbahn durchkreuzen und uns immer wieder begegnen.

Freilich kommt es unter zehntausendmal einmal vor, daß eines dieser Meteore auf die Erde herabfällt. Und von zehntausend solchen auf die Erde herabfallenden Meteoren mag vielleicht nur eines zufällig auf einen Gegenstand fallen, der sich dadurch entzünden kann. Aber ein solcher seltener Fall kann doch einmal vorkommen. Vor 34 JahrenDer vorliegende Roman erschien 1870. wurden die Dächer in Belmont durch eine solche Himmelsfeuerkugel in Brand gesteckt, und vor 23 Jahren wurde das Dorf St. Paul durch ein solches himmlisches Feuer in Asche gelegt.

Also ein solcher hundertmillionster Meteorfall steckte in einem der späteren Jahrtausende der Pliozän den Wald in Brand, und damit ging die ganze Pflanzenwelt der Erde in Flammen auf.

Die Nacht wird zum Tage! Im Sauerstoff brennen ja Sägespäne glänzend wie Sterne, wie erst ein ganzer Wald, der Ambra und Harz ausschwitzt, und der sich mit einer zwei Meilen hohen Sauerstoffatmosphäre umgeben hat.

Die Flammenmeere schlossen sich ringsumher aneinander an, und die himmelanreichenden Flammenwirbel schlugen von einem Kontinent auf den andern über.

Die Tiere flüchteten sich in die Sümpfe, Flüsse, Meere, auf die Eisgefilde Sibiriens, in die waldlosen, steinigen Wüsten Asiens, Afrikas.

Der Weltbrand drang bis zu den Polen; jeder Hauch des Passats und des Monsun jagte Feuerwolken vor sich her; die seit Jahrtausenden aufgetürmten Eisberge begannen unter dem Feuersturm plötzlich zu schmelzen; die schreckliche Flut wälzte sich auf einmal herab, wie ein von Gott entfesseltes wütendes Meer, trieb entwurzelte Berge, aufgeschwemmte Länder vor sich her, überschwemmte Täler, erfüllte Gebirgsschluchten mit Schlamm, häufte in hohen Bergeinschnitten Seemuscheln auf und begrub die zertrümmerten brennenden Wälder unter Felstrümmern.

Wenn damals im Jupiter, dessen Bewohner uns in der Kultur gewiß weit voraus sind, ein Tycho de Brahe am westlichen Himmel zufällig einen neuen Stern erblickte, der plötzlich glänzender erstrahlte als der Syrius, und der sich dann allmählich verdunkelte, sich im Dunkel der Nacht verlor, ein Stern dritter Größe wurde: so war dies die Erde.

Das zerschmolzene Eis des Pols löschte die brennende Welt und bedeckte sie mit einer neuen glatten Hülle.

Die Astronomen des Jupiter mögen mittels ihrer großen Refraktoren (sie sind uns in dieser Beziehung gewiß voraus) staunend gesehen haben, wie der vor kurzem noch mit grünen Flecken bedeckte nahe Planet auf eine Meile in eine strahlende Sonne, und dann wieder in eine stahlglänzende, ganz glatte Kugel sich verwandelte, die nur am Pol zuweilen mit einem Nordlichtkranz umgeben ist.

Das nun entstandene neue Blatt war die letzte Erdformation.

Auf diese Tafel ist unsere Welt gezeichnet.

Wieviel Jahre dazu nötig waren, bis aus dem neuen Schlamm der erste Grashalm hervorsproß? Und welch ein Zeitraum zwischen dem ersten Grashalm und dem ersten Menschen liegt – dem Menschen, der nichts weiß, nichts kann, der nackt geboren wurde, der ohnmächtig war und alles entbehren mußte?

Unter der Tonschicht liegen die Mammuts, die Dinotherien, die Mastodons, die Machaerodus; die ganze Erde ist mit ihnen bestreut. Es gibt kein Land, wo man nicht über ihnen wandelt.

In riesigen Höhlen liegen ihre Knochen zusammengehäuft und schlammbedeckt, Raubtiere und Grasfresser untereinander gemengt, welche nur der Schrecken des Jüngsten Gerichts und das Entsetzen des Feuersturmes hierher zusammentreiben konnte, denn vor einer Sintflut hätten sie sich nicht in Höhlen flüchten können.

Und tief unter uns liegt die ganze botanische Sammlung der Urwelt – an manchen Stellen in fünfzig Fuß dicken Schichten; die riesigen Wälder der Urwelt, in welchen man vierhunderterlei verschiedene Arten gezählt hat, die Palmen und Pinien, die Farnkräuter und Eichen, und die Pflanzen, die heute keinen Namen mehr haben. Alle zusammen nennt man: »Steinkohle«.

Die Steinkohle ist die versteinerte Flora der gestrigen Welt..

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