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Patsch und Tirili

Otto Julius Bierbaum: Patsch und Tirili - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas höllische Automobil
authorOtto Julius Bierbaum
year1905
publisherWiener Verlag
addressWien und Leipzig
titlePatsch und Tirili
pages17
created20100726
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Otto Julius Bierbaum

Patsch und Tirili

 

 

Wiener Verlag
Wien und Leipzig
[1905]

 

 

Als ich Patsch das erste Mal bestieg, erfüllte mich ein Hochgefühl. Das ist doch Rasse, sagte ich mir; man spürt die adlige Herkunft und sichere Tradition; kein aufdringliches Geräusch, kein saloppes Wackeln; alles sitzt fest, hat die richtige Spannung, aber auch die entsprechende Federkraft; er gehorcht dem leichtesten Druck mit ebensoviel Folgsamkeit wie Intelligenz; was etwa noch fehlt, wird ihm ein bißchen Erziehung sicher beizubringen wissen.

Ich hatte damals freilich nur böse Erfahrungen hinter mir. Das klapprige Ding, dem ich mich als banger Eleve hatte anvertrauen müssen, war durch schlechte Behandlung völlig verdorben und um alle Seele gebracht worden. Man hätte es eine Maschine nennen können, wenn es nicht zuweilen doch noch Spuren von Charakter gezeigt hätte. Freilich von schlechtem. Es war boshaft, heimtückisch, niederträchtig. Im allgemeinen heuchelte es Phlegma – wenn es nicht einfach 86 Faulheit war – und tat so, wie wenn es nichts könnte, als stumpfsinnig seinen Trott gehen, geduldig, sanftmütig, schwerfällig, aber verlässig. Doch plötzlich, während man sich keiner Überraschung versah, fiel es ihm ein, Mätzchen zu machen. Wie von einem bösen Geist besessen, begann es zu rennen, zu rasen und hörte mit diesen infamen Tücken nicht eher auf, als bis es mich gegen eine der Säulen, die recht überflüssiger Weise in der Radfahrschule herumstanden, geworfen hatte. Dann lag es wie ein Bild hilfloser Unschuld neben mir, und nur seine Pedale zitterten vor innerem Triumphgefühl über den glücklich gelungenen Streich.

Dabei will ich gar nicht davon reden, daß es ein wahres Jammerbild und in jeder Hinsicht verkommen war. Ich finde zu seiner Kennzeichnung nur das eine Wort: gemein, und man wird es verstehen, wenn ich bekenne, daß ich dieses Wesen aus voller Seele gehaßt habe. Es war besserer Gefühle ebensowenig würdig wie fähig. Genug von ihm.

Ich sagte schon, daß Patsch mir nach dieser Kreatur, deren Namen ich nicht einmal weiß, einen 87 blendenden Eindruck machte. Da er von guter Herkunft, Cleveland, Mittelsorte, ist, so kann das nicht weiter in Erstaunen versetzen.

Das Jahr 1898 war überdies ein besonders guter Jahrgang für die Clevelands. Aber das will im allgemeinen doch nicht viel sagen. Gewiß, der Durchschnitt dieser Rasse ist immer gut, trefflich, in einem gewissen Sinn tadellos – aber auch nicht mehr. Die Clevelands sind im allgemeinen wie gut gedrillte Soldaten – sie leisten das und das, und zwar nicht wenig, was ihnen eben beigebracht worden ist, immer ungefähr einer wie der andere ohne viel individuelle Einzelzüge – es sind Amerikaner. Selten, daß ein niederträchtiges Subjekt unter ihnen vorkommt, selten aber auch, daß besondere Persönlichkeiten hervorragen. Ich halte das natürlich für einen Vorzug der Rasse, aber immerhin, nicht wahr, wenn einem gerade ein besonders begabtes Individuum zufällt, so ist das nicht unerfreulich.

Nun! Patsch war so ein Individuum. Er war entschieden über den Durchschnitt begabt, und ich würde vielleicht überschwenglicher über ihn urteilen, 88 wenn ich nicht das unerhörte Glück gehabt hätte, nach ihm Tirili zu erwerben.

Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist, weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim wichtiger, als der Weg – denn es gibt überhaupt nichts 89 Wichtigeres auf der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also ultima ratio: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die Seligkeit 90 mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden Feuerrädern auftat – da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Patsche, o du Wunder von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch; die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren zerschlitzt.

Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr 91 pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach Hause.

Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteh es sich von selbst, daß es wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt. Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick. So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.

Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend Tücken gerächt hätte, und siehe da – was ist das für eine Weltordnung! – ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.

Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie 92 ist einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz aus Hartgummi und ölt sich selbst.

Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus – ich kann mir nicht helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.

Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.

Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin. Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich mit Tirili passiert ist.

93 Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden, wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich richteten.

Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles war, 94 und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt meines Dramas glatt und con amore abspielte. Dieses Schauspiel interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen auszusetzen – da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe der wunderbaren Röllchenbremse 95 gelang es mir, einige Wände ohne Unfall hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.

Ich sause also hinunter und komme plötzlich in eine Klamm, die, rechts und links von senkrecht aufragenden Felsen eingeschlossen, nur oben Raum für einen ganz schmalen, überdies völlig beeisten Weg bot. Ich hatte meine Beine auf die Lenkstange gelegt und hielt die Arme verschränkt, wie ich immer zu tun pflege, wenn ich mir sagen muß: hier kann nur Tirili allein helfen.

Da, denken Sie sich meinen Schreck, sah ich am Ende der Klamm einen dicken Bauern auf mich zukommen, dessen breite Figur den Weg völlig einnahm. Einen Moment kam mir der idiotische Gedanke, zu läuten, aber da war ich auch schon – ja, wie soll ich nun sagen: über den Bauern weg oder durch den Bauern durchgefahren? Ich muß unbedingt an die letztere Möglichkeit glauben, denn ich bin mir 96 durchaus nicht bewußt, daß wir, Tirili und ich, über ihn weggesprungen sind. Andrerseits war freilich an mir und dem Rad nicht das geringste zu sehn, das darauf hätte hindeuten können, daß wir durch einen leibhaftigen Bauern hindurchgefahren waren. Aber, wenn Sie die Schnelligkeit bedenken, mit der dies offenbar geschehen war, so ist dieser Nebenumstand ja nicht weiter verwunderlich. Auf alle Fälle ersuche ich Sie, nicht auf die Idee zu verfallen, ich hätte den Bauern überfahren. Einen so häßlichen Gedanken müßte ich auf das bestimmteste zurückweisen; ich überfahre nie jemand, sei es Bürger, Bauer oder Edelmann.

In weniger Zeit, als Sie gebraucht haben, dieses kleine Abenteuer anzuhören, befand ich mich danach auf der Landstraße zwischen Planegg und München, und zwar der Stadt schon sehr nahe. Tirili verlangsamte ihre Gangart, und wir bummelten in dem Tempo dahin, das ich immer für das beste zum Dichten von Elegien erfunden habe. Ich begann sofort eine in sechsfüßigen Jamben auf das goldene Haar meiner Geliebten. Schon war ich am Ende 97 des Gedichts angelangt, an diesem höchst wirkungsvollen Schluß, wo ich es mir als seligsten Tod wünsche, mich an diesen goldenen Strähnen aufzuhängen – da kommt mir dieselbichte Geliebte höchstselbst entgegen, und zwar auf einem schneeweißen Zelter – ich darf in diesem Zusammenhang dieses poetische Wort anwenden. Sie können sich meinen süßen Schrecken denken! Aber kaum hatte ich sein holdes Rieseln durch das Rückenmark gekostet, da kam ein gallebitterer Schrecken hinterdrein: Hölle und Teufel – ein Galan ritt neben ihr, ein schwarzes, hakennasiges Herrchen in einer grünen Weste auf einem riesigen Fuchs. Meine Eitelkeit zischelte mir zu: welche Figur wirst du neben der Hakennase spielen, die auf einem hohen Gaul sitzt, während du auf einem Rad hockst, und wäre es auch Tirili, die Unvergleichliche. Und ich gedachte, mich rechts in die Büsche zu schlagen. Aber da waren die beiden auch schon da, und ich mitten zwischen ihnen, und ich reichte meiner Königin die Hand.

Wie ist das nur möglich, dachte ich mir, daß ich 98 diese holde Hand im grauen Reithandschuh von Tirilis Sattel aus so leicht erreichen konnte – da merkte ich, daß ich mich mit der Hakennase in gleicher Höhe befand, und das Herrchen sagte etwas von einer famosen Isabelle, auf der ich ritte. Der Mensch sah Tirili für eine falbe Stute an. Das muß von der Farbe der Spelgen Tirilis herkommen, anders kann ich es mir nicht erklären. Aber die Höhe! Die Höhe! Und Tirili kann doch nicht wiehern! Mir war zumute, wie wenn ich der Held in einer Geschichte von E. T. A. Hoffmann wäre, und ich freute mich, als die beiden sich mit den Worten verabschiedeten: »Mit Ihnen kommt man ja doch nicht mit!« Kaum waren diese Worte verklungen, da sah ich, daß ich an meinem Hause angekommen war. Es war genau eine Stunde seit Beginn meiner Ausfahrt vergangen, und man sah Tirili durchaus nicht an, daß wir auf der Zugspitze gewesen waren.

Sind Sie paff? Ich bin es nicht. Ich erlebe täglich solche Sachen mit Tirili. Pegasus mit den Gänseflügeln war ja zu jenen zurückgebliebenen 99 Zeiten ein ganz passables Reitpferd für Dichter, aber wenn Pindar heute nochmals geboren würde – auch er würde einen Cleveländer vorziehen. Meine Tirili kriegt er aber nicht.

 


 








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