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Onkel Bernac

Arthur Conan Doyle: Onkel Bernac - Kapitel 1
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authorArthur Conan Doyle
titleOnkel Bernac
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorVictor Eltz
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Arthur Conan Doyle

Onkel Bernac

Erstes Kapitel.

Die französische Küste.

Ich hatte den Brief meines Onkels wohl hundertmal gelesen und konnte ihn fast auswendig. Und doch zog ich ihn jetzt, auf dem Schiffe, wieder aus der Tasche, um ihn nochmals mit größter Aufmerksamkeit durchzulesen, als wäre es das erstemal. Die gezierten, spitzigen Schriftzüge mochten von der Hand eines Landadvokaten herrühren, und die Adresse lautete: Monsieur Louis de Laval, zu Händen des Mr. William Hargreaves, Wirt zum grünen Mann in Ashford, Kent.

Mein Quartiergeber bezog nämlich große Mengen geschmuggelten Branntweins von der normannischen Küste; und durch Schmuggler hatte auch dieser Brief heimlich den Weg zu ihm gefunden.

»Mein lieber Neffe,« so las ich, »jetzt, da Dein Vater tot ist, und Du in der Welt allein stehst, wirst Du unseren alten Familienzwist wohl nicht weiterzuführen gedenken. Zur Zeit der großen Unruhen stellte sich Dein Vater an die Seite des Königs, mich aber zog es zu dem Volke hin. Was weiter geschah, weißt Du. Dein Vater mußte fliehen, und ich wurde Besitzer seiner Güter in Grobois. Es mag Dich betrüben, Dich in so veränderten Verhältnissen Deinen Vorfahren gegenüber zu befinden; aber lieber als in fremden Händen wirst Du sicherlich die Ländereien in meinem Besitze wissen. Bei dem Bruder Deiner Mutter wirst Du ja immer Liebe und Entgegenkommen finden.

Und nun will ich Dir einen guten Rat geben. Ich war, wie Du weißt, immer Republikaner; aber gegen das Schicksal kann man nicht ankämpfen, und Napoleons Macht ist nicht mehr zu erschüttern. Deshalb suchte ich mich ihm nützlich zu machen. Mit gutem Erfolge. Er ist mir wohlgesinnt und gewiß auch zu Gegendiensten bereit. Wie Du wohl erfahren hast, befindet er sich augenblicklich mit seiner Armee in Boulogne, wenige Meilen von Grobois. Wenn Du hierher kommst, wird er gewiß mit Rücksicht auf die Verdienste Deines Oheims die Feindschaft gegen Deinen Vater vergessen. Zwar steht Dein Name noch auf der Liste der Proskribierten, aber mein Einfluß auf den Kaiser wird die Sache rasch in Ordnung bringen. So komm denn sofort in vollem Vertrauen auf Deinen Onkel Bernac.«

Mehr noch als der Brief selbst gab mir dessen Umschlag zu denken. Die roten Wachssiegel an den Enden zeigten den Abdruck grober Handlinien. Offenbar hatte mein Onkel statt eines Siegelringes den Daumen benutzt. Und oberhalb des einen Siegels standen hastig hingekritzelt die englischen Worte: Kommen Sie nicht! Ob von weiblicher oder männlicher Hand, war nicht zu erraten; aber sie standen da, ein unheimlicher Zusatz zu der freundlichen Einladung.

Kommen Sie nicht! War mein Oheim plötzlich anderen Sinnes geworden? Kaum; warum hätte er dann den Brief überhaupt abgesandt? Oder wollte mich jemand anderes vor dem Besuche warnen? Der Brief war französisch, die warnenden Worte englisch. Vielleicht waren sie gar erst in England hinzugefügt worden. Aber die Siegel waren ja unverletzt; und in England konnte niemand von dem Inhalte des Briefes wissen.

Das Schiff stach in See; die geschwellten Segel über mir, die rauschenden Wellen an meiner Seite, rief ich mir alles ins Gedächtnis, was ich in früheren Zeiten über meinen Oheim gehört hatte.

Mein Vater entstammte einer der ältesten und stolzesten Adelsfamilien Frankreichs; seine schöne, tugendhafte Gattin war ihm nicht ebenbürtig. Sie selbst gab ihm niemals Anlaß, seine Wahl zu bedauern; einer ihrer Brüder jedoch, der damals Rechtsanwalt war, hatte schon in den Tagen des Glanzes der Familie durch seine heuchlerische Unterwürfigkeit das Mißfallen meines Vaters erregt. Später, nach dem Sturz der Adelsherrschaft, war er der ärgste Feind meiner Familie. Der einstige Bauernketzer war nunmehr einer der werktätigsten Anhänger Robespierres geworden und wurde von diesem zum Herrn auf Grobois eingesetzt. Nach dem Sturze Robespierres wußte er die Gunst Barras' zu gewinnen. Auch keine der folgenden Umwälzungen vermochte ihn von Grobois zu verdrängen. Und nun ersah ich aus diesem Briefe, daß auch der neue Kaiser für ihn Partei ergriffen hatte; so sonderbar mir dies erschien, in Anbetracht der Vorgeschichte dieses Mannes. Was für Dienste konnte ihm mein Oheim, der Republikaner, wohl geleistet haben?

Es mag unbegreiflich erscheinen, daß ich die Einladung eines Mannes annahm, den mein Vater als Verräter gebrandmarkt hatte. Aber die jüngere Generation der damaligen Zeit war nicht geneigt, den Groll gegen die neuen politischen Verhältnisse aufrecht zu halten. Für die alten Auswanderer schien mit dem Jahre 1792 die Zeit stille zu stehen; ihre Ideale und ihre Abneigungen standen unabänderlich fest. Wir Jungen aber, die wir in der Fremde aufgewachsen waren, fühlten, daß eine neue Zeit angebrochen war. Frankreich war nicht mehr das Land der Sansculotten und der Guillotine; siegreich und doch hart bedrängt von allen Seiten rief das Vaterland nach seinen versprengten Söhnen; und mehr als der Brief meines Oheims zog mich der Kriegslärm über den Kanal hinüber nach Frankreich.

Lange schon kämpfte ich im Herzen mit der Sehnsucht nach meinem Vaterlande. Zu Lebzeiten meines Vaters sprach ich nie davon; ihm, der unter Condé gedient und bei Quiberon gefochten hatte, wäre ein solcher Wunsch geradezu verräterisch erschienen. Mit seinem Tode jedoch fiel alles weg, was mich von der Rückkehr nach Frankreich abhielt, und meine Sehnsucht wurde um so dringender, da auch Eugenie – die nun seit dreißig Jahren meine Frau ist – ebenso dachte wie ich. Ihre Eltern, ein Zweig der Familie Choiseul, hatten ebenso unbeugsame Prinzipien und Vorurteile wie mein Vater. Um die Gesinnung ihrer Kinder kümmerten sie sich wenig. So oft sie im Hause über einen französischen Sieg trauerten, sprangen wir im Garten vor Freude. Bei einem lorbeerumkränzten Fenster des Gartenhauses hatten wir nächtliche Zusammenkünfte und schlossen uns um so enger zusammen, je mehr wir uns unserer Umgebung entfremdeten. Ich entwickelte meine ehrgeizigen Pläne; und Eugenie bestärkte mich darin durch ihre begeisterte Zustimmung. So war der Brief meines Oheims nur der äußere Anlaß zur Ausführung eines längst gehegten Planes.

Außer dem Tode meines Vaters und dem Briefe meines Onkels kam noch ein anderes Ereignis meinem Entschlusse zu Hilfe. In Ashford war mir seit kurzem der Boden heiß geworden. Gewiß kamen die Engländer im allgemeinen den französischen Auswanderern sehr freundlich entgegen. Jeder von uns bewahrt England und seinen Bewohnern ein gutes Andenken. Aber überall gibt es übermütige, prahlerische Menschen, und diese fehlten auch in dem ruhigen, schläfrigen Ashford nicht. Da war besonders ein kentischer Junker, Namens Forley, der als spott- und streitsüchtig bekannt war. So oft er einem von uns begegnete, stieß er Schmähungen aus, nicht nur gegen die französische Regierung, was man einem englischen Patrioten allenfalls hätte zugute halten können, sondern gegen Frankreich selbst und gegen alle Franzosen. Lange stellten wir uns taub seinen Angriffen gegenüber, aber endlich wurde mir die Sache zu arg, und ich beschloß, ihm eine Lehre zu geben. Eines Abends saß ich mit einigen Freunden in der Wirtsstube, und am Nebentische saß Forley. Er war halb betrunken und machte unausgesetzt hämische Bemerkungen über die Franzosen. »Und jetzt, Monsieur de Laval,« schrie er endlich, seine schwere Hand auf meine Schulter legend, »jetzt müssen Sie mit mir einen Toast ausbringen: auf den Arm Nelsons, der Frankreich vernichten soll.«

»Gut,« sagte ich, »ich will mit Ihnen trinken, wenn Sie versprechen, später bei meinem Toast mitzuhalten.«

»Abgemacht,« sagte er, und wir tranken.

»Nun kommt Ihr Toast an die Reihe,« rief er.

»Wohlan denn,« entgegnete ich, »ein Hoch der Kanonenkugel, die diesen Arm zerschmettert.«

Als Antwort schüttete er mir den Wein ins Gesicht. Es kam zum Zweikampf, und ich schoß ihn durch die Schulter. Abends traf ich Eugenie an dem gewohnten Fenster; sie pflückte ein paar Blätter von den Lorbeerbüschen und bekränzte mein Haupt.

Dieser Vorfall erschütterte meine Stellung in Ashford und trug wesentlich zu meinem Entschlusse bei, die Einladung meines Oheims – jenen mahnenden Worten zum Trotz – anzunehmen. Wenn er durch seinen Einfluß den Kaiser bewegen könnte, meinen Namen von der Liste der Proskribierten zu streichen, so stand meiner Rückkehr nach Frankreich nichts mehr im Wege.

Versunken in meine Gedanken, hatte ich ganz vergessen, wo ich mich befand. Da legte der Schiffer plötzlich seine Hand auf meine Schulter und schreckte mich aus meinen Träumereien auf.

»Nun denn, Herr,« sagte er, »jetzt müssen Sie in den Kahn steigen.«

Mein aristokratisches Gefühl regte sich, und ich schob seine schmutzige Hand sanft von meinem Arm. »Die Küste ist noch weit,« bemerkte ich.

»Tun Sie, was Sie wollen,« sagte er; »ich fahre nicht weiter. Steigen Sie ins Boot oder schwimmen Sie hinüber.«

Vergeblich hielt ich dem Manne vor, daß ich den ganzen Fahrpreis gezahlt hatte. Sogar meine Uhr, ein altes Erbstück der Familie, hatte ich dafür geopfert.

»Wenig genug,« schrie er wild. »Die Segel nieder, Gin, und das Boot heran. Jetzt, Herr, steigen Sie hinein, oder kommen Sie zurück mit mir nach Dover. Südweststurm ist im Anzug; ich fahre nicht einen Faden weiter.«

»Dann steige ich ins Boot,« sagte ich.

»Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben,« rief er und lachte so aufreizend, daß ich ihn hätte prügeln mögen. Aber solchen Leuten gegenüber ist man ganz machtlos; wenn man den Stock gegen sie erhebt, so schlagen sie einem mit der blanken Faust die Zähne ein. So machte ich denn gute Miene zum bösen Spiel und sprang in den Kahn. Mein Bündel – ein feines Reisegepäck für einen Herrn von Laval – flog mir nach. Zwei Matrosen legten die Ruder ein und strebten mit mächtigen Schlägen der fernen Küste zu.

Eine schlimme Nacht stand uns bevor. Dunkle Wolken ballten sich am Horizont, und durch ihre zerrissenen Ränder brachen die Strahlen der untergehenden Sonne. Fahlrotes Licht ergoß sich über das Firmament und spiegelte sich in der bleischweren See. Unser kleines Boot schaukelte heftig und tanzte auf den Wellen. Ängstlich blickten die Ruderer bald nach dem Himmel, bald nach der Küste. Schon sah es aus, als ob sie umkehren und zu dem großen Segler zurückfahren wollten.

»Was sind das für Lichter, die da auf beiden Seiten durch den Nebel blitzen?« fragte ich, um ihre Gedanken von den Wettersorgen abzulenken.

»Hier im Norden ist Boulogne und im Süden Etaples,« antwortete mir einer der Ruderer höflich.

Boulogne! Etaples! Wie mich diese Namen berührten! In Boulogne hatte ich als Knabe viele Sommer zugebracht. Wie oft war ich an der Hand meines Vaters am Strand dahingeschlendert, die ehrfurchtsvollen Grüße der Fischersleute mit kindlichem Stolze erwidernd. Und gar Etaples! Da waren wir auf der Flucht nach England durchgekommen. Das rasende Volk hatte sich am Hafen angesammelt und bewarf uns mit Steinen. Meiner armen Mutter zerschmetterten sie das Knie. Der Aufschrei meines Vaters und der schrille Schreckensruf meiner eigenen Kinderstimme gellt mir noch heute in den Ohren. Und zwischen diesen beiden Orten, in dem weiten dunklen Raume, den ihre Lichter begrenzten, lag auch Grobois, die Burg meiner Väter. Wie strengte ich meine Augen an, ihr schwarzes Dach zu erspähen!

»Hier ist die Küste recht einsam,« sagte einer der Seeleute; »so manchen Ihrer Kameraden haben wir hier ausgeschifft.«

»Wofür halten Sie mich denn?« fragte ich.

»Das sage ich nicht,« entgegnete er, »es gibt Dinge, über die man am liebsten nicht spricht.«

»Sie halten mich wohl für einen Verschwörer?«

»Nun ja, wenn Sie es selbst sagen; solche Leute sind bei uns nicht selten.«

»Auf Ehrenwort, ich bin kein Verschwörer.«

»Also ein entlaufener Sträfling?«

»Auch das nicht.«

Der Mann hielt mit dem Rudern inne; ein neuer Verdacht schien ihm aufzusteigen, »Wenn Sie ein Spion Bonapartes sind . . .«

»Ich ein Spion!« rief ich entrüstet. Der Ton meiner Stimme schien ihn zu überzeugen.

»Nun gut,« sagte er, »der Teufel soll wissen, was Sie sind. Aber einen Spion hätte ich um keinen Preis ans Land gesetzt.«

»Oho,« polterte der andere Ruderer heraus, »schimpft nicht über Bonaparte; er ist unser bester Freund.«

An einem Engländer überraschte mich diese Sympathie für den Kaiser, aber die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten.

»Daß wir armen Seeleute das bißchen Zucker und Kaffee über die Grenze bringen können,« sprach der Seemann weiter, »verdanken wir nur Bonaparte; früher haben die Kaufleute ihren Schnitt gemacht, jetzt ist die Reihe an uns.«

In der Tat hatte Bonaparte den ganzen Handel zwischen England und Frankreich den Schmugglern in die Hände geliefert.

Plötzlich hielt der Sprecher inne und wies mit der rechten Hand in die dunkle Ferne, während die linke eifrig weiter ruderte.

»Dort ist Bonaparte selbst,« rief er aus.

Bonaparte! Ihr, die ihr in einem ruhigen Zeitalter lebt, könnt den Schreck, der mir beim Klange dieses Namens durch die Glieder fuhr, nicht begreifen. Vor zehn Jahren hatte man das erstemal von dem Manne mit dem sonderbaren italienischen Namen gehört. Was erreichen gewöhnliche Sterbliche in zehn Jahren? Er aber war von einem Augenblick zum anderen aus nichts zu einem allmächtigen Manne geworden. Heuschreckenschwärmen gleich überschwemmten seine Armeen ganz Norditalien; Venedig und Genua seufzten unter dem Drucke dieses unscheinbaren, schlecht genährten Burschen. Er beschämte die tapfersten Soldaten und überlistete die schlauesten Diplomaten. Mit ungeahnter Tatkraft brach er gegen den Orient vor; und während noch die Augen Europas nach Ägypten, der neuen französischen Provinz, blickten, war er wieder zurück in Italien und schlug Österreich zum zweitenmal auf das Haupt, überall kam er überraschend; die Nachrichten über seine Bewegungen konnten mit diesen selbst nicht Schritt halten. Wohin er kam, siegte er, verschob die Grenzen und stürzte die herrschende Ordnung, Holland, Savoyen, die Schweiz, sie waren zu geographischen Begriffen herabgesunken. Nach allen Seiten streckte Frankreich seine Arme aus. Nun war er gar zum Kaiser ausgerufen worden. Die Republikaner, deren die ältesten Königsgeschlechter und der stolzeste Adel nicht Herr werden konnten, lagen vor ihm im Staube. Mit atemloser Spannung folgten wir in der Ferne seinen waghalsigen Unternehmungen. Überall heftete sich der Erfolg an seine Fersen. Wie etwas Übermenschliches, Ungeheuerliches stellte ich mir ihn vor, das einer finsteren Wolke gleich über Frankreich schwebte und ganz Europa bedrohte.

Bonaparte! In meiner überhitzten Phantasie erwartete ich, eine riesenhafte Gestalt, ein überirdisches Fabelwesen zu sehen, finster, schrecklich und unheilsschwanger, thronend über den Gewässern.

Was ich wirklich sah, entsprach meinen kindischen Erwartungen durchaus nicht.

Im Norden die langgestreckte flache Küste. Im Abendlichte grau, wie das dahinterliegende Heideland, begann bei einbrechender Dunkelheit ihr Saum zu leuchten wie schwachglühendes Eisen. Der rote Strich glich einem feurigen Schwerte, dessen Spitze gegen England wies.

»Was ist das dort?« fragte ich.

»Ein französisches Schiff; ob Bonaparte selbst an Bord ist, weiß ich nicht; das hier sind Signallichter; auf dem Wege nach Ostende könnten Sie noch viele zu sehen bekommen. Er wäre kühn genug, da herein zu kommen, der kleine Bony, wenn Nelson nicht wäre.«

»Wie kann Lord Nelson wissen, was er vorhat?« fragte ich.

Der Seemann zeigte über meine Schulter hinaus in die Finsternis; weit draußen am Horizont entdeckte ich zwei Lichter.

»Seine Wachhunde,« sagte er mit rauher Stimme.

»Andromeda. Nr. 44,« ergänzte sein Kamerad.

Wie oft habe ich mir seither dieses Bild ins Gedächtnis zurückgerufen! Der rote Küstensaum und davor die drei blinkenden Lichter, als Repräsentanten der zwei großen Rivalen, als Wahrzeichen ihres Kampfes um die Vorherrschaft zu Wasser und zu Land; des Kampfes, der seit Jahrhunderten tobt und noch Jahrhunderte dauern mag.

Das Leuchten der Küste war schwächer geworden, und das Rollen des Sandes auf dem Meeresgrunde schlug immer lauter an mein Ohr. Schon nahm ich den Anprall der Wogen an die Küste deutlich aus. Da schoß plötzlich, wie eine aus ihrem Versteck aufgescheuchte Forelle, ein langes, schwarzes Boot aus der Finsternis hervor und flog geradeswegs auf uns zu.

»Zollwächter,« rief einer der Seeleute.

»Wir sind verloren,« schrie der andere und stopfte rasch etwas unter seinen Sitz.

Aber knapp vor uns schwenkte das große Boot jählings ab und fuhr mit Windeseile davon. Die Seeleute zogen die Augenbrauen hoch und starrten ihm nach.

»Die haben auch kein reines Gewissen,« meinte der eine, »vielleicht waren es Kundschafter.«

»Jedenfalls sind wir heute nacht nicht die einzig Verdächtigen,« ergänzte der andere.

»Weiß der Teufel, wer sie waren; meinen Tabak habe ich auf alle Fälle versteckt. Mit den französischen Gefängnissen habe ich schon einmal Bekanntschaft gemacht. Die Ruder weg, Bill, wir sind da.«

Im nächsten Augenblick fuhr das Boot knirschend auf sandigen Grund. Mein Bündel flog ans Land, und ich sprang hinterdrein. Die Ruderer stießen den Kahn mit einem kräftigen Ruck ab und fuhren eiligst davon. Das glühende Rot im Westen war geschwunden. Gewitterwolken deckten den Himmel, und undurchdringliche Finsternis lag über dem Ozean. Als ich mich umwandte, dem Boote nachzuschauen, schlug mir ein feiner Regen ins Gesicht; der Sturm heulte, und das Brüllen der erregten See machte die Luft erzittern.

Ja, das war eine schreckliche Nacht, damals im Frühling des Jahres 1805, da ich nach vierzehnjähriger Verbannung zum erstenmal den Boden meines Vaterlandes wieder betrat, dessen Zierde und Stütze meine Familie Jahrhunderte hindurch gewesen. Es hatte mir übel mitgespielt, das Land meiner Väter; unsere Verdienste hat es mit Beschimpfung und Verbannung belohnt. Aber jetzt war alles vergessen. Ich fiel auf die Knie und küßte mit Inbrunst den Boden der geliebten Heimat.

Zweites Kapitel.

Das Moorland.

In den Jahren der Reife blickt der Mensch gern zurück auf den vielverschlungenen Pfad des eigenen Lebens mit all seinen Lichtern und Schatten, Anfang und Ende seiner Wanderung sind ihm bekannt. Wohin jeder einzelne Schritt geführt, den er einst, bange Ahnungen oder stolze Hoffnungen im Herzen, unternommen hatte, heute weiß er es genau; die Zweifel, die ihn so häufig vor wichtigen Entscheidungen gequält, sind beinahe vergessen. Aber die Erinnerung an die stürmische Nacht meiner Rückkehr nach Frankreich haftet mir noch heute – trotz der vielen Jahre, die seitdem vergangen, und trotz der wechselvollen Schicksale, die ich seitdem erduldet – so treu im Gedächtnis, als hätte ich sie erst jüngst erlebt. Noch heute zaubert mir der erfrischende Geruch des Seetangs mit einer Schärfe der Erinnerung, wie sie nur der Geruchssinn zu vermitteln vermag, das Bild der sandigen Küste Frankreichs herauf.

Endlich erhob ich mich aus meiner knienden Stellung und setzte mich auf eine wogenumspülte flache Klippe. Einen Souvereign, den zehnten Teil meines gesamten Vermögens, hatte ich den Schiffern gegeben; den Rest meiner bescheidenen Barschaft verwahrte ich sorgfältig in der inneren Rocktasche. Da saß ich nun, ganz versunken in den Anblick der tobenden See, und überlegte, was zu tun sei. Kälte und Hunger quälten mich, der Wind schlug mir ins Gesicht und trieb mir den Sprühregen in die Augen; aber das Bewußtsein, nicht mehr von der Gnade der Feinde meines Vaterlandes zu leben, machte mein Herz freudig schlagen.

Schloß Grobois war, soweit ich mich erinnern konnte, gut zehn Meilen von hier entfernt. Zu so unziemlicher Zeit, noch dazu ungekämmt und durchnäßt, konnte ich meinem unbekannten Oheim nicht unter die Augen treten. Verlumpt und schmutzig zurückzuschleichen in das Schloß meiner Väter, verfolgt von den argwöhnischen und spöttischen Blicken der Diener, den Gedanken vermochte ich nicht zu ertragen. So weit hatte ich meinen Stolz noch nicht vergessen. Nein, ich mußte ein Dach suchen für diese Nacht und dann meiner äußeren Erscheinung etwas aufhelfen, ehe ich die Bekanntschaft meines Onkels machte. Aber wo fand ich dieses Dach?

Nach Etaples oder Boulogne zu gehen, wagte ich nicht. Der Name de Laval stand noch obenan auf der Liste der Geächteten; war doch mein Vater der tatkräftigste Führer der kleinen, aber einflußreichen Schar von Männern gewesen, die der alten Ordnung um jeden Preis treu geblieben waren. Trotz der Verschiedenheit meines Standpunktes konnte ich der Prinzipientreue und der Opferwilligkeit dieser tapferen Kämpfer meine Bewunderung nicht versagen. Wir Menschen haben alle einen gewissen Hang zum Märtyrertum in uns; je größere Opfer eine Sache fordert, desto anziehender erscheint sie uns; und oft ist mir der Gedanke gekommen, die Bourbonen hätten nicht so zahlreiche oder doch so edle Anhänger gehabt, wenn diese Gefolgschaft nicht so viele und schwere Opfer mit sich gebracht hätte. Vielleicht war ihnen der französische Adel treuer als der englische den Stuarts, weil er mehr zu verlieren hatte als dieser. Die Selbstverleugnung der Edlen Frankreichs kannte keine Grenzen. Ich erinnere mich eines Abends, an dem zwei Fechtmeister, drei Sprachlehrer, ein Ziergärtner und ein Übersetzer fremdsprachiger Bücher bei meinem Vater zu Gaste waren. Sie sahen ganz herabgekommen aus. Und doch gehörten diese Männer dem höchsten Adel an. Die Unterwerfung unter das neue Regime hätte ihnen Einfluß und Reichtum sofort zurückgegeben. Aber der unbedeutende, und was noch schlimmer ist, unfähige Monarch, der jetzt auf Schloß Hartwell in der Verbannung lebte, hatte den Treueid dieser altadeligen Geschlechter in Händen, Sie hatten den Glanz der königlichen Familie geteilt und standen ihr auch im Unglück treu zur Seite. Auf ihre Ergebenheit hätte der entthronte Fürst stolzer sein können als auf all die Schätze und Kostbarkeiten, die seine Prunkzimmer geziert hatten. Über die Kluft hinüber, die unser Zeitalter von jenem meines Vaters trennt, sehe ich diese schlechtgekleideten, schwermütigen Männer und ziehe den Hut vor ihnen, als den Edelsten der Edlen, die unsere Geschichte kennt.

Eine Küstenstadt zu besuchen, bevor ich meinen Oheim gesehen und die Genehmigung meiner Rückkehr erwirkt hatte, wäre gleichbedeutend gewesen mit der Auslieferung an die Gendarmen, die hier beständig nach Ankömmlingen aus England fahndeten. Es war doch etwas anderes, freiwillig vor den Kaiser hinzutreten, als aufgegriffen und ihm vorgeführt zu werden.

So kam ich endlich zu dem Entschlusse, auf gut Glück landeinwärts zu wandern; irgendeine leere Scheune oder Hütte würde ich schon finden, um die Nacht ungesehen und ungestört zu verbringen. Dann konnte ich am nächsten Morgen noch darüber nachdenken, wie ich mich am besten meinem Oheim und mit seiner Hilfe dem neuen Herrn Frankreichs nähern könnte.

Unterdessen war der Wind immer kälter geworden, und tiefe Finsternis lag über der See. Das Schiff, das mich von Dover gebracht hatte, war spurlos verschwunden. Auf der Landseite erblickte ich in undeutlichen Umrissen eine Reihe niederer Hügel, die sich in der Nähe noch viel niedriger erwiesen, als sie in dem düsteren Lichte von Ferne erschienen waren. Es waren verstreut liegende, mit Gräsern und Sträuchern bewachsene Sanddünen. Mein Bündel auf der Schulter arbeitete ich mich mühsam weiter; bei jedem Schritt in den losen Sand einsinkend und über Wurzeln stolpernd. Aber mein eigenes Ungemach, meine nassen Kleider und meine wunden Hände vergaß ich über der Erinnerung an die Leiden und Entbehrungen meiner Vorfahren. Und auch mit der fernen Zukunft beschäftigten sich meine Gedanken; mit meinen eigenen Nachkommen, die sich einst an meinem Beispiel aufrichten würden. Denn in einer großen Familie treten die Schicksale des einzelnen der Geschichte der Familie gegenüber in den Hintergrund.

Die Sanddünen schienen kein Ende nehmen zu wollen; und als ich sie endlich hinter mir hatte, wünschte ich, sie nie überschritten zu haben. Denn hier bricht die See in zahllosen Wasseradern ein und verwandelt die ganze Gegend in trostloses Moorland. Der Boden wurde immer weicher; solange er mich noch trug, glitt ich bei jedem Schritte aus und glaubte zu stürzen; bald aber versank ich bis über die Knöchel und die halben Waden im Schlamm; gurgelnde und plätschernde Geräusche begleiteten das Niederstellen und Herausziehen des Fußes aus dem Morast. Am liebsten wäre ich zu den Dünen zurückgekehrt, aber ich hatte die Richtung verloren, und der Sturm heulte so laut, daß ich die Brandung der See auf allen Seiten zu hören glaubte. Mich nach der Stellung der Sterne zu orientieren, hatte ich nicht gelernt; und selbst dem Geübten hätten die wenigen, hier und da aus den Wolken blickenden Gestirne nur geringe Anhaltspunkte geboten.

So wanderte ich denn müde und hoffnungslos, mich dem blinden Zufall überlassend, immer tiefer und tiefer in den schrecklichen Sumpf hinein. Ich war auf das Schlimmste gefaßt; meine erste Nacht in Frankreich sollte wohl auch die letzte sein; der einzige Erbe derer von Laval war verurteilt, in diesem grauenhaften Morast ein elendes Ende zu finden. Meilenweit mochte ich gewandert sein, abwechselnd durch seichteren und tieferen Sumpf, ohne jemals auf trockenen Boden zu stoßen, als plötzlich ein eigentümlich geformtes Büschel weißlich schimmernden Grases – blühendes Baumwollgras – aus der Finsternis vor mir herausleuchtete. Ich erschrak ins Innerste. Vor einer Stunde war ich an einem ganz gleich gestalteten weißlichen Grasbüschel vorbeigekommen; ich mußte also im Kreise herumgegangen sein. Um mir volle Sicherheit zu verschaffen, ging ich näher heran und schlug Feuer; richtig waren hier in dem braunen Kote meine Fußspuren deutlich und unverkennbar abgedrückt. In heller Verzweiflung blickte ich zum Himmel auf; da durchzuckte mich plötzlich ein Hoffnungsstrahl. Zwischen den fliehenden Wolken war der Mond sichtbar geworden, und auf seiner Scheibe zeichnete sich, pfeilschnell darüber hinschießend, ein langgestrecktes, spitzes Dreieck ab, die charakteristische Gestalt ziehender Entenschwärme. Ich wußte, daß alle derartigen Seevögel bei Unwetter landeinwärts flüchten. Der Richtung ihres Zuges mußte ich also folgen. Das Gesicht gerade nach vorne gerichtet, mit beiden Beinen genau gleichmäßig ausschreitend, um die Richtung ja nicht wieder zu verlieren, wanderte ich noch eine gute halbe Stunde. Da tauchte endlich ein kleines gelbliches Licht vor mir auf, ein beleuchtetes Fenster, Nahrung und Rast verheißend dem erschöpften Wanderer! Ich stapfte weiter durch Kot und Schlamm, so schnell mich meine müden Beine trugen. Heute war mir kein Dach zu schlecht, und für ein Goldstück, dachte ich, würde der Bewohner dieses öden Hauses gewiß über alles hinwegsehen, was an mir verdächtig erscheinen mochte.

Je näher ich herankam, desto unbegreiflicher erschien es mir, daß hier überhaupt jemand wohnen konnte; denn der Morast wurde hier immer tiefer, und zahllose Teiche, die der zeitweise aus den Wolken hervorblitzende Mond beleuchtete, lagen rings um das Haus. Das kleine Fenster konnte ich jetzt deutlich sehen. Plötzlich verschwand der Lichtschein, und wie in einem gelben Rahmen erschien der Schattenriß eines männlichen Kopfes. Der Mann lugte hinaus in die Finsternis, verschwand und kam wieder zum Vorschein, und alle seine Bewegungen machten den Eindruck des Verstohlenen, so daß allerlei bange Ahnungen in mir aufstiegen.

Trotz meiner elenden Lage beschloß ich daher, das Haus und dessen Hüter noch etwas näher zu betrachten, ehe ich mich ihnen anvertraute. Viel Schutz gegen Wind und Wetter versprach die Hütte nicht zu bieten; an vielen Stellen der schadhaften Mauer schien das Licht durch und das ganze Gebäude war offenbar baufällig. Vielleicht war es, dachte ich bei mir, noch sicherer, die Nacht im Sumpf zu verbringen, als in dem Standquartier eines Schmugglers der schlimmsten Sorte. Jemand anderes konnte ja hier kaum hausen. Zu meinem Glücke hatten sich wieder dichte Wolken über den Mond gelagert, und die tiefe Finsternis sicherte mich vor Entdeckung. Auf den Zehenspitzen schlich ich noch näher an das Fenster heran und schaute ins Zimmer hinein.

Das friedliche Bild, das ich darin sah, beruhigte mich sehr. Auf einem altmodischen Rost brannte ein kleines Holzfeuer, und daneben saß ein auffallend schöner, junger Mann, der eifrig in einem dickleibigen, kleinen Buche las. Sein schmales, dunkles Gesicht und sein langes, schwarzes, gelocktes Haar gaben ihm das Aussehen eines Dichters oder Künstlers. In dem warmen, gelben Lichte erschienen seine Gesichtszüge noch feiner und machten mir einen sehr angenehmen Eindruck. Mit Wohlgefallen betrachtete ich den leichtgeöffneten Mund, dessen etwas zu volle Unterlippe sich fortwährend bewegte, als wiederhole er die eben gelesenen Worte. Jetzt legte der junge Mann das Buch auf den Tisch und ging zum Fenster. Offenbar hatte er einen Schimmer meiner Gestalt im Dunkeln erhascht. Er rief mir einige Worte zu, die ich nicht verstand und winkte grüßend mit der Hand, Im nächsten Augenblick flog die Türe auf, und seine hohe schlanke Gestalt erschien auf der Schwelle.

»Endlich,« rief er aus, während er seine Augen mit beiden Händen vor dem salzigen Winde und dem Triebsande schützte; »ich glaubte schon, Ihr kommt überhaupt nicht mehr; ich warte hier seit zwei Stunden.«

Da trat ich vor ihn hin, und der volle Lichtschein fiel auf mein Gesicht.

»Ich fürchte . . .« sagte ich.

Weiter ließ er mich nicht sprechen. Wie eine wütende Katze schlug er mit beiden Händen nach mir, sprang ins Haus zurück und warf die Tür zu.

Die raschen Bewegungen und das feindselige Benehmen des jungen Mannes kontrastierten so auffallend mit seiner sanften Erscheinung, daß ich ganz sprachlos war. Aber mein Erstaunen sollte bald noch größer werden.

Eine klaffende Mauerspalte neben der Tür gewährte mir nämlich Einblick in die Stube. Auch den Winkel, wo das Feuer brannte, konnte ich sehen. Dorthin war der Mann gelaufen; er wühlte wie rasend in seinen Rocktaschen und sprang auf den Kamin. Nur seine Schuhe und Strümpfe waren für mich sichtbar, als er dort auf den Ziegeln neben dem Roste stand. Gleich darauf eilte er zurück zum Tor.

»Wer sind Sie?« rief er mit erregter Stimme.

»Ein verirrter Reisender.«

Er schien einen Augenblick zu überlegen.

»Ein Nachtlager hier dürfte Ihnen nicht viel Angenehmes bieten.«

»Ich bin müde und erschöpft; hoffentlich werden Sie mir ein Obdach für diese Nacht nicht versagen; stundenlang bin ich durch das Moor gewandert.«

»Sind Sie irgend jemand begegnet?« fragte er hastig.

»Nein.«

»Treten Sie ein wenig zurück. Hier ist es einsam und die Zeiten sind unruhig; man muß vorsichtig sein.«

Ich folgte seiner Aufforderung, und er öffnete die Türe gerade nur so weit, um den Kopf herauszustecken. Lange blickte er mich forschend an.

»Wie heißen Sie?«

»Louis Laval,« sagte ich; ich hielt es für ratsam, meinen Adel zu verleugnen.

»Wohin gehen Sie?«

»Ich suche irgendeine Unterkunft.«

»Sie sind aus England?«

»Ich bin von der Küste.«

Meine Antworten schienen ihn nicht zu befriedigen. Er schüttelte nachdenklich den Kopf.

»Ich kann Sie nicht einlassen,« sagte er.

»Aber . . .«

»Nein, nein, es ist unmöglich.«

»So sagen Sie mir wenigstens, wie ich aus dem Moor komme?«

»Sie sind ja beinahe heraus; einige hundert Schritte von hier werden Sie die beleuchteten Fenster eines Dorfes erblicken. Nach dieser Richtung hin müssen Sie gehen.« Er war aus dem Hause getreten, um mir den Weg zu zeigen; nun drehte er sich um. Schon war ich ein Stück von der ungastlichen Hütte entfernt, als er mir nachlief.

»Kommen Sie, Monsieur Laval –« seine Stimme klang ganz verändert –, »ich kann Sie in diesem Wetter nicht fortlassen. Eine kurze Rast an meinem Kamin und ein Glas Brandy werden Sie für den weiteren Marsch kräftigen.«

Ich brachte es nicht über mich, die Einladung abzulehnen, so wenig ich mir den plötzlichen Wechsel seiner Gesinnung erklären konnte.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar,« sagte ich und folgte ihm in das Haus.

Drittes Kapitel.

Das verfallene Haus.

Geschützt vor Wind und Kälte in das flackernde Feuer zu schauen, ein wonnigeres Gefühl konnte es kaum geben; aber der einsame Mann vor mir und sein sonderbares Treiben hatten meine Neugier in so hohem Maße erregt, daß ich nur an ihn dachte und nicht an mein eigenes Wohlbefinden, Seine auffallende äußere Erscheinung, die Ungeduld, mit der er zu so unheimlicher Stunde hier mitten im Sumpflande seine Freunde erwartete, und endlich sein rätselhafter Sprung auf den Kamin – dies alles regte meine Einbildungskraft mächtig an. Am wenigsten aber konnte ich es mir erklären, warum er mich zuerst so streng von seiner Tür gewiesen und gleich darauf wieder herzlich eingeladen hatte, in die Hütte einzutreten. Gar zu gerne hätte ich über diese Punkte Aufklärung gehabt. Äußerlich freilich mußte ich meine Gefühle verbergen; ich mußte trachten, den Anschein zu erwecken, als fände ich alles ganz unverdächtig, als wäre ich zu sehr vertieft in meine eigenen Angelegenheiten, um irgend etwas außer mir zu bemerken.

Von innen sah das Haus nicht minder verwahrlost aus als von außen. Zum ständigen Wohnsitz konnte es niemand dienen. Andauernde Feuchtigkeit hatte ganze Schichten des Deckmörtels von den Mauern abgehoben, und auf den bloßgelegten Steinen wuchs das Moos. Die Wände mit ihren zahllosen Rissen und Schuppen erinnerten an die Hand eines Aussätzigen. Das Innere der Hütte bildete einen einzigen großen Raum, dessen ganze Einrichtung aus einem wackligen Tisch und drei umgestürzten Kisten bestand. Die Reste einer vierten Kiste schienen das Feuerungsmaterial für den Kamin zu liefern: eine Handaxt lehnte an der Wand, und ein zerrissenes Fischernetz lag in einer Ecke des Raumes. Aber mehr als alles andere interessierte mich in diesem Augenblicke ein offenes Packet auf dem Tisch, aus dem eine Hammelkeule, ein Stück Brot und der Hals einer Weinflasche hervorlugten.

Mein Gastgeber schien mich nunmehr durch übermäßige Herzlichkeit für den kühlen ersten Empfang entschädigen zu wollen. Er bedauerte mich lebhaft wegen meiner durchnäßten Kleider und stellte mir eine der Kisten dicht neben das Feuer; dann bot er mir ein Stück Brot mit Hammelfleisch an. Dabei lag ein freundliches Lächeln auf seinen Lippen; aber seine schönen Augen durchforschten unruhig meine ganze Erscheinung, als fragten sie, wer ich eigentlich sei und was ich vorhabe.

»Was mich anbelangt,« sagte er mit sichtlich erheuchelter Aufrichtigkeit, »werden Sie es wohl begreiflich finden, daß ich als Kaufmann mir die nötigen Waren verschaffen muß; und wenn der Kaiser – Gott schütze ihn – in seiner Weisheit es für gut befindet, den offenen Handel zu unterdrücken, so muß man eben die Leute, die Kaffee und Tabak herüberbringen, an solchen Plätzen wie hier aufsuchen. In den Tuilerien leidet man gewiß keinen Mangel an diesen Dingen, und der Kaiser selbst trinkt täglich seine zehn Tassen echten Mokka, obwohl er es wissen dürfte, daß dieser nicht in Frankreich gewachsen ist. Das Pflanzenreich hat er ja doch nicht erobert. Gäbe es keine waghalsigen Schleichhändler, wir wüßten nicht, wo unsere Einkäufe machen. Unter anderem, sind Sie nicht vielleicht selbst Händler oder Seemann?«

Ich verneinte seine Frage, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen. Meine Zurückhaltung schien seine Neugier noch mehr anzustacheln. Andererseits konnte auch ich über seine Person nicht ins reine kommen, denn seine Augen verrieten die Lügenhaftigkeit seiner Erzählungen. Im hellen Lichte sah er noch schöner aus als früher. Aber seine Schönheit war nicht nach meinem Geschmack. Die allzu zarten Gesichtszüge waren beinahe weibisch, von vollendeter Regelmäßigkeit, bis auf den schlaffen, halbgeöffneten Mund. Mit ihrem klugen und doch unentschlossenen Ausdruck verrieten sie Begeisterungsfähigkeit, gepaart mit Wankelmut, und leidenschaftliche Erregbarkeit, vereint mit Willensschwäche. Je länger ich in diesen Zügen las, desto mehr kam ich zu der Überzeugung, daß ich Neigung zu diesem Manne nie empfinden könnte; daß ich aber auch keinen Grund hatte, Böses von ihm zu befürchten. Freilich sollte ich später anderer Meinung werden.

»Verzeihen Sie,« sagte er, »den kühlen Empfang, Monsieur Laval; die Küste ist überschwemmt mit Polizeiagenten des Kaisers, und der Händler muß auf der Hut sein. Meinen Verdacht müssen Sie daher begreifen. Weder Ihre Kleidung noch Ihre Erscheinung paßte mir in diese öde Gegend.«

Am liebsten hätte ich ihm diese Bemerkung zurückgegeben, aber meine Vorsicht hielt mich davon ab.

»Ich versichere Ihnen,« sagte ich, »daß ich nur ein verirrter Reisender bin; übrigens bin ich jetzt ausgeruht und gestärkt genug und will Ihnen nicht länger zur Last fallen. Zeigen Sie mir, bitte, nochmals den Weg zum nächsten Dorf.

»Warum nicht gar; bleiben Sie nur hier, das Wetter wird immer ärger.« Im selben Augenblick fuhr ein Windstoß heulend durch den Kamin, als wollte er das Haus über unseren Köpfen zusammenreißen. Der junge Mann sprang auf und eilte zum Fenster. »In der Tat, Monsieur Laval,« sagte er in seiner gleißnerisch freundlichen Art, »Sie könnten mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie noch ungefähr eine halbe Stunde hierbleiben wollten.«

»Wieso denn?« fragte ich neugierig und doch voll Mißtrauen.

»Um aufrichtig zu sein,« (nie klangen mir Worte weniger aufrichtig) »ich erwarte hier einige Freunde, mit denen ich in Geschäftsverbindung stehe, und bin schon besorgt darüber, daß sie noch immer nicht da sind. Ich möchte also ein wenig ins Moorland hinausgehen, vielleicht finde ich sie zufällig und kann sie hierherführen. Unterdessen könnten sie aber auf einem anderen Wege hier eintreffen und dann glauben, ich sei schon fortgegangen. Das wäre mir sehr unangenehm. Ich möchte Sie daher bitten, noch eine Weile hierzubleiben, um meinen Freunden, falls ich sie im Moor verfehlen sollte, Aufklärung zu geben.«

Diese Bitte schien mir ganz vernünftig und wohlbegründet zu sein; aber die Sache kam mir trotz alledem nicht ganz geheuer vor. Schaden konnte mir indes – so dachte ich – die Erfüllung dieses Verlangens nicht bringen; und gewiß konnte ich keine bessere Gelegenheit finden, meine Neugierde bezüglich jenes Kamins und seiner Geheimnisse zu befriedigen. Meinem Abenteuer fehlte der richtige Abschluß, wenn ich nicht über diesen Punkt ins reine kam.

»Nun gut,« sagte er, ergriff seinen breitkrempigen, schwarzen Hut und ging raschen Schrittes zur Tür. »Sie sind so freundlich, hierzubleiben, und ich gehe so schnell als möglich; sonst kommt mein Geschäft heute überhaupt nicht mehr zustande.«

Eilig schlug er die Tür hinter sich zu, und ich hörte das planschende Geräusch seiner Schritte, leiser und immer leiser werdend, bis es im Heulen des Sturmes unterging.

So war ich denn allein und konnte das Haus nach Herzenslust durchstöbern. Zuerst nahm ich das auf dem Tisch liegende Buch zur Hand. Es war Rousseaus »Contrat social«, ein hervorragendes Werk, aber für einen Kaufmann, der sich zu einer Zusammenkunft mit Schmugglern begibt, eine recht auffallende Lektüre. Auf dem Titelblatt stand geschrieben: Lucien Lesage, und darunter mit weiblicher Handschrift: An Lucien von Sybille. Lesage also war der Name meines unheimlichen neuen Freundes. Nun mußte ich noch darauf kommen, was er auf dem Kamin dort versteckt hatte. Ich horchte angestrengt nach allen Seiten; nur das Brausen des Windes drang an mein Ohr. Da trat ich rasch entschlossen zum Kamin und sprang hinauf, geradeso, wie ich es ihn hatte tun sehen.

Es war ein altmodischer, sehr breiter Bauernkamin, so daß ich, auf einer Seite desselben stehend, weder von Rauch noch von Hitze belästigt wurde; und der helle Schein des Feuers von unten her war mir bei meinen Nachforschungen sogar behilflich. An der Rückseite des Kamins fehlte eine Kachel und in der hierdurch entstandenen Vertiefung lag ein kleines Paket. Zweifellos war es das, was Lesage bei meiner Ankunft so eilig zu verstecken suchte. Ich nahm es herunter und hielt es gegen das Licht. Es war ein kleines, flaches Päckchen, in gelbliches Tuch gewickelt und mit weißem Zwirn gebunden. Beim Öffnen kam nebst vielen Briefen ein zusammengefalteter, größerer Bogen zum Vorschein. Als ich die Adressen auf den Briefen erblickte, verschlug es mir den Atem. An Bürger Talleyrand hieß es auf dem ersten; dann – immer mit derselben bei den Republikanern gebräuchlichen Ansprache – an Bürger Fouché, Bürger Soult, Bürger Macdonald, Bürger Berthier und so fort, die ganze Liste der Generale und Diplomaten hindurch, die als Stützen des neuen Kaiserreichs bekannt und berühmt waren. Was um alles in der Welt konnte dieser angebliche Kaffeehändler diesen Größen zu schreiben haben?! Aus dem beiliegenden Papier hoffte ich Aufklärung zu bekommen. Ich legte die Briefe beiseite und entfaltete den großen Bogen. Der erste Satz genügte, um mir die Gefahren des Aufenthaltes in diesem verfluchten Hause klarzumachen. Er lautete: Mitbürger! Die Ereignisse des heutigen Tages haben bewiesen, daß ein Tyrann auch inmitten seiner Truppen der Rache des empörten Volkes nicht entgehen kann. Das Dreierkomitee, das gegenwärtig die Geschäfte der Republik leitet, hat Bonaparte zu derselben Strafe verurteilt, die Louis Capet erlitten hat. In Vergeltung der Gewalttätigkeiten vom 18 Brumaire . . .

So weit war ich gekommen, als ich plötzlich, zu Tode erschrocken, das Papier fallen ließ. Wie mit eisernen Klammern hatten zwei riesige Hände meine Fußgelenke umfaßt.

»Diesmal, mein Lieber,« brüllte eine donnernde Stimme, »diesmal wenigstens sind wir stärker als Ihr.«

Viertes Kapitel.

Die Männer der Finsternis.

Kaum hatte ich noch Zeit gehabt, mir über meine sonderbare und zugleich beschämende Lage klar zu werden, als ich mich an den Knöcheln emporgehoben fühlte, als wäre ich ein auf der Stange sitzendes Huhn, und mitten in das Zimmer flog. Mein Rücken schlug auf den Steinboden, daß mir der Atem verging.

»Töte ihn noch nicht, Toussac,« sagte eine sanfte Stimme. »Wir müssen erst erfahren, wer er ist.«

Ich fühlte den Druck eines mächtigen Daumens am Kinn; die anderen Finger umklammerten die Gurgel, und mein Hals wurde gewaltsam um seine Achse gedreht, bis ich die Spannung kaum mehr ertragen konnte.

»Ein Viertel Zoll noch genügt,« ließ sich die Donnerstimme vernehmen. »Auf meinen bewährten Griff könnt Ihr vertrauen. Er läßt keine Spur zurück.«

»Nein, Toussac, noch nicht,« flötete nun wieder die sanfte Stimme von vorhin. »Ich habe deinen Griff einmal gesehen, und der schreckliche Krach hat mich lange Zeit hindurch verfolgt. Wie doch rohe Gewalt die heilige Lebensflamme rasch und sicher auslöschen kann! Der Geist kann die Materie bekämpfen, aber nur auf Distanz.«

Mein Hals war derart verdreht, daß ich die Leute, die über mein Schicksal berieten, nicht sehen konnte. Ich mußte ruhig liegen und horchen.

»Tatsache ist, mein lieber Charles, daß der Mann unser wichtiges Geheimnis kennt; es handelt sich um unser Leben oder das seine.« Ich erkannte die Stimme Lesages. »Wir müssen ihn unschädlich machen. Laß ihn sich aufsetzen, Toussac, er kann ja nicht entkommen.«

Ein unwiderstehlicher Druck von rückwärts zwang mich augenblicklich in sitzende Stellung; zum erstenmal konnte ich rund um mich schauen und die Männer sehen, in deren Hände ich gefallen war. Daß sie schon gemordet und mörderische Pläne auch für die Zukunft hatten, wußte ich bereits aus ihren Reden. Auch wußte ich, daß ich hier im Marschland gänzlich in ihrer Macht war. Aber ich erinnerte mich des Namens, den ich trug, und verbarg mein Entsetzen in der Tiefe meiner Brust.

Es waren ihrer drei im Zimmer; der eine, den ich schon kannte, und zwei Neuangekommene. Lesage stand neben dem Tische, das dicke braune Buch in der Hand, und sah mich ruhig an; aber seine Augen hatten den ironischen, fragenden Ausdruck, wie man ihn etwa an einem Schachspieler wahrnehmen kann, der seinen Gegner unrettbar verloren sieht. Auf der Kiste neben ihm saß ein asketisch aussehender, gelber, hohläugiger Mann von etwa fünfzig Jahren; die welke, verschrumpfte Haut hing ihm lose über die unter dem langen Kinn vorspringenden Sehnen herab. Er trug einen braunen Anzug mit Kniehosen, die seine lächerlich dünnen Waden sehen ließen. Der Mann blickte mich kopfschüttelnd an, und seine kalten, grauen Augen versprachen wenig Gutes. Aber ganz besonders war es Toussac, der mich erschaudern machte. Er war ein Koloß; eher gedrungen als groß und geradezu mißgestaltet durch das Übermaß an Muskeln. Seine ungeschlachten, krummen Beine erinnerten an einen riesigen Stier; in der ganzen Erscheinung lag etwas Tierisches; denn der Bart wuchs ihm hinauf bis zu den Augen, und die Hand, die noch immer meinen Hals umklammert hielt, glich der Pranke eines Löwen. Den Gesichtsausdruck konnte man vor lauter Haaren kaum erkennen; aber die großen schwarzen Augen blickten unheimlich fragend bald auf mich, bald auf seine Genossen. Wenn diese das Todesurteil aussprachen – so war der Scharfrichter gewiß zur Stelle.

»Woher kam der Mann, was ist sein Beruf, wie fand er dieses Versteck?« fragte der Dünne.

»Als er kam, glaubte ich zuerst, ihr seid es,« entgegnete Lesage. »Bei diesem Wetter habe ich natürlich niemand anderen hier im Moorland vermutet. Sobald ich meinen Irrtum gewahr wurde, schloß ich das Tor und verbarg die Papiere im Kamin. Daß man durch die Mauerspalte hereinsehen konnte, hatte ich anfangs nicht bedacht, als ich aber hinaustrat, um dem Fremden den Weg zu weisen und ihn los zu werden, erblickte ich den Lichtschein. Sofort war ich überzeugt, daß er mich beim Verstecken der Papiere beobachtet hatte, und ebenso sicher nahm ich an, daß das Gesehene seine Neugier erregt haben mußte. Zweifellos würde er darüber nachdenken und auch davon sprechen. Daher ließ ich ihn ins Zimmer, um Zeit zu gewinnen und das Weitere zu überlegen.«

»Sapristi! ein paar Schläge mit dieser Hacke und ein Bett im Moor, dort, wo es am weichsten ist, dann wäre alles in schönster Ordnung,« brummte der Mann neben mir.

»Ganz richtig, lieber Toussac; aber man muß nicht gleich den höchsten Trumpf ausspielen. Ein bißchen Zartheit, ein bißchen Feinheit . . .«

»Also laß hören, was war weiter?«

»Zuerst wollte ich herausbringen, ob dieser Laval . . ..«

»Wie heißt der Mann?« rief der Dünne.

»Sein Name ist Laval, wie er sagt. Vor allem wollte ich herausbringen, ob er das Verstecken der Papiere beobachtet habe. Dies war die wichtigste Frage für uns, und wie sich die Sache jetzt gewendet hat, eine noch wichtigere Frage für ihn. Daher entwarf ich einen kleinen Feldzugsplan. Ich wartete, bis ich euch kommen sah, und ließ ihn dann allein im Hause. Durchs Fenster beobachtete ich, wie er zu dem Versteck eilte. Gleich darauf traten wir ein; ich bat dich, Toussac, ihn herunterzuholen – und hier liegt er.«

Der junge Mann blickte stolz um sich, als erwarte er das Lob seiner Kameraden.

Der Dünne schlug die Hände sanft aneinander und blickte mich lange an.

»Mein lieber Lesage,« sagte er, »du hast dich wirklich ausgezeichnet. In unserer neuen Republik solltest du Polizeiminister werden. Ich bin sonst nicht langsam von Begriff; aber ich gestehe, als ich beim Eintreten in das Haus die Beine eines Mannes auf dem Kamin erblickte, habe ich die Situation nicht gleich erfaßt. Toussac aber erfaßte die Beine selbst. Er ist immer praktisch, der gute Toussac.«

»Genug der Worte,« grölte das haarige Ungeheuer an meiner Seite. »Hätten wir weniger gesprochen und mehr gehandelt, säße die Krone nicht auf Bonapartes Haupt, säße auch dessen Haupt nicht mehr auf den Schultern. Machen wir kurzen Prozeß mit dem Kerl und gehen wir an unsere Geschäfte.«

Hilfesuchend richtete ich meine Blicke auf Lesages edle Gesichtszüge. Aber seine großen Augen sahen mich kalt und hart an.

»Toussac hat recht,« sagte er, »wir gefährden unsere eigene Sicherheit, wenn wir ihn ziehen lassen.«

»Unsere Sicherheit soll der Teufel holen,« rief Toussac, »was liegt an der? Aber wir gefährden den Erfolg unserer Unternehmung – das ist wichtiger.«

»Das kommt auf eins hinaus,« entgegnete Lesage. »Zweifellos bestimmt Paragraph dreizehn unserer Statuten genau, was in einem solchen Falle zu geschehen hat. Wer gegen diesen Paragraphen handelt, trägt eine schwere Verantwortung.«

Es lief mir eiskalt über den Rücken, als der Mann mit dem Dichterantlitz sich der Meinung des Wildlings anschloß. Aber meine Hoffnung stieg wieder ein wenig, da jetzt der Dünne, der bisher nicht viel gesprochen und mich fortwährend aufmerksam beobachtet hatte, sichtliche Zeichen von Unruhe über die blutdürstigen Vorschläge seiner Genossen verriet.

»Mein lieber Lucien,« sagte er mit einschmeichelnder Stimme und legte die Hand auf den Arm des jungen Mannes, »wir Philosophen müssen das menschliche Leben respektieren. Ein Heiligtum darf man nicht leichtsinnig zerstören. Oft haben wir erklärt, daß uns Marats blutige Exzesse . . .«

»Alle Hochachtung vor deiner Meinung, Charles,« unterbrach ihn der andere; »du wirst zugeben, daß ich stets ein williger und gehorsamer Schüler war. Aber ich sage nochmals, unser eigenes Leben ist in Gefahr, und es gibt keinen Mittelweg. Niemand verabscheut Grausamkeiten mehr als ich, aber du hast es selbst gesehen, wie geschickt und rasch Toussac vor einigen Monaten jenen Mann von Row Street für immer verstummen machte. Die Sache war vermutlich für die Zuschauer schrecklicher als für das Opfer selbst. Wenigstens hörte dieses das entsetzliche Geräusch nicht mehr, das seinen Tod anzeigte. Wenn wir das vertragen haben – und wie ich mich erinnere, war es vornehmlich auf dein Drängen, daß die Tat geschah –, dann müssen wir in diesem viel zwingenderen Falle . . .«

»Nein, nein, Toussac, halt!« schrie der Philosoph, und seine sonst so sanfte Stimme erhob sich bis zum Gekreisch, als mir die haarige Hand des Giganten neuerdings an das Kinn griff.

»Ich beschwöre dich, Lucien, aus praktischen und moralischen Gründen, laß es nicht zu. Bedenke, daß unsere Pläne mißlingen können; dann haben wir alle Hoffnung auf Gnade verloren. Bedenke auch . . .«

Dieses Argument schien den jungen Mann stutzig zu machen; sein ohnehin olivenfarbiger Teint wurde noch fahler.

»Dann sind wir jedenfalls verloren, Charles,« sagte er. »Wir haben keine Wahl. Dem Paragraph dreizehn müssen wir gehorchen.«

»Wir gehören dem engeren Komitee an und können uns eine gewisse Freiheit gestatten.«

»Einen Paragraphen können wir allein nicht abändern,« sagte Lesage. Seine herabhängende Lippe zitterte, aber die Augen blieben kalt und hart. Allmählich begann sich mein Kinn unter dem Druck des fürchterlichen Daumens zu den Schultern zu wenden und ich empfahl meine Seele der heiligen Jungfrau. Aber plötzlich schoß Charles, mein Verteidiger, hervor und erfaßte Toussacs Arm mit einer Heftigkeit, die gegen seine bisherige philosophische Ruhe stark abstach.

»Du darfst ihn nicht töten!« schrie er zornig, »Wer bist du, der du es wagst, dich gegen meinen Willen aufzulehnen? Laß ihn los, ich will es nicht, sage ich.« Der Wutausbruch verfehlte seine Wirkung vollständig; die Mienen der Genossen blieben starr und unbewegt. Da verlegte sich mein Gönner aufs Bitten.

»Seht doch, ich will euch ein Versprechen geben. Hör du mich an, Lucien! Ich will ihn verhören. Wenn er ein Spion ist, soll er sterben, und Toussac soll mit ihm machen, was er will. Ist er aber nur ein harmloser Reisender, der durch einen bösen Zufall in dieses Haus geriet und nur aus dummer Neugier unseren Plänen nachforschte, dann überlaßt ihn mir.«

Bisher hatte ich meinen Mund nicht aufgetan und kein Wort zu meiner Verteidigung hervorgebracht; und wenn es auch mehr Stolz als Mut war, was meine Haltung beeinflußte, so war ich doch mit mir zufrieden. Mein Selbstbewußtsein stand mir höher als mein Leben. Nach den letzten Worten meines Verteidigers wandte ich den Blick von dem Manne ab, der mich festhielt und sah hinüber zu jenem, der mein Todesurteil ausgesprochen hatte. Denn die Roheit meines Peinigers entsetzte mich weniger, als die feige, egoistische Haltung des anderen. Ein furchtsamer Mensch ist gefährlicher als alle anderen, und der Richter, der einen fürchtet, ist der unbeugsamste.

Von der Antwort auf die Rede meines Anwalts hing mein Leben ab. Lesage legte die Finger an die Zähne und belächelte herablassend die ernste Sprache seines Genossen.

»Paragraph dreizehn! Paragraph dreizehn!« wiederholte er in seinem sanften Tone, der mich doppelt erbitterte.

»Ich will dir was sagen, mein Lieber,« ergänzte nun Toussac mit seiner groben Stimme. »Es gibt noch eine andere Regel, die besagt: Wer einen Verbrecher beherbergt, soll behandelt werden, als hätte er selbst das Verbrechen begangen.«

Dieser Ausfall erschütterte den Gleichmut meines Anwaltes nicht im mindesten.

»Du bist ein ausgezeichneter Mann der Tat, Toussac; aber wenn es Entschlüsse zu fassen gibt, tust du besser, dies gescheiteren Köpfen zu überlassen.«

Die ruhige Überlegenheit, mit der diese Worte gesprochen wurden, schienen den Wilden einzuschüchtern. Er zuckte schweigend die Achseln.

»Was dich anbelangt, Lucien,« nahm nun wieder mein Gönner das Wort, »so bin ich erstaunt, daß du irgendeinem meiner Wünsche entgegentrittst, in Anbetracht der Stellung, die du einst in meiner Familie einzunehmen wünschest. Wenn du die wahren Prinzipien der Freiheit erkannt hast, und wenn du einer von jenen bist, die nie an dem endlichen Sieg der Republik verzweifelt sind, wem verdankst du alles dies?«

»Gewiß, Charles, das gebe ich gerne zu,« antwortete der junge Mann sehr erregt. »Gewiß sollte ich der letzte sein, der sich irgendeinem deiner Wünsche widersetzt; aber in diesem Falle führt dich deine Herzensgüte auf falsche Wege. Stelle ihm in Gottes Namen so viele Fragen als du willst; aber an dem Ausgang der ganzen Sache kann das nichts ändern.«

So dachte auch ich; wußte ich doch die Geheimnisse dieser verzweifelten Bande; sie konnten mich nicht ziehen lassen. Und doch, das Leben ist so schön, und ein Aufschub des Endes, sei er noch so kurz, ist so willkommen! Als die mörderische Hand mein Kinn los ließ, glaubte ich ein leises Glockenläuten zu hören und die Lampe heller leuchten zu sehen. Gleich darauf kehrte mein Bewußtsein klar zurück, und ich blickte auf das abgezehrte Gesicht meines Untersuchungsrichters.

»Woher kommen Sie?« fragte er.

»Aus England.«

»Aber Sie sind Franzose?«

»Ja!«

»Wann kamen Sie an?«

»Heute abend.«

»Auf welchem Wege?«

»Auf einem Dreimaster von Dover.«

»Der Mann spricht die Wahrheit,« grölte Toussac. »Zu seinem Glück kann ich das bestätigen. Wir haben das Schiff gesehen; und jemand wurde ans Land gesetzt, gleich nachdem das Boot, mit dem ich kam, abgestoßen hatte.«

Ich erinnerte mich an das Boot: es war der erste Gegenstand, den ich an der französischen Küste wahrnehmen konnte. Welch eine ungeahnte Bedeutung hatte es jetzt für mich gewonnen! Und nun begann mein Verteidiger seine Fragen, ganz allgemeine, nutzlose Fragen; und so langsam, zögernd stellte er sie, daß Toussac zu murren anfing. Dieses Kreuzverhör erschien mir wie eine zwecklose Komödie, und doch entnahm ich aus dem Eifer und der Eindringlichkeit des Fragenden, daß er irgendeine Absicht damit verband. Wollte er vielleicht nur Zeit gewinnen? Zeit wozu? Und blitzartig, wie die Gedanken nur dem kommen, dessen Nerven durch eine Gefahr aufs äußerste angespannt, blitzschnell durchzuckte mich eine Erleuchtung. Der Mann erwartete irgend etwas, er wartete gespannt und ungeduldig. Dies las ich in seinem zusammengekniffenen Gesicht, ich sah es an dem unaufhörlichen Zwinkern seiner ruhelosen Augen. Er erwartete eine Unterbrechung und sprach und sprach ohne Unterlaß, um die anderen hinzuhalten. So sicher war ich meiner Sache, als ob er mir sein Geheimnis ins Ohr geflüstert hätte; und neue Hoffnung drang mir belebend, wie ein warmer, rieselnder Quell, zum erstarrten Herzen.

Endlich brachte das Geschwätz Toussac in hellen Zorn; mit einem wilden Fluch fuhr er dazwischen.

»Jetzt habe ich es satt,« schrie er. »Für deine kindische Spielerei schlage ich mein Leben nicht in die Schanze. Haben wir nichts Besseres zu tun, als über diesen Menschen zu schwätzen? Bin ich mit Lebensgefahr von London herübergekommen, um deine schönen Reden zu hören? Höre auf mit deiner Fragerei und nun ans Geschäft.«

»Sehr richtig,« sagte mein Verteidiger. »Dieser kleine Wandschrank hier kann sehr gut als Gefängnis für den Mann da dienen. Wir wollen ihn hineinstecken und erst unsere Geschäfte erledigen. Dann haben wir noch immer Zeit, mit ihm fertig zu werden.«

»Damit er auch noch unsere Gespräche hört,« meinte Lesage.

»Weiß der Teufel, was in dich gefahren ist,« schrie Toussac mit einem mißtrauischen Blick auf meinen Beschützer. »Du warst wohl nie so zaghaft, am wenigsten damals mit dem Manne von Row Street. Der Kerl kennt unser Geheimnis; wenn wir ihn leben lassen, werden wir ihn als Angeklagte bei Gericht wiedersehen. Was hat es für einen Sinn, eine Verschwörung anzuzetteln, um den Erfolg im letzten Moment wegen eines fremden Menschen in Frage zu stellen und uns alle ins Verderben zu stürzen? Ich breche ihm das Genick, und alles ist in Ordnung.«

Wieder streckten sich die behaarten Hände nach meinem Kinn aus, als Lesage plötzlich aufsprang. Er war ganz blaß geworden und lauschte mit emporgehaltenem Zeigefinger und seitwärts geneigtem Kopf. Seine lange feine, dünne Hand zitterte wie ein Blatt im Winde.

»Ich höre etwas,« flüsterte er.

»Ich auch,« sagte der ältere.

»Was war das?«

»Ruhe, aufgepaßt!«

Wir horchten in atemloser Spannung. Der Wind heulte im Kamin und rüttelte an den schlottrigen Fenstern.

»Es war nichts,« sagte endlich Lesage mit nervösem Lachen. »Der Sturm macht manchmal ganz sonderbare Geräusche.«

»Pst,« rief der andere, »jetzt habe ich wieder etwas gehört.«

Ein wildes Geheul übertönte das Brausen des Sturmes.

»Ein Hund.«

»Man verfolgt uns!«

Lesage eilte zum Kamin und warf die Papiere ins Feuer.

Toussac ergriff die an der Wand lehnende Axt; mein Anwalt aber zog das zerrissene Netzwerk aus der Ecke und öffnete eine kleine, hölzerne Tür, die einen flachen Holzraum abschloß.

»Rasch, da hinein,« flüsterte er.

Während ich in mein Versteck kroch, hörte ich ihn mit den anderen darüber reden, daß ich hier sicher untergebracht sei, und daß sie jederzeit Hand an mich legen könnten, wenn es ihnen beliebe.

Fünftes Kapitel.

Abgefaßt.

Mein Käfig – anders war das Loch, in das man mich gesteckt hatte, kaum zu nennen – war eng und niedrig; obendrein noch vollgepfropft mit runden, geflochtenen Körben, deren Bestimmung ich mir anfangs nicht erklären konnte; später erkannte ich sie als Hummerfallen.

Licht drang nur durch die Spalten der alten, gesprungenen Tür ein, aber diese waren so weit und so zahlreich, daß ich den Innenraum der Hütte bequem übersehen konnte. Trotz meiner Schwäche, trotz aller Todesangst, die meine Sinne noch umnebelte, fesselte mich das Bild, das sich vor meinen Augen entrollte.

Mein magerer Freund, dessen runzliges Gesicht einen unverändert gefaßten Ausdruck zur Schau trug, saß wieder auf der Kiste. Die Arme um die Knie geschlungen, schaukelte er langsam vor- und rückwärts, und seine Wangenmuskeln zogen sich rhythmisch zusammen, wie die Kiemen eines Fisches. Neben ihm stand Lesage; sein kreidebleiches Gesicht glänzte feucht, und die Lippen bebten ihm vor Angst. Dann und wann versuchte er seine Züge zur Festigkeit zu zwingen, aber immer wieder übermannte ihn das Entsetzen und machte ihn am ganzen Leibe erzittern. Toussac aber stand am Feuer, eine prächtige Gestalt, die Axt bei Fuß und das Haupt herausfordernd zurückgeworfen, zum Kampf bereit mit jeder Faser seines wuchtigen Körpers. Und als das Gebell des Hundes immer näher und deutlicher erklang, da stürzte er zur Tür und stieß sie auf.

»Laß den Hund nicht herein,« schrie Lesage in höchster Angst.

»Du Narr, wir müssen den Hund töten; das ist unsere letzte Hoffnung.«

»Er ist ja an der Leine.«

»Dann sind wir verloren. Wenn er aber frei ist, können wir vielleicht noch entkommen.«

Lesage duckte sich unter den Tisch und starrte nach der offenen Tür. Mein Anwalt jedoch wiegte sich in den Hüften, und auf seinen Lippen lag ein feines Lächeln. Er hielt die Hand an der Hemdkrause, so daß ich dort eine Waffe vermutete. Zwischen dieser Gruppe und dem offenen Tor stand Toussac, von dessen mutvoller Gestalt ich kein Auge wenden konnte, so sehr ich ihn fürchtete und verabscheute.

Das fesselnde Schauspiel, das sich vor meinen Augen entrollte, das nahe Verhängnis, das über den Häuptern der drei Verschwörer schwebte, hatte alle Gedanken über mein eigenes Schicksal in den Hintergrund gedrängt. Ein entsetzliches Drama spielte sich auf dieser unscheinbaren Bühne ab, und ich in meinem schmutzigen Versteck war der einzige Zuschauer. Ich hielt den Atem an und wartete.

Plötzlich mußten die drei irgend etwas erblickt haben, was für mich unsichtbar war; das sah ich an dem gespannten Ausdruck ihrer Gesichter und dem starren Blick ihrer weit aufgerissenen Augen. Toussac schwang die Axt über die Schultern und holte zum Schlage aus, Lesage duckte sich und hielt die Hand vor die Augen. Der Dritte aber hörte auf, mit den Beinen zu schlenkern, und saß still wie eine Bildsäule auf der Kante der Kiste. Ein Geräusch, wie von raschen Tritten im feuchten Moor, schlug an mein Ohr; und gleich darauf schoß ein gelber Streif pfeilschnell über die Schwelle. Toussacs Axt sauste nieder und vergrub sich in der Gurgel der Bestie. So wuchtig war der Schlag, daß die Waffe in Trümmer ging und Toussac, mitgerissen durch den schweren Körper des Hundes, rücklings zu Boden stürzte. Beide überschlugen sich, der haarige Mann und der haarige Hund, und wälzten sich grölend und knurrend in wildem Kampf. Da griff Toussac dem Tiere an die Gurgel: ein lauter Schmerzensschrei und darauf ein Geräusch wie vom Zerreißen starker Leinwand. Taumelnd mit bluttriefenden Händen erhob sich der Mann, und regungslos lag eine gelbe Masse am Boden.

»Jetzt schnell fort,« rief Toussac mit Donnerstimme und schoß durch die Tür hinaus.

Während des mörderischen Kampfes hatte sich Lesage in namenlosem Schrecken in die Ecke des Zimmers verkrochen; jetzt erhob er sein angstverzerrtes, mit kaltem Schweiß überströmtes Gesicht.

»Ja, ja,« rief er, »wir müssen fliehen, Charles. Die Polizei ist ein gutes Stück hinter dem Hunde zurückgeblieben; wir können noch entkommen.«

Aber das Gesicht des anderen trug unverändert völlige Ruhe und Gleichmut zur Schau, und nichts rührte sich darin als die rhythmisch arbeitenden Wangenmuskeln. Er schritt zum Tor und schloß es von innen.

»Ich glaube, Freund Lucien,« sagte er gelassen, »du bleibst am besten hier.«

Lesage starrte ihn an, und sein Staunen verdrängte beinahe den Ausdruck des Entsetzens aus seinem bleichen Gesicht.

»Aber du begreifst unsere Lage nicht, Charles,« rief er.

»Ich glaube sie zu begreifen,« erwiderte der andere lächelnd.

»Sie können jeden Augenblick da sein; der Hund ist aus dem Halsband geschlüpft und ist vorausgelaufen; sie werden gewiß hierherkommen, es gibt ja keine andere Hütte im Moor.«

»Ja, sie werden sicher kommen.«

»Also rasch fort, in der Finsternis können wir noch entkommen.«

»Nein, wir bleiben.«

»Wahnsinniger, du kannst dein eigenes Leben opfern, aber nicht das meinige. Bleibe da, wenn du willst; ich laufe davon.«

Mit herabhängenden Armen stürzte er dem Tore zu, ein Bild der Hilflosigkeit; aber der andere vertrat ihm den Weg mit so herrischer Gebärde, daß der junge Mann zurücktaumelte.

»Du Narr,« sagte der ältere. »Du armer Tropf.«

Lesage stand da mit herunterhängender Unterlippe, schlotternden Knien und ausgespreizten Fingern: eine wahre Jammergestalt.

»Du, Charles, du,« stammelte er, jedes Wort mühsam herausstoßend.

»Ja, ich,« sagte der andere grimmig lächelnd.

»Du ein Polizeiagent! Du, die Seele unserer Gesellschaft! Du, ein Mitglied des innersten Komitees! Unser Anführer! Das kann nicht sein, Charles. – Ich glaube, sie kommen schon. Laß mich hinaus, ich beschwöre dich, laß mich hinaus!«

Der Alte schüttelte den Kopf, seine Züge blieben ehern.

»Aber warum denn mich, warum nicht Toussac?«

»Wenn der Hund Toussac zum Krüppel gebissen hätte, dann hätte ich euch beide gehabt. Aber so ist mir Freund Toussac etwas zu kräftig. Nein, mein lieber Lucien, du sollst meine Trophäe sein; du mußt dich in dein Schicksal fügen.«

Lesage schlug sich vor die Stirne, als glaubte er zu träumen.

»Ein Polizeiagent,« wiederholte er, »Charles ein Polizeiagent!«

»Daß ihr erstaunt sein würdet, das dachte ich mir.«

»Aber du warst ja der wütendste Republikaner von uns allen. Keiner war dir extrem genug. Wie oft haben wir deinen philosophischen Vorträgen gelauscht! Und gar Sibylle! Die ist doch gewiß kein Polizeispion! Aber du scherzest, Charles, sag, daß du scherzest.«

Der grimmige Ausdruck wich aus den Zügen des Alten; er lächelte vergnüglich.

»Dein Erstaunen ist sehr schmeichelhaft für mich,« sagte er. »Freilich war ich ohnehin überzeugt, meine Rolle gut gespielt zu haben. Es ist nicht mein Fehler, daß diese Stümper den Hund auskommen ließen: und mir bleibt der Ruhm, ganz ohne fremde Mithilfe einen der verwegensten und gefährlichsten Verschwörer gefangen zu haben.« Er lächelte ironisch zu dieser Charakterisierung seines Gefangenen. »Der Kaiser versteht es, seine Freunde zu belohnen,« fügte er hinzu, »und seine Feinde zu bestrafen.«

Die ganze Zeit hatte der Alte die Hand an der inneren Brusttasche gehalten; jetzt zog er sie so weit heraus, daß ein mattschimmernder Pistolenlauf zum Vorschein kam.

»Es ist alles umsonst,« sagte er. »Du bleibst hier im Hause, lebendig oder tot.«

Lesage schlug die Hände vors Gesicht und begann laut zu schluchzen.

»Du warst der schlimmste von uns allen, Charles,« stieß er klagend hervor. »Du hießest Toussac den Mann von Bow Street töten, und du hast das Feuer in der Rue basse de la Rampart gelegt. Und jetzt wendest du dich gegen uns.«

»All dies tat ich, um Licht in die Sache zu bringen – und zwar im richtigen Augenblick.«

»Das ist sehr schön, Charles, aber was wird man von dir denken, wenn ich alles das erzähle – zu meiner eigenen Verteidigung. Wie kannst du das vor deinem Kaiser rechtfertigen? Noch ist es Zeit, meinen Enthüllungen vorzubeugen.«

»Du hast wirklich recht,« sagte der Alte, zog seine Pistole heraus und spannte den Hahn. »Vielleicht habe ich ab und zu meine Instruktionen überschritten, und es ist gerade noch Zeit, den Unannehmlichkeiten, die mir daraus erwachsen könnten, vorzubeugen. Es ist ja schließlich Nebensache, ob ich dich tot oder lebend der Behörde übergebe, und ich glaube wirklich, es ist besser, ich liefere deinen Leichnam aus.«

Schrecklich war der Anblick, als Toussac dem Hund die Gurgel ausriß; aber noch ärgeres Entsetzen ergriff mich jetzt, und eiskalt lief es mir über den Rücken. Mitleid und Ekel zugleich empfand ich vor dem Jüngling, der, von der Natur zum Gelehrten, zum Poeten ausgerüstet, durch fremden Willen gezwungen ward, eine Rolle zu spielen, die jedes Kind besser getroffen hätte als er. Ich verzieh ihm seine Hinterlist gegen mich und die seelischen Qualen, die er mir zugefügt. Er hatte sich zu Boden geworfen und wälzte sich in Krämpfen vor Entsetzen, während sein Genosse mit höhnischem Lächeln ihm die Mündung der Pistole an die Schläfe hielt. Dieser spielte mit dem Feigling wie die Katze mit der Maus; allein in seinen unerbittlichen Augen las ich, daß er es ernst meinte, und jeden Augenblick erwartete ich, der Finger würde den Drücker berühren.

Voll Grauen über den kaltblütigen Mord stieß ich die morsche Tür meines Käfigs auf, um dem Opfer zu Hilfe zu eilen. Da erklang von draußen Waffengeklirr, und menschliche Stimmen wurden laut.

»Im Namen des Kaisers,« rief eine Stentorstimme, und mit einem Ruck flog die Tür aus den Angeln.

Noch stürmte es heftig. Durch das offene Tor sah ich eine Schar Berittener mit herabhängenden Federbüschen und durchnäßten Mänteln, auf denen Regentropfen glitzerten. Seitwärts fiel das Licht aus der Hütte auf zwei prächtige Pferdeköpfe und auf die rotrandigen Pelzmützen der Husaren an ihrer Seite. In der Tür stand eine schlanke Gestalt: ein Offizier, wie seine elegante Haltung verriet. Er trug Röhrenstiefel, und der blaue, silberverzierte Soldatenrock kleidete seine hohe Gestalt vortrefflich. Er fand es offenbar nicht der Mühe wert, den Säbel zu ziehen, und überblickte kalt und gelassen den blutbespritzten Boden der Hütte.

»Nun also,« sagte er, »was gibt's?«

Der alte Mann hatte seine Pistole wieder in die Brusttasche gesteckt.

»Da ist Lucien Lesage,« sagte er.

Der Husar musterte verächtlich die auf dem Boden liegende Jammergestalt.

»Ein netter Verschwörer,« sagte er, »Steh auf, du feiger Hund. Übernimm ihn, Gerard, und bring ihn ins Lager.«

Ein jüngerer Offizier trat sporenklirrend ein, zwei Mann an den Fersen; sie zogen den erbärmlichen, halb ohnmächtigen Menschen hinaus in die Finsternis.

»Wo ist der andere, der sich Toussac nennt?«

»Er hat den Hund umgebracht und ist entflohen. Lesage wäre auch entkommen, wenn ich ihn nicht gehindert hätte. Hätten Sie den Hund besser an der Leine gehalten, wären jetzt beide in unserer Gewalt; aber auch zu diesem Fang können Sie mich beglückwünschen, Colonel Lasalle.« Er streckte die Hand aus, aber der Offizier drehte sich auf dem Absatz um.

»Hören Sie, General Savary,« sagte er durch das Tor hinausblickend. »Toussac ist entwischt.«

Ein großer junger Mann erschien im Lichtschein der Lampe. Der Ausdruck seines hübschen gebräunten Gesichtes spiegelte den unangenehmen Eindruck wider, den diese Neuigkeit auf ihn machte.

»Wo ist er denn?«

»Seit einer Viertelstunde ist er fort.«

»Er ist der gefährlichste unter den Verschwörern. In welcher Richtung ist er geflohen?«

»Landeinwärts, glaube ich.«

»Wer ist der dort?« fragte General Gavary, auf mich zeigend. »Eurem Berichte nach waren nur zwei, außer Euch, Monsieur . . .«

»Es ist besser, keine Namen zu nennen,« sagte Charles rasch unterbrechend.

»Das begreife ich,« entgegnete General Savary spöttisch.

»Ich hätte Ihnen die Hütte als Ort der Zusammenkunft genannt; sie wurde aber erst in letzter Stunde dazu bestimmt. Ich gab Ihnen die Möglichkeit, Toussac zu fassen, Sie aber haben alles verdorben, da Sie den Hund auskommen ließen. Sie werden dem Kaiser Rede stehen müssen wegen Ihrer Nachlässigkeit.«

»Das ist unsere Sache,« entgegnete General Savary streng »Zunächst will ich den Namen jenes Menschen dort wissen.«

Es schien mir nutzlos, meinen wahren Namen zu verbergen, da der Brief in meiner Tasche ihn ja doch verraten hätte.

»Mein Name ist Louis de Laval,« sagte ich stolz.

Zweifellos hatten wir in England die Bedeutung unseres Namens stark überschätzt. Wir waren der Meinung, ganz Frankreich erwarte unsere Rückkehr; statt dessen schienen wir über den großen Ereignissen der letzten Zeit gänzlich vergessen zu sein.

Mein aristokratischer Name schien auf General Savary nicht den geringsten Eindruck zu machen; gelassen schrieb er ihn in ein Taschenbuch.

»Monsieur de Laval hat nichts mit der ganzen Sache zu tun,« sagte der Spion. »Er ist nur zufällig hier hereingeraten, und ich bürge dafür, daß er zur Verfügung steht, wenn man seiner bedarf.«

»Gewiß wird man seiner bedürfen,« sagte General Savary, »indessen brauche ich alle meine Leute zur Jagd nach dem Flüchtling und habe nichts dagegen, Laval in Eurer Obhut zu lassen, wenn Ihr für ihn bürgt. Ich werde mich an Euch wenden, wenn der Kaiser ihn zu sehen wünscht.«

»Er steht dem Kaiser jederzeit zur Verfügung.«

»Sind irgendwelche Papiere da?«

»Sie wurden verbrannt.«

»Das ist sehr schade.«

»Ich habe Abschriften.«

»Ausgezeichnet. Kommen Sie, Lasalle, jede Minute ist kostbar; hier haben wir nichts weiter zu tun; wir wollen Reiter nach allen Seiten aussenden, vielleicht holen wir ihn noch ein.«

Ohne den Spion eines weiteren Blickes zu würdigen, schritten die beiden Offiziere zur Tür hinaus. Kommandoworte erschallten, und säbelklirrend schwangen sich die Reiter in die Sättel. Im nächsten Augenblick waren sie verschwunden.

Mein Beschützer ging zur Tür und lugte in die Finsternis – dann kam er zurück und musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen, ein hämisches Lächeln auf den Lippen.

»Nun, mein Herr,« sagte er, »wir haben Ihnen recht unterhaltende lebende Bilder vorgeführt, und Sie können mir für den guten Sperrsitz recht dankbar sein.«

»Ich bin wirklich tief in Ihrer Schuld,« antwortete ich, zwischen Dankbarkeit und Widerwillen schwankend. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

Seine spöttischen Augen blickten mich eigentümlich an. »Sie werden später Gelegenheit haben, mir Ihre Dankbarkeit zu beweisen,« sagte er. »Unterdessen können Sie nichts Besseres tun, als mir zu folgen. Denn Sie sind hier fremd, und ich hafte für Sie. Ich will Sie an einen Ort führen, wo Sie in Sicherheit ausruhen und schlafen können.«

Sechstes Kapitel.

Der geheime Gang.

Das Kaminfeuer war verglommen, und mein Beschützer verlöschte die Lampe. Wir verließen das unheimliche Haus, und nach wenigen Schritten war es unseren Blicken entschwunden. Der Wind hatte nachgelassen, aber von der See her trieb er uns einen feinen salzigen Regen ins Gesicht. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich in kürzester Zeit wieder gründlich verirrt und hätte ratlos dagestanden, wie damals nach der Landung; aber mein Gefährte schritt frisch und sicher aus. Zweifellos halfen ihm irgendwelche Wegzeichen, die ich nicht sah oder nicht kannte. Ich folgte ihm, durchnäßt und elend wie ich war, ganz zerüttet in den Nerven. Ungeordnet durchkreuzten die Erinnerungen an die Erlebnisse der letzten Stunden mein zermartertes Gehirn. Trotz meiner Jugend kannte ich aus den Gesprächen meiner Eltern die politischen Verhältnisse Frankreichs sehr genau. Ich wußte, daß die Erhebung Bonapartes auf den Thron die kleine aber auserlesene Schar der Jakobiner und extremen Republikaner aufs äußerste erbitterte; hatten doch alle ihre Bestrebungen, das Königtum zu stürzen, nur dazu geführt, es in ein Kaisertum zu verwandeln.

Andererseits waren auch die Anhänger der Bourbonen, in deren Kreise ich meine Jugend verbracht hatte, sehr unzufrieden mit der freudigen Aufnahme, die die Hauptmasse des Volkes der Erhebung des Emporkömmlings zum Kaiser zuteil werden ließ. So verschieden die Motive waren, in dem Hasse gegen Napoleon und in dem Bestreben, ihn auf irgendeine Weise zu beseitigen, waren die Häupter beider Parteien einig. Daher eine ganze Reihe von Verschwörungen, zumeist in England, und die reichliche Verwendung von Spionen von seiten Fouchers und Savarys, die für Napoleons Leben verantwortlich waren. Der Zufall wollte es, daß ich gleichzeitig mit einem der gefährlichsten Verschwörer an der französischen Küste landete, und daß ich gleich darauf auch die Mittel kennen lernte, die die Polizei gegen die Umstürzler anwendete. Und als ich auf die Abenteuer dieser Nacht zurückblickte, auf die Wanderung im Moor, den Einlaß in die Hütte, die Entdeckung der Papiere, meine Gefangennahme durch die Verschwörer, die entsetzliche Todesangst unter Toussacs Händen, und endlich an die aufregenden Szenen, deren Zeuge ich war – den Kampf mit dem Hunde, die Abfassung Lesages und die Ankunft der Soldaten, da konnte ich mich nicht wundern, daß die Zerrüttung meines Nervensystems sich nun in konvulsivischen Zuckungen des Körpers äußerte. Vornehmlich beschäftigte mich die Frage, in welche Beziehungen ich zu dem Manne an meiner Seite treten sollte. Sein Benehmen hatte mich mit Abscheu erfüllt. Ich war Zeuge seiner Hinterlist den Genossen gegenüber und seiner kaltblütigen Grausamkeit gegen den wimmernden Feigling zu seinen Füßen gewesen. Aber das konnte ich nicht leugnen, daß er dem Zorne Toussacs getrotzt und mich aus der entsetzlichen Lage, in die mich meine kindische Neugierde gebracht, gerettet hatte. Es war auch klar, daß er seine Leistung durch die Auslieferung eines zweiten Gefangenen an die Polizei in noch besseres Licht gerückt hätte. Ich war ja kein Verschwörer, aber ob ich das auch beweisen konnte, war eine andere Frage. Die Schonung, die dieser Felsblock von einem Menschen mir gegenüber übte, setzte mich derart in Erstaunen, daß ich ihn plötzlich, ohne Umschweife frug, was er eigentlich mit mir vorhabe.

Ich hörte ein leises Kichern, als unterhielte ihn meine so plötzlich hervorgestoßene Frage.

»Sie sind wirklich komisch, Monsieur . . . wie heißen Sie gleich?«

»de Laval.«

»Ja richtig, Monsieur de Laval. Sie haben das Ungestüm und den Freimut der Jugend. Sie möchten wissen, was in dem Kamin verborgen ist . . . und sie steigen hinauf. Sie wollen die Ursache von irgend etwas wissen und poltern eine Frage heraus. Ich bin an vorsichtigere Menschen gewöhnt und finde Ihre Art wirklich erfrischend.«

»Was immer Ihre Motive sein mögen, Sie haben mir jedenfalls das Leben gerettet,« sagte ich. »Ich bin Ihnen für Ihr Eingreifen sehr verpflichtet.« Nichts ist schwerer, als einem Menschen, den man verabscheut, seine Dankbarkeit auszudrücken; und meine zögernde Sprache mag es verraten haben, wie ungern ich diese Verpflichtung erfüllte.

»Ich brauche Ihren Dank nicht,« sagte er kalt. »Sie haben recht, anzunehmen, daß ich Sie ganz ruhig hätte hinmorden lassen, wenn es mir in meinen Plan gepaßt hätte, und andererseits bin ich dessen sicher, wären Sie nicht in einer Zwangslage, Sie würden mir den Händedruck verweigern, ganz wie dieser Tölpel von Lasalle es tat. Es ist ehrenvoll, im Felde sein Leben für den Kaiser einzusetzen, aber wenn man in dessen Diensten beständig unter Menschen lebt, die zu allem fähig sind, wohl wissend, daß die geringste Unvorsichtigkeit sicheren Tod bedeutet, dann natürlich ist man unwürdig, die reine Hand eines Ehrenmannes zu berühren. Ich habe mehr gewagt und mehr ertragen in Gesellschaft Toussacs und ähnlicher Wildlinge, als jener Lasalle bei seinen lächerlichen Kavallerieattacken jemals erduldet hat. Und was die Dienste anbelangt, die ich dem Kaiser geleistet, so wiegen die Taten aller seiner Marschälle die meinigen nicht auf. Aber Ihnen erscheint dies alles in anderem Lichte, Monsieur . . . Monsieur . . .«

»de Laval.«

»Ja, daß mir der Name immer wieder entfällt. Sie sind also einer Meinung mit Lasalle?«

»Darüber steht mir kein Urteil zu,« entgegnete ich. »Ich weiß nur das eine, daß ich Ihrem Eingreifen mein Leben verdanke.«

Ehe noch eine Antwort erfolgte, hörten wir Pistolenschüsse und Geschrei in weiter Ferne. Wir blieben stehen, aber schon war alles wieder ruhig.

»Sie müssen ihn zu Gesicht bekommen haben,« rief mein Gefährte. »Aber er ist viel zu stark und zu schlau, um sich fangen zu lassen. Ich glaube, man könnte bis ans Ende der Welt gehen, ehe man wieder einem so gefährlichen Menschen begegnet.«

»Ich ginge lieber ans Ende der Welt, um ihm auszuweichen,« entgegnete ich, »außer die Mittel zur Verteidigung stünden mir zur Verfügung.«

Ein trockenes Lachen meines Gefährten gab seine Zustimmung zu erkennen.

»Und doch ist er ehrenhaft durch und durch, eine nicht gewöhnliche Erscheinung heutzutage. Seit dem Ausbruch der Revolution hält er mit seiner ganzen Kraft zu ihr. Er glaubt felsenfest an alles, was geschrieben und gesprochen wird, und ist überzeugt, daß Frankreich – nach einigen Unruhen und einigen unumgänglich notwendigen Hinrichtungen – ein Hort des Friedens, der Behaglichkeit und der Bruderliebe sein werde. Viele haben sich diese schönen Ideen in den Kopf gesetzt, aber diese Köpfe sind fast alle in den Staub gesunken. Toussac ist seinem Ideal treu geblieben; und darüber, daß er überall statt des Friedens Kämpfe, statt des Wohlstandes grinsende Armut sieht, darüber, daß an Stelle des erträumten Bürgerreiches ein Kaiserreich entstand, darüber ist er verrückt geworden. So wurde der Wüterich aus ihm, den Sie gesehen haben, der Wüterich, der seinen wuchtigen Leib und seine Riesenkraft der Vernichtung derjenigen geweiht, die sein Ideal zerstörten. Er kennt keine Furcht; er ist ausdauernd, unversöhnlich und wird mich eines Tages unfehlbar töten in Vergeltung des Streiches, den ich ihm heute nacht gespielt.«

Mein Gefährte sprach ganz ruhig mit milder Stimme; und es war gewiß keine leere Prahlerei, wenn er behauptete, es gehöre mehr Mut zu seinem unsauberen Gewerbe als zu den glänzenden Kavallerieattacken Lasalles. Nach einer kurzen Pause fuhr der Alte wie im Selbstgespräch fort.

»Ja,« sagte er, »ich habe den richtigen Augenblick verpaßt. Niederschießen hätte ich ihn sollen, während er mit dem Hunde raufte. Aber vielleicht hätte ich ihn nur verwundet; dann hätte er mich in Stücke gerissen wie ein gesottenes Huhn. Vielleicht ist es also besser so.«

Endlich hatten wir den Sumpf hinter uns und fühlten festeren Wiesengrund unter den Füßen. Mein Freund ging in der Finsternis hügelauf, hügelab mit unfehlbarer Sicherheit. Bei meinen durchnäßten Kleidern und halb erstarrten Gliedern war mir seine rasche Gangart sehr willkommen.

Wo wir waren und wohin wir gingen, davon hatte ich nicht die leiseste Ahnung. Zwar war ich hier in der Gegend geboren; aber ich hatte meinen Geburtsort in frühester Jugend verlassen. Selbst bei hellem Tageslicht hätte ich mich nicht zurechtgefunden, und gar in dieser Finsternis! Eine gewisse Gleichgültigkeit war über mich gekommen; ein schützendes Dach und ein wenig Ruhe, das war alles, wonach ich mich sehnte.

Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs waren; wie im Schlaf stapfte ich mechanisch an der Seite meines Gefährten weiter und fuhr erst aus meinen Träumen auf, als er plötzlich stehenblieb. Der Regen hatte aufgehört, und wenn auch noch schwere Wolken den Mond verdeckten, hatte sich doch der Himmel etwas aufgehellt; einige Schritte weit konnte ich nun wenigstens sehen.

Ein großes weißes, viereckiges Becken lag vor uns, zweifellos ein aufgelassener Kreidebruch; an seinen Rändern wucherten Brombeeren und mächtige Farne. Mein Führer sah sich nach allen Seiten spähend um und ging dann zwischen den zerstreuten Gebüschen hindurch nahe an den Kreidefelsen heran, erfaßte diesen und zwängte sich weiter zwischen Gestrüpp und Wand, bis jedes weitere Vordringen unmöglich schien.

»Sehen Sie irgendein Licht in der Nähe?« fragte er.

Ich blickte um mich, aber ich sah keines.

»Gut,« sagte er, »Sie gehen voran, und ich folge Ihnen.«

Während ich mich umgedreht hatte, mußte er einen Strauch ausgerissen oder zur Seite gebogen haben: ein schwarzes Loch inmitten der weißen Wand starrte mich an.

»Die Mündung ist eng, aber drinnen wird es breiter,« sagte er.

Ich zögerte einen Augenblick. Wohin führte mich der unheimliche Mann? Lebte er in einer Höhle, wie ein wildes Tier? Oder war es eine Falle, in die er mich lockte? In dem silbernen Licht des endlich freigewordenen Mondes erschien der schwarze Schlund unbeschreiblich drohend und unheimlich.

»Sie können nicht mehr zurück, mein Lieber,« sagte mein Gefährte. »Sie müssen mir vertrauen, ob Sie wollen oder nicht.«

»Ich stehe zur Verfügung.«

»Also rasch vorwärts, ich folge.«

Ich schlüpfte in den engen Schlund. Auf Händen und Füßen mußte ich kriechen, und nur mit Mühe konnte ich den Hals so weit drehen, um die schwarze, eckige Silhouette des Gefährten hinter mir zu sehen. Am Eingang hielt er einen Augenblick inne; dann hörte ich ein Geräusch wie von aufschnellenden Zweigen, und das fahle, von außen eindringende Licht war verschwunden. Es herrschte tiefe Finsternis; aber ich hörte das Streifen seiner Knie am Boden und wußte, daß er hinter mir herkroch.

»Nur weiter,« sagte er, »bis Sie an eine Stufe kommen, die nach abwärts führt. Dann haben wir mehr Platz und können auch Licht machen.«

Ich konnte den Rücken nicht ausbiegen, ohne die Decke des Ganges zu streifen, und meine Ellbogen berührten die seitlichen Wände. Schlank und geschmeidig, wie ich damals war, kam ich indes rasch und mühelos weiter, bis ich – etwa hundert Schritte vom Eingang entfernt – mit vorgestreckten Händen die Stufe fühlte, von der mein Führer gesprochen. Ich kletterte hinab und merkte sofort an der besseren Luft, daß ich mich in einem größeren Raum befand.

Mein Gefährte schlug Feuer; der Funke setzte den Zunder in Brand, und gleich darauf fiel der gelbe Lichtschein einer Wachskerze auf das hagere Gesicht mit den rhythmisch zuckenden Wangenmuskeln, das mich wie eine in Holz geschnitzte Fratze angrinste. Nur der Kopf war hell beleuchtet, ringsum lag der Raum in Finsternis. Dann hob der Alte die Kerze über seinen Kopf empor und drehte sie langsam im Kreise herum, so daß sie den ganzen Raum beleuchtete, in dem wir standen.

Wir befanden uns in einem unterirdischen Tunnel, der sich tief hinein in die Erde zu erstrecken schien. Hier war der Raum so hoch, daß ich bequem aufrechtstehen konnte. Ich sah mich nach allen Seiten um. Die moosbewachsenen Mauern waren uralt und dort, wo wir standen, war die Decke eingestürzt; sie hatte den alten Ausgang verlegt, und der Kanal durch den Kreidefelsen war neu angelegt worden. Eine Menge umherliegender Trümmer und Brechwerkzeuge bewies sogar, daß dies in allerletzter Zeit geschehen war.

Mein Führer setzte, die Kerze in der Hand, seinen Weg fort, und ich folgte ihm auf den Fersen, über zahllose Steintrümmer stolpernd, die den Weg nahezu verrammelten.

»Nun,« fragte er und grinste mich über die Schulter an, »haben Sie in England schon Ähnliches gesehen?«

»Niemals,« antwortete ich.

»Das sind eben Erfindungen und Einrichtungen aus längstvergangener Zeit, die heute wieder zu Ehren kommen. Ein unterirdischer Gang kann einem in unseren schlimmen Tagen nur nützlich sein.«

»Wohin führt er eigentlich?« fragte ich.

»Hierher,« sagte er und blieb vor einem mächtigen hölzernen, eisenbeschlagenen Tore stehen. Er tastete an dem Eisenwerk herum, ohne daß ich sehen konnte, was er eigentlich machte. Mit einem lauten Krach drehte sich die Tür in den Angeln, und eine steile hohe Treppe mit uralten verwitterten Stufen lag vor uns. Er schob mich vorwärts und schloß die Tür hinter sich zu. Am oberen Ende der Stiege befand sich ein zweites Tor, das mein Begleiter in ähnlicher Weise öffnete und hinter uns wieder verschloß.

War ich es wirklich, ich, Louis de Laval, zuletzt in Ashford, Kent, der all dies erlebte, oder träumte ich den Roman eines Abenteurers?

Die massiven, moosbewachsenen Wölbungen, die eisenbeschlagenen Tore erschienen mir ganz märchenhaft; aber die flackernde Kerze, mein durchnäßtes Bündel und die zahllosen Schäden meiner schmutzigen, unordentlichen Kleidung überzeugten mich von der Wirklichkeit des Geschehenen; und auch das nüchterne, geschäftsmäßige Benehmen wie die gelegentlichen, abgerissenen trockenen Bemerkungen meines Gefährten hatten wenig Romantisches an sich.

Wir standen in einem langen, gewölbten Gang mit Steinfliesen, an dessen anderem Ende eine trübe Öllampe brannte. Zwei vergitterte Fenster ließen erkennen, daß wir uns wieder an der Oberfläche der Erde befanden. Wir durchschritten den geraden und noch einige winklige, kreuz und quer liegende Gänge, stiegen eine kurze Wendeltreppe empor und gelangten in ein kleines, behagliches Zimmer, in dem ein Bett stand.

»Dies dürfte Ihnen für heute nacht genügen,« sagte er.

Ich wünschte mir nichts Besseres, als mich, wie ich war, mit den nassen Kleidern auf das schneeweiße Bett zu werfen, aber noch einmal überwand die Neugier meine Müdigkeit.

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet.« sagte ich, »vielleicht machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und sagen mir, wo ich mich befinde.«

»Sie sind in meinem Hause, das muß Ihnen vorläufig genügen. Morgen wollen wir dann weitersprechen.« Er zog eine Glockenschnur, und ein dürrer, krausköpfiger Diener von bäurischem Aussehen erschien.

»Deine Herrin hat sich wohl zurückgezogen?«

»Jawohl, Herr, vor ungefähr zwei Stunden.«

»Gut. Ich werde dir morgen früh schellen.« Er schloß die Tür, und seine Schritte waren kaum verhallt, als mich ein tiefer, fester Schlaf umfing, wie ihn uns nur die Jugend und die äußerste Erschöpfung beschert.

Siebentes Kapitel.

Der Besitzer von Grobois.

Mein Gastfreund hielt Wort. Am nächsten Morgen weckte mich ein leises Geräusch aus dem Schlafe, und er stand neben meinem Bette. Seine gleichmäßig heitere Miene war kaum mit den greulichen Szenen der letzten Nacht und der niederträchtigen Rolle, die er dabei gespielt, in Einklang zu bringen. Jetzt, im hellen Sonnenlicht, sah er eher wie ein pedantischer Schulmeister aus; und dieser Eindruck wurde noch gesteigert durch das überlegene und doch wohlwollende Lächeln, mit dem er mich betrachtete. Trotz dieses freundlichen Lächelns war er mir mehr zuwider denn je, und ich war mir klar darüber, daß ich meines Lebens nicht froh werden konnte, ehe ich seine mir aufgedrungene Gesellschaft wieder los sein würde. Er trug einen Pack Kleider unter dem Arm, die er nun auf einem an dem Fußende meines Bettes stehenden Sessel ausbreitete.

»Ich entnahm Ihren Worten,« sagte er, »daß Ihre Garderobe augenblicklich etwas lückenhaft ist. Sie sind größer als alle meine Leute; aber vielleicht finden Sie doch etwas Passendes unter diesen Kleidungsstücken. Hier ist auch ein Rasiermesser, Seife und die Puderbüchse. In einer halben Stunde bin ich wieder da; ich hoffe, daß Sie bis dahin Ihre Toilette beendet haben.«

Ich fand, daß meine eigenen Kleider, wenn ich sie bürstete, ganz leidlich aussahen, und entnahm den zur Auswahl mitgebrachten Gegenständen nur ein gefälteltes Hemd und eine seidene Krawatte. Als er zurückkam, war ich fertig und schaute aus dem Fenster. Er betrachtete mich mit prüfenden Blicken von oben bis unten und schien mit meiner Erscheinung zufrieden.

»Es geht!« sagte er, mit dem Kopfe nickend. »Sehr gut sogar! Spuren schwerer Arbeit an den Kleidern machen sich ganz gut, besser als die Geckerei der Incroyables. So hörte ich feine Damen sagen. Nun folgen Sie mir, mein Herr.«

Die Sorgfalt, mit der der rätselhafte Mann meine Kleidung musterte, setzte mich in Verwunderung: aber mein Staunen wich heller Bestürzung, als wir nach kurzer Wanderung in eine weite Halle gelangten, an deren einer Wand das lebensgroße Bildnis meines Vaters prangte. Auch die Halle kam mir bekannt vor, und ich wandte mich fragend nach meinem Gefährten um. Die kalten grauen Augen blinzelten mich vergnügt an.

»Sie scheinen erstaunt, Monsieur de Laval,« sagte er.

»Um Gottes willen,« rief ich, »treiben Sie Ihr Spiel mit mir nicht weiter. Wer sind Sie? Wohin haben Sie mich gelockt?«

Mein Gefährte lachte sein trockenes Lachen. Er faßte mich am Handgelenk und führte mich in einen großen, gewölbten Raum. In der Mitte desselben stand ein geschmackvoll gedeckter Tisch, und in einem Fauteuil daneben saß eine junge Dame, ein Buch in der Hand. Sie erhob sich bei unserem Eintritt. Auf ihrer hohen, schlanken Gestalt saß ein kleiner Kopf. In ihrem scharfgeschnittenen bräunlichen Gesicht leuchteten ein paar lebhaft glänzende, schwarze Augen. Der Blick, den sie mir zuwarf, war nichts weniger als freundlich.

»Sibylle,« sagte mein Gastfreund, »das ist dein Vetter aus England, Louis de Laval. Und dies, mein teurer Neffe, ist meine einzige Tochter, Sibylle Bernac.«

Es verging mir der Atem. »So sind Sie also . . .« »Ich bin der Bruder deiner Mutter, Charles Bernac.« »Sie sind Onkel Bernac?« stammelte ich, »warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?«

»Es paßte mir, dich eine Zeitlang unbefangen zu beobachten. Vielleicht hätte ich mich auch nicht so erfolgreich für dein Leben einsetzen können, wenn meine Genossen unsere verwandtschaftlichen Beziehungen gekannt hätten. Und nun erlaube mir, dich auf dem Boden Frankreichs herzlich zu begrüßen und dir mein Bedauern auszusprechen über den ungastlichen Empfang, der dir zuteil wurde. Sibylle wird mir helfen, dich dafür zu entschädigen.« Er lächelte seine Tochter schelmisch an, die ihre ablehnende Haltung unverändert bewahrte.

Ich blickte mich nach allen Seiten um, und allmählich tauchte das Bild dieses geräumigen Gewölbes mit seinen waffengeschmückten Wänden in meiner Erinnerung auf. Auch der Blick durch das Galeriefenster auf den Eichenbestand in dem weiten Park und drüber hinaus auf die See kam mir bekannt vor. So war ich also wirklich in dem Schlosse zu Grobois, und der fürchterliche Mensch da vor mir, dieser teuflische Ränkeschmied mit dem Totenkopf, war der Mann, dem mein Vater Tag und Nacht geflucht; der ihn aus Grobois vertrieben hatte, um sich selbst an seine Stelle zu setzen. Aber ganz konnte ich doch nicht vergessen, daß er mich diese Nacht mit eigener Lebensgefahr aus Toussacs furchtbaren Händen befreit hatte; und wieder kämpften in meinem Innern Dankbarkeit mit Widerwillen und Abscheu gegen den Spion. Wir setzten uns zu Tische. Während des Essens bemühte sich mein neugefundener Onkel, mir nun alles aufzuklären, was mir bisher unverständlich geblieben.

»Gleich als ich dich sah, vermutete ich, daß du mein Neffe seist. Ich erinnere mich deines Vaters als Jüngling, und du bist sein getreues Ebenbild, wenn ich auch – ohne dir zu schmeicheln – zugeben muß, daß der Vergleich zu deinen Gunsten ausfällt. Dein Vater war bekannt als einer der schönsten Männer von Rouen. Ich habe dich ja erwartet. Es wundert mich, daß du den geheimen Gang nicht kennst; hast du auch nie davon gehört?«

Dunkel erinnerte ich mich, in meiner Kindheit von dem Gange gehört zu haben, aber auch davon, daß das Dach eingestürzt sei und ihn unwegsam gemacht habe.

»Ganz richtig,« sagte mein Onkel. »Aber gleich nachdem ich von dem Schloß Besitz ergriffen hatte, ließ ich den neuen Ausgang nach der Passage durchbrechen, denn ich dachte, er könnte mir in unruhigen Zeiten von Vorteil sein; wäre er damals in Ordnung gewesen, als deine Eltern flüchteten, ihre Flucht wäre viel leichter vonstatten gegangen.«

Seine Worte riefen mir die schlimmen Tage ins Gedächtnis zurück, da der Mob uns Adelige wie Wölfe hetzte und uns noch auf das Schiff einen Hagel von Steinen nachsandte. Auch daran dachte ich, daß es mein Onkel war, der die Flammen geschürt, um auf den Trümmern unseres Glückes seinen eigenen Wohlstand zu gründen.

Wieder fixierten mich die stechenden grauen Augen und lasen mir die Gedanken vom Gesichte ab. »Lassen wir Vergangenes vergangen sein,« sagte er. »Das waren Streitigkeiten zwischen euren Eltern; du und Sibylle, ihr gehört einer neuen Generation an.«

Meine Base hatte bisher kein Wort gesprochen und mich keines weiteren Blickes gewürdigt. Jetzt, da mein Name in Verbindung mit dem ihren genannt wurde, sah sie mich feindselig an, wie bei meinem Eintritt in die Halle.

»Nun ist es an dir, Sibylle,« sagte der Alte, »deinem Vetter Louis zu versichern, daß du keinen Groll gegen ihn hegst.«

»Uns steht es gut an, so zu sprechen, Vater,« antwortete sie. »Wir sitzen auf dem Schlosse, aber die Erben der Lavals sind es, die zu sagen haben, ob sie zufrieden sind.« Ihre dunklen, zornigen Augen ruhten auf mir, während sie meine Antwort erwartete, aber der Alte fuhr rasch dazwischen.

»Du sprichst recht unfreundlich zu deinem Vetter,« sagte er streng. »Das Schicksal hat es gewollt, daß sein Erbe in unsere Hände fiel, aber wir sind nicht dazu berufen, ihn daran zu erinnern.«

»Es bedarf keiner Erinnerung,« entgegnete sie.

»Sie tun mir unrecht,« rief ich aufstehend, denn die offenkundige Feindseligkeit des Mädchens erbitterte mich. »Gewiß habe ich es nicht vergessen, daß dieses Schloß einst meinen Vätern gehörte – ich müßte stumpfsinnig sein, wenn ich es je vergessen könnte –, aber wenn Sie glauben, daß ich darob irgendwelche Bitterkeit im Herzen trage, sind Sie im Irrtum. Was mich anbelangt, wünsche ich nichts sehnlicher, als mir meinen Lebensweg aus eigener Kraft zu bahnen.«

»Und nie war die Zeit hierzu günstiger als jetzt,« rief mein Onkel aus. »Große Dinge werden geschehen, und wenn du erst am Hofe des Kaisers bist, stehst du im Mittelpunkt der Ereignisse. Du bist wohl gewillt, dem Kaiser zu dienen?«

»Ich will mich dem Vaterlande nützlich machen.«

»Das tust du, wenn du dem Kaiser dienst; denn ohne ihn geht es in den Unruhen zugrunde.«

»Nach allem, was man hört, ist der Dienst nicht leicht,« sagte Sibylle, »Jedenfalls hätten Sie es in England bequemer gehabt und wären in Sicherheit.«

Jedes Wort, das sie sprach, klang wie Hohn gegen mich, und doch war ich mir nicht bewußt, sie irgendwie beleidigt zu haben; auch ihren Vater schienen ihre Bemerkungen zu erzürnen. Tiefe Abneigung gegen sie keimte in mir auf.

»Jedenfalls hat dein Vetter Mut, was ich nicht von jedem behaupten könnte.« sagte der Alte.

»Wen meinst du?« versetzte das Mädchen erschrocken.

»Was kümmert dich das?« rief der Alte aufspringend und rannte mit mühsam verhaltenem Zorne aus dem Zimmer.

Sibylle erhob sich rasch und wollte ihm folgen. Doch plötzlich warf sie das Haupt zurück und sagte, zu mir gewendet: »Kennen Sie meinen Vater von früher?«

»Nein,« antwortete ich.

»Und was denken Sie von ihm, nun, da Sie ihn kennen?«

Die seltsame Frage des Mädchens erfüllte mich mit bangem Schauder. Was mußte das für ein Mensch sein, der die Liebe und die Achtung seiner eigenen Tochter so gründlich verscherzt hatte?

»Ihr Schweigen ist beredt,« sagte sie, als ich mit der Antwort zögerte, »Ich weiß ja nicht, was heute nacht vorgefallen ist, denn wir vertrauen uns gegenseitig unsere Geheimnisse nicht an. Dennoch glaube ich, Sie haben ihn durchschaut. Er hat Sie brieflich hierher berufen?«

»Ja.«

»Haben Sie an der Außenseite des Briefes nichts bemerkt?«

Ich erinnerte mich der warnenden Worte, die mir damals so viel zu denken gegeben hatten.

»Ach, Sie waren es, die mich vor der Reise warnte?«

»Ja, ich. Es stand mir kein anderer Weg zur Verfügung.«

»Und warum, wenn ich fragen darf?«

»Weil ich nicht wollte, daß Sie kommen.«

»Erwarteten Sie Übles von mir?«

Nach kurzer Pause antwortete sie zu meiner Überraschung: »Ich fürchtete Übles für Sie.«

»Glauben Sie mich hier in Gefahr?«

»Ich weiß es bestimmt.«

»Soll ich trachten, von hier fortzukommen?«

»Sobald als möglich.«

»Von wem droht mir Gefahr?«

Wieder zögerte das Mädchen einen Augenblick; dann wandte sie sich zu mir mit einer Gebärde, als werfe sie alle Vorsicht über Bord und sagte: »Von meinem Vater.«

»Aber warum von ihm?«

»Das müssen Sie selbst erraten.«

»Diesmal tun Sie Ihrem Vater unrecht, mein Fräulein. Er hat mir im Gegenteil gestern abend das Leben gerettet.«

»Das Leben gerettet? Wer trachtete Ihnen nach dem Leben?«

»Zwei Verschwörer, deren Pläne ich zufällig entdeckte.«

»Verschwörer?« Sie sah mich erstaunt an.

»Sie hätten mich gewiß getötet, wäre Ihr Vater nicht gewesen.«

»Vorläufig braucht er Sie noch für seine Pläne. Er hatte seine Gründe, Sie nach Schloß Grobois kommen zu lassen. – Nun war ich offen gegen Sie, seien Sie es auch gegen mich. Stand Ihrem Herzen je ein Mädchen nahe?«

Meine Base wurde mir immer rätselhafter; diese Frage, am Ende eines so ernsten Gesprächs, überraschte mich mehr als alles Vorhergegangene. Aber Freimut forderte Freimut, und so antwortete ich ohne Zögern: »Ich habe das beste und treueste Mädchen in England zurückgelassen. Ihr Name ist Eugenie, Eugenie de Choiseul, die Nichte des alten Herzogs.«

Meine Base schien sehr befriedigt. Ihre Augen leuchteten auf, als sie mich fragte: »Sie lieben das Mädchen aufrichtig?«

»Ich könnte ohne sie nie glücklich werden.«

»Und Sie wollen nicht von ihr lassen?«

»Nicht für alles in der Welt.«

»Auch nicht für Schloß Grobois?«

»Selbst dafür nicht.«

Freudig überrascht streckte mir Sibylle beide Hände entgegen.

»Verzeihen Sie meine Unfreundlichkeit,« sagte sie. »Wir wollen Verbündete sein, nicht Feinde.«

Und unsere Hände lagen noch ineinander, als der Vater wieder eintrat.

Achtes Kapitel.

Sibylle.

Eine seltsame Mischung von Zufriedenheit und höchster Verwunderung über unsere rasch geschlossene Freundschaft malte sich in den Zügen des schrecklichen Alten. Jede Spur seines Ärgers schien geschwunden, als er zu seiner Tochter sprach; aber Sibyllens Miene blieb mißtrauisch und ablehnend.

»Ich habe einige wichtige Papiere durchzusehen,« sagte er. »Dies dürfte mich etwa eine Stunde lang in Anspruch nehmen. Gewiß wird es Louis interessieren, unterdessen den Park zu besichtigen, und einen besseren Führer als dich, meine Tochter, könnte er sich nicht wünschen.«

Sie erhob keine Einrede, und was mich anbelangt, so war ich glücklich über seinen Vorschlag; gab er mir doch Gelegenheit, meine geheimnisvolle Base, von der ich noch manches erfahren wollte, näher kennen zu lernen. Was für eine Bewandtnis hat es mit der rätselhaften Warnung auf dem Briefe? Woher ihr lebhaftes Interesse für meine Herzensangelegenheiten? Das waren wichtige Fragen. Wir traten hinaus in die würzige Seeluft – würziger noch nach der frischen Brise der letzten Nacht –, durchschritten die Eibenallee und gelangten in den Park. Wir umkreisten das Schloß, blickten hinauf zu seinen Giebeln und Zinnen, bewunderten die aus Eichenholz gezimmerten Fenster und die gezackten Mauern des alten Flügels und erfreuten uns an dem Anblick des Umbaus mit seiner zierlichen, geißblattumrankten Veranda.

Sibylle erklärte mir eingehend alle Einzelheiten, und jedes ihrer Worte zeugte davon, wie lieb ihr diese Stätte geworden. Ihre Stellung als Hausfrau und meine Rolle als Gast auf dem Schloß meiner Väter schienen ihr jedoch peinlich zu sein.

»Nicht gegen Sie war ich mißmutig, sondern gegen uns,« sagte sie. »Gleichen wir nicht dem Kuckuck, der sich in fremden Nestern festsetzt? Ich erröte bei dem Gedanken, daß mein Vater Sie als Gast in Ihr eigenes Haus geladen hat.«

»Vielleicht saß unsere Familie schon zu lange unter diesem Dache,« antwortete ich. »Vielleicht war es zu unserem Heile, daß wir daraus verjagt wurden. Der Kampf um die Existenz stählt Geist und Körper.«

»Sie wollen zum Kaiser?«

»Ja.«

»Wissen Sie, daß er sein Lager hier in nächster Nähe aufgeschlagen hat?«

»So hörte ich.«

»Aber Ihr Name steht auf der Liste der Proskribierten?«

»Ich habe dem Kaiser nichts Böses getan. Ich will keck vor ihn hintreten und ihn bitten, mich in seine Dienste zu nehmen.«

»Nun ja,« sagte sie, »es gibt Leute, die ihn einen Usurpator nennen und ihm Übles wünschen; ich für meinen Teil habe nur Großes und Edles von ihm gehört. Übrigens, Vetter Louis, ich dachte, Sie seien ganz Engländer geworden und seien mit englischem Geld herübergekommen, um Verrat gegen Frankreich zu spinnen.«

»Ich habe in England nur Gastfreundschaft genossen; im Herzen bin ich Franzose geblieben.«

»Ihr Vater focht bei Quiberon gegen uns!«

»Diese Kämpfe gehören der vergangenen Generation. Soweit bin ich der Meinung Ihres Vaters.«

»Glauben Sie den Worten meines Vaters nicht; richten Sie ihn nach seinen Taten,« sagte Sibylle mit erhobenem Finger; »und vor allem verraten Sie ihm meine Warnung nicht, sonst haben Sie mein Leben auf dem Gewissen.«

»Ihr Leben?« keuchte ich hervor.

»Er würde nicht davor zurückschrecken, mich zu töten,« rief sie. »Er hat meine Mutter getötet. Ich sage nicht, daß er Hand an sie gelegt hat; aber seine kalte Grausamkeit brach ihr das Herz. Und jetzt werden Sie meine Sprache verstehen.«

Die Erinnerung an eine Reihe von Jahren voll bitterer Empfindungen und Erlebnisse schienen in dem Busen des tapferen Mädchens lebendig zu werden. Ihre Wangen röteten sich, ihre schönen dunklen Augen leuchteten. Ein streitbarer Geist schien in dieser hohen, schlanken Gestalt zu wohnen.

»Sie wundern sich wohl über meine Offenheit, Vetter Louis,« fragte sie, »da wir uns erst seit einigen Stunden kennen?«

»Ich bin doch Ihr Vetter, Sibylle.«

»Das ist wahr; und doch hätte ich nie geglaubt, daß wir uns so gut vertragen würden. Mit Angst und Sorge erwartete ich Ihre Ankunft; und die Gefühle, die ich Ihnen anfangs entgegenbrachte, dürften Ihnen kaum verborgen geblieben sein.«

»Das kann ich nicht leugnen,« entgegnete ich. »Auf den ersten Blick sah ich, wie unwillkommen ich war.«

»Sehr unwillkommen,« versetzte das Mädchen rasch, »um Ihretwillen und um meinetwillen; um Ihretwillen, weil ich meinen Vater kenne, um meinetwillen, weil . . .«

»Nun, weil?« fragte ich überrascht, als sie verlegen stockte.

»Sie haben mir das Geheimnis Ihrer Liebe anvertraut, Louis. Ich will Ihr Vertrauen erwidern. Auch mein Herz ist vergeben; auch ich bin verlobt . . .«

»Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück,« sagte ich. »Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Die dicke Luft Englands hat Ihren Geist umnebelt, lieber Vetter,« sagte Sibylle und schüttelte ihr stolzes Haupt, »Aber ich kann ja deutlicher sprechen, jetzt, da ich weiß, daß auch Sie auf den Plan meines Vaters nie eingehen würden. Hören Sie also, Louis, mein Vater wünscht uns miteinander zu verheiraten. Dann wären alle Ansprüche auf Grobois vereinigt; dann mag kommen was will – die Bourbonen oder Napoleon –, nichts kann seine Stellung erschüttern.«

Daher also die Sorgfalt für meine Toilette, daher sein Wunsch, mich so vorteilhaft als möglich herauszuputzen, dabei auch sein Mißmut über Sibyllens unfreundlichen Empfang und die Befriedigung über die sichtbaren Zeichen unserer mißverstandenen Anfreundung!

»Ich glaube selbst, Sie haben recht,« rief ich.

»Und ob ich recht habe! Sehen Sie nur hin, wie er uns beobachtet.«

Ich wandte mich ab von den duftenden, mit frischem Heu bedeckten Wiesen und sah nach dem Schlosse hinauf. Wahrhaftig, aus der Ecke eines Fensters lugte das kleine, gelbe Gesicht des Alten heraus. Sofort bemerkte er, daß er entdeckt sei, und winkte mir freundlich zu.

»Jetzt wissen Sie, warum er Ihnen das Leben gerettet hat,« sagte Sibylle. »Er will, daß Sie mich heiraten, und dazu braucht er Sie lebend. Wenn er aber einmal merkt, daß aus diesem Plan nichts werden kann, dann gibt es nur einen Weg für ihn, sich vor der Rückkehr der Lavals zu sichern, und der ist . . .«

Sie stockte.

Nun war mir die große Gefahr, in der ich mich befand, endlich klar. Niemand in Frankreich hatte irgendein Interesse an mir. Und wenn ich eines Tages verschwand, wer sollte nach mir forschen? Ich war also ganz in der Macht dieses Menschen, dessen ruchlose Grausamkeit ich gestern abend kennen gelernt.

»Aber,« sagte ich, »er weiß doch, daß Ihr Herz vergeben ist?«

»Gewiß weiß er es,« antwortete sie, »und das beunruhigt mich am meisten. Ich fürchte für Sie und für mich, aber mehr noch für Lucien. Wer seinen Plänen im Wege steht, der ist verloren.«

»Lucien!« Wie eine Erleuchtung kam es über mich. War es denn möglich – trotz aller Launen der Liebe –, war es möglich, daß dieses beherzte Mädchen die armselige Kreatur liebte, die sich vor meinen Augen in heilloser Angst auf dem Boden gewälzt? Jetzt kam es mir wieder in den Sinn, da ich den Namen Sibylle gelesen hatte. Auf dem Titelblatt jenes braunen Buches stand geschrieben: »Lucien von Sibylle.« Nun erinnerte ich mich auch der Worte, die der Alte zu Lucien gesprochen, seiner Anspielung auf künftige verwandtschaftliche Beziehungen.

»Lucien ist heißblütig und läßt sich leicht mitreißen,« sagte sie. »Mein Vater hat Einblick in sein politisches Treiben gewonnen. Stundenlang sitzen sie in seinem Zimmer, und Lucien sagt mir nicht, was zwischen ihnen vorgeht. Irgendeine Unternehmung ist im Zuge, fürchte ich. Lucien ist eher Gelehrter als Mann von Welt, aber er interessiert sich lebhaft für die Freiheitsbewegung.«

Nur einen Augenblick zögerte ich und schwankte, ob ich über das Erlebte schweigen oder ihr die Wahrheit sagen sollte; aber mit der raschen Auffassung des liebenden Weibes las sie mir die Zweifel von den Augen ab.

»Sie wissen von ihm,« rief sie, »und ich glaubte, er sei auf dem Wege nach Paris. Um Gottes willen, sagen Sie mir, was wissen Sie von ihm?«

»Lesage ist sein Name?«

»Ja, ja, Lucien Lesage.«

»Ich habe – ich habe gestern abend seine Bekanntschaft gemacht,« stammelte ich.

»Sie kennen ihn schon? Und sind doch erst angekommen. Wo haben Sie ihn gesehen? Was ist ihm widerfahren?« Mit namenloser Angst ergriff sie meine Hand.

Es schien mir grausam, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen, aber zu schweigen, wäre vielleicht noch grausamer gewesen. Ratlos blickte ich umher und suchte nach einer Antwort. Aber schon sah ich Onkel Charles über die kurzgeschorene Wiese auf uns zukommen. An seiner Seite schritt sporenklirrend ein hübscher junger Husar – derselbe, der Lucien in der vergangenen Nacht in Gewahrsam genommen hatte. Sibylle zögerte keinen Augenblick; mit blitzenden Augen ging sie ihrem Vater entgegen und vertrat ihm den Weg.

»Was hast du mit Lucien gemacht, Vater?« fragte sie bebend.

Leidenschaftlicher Haß und tiefe Verachtung sprachen aus dem Ton ihrer Stimme. Der Alte wich einen Schritt zurück.

»Das wollen wir später besprechen,« sagte er.

»Auf der Stelle will ich es wissen,« rief Sibylle, aufs höchste erregt. »Was hast du mit Lucien gemacht?«

»Es tut mir aufrichtig leid, meine Herren,« sagte der Alte, zu uns gewendet, »Sie mit unseren häuslichen Differenzen belästigen zu müssen. Ich bitte um Nachsicht für meine Tochter, Herr Leutnant. Ihr Gefangener ist sehr befreundet mit ihr. Natürlich hindern mich solche Familienrücksichten nicht, meine Pflicht gegen den Kaiser zu erfüllen, so schwer es mir auch wird.«

Nun wandte sich Sibylle an den Offizier.

»Sie also haben ihn gefangengenommen?«

»Leider war es meine Pflicht.«

»Von Ihnen werde ich die Wahrheit erfahren. Wohin haben Sie ihn gebracht?«

»In das Lager des Kaisers.«

»Was hat Lucien verbrochen?«

»In politische Angelegenheiten menge ich mich nicht ein, mein Fräulein. Ich tue meine Pflicht und folge dem Kommando meiner Vorgesetzten. Diese Herren hier sind meine Zeugen, daß Colonel Lasalle mir den Befehl erteilte, den Herrn zu verhaften.«

»Um Gottes willen, sagen Sie mir, wessen man Lucien beschuldigt?«

»Genug jetzt, mein Kind,« unterbrach sie ihr Vater scharf. »Da du es durchaus wissen willst, so sage ich dir klipp und klar heraus, daß Herr Lucien Lesage verhaftet wurde, weil er in ein Komplott gegen das Leben des Kaisers verwickelt ist, und daß es mein Verdienst ist, seine Mordpläne enthüllt zu haben.«

»Dein Verdienst!« schrie Sibylle außer sich, »Du hetztest ihn in die ganze Sache hinein; du sprachst ihm zu, auszuhalten, und hieltst ihn zurück, wenn er an seinem Vorhaben wankend wurde. Du Elender! Mein Gott, wodurch habe ich die furchtbare Strafe verdient, ein Scheusal, wie dich, Vater nennen zu müssen.«

Mein Onkel zuckte die Achseln, als schiene es ihm nicht der Mühe wert, mit einer Rasenden zu streiten. Wir anderen, der Offizier und ich, wollten uns unbemerkt entfernen, um nicht länger Zeugen der peinlichen Szene zu sein. Sibylle aber rief uns zurück; sie bestand auf unserer Anwesenheit. Zügellose Leidenschaft sprühte aus ihren weitgeöffneten Augen.

»Du hast alle hintergangen, mich aber hast du nie getäuscht,« schrie sie. »Ich kenne dich durch und durch. Du hast meine Mutter ins Grab gebracht und kannst auch mich töten. Aber nie wird mich die Angst vor dir dahin bringen, dich bei Ausführung deiner sauberen Pläne zu unterstützen. Du bist Republikaner geworden, um dir den Besitz von Grobois zu erschleichen, das nach Fug und Recht einem anderen gehört. Nun wieder buhlst du um die Gunst Napoleons und verrätst deine Genossen, die noch an dich glauben. Auch Lucien soll das Opfer deiner Niedertracht werden. Ich kenne deine Pläne, und Vetter Louis kennt sie auch; aber darauf eingehen wird er ebensowenig wie ich. Lieber sterben, als die Gattin eines anderen als Luciens werden.«

»Wenn du ihn heute nacht gesehen hättest, den armseligen Feigling – dann würdest du anders sprechen,« sagte mein Onkel kühl. »Du bist jetzt nicht bei dir, Sibylle. Aber du wirst wieder zur Vernunft kommen und wirst dich schämen, dich öffentlich so bloßgestellt zu haben. Und nun, Herr Leutnant, entledigen Sie sich Ihres Auftrages.«

»Ihnen, Monsieur de Laval, bringe ich eine Botschaft vom Kaiser,« sagte der junge Husar, meinem Onkel geringschätzig den Rücken wendend. »Ich soll Sie unverzüglich in das kaiserliche Lager von Boulogne bringen.«

Ich war sehr erfreut bei dem Gedanken, die Gesellschaft meines Onkels loszuwerden.

»Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« rief ich.

»Meine Eskadron und ein Pferd für Sie warten draußen am Gitter.«

»Ich bin jeden Augenblick bereit.«

»Das ist doch nicht so eilig,« sagte mein Onkel. »Sie werden wohl den Lunch mit uns nehmen, Leutnant Gerard.«

»Die Befehle des Kaisers dulden keinen Aufschub,« erwiderte der Offizier entschieden. »Ich habe schon zu viel Zeit verloren. In fünf Minuten müssen wir unterwegs sein.«

Der Alte legte mir die Hand auf den Arm und führte mich beiseite gegen das Schloßtor hin, durch das Sibylle uns verlassen hatte.

»Nur über einen Punkt noch möchte ich vor deiner Abreise mit dir sprechen. Die Zeit drängt, und ich muß mich kurz fassen. Du hast deine Cousine nicht von der besten Seite kennen gelernt, aber wenn dich auch ihr heutiges Betragen gegen sie eingenommen haben mag, so kann ich dir doch versichern, daß sie ein feingebildetes, liebenswürdiges Mädchen ist. Aus ihren Worten entnehme ich, daß sie dich in meine Pläne wegen eurer Heirat eingeweiht hat. Nun sage mir, gibt es eine bessere Lösung der Frage bezüglich Grobois'?«

»Unglücklicherweise,« sagte ich, »obwalten einige Bedenken gegen diese Heirat.«

»Was für Bedenken, wenn ich bitten darf?«

»Vor allem, daß Sibylle schon verlobt ist.«

»Das ist kein Hindernis. Ich will dafür sorgen, daß Lucien seine Ansprüche nicht geltend macht.«

»Ich habe andere Ansichten über die Ehe. In England, wo ich aufgewachsen bin, heiratet man aus Liebe, nicht aus Vernunft. Übrigens kann schon deshalb aus Ihren Plänen nichts werden, weil auch mein Herz vergeben ist.«

Ein bitterböser Blick des Alten traf mich.

»Überlege dir, Louis, was du tust,« wisperte er in pfeifendem Tone, der wie das Zischen einer Viper klang, »Du wirst es schwer büßen, wenn du meine Pläne durchkreuzest.«

»Mir bleibt keine Wahl,« erwiderte ich entschlossen.

Da ergriff er meinen Arm und schwenkte ihn im Kreise umher, wie es der Satan getan haben mag, als er Christum versuchen wollte.

»Alle die Wiesen und Wälder hier, der Park und das Schloß, in dem deine Ahnen acht Jahrhunderte lang gehaust, alles dies soll wieder dein sein, wenn du mir zu Willen bist.«

Da sah ich im Geiste das kleine Fenster mit den Lorbeerbüschen und Eugeniens liebes, blasses Gesicht, das traurig daraus hervorblickte.

»Unmöglich,« sagte ich.

Meine entschiedene Art schien ihn dessen zu belehren, daß es mir mit meiner Weigerung Ernst sei; Wut flammte in seinen Augen auf, und wilde Drohungen traten an Stelle der sanften Überredungskünste.

»Wenn ich das gewußt hätte – keinen Finger hätte ich heute nacht für Sie gerührt, mein Herr Neffe.«

»Gut, daß ich das weiß; nun kann ich frei von allen Fesseln der Dankbarkeit meine eigenen Wege gehen. Mit Ihnen mag ich nichts mehr zu tun haben.«

»Sie wünschen nichts mehr mit mir zu tun zu haben! Das glaube ich Ihnen aufs Wort, mein Herr,« schrie er außer sich vor Zorn. »Sie werden es später einmal vielleicht noch dringender wünschen als heute. Gehen Sie nur Ihre Wege, ich gehe die meinen. Wir werden ja sehen, wer besser fährt.«

Ein Schwarm Husaren stand am Torweg. In wenigen Minuten hatte ich meine bescheidene Habe eingepackt und eilte hinunter. Da fiel mir plötzlich Sibylle ein. Wie konnte ich sie mit dem wütenden Alten allein hier im Schlosse zurücklassen! Hatte sie nicht selbst gesagt, daß ihr Leben in Gefahr sei? Ratlos blieb ich stehen. Da lief sie mir selbst entgegen.

»Adieu, Vetter Louis,« rief sie mit ausgestreckten Händen.

»Eben dachte ich an Sie,« sagte ich, »ich hatte eine Auseinandersetzung mir Ihrem Vater.«

»Gott sei Dank, daß Sie von hier fortkommen, das ist Ihre einzige Rettung. Aber seien Sie auf der Hut, er wird Ihnen schaden, wie er kann.«

»Ich hoffe mit ihm fertig zu werden; aber Sie kann ich doch nicht hier zurücklassen!«

»Haben Sie keine Sorge. Er hat mehr Grund, mich zu fürchten, als ich ihn. Man ruft nach Ihnen.«

Neuntes Kapitel.

Das Lager bei Boulogne.

Noch immer stand mein Onkel – das Bild eines Usurpators – im Schloßtor, an dessen beiden Pfeilern, in Stein gehauen, unser Wappenschild mit dem silbernen Bande und den drei Schwalben prangte. Er machte keine Miene zum Gruße, als ich das für mich bereitstehende edle Pferd bestieg; aber unter den tief herabgezogenen Augenbrauen heraus betrachtete er mich gedankenvoll, und das bekannte rhythmische Zucken der Wangenmuskeln verriet seine innere Erregung.

Kalte und zielbewußte Bosheit las ich in seinen grauen Augen. Herzlich froh, dem verhaßten Manne nun wohl für immer den Rücken zu kehren, sprang ich rasch in den Sattel: ein kurzer, scharfer Befehl des Leutnants, Klirren und Rasseln der aufsitzenden Reiter, und wir waren unterwegs. Noch einmal blickte ich zurück nach dem Schlosse meiner Ahnen. Unbeweglich stand der Alte im Torweg und über ihm, in einem der altehrwürdigen Fenster, erschien Sibylle, um mir zuzuwinken. Ein kalter Schauer überlief mich, als ich des furchtlosen Mädchens gedachte und des Mannes, in dessen Händen ich sie wehrlos zurückgelassen.

Auf dem Rücken meines leichtfüßigen Pferdes, das mich mit Windeseile durch die frische Morgenluft trug, hatte ich meine Sorgen bald vergessen. Die glänzendweiße Straße führte in Schlangenlinien über welliges Hügelland; weitab zur Linken lag die See, von uns getrennt durch das große Moor, das der Schauplatz meines nächtlichen Abenteuers gewesen. Sogar die schreckliche Fischerhütte glaubte ich in der Ferne als schwarzen Fleck zu sehen. Die kleinen Häusergruppen von Etaples, Ambleterre und anderen Fischerdörfern hoben sich deutlich vom Horizonte ab; und der Küstenstrich, der gestern abend im Scheine der halb bedeckten, untergehenden Sonne aussah wie ein rotglühendes Schwert, erschien jetzt schneeweiß von den Lagerzelten der großen Armee Napoleons. Weit draußen am Wasser stand eine schwarzgraue Wolke. Sie verdeckte mir das Land, in dem ich meine Jugend verbrachte, das liebliche, gastfreie Land, das mir – nach dem eigenen Vaterland – zeitlebens das teuerste bleiben wird. Ich wandte meine Aufmerksamkeit von dem Landschaftsbilde ab den Husaren zu, die – eher eine Garde als eine Eskorte – an meiner Seite ritten. Waren sie doch bis auf die Patrouille von heute nacht die ersten napoleonischen Soldaten, die ich zu Gesicht bekam. Mit Neugierde und Bewunderung musterte ich diese durch ihre Disziplin und Tapferkeit rasch weltberühmt gewordene Truppe. Bei der Parade hätte sie mit ihrer einfachen Uniform und Ausrüstung kaum Staat gemacht, aber die fleckigen Mäntel, das abgeschabte Riemzeug und die kleinen, struppigen Pferde erzählten von den Strapazen des harten, ruhmreichen Dienstes im Felde.

Es waren kleine, leichte Gestalten mit wettergebräunten Gesichtern und starken Schnurr- und Backenbärten; viele trugen Ohrringe. Besonders setzte mich der üppige Bartwuchs eines blutjungen, sonst ganz knabenhaft aussehenden Soldaten in Verwunderung, bis ich bei näheren Hinsehen entdeckte, daß sein martialischer Backenbart aus schwarzem, an die Wangen geklebtem Wachs geformt war. Der junge Leutnant bemerkte mein Erstaunen und sagte erklärend: »Sie wundern sich über den künstlichen Bart; aber der Bursche ist erst siebzehn Jahre alt, und wir können uns das Aussehen der Truppe durch sein Milchgesicht nicht verderben lassen.«

»In dem warmen Wetter, Leutnant, schmilzt das Wachs so stark,« sagte der junge Husar, sich vertraulich in das Gespräch mischend, wie es in Napoleons Armee üblich war.

»Nun ja, Kaspar, in ein oder zwei Jahren wirst du deinen Wachsbart verabschieden.«

»Bis dahin hat er vielleicht schon seinen Kopf verabschiedet,« warf ein Korporal ein, und alle lachten so laut, daß man sie in England dafür vor das Kriegsgericht gestellt hätte. Der vertrauliche Ton zwischen Offizieren und Mannschaft war ein Überbleibsel aus den Tagen des Bürgerreiches, und Napoleons leutseliges Benehmen im Kreise seiner Armee dürfte diese Vertraulichkeit noch gesteigert haben. Oft genug traf die kommandierenden Offiziere ein Hagel von Spottworten aus den Reihen ihrer Soldaten, und – leider – ging auch manchmal ein Hagel von Geschossen auf sie nieder. Oft wurden Offiziere von ihren Untergebenen ermordet; und besonders in der Schlacht von Montebello fielen alle Offiziere – mit Ausnahme eines einzigen von der vierundzwanzigsten Halbbrigade – durch Schüsse von rückwärts. Bald jedoch gelang es Napoleon, in aller Güte seinen Truppen einen besseren Geist einzuflößen. In seiner glorreichen Armee bedurfte es nicht der in Preußen und England damals noch üblichen Prügelstrafe, um die Soldaten zu den äußersten Kraftanstrengungen anzuspornen; Pflichtgefühl und Vaterlandsliebe, nicht Hoffnung auf Lohn und Furcht vor Strafe, waren in dieser erlesenen Schar die Triebfedern zur Tapferkeit. Ein französischer General konnte es getrost wagen, die Soldaten seiner Division tagelang frei im Lande umherstreifen zu lassen; zur Schlacht waren sie sicher alle zur Stelle. Nie täuschten sie das Vertrauen ihrer Führer. Aus den wenigen von den Husaren gesprochenen Worten hatte ich erkannt, daß Französisch nicht ihre Muttersprache war. Daher fragte ich den Leutnant, wo dieselben ausgehoben seien; Franzosen könnten sie ja ihrer Aussprache nach nicht sein.

»Sagen Sie das um Gottes willen nicht laut,« antwortete der Offizier, »sonst schlägt Sie einer mit dem Säbel nieder. Wir sind das erste französische Kavallerieregiment, die Husaren von Berchény; und wenn auch die meisten unserer Leute aus dem Elsaß stammen, und viele von ihnen nur Deutsch können, so sind sie doch ebenso gute Franzosen als Kléber oder Kellermann, die ja auch dort zu Hause sind. Die Soldaten unseres Regiments sind stramme Burschen und seine Offiziere die schneidigsten der ganzen Armee.«

Der Leutnant setzte seine Pelzmütze zurecht, warf den blauen Dolman um seine Schultern, zog die Zügel stramm und rasselte mit dem Säbel. Kindliches Entzücken, Stolz auf sein Regiment und sich selbst malte sich in seinem Gesicht. Die prahlerische Eitelkeit des jungen Mannes machte mir Spaß; aber im Grunde genommen hatte er recht, auf seine graziöse Gestalt und seine ritterliche Haltung stolz zu sein. Und was mich noch mehr für ihn einnahm: der treuherzige Blick seiner blauen Augen verriet den guten Kameraden. Vielleicht dachte er dasselbe von mir, denn er wurde plötzlich vertraulich und legte mir die Hand aufs Knie.

»Ich hoffe, der Kaiser wird nicht ungnädig mit Ihnen sein,« sagte er mit aufrichtig besorgter Miene.

»Das hoffe ich auch,« antwortete ich; »bin ich doch aus England herübergekommen, um ihm meine Dienste anzubieten.«

»Als er heute nacht beim Rapport erfuhr, daß Sie sich in Gesellschaft jener Gauner befanden, erteilte er sofort Befehl, Sie ihm vorzuführen. Vielleicht braucht er Ihre Dienste als Führer in England. Sie kennen doch die ganze Insel genau?«

Der Husar schien sich Großbritannien ungefähr in der Ausdehnung einer der normannischen Inseln vorzustellen. Ich versuchte ihm klarzulegen, daß England ein großes Reich, nicht viel kleiner als Frankreich sei.

»Bemühen Sie sich nicht,« sagte er, »wir werden das alles sehr bald aus eigener Anschauung kennen lernen. Nächster Tage wollen wir England erobern. Im Lager sagt man, daß wir vermutlich nächsten Dienstagabend oder Mittwoch in London einmarschieren werden. Eine Woche lang haben wir Zeit, die Stadt zu plündern; dann soll ein Armeekorps Schottland und ein zweites Irland besetzen.«

Die Zuversicht des Offiziers machte mich lächeln. »Sind Sie sicher,« fragte ich, »daß alles so glatt ablaufen wird?«

»Gewiß,« meinte er, »der Kaiser hat es ja beschlossen.«

»Es wird harte Kämpfe setzen,« entgegnete ich, »die Engländer sind gut vorbereitet und haben ein tapferes Heer.«

»Das wird ihnen wenig nützen, der Kaiser geht selbst hinüber.«

In dieser einfachen Antwort kam das unbedingte Vertrauen, das die Soldaten Napoleons zu ihrem Führer hatten, zum Ausdruck. Fanatisch, mit der Kraft einer religiösen Überzeugung hingen sie an ihm, und Mohammed selbst hätte den rechtgläubigen Islamiten nicht mehr Mut und Todesverachtung einflößen können, als dieser grauröckige Götze seinen Dienern. Mit der letzten Kraft der erlöschenden Stimme riefen die Sterbenden auf dem Schlachtfeld nach ihrem Kaiser und wandten ihm verklärt die todesblassen Gesichter zu.

Nur wer solche Szenen miterlebt hat, kann sich von der Macht, die Napoleon auf seine Soldaten ausübte, einen annähernden Begriff machen. Wahrhaftig, wenn er eines Tages den Entschluß gefaßt hätte – und er war mehr als einmal nahe daran –, sich zum Halbgott ausrufen zu lassen, Millionen hätten sich bereit gefunden, ihm diese Würde unbedenklich zuzuerkennen.

»Sie waren also da drüben?« fragte der Leutnant, auf die über dem Wasser liegende Wolke deutend.

»Gewiß, ich habe mein ganzes Leben dort zugebracht.«

»Warum sind Sie nicht schon längst nach Frankreich gekommen, um für Kaiser und Vaterland zu fechten?«

»Mein Vater wurde aus der Heimat vertrieben, wie alle Adeligen. Solange er lebte, konnte ich meine Dienste dem Kaiser nicht anbieten.«

»Sie haben viel versäumt, aber es wird gewiß noch viele fröhliche Kriege auszufechten geben. Glauben Sie, daß die Engländer eine Schlacht annehmen werden?«

»Ich glaube bestimmt.«

»Wir fürchten, sie werden sofort die Waffen strecken, wenn sie hören, daß der Kaiser selbst nach England kommt. Unter anderem, es soll sehr schöne Frauen dort geben?«

»Die Engländerinnen sind in der Tat sehr schön.«

Der Leutnant streckte die Brust heraus und drehte die Spitzen seines Schnurrbartes. »Sie werden in Booten entfliehen,« murmelte er. Offenbar blieb er hartnäckig dabei, sich England als kleine Insel vorzustellen.

»Wenn sie wüßten, wie wir aussehen, würden sie gewiß nicht fliehen. Von den Berchény-Husaren sagt man, sie setzen überall, wohin sie kommen, die ganze Bevölkerung in Bewegung. Die Weiber laufen ihnen zu, und die Männer rennen davon. Nun, Sie sehen ja selbst, wie schmuck sich unsere Mannschaft präsentiert, und die Offiziere sind die Auslese der ganzen Armee, besonders natürlich die jungen.«

Da ich keine Lust verspürte, mich in Lobeserhebungen über die äußeren Vorzüge meines Begleiters zu ergehen, wechselte ich das Gesprächsthema und fragte ihn, ob er wohl schon eine Schlacht mitgemacht habe. In Anbetracht der Jugend des Offiziers – er mochte kaum älter gewesen sein als ich – hielt ich diese Frage durchaus nicht für beleidigend. Der Husar aber war anderer Meinung. Mit durchbohrendem Blicke maß er mich von oben bis unten.

»Ich hatte das Glück, an neun großen Schlachten und mehr als vierzig Scharmützeln teilzunehmen,« sagte er gereizt. »Ich habe auch eine stattliche Reihe von Duellen ausgefochten und bin jederzeit bereit, mich, wem immer, zum Zweikampf zu stellen – selbst einem Zivilisten, wenn er es darauf anlegen sollte.«

Ich beglückwünschte ihn, daß er trotz seiner Jugend schon so viel mitgemacht habe, was seinen Zorn rasch besänftigte.

Er erzählte von der Schlacht bei Hohenlinden, wo er unter Moreau gefochten, von dem Übergang über die Alpen, von der Schlacht bei Marengo und anderen Gefechten, die er mitgemacht hatte.

»Im Lager werden Sie den Namen Etienne Gerald oft nennen hören. Ich schmeichle mir, der Held einiger Geschichten zu sein, die sich die Soldaten an den Lagerfeuern gern erzählen. Besonders berühmt ist der Kampf geworden, den ich allein gegen sechs ausgezeichnete Fechter erfolgreich bestand, und das Abenteuer mit den österreichischen Husaren, die ich auf eigene Faust überfiel, um ihre Trommel zu erbeuten und auf dem Rücken meines Pferdes heimzubringen. Es war auch kein Zufall, daß gerade ich heute nacht bei der Patrouille war. Colonel Lassalle wollte seine Gefangenen in sicherem Gewahrsam wissen. Leider haben wir nur den einen dingfest gemacht, und dazu noch gerade diesen armseligen Hasenfuß.«

»Und der andere – Toussac?«

»Der scheint aus anderem Teig gemacht zu sein. An ihm hätte ich gern meine Kraft erprobt. Aber er ist entwischt. Bei der Verfolgung bekamen wir ihn einmal zu Gesicht und gaben einige Schüsse auf ihn ab. Dann aber verloren wir seine Spur wieder. Er kennt das Moor zu gut.«

»Welches Schicksal steht Ihrem Gefangenen bevor?« fragte ich.

Leutnant Gerard zuckte die Achseln.

»Der Kaiser hat die Verschwörungen satt und will, wie ich höre, an ihm ein Exempel statuieren. Das tut mir leid, wegen des Fräuleins. Warum muß sie aber auch ihr Herz gerade an diesen Menschen hängen, wo es doch so viele tapfere Soldaten gibt, die dessen würdiger wären.«

Trotz unseres lebhaften Gespräches ritten wir in scharfer Gangart weiter und waren dem Lager schon so nahe gekommen, daß wir die einzelnen Brigaden und Regimenter ganz gut unterscheiden konnten. Eine ganze Stadt von Zelten sahen wir vor uns ausgebreitet in der Niederung, zu der sich nunmehr die Straße senkte; dazwischen unendliche Reihen von aufgezäumten Pferden, zahllose Geschütze und Schwärme von Soldaten. In der Mitte der Ansiedlung befand sich, von einem kreisförmigen freien Raum umsäumt, ein großes Zelt und eine Gruppe von niedrigen Holzhäusern; darüber wehte die Trikolore.

»Das ist das Quartier des Kaisers, und das kleinere Zelt dort gehört dem General Ney, der dieses Korps kommandiert. Natürlich ist das hier nur ein Armeekorps, und zwar das südlichste; das nördlichste befindet sich bei Dünkirchen, und dazwischen liegen viele andere. Zeitweise inspiziert sie der Kaiser der Reihe nach; aber bei uns hält er sich am häufigsten auf; wir sind seine Elitetruppe. Deshalb hat er auch seinen Hofstaat und die Kaiserin selbst in das benachbarte Tour de Briques kommen lassen. Übrigens ist er auch jetzt hier,« fügte er, auf das große weiße Zelt in der Mitte des Lagers zeigend, hinzu.

In den Feldern längs der Straße, die wir ritten, hielten verschiedene Waffengattungen ihre Übungen ab. In ihrem Äußeren entsprachen auch diese Truppen nicht den Vorstellungen, die ich mir nach den Berichten über ihre Heldentaten von ihnen gemacht hatte; ebensowenig als die Husaren meiner Eskorte. Insbesondere die Infanterie bestand aus lauter kleinen Leuten, die in ihren blauen Röcken, weißen Kniehosen und ebensolchen Gamaschen recht unscheinbar aussahen; selbst mit ihren metallglänzenden, mit roten Federn geschmückten Tschakos machten sie keinen gerade imponierenden Eindruck.

Trotz ihrer dürftigen Gestalten aber waren sie zähe, drahtige Kerle, und ihre militärische Ausbildung ließ nach dem mehrjährigen Kriegsdienst nichts zu wünschen übrig.

Zahlreiche altgediente, erprobte Soldaten standen in den Reihen; die jüngsten Offiziere hatten reiche Erfahrung im Felde hinter sich, und die Geschicklichkeit der Generale hatte nirgends ihresgleichen. Wahrhaftig, der Feind, dessen Angriff dem britischen Reiche drohte, war nicht zu unterschätzen. Und hätte Pitt nicht die erste Marine der Welt zur Verfügung gehabt, um die Küste Englands zu verteidigen, die Geschichte Europas böte ein anderes Bild, als es heute der Fall ist.

Leutnant Gerard, der mein Interesse an den Manövern bemerkte, gab mir nähere Aufklärungen über einzelne Truppenkörper, die in unsere Nähe kamen.

»Die Reiter dort auf Rappen mit blauen Decken sind Kürassiere; mit ihren schweren Pferden können sie nur einen langsamen Trab reiten. Wenn sie einen Angriff machen, steht immer eine Abteilung Husaren oder Jäger bereit, um den Erfolg auszunützen.«

»Und wer ist der Zivilist, der die Übungen inspiziert?« fragte ich.

»Das ist kein Zivilist, sondern General St. Cyr, einer von denen, die sich Spartaner vom Rhein nennen. Ihm gilt Einfachheit als die höchste Soldatentugend; aus Prinzip trägt er keine andere Uniform als den einfachen blauen Rock, den er auch jetzt anhat. St. Cyr ist ein hervorragender Offizier, aber er ist unbeliebt, weil er selten mit jemand spricht; manchmal schließt er sich tagelang in sein Zelt ein und spielt Geige. Ich für meinen Teil glaube aber, deswegen noch kein schlechter Soldat zu sein, weil ich einen eleganten Rock trage und mir hier und da ein Glas guten Wein gönne. Wer mich kennt, wird mir das zugestehen. Sehen Sie die Fußtruppen dort auf der linken Seite?«

»Die mit den gelben Aufschlägen?«

»Ganz richtig. Das sind die berühmten Oudinot-Grenadiere. Und die anderen Grenadiere dort mit den roten Achselklappen und den auf dem Tornister aufgebundenen Pelzmützen sind die kaiserliche Leibgarde, die frühere Konsulargarde, die bei Marengo den Ausschlag gab. Achtzehnhundert Mann von ihnen haben nach dieser Schlacht das Ehrenkreuz bekommen. Dort arbeitet das siebenundfünfzigste Infanterieregiment, das den Beinamen des ›Schrecklichen‹ führt, und drüben das siebente leichte Infanterieregiment, das in den Pyrenäen zu Hause ist; seine Leute sind als die besten Fußgänger und die größten Spitzbuben in der Armee bekannt. Die leichte Kavallerie in Grün sind berittene Gardejäger, die als die Lieblingstruppe des Kaisers gelten, obwohl ich es kaum glauben kann, daß er sie höher hält als die Berchény-Husaren. Die anderen Reiter dort in grüner Uniform sind auch Jäger, aber ich weiß nicht, welchem Regiment sie angehören. Sie manövrieren ganz ausgezeichnet. Besser könnten wir selbst es kaum machen. Und nun, Monsieur de Laval, sind wir im Lager angelangt; ich habe den Befehl, Sie unverzüglich dem Kaiser vorzuführen.«

Zehntes Kapitel.

Vor der Audienz.

Im Lager bei Boulogne befanden sich hundertfünfzigtausend Mann Infanterie und fünfzigtausend Mann Kavallerie; mit Ausnahme von Paris hatte damals keine Stadt in Frankreich eine so hohe Bevölkerungszahl aufzuweisen. Die ganze Ansiedlung war in vier Sektionen geteilt: das rechte und das linke Viertel, das Viertel von Wimereux und jenes von Ambleteuse. Im ganzen hatte das Lager eine Tiefe von einer Meile und zog sich sieben Meilen lang an der Meeresküste hin. An der Landseite unbefestigt, war es gegen die See hin durch mächtige Geschütze von bisher nie dagewesenem Kaliber gedeckt. Die Aufstellung der Batterien auf den hohen Klippen ermöglichte es ihnen, herannahende Schiffe schon auf große Distanz zu beschießen und die Landung von Truppen sicher zu verhindern. Das Lager bot einen recht freundlichen Anblick. Länger als ein Jahr lag das Armeekorps schon hier, und die Soldaten hatten alles mögliche getan, um ihre Zelte auszuschmücken. Viele derselben waren von hübschen Gärtchen umgeben, und die sonnverbrannten Soldaten knieten – Spaten und Gießkanne in der Hand – zwischen den Blumen. Andere wieder saßen in der Sonne vor ihren Zelten, gipsten ihre weißen Ledergürtel und putzten die Gewehre. Für uns hatten sie kaum einen Blick; denn Kavalleriepatrouillen kamen und gingen jeden Augenblick. Durch eine stattliche Flucht von Straßen, deren jede ihren Namen, wie Rue d'Arcola, Rue de Kléber, Rue de l'artillerie volante und dergleichen führte, gelangten wir endlich zu dem Hauptquartier des Kaisers.

In jener Zeit brachte Napoleon die Nächte gewöhnlich in dem Dorfe Tour de Briques zu, das einige Meilen weit landeinwärts lag; bei Tage aber hielt er sich zumeist im Lager auf, um mit seinen Offizieren Kriegsrat zu halten. Minister, Generale kamen zu ihm, um Bericht zu erstatten und Befehle entgegenzunehmen. Für diese Besprechungen war ein eigenes Haus gebaut worden, das einen einzigen, sehr großen Raum enthielt. Der Pavillon, den wir von der Höhe des Hügels aus gesehen hatten, diente als Warteraum, in dem sich die Audienzwerber versammelten. Vor dem Tore des letzteren hielt eine Abteilung von Grenadieren Wache, wenn Napoleon anwesend war. Mein Begleiter sprang vom Pferde und hieß mich seinem Beispiele folgen. Hierauf verlangte uns einer der wachthabenden Offiziere die Namen ab und erstattete einem General vorschriftsmäßige Meldung davon. Es war General Duroc, ein großer, hagerer, etwa vierzigjähriger Mann von auffallend kühlem, gemessenem Benehmen. Er sah sehr mißtrauisch drein.

»Sind Sie Monsieur Louis de Laval?« fragte er mit steifem Lächeln.

Ich verneigte mich.

»Der Kaiser erwartet Sie. Sie können abtreten, Herr Leutnant.«

»Ich hafte persönlich für die Einlieferung des Mannes, Herr General.«

»Also kommen Sie mit, wenn Sie wollen.«

Wir traten in einen großen Raum, dessen Wänden entlang eine hölzerne Bank lief. Sonst war keine Einrichtung vorhanden. Eine Anzahl Offiziere verschiedener Waffengattungen, darunter auch Marineure, saßen ringsherum, andere standen in Gruppen beisammen und unterhielten sich in gedämpftem Ton. An der gegenüberliegenden Wand war eine Tür, die in das Beratungszimmer des Kaisers führte. Ab und zu ging ein Offizier in großer Uniform auf die Tür zu und kratzte mit dem Fingernagel leise daran. Sofort öffnete sie sich, um den Einlaßbegehrenden durchschlüpfen zu lassen, und schloß sich wieder leise hinter ihm. Von kriegerischer Stimmung war hier nichts zu merken. Es war eher Hofluft, die mich umwehte, eine Atmosphäre von Bewunderung und Ehrfurcht, die zu diesen rauhen Soldaten und Seeleuten nicht recht passen wollte. Die Nähe des Kaisers schien für alle etwas Überwältigendes zu haben.

»Seien Sie ohne Sorge, Monsieur de Laval,« sagte mein Begleiter, »Sie haben einen guten Empfang zu gewärtigen.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Aus dem Benehmen General Durocs. Wenn der Kaiser Ihnen wohlgesinnt ist, dann lächelt Ihnen jedermann zu, bis hinab zu dem Lakaien dort in der rotsamtnen Livree. Wenn er Ihnen aber zürnt, so spiegelt sich sein Zorn in allen Gesichtern wider. Sogar der Mann, der sein Eßgeschirr wäscht, wird Sie ungnädig anblicken. Und das Schlimmste daran ist, Sie wissen nie, warum Sie heute in Gnade stehen und morgen in Ungnade fallen. Deshalb beneide ich selbst Talleyrand nicht um seine Stellung, trotz seines Palais in der Rue St. Florentin und der Hunderttausende, die er jährlich einnimmt. Lieber reite ich mein flinkes Pferd und bleibe bei meiner Schwadron.«

Während ich mich noch in Gedanken mit der Frage beschäftigte, ob der Gruß Durocs wirklich eine so gute Vorbedeutung für meine Aufnahme beim Kaiser habe, kam ein junger Mann in glänzender Uniform auf mich zu. Trotz der gänzlich veränderten Kleidung erkannte ich in ihm sofort General Savary, der heute nacht die Expedition befehligt hatte.

»Nun, Monsieur de Laval,« sagte er, mir kräftig die Hand schüttelnd, »Sie haben gewiß davon gehört, daß dieser Toussac uns entkommen ist. Eigentlich hatten wir es gerade auf ihn abgesehen, denn der andere ist ja doch nur ein ungefährlicher Träumer. Nun, wir werden ihn hoffentlich ein andermal fangen, und bis dahin wollen wir den Kaiser sorgfältig bewachen. Meister Toussac ist nicht zu verachten!«

Ich fühlte im Geiste den kräftigen Daumen an meinem Kinn.

»Er ist allerdings recht gefährlich,« versetzte ich.

»Der Kaiser wird Sie bald vorlassen,« fuhr General Savary fort. »Er ist heute sehr beschäftigt, aber er erteilte mir den Auftrag, Sie zur Audienz vorzumerken.«

»Sie machen Fortschritte,« flüsterte mir Gerard zu; »mancher würde viel darum geben, von Savary so freundlich angesprochen zu werden. Sie scheinen beim Kaiser einen Stein im Brette zu haben. Nun, mein Freund, kommt gar Monsieur de Talleyrand selbst!«

Ein breitschultriger Mann von etwa fünfzig Jahren hinkte, auf einen Stock mit silbernem Griff gestützt, langsam auf uns zu. Die stark vorgeneigte Gestalt in dem einfachen schwarzen Anzuge stach stark gegen die glänzenden Erscheinungen der Offiziere ab. Sein geistreiches Gesicht jedoch verriet Energie und Selbstbewußtsein. Alle Anwesenden verbeugten sich und traten zurück, um ihm den Weg freizugeben. »Monsieur Louis de Laval?« fragte er, vor mir stehenbleibend, und musterte mich mit seinen kalten, grauen Augen vom Kopf bis zu den Füßen.

Ich verneigte mich etwas kühl, denn ich teilte die Abneigung meines Vaters gegen diesen abtrünnigen Priester und meineidigen Politiker, doch seine glatte, verbindliche Art entwaffnete mich.

»Ihren Vetter Rohan kannte ich sehr gut,« sagte er, »Wir waren Spielkameraden und beide rechte Spitzbuben, damals, als es in der Welt noch lustiger zuging als heute. Auch mit Ihrem Onkel, dem Kardinal de Laval, bin ich sehr befreundet. Sie werden also dem Kaiser Ihre Dienste anbieten?«

»In dieser Absicht bin ich aus England gekommen.«

»Um gleich bei der Ankunft ein nettes Abenteuer zu erleben. Es ist mir alles gemeldet worden. Nun, da Sie die Gefahren kennen, die dem Kaiser von allen Seiten drohen, werden Sie um so eifriger im Dienste sein. Wo befindet sich gegenwärtig Ihr Onkel Charles Bernac?«

»Er ist auf Schloß Grobois.«

»Kennen Sie ihn näher?«

»Ich habe ihn erst gestern kennen gelernt.«

»Er hat dem Kaiser recht gute Dienste geleistet, aber . . . aber . . .« – er neigte sich zu meinem Ohre – »Sie werden sich wohl ein anderes Feld für Ihre Tätigkeit aussuchen.« Mit einer leichten Verbeugung drehte er sich um und hinkte auf die andere Seite des Zeltes zurück.

»Mein Freund,« sagte der Husar an meiner Seite, »Sie sind zweifellos zu etwas Großem bestimmt. Talleyrand ist mit freundlichen Worten und Verbeugungen nicht freigebig; er weiß auch, woher der Wind bläst. Ich werde noch um Ihre Protektion bitten müssen, wenn ich es während des englischen Feldzuges zum Kapitän bringen will. Ah, der Kriegsrat ist zu Ende.«

Aus der gegenüberliegenden Tür traten mehrere Herren in dunkelblauen Röcken heraus. Auf den Aufschlägen prangte das goldene Eichenlaub als Abzeichen der Marschallswürde. Alle, bis auf einen, schienen die Vierzig kaum überschritten zu haben. In anderen Armeen müßte einer vom Glück begünstigt sein, wenn er in diesem Alter Regimentskommandeur war, aber die unaufhörlichen Kriege und das System Napoleons, bei Besetzung der höchsten Stellen in seinem Heere weniger die Anciennität als die Leistungen der Offiziere zu berücksichtigen, ermöglichte es einem tüchtigen Soldaten, außerordentlich rasch vorwärtszukommen. Die Marschälle bildeten einen kleinen Kreis für sich und sprachen in zwangloser Haltung lebhaft untereinander.

»Sie gehören einer guten Familie an?« fragte mein Begleiter.

»Ich bin mit Rohan und Montmorencys nahe verwandt.«

»Das entnahm ich Ihrem Gespräche mit Talleyrand. Sie werden sich indes über den neuen Geist wundern, der in Frankreich herrscht. Ehemalige Handwerker und Händler bekleiden jetzt die höchsten Staatsämter. Einer dieser Würdenträger war Kellner, ein anderer Schmuggler, ein dritter Faßbinder und ein vierter Anstreicher. Das sind die Gewerbe, die beispielsweise Murat, Masséna, Ney und Lannes betrieben haben.«

Es interessierte mich, diese hochgestellten Männer kennen zu lernen, so peinlich auch die Erinnerungen waren, die mir, als Aristokraten, der Klang ihrer Namen heraufbeschwor, und ich bat den Offizier, mir die berühmtesten unter ihnen zu zeigen.

»Ach, es gibt so viele berühmte Männer hier im Zimmer; und dazu viele jüngere Offiziere, die noch mehr versprechen. Dort rechts steht Ney.«

Der berühmte Marschall mit seinem kurzgeschorenen roten Haar und den breiten Backenknochen erinnerte mich an einen englischen Preisboxer, den ich einmal irgendwo gesehen hatte.

»Wir nennen ihn Peter den Roten oder den Roten Löwen,« sagte der Husar. »Man sagt, er sei der tapferste Mann im Heere, obwohl ich nicht zugeben kann, daß er tapferer ist als mancher andere, den ich nennen könnte. Zweifellos ist er auch ein ausgezeichneter Führer.«

»Und der General an seiner Seite?« fragte ich. »Warum hält er den Kopf so stark zur Seite geneigt?«

»Das ist General Lannes. Er erhielt bei St. Jean d'Arc einen Schuß in den Nacken, die Narbe zieht seinen Kopf nach links. Lannes ist Gascogner wie ich und trägt, fürchte ich, zu deren Rufe, etwas gesprächig und streitsüchtig zu sein, manches bei. Sie lächeln, Monsieur de Laval?«

»Gewiß nicht,« sagte ich.

»Ich glaubte, Sie fänden an meinen Reden etwas Komisches. Vielleicht halten Sie die Gascogner wirklich für streitsüchtig. Ich aber sage Ihnen, die Gascogner sind die sanftesten Leute in Frankreich – dafür stehe ich ein, in jeder Weise, wenn Sie es wünschen. Im übrigen ist Lannes ein heldenmütiger Mann; vielleicht manchmal etwas zu hitzköpfig. Neben ihm dort steht Augereau.«

Augereau! Der Held von Castiglione! Die einzige Gelegenheit, wo Napoleons Geist und Herz versagte, hatte er benutzt, um sich unsterblichen Ruhm zu sichern. Aufs Schlachtfeld mochte er besser passen als an den Hof. Mit seinem Bocksgesicht und seiner Branntweinnase sah er, trotz des goldenen Eichenlaubes, das seine Aufschläge zielte, nicht viel besser aus als irgendein bärbeißiger, großmäuliger, alter Krieger, wie man sie in jeder Baracke antrifft. Erst in vorgerückten Jahren war er zum Marschall ernannt worden, und so konnte die spät erfolgte Beförderung an seinen Manieren nichts mehr ändern. Immer blieb er der Korporal in Marschallsuniform.

»Gewiß, er ist ein rauher Geselle,« sagte Gerald auf meine diesbezügliche Bemerkung. »Der Kaiser will ihn auch nur im Lager sehen. In das Boudoir der Kaiserin in den Tuilerien paßt er nicht. Der mit dem finsteren Gesicht ist Vandamme. Gott sei dem englischen Dorf gnädig, wo er sein Quartier aufschlägt! In Westfalen schlug er einem Priester die Zähne ein, weil keine zweite Flasche Tokaier zur Stelle war.«

»Und der dort ist vermutlich Murat?«

»Jawohl, der mit dem schwarzen Bart, den dicken, roten Lippen und dem sonnverbrannten Gesicht. Das ist mein Mann! Wenn er an der Spitze seiner Kavalleriebrigade dahinrast, mit wallendem Federbusch und blitzendem Schwert – etwas Schöneres gibt es nicht. Wiederholt genügte sein Anblick, um ein Infanteriekarree zu sprengen. In Ägypten hielt sich Napoleon fern von ihm, da in Anwesenheit Murats die Araber dem Kaiser nicht folgen wollten. Meiner Meinung nach ist Lasalle der bessere Kavallerist, aber keinem gehorchen die Soldaten so wie Murat.«

»Und wer ist der Offizier mit den strengen Zügen, der sich auf sein orientalisches Schwert stützt?«

»Oh, das ist Soult, der eigensinnigste Mann der Welt. Er streitet sogar mit dem Kaiser. Der hübsche junge Mann neben ihm ist Junot, und dort an der Zeltstange lehnt Bernadotte.«

Das ungewöhnliche Gesicht dieses Abenteurers, dessen dunkler Teint seine spanische Abkunft verriet, seine lebhaften, glänzend schwarzen Augen und die kühn geschwungene Nase machten einen tiefen Eindruck auf mich. Vom Gemeinen in Napoleons Armee war er zum Marschall aufgestiegen, und in seinen energischen Gesichtszügen stand es geschrieben, daß er vom Schicksal zu noch Höherem bestimmt war. Bekanntlich hat er später Schwedens Königsthron bestiegen, und zwar eher trotz Napoleon als durch ihn, wie so viele Kreaturen dieses Welteroberers. Von all den stolzen, fähigen Männern, die den Kaiser umgaben, war er zweifellos der begabteste, aber keinem mißtraute sein Kriegsherr in so hohem Grade als Jules Bernadotte.

Plötzlich ging ein aufgeregtes, leises Flüstern durch den Raum. Wie schwätzende Schuljungen verstummen und in die Bänke eilen, wenn der Lehrer unerwartet eintritt, so brachen alle Anwesenden die Unterhaltung ab. Die in Gruppen zwanglos herumstehenden Offiziere ordneten sich hastig in Reihen, und die auf den Bänken saßen, sprangen auf. Napoleon war eingetreten und stand an der Türe seines Empfangszimmers. Weder Gott noch den Teufel fürchteten sie, wie Augereau sich brüstete, diese unerschrockenen Soldaten, aber ein Stirnrunzeln des Mannes, der sie alle bändigte, schüchterte sie ein wie unreife Knaben, und sein Lächeln war Balsam für ihr Herz. Es hätte übrigens dieser äußeren Anzeichen kaum bedurft, um mir die Anwesenheit des großen Mannes zu verraten. Der bleiche Schimmer auf seinem elfenbeinernen Gesicht zog meine Blicke unwiderstehlich an, und trotz seiner unauffälligen Gewandung hätte ich in einer Versammlung von Tausenden gewiß ihn zuerst bemerkt. Da stand er also wirklich, mit seiner kleinen, untersetzten, breitschultrigen Gestalt im grünen, rot ausgeschlagenen Rocke mit seinen kräftigen, wohlgeformten Beinen in den enganliegenden Hosen, mit seinem historischen goldenen Degen in der Schildpattscheide! Den flachen, berußten Hut mit der dreifarbigen Kokarde, den man aus Abbildungen kennt, trug er unter dem linken Arm; auf dem unbedeckten Haupt wuchs spärliches, rötlichbraunes Haar. In der rechten Hand hielt er eine Reitpeitsche mit silbernem Griff. Langsam kam er näher, mit regungslosen Zügen und starren Augen, gemessen und unerbittlich, die Verkörperung des erbarmungslos dahinschreitenden Schicksals.

»Admiral Bruix.«

Seine Worte gingen mir durch und durch. Nie hatte ich eine so scharfe, drohende, ja unheilverkündende Stimme gehört. Die lichtblauen Augen des Kaisers unter den gerunzelten Brauen blitzten wie ein Schwert im Sonnenschein.

»Hier bin ich, Sire.« Ein angegrauter, sonnverbrannter Mann in Marineuniform drängte sich aus den Reihen hervor, Napoleon machte drei kurze Schritte auf ihn zu; und so drohend sah er dabei aus, daß der wetterfeste Seemann zusammenschrak.

»Wie kommt es, Admiral Bruix,« schrie der Kaiser mit Donnerstimme, »daß Sie meinen Befehlen gestern abend nicht nachgekommen sind?«

»Ich sah den Weststurm kommen, Sire. Ich wußte« – er konnte vor Erregung kaum sprechen – »ich wußte, daß die Schiffe verloren waren, wenn . . .«

»Sie haben meine Befehle nicht zu überprüfen,« schrie der Kaiser, ganz außer sich vor Zorn, »Glauben Sie, daß Ihr Urteil dem meinen die Wage hält?«

»Wenn der Fall den Dienst zur See betrifft, Sire.«

»In gar keinem Falle.«

»Aber das Unwetter, Sire, das bewies doch, daß ich im Rechte war.«

»Wie? Sie wagen auch noch, mit mir zu streiten?«

»Das Recht ist auf meiner Seite.«

Totenstille herrschte in der Versammlung. In banger Erwartung hielten alle den Atem an. Der Kaiser war grün im Gesicht geworden, und seine Stirnmuskeln führten ganz eigentümliche drehende Bewegungen aus. Er bot den Anblick eines Epileptikers.

Mit erhobener Reitpeitsche trat er auf den Admiral zu.

»Frecher Bube,« zischte er. Es war das italienische Wort »coglione«, dessen er sich bediente, und auch sein Französisch klang im Zorn wie das eines Ausländers.

Jeden Augenblick drohte die Reitpeitsche auf das Gesicht des Seemannes niederzusausen. Bruix trat einen Schritt zurück und griff an den Degen.

»Hüten Sie sich, Sire,« sagte er.

Die Spannung war aufs höchste gestiegen. Endlich ließ Napoleon die Peitsche sinken und führte einen scharfen Hieb gegen den eigenen Schenkel.

»Vizeadmiral Magon,« schrie er, »Sie übernehmen das Kommando der Flotte. Und Sie, Admiral Bruix, haben Boulogne binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen und begeben sich nach Holland. Wo ist Leutnant Gerald von den Berchény-Husaren?«

Die Hand meines Begleiters fuhr an die Mütze.

»Hier, Sire.«

»Gut, Sie können abtreten.«

Der Leutnant salutierte, drehte sich auf dem Absatz um und ging sporenklirrend davon; der Kaiser aber wandte sich mir zu und sah mich forschend an. Damals lernte ich mit der Redensart von dem durchdringenden Blicke eines Mannes eine bestimmte Vorstellung zu verbinden. Diese Augen sahen wirklich in mein Innerstes. Aber der strenge Ausdruck derselben war gewichen; nur Freundlichkeit und Güte sprachen aus ihnen.

»Sie wollen in meine Dienste treten, Monsieur de Laval?«

»Jawohl, Sire.«

»Sie haben sich Zeit gelassen mit diesem Entschlusse.«

»Ich war nicht mein eigener Herr, Sire.«

»Ihr Vater war Aristokrat?«

»Jawohl, Sire.«

»Und Anhänger der Bourbonen?«

»Jawohl, Sire.«

»Jetzt gibt es in Frankreich keine Jakobiner und keine Aristokraten mehr; wir sind alle Franzosen und kämpfen für den Ruhm des Vaterlandes. Kennen Sie Louis von Bourbon?«

»Ich sah ihn ein einziges Mal, Sire.«

»Er macht einen recht unbedeutenden Eindruck, nicht wahr?«

»Im Gegenteil, Sire, ich fand ihn sehr schön.«

Ein Schatten huschte über das Gesicht des Kaisers; seine Augen blickten unwillig. Gleich darauf war aber der Zorn verflogen. Scherzhaft zupfte er mich am Ohre. »Monsieur de Laval ist nicht zum Höfling geboren,« sagte er. »Übrigens wird Louis von Bourbon schließlich einsehen, daß man den Königsthron von Frankreich nicht von London aus durch Proklamationen erobert. Ich meinerseits fand Frankreichs Krone auf dem Boden liegend und hob sie mit dem Schwert auf.«

»Auch das daniederliegende Frankreich hoben Sie mit dem Schwert auf, Sire,« warf Talleyrand ein, der daneben stand.

Napoleon warf seinem berühmten Minister einen kurzen Blick zu. Ich glaubte Mißtrauen darin zu lesen. Dann wandte er sich an seinen Sekretär.

»Ich lasse Monsieur de Laval in Ihrer Obhut, de Meneval. Nach Beendigung der Kavallerieparade wünsche ich ihn in meinem Beratungszimmer zu sehen.«

Elftes Kapitel.

Napoleons Privatsekretär.

Der Kaiser, seine Generale und sämtliche Offiziere verließen das Zelt und strömten dem Paradefeld zu. Ich jedoch blieb mit einem Herrn zurück, der sich mir als Monsieur de Meneval, Privatsekretär Seiner Majestät, vorstellte. Er war ganz schwarz gekleidet bis auf die saubere, weiße Hemdkrause, und blickte mich mit seinen großen Augen freundlich an.

»Vor allem müssen wir etwas essen, Monsieur de Laval,« sagte er. »Wer mit dem Kaiser zu tun hat, muß jede freie Minute benutzen, um sich im vorhinein satt zu essen. Er nimmt oft viele Stunden lang nichts zu sich, und man muß mit ihm fasten. Ich bin schon halbtot vor Hunger und Durst.«

»Aber wie hält der Kaiser das aus?« fragte ich. Das einschmeichelnde Wesen de Menevals machte mich vertraulich.

»Ach, das ist ein eiserner Mann, Monsieur de Laval. Mit ihm kann man sich nicht messen. Einmal hat er achtzehn Stunden lang unausgesetzt gearbeitet, ohne etwas anderes als eine Tasse Kaffee zu sich zu nehmen. Der hält mehr aus als jeder andere; nicht einmal die Soldaten können es mit ihm aufnehmen. Mein Amt als Sekretär seiner Majestät ist gewiß ehrenvoll über die Maßen, aber bisweilen geht die Arbeit über meine Kräfte. Unlängst einmal diktierte er mir bis gegen Mitternacht; der Kopf schmerzte mir rasend, und ich kämpfte mit dem Schlafe. Man muß nur wissen, was es heißt, seinem Diktat zu folgen; er diktiert so schnell er nur sprechen kann und wiederholt kein Wort. Da hält er plötzlich inne und sagt: ›Jetzt wollen wir schließen, de Meneval, um uns ordentlich auszuschlafen.‹ Glücklich über die schöne Aussicht auf einen recht langen Schlaf erhebe ich mich; der Kaiser aber fährt fort: ›Und morgen früh um drei Uhr wollen wir das Diktat fortsetzen.‹ Das ist es, was er unter Ausschlafen versteht.«

»Aber er hat doch bestimmte Stunden für seine Mahlzeiten, Monsieur de Meneval?« fragte ich, an der Seite des unglücklichen Sekretärs das Zelt verlassend.

»Bestimmte Stunden hat er wohl, aber er hält sie nicht ein. Jetzt beispielsweise ist die Dinerstunde längst vorüber, und er geht zur Revue. Nach seiner Rückkehr wird vermutlich irgend etwas seine Aufmerksamkeit erregen und dann vielleicht wieder etwas anderes, bis ihm dann abends plötzlich einmal einfällt, daß er noch nicht gespeist hat. ›Mein Diner, Konstant, schnell,‹ ruft er dann, und der arme Konstant kann sehen, wie er es zustande bringt.«

»Da muß ja das Essen ganz ungenießbar sein,« sagte ich.

Der Sekretär lachte in sich hinein, wie es Leute zu tun pflegen, die ihre Gefühlsausbrüche zu unterdrücken gewöhnt sind.

»Das ist die kaiserliche Küche,« sagte er, auf ein großes Zelt gleich neben dem Hauptquartier weisend. Am Eingang stand der Unterkoch Borel.

»Beim wievielten Huhn halten Sie, Borel?«

»Ach, Monsieur de Meneval, es ist wirklich herzzerreißend,« schrie der Koch. »Da schauen Sie her!« Mit diesen Worten zog er den Vorhang des Zeltes zurück und zeigte uns sieben Schüsseln, deren jede ein kaltes Huhn enthielt. »Das achte ist auch gleich fertig; und nun ist der Kaiser wieder zur Revue gegangen. Da muß ich also ein neuntes an den Spieß stecken.«

»So wird's gemacht,« sagte mein Begleiter, sich von dem Zelte abwendend. »Einmal sollen vierundzwanzig Hühner gebraten worden sein, ehe er sein Diner verlangte. Damals hat er um elf Uhr nachts gespeist. Er hält wenig darauf, was er zu essen bekommt, nur warten darf man ihn nicht lassen. Eine halbe Flasche Chambertin, ein Fisch oder ein Huhn genügt ihm vollkommen. Crème oder dergleichen ihm vorzusetzen, wäre unklug, er äße sie vor dem Huhn. Aber sehen Sie einmal dorthin; was, glauben Sie, hat das zu bedeuten?«

Mit einem Ausruf des Erstaunens blieb ich stehen. In einem der zwischen den Zelten hindurchführenden Gäßchen ritt ein Groom auf einem prachtvollen Araber in scharfem Galopp. An dem Wege stand ein Grenadier mit einem lebenden Schweinchen unter dem Arm und schleuderte es dem Pferde unter die Füße. Das Schweinchen quiekte laut und humpelte davon, während das Pferd unbeirrt weitergaloppierte.

»Was soll das?« fragte ich.

»Das ist Jardin, der Leibgroom des Kaisers; er reitet das Pferd für ihn zu. Der Kaiser hat keinen sonderlich festen Sitz und verliert sich während des Reitens manchmal in seine Gedanken, so daß ihn ein scheues Tier leicht abwerfen könnte. Die Pferde müssen daher für ihn eigens trainiert werden. Zunächst schießt man Kanonen unmittelbar neben dem Ohre der Tiere ab, dann bewirft man sie mit Steinen, und endlich schleudert man ihnen etwas Lebendes zwischen die Füße, wie Sie es eben gesehen haben. Erst dann, wenn ein Tier alle diese Proben besteht, ohne sich in seiner ruhigen Gangart beirren zu lassen, ist es zum Gebrauch für den Kaiser geeignet. Und nun schauen Sie einmal dorthin. Sehen Sie den jungen Mann, der dort vor dem Zelte schläft?«

»Freilich sehe ich ihn.«

»Würden Sie glauben, daß auch er in diesem Augenblick dem Kaiser einen Dienst leistet?«

»Einen sehr leichten Dienst jedenfalls.«

»Ich wollte, Ihr Dienst wäre kein schwererer, Monsieur de Laval. Das ist Joseph Linden, der genau den Fuß des Kaisers hat. Er trägt die Schuhe des Kaisers drei Tage lang, ehe dieser selbst sie anzieht. An den goldenen Schnallen erkenne ich, daß auch die Schuhe, die er eben jetzt anhat, Seiner Majestät gehören. Oh, Monsieur de Caulaincourt, wollen Sie nicht mit uns speisen?«

Ein großer, hübscher und sehr elegant gekleideter Herr kam grüßend auf uns zu.

»Sind Sie auch einmal dienstfrei, Monsieur de Meneval? Als Hofmarschall habe ich gerade genug zu tun, aber mehr Muße als Sie habe ich doch. Haben wir noch Zeit, vor Rückkunft des Kaisers zu speisen?«

»Gewiß; hier ist mein Zelt, und alles ist bereit. Von hier aus sehen wir den Kaiser, wenn er zurückkommt, und können vor ihm in seinem Zimmer sein. Wir haben nur Lagerkost, Monsieur de Laval, hoffentlich werden Sie damit vorliebnehmen?«

Ich fand die Koteletten und den Salat ganz ausgezeichnet; aber mehr noch interessierte mich das Gespräch der Herren, die mit mir speisten. Alle Einzelheiten aus dem Leben des unvergleichlichen Mannes, dessen Genius die Welt erobert hatte, nahmen mein Interesse in Anspruch. Der Leiter seines Hofstaates sprach sehr freimütig über ihn.

»Was sagt man in England über Napoleon, Monsieur de Laval?« fragte er.

»Nicht viel Gutes.«

»Das weiß ich aus den Zeitungen. Sie bringen den Kaiser in Wut, aber er will sie durchaus alle lesen. Ich möchte wetten, das erste, was er in London tut, ist, daß er Kavalleriedetachements zu den Zeitungsredaktionen entsendet und die Herausgeber verhaften läßt.«

»Und dann?«

»Dann wird er sofort eine Proklamation erlassen, um den Engländern klarzumachen, daß er England, wenn auch gegen den Wunsch seiner Bewohner, doch einzig und allein zu ihrem Vorteil erobert habe. Und weiter wird er ihnen, falls sie durchaus einen protestantischen Herrscher zu haben wünschen, zu verstehen geben, daß seine religiösen Anschauungen nur in einigen unwesentlichen Punkten von den Satzungen ihrer heiligen Kirche abweichen.«

»Sie sind boshaft, zu boshaft,« rief de Meneval, belustigt und zugleich erschreckt über die kühnen Reden des andern. »Zweifellos hat der Kaiser aus Gründen der Staatsräson mit den Mohammedanern paktiert, und mit der St. Pauls-Kirche wird er dasselbe tun; engherzig darf ein Weltherrscher nicht sein, übrigens brauchen wir uns über sein Vorgehen nicht den Kopf zu zerbrechen; er denkt für uns alle.«

»Er denkt zu viel,« sagte Caulaincourt ernst; »so viel, daß wir anderen das Denken ganz verlernen. Sie wissen, was ich meine, Monsieur de Meneval, Sie kennen die Verhältnisse so gut wie ich.«

»Sehr richtig,« antwortete der Sekretär. »Zur Selbständigkeit regt er seine Umgebung nicht an. Aus seinem eigenen Munde weiß ich, daß er bei seinen Untergebenen nur Mittelmäßigkeit wünscht; ein nettes Kompliment übrigens für uns, die wir die Ehre haben, in seinen Diensten zu stehen.«

»Ein gescheiter Mann an seinem Hofe zeigt seinen Verstand am besten dadurch, daß er sich dumm stellt,« sagte Caulaincourt bitter.

»Und doch gibt es hervorragende Menschen hier im Lager,« bemerkte ich.

»Sie bleiben aber nur deshalb hier, weil sie ihre Gescheitheit zu verbergen wissen. Seine Minister sind Schreiber, seine Generale höhere Adjutanten. Sie sind nur seine ausführenden Organe. Wie Spiegel stehen sie um ihn herum, deren jeder das Abbild seiner glänzenden Persönlichkeit von einer anderen Seite zeigt. In einem Spiegel erscheint er als Finanzmann und heißt Lebrun. In einem anderen sehen wir ihn als Krieger, da nennt er sich Savary oder Fouché; in einem dritten endlich wird er in der Gestalt eines Diplomaten sichtbar und führt den Namen Talleyrand. Lauter verschiedene Masken für ein und denselben Mann. Da gibt es zum Beispiel einen gewissen Monsieur de Caulaincourt; er leitet das kaiserliche Hauswesen, aber keinen Lakaien darf er auf eigene Faust entlassen. Immer behält sich der Kaiser das letzte Wort vor. Und mit uns spielt er – wie mit Puppen. Ja, ja, Monsieur de Meneval, gestehen wir es uns nur ein, er spielt mit uns. Einen Marschall hetzt er gegen den anderen auf; kaum zwei von ihnen sprechen ein Wort miteinander. Sehen Sie nur, wie Davoust Bernadotte haßt, und wie feindlich Lannes und Bessières oder Ney und Masséna sich gegenüberstehen. Am liebsten gingen sie mit dem Säbel aufeinander los. Auch unsere Schwächen kennt er genau. Savarys Geldgier, Cambacères Eitelkeit, Durocs Grobheit, Berthiers Verrücktheit, Marets Abgeschmacktheit, Talleyrands Spekulationswut – alles nützt er für seine Zwecke aus. Ich weiß nicht, welche Schwächen ich selbst habe, aber er kennt sie bestimmt und zieht Vorteil daraus.«

»Seine Arbeitskraft muß ja übermenschlich sein,« rief ich aus.

»Das kann man wirklich von ihm sagen,« antwortete de Meneval. »Wochen hindurch achtzehn Stunden Arbeit am Tage. Bei den gesetzgeberischen Beratungen, denen er präsidierte, wurden beinahe alle Teilnehmer ohnmächtig vor Erschöpfung. Und auch mich wird er zugrunde richten wie meinen Vorgänger Bourienne; aber ich will ohne Murren auf meinem Posten ausharren, bis ich erliege. Denn er ist gegen die anderen nicht härter als gegen sich selbst.«

»Er war der richtige Mann für Frankreich,« sagte de Caulaincourt; »denn er ist der Genius der Ordnung und Disziplin selbst. Wer sich an das trostlose Chaos erinnert, in das Frankreich nach der Revolution geraten war, an die unhaltbaren Zustände jener Zeit, wo jeder befehlen und keiner gehorchen wollte, der muß sich klar darüber sein, daß nur ein Napoleon das Vaterland retten konnte. Wir alle sehnten uns nach einer festen Stütze, an die wir uns klammern könnten, bis wir sie endlich fanden an ihm, an diesem eisernen Mann! Und was für ein Mann er war in jenen Tagen, Monsieur de Laval! Jetzt, da er alles erreicht hat, was er sich nur wünschen konnte, jetzt ist er fröhlich und guter Laune. Damals aber hatte er noch nichts erreicht und begehrte die Welt. Sein Blick versetzte die Weiber in Schrecken. Wie ein Wolf strich er durch die Straßen; alle Leute blieben stehen und sahen ihm nach. Hohlwangig, tiefe Furchen im Gesicht schlich er dahin und blickte einen mit düsterem, drohendem Ausdruck von der Seite an. Ja, eine ganz eigenartige Erscheinung war er, dieser kleine, kaum der Schule entwachsene Leutnant. Aus dem wird einmal ein mächtiger Herrscher, so sagte ich bei seinem Anblick, oder er endet auf dem Schafott. Und nun sehen Sie, was aus ihm geworden ist.«

»Und das alles in zehn Jahren,« rief ich aus.

»Nur zehn Jahre hat er gebraucht, um den Weg von der Kaserne zu den Tuilerien zurückzulegen. Aber er war zum Herrscher geboren. Nichts hätte ihn zurückhalten können. Wie de Bourienne erzählt, trug er schon in der Kadettenschule zu Brienne als kleiner Junge den zukünftigen Kaiser zur Schau: er lobte und tadelte seine Kameraden, sah sie zürnend an und lächelte ihnen zu, ganz wie er es heute tut. Kennen Sie seine Mutter, Monsieur de Laval? Eine wahre Heldenmutter, stattlich, ernst, zurückhaltend und schweigsam. Von ihr hat er den Charakter.«

Den Sekretär schienen die freimütigen Worte Caulaincourts etwas in Unruhe zu versetzen; dies sah ich ihm an den Augen an.

»Die Tyrannei, unter der wir leben, kann nicht so arg sein, Monsieur de Laval,« sagte er, »sonst wären wir vorsichtiger mit unseren Reden. Ich möchte sogar behaupten, der Kaiser hätte unser Gespräch ruhig anhören können; es hätte ihm gewiß Vergnügen bereitet, und möglicherweise hätte er auch seine Zustimmung zu erkennen gegeben. Er hat ja seine kleinen Fehler wie jeder Mensch; aber als Herrscher rechtfertigt er das Vertrauen seiner Nation wie kein anderer. Er arbeitet mehr als irgendeiner seiner Untertanen. Als Anführer verehren ihn die Soldaten, bei seiner Dienerschaft ist er sehr beliebt. Einen mäßigeren Esser und Trinker als ihn gibt es in den Tuilerien nicht. Seine Brüder ließ er auf eigene Kosten erziehen, zu einer Zeit, da er selbst noch nicht viel hatte, und auch allen entfernten Verwandten verhalf er zum Wohlstande. Kurz gesagt, er ist sparsam, arbeitsfreudig und äußerst mäßig. Danach, was man in den Zeitungen liest, Monsieur de Laval, kann der Prinz von Wales den Vergleich mit ihm nicht bestehen.«

Ich erinnerte mich aller der Skandale in Brighton, London und Newmarket, in die der Name des Prinzen Georg verflochten war, und machte keinen Versuch, ihn zu verteidigen.

»Soviel ich weiß,« sagte ich, »greifen die Engländer nicht das Privatleben des Kaisers, sondern seine politische Tätigkeit an.«

»Das eine steht fest,« sagte Caulaincourt, »der Kaiser und wir alle sind der Ansicht, daß Frankreich und England nebeneinander nicht bestehen können. Eines oder das andere muß die Oberhand haben. Wenn England niedergeworfen ist, können wir damit beginnen, die Fundamente des ewigen Friedens zu errichten. Italien gehört bereits uns. Österreich besiegen wir leicht ein zweites Mal. Deutschland ist zerstückelt. Rußland mag sich nach Osten und Süden ausbreiten. Amerika können wir nehmen, wenn wir gerade Zeit haben; den Vorwand für einen Angriff gibt Kanada oder Louisiana jederzeit ab. So steht uns die ganze Welt offen; nur diese Dinger da drüben halten uns auf.« Er wies durch die Zeltöffnung hinaus auf den breiten blauen Kanal. Weit draußen leuchteten wie schneeweiße Möwen die Segel der englischen Blockadeflotte. Wieder stieg das Bild von gestern in mir auf; die Lichter auf den Schiffen inmitten bei See und der farbige Widerschein der Sonne auf den Zelten des Lagers.

Frankreich und England standen einander Auge in Auge gegenüber, und die ganze Welt richtete ihre Blicke gespannt auf sie.

Zwölftes Kapitel.

Napoleon an der Arbeit.

Von Menevals Zelt aus übersah man das ganze kaiserliche Hauptquartier. Der Kaiser mußte aber von rückwärts in seine Behausung getreten sein, oder wir hatten ihn im Eifer des Gespräches übersehen, denn ein Kapitän in dem grünen Rocke der Gardejäger trat ein und brachte die Botschaft, daß der Kaiser seinen Sekretär erwarte. Meneval wurde kreideweiß im Gesicht und sprang auf. Er konnte vor Aufregung kaum sprechen.

»Wäre ich doch früher hingegangen,« seufzte er. »Welch ein Unglück! Monsieur de Caulaincourt, Sie müssen für mich sprechen. Wo ist Hut und Degen? Kommen Sie, Monsieur de Laval, rasch, wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

Der Schrecken Menevals zeugte nicht minder als die Szene mit Admiral Bruix, der ich beigewohnt hatte, von der Macht, die Napoleon auf seine Umgebung ausübte. Nie fühlten sich seine Untergebenen vor einer Katastrophe sicher; heute ermutigte er sie, um sie morgen rüde zurückzustoßen. Aber trotz alledem dienten sie ihm treu und verehrten ihn wie einen Halbgott.

»Vielleicht soll ich warten,« sagte ich, als wir den Warteraum, der noch voll Menschen war, betraten.

»Nein, nein, ich bin für Sie verantwortlich. Kommen Sie nur mit hinein. O, ich hoffe, er zürnt mir nicht. Wie konnte ich ihn nur übersehen?«

Mein angsterfüllter Begleiter kratzte an der Tür, und diese öffnete sich augenblicklich. Roustem, der Mameluk, stand dahinter. Das Zimmer, in das wir eintraten, war von ansehnlicher Größe, aber äußerst einfach eingerichtet. Es war silbergrau tapeziert; in der Mitte der himmelblauen Decke prangte der kaiserliche Adler in Gold, einen Donnerkeil in den Krallen haltend. Trotz des warmen Wetters brannte helles Feuer im Kamin, und die heiße Atmosphäre des Raumes war mit Aloeduft geschwängert. In der Mitte des Zimmers stand ein grünbespannter Tisch, auf dem Briefe und aufgeblätterte Akten lagen; an einer Seite des Tisches war ein Schreibpult aufgerichtet; davor saß in einem grünen Lederstuhl der Kaiser und schnitzelte mit einem Federmesser an der hölzernen Armlehne seines Sessels herum. An den Wänden des Zimmers standen einige Offiziere, denen er keine Beachtung schenkte. Kopfschüttelnd blickte er den eintretenden Meneval an.

»Sie haben mich warten lassen, Monsieur de Meneval; das ist bei Ihrem Vorgänger Bourienne nie vorgekommen. Genug! Keine Entschuldigungen. Nehmen Sie den Befehl hier, den ich in Ihrer Abwesenheit selbst niedergeschrieben habe, und kopieren Sie ihn.«

Der arme Meneval ergriff das Papier mit zitternder Hand und ging damit an seinen kleinen, abseitsstehenden Schreibtisch.

Napoleon erhob sich und rannte, die Hände auf dem Rücken in leicht vorgeneigter Haltung, im Zimmer auf und ab. Auf seinen weißen Beinkleidern bemerkte ich einige breite Tintenstriche; offenbar hatte er sie als Federwischer benutzt.

Mich schien er überhaupt nicht zu bemerken. »Nun also, de Meneval, sind Sie endlich fertig?« rief er nach kurzer Zeit. »Wir haben noch anderes zu tun.«

Der Sekretär saß mit dunkelrotem Gesichte ratlos vor dem über und über mit Tinte beklexten Konzepte.

»Ich bitte um Vergebung, Sire,« stammelte er, sich halb umwendend.

»Was gibt's?«

»Ich bitte um Vergebung, Sire, die Schrift ist etwas schwer zu lesen.«

»Sie sehen doch, worauf sich der Befehl bezieht.«

»Jawohl, Sire, auf die Fourage für die Kavalleriepferde.«

Napoleon lächelte beinahe spitzbübisch.

»Sie erinnern mich an Cambacères, de Meneval. Als ich ihm brieflich über die Schlacht bei Marengo berichtete, glaubte er, ich zeige ihm meine bevorstehende Verlobung an. Ich begreife nicht, warum niemand meine Schrift lesen kann. Dieses Dokument hat gar nichts mit Kavalleriepferden zu tun, vielmehr enthält es den Befehl an Admiral Villeneuve, seine Flotte zu konzentrieren und das Kommando im Kanal zu übernehmen. Geben Sie her, ich will es Ihnen vorlesen.«

Mit einer raschen Bewegung riß er de Meneval das Papier aus der Hand, starrte es mit grimmigem Blicke an, knitterte es zusammen und warf es unter den Tisch.

»Ich werde es Ihnen diktieren,« sagte er und sprudelte, mit großen Schritten im Zimmer auf und ab schreitend, einen wahren Sturzbach von Worten hervor, die der arme Meneval, glühend vor Eifer und Anstrengung, kaum zu Papier bringen konnte. In der Begeisterung über seine eigenen Ideen schrie er immer lauter, trat immer geräuschvoller auf und ergriff endlich den Aufschlag seines rechten Ärmels mit den Fingern derselben Hand, wobei er den Arm in der ihm eigenen Weise krampfhaft verdrehte. Sein Gedankengang war so klar und durchsichtig, daß selbst derjenige, der nichts von der Sache verstand, ihm leicht folgen konnte. Und ganz besonders verblüffte mich seine Kenntnis von allem, was seine Marine betraf. Nicht nur über die Linienschiffe, sondern über jede Fregatte, jede Schaluppe und jeden einzelnen Zweimaster war er gründlich unterrichtet; von jedem Schiffe wußte er genau, ob es in Ferrol, Rochefort, Cadix, Carthagena oder Brest lag, wie seine Bewaffnung beschaffen und wie stark seine Bemannung war; und selbst die Namen aller englischen Schiffe konnte er an den Fingern herzählen. So erschöpfende Sachkenntnis wäre selbst bei einem Seeoffizier erstaunlich gewesen, aber nur ein so alles umfassender Geist wie er konnte in vielen verschiedenen Gebieten gleichzeitig so gründlich bewandert sein. Nach Beendigung seines Diktates wandte er sich plötzlich an mich. Aus seinen Worten ersah ich, daß er mich die ganze Zeit hindurch beobachtet hatte, ohne es mich merken zu lassen.

»Sie scheinen erstaunt, Monsieur de Laval, daß ich meine Marineangelegenheiten erledigen kann, ohne den Marineminister an meiner Seite zu haben. Ich studiere grundsätzlich jeden Fall selbst und handle dann nach eigenem Ermessen. Hätten es die guten Bourbonen auch so gemacht, säßen sie vielleicht jetzt nicht im nebligen England.«

»Man muß das Gedächtnis Eurer Majestät haben, um das leisten zu können,« bemerkte ich.

»Die Stärke meines Gedächtnisses habe ich durch methodische Übung erreicht. Es kommt mir vor, als hätte ich Schubladen im Gehirn, die ich nach Belieben öffnen und schließen kann. Immer finde ich darin, was ich suche. Ich habe ein schlechtes Namen- und Zahlengedächtnis, dagegen erfreue ich mich eines ausgezeichneten Erinnerungsvermögens für Tatsachen und auch für Physiognomien. Es gibt viel zu merken, Monsieur de Laval. Da habe ich zum Beispiel eine Lade voll von Seeschiffen. Eine andere enthält sämtliche Hafenplätze und Festungen Frankreichs. Als Beispiel will ich nur einen Fall erwähnen, wo mein Kriegsminister mir einen Bericht über die Küstenverteidigungswerke vorlas, und ich ihm nachwies, daß er zwei zu einer Batterie in Ostende gehörige Geschütze vergessen hatte. In einer weiteren Lade halte ich die Regimenter Frankreichs verwahrt. Ist diese Lade in Ordnung, Marschall Berthier?«

Ein glattrasierter Offizier, der nägelkauend am Fenster stand, verbeugte sich bei der Frage des Kaisers.

»Manchmal wäre man versucht zu glauben, daß Eure Majestät den Namen jedes gemeinen Soldaten wissen,« sagte er.

»Von den alten Brummbären, den Ägyptern, kenne ich allerdings die meisten mit Namen,« fuhr der Kaiser fort. »Und dann, Monsieur de Laval, gibt es eine Lade für Kanäle, Brücken, Straßen, Fabriken und andere die Verwaltung betreffende Dinge. Die Gesetzgebung, die Finanzangelegenheiten, Italien, die Kolonien, Holland brauchen jedes eine einzelne Lade. Heute, Monsieur de Laval, verlangt Frankreich mehr von seinem Herrscher, als daß er mit Würde den Hermelin zu tragen versteht und Parforcejagden in Fontainebleau abhält.«

Der letzte Bourbon, der schwächliche Louis, mit seiner Vorliebe für Prunk und äußeren Glanz, wäre allerdings – so dachte auch ich – nicht der Mann gewesen, nach all den Umwälzungen die Ordnung in Frankreich wiederherzustellen. Dazu bedurfte es eines schärferen Geistes und einer stärkeren Hand.

»Sind Sie nicht meiner Meinung?« fragte der Kaiser. Er war beim Feuer stehengeblieben und bohrte sich mit einem seiner zierlichen Schuhe in ein brennendes Holzscheit ein.

Ich bejahte seine Frage.

»Es war sehr vernünftig von Ihnen, hierherzukommen,« sagte er. »Sie haben es schon lange vorgehabt, nicht wahr? Sie haben ja einmal in einem Gasthause zu Ashford für mich Partei ergriffen, gelegentlich eines Trinkspruches, den ein junger Mann auf meinen Untergang ausbrachte.«

Es war mir unverständlich, wie ihm dieser Vorfall zu Ohren gekommen sein konnte.

»Warum taten Sie das?«

»Ich tat es instinktiv, Sire.«

»Instinktiv!« wiederholte er verächtlich. »Ich weiß nicht, was die Leute mit diesem Worte sagen wollen. In einer Irrenanstalt handelt man instinktiv, aber nicht unter gesunden Menschen. Warum hätten Sie eine Gefahr auf sich nehmen sollen, um mich zu verteidigen, wenn Sie nicht eine Belohnung von mir dafür erhofft hätten?«

»Ich tat es, weil Sie für das Wohl und den Ruhm meines Vaterlandes arbeiten, Sire.«

Wählend unseres Gespräches ging der Kaiser mit auswärts gedrehtem Arme unablässig im Zimmer auf und ab. Gelegentlich sah er einen von uns durch sein Augenglas an, dessen er sich seiner Kurzsichtigkeit wegen ständig bediente. Manchmal blieb er stehen und versuchte eine Prise aus seiner Schildpattdose zur Nase zu bringen, aber keine erreichte ihr Ziel. Immer ließ er den Tabak auf seine Weste oder auf den Fußboden fallen. Meine Antwort schien ihm übrigens Freude zu bereiten, denn er nahm mich beim Ohr und zog recht kräftig daran.

»Sie haben recht, mein Freund,« sagte er, »ich arbeite für Frankreich wie Friedrich II. für Preußen gearbeitet hat. Ich will es zum Oberhaupt Europas machen. Jeder europäische Monarch soll in Paris sein Palais haben und soll im Zuge mitgehen bei der Krönung meiner Nachfolger . . .« Plötzlich verzog sich sein Gesicht krampfhaft und nahm einen schmerzlichen Ausdruck an. »Mein Gott, für wen arbeite ich? Wer wird mein Nachfolger sein?« murmelte er und strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Haben Sie etwas darüber gehört, ob sich die Engländer vor meinem bevorstehenden Einmarsch fürchten?« fragte er plötzlich.

Der Wahrheit entsprechend mußte ich sagen, daß ich eher vom Gegenteil gehört hätte.

»Die Landarmee ist auf die Marine eifersüchtig, wegen ihres Ruhmes,« sagte ich ausweichend.

»Die englische Armee ist ja so klein.«

»Es sind fast lauter Freiwillige, Sire.«

»Ach, Konskribierte!« rief er und machte eine Handbewegung, als ob er sie einfach vom Erdboden hinwegfegen wollte. »Mit hunderttausend Mann lande ich in Kent oder Sussex. In acht Tagen bin ich in London. Die Staatsmänner, Bankiers, Kaufleute und Zeitungsredakteure lasse ich verhaften. Mit ihrem Vermögen errichte ich Stiftungen, begünstige die Armen auf Kosten der Reichen und schaffe mir auf diese Weise rasch Anhänger. Irland und Schottland trenne ich ab und gebe diesen Ländern eine Verfassung, die sie England gegenüber in Vorteil setzt. So säe ich überall Zwietracht. Als Preis dafür, daß ich die Insel wieder verlasse, fordere ich ihre Flotte und sämtliche Kolonien. So sichere ich Frankreich zumindest für ein Jahrhundert die Vorherrschaft in der ganzen Welt.«

In dieser kurzen Skizze kam Napoleons vielseitiger Genius so recht zum Ausdruck. Neben den umfassenden, weitausgreifenden Plänen, die er entwickelte, vernachlässigte er auch nicht das kleinste Detail, das im Bereich der Möglichkeit lag und ihm bei Ausführung seiner Vorsätze zu Hilfe kommen konnte. Fuhr ihm beispielsweise der Gedanke durch den Kopf, den Orient zu überrumpeln, so dachte er im nächsten Augenblick gleich darüber nach, was für Schiffe, Truppen und Kriegsvorräte dazu nötig seien, um den Gedanken in die Tat umzusetzen, und welche Hafenplätze dabei in Betracht kämen. Wie einen Feind, den es zu besiegen gilt, rückte er jeder Frage auf den Leib. Eine wahrhaft dichterische Phantasie war in ihm vereinigt mit dem durchdringenden Verstand eines Geschäftsmannes ersten Ranges. Dies waren die Eigenschaften, die ihm die Welt eroberten.

Nach Beendigung seines Vortrages ließ mich der Kaiser stehen und wandte sich seiner Arbeit zu. Gewiß ließ er mich mit Absicht Zeuge seiner Tätigkeit sein, denn ohne Absicht tat er ja überhaupt nichts. Vielleicht erwartete er, daß ich durch meine Berichte über ihn noch andere in England lebende Emigranten zur Rückkehr nach Frankreich bewegen werde. Stundenlang sprach er in bunter Reihenfolge über die verschiedensten Dinge. Einmal traf er Verfügungen wegen der Winterquartiere für eine ganze Armee; dann wieder besprach er mit Caulaincourt die Kosten seines Haushaltes und die Möglichkeit, einige Karossen zu ersparen.

»Ich will sparsam sein in meinem Hause, des guten Beispiels wegen,« sagte er. »Als Unterleutnant kam ich mit zwölfhundert Frank im Jahre ganz gut aus, und es würde mir auch heute kein Opfer kosten, zu den damaligen kleinen Verhältnissen zurückzukehren. Der übermäßige Aufwand in meinem Hofstaat muß aufhören. Ihren Berichten nach werden täglich hundertfünfundfünfzig Tassen Kaffee getrunken; und eine Tasse Kaffee kommt – das Pfund Zucker zu vier Frank und das Pfund Kaffee zu fünf Frank gerechnet – auf zwanzig Sous. Wir wollen den Leuten lieber eine bestimmte Summe für Kaffee aussetzen. Auch die Stallrechnungen sind zu hoch. Bei den heutigen Futterpreisen müssen in einem Stalle mit zweihundert Pferden sieben bis acht Frank für eins genügen. Ich dulde keine Verschwendung in den Tuilerien.«

So kam er innerhalb weniger Minuten von einer Frage, wo es sich um Milliarden handelte, auf eine Angelegenheit zu sprechen, wo er höchstens ein Paar Sous ersparen konnte, und von der Verwaltung seines Kaiserreiches sprang er auf seine Stallwirtschaft über. Ab und zu warf er mir einen flüchtigen Blick zu, als ob er sich überzeugen wollte, welchen Eindruck seine Tätigkeit auf mich mache. Er schien auf mein Urteil wirklich einiges Gewicht zu legen, was ich damals ganz unbegreiflich fand. Heute freilich, da ich weiß, wie viele junge Edelleute durch mein Beispiel zur Rückkehr in das Vaterland angeregt wurden – heute weiß ich, um wie vieles weiter sein Blick reichte als der meine.

»Nun haben Sie mich bei der Arbeit gesehen, Monsieur de Laval,« sagte er plötzlich, »wollen Sie also in meine Dienste treten?«

»Mit Freuden, Sire,« antwortete ich.

»Ich kann streng sein, wenn ich muß,« fuhr der Kaiser lächelnd fort. »Der Szene mit Admiral Bruix haben Sie ja beigewohnt. Ich verlange eiserne Disziplin, auch von meinen höchsten Offizieren. Der Ärger geht mir aber nie höher als bis hierher,« fügte er hinzu und fuhr sich mit der Hand über den Hals. »Zu Kopfe steigt er mir nie. Dr. Corvisart kann Ihnen sagen, daß ich den langsamsten Puls von allen seinen Patienten habe.«

»Und daß Eure Majestät der schnellste Esser von allen sind,« sagte ein freundlich aussehender Herr mit rundem Gesicht, sein Geflüster mit Marschall Berthier unterbrechend.

»Oho, Sie Schlingel, das bringen Sie mir auf. Wenn ich krank bin, pflege ich dem Doktor zu sagen, daß ich lieber an der Krankheit als an seinen Medikamenten sterben will. Das kann er mir nicht verzeihen. Übrigens ist der Staat schuld daran, wenn ich zu schnell esse; er läßt mir keine Zeit dazu. Dabei fällt mir aber ein . . . Konstant! Ist es schon Essenszeit?«

»Sie ist über vier Stunden vorüber, Sire.«

»So bringe das Essen, sofort.«

»Jawohl, Sire. Monsieur Isabey ist draußen mit seinen Puppen.«

»Ah, die wollen wir gleich besichtigen. Laß ihn herein.«

Ein Mann, dem man ansah, daß er eben von der Reise kam, trat ein. Unter dem Arme trug er einen großen flachen Korb.

»Zwei volle Tage sind vergangen, seitdem ich den Boten an Sie schickte, Monsieur Isabey,« sagte der Kaiser.

»Er ist erst gestern abend in Paris angekommen; und ich reiste sofort ohne Unterbrechung hierher.«

»Haben Sie die Modelle bei sich?«

»Jawohl, Sire.«

»Breiten Sie sie hier auf dem Tische aus.«

Als der Mann den Korb öffnete, sah ich eine ganze Menge etwa fußhoher Puppen darin liegen. Die meisten von ihnen hatten hermelinverbrämte, reich mit Goldschnüren behängte Kostüme aus Samt und Seide. Isabey setzte die Figürchen – es waren meist Modelle für die Uniformen der höchsten Staatswürdenträger – eines nach dem anderen vor dem Kaiser auf den Tisch, und dieser prüfte mit dem ihm eigenen Interesse für Details jedes einzelne auf das genaueste.

»Was ist dies?« fragte er, eine kleine Dame herausgreifend, die ein geblümtes, goldgesticktes Jagdkostüm und eine Mütze mit weißem Federbusch trug.

»Das ist das Jagdkostüm für die Kaiserin.«

»Der Leib könnte etwas länger sein,« sagte Napoleon. Über Frauenkleidung hatte er sehr bestimmte Ansichten. »Diese verdammte Mode scheint das einzige in meinem Reiche zu sein, was ich nicht beeinflussen kann. Mein Schneider Duchesne macht mir die Rockschöße immer um drei Zoll zu kurz, und mit meiner ganzen Armee und Flotte vermag ich nicht, ihn daran zu hindern. – Und was ist dies?«

Er nahm eine besonders prächtige, in Grün gekleidete Puppe in die Hand.

»Das ist der Oberstjägermeister, Sire.«

»Das sind also Sie, Berthier. Wie gefällt Ihnen Ihr neues Kostüm? – Und jenes in Rot?«

»Das ist der Erzkanzler.«

»Und das violette?«

»Das ist der Oberstkämmerer.«

Napoleon spielte mit den Puppen wie ein Kind; er bildete Gruppen aus ihnen, als ob er sehen wollte, wie sich seine Würdenträger in ihren Uniformen ausnähmen, wenn sie untereinander plauderten. Dann warf er sie alle wieder in den Korb.

»Sie haben Ihre Sache gut gemacht, Isabey,« sagte er. »Legen Sie Ihre Zeichnungen den Hofschneidern vor, damit sie den Überschlag machen. Lenormand können Sie sagen, daß ich ihn einsperren lasse, wenn er nochmals eine so hohe Rechnung zu senden wagt wie unlängst für die Kaiserin. Fünfundzwanzigtausend Frank würden auch Sie, Monsieur de Laval, für eine einzige Toilette nicht zahlen, und wäre sie selbst für Mademoiselle Eugenie de Choiseul bestimmt.«

Was konnten ihm meine Herzensangelegenheiten sein inmitten des Kriegslärms und der verzweifelten Kämpfe ganzer Nationen? Erstaunt und bestürzt zugleich sah ich ihn an. Auf seinen Lippen lag wieder das schelmische, knabenhafte Lächeln, das ich schon einmal an ihm gesehen hatte, als er von der sonderbaren Deutung seiner eigenhändig geschriebenen Briefe sprach. Er legte mir seine kleine fleischige Hand auf die Schulter und sah mich freundlich an. Wie immer, wenn ihn etwas belustigte, erschienen seine Augen ganz hellblau, dieselben Augen, die stahlgrau wurden in Momenten der Aufregung und merkwürdig dunkel, wenn ernste Erwägungen ihn beschäftigten.

»Es wunderte Sie, Monsieur de Laval, als ich Ihnen vorhin von Ihrem Renkontre mit dem Engländer sprach, und meine Kenntnisse über eine gewisse junge Dame scheinen Sie noch mehr in Erstaunen zu versetzen. Sie müssen eine schlechte Meinung von meinen englischen Kundschaftern haben, wenn Sie annehmen, ich sei in so wichtigen Angelegenheiten nicht unterrichtet.«

»Ich begreife nicht, Sire, warum man Ihnen über so belanglose Dinge berichtet, und warum Sie dieselben auch nur einen Augenblick im Gedächtnis behalten?«

»Sie sind jedenfalls ein bescheidener junger Mann, und ich hoffe, Sie werden diese liebenswürdige Eigenschaft an meinem Hofe nicht einbüßen. Sie glauben also wirklich, daß mir Ihre Privatverhältnisse gleichgültig sind?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, welches Interesse Sie daran haben sollten, Sire.«

»Sagen Sie mir, wie ist der Name Ihres Großonkels?«

»Kardinal de Laval de Montmorency.«

»Und wo lebt er?«

»In Deutschland.«

»Statt Bischof von Paris zu sein, wozu ich ihn haben möchte. Und wie heißt Ihr nächster Vetter?«

»Fürst Rohan.«

»Und wo lebt dieser?«

»In London.«

»Jawohl, in London und nicht in den Tuilerien, wo er alles haben könnte, wonach sein Herz begehrt. Ob ich wohl ebenso treue Anhänger hätte, wie die Bourbonen, wenn ich fallen sollte? Würden sie mir in die Verbannung folgen und bei mir ausharren bis zu meiner Rückkehr auf den Thron Frankreichs? Kommen Sie, Berthier!« Er faßte mit der ihm eigenen einschmeichelnden Geste seinen Günstling am Ohr. »Könnte ich auf Sie zählen, Sie Schlingel, wie?«

»Ich weiß nicht, um was es sich handelt, Sire.«

Wir hatten unser Gespräch so leise geführt, daß die anderen nichts davon verstanden hatten; jetzt aber horchten sie auf Berthiers Antwort.

»Wenn man mich aus Frankreich vertreiben sollte, würden Sie mir in die Verbannung folgen?«

»Nein, Sire.«

»Sapristi, Sie sind wenigstens aufrichtig.«

»Ich könnte nicht mitgehen, Sire.«

»Warum?«

»Weil ich tot wäre.«

Napoleon lachte.

»Und da gibt es Leute, die finden, daß Berthier langsamen Geistes sei. Ich glaube Ihrer sicher zu sein, Berthier, denn so gern ich Sie aus persönlichen Gründen habe, wären Sie für irgend jemand anderen nicht viel wert. Das könnte ich von Ihnen, Monsieur Talleyrand, nicht behaupten. Sie würden zu einem anderen Gebieter ebenso rasch übergehen, wie Sie von einem früheren zu mir übergegangen sind. Sie sind ein Genie, was die Anpassungsfähigkeit betrifft.«

Solche Szenen, die der Kaiser öfter zu veranstalten liebte, pflegten den Anwesenden großes Mißbehagen zu verursachen, da man nie wissen konnte, wen er sich im nächsten Augenblick als Zielscheibe einer ähnlichen höhnischen Frage aussuchen werde. Diesmal überwog die Neugier auf Talleyrands Antwort alle anderen Besorgnisse. Denn Napoleons Bemerkung beruhte auf Wahrheit, und es mochte dem berühmten Staatsmann nicht leicht werden, sich aus der Schlinge zu ziehen. Talleyrand stand ganz ruhig in vorgeneigter Haltung da und stützte sich auf seinen Stock. Auf den Lippen hatte er ein heiteres Lächeln, als wären ihm soeben die schönsten Komplimente gesagt worden. Eine der achtungswerten Eigenschaften dieses Mannes war es ja, daß er Napoleon wie einen Gleichgestellten behandelte und sich niemals so weit herabließ, vor ihm zu kriechen und ihm zu schmeicheln.

»Sie glauben, Sire, daß ich Sie verraten würde, wenn Ihre Feinde mir mehr böten als Sie?«

»Ich bin dessen sicher.«

»Ich kann wirklich für mich nicht gutstehen, solange ich kein Angebot habe. Es müßte jedenfalls ein glänzender Antrag sein. Denn außer meinem reizenden Palais in der Rue St. Florentin und den zweihunderttausend Frank Jahresrente, die ich von Ihnen beziehe, Sire, bekleide ich die Stellung des ersten Staatswürdenträgers in ganz Europa. Man müßte mir also mindestens einen Königsthron anbieten, um meine Stellung weiter zu verbessern.«

»Da habe ich Sie allerdings ziemlich sicher,« sagte Napoleon, ihn bedeutungsvoll anblickend. »Und nun noch eins: Sie müssen Madame Grand heiraten oder das Verhältnis mit ihr lösen; ich dulde keinen Skandal an meinem Hofe.«

Es war mir peinlich, so heikle Angelegenheiten öffentlich besprechen zu hören, aber dieser außerordentliche Mann kümmerte sich wenig um das, was kleinere Geister Zartgefühl und guten Geschmack zu nennen pflegen. Seiner Meinung nach waren solche Empfindungen von den Durchschnittsmenschen nur dazu erfunden, um dem Genius die Flügel zu stutzen. Es gab keine Frage aus dem Privatleben, von der Wahl der Gattin bis hinab zur Abfertigung einer Mätresse, die dieser sechsunddreißigjährige Diktator nicht besprechen und endgültig erledigen zu dürfen glaubte. Wieder erschien das unergründliche Lächeln auf Talleyrands Gesicht.

»Gegen die Ehe habe ich eine unüberwindliche Abneigung, Sire; vielleicht in Erinnerung an meinen einstigen Beruf.«

Napoleon lachte.

»Manchmal vergesse ich wirklich, daß ich in Ihnen den einstigen Bischof von Autun vor mir habe,« sagte er. »Vielleicht wird der Papst mir zuliebe – in Anerkennung einiger Aufmerksamkeiten, die ich ihm bei der Krönung erwies – in diesem Falle Nachsicht üben. Sie ist eine gescheite Frau, diese Madame Grand, sie versteht zuzuhören.«

Talleyrand zuckte die Achseln.

»Die Klugheit einer Frau ist nicht immer ein Vorteil. Eine gescheite Frau kompromittiert ihren Gatten, eine dumme nur sich selbst.«

»Die verständigste Frau,« sagte Napoleon, »ist jene, die ihren Verstand zu verbergen weiß. Die Frauen sind in Frankreich immer eine Gefahr gewesen, weil sie klüger sind als die Männer. Sie wollen nicht begreifen, daß wir ihr Herz und nicht ihren Kopf brauchen. Jeder Monarch, der sich durch Weiber beeinflussen ließ, ging an ihnen zugrunde. Denken Sie nur an Heinrich IV. und Louis XIV. Alle Frauen sind idealistisch und sentimental angelegt, sie leben wie im Traum, sind überspannt und tatendurstig, aber ihr Vorgehen entbehrt der Logik und der Voraussicht. Sehen Sie einmal diese verdammte Madame de Staël! Sehen Sie die Salons im Quartier St. Germain! Dieser ewige Tratsch verursacht mir mehr Unannehmlichkeiten als die ganze englische Flotte. Warum bleiben sie nicht bei ihrer Näherei und bei ihren Kindern? Nun, Monsieur de Laval, sind Sie nicht empört über meine Ansichten?«

Die Frage war nicht leicht zu beantworten. Daher schwieg ich lieber.

»Sie sind noch zu jung, um genügende Erfahrungen zu besitzen,« sagte der Kaiser. »Damals, als die blöden Pariser über die Mesalliance zwischen der Witwe des berühmten Generals Beauharnais und dem unbekannten Bonaparte die Köpfe schüttelten, damals dachte ich gerade so, wie Sie heute denken, Monsieur de Laval. Welch herrlicher Traum war das! Auf meiner Reise von Mailand nach Mantua schrieb ich in jedem der an der Straße liegenden neun Wirtshäuser einen Brief an meine Frau. Neun Briefe an einem Tage! – Aber später fällt man aus seinen Himmeln und gewöhnt sich, die Dinge zu nehmen, wie sie sind.«

Welch ein herrlicher Jüngling mußte der gewesen sein, ehe er gelernt hatte, die Dinge zu nehmen, wie sie sind! Wie schal ist ein Leben ohne Ideale und ohne Romantik!

Ein tiefer Schatten lagerte sich auf die Züge des Weltherrschers, als sehnte er sich zurück nach dem stillen, innerlichen Glück seines einstigen Lebens, das ihm aller Glanz und Reichtum nicht ersetzen konnte. Vielleicht hatten ihm die Briefe, die er in jenen Gasthäusern schrieb, mehr Freude bereitet als alle seine Siege und Eroberungen. Bald aber verschwand die Empfindsamkeit, die ihn übermannt hatte, und er kam wieder auf meine Angelegenheiten zu sprechen.

»Mademoiselle Eugenie ist die Nichte des Duc de Choiseul, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire.«

»Sie sind mit ihr verlobt?«

»Jawohl, Sire.«

Er schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Wenn Sie an meinem Hofe vorwärtskommen wollen, müssen Sie die Ordnung derartiger Angelegenheiten mir überlassen. Ich kann eine Ehe zwischen Emigranten nicht zugeben; sie wäre doch nur ein Bündnis gegen mich.«

»Eugenie teilt meine politische Überzeugung, Sire.«

»In diesem Alter hat man keine politische Überzeugung. Aber in Ihren Adern fließt das Blut der Emigranten; und das kommt früher oder später einmal zum Vorschein. Für Ihre Verheiratung werde ich Sorge tragen, Monsieur de Laval. Ich wünsche, daß Sie nach Pont de Briques kommen, damit ich Sie der Kaiserin vorstelle. – Was gibt's, Konstant?«

»Eine Dame ist draußen und bittet vorgelassen zu werden. Soll ich sie für später bestellen?«

»Eine Dame!« rief der Kaiser lächelnd. »Wir sehen hier im Lager nur selten ein Gesicht ohne Schnurrbart. Wer ist sie? Was will sie von mir?«

»Ihr Name, Sire, ist Sibylle Bernac.«

»Wie?« lief Napoleon, »Die Tochter des alten Bernac auf Grobois? Das ist der Bruder Ihrer Mutter, Monsieur de Laval, nicht wahr?«

Ich mußte errötet sein, denn der Kaiser sah mir die Scham sofort an. »Nun ja, er treibt gerade kein sauberes Handwerk; aber ich brauche ihn sehr notwendig. Er ist gegenwärtig Besitzer von Grobois, was der Erbfolge nach Ihnen zukäme, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire.«

»Ich hoffe, Sie treten nicht deshalb in meine Dienste, um Ihre Güter zurückzubekommen?«

»Nein, Sire. Ich will mir aus eigener Kraft einen Weg bahnen.«

»Es ist ehrenvoller, eine Familie zu begründen, als eine solche zu erhalten,« sagte der Kaiser. »Ich kann Ihnen übrigens Ihre Güter nicht zurückgeben; finge ich mit der Wiederherstellung alter Rechte an, so gäbe es kein Aufhören. Das würde die öffentliche Ordnung erschüttern. Auch sind die konfiszierten Adelsgüter sämtlich in Händen meiner Anhänger. Ihr Onkel wird, wie alle anderen, seine Ländereien behalten, solange er mir ergeben ist. – Aber was mag die junge Dame von mir wünschen? Führe sie herein, Konstant.«

Gleich darauf betrat Sibylle das Zimmer. Ihr Gesicht war blaß und starr, aber in ihren Augen lag Entschlossenheit, und ihr Auftreten war wahrhaft fürstlich.

»Nun, Mademoiselle, was führt Sie zu mir? Was wünschen Sie?« fragte der Kaiser in barschem Tone, den er Frauen gegenüber immer annahm, selbst dann, wenn er um eine warb.

Sibylle blickte um sich, und meine Anwesenheit schien ihren Mut zu heben.

Sie sah dem Kaiser tapfer ins Gesicht.

»Ich komme, Sire, um eine Gnade zu erbitten.«

»Ihr Vater hat zweifellos Verdienste um mich, Mademoiselle. Was wünschen Sie also?«

»Ich bitte nicht im Namen meines Vaters. Lucien Lesage ist wegen Hochverrats in Haft. Ich beschwöre Sie, Sire, ich flehe Sie an, schenken Sie ihm das Leben. Er ist ein Träumer, der nicht in der wirklichen Welt lebt, er ist ein willenloses Werkzeug in den Händen seiner Verführer.«

»Ein Träumer!« rief der Kaiser heftig. »Das sind die gefährlichsten.« Er nahm ein Bündel Akten vom Tisch und überflog sie.

»Ich nehme an, Mademoiselle, daß Lesage das Glück hat, Ihr Geliebter zu sein?«

Flammende Röte ergoß sich über Sibylles bleiches Gesicht, und sie senkte die Augen vor dem höhnischen Blick des Kaisers.

»Den Bericht über sein Verhör habe ich hier. Er macht gerade nicht den besten Eindruck. Soweit ich den Charakter des jungen Mannes beurteilen kann, ist er Ihrer Liebe nicht wert.«

»Schenken Sie ihm das Leben, Sire, ich beschwöre Sie.«

»Sie verlangen Unmöglichkeiten, Mademoiselle Bernac. Früher haben sowohl Bourbonen als Jakobiner gegen mich konspiriert. Meine Duldsamkeit hat sie beide noch angeeifert und ermutigt. Seit der Hinrichtung Cadoudals und des Duc d'Enghien geben die Bourbonen Ruhe. Daher will ich den anderen eine ähnliche Lehre erteilen.«

Daß ein so feiger, niedrigdenkender Mensch wie Lucien die leidenschaftliche Liebe dieses edlen, tapferen Mädchens erringen konnte, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Vielleicht war es die Wirkung jenes sonderbaren Gesetzes von der Anziehung, die gegensätzliche Charaktere aufeinander ausüben.

Bei der strengen Antwort des Kaisers wich der letzte Schein von Farbe aus Sibylles Gesicht; ihre Augen füllten sich mit Tränen, die, auf ihren weißen Wangen herabfließend, glänzten wie Tautropfen auf den Kelchen der Lilien. »Um Gottes willen, Sire! Bei der Liebe zu Ihrer Mutter beschwöre ich Sie, schonen Sie sein Leben,« rief sie, auf die Knie fallend. »Ich stehe gut für ihn, daß er nichts Böses tut.«

»Ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen, Mademoiselle,« schrie er, sich ärgerlich auf dem Absatz umwendend und ungeduldig im Zimmer auf und ab schreitend.

»Wenn ich etwas sage, so gilt es. Eine Einmischung von seiten der Frauen in meine Entschließungen kann ich nicht zulassen. Die Jakobiner sind gefährlich, und ich muß ein Exempel statuieren; sonst fällt ihnen am Ende Faubourg St. Antoine wieder in die Hände.«

Napoleons entschlossenes Gesicht und der entschiedene Ton seiner Sprache ließen alles Bitten hoffnungslos erscheinen. Trotzdem hörte Sibylle nicht auf zu flehen, wie es nur ein Weib tun kann, das um das Leben des Geliebten kämpft.

»Er ist ganz harmlos, Sire.«

»Sein Tod wird die anderen abschrecken.«

»Schonen Sie ihn, Sire. Ich hafte für seine Ergebenheit.«

»Sie verlangen Unmögliches.«

Konstant und ich hoben das Mädchen vom Boden auf.

»So ist es recht, Monsieur de Laval,« sagte Napoleon. »Es wäre nutzlos, über diese Sache noch länger zu sprechen. Führen Sie Ihre Cousine aus dem Zimmer.«

Sibylle aber wandte sich nochmals an den Kaiser. Sie hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

»Sire,« schrie sie. »Sie sagen, es müsse ein Exempel statuiert werden. Da ist doch Toussac . . .«

»Ja, wenn ich Toussac in die Hände bekommen könnte!«

»Er ist der Gefährliche. Er und mein Vater haben Lucien verführt. Den Schuldigen, nicht den Unschuldigen soll man bestrafen.«

»Schuldig sind beide. Und abgesehen davon, wir haben nur einen in der Hand.«

»Und wenn ich Ihnen Toussac überliefere?«

Napoleon dachte einen Augenblick nach.

»Wenn Sie das imstande sind, Mademoiselle, dann soll Lesage frei sein.«

»Ich brauche aber Zeit dazu.«

»Wie viel Zeit verlangen Sie?«

»Mindestens eine Woche.«

»Dann soll die Hinrichtung um eine Woche aufgeschoben werden. Wenn Sie Toussac in dieser Zeit zur Stelle bringen, begnadige ich Lesage. Wenn nicht, so stirbt er am achten Tage. Und nun genug. Führen Sie Ihre Cousine hinaus, Monsieur de Laval, ich habe Wichtigeres zu tun. Halten Sie sich bereit, an einem der nächsten Abende nach Pont de Briques zu kommen, damit ich Sie der Kaiserin vorstelle.«

Dreizehntes Kapitel.

Napoleons Zukunftsträume.

Ich geleitete Sibylle aus dem Zimmer. Draußen vor dem Zelt wartete zu meinem Erstaunen der junge Husarenoffizier, der mich in das Lager eskortiert hatte.

»Nun, Mademoiselle, haben Sie Ihren Wunsch erreicht?« fragte er, aufgeregt auf uns zutretend.

Sibylle schüttelte verneinend den Kopf.

»Das habe ich erwartet,« sagte der Offizier, »denn der Kaiser ist ein strenger Mann. Es war tapfer von Ihnen, Mademoiselle, den Versuch zu wagen. Was mich betrifft, so würde ich lieber auf einem lahmen Pferd ein Infanteriekarree angreifen, als vom Kaiser etwas verlangen. Es tut mir von Herzen leid, Mademoiselle, daß Sie mit Ihrer Bitte keinen Erfolg hatten.«

Seine kindlich blickenden, blauen Augen füllten sich mit Tränen, und der sonst keck wegstehende Schnurrbart hing ihm so traurig herab, daß ich hätte lachen mögen, wenn der Fall nicht so ernst gewesen wäre.

»Leutnant Gerard begegnete mir zufällig und geleitete mich durch das Lager,« sagte meine Cousine. »Er nimmt warmen Anteil an meinem Kummer.«

»Auch ich nehme warmen Anteil daran,« rief ich. »Sie sind ein Engel, Sibylle; beneidenswert der Mann, den Ihre Liebe beglückt. Ich hoffe, er ist dieses Glückes würdig.«

Sofort nahm sie eine kalte, stolze Haltung an, denn sie vertrug nicht den leisesten Zweifel an dem Charakter ihres Bräutigams.

»Ich kenne ihn besser als der Kaiser und Sie. Er hat die Phantasie eines Dichters und die Seele eines Kindes; und in seinem Edelmut ahnte er die Ränke seiner Genossen nicht, denen er zum Opfer fiel. Mit Toussac hätte ich kein Mitleid; er hat mehrere Morde auf dem Gewissen, und Frankreich wird nicht zur Ruhe kommen, ehe er hinter Schloß und Riegel sitzt. Cousin Louis, wollen Sie mir ihn fangen helfen?«

Der Leutnant drehte seinen Schnurrbart und sah mich eifersüchtig von oben bis unten an.

»Ich bitte meinerseits um die Erlaubnis, Ihnen helfen zu dürfen, Mademoiselle,« rief er beinahe flehend.

»Ich brauche Sie vielleicht alle beide,« sagte sie. »Vorläufig begleiten Sie mich, bitte, bis an die Grenze des Lagers; dort verlassen Sie mich.«

Die kurze, gebieterische Redeweise stand dem anmutigen Mädchen ganz reizend. Wir gehorchten ihr gern und sprangen in den Sattel; bald hatten wir die Baracken des Lagers hinter uns.

»Jetzt kann ich allein weiterreiten,« sagte sie. »Ich darf also auf Sie beide zählen?«

»Gewiß,« antwortete ich.

»Bis in den Tod, Mademoiselle,« lief Gerard begeistert.

»Nun habe ich zwei tapfere Männer zu meiner Unterstützung; das ist alles, was ich brauche,« sagte sie lächelnd, gab ihrem Pferde den Kopf frei und galoppierte in der Richtung gegen Grobois davon.

Ich versank in Gedanken. Umsonst zerbrach ich mir den Kopf darüber, auf welche Art sie Toussacs Spur aufzufinden hoffte. Sollte der Instinkt des liebenden Weibes über Savarys Erfahrung und Geschicklichkeit triumphieren? Endlich wandte ich mein Pferd. Der junge Husar starrte regungslos der in der Ferne verschwindenden Reiterin nach.

»Meiner Treu! Das wäre ein Weib für dich, Etienne!« wiederholte er mehrmals. »Welch ein Auge! Welch ein Lächeln! Und wie sie reitet! Selbst den Kaiser fürchtet sie nicht. O, Etienne, diese Frau ist deiner würdig!«

Unausgesetzt murmelte er vor sich hin, bis die Hügel sie seinen Blicken entzogen hatten. Endlich erinnerte er sich meiner Anwesenheit und sagte: »Das Fräulein ist Ihre Cousine. Und wir sind verbündet, um ihr einen Dienst zu erweisen. Noch weiß ich nicht welchen; aber ich bin entschlossen, alles für sie zu tun, was immer sie verlangt.«

»Wir sollen Toussac festnehmen.«

»Vortrefflich.«

»Um ihrem Bräutigam das Leben zu retten.«

Der junge Offizier schien mit sich zu kämpfen, aber die edlere Regung gewann die Oberhand.

»Sapristi! Ich will auch das für sie tun, wenn ich sie dadurch glücklich mache,« rief er und schüttelte mir die Hand. »Dort drüben, wo Sie die aufgezäumten Pferde sehen, liegen die Bércheny-Husaren. Wann immer Sie um Leutnant Etienne Gerard senden, steht Ihnen seine gute Klinge zur Verfügung. Je früher, desto lieber soll es mir sein.«

Er zog die Zügel an und sprengte davon, das Bild der Jugend und Grazie in jeder Linie seines geschmeidigen Körpers, von der roten Mütze und dem fliegenden Dolman angefangen bis hinab zu den blinkenden Sporen an seinen Fersen.

Vier lange Tage hörte ich kein Wort von Sibylle und von ihrem Vater. Unterdessen hatte ich mich nach Boulogne begeben, um dort im Hause eines Bäckers, nahe der Kirche zu St. Augustin, ein bescheidenes Zimmer zu mieten, wie es mir meine beschränkten Mittel eben erlaubten. Und da es das Alter liebt, die Stätten wieder aufzusuchen, an denen seine schönsten Jugenderinnerungen haften, so habe auch ich im letztvergangenen Jahre meine liebe Wohnung in Boulogne wiedergesehen. Noch stand das alte Haus, dieselben Bilder wie damals hingen an den Wänden meines Zimmers und auch die Büste Jean Barts, die auf einem Seitentisch zu stehen pflegte, grüßte mich wie einen alten Bekannten. Ich trat in die schmale Fensternische und sah mich im Zimmer um. Alles, worauf die Augen des Zwanzigjährigen täglich geruht, lag bis in die kleinsten Einzelheiten unverändert vor mir wie damals, und auch meine eigenen Empfindungen schienen sich wenig verändert zu haben. Nur der kleine runde Spiegel, mir gegenüber, zeigte mir ein müdes, altes Gesicht; und das ausgedehnte Hügelland draußen vor dem Fenster, einst so belebt von den Heerscharen Napoleons, war öde und verlassen. Spurlos, wie Nebel im Winde, war die ruhmreiche Armee verschwunden, und meine bescheidene bürgerliche Behausung hatte dem Sturm der Zeiten widerstanden!

Wie doch Gott die Hoffärtigen demütigt!

Sobald ich meine Wohnung bezogen hatte, sandte ich nach Grobois um die bescheidene Habe, die ich aus England mitgebracht und auf dem Schlosse zurückgelassen hatte. Meine nächste Sorge war, den Kredit, den mir der freundliche Empfang beim Kaiser verschafft hatte, dazu auszunutzen, um meine Garderobe zu vervollständigen. Denn so einfach Napoleon selbst sich trug, hielt er nicht weniger als die prachtliebenden Bourbonen auf Glanz und Reichtum an seinem Hofe. Feine Wäsche und reiche Kleidung halfen so manchem, seine Gunst erringen und erhalten. Ein neuer Hofstaat und ein junges Kaiserreich brauchen derlei Dinge sehr notwendig.

Es war am Morgen des fünften Tages, als ich von Duroc die Botschaft erhielt, ich möge mich unverzüglich ins Hauptquartier begeben, um den Kaiser dort zu erwarten. In einer der kaiserlichen Karossen werde ein Platz für mich bereit sein, damit ich mich mit dem übrigen Hofstaat nach Pont de Briques zum Empfang der Kaiserin begebe. Gleich nach meiner Ankunft führte mich Konstant durch den Vorraum in das dahinterliegende Zimmer, wo der Kaiser mit dem Rücken gegen den Kamin stand und sich an dem Feuer die Fußsohlen wärmte. Talleyrand und Berthier erwarteten den Tagesbefehl, und der Sekretär de Meneval saß an seinem Schreibtisch.

»Ah, Monsieur de Laval,« sagte der Kaiser, mir freundlich zunickend. »Haben Sie etwas von Ihrer reizenden Cousine gehört?«

»Bisher noch nichts, Sire,« antwortete ich.

»Ich fürchte, sie wird sich vergeblich bemühen, so lieb es mir wäre, wenn sie Erfolg hätte. Jener armselige Träumer ist ja im Gegensatz zu Toussac wirklich ganz ungefährlich. Indessen wird auch seine Hinrichtung als abschreckendes Beispiel wirken.«

Es fing an zu dunkeln; Konstant erschien mit einem Wachsstock, um die Kerzen anzuzünden, Napoleon aber wies ihn hinaus.

»Ich liebe das Zwielicht,« sagte er. »Nach Ihrem langen Aufenthalt in England dürften ja auch Sie, Monsieur de Laval, sich bei trübem Lichte am wohlsten fühlen. Den Engländern scheint sich übrigens der Nebel aufs Gehirn geschlagen zu haben, dem Unsinn nach, den ihre Zeitungen über mich schreiben.« Mit einer jener krampfhaften Bewegungen, die seine plötzlichen Gefühlsausbrüche zu begleiten pflegten, ergriff er eine englische Zeitung, warf sie auf den Boden und schob sie mit den Füßen ins Feuer. »So ein Zeitungsschreiber,« schrie er mit jener schnarrenden, tief im Rachen sitzenden Stimme, die ich bei der Szene mit Admiral Bruix gehört hatte. »Was ist ein Zeitungsschreiber? Ein schmieriger Federfuchser in einer Hinterstube, und dabei hält er sich für eine der Großmächte Europas. Von der sogenannten Preßfreiheit habe ich genug. Manche freilich – unter anderen auch Sie, Monsieur Talleyrand – wünschen sehnlichst, daß sie auch in Paris eingeführt werde; ich aber halte alle Zeitungen für überflüssig, bis auf den Moniteur, der die Beschlüsse der Regierung kundmacht.«

»Ich bin der Meinung, Sire,« sagte der Minister, »daß offene Gegner besser sind als heimliche Feinde, und daß es unschuldiger ist, Tinte zu verspritzen als Blut zu vergießen. Was liegt an dem Geschreibsel Ihrer Feinde, Sire, solange Sie über eine Armee von fünfhunderttausend Mann verfügen?«

»Ach was,« rief der Kaiser ungeduldig. »Sie reden, als ob ich die Krone von meinem Vater geerbt hätte. Abgesehen davon, ich finde die Macht der Presse überhaupt unerträglich. Die Bourbonen ließen sich von den Zeitungen kritisieren, und wohin sind sie gekommen? Hätten sie ihre Schweizer Garden dreingehen lassen wie ich meine Grenadiere am 18 Brumaire, was wäre von dieser glänzenden Nationalversammlung übriggeblieben? Ein Bajonettstich in Mirabeaus Herz hätte damals die ganze Angelegenheit in Ordnung gebracht. Später aber ließ dieser einen König und eine Königin guillotinieren und vergoß das Blut von Hunderttausenden.«

Er ließ sich auf seinen Fauteuil nieder und streckte die Beine gegen das Feuer aus. Durch die verkohlten Zeitungreste hindurch fiel der rote Schein auf sein schönes, blasses, geisterhaftes Gesicht. Für einen Dichter, einen Philosophen – für alles eher als einen menschenmordenden Krieger hätte man ihn in diesem Augenblick halten mögen. Man sagt, es sei nicht der Fehler der ausführenden Künstler gewesen, daß nicht zwei Bilder Napoleons einander glichen; in jeder Stimmung trug er ganz veränderte Zuge zur Schau. In der Ruhe war sein Gesicht am schönsten; ein schöneres als damals am Kamin habe ich in den langen sechzig Jahren meines Lebens nicht gesehen.

»Sie haben weder Träume noch Illusionen, Talleyrand,« sagte er. »Sie sind immer praktisch, kühl und zynisch. Mir jedoch regt das Zwielicht sowie das Rauschen der See die Einbildungskraft mächtig an. Ebenso geht es mir, wenn ich Musik höre – besonders Musik mit ständig wiederkehrenden Melodien, wie manche Stücke Passaniellos. Sie haben einen sonderbaren Einfluß auf mich. Ich beginne zu schwärmen und zu dichten wie Ossian. Märchenhafte Gedanken steigen in mir auf, und märchenhafte Ziele erreiche ich im Traum. Dann trägt mich meine Phantasie nach dem fernen Osten, wo es von Menschen wimmelt wie in einem Ameisenhaufen; nur dort kann man sich wahrhaft groß fühlen. Ich durchlebe meine Träume von 98. Ich träume von der Möglichkeit, diese unermeßlichen Menschenmassen zu bewaffnen und zu schulen, um sie auf Europa loszulassen. Wäre es mir gelungen, Syrien zu erobern, so hätte ich es auch getan, und der Sieg bei Acre hätte in der Tat die Geschicke der ganzen Welt besiegelt. Mit Hilfe der unterworfenen Ägypter wäre ich – auf einem Elefanten reitend – nach Indien gezogen, eine selbstverfaßte neue Ausgabe des Korans in der Hand. Ich ward zu spät geboren. Um die Welt zu erobern, muß man sich als Gott ausrufen lassen. Alexander der Große gab sich als Sohn Jupiters aus, und alle glaubten ihm. Unterdessen ist die Welt alt geworden und kann keine Begeisterung mehr aufbringen. Was geschähe, wenn ich dasselbe von mir behaupten würde wie Alexander? Monsieur Talleyrand hielte die Hand vor das Gesicht, um ein Lächeln zu verbergen, und die Pariser würden Spottgedichte an die Stadtmauern kritzeln.«

Die Gedanken des Kaisers verirrten sich immer weiter in nebelhafte Fernen. Er schien unsere Anwesenheit vergessen zu haben und nur noch laut zu denken. Das war, was er »Ossianisieren« nannte, weil es ihn an die wilden, ausschweifenden Träume des Galliers Ossian, dessen Gedichte ihn immer leidenschaftlich packten, erinnerte. De Meneval erzählte mir später, daß er oft stundenlang in dieser Weise seine innersten Gedanken und Wünsche laut zum Ausdruck bringe, während Bedienstete seines Hofes herumstehen und ruhig warten, bis er wieder zu sich kommen und seine alltäglichen Befehle zu erteilen geruhen werde. »Jeder große Machthaber,« sagte Napoleon fortfahrend, »muß sich auf die Religion stützen. Es ist wichtiger, die Seele der Menschen zu beherrschen als ihre Leiber. Der Sultan beispielsweise ist Befehlshaber der Armee und zugleich das religiöse Oberhaupt seiner Untertanen. So war es auch bei einigen römischen Kaisern. Meine Macht ist unvollkommen, solange ich nicht auch dieses Ziel erreicht habe. Gegenwärtig hat in etwa dreißig Departements Frankreichs der Papst größeren Einfluß als ich. Nur die Vereinigung der geistlichen und weltlichen Macht in einer einzigen Person kann den Weltfrieden sichern. Wenn es dereinst nur ein solches Oberhaupt mit dem Sitze in Paris geben wird, und alle Könige seine Statthalter sein werden, dann wird ewiger Friede herrschen. Frankreichs geographische Lage, sein Reichtum und seine Geschichte weisen ihm diese führende Rolle zu. Deutschland ist uneinig und zerfahren. In Rußland herrscht Barbarei. England ist ein Inselreich. Nur Frankreich bleibt übrig.«

Ich begann meine englischen Freunde zu verstehen. Solange er lebte – dieser kleine sechsunddreißigjährige Korse –, so lange gab es keinen Frieden in der Welt.

Konstant hatte eine Tasse Kaffee auf den Tisch gestellt. Der Kaiser nahm einen Schluck und stierte wieder wie geistesabwesend in die rote Glut des Kaminfeuers. Das Kinn sank ihm auf die Brust.

»In kommenden Tagen,« sagte er, »werden die Fürsten Europas im Krönungszuge des Kaisers von Frankreich einherschreiten. Jeder von ihnen muß in Paris seinen Palast haben, und Paris wird sich bis nach Versailles ausdehnen. Das sind die Pläne, die ich für die Hauptstadt hege, wenn sie sich deren würdig erweisen wird. Im übrigen liebe weder ich die Pariser noch sie mich. Sie werden es mir nie vergessen, daß ich schon auf sie schießen ließ und imstande wäre, es wieder zu tun. Ich habe sie mich fürchten und bewundern gelehrt, zur Liebe jedoch kann ich sie nicht zwingen. Und was habe ich nicht alles für sie getan! Wo sind die Schätze Genuas, die Bilder aus Venedig und die Statuen aus dem Vatikan? Sie sind alle im Louvre. Mit der Beute meiner Kriegstaten habe ich die Stadt geschmückt. Aber sie sind flatterhaft, diese Pariser, und müssen immer etwas haben, worüber sie schwätzen können. Jetzt schwenken sie die Hüte, wenn ich erscheine; aber sie wären imstande, ein andermal die Fäuste gegen mich zu ballen, gäbe ich ihnen nicht hie und da einen interessanten Gesprächsstoff, um ihre Aufmerksamkeit abzulenken. Unlängst ließ ich ausschließlich zu diesem Zwecke die Kuppel des Invalidendomes neu vergolden. Louis XIV. beschäftigte ihre Gedanken mit seinen Kriegen. Unter Louis XV. gab es die galanten Abenteuer und Skandale bei Hof zu besprechen. Louis XVI. wußte ihnen nichts zu bieten; deshalb schnitten sie ihm den Kopf ab. Und Sie, Monsieur Talleyrand, haben mit geholfen, ihn aufs Schafott zu bringen.«

»Das wohl nicht, Sire, ich war immer einer der Gemäßigten.«

»Zum mindesten bedauerten Sie seinen Tod nicht.«

»Um so weniger, als er Platz für Sie schuf, Sire.«

»Es gibt nichts, was meinen Triumphzug hätte aufhalten können, Talleyrand. Ich bin zum Höchsten geboren. Das fühlte ich von Kindheit auf. Noch erinnere ich mich der Vorbereitungen zu den Verhandlungen in Campoformio. Ich war damals noch ein junger General und hatte das dreißigste Lebensjahr nicht erreicht. Ein leerer Thron mit dem kaiserlichen Wappen stand in dem Zelt des Bevollmächtigten. Ich sprang die Stufen hinauf und ließ mich darauf nieder. Über mir konnte ich nichts ertragen. In meinem Innersten wußte ich genau, was aus mir werden sollte. Selbst damals, als ich mit meinem Bruder Lucien noch ein kleines, billiges Zimmer bewohnte, war ich mir vollständig klar darüber, daß ich einst ein großes Reich beherrschen werde. Und dabei boten mir meine früheren Erfolge gar keine Stütze für meine Hoffnungen. In der Schule leistete ich wenig. Ich war der Zweiundvierzigste unter achtundfünfzig Kameraden. In Mathematik war ich recht tüchtig, sonst aber in keinem einzigen Fach. Während die anderen arbeiteten, träumte ich. Von Hause hatte ich nichts mitbekommen, was meinem Ehrgeiz zu Hilfe kommen konnte. Von meinem Vater habe ich nichts geerbt als den schwachen Magen. Noch sehr jung kam ich nach Paris, in Begleitung meines Vaters und meiner Schwester Karoline. Wir wohnten in der Rue Richelieu und sahen häufig den König in seiner Staatskarosse vorbeifahren. Wer hätte damals gedacht, daß der kleine korsikanische Knabe, der mit abgezogenem Hute dem Wagen nachstarrte, der nächste Herrscher Frankreichs sein werde? Und doch hatte ich auch damals die Empfindung, als gehörte dieser Wagen mir und keinem anderen. Was gibt's, Konstant?«

Der verschwiegene Lakai bog sich herüber und flüsterte dem Kaiser etwas ins Ohr.

»Ja, richtig,« sagte dieser. »Es war ja verabredet; ich hatte es ganz vergessen. Ist sie hier?«

»Jawohl, Sire.«

»Im Nebenzimmer?«

»Jawohl, Sire.«

Talleyrand und Berthier wechselten verständnisvolle Blicke, und der Minister schien sich zurückziehen zu wollen.

»Nein, nein, Sie können hierbleiben,« sagte der Kaiser. »Zünde die Lampen an, Konstant, und halte die Wagen in einer halben Stunde bereit. Lesen Sie diesen Brief an den Kaiser von Österreich durch, Talleyrand, und sagen Sie mir, was Sie davon halten. Hier, de Meneval, ist ein ausführlicher Bericht über die neue Schiffswerft in Brest. Machen Sie einen Auszug daraus, morgen um fünf Uhr früh will ich ihn auf meinem Schreibtisch finden. Sie, Berthier, haben dafür Sorge zu tragen, daß die ganze Armee um sieben Uhr auf den Schiffen ist. Ich will sehen, ob sie in drei Stunden eingeschifft sein kann. Und Monsieur de Laval wartet hier, bis wir nach Tour de Briques aufbrechen.«

Nun hatten wir alle unsere Befehle. Er aber schritt mit kurzen, schnellen Schritten durch das Zimmer und öffnete die Seitentüre. An seinem breiten Rücken vorbei erblickte ich eine rosenrot gekleidete Gestalt; dann fiel der Vorhang hinter ihm zu.

Talleyrand zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe, und Berthier fing wieder an, die Fingernägel zu kauen.

»Welche ist es?« flüsterte der Minister.

»Die Sängerin von der großen Oper.«

»Ist die kleine Spanierin in Ungnade gefallen?«

»Ich glaube nicht; sie war erst gestern hier.«

»Und die Gräfin?«

»Der hat er eine Villa in Ambleteuse gekauft.«

»Aber es darf keinen Skandal am Hofe geben,« sagte Talleyrand mit ironischem Lächeln, in Erinnerung an die Moralpredigt, die ihm der Kaiser vor kurzem gehalten. »Und nun, Monsieur de Laval, wäre ich begierig, etwas über das Treiben der Bourbonenpartei in England zu hören. Sie müssen ja davon unterrichtet sein. Hat man denn irgendwelche Hoffnung auf Erfolg?«

Einige Minuten lang bedrängte er mich mit Fragen, die deutlich zeigten, wie richtig ihn Napoleon beurteilte. Offenbar war der Mann entschlossen, käme was wolle, sich auf Seite der Sieger zu stellen. Inmitten unserer Unterhaltung stürzte Konstant herein. Er sah ganz verstört aus. Nie hätte ich seinen sanften, sonst so regungslosen Zügen eine derartige Ausdrucksfähigkeit zugetraut.

»Um Himmels willen, Monsieur Talleyrand,« schrie er händeringend. »Solch ein Unglück! Wer hätte dies erwartet!«

»Was ist denn geschehen, Konstant?«

»O, Monsieur Talleyrand, ich wage es nicht, den Kaiser zu stören, und doch – und doch – die Kaiserin ist angekommen und wird gleich eintreten.«

Vierzehntes Kapitel.

Josephine.

Talleyrand und Berthier sahen sich betroffen an. Selbst der gewiegte Diplomat, der seine Züge sonst so meisterhaft beherrschte und wie hinter einer Maske verborgen hielt, ließ Zeichen von Erregung erkennen. Bei ihm war es allerdings eher Schadenfreude als Bestürzung, was in seinem Gesicht zum Ausdruck kam, während Berthier, der zu Napoleon und Josephine ehrliche Zuneigung empfand, wie wahnsinnig zur Zelttür rannte, um der Kaiserin den Eintritt zu wehren. Konstant stürzte zu dem Vorhang, der die Tür zu dem Zimmer des Kaisers abschloß, verlor aber den Mut wieder und kam hilfesuchend zu Talleyrand zurück. Dessen Rat wäre übrigens auf alle Fälle zu spät gekommen, denn Roustem, der Mameluck, hatte die Tür bereits geöffnet, um zwei Damen eintreten zu lassen. Die erste war groß und schlank; ein feines Lächeln lag auf ihren Lippen, und ihr freundliches und doch so würdevolles Benehmen mußte ihr alle Herzen im Sturme erobern. Sie trug einen schwarzen Samtmantel mit weißen Borten am Halse und an den Ärmeln; auf ihrem schwarzen Hut wallte eine weiße Feder. Ihre Begleiterin war kleiner, und ihr Gesicht hätte man gewöhnlich nennen können, wenn ihm nicht sein lebhafter Ausdruck und die großen schwarzen Augen Reiz und Eigenart verliehen hätten. Ein kleiner schwarzer Terrier folgte den Damen. Die Ersteingetretene übergab die feine Stahlkette, an der sie den Hund führte, an der Tür dem Mamelucken.

»Es ist besser, wenn Fortuné draußen bleibt,« sagte sie mit ungemein wohlklingender Stimme. »Der Kaiser liebt Hunde nicht sonderlich, und wenn man ihn überfällt, so muß man doch mindestens seinem Geschmack Rechnung tragen. Guten Abend, Monsieur Talleyrand. Madame de Remusat und ich machten eine Lustfahrt der Küste entlang und stiegen hier aus, um uns zu erkundigen, ob der Kaiser heute nach Tour de Briques kommen werde. Ist er vielleicht schon fort? Ich erwartete bestimmt, ihn noch hier zu treffen.«

»Seine Majestät war noch vor kurzem hier,« sagte Talleyrand sich verbeugend.

»Heute abend habe ich Empfang in meinem Salon – sofern man meine Appartements in Tour de Briques so nennen kann –, und der Kaiser versprach mir, seine Arbeiten zu unterbrechen und mich mit seiner Anwesenheit zu erfreuen. Könnte man ihn doch dazu bewegen, überhaupt weniger zu arbeiten! Trotz seiner eisernen Gesundheit wird er dieses Leben auf die Dauer nicht ertragen können. Seine nervösen Anfälle kommen immer häufiger. Er will alles selbst tun. Das ist ja sehr edel von ihm, aber es ist ein Martyrium. Ich zweifle nicht, daß er auch jetzt . . . Sie wissen also nicht, wo er sich befindet, Monsieur Talleyrand?«

»Wir erwarten ihn jeden Augenblick, Eure Majestät.«

»Dann will ich mit Ihnen warten. Ach, Monsieur de Meneval, wie ich Sie bedauere, wenn ich Sie vor dieser unheimlichen Menge von Akten sitzen sehe. Ich war trostlos, als Monsieur de Bourienne den Kaiser verließ, aber Sie übertreffen Ihren Vorgänger noch an Tüchtigkeit. Kommen Sie zum Feuer, Madame de Remusat. Ja, ja, ich bestehe darauf; es ist Ihnen gewiß kalt. Konstant, schiebe Madame de Remusat dieses Fell unter die Füße.«

Derlei kleine Aufmerksamkeiten kamen der gütigen Frau wirklich von Herzen und nahmen hoch und niedrig für sie ein. Sie hatte auch unter den erbittertsten Gegnern ihres Gatten keinen einzigen Feind. Als einsame, verlassene Frau, die auf Malmaison ihre Tage vertrauerte, genoß sie nicht minder die Liebe und Ehrfurcht aller Franzosen als an der Seite ihres die Welt beherrschenden Gatten. Und von allen Opfern, die Napoleon seinen ehrgeizigen Plänen brachte, kostete ihn keines einen so harten Kampf und schmerzte ihn so sehr als die Trennung von Josephine.

Die Kaiserin hatte sich in dem Fauteuil am Kamin niedergelassen, auf dem bis vor kurzem Napoleon gesessen hatte. So war es mir denn vergönnt, ihre interessante Erscheinung aus nächster Nähe zu betrachten. Geboren als die Tochter eines Leutnants, nahm sie heute die erste Stellung unter allen Frauen Europas ein. Sie war um sechs Jahre älter als Napoleon und stand damals im zweiundvierzigsten Lebensjahre; aus einiger Entfernung jedoch oder bei schwachem Lichte konnte man sie, ohne ihr zu schmeicheln, für dreißig halten. Ihre große, elegante Gestalt war mädchenhaft schlank geblieben, und in jeder Bewegung lag die natürliche Grazie, die sie ihrer westindischen Abkunft verdankte. Ihren zarten Gesichtszügen sah man noch heute an, wie bestrickend schön sie einst gewesen sein mochte; aber sie war rasch verblüht, wie alle Kreolinnen. Wohl mochte sie mit Hilfe ihrer Toilettenkünste noch als hübsche Frau erscheinen, wenn sie im Wagen vorbeifuhr oder im Speisesaal oben auf der Estrade saß, wo man ihr nicht allzu nahe kam. In einem kleinen Zimmer jedoch oder bei hellem Tageslicht verriet sich das derbe Rot und Weiß, das ihre fahlen Wangen deckte, sofort als künstlich und machte einen geradezu peinlichen Eindruck. Wirklich schön waren nur ihre großen, dunklen, sympathischen Augen geblieben und reizend ihr allerliebster kleiner Mund, der beständig lächelte und so selten lachte, als wollte er es vermeiden, die schadhaften Zähne sehen zu lassen. Und wie sie auftrat, diese kleine Westindierin, als stammte sie in gerader Linie von Karl dem Großen ab. Ihr Gang, ihr Blick, jede Bewegung ihrer schönen schlanken Hand vereinigte in glücklichster Weise die Anmut der Frau mit der Herablassung einer Königin. Wahrhaft bewundernswert war auch die Grazie, mit der sie jetzt einige Stückchen Aloeholz aus dem Korbe nahm und ins Feuer warf.

»Napoleon liebt den Geruch brennender Aloe,« sagte sie. »Er hat eine sehr feine Nase und merkt alles, selbst das, was ich nicht rieche.«

»Der Kaiser hat allerdings eine sehr gute Nase, auch für andere Dinge,« warf Talleyrand ein, »das haben die Bevollmächtigten anderer Staaten öfter am eigenen Leibe erfahren.«

»Ach, es ist schrecklich, wenn er anfängt, die Rechnungen zu prüfen – wirklich schrecklich, Monsieur de Talleyrand! Nichts entgeht ihm. Er läßt nichts durch. Alles muß genau stimmen. Aber wer ist der junge Herr dort? Er ist mir, glaube ich, noch nicht vorgestellt.«

Talleyrand teilte in kurzen Worten mit, daß mich der Kaiser in seine Dienste genommen habe; und Josephine beglückwünschte mich sehr herzlich.

»Es tut mir wohl, tapfere und ergebene Männer um ihn zu wissen. Seit jenem Attentat mit der Höllenmaschine bin ich immer unruhig, wenn er nicht bei mir ist. Am sichersten ist er noch im Kriege, wenigstens vor den Mördern, die ihm auf der Straße auflauern. Wie ich höre, ist ja wieder eine Verschwörung der Jakobiner entdeckt worden?«

»Monsieur de Laval war bei der Verhaftung der Verschwörer zugegen,« sagte Talleyrand.

Die Kaiserin bestürmte mich mit Fragen, ohne in ihrer Aufregung meine Antworten abzuwarten.

»Dieser schreckliche Toussac ist entkommen, nicht wahr?« rief sie, »und eine junge Dame soll es übernommen haben, ihn dem Arm der Gerechtigkeit zu überliefern; und Napoleon soll versprochen haben, ihrem Geliebten die Freiheit zu schenken, wenn sie diese Tat vollbringt, die die Geheimpolizei nicht zu leisten vermochte.«

»Diese Dame ist meine Cousine, Majestät, Sibylle Bernac.«

»Sie weilen erst einige Tage in Frankreich, Monsieur de Laval,« sagte Josephine lächelnd, »und stehen schon im Mittelpunkt der Ereignisse, Sie müssen Ihre hübsche Cousine – der Kaiser findet sie sehr hübsch – an meinen Hof bringen und mir vorstellen. Madame de Remusat, schreiben Sie den Namen auf.«

Die Kaiserin bückte sich neuerdings nach dem Holzkorb. Plötzlich hielt sie inne und stieß einen Ruf des Erstaunens aus. Dann bückte sie sich neuerdings und hob etwas vom Boden auf.

Es war des Kaisers Hut mit der dreifarbigen Kokarde. Josephine sprang auf und sah dem Minister in sein unerschütterlich ruhiges Gesicht.

»Was soll das heißen, Monsieur Talleyrand?« rief sie, mit vor Argwohn und Zorn leuchtenden Augen. »Sie sagten, der Kaiser sei ausgegangen; wie kommt sein Hut hierher?«

»Pardon, Majestät, ich sagte nicht, daß er ausgegangen sei.«

»Was sagten Sie denn?«

»Ich sagte, daß er bis vor kurzem hier im Zimmer war.«

»Sie verbergen etwas vor mir,« rief Josephine erregt.

»Ich sage alles, was ich weiß, Majestät.«

Die Kaiserin wandte sich an Berthier.

»Marschall Berthier,« rief sie, »sagen Sie mir sofort, wo der Kaiser ist, und was er macht. Ich bestehe darauf.«

Der Angesprochene drehte verlegen an seinem Hut und stammelte einige unverständliche Worte.

»Ich weiß nicht mehr als Monsieur Talleyrand,« brachte er endlich mühsam heraus; »der Kaiser verließ vor kurzem dieses Zimmer.«

»Durch welche Türe?«

Der arme Berthier wurde immer verwirrter.

»Ich könnte wirklich nicht sagen, Majestät, zu welcher Tür er hinausgegangen ist.«

Nun richtete Josephine ihre flammenden Augen auf mich. Ich zuckte vor Schrecken zusammen; denn ich mußte gefaßt sein, daß sie die peinliche Frage über Napoleons Verbleib nun auch an mich richten werde. Ich murmelte ein kurzes Stoßgebet zum heiligen Ignatius, dem Schutzpatron unserer Familie; er war immer gütig gegen uns und half mir auch diesmal. Die Gefahr ging vorüber.

»Kommen Sie, Madame de Remusat,« sagte die Kaiserin, »wenn uns die Herren nicht die Wahrheit sagen wollen, müssen wir trachten, sie selbst herauszubringen.«

Sie rauschte würdevoll gegen die teppichverhängte Türe; Madame de Remusat folgte ihr zögernd. Das erschreckte Gesicht der Hofdame ließ uns erkennen, daß sie den Ernst der Lage voll zu würdigen verstand. Und in der Tat, der Ruf von der Untreue des Kaisers und dem öffentlichen Ärgernis, das sie erregte, war selbst bis Ashford gedrungen. Napoleons Selbstherrlichkeit und die Verachtung, die er dem Urteile der Welt entgegenbrachte, enthoben ihn der Mühe, seine Liebeshändel geheimzuhalten, und Josephine verlor bei ihren Eifersuchtsanfällen alle Selbstbeherrschung und Würde, die sie sonst auszeichnete, so daß es mitunter zu Szenen kam, die äußerst peinlich für die Umgebung waren.

Talleyrand wandte sich ab; Berthier, ganz verstört vor Angst und banger Erwartung, fuhr fort, seinen Hut zu verdrücken und zu mißhandeln. Nur Konstant faßte sich ein Herz und rannte an die verhängte Türe. Er warf sich der Kaiserin entgegen und streckte abwehrend beide Hände aus.

»Geruhen Eure Majestät wieder Platz zu nehmen. Dann will ich den Kaiser verständigen, daß Majestät hier sind,« rief er.

»Er ist also hier,« schrie Josephine wütend. »Ich sehe alles! Ich begreife alles! Aber ich werde ihn bloßstellen, den Treulosen! Laß mich vorbei, Konstant. Wie kannst du es wagen, mir den Weg zu vertreten?«

»Erlauben Majestät, daß ich Sie anmelde?«

»Ich werde mich selbst anmelden.« Mit einer geschickten Bewegung ihrer geschmeidigen Gestalt schlüpfte sie hinter den noch immer abwehrenden Lakaien, zog die Vorhänge auseinander und verschwand im Nebenzimmer.

Durch die Schminke hindurch nahm man die flammende Zornesröte wahr, die ihre Wangen übergoß, und ihre Augen schossen Blitze, solange sie mit Konstant um den Einlaß zu ihrem Gatten kämpfte. Beim Anblick Napoleons jedoch mußte sie der Mut verlassen haben. Ein Schrei, wie das Gebrüll eines wilden Tieres, schlug an mein Ohr, und im nächsten Augenblick schoß die Kaiserin in heller Flucht durch die Seitentür herein; Napoleon, sprachlos vor Wut, folgte ihr auf den Fersen. In sinnloser Angst rannte sie auf den Kamin zu, auf den auch Madame de Remusat, die unter den obwaltenden Umständen keine Lust verspürte, als Rückendeckung zu dienen, zu laufen begann, bis sich beide – versprengten Hühnern gleich, die flatternd zum Nest zurückkehren – in die eben erst verlassenen Fauteuils warfen und sich dort zusammenkauerten. Unterdessen stampfte und polterte Napoleon mit wutverzerrtem Gesicht im Zimmer herum und stieß wilde Soldatenflüche aus.

»Na warte, Konstant,« brüllte er. »So verrichtest du deinen Dienst? Hast du denn gar kein Verständnis dafür, daß man nicht alles an die große Glocke hängt? Untersteht denn auch mein Privatleben der öffentlichen Kontrolle? Muß ich mir immer von Weibern nachspionieren lassen? Darf gerade ich keine persönliche Freiheit haben? Und was Sie anbelangt, Josephine, so bin ich mit Ihnen fertig. Bis heute schwankte ich noch, das aber gibt den Ausschlag. Zwischen uns zweien ist alles aus.«

Wir alle, glaube ich, hätten viel darum gegeben, das Zimmer verlassen zu dürfen; bei mir wenigstens überwog das Mißbehagen bei weitem das Interesse an diesem wahrhaft empörenden Auftritt, während dem Kaiser unsere Anwesenheit so gleichgültig zu sein schien, als gehörten wir zu den Einrichtungsgegenständen seines Zimmers. Tatsächlich aber war es eine der Eigenheiten dieses in jeder Beziehung ungewöhnlichen Mannes, daß er gerade derartige Szenen, die andere zum mindesten geheimzuhalten pflegten, gern vor Zeugen veranstaltete, um seine Vorwürfe und Angriffe noch peinlicher für das Opfer zu gestalten. Ein jeder – von der Kaiserin bis zum letzten Lakaien herab – mußte ständig darauf gefaßt sein, öffentlich herabgesetzt und lächerlich gemacht zu werden, vor Zuhörern, deren Heiterkeit nur die eine Sorge eindämmte, wer wohl als Nächster zur Zielscheibe der kaiserlichen Spottreden ausersehen sei.

Josephine nahm zu der letzten erprobten Waffe der Frauen ihre Zuflucht; sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte bitterlich. Auch Madame de Remusat brach in Tränen aus; und in den Pausen zwischen den heiseren Flüchen Napoleons – in der Wut klang seine Stimme wirklich rauh und heiser – hörte man das Seufzen und Schluchzen der beiden Frauen. Bisweilen wagte die Kaiserin eine zaghafte Antwort oder verstieg sich bis zu einem schüchternen Vorwurf gegen ihren Gatten wegen seiner Liebeshändel; aber jeder Versuch des Widerspruches erhöhte seinen Zorn und brachte ihn vollends zur Raserei. Endlich schleuderte er, ganz außer sich vor Wut, seine Tabaksdose zu Boden, daß es krachte, und schrie: »Ach was, Anstand und Sitte! Was gehen mich eure Anstandsregeln an! Auf mich haben sie keine Anwendung! Mich kann man nicht mit demselben Maßstabe messen wie die anderen; ich stehe über jedem Gesetz. Ich sagte Ihnen wiederholt, Josephine, daß alle diese Regeln nichts sind als Phrasenwerk, von den Alltagsmenschen erfunden, um die Großen an der Entfaltung ihrer Macht zu hindern. Ich kümmere mich nicht um diese von der Gesellschaft beschlossene sogenannte Moral und lasse mich in meiner persönlichen Freiheit nicht beschränken. Ein großer Mann kennt keine Rücksichten. Ich tue, was mir beliebt, und lasse mir von niemand dreinreden, am wenigsten von Ihnen, Josephine. Sie müssen alles, selbst meine Launen, ruhig hinnehmen, und Sie sollten es begreiflich finden, daß ich mir gewisse Freiheiten gestatte.«

Trotz seiner scharfen Sprache schien Napoleon der Stichhaltigkeit seiner Argumente nicht ganz sicher zu sein; denn er lenkte – wie immer, wenn er sich im Unrecht fühlte – das Gespräch plötzlich auf ein ganz anderes Gebiet, wo er sich zweifellos im Rechte wußte. Wie im Kriege, so blieb er auch im Wortstreite nie lange in der Defensive; ein schwacher Punkt in der Stellung des Gegners war bald gefunden und gab Gelegenheit zum Angriff.

»Ich habe Lenormands Rechnungen durchgesehen, Josephine,« sagte er. »Wissen Sie, wie viele Kleider Sie sich im letzten Jahre machen ließen? Es waren ihrer hundertvierzig – nicht weniger – und einzelne derselben kosteten die enorme Summe von fünfundzwanzigtausend Frank. Sie besitzen, wie ich höre, sechshundert Toiletten, und viele davon haben Sie kein einziges Mal getragen. Madame de Remusat muß das alles bestätigen.«

»Sie lieben es ja selbst, Napoleon, daß ich mich gut kleide.«

»Die Auslagen dürfen aber nicht ins Ungeheuerliche wachsen. Mit dem Geld, das Sie für all diesen Tand, für Seidenstoffe und Pelze verschwenden, könnte ich zwei Kürassierregimenter oder mehrere Schiffe instand setzen und erhalten. Das kann in einem Kriege den Ausschlag geben. Und weiter, Madame, wer hat Ihnen gestattet, das Brillantendiadem bei Lefèbre zu bestellen? Er sandte mir kürzlich die Rechnung, ich habe aber die Bezahlung verweigert. Wenn er sie nochmals schickt, lasse ich ihn durch meine Grenadiere ins Gefängnis abführen; und Lenormand dazu.«

Napoleons Wutausbrüche waren heftig, aber der Zorn hielt meist nicht lange an. Die sonderbare Verdrehung seines Armes, die bei jeder seelischen Erregung aufzutreten pflegte, schwand langsam; er durchlas einige Schriftstücke, die de Meneval – während des ganzen stürmischen Auftrittes mechanisch weiterschreibend – fertiggestellt hatte, und kam freundlich lächelnd auf die Kaiserin zu.

»Sie haben es nicht nötig, solchen Aufwand zu treiben, Josephine,« sagte er, ihr die Hand auf die Schulter legend; »nur eine häßliche Frau muß Diamanten und schöne Kleider tragen, um zu gefallen; Sie aber brauchen derlei Dinge nicht. Sie waren sehr einfach gekleidet, als ich Sie das erstemal sah, damals in der Rue Chautereine, und doch fühlte ich mich nie im Leben so hingezogen zu einer Frau wie zu Ihnen. Warum quälen Sie mich, Josephine, und zwingen mich, so unfreundlich gegen Sie zu sein? Fahren Sie zurück, Kleine, nach Tour de Briques, und geben Sie acht, daß Sie sich nicht erkälten.«

»Sie werden doch bei meinem Empfang zugegen sein, Napoleon?« fragte die Kaiserin, deren bittere Empfindungen der leisesten zärtlichen Berührung seiner Hand wichen. Noch hielt sie das Gesicht mit dem Taschentuch bedeckt, aber sie weinte nicht mehr. Nur die zerstörende Wirkung der Tränen auf das Rot der Wangen schien sie verbergen zu wollen.

»Selbstverständlich, wir kommen gleich nach. Hilf den Damen in den Wagen, Konstant. Ist die Einschiffung der Truppen eingeleitet, Berthier? Talleyrand, Sie bleiben da, ich will Ihnen meine Pläne bezüglich Spaniens und Portugals entwickeln. Und Sie, Monsieur de Laval, begleiten die Kaiserin nach Tour de Briques; dort treffen wir uns.«

Fünfzehntes Kapitel.

Empfang bei der Kaiserin.

Die plötzliche Ankunft des Hofes zu mehrwöchigem Aufenthalte hatte die Bewohner des Dörfchens Tour de Briques in nicht geringe Aufregung versetzt. Gewiß wäre das nahe Boulogne einer so hohen Auszeichnung würdiger gewesen. Dort gab es doch einige ansehnliche Gebäude und bessere Gelegenheit zur Beschaffung der Lebensmittel; aber Napoleon hatte eben Tour de Briques zur Ansiedlung seines Hofstaates ausersehen, und damit war die Sache erledigt. So tauchte denn dort eines Tages ein Heer von Bediensteten auf, tags darauf erschienen die Würdenträger des neuen Kaiserreichs, und endlich trafen die Hofdamen ein, gefolgt von ihren Anbetern aus dem Lager. Der Kaiserin stand ein kleines Lustschloß zur Verfügung. Die übrigen suchten in den umliegenden Häuschen unterzukommen, so gut es eben ging, und sehnten den Tag der Rückkehr in ihre behaglichen Wohnräume zu Versailles oder Fontainebleau herbei. Die Kaiserin bot mir in liebenswürdigster Weise einen Sitz in ihrem Wagen an und plauderte unablässig, ohne die herrliche Gegend, die wir durchfuhren, eines Blickes zu würdigen. Sie stellte tausend Fragen über meine Person und meine Angelegenheiten, denn für das Tun und Treiben ihrer Umgebung empfand sie eine wahrhaft kindische Neugierde. Besonders aber interessierte sie sich für Eugenie; und da in diesem Punkte auch mein Interesse kein geringes war, ging unser Gespräch bald in eine begeisterte Erzählung meinerseits über, zeitweise unterbrochen durch zustimmende Ausrufe Josephines und ihrer Hofdame.

»Sie müssen Mademoiselle Eugenie so bald als möglich an unseren Hof bringen,« rief die gütige Frau. »Solch einen Ausbund von Schönheit und Tugend darf man doch nicht in einem englischen Dorfe verkümmern lassen. Haben Sie dem Kaiser von ihr gesprochen?«

»Er wußte ohnehin alles, Majestät.«

»Er weiß wirklich alles, in allen Dingen. Welch ein Mann! Über mein Brillantendiadem haben Sie ihn ja reden hören. Lefèbre versprach mir, kein Wort davon zu verraten. Ganz nach Bequemlichkeit sollte ich es bezahlen; und doch hat es Napoleon erfahren. Aber was sagte er zu Ihrer Verlobung mit Eugenie?«

»Er meinte, es sei seine Sache, mir eine Braut auszusuchen.«

Josephine schüttelte den Kopf.

»Das ist bedenklich, Monsieur de Laval,« murmelte sie. »Er ist imstande, irgendeine meiner Hofdamen mit Ihnen zu verheiraten, ehe die Woche um ist. Gegengründe läßt er nicht gelten. In dieser Beziehung hat er schon ganz Merkwürdiges geleistet. Aber ich will noch vor meiner Rückkehr nach Paris mit ihm sprechen; vielleicht kann ich etwas für Sie tun.«

Noch war ich eifrig bemüht, der Kaiserin meinen Dank für ihre Güte und Freundlichkeit in begeisterten Worten auszudrücken, als der Wagen eine Rampe hinaufrasselte und vor dem Schloßtor stehenblieb. Eine Schar scharlachrot gekleideter Lakaien und zwei Schildwachen verkündeten, daß wir im kaiserlichen Quartier angelangt waren. Die Kaiserin und ihre Hofdame eilten davon, um Toilette für den Empfang zu machen, mich aber führte man in den Salon, wo ich bereits zahlreiche Gäste versammelt fand.

Ein großer viereckiger Raum, so bescheiden eingerichtet wie das Empfangszimmer eines ehrsamen Bürgers in der Provinz; die Tapeten nachgedunkelt, der blaue Nanking-Überzug der alten Mahagonimöbel ganz verschossen; das helle Kerzenlicht jedoch, das den prachtvollen, auf allen Tischen stehenden Kandelabern und den zahllosen Wandarmen entströmte, verlieh dem Ganzen ein durchaus festliches Aussehen. In einigen kleinen Nebenräumen standen Spieltische bereit. Die Verbindungsgänge zwischen den Zimmern waren mit orientalischen Teppichen drapiert. Eine Anzahl von Damen und Herren standen herum; erstere trugen die vom Kaiser vorgeschriebene Prunktoilette, letztere die große Uniform oder das schwarze Galakleid der Zivilisten. Helle Farben und geschmackvolle Überwürfe waren bei den Damen vorherrschend, denn trotz seiner Vorlesung über Sparsamkeit ließ der Kaiser jede Dame hart an, deren Toilette dem Glanze seines Hofstaates nicht entsprach. Die herrschende Mode gab reichlichen Anlaß zur Prunkentfaltung, nicht minder aber Gelegenheit, persönlichen Geschmack zu zeigen; denn die einfachen klassischen Kostüme waren seit dem Untergang der Republik ausgestorben und die orientalische Gewandung – als Huldigung für den Eroberer Ägyptens – an deren Stelle getreten. Aus Lukretia war Suleika geworden; und die Salons, in denen man einst die reine, keusche Luft des alten Roms zu atmen glaubte, glichen mit einem Male den Harems der Orientalen.

Da ich keinen Bekannten zu treffen erwartete, hatte ich mich gleich nach dem Eintritt in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen; zu meiner Überraschung jedoch faßte mich jemand am Arm. Ich wandte mich um und stand meinem geliebten Onkel Bernac gegenüber. Sein verschrumpftes Gesicht war starr und unbeweglich wie immer. Er ergriff meine widerstrebende Hand und schüttelte sie mit erzwungener Herzlichkeit.

»Mein teurer Louis,« sagte er, »die Hoffnung, dich zu treffen, war es in erster Linie, die mich bewog, hierherzukommen; wenngleich ich nicht leugnen will, daß ich die Gelegenheit, mich wieder einmal bei Hofe zu zeigen, gern wahrnahm. Die Reise nach Paris ist ja doch weit und umständlich. Nichtsdestoweniger kann ich dir versichern, daß ich mich vor allem nach einem Wiedersehen mit dir sehnte. Der Kaiser hat dich, wie ich höre, sehr freundlich empfangen und will dich in seine persönlichen Dienste nehmen. Ich habe mit ihm gesprochen und brachte ihn zu der Überzeugung, daß du, falls du dich hier wohl fühlst, gewiß noch andere Emigranten nachziehen würdest.«

Obwohl ich diese Behauptung sofort als Lüge erkannte, konnte ich natürlich nicht umhin, mich zu verbeugen und einige Worte des Dankes zu äußern.

»Du bist mir gewiß noch böse wegen des Auftrittes, den wir auf Grobois miteinander hatten,« sagte er, »und doch hast du wirklich keinen Grund dazu. Ich hatte gewiß nur dein Bestes im Auge. Ich bin alt und schwächlich, Louis, und mein Beruf ist, wie du selbst zugeben wirst, recht gefährlich. Sibylle ist mein einziges Kind. Wer sie bekommt, wird Schloßherr auf Grobois. Sie ist ein entzückendes Mädchen; das häßliche Benehmen, das sie unlängst mir gegenüber zur Schau trug, soll dich nicht abschrecken. Ihr Unmut über das Vorgefallene war ja bis zu einem gewissen Grade entschuldbar. Hoffentlich hast du unterdessen meinen Vorschlag besser überlegt?«

»Da gibt es nichts zu überlegen. Ich wünsche kein Wort weiter darüber zu verlieren,« entgegnete ich kurz.

Bernac schien angestrengt nachzudenken.

»Nun gut,« sagte er endlich, »Ich will meinen Vorschlag fallen lassen. Aber böse kannst du mir deshalb doch nicht sein, weil ich dich zu meinem Nachfolger auserkoren hatte. Sei vernünftig, Louis, du lägst jetzt mit gebrochenem Genick sechs Fuß tief im Moor, hätte ich dich nicht mit eigener Gefahr vom Tode gerettet. Ist das wahr oder nicht?«

»Sie hatten Ihre besonderen Gründe dafür.«

»Das mag sein. Aber das Leben habe ich dir doch gerettet. Warum solltest du mir übelgesinnt sein? Ich kann ja nichts dafür, daß gerade mir dein Besitz zufiel.«

»Es ist nicht deshalb.«

»Weshalb ist es dann?«

Gründe für meinen Widerwillen gegen ihn hätte ich genug anführen können. Ich verachtete ihn, weil er seine Kameraden so schändlich betrogen hatte, ich verabscheute ihn nach allem, was Sibylle von ihm sagte, ich haßte ihn als die Quelle all des maßlosen Unglückes, das meine armen Eltern betroffen hatte . . . aber den Salon der Kaiserin wollte ich nicht zum Schauplatz einer Familienszene machen. Deshalb zuckte ich die Achseln und schwieg

»Es tut mir aufrichtig leid,« sagte er, »denn ich hatte nur die besten Absichten für dich. Ich hätte dich vorwärtsbringen können, denn mein Einfluß ist groß. Nun noch eine Frage.«

»Und die wäre?«

»Ich habe einige Gegenstände aus dem persönlichen Besitze deines Vaters in Verwahrung – Degen, Siegelstöcke, eine ganze Lade voll Briefe und mehrere silberne Tassen – kurz, Gegenstände, die den Wert des Andenkens an den Verstorbenen besitzen. Es würde mich freuen, wenn du – wenigstens für einen Abend – nach Grobois kommen wolltest, um diese Dinge durchzusehen und mitzunehmen, was dir davon paßt. Sie bedrücken ohnehin mein Gewissen.«

Ich versprach bereitwillig, demnächst zu kommen.

»Wann wirst du kommen?« fragte er ungestüm. Etwas in dem Ton seiner Stimme erregte meinen Argwohn, und der lebhafte Ausdruck seiner Augen bestärkte mich in meinem Verdacht. Sibylles Warnung kam mir ins Gedächtnis.

»Ich kann den Tag nicht bestimmen, ehe ich meine Verpflichtungen dem Kaiser gegenüber kenne. Sobald ich darüber im reinen sein werde, komme ich.«

»Gut. Nächste oder übernächste Woche vielleicht. Ich erwarte dich mit Ungeduld, Louis. Auf dein Versprechen kann ich mich verlassen; ein de Laval hat sein Wort nie gebrochen.«

Er verabschiedete sich mit einem Händedruck und verschwand in der inzwischen mächtig angewachsenen Menge.

Noch stand ich in Gedanken versunken und überlegte, wie ich der unheimlichen Einladung meines Onkels mich entziehen könnte, als ich eine bekannte Stimme meinen Namen nennen hörte. Ich sah das hübsche, dunkle Gesicht und die elegante, hohe Gestalt Caulaincourts, der freundlich auf mich zutrat.

»Das ist Ihr erster Besuch bei Hof, Monsieur de Laval,« sagte er in seiner herzlichen Art. »Sie werden sich hier nicht vereinsamt fühlen; sind doch so viele Freunde Ihres verehrten Vaters da, die sich ungemein freuen werden, in Ihnen den Sohn ihres alten Bekannten zu begrüßen. Kennen Sie dieselben wenigstens vom Sehen?«

»Ich kenne die Marschälle; de Meneval zeigte sie mir im Zelte des Kaisers. Der mit dem roten Hute ist Ney. Auch Lefèbre erkenne ich an seinem eigentümlichen Munde und Bernadotte an seinem Raubvogelgesicht.«

»Richtig. Und der dort mit dem Stiernacken ist Rapp. Er spricht mit Junot, dem hübschen Mann mit dem Backenbart. Diese armen Krieger fühlen sich hier nicht recht wohl.«

»Warum denn?«

»Weil sie alle Männer aus dem Volke sind. Diese elegante Gesellschaft und ihre höfischen Sitten regen sie mehr auf als alle Schrecken des Krieges. Wenn ihnen im Felde der Säbel an die kotigen Schaftstiefel schlägt, sind sie in ihrem Element. Hier aber, im Salon, mit dem Paradehut unter dem Arm, stehen sie verlegen da und verfangen sich immer wieder mit den Sporen in den Schleppen der vorbeirauschenden Damen. Auch den Gesprächen über Davids Malereien und Passaniellos Opern fühlen sie sich nicht gewachsen. Nicht einmal fluchen dürfen sie, obwohl der Kaiser selbst sich in dieser Richtung keinen Zwang antut. Im Kriege sollen sie Soldaten, am Hofe aber Salonmenschen sein – so will es der Kaiser, sie jedoch bleiben immer und überall Soldaten. Sehen Sie Rapp an mit seinen zahllosen Verwundungen; wie er sich vergeblich abmüht, die Damen durch Witze zu erheitern. Und wie das Mädchen dort Reißaus vor ihm nimmt und Schutz bei ihrer Mutter sucht; gewiß hat er wieder einen Scherz gemacht, der einer Marketenderin gegenüber besser am Platze gewesen wäre; nachträglich aber kratzt er sich den Kopf und begreift nicht, wodurch er das Mädchen beleidigt hat.«

»Wer ist die schöne Dame in Weiß mit dem Brillantdiadem im Haar?« fragte ich.

»Das ist Karoline Murat, die Schwester des Kaisers. Sie ist schön, aber nicht so anmutig wie ihre Schwester Marie, die Sie dort in der Ecke stehen sehen. Kennen Sie die dunkeläugige Dame, die mit ihr spricht? Das ist Napoleons Mutter – eine wunderbare Frau. Von ihr haben alle ihre Kinder den tatkräftigen Charakter. Sie ist schlau, mutig und entschlossen; jeder muß Achtung vor ihr haben. Sie ist heute ebenso sparsam, wie damals als Gattin eines kleinen Grundbesitzers in Korsika; immer ist sie darauf gefaßt, daß all die Herrlichkeit, die sie jetzt umgibt, eines schönen Tages ein Ende haben werde. Sie äußert ihre Besorgnisse in dieser Richtung ganz unumwunden; und Napoleon selbst zürnt und erheitert sich abwechselnd über ihre schlimmen Voraussagungen. Nun, Marschall Murat, wir werden Sie hoffentlich bald über die Felder von Kent reiten sehen?«

Der berühmte General war vor uns stehengeblieben und schüttelte Caulaincourt die Hand. Den Sohn eines Wirtes, der er war, sah ihm niemand an; vielmehr hätte er durch sein elegantes, feingeschnittenes Gesicht, seine großen stolzen Augen und seine noble Haltung in jeder Gesellschaft Bewunderung erregt. Sein Krauskopf und die aufgeworfenen roten Lippen gaben seinem Gesicht jenen Einschlag von Individualität und Charakter, ohne den allzu regelmäßige Gesichter Gefahr laufen, geistlos zu erscheinen.

»Das Terrain soll teuflisch schlecht für Kavallerie sein,« sagte er. »Nichts als Zäune und Gräben. Die Straßen sind gut, die Felder aber ganz unmöglich. Hoffentlich geht's bald los, Monsieur de Meneval, sonst werden lauter Gärtner aus unseren Soldaten. Schon heute kümmern sie sich mehr um Spaten und Gießkanne als um ihre Säbel und Pferde.«

»Die Armee soll, wie ich höre, morgen eingeschifft werden.«

»Sie wird sich aber bald wieder ausschiffen, und zwar an unserer Küste. Das wissen Sie ebensogut wie ich, Monsieur de Laval. Solange Villeneuve die englische Flotte nicht zersprengt hat, ist nichts zu machen.«

»Konstant erzählt, daß Napoleon heute morgen beim Ankleiden unablässig »Malbrough s'en va-t-en guerreein altfranzösisches Soldatenlied">« vor sich hingepfiffen habe. Das soll einen baldigen Vorstoß anzeigen.«

»Sehr freundlich von Konstant, uns das mitzuteilen. Leider muß ich es bezweifeln, daß er ›Malbrough‹ von der ›Marseillaise‹ unterscheiden kann. Ach, hier ist ja die Kaiserin – wie reizend sie heute wieder aussieht!«

Josephine, gefolgt von einigen Hofdamen, war eingetreten, und alles hatte sich von den Sitzen erhoben. Sie trug ein rosafarbenes Tüllkleid, ganz übersät mit silbernen Sternen; eine ungemein auffallende Toilette, die jede andere Frau kokottenhaft hätte erscheinen lassen; sie aber wußte sich auch in dieser Gewandung graziös und würdevoll zu bewegen. Im Haar funkelte ein Büschel Weizenähren aus Diamanten, das bei jeder Bewegung in leichte Schwingungen geriet. Niemand wußte die Unterhaltung so ungezwungen und anmutig zu führen wie sie. Aus ihrem freundlichen Lächeln gewann man die Überzeugung, daß sie sich in bester Stimmung befand, und jeder fühlte sich unbeschreiblich wohl in ihrer Gesellschaft.

»Wie liebenswürdig sie ist!« rief ich aus. »Keiner kann ihr gram sein.«

Caulaincourt sah sich um, sich zu vergewissern, daß Murat außer Hörweite war. »Eine Familie gibt es, die ihr nicht hold ist,« sagte er. »Schauen Sie nur die finsteren Mienen der Schwestern des Kaisers an.«

Ich war wirklich empört über die mißgünstigen Blicke, die diese schönen Frauen der im Salon promenierenden Kaiserin nachsandten. Sie flüsterten miteinander und kicherten boshaft. Dann wandte sich Karoline nach ihrer Mutter um, die voll Hohn und Verachtung ihr stolzes Haupt zurückwarf.

»Sie meinen, Napoleon gehöre ihnen allein, und gönnen ihn keiner anderen,« fuhr Caulaincourt fort. »Auch, daß sie den Titel Majestät führt, sie selbst aber nur Hoheit genannt werden, scheint ihnen unerträglich. Alle hassen sie, Joseph, Lucien und wie sie noch heißen. Bei der Krönung weigerten sie sich, ihr die Schleppe zu tragen, bis Napoleon selbst dazwischen fuhr. Sie haben echtes Korsenblut, es ist nicht gut mit ihnen Kirschen essen.«

Josephine schien dem Haß ihrer Schwägerinnen wenig Beachtung zu schenken. Unbekümmert um ihre hämischen Blicke begrüßte sie die Gäste und hatte für jeden ein freundliches Wort. Neben ihr schritt ein großer Mann, eine echte Soldatenfigur, mit sonnverbranntem Gesicht und martialischem Schnurrbart. Zeitweise legte sie ihm schmeichelnd die Hand auf den Arm.

»Das ist ihr Sohn, Eugène de Beauharnais,« sagte mein Genosse.

»Ihr Sohn?« rief ich verwundert, denn er sah älter aus als seine Mutter.

De Caulaincourt lächelte über mein Staunen.

»Sie war kaum sechzehn, als sie Beauharnais heiratete. Dann saß sie ruhig zu Hause, während ihr Sohn sich von der heißen Sonne Ägyptens und Syriens braten ließ; das genügt, um den Altersunterschied wettzumachen. Sehen Sie übrigens den glattrasierten, hübschen Mann dort, der Josephine soeben die Hand küßte? Das ist der berühmte Schauspieler Talma. Er hat Napoleon – als er noch Konsul war – einmal aus einer Geldklemme befreit, und der Kaiser versäumt es nicht, die Schulden des Konsuls einzulösen. So kam auch Talleyrand zu seiner Macht. Er lieh Napoleon vor dem ägyptischen Feldzuge hunderttausend Frank, und diesen Liebesdienst vergißt er ihm – so sehr er ihm mißtraut – niemals. Nie im Leben hat er einen Freund verlassen; nie hat er einem Feind vergeben. Wer ihm einmal einen Dienst erwiesen, kann sich alles erlauben. Einer seiner Kutscher beispielsweise ist den ganzen Tag über betrunken. Aber er erhielt bei Marengo das Ehrenkreuz, und das gibt ihm einen Freibrief für ewige Zeiten.«


De Caulaincourt hatte mich verlassen, um einige der anwesenden Damen anzureden. So kehrten denn meine Gedanken wieder zu dem außerordentlichen Manne zurück, der mir bald als Held, bald wie ein verzogenes, eigensinniges Kind erschien; der die guten und schlechten Seiten seines Charakters in so raschem Wechsel zur Schau trug, daß jede neue Entdeckung das bisher gewonnene Bild vollständig zerstörte und zu neuen Schlüssen über seine Persönlichkeit zwang. Daß er für Frankreich eine Notwendigkeit war, und daß man seinem Heerbanne folgen mußte, um dem Vaterland zu dienen, darüber war ich mir klar. Gereichte es einem aber zur Ehre, in seine Dienste zu treten, oder tat man es nur zur Buße für einstige Sünden? War er der Liebe und Achtung wert, oder gehorchte man ihm nur, um Frankreich vor dem Untergang zu bewahren? Das sind Fragen, auf die man schwer die Antwort findet – über die mancher von uns nie ins reine kommen wird.


Der Druck der Etikette war nunmehr völlig von der Gesellschaft gewichen, und selbst die Soldaten schienen sich wohl zu fühlen. Viele hatten die Nebenräume aufgesucht und spielten Whist oder Einundzwanzig. Ich für meinen Teil fand meine Unterhaltung darin, die vielen Leute zu betrachten, die schönen Frauen und die interessanten Männer, deren Namen – in früheren Generationen völlig unbekannt – nun Klang in der ganzen Welt hatten. Gerade vor mir standen Ney, Lannes und Murat und schwatzten und lachten so ungezwungen, als wären sie in ihren Lagerzelten. Heute kennt man ihr tragisches Ende. Zwei von ihnen wurden hingerichtet, der dritte fiel in der Schlacht – damals aber streifte kein Schatten des drohenden Geschickes ihre sympathischen, lebensfrohen Gesichter.

Ein kleiner, schweigsamer Mann in mittleren Jahren lehnte neben mir an der Wand. Er schien sich unbehaglich und verlassen zu fühlen. Dies gab mir den Mut, ihn anzusprechen, was ihn sichtlich freute. Sein Französisch aber war entsetzlich.

»Verstehen Sie vielleicht etwas Englisch?« fragte er. »Ich traf hier keinen Menschen, der diese Sprache spricht.«

»Gewiß, ich spreche sie ganz gut, denn ich habe meine Jugend in England zugebracht. Sind Sie vielleicht Engländer? Ich weiß doch, daß man seit dem Bruch des Traktates von Amiens in Frankreich keinen Engländer frei herumgehen läßt.«

»Nein,« antwortete er. »Ich bin Amerikaner. Mein Name ist Robert Fulton. Ich besuche diese Empfänge nur zu dem Zwecke, um mich dem Kaiser in Erinnerung zu bringen. Er beschäftigt sich augenblicklich mit einigen meiner Erfindungen, die große Umwälzungen in der Kriegführung zur See zur Folge haben dürften.«

Da ich gerade nichts Besseres zu tun hatte, fragte ich den sonderbaren Amerikaner um seine Erfindungen und kam bald zur Überzeugung, daß ich es mit einem Narren zu tun hatte. Er hatte den wahnsinnigen Gedanken, ein Schiff gegen den Wind und gegen die Strömung zu führen, mit Hilfe von Kohle und Holz, die man im Schiffsraum verbrennen sollte. Er sprach noch anderen Unsinn über schwimmende, mit Pulver gefüllte Fässer, die jedes Schiff, das an sie anstieß, in Stücke sprengen sollten. Mitleidig lächelnd hörte ich den Ausführungen des Amerikaners zu, ohne auch nur zu ahnen, daß der Einfluß seiner epochemachenden Erfindungen auf die Geschicke der Welt die Leistungen der anwesenden Krieger und Staatsmänner – den Kaiser selbst inbegriffen – einst weit in den Schatten stellen würde.

Plötzlich entstand ein allgemeines Flüstern im Saal; Aufregung und Mißbehagen schien sich der Gesellschaft zu bemächtigen, wie sie eine Rotte lustig tollender Kinder zu ergreifen pflegt, wenn ein mißmutig dreinschauender, älterer Mann den Spielplatz betritt. Das Geplauder und Gelächter verstummte; das Schwirren der Karten und das Schnappen der Zählbretter hörte auf; Frauen und Männer waren aufgesprungen. Alle Gesichter drückten erwartungsvolle Spannung aus.

In der Tür stand Napoleon im grünen Rock, die rote Schnur quer über der weißen Weste. Sein Gesicht war blaß wie immer.

Wenn der Kaiser bei Empfängen oder ähnlichen Gelegenheiten erschien, konnte niemand voraus wissen, wie er sich gerade heute benehmen werde. Einmal war er der Heiterste, Gesprächigste von allen – freilich kam das häufiger zu jener Zeit vor, da er noch Konsul war, als später während des Kaiserreiches –, ein andermal wütete er geradezu und verletzte jeden, der ihm gerade in den Wurf kam, durch seine empörend boshaften Reden. Gewöhnlich aber hielt er sich in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen, war schweigsam, mürrisch und übelgelaunt und ließ nur ab und zu eine seiner für jedermann peinlichen Bemerkungen fallen. An solchen Tagen pflegten die Zurückbleibenden erleichtert aufzuatmen, wenn er das Zimmer verließ. Heute schien er sich von der Eifersuchtsszene mit seiner Gattin noch nicht völlig erholt zu haben, wie dies sein finsterer Blick und die hinaufgezogenen Augenbrauen erkennen ließen.

Da ich mich zufällig in der Nähe der Eingangstür aufhielt, fiel ich ihm als erster in die Augen.

»Kommen Sie her, Monsieur de Laval,« sagte er. Er legte mir die Hand auf die Schulter und wandte sich dabei nach einem langen, hageren Mann um, der ihn begleitet hatte. »Da schauen Sie her, Cambacères, Sie Tropf; Sie behaupteten immer, die alten französischen Familien würden sich in England ansiedeln, wie seinerzeit die Hugenotten, und nie nach Frankreich zurückkehren. Sie haben sich aber geirrt, wie gewöhnlich; denn hier steht der Stammhalter der de Lavals und bietet mir seine Dienste an. Monsieur de Laval, ich ernenne Sie hiermit zu meinem Adjutanten; Sie haben mir überallhin zu folgen.«

Auf mein rasches Avancement hätte ich in der Tat stolz sein können, wenn die Auszeichnung meiner Person gegolten und nicht lediglich den Zweck gehabt hätte, andere Emigranten zur Rückkehr anzuregen. Ich hatte ein reines Gewissen; nur die Vaterlandsliebe – kein schmutziger Beweggrund also – hatte mein Handeln bestimmt; und doch fühlte ich mich beschämt und erniedrigt, als ich, an Napoleons Fersen geheftet, im Zimmer umherging. Wie ein Gefangener kam ich mir vor, der an den Wagen des Siegers gebunden, hinter ihm herlaufen muß.

Was mich aber noch mehr beschämte, war das geradezu himmelschreiende Benehmen meines neuen Gebieters. Wie er selbst sagte, fühlte er sich immer und überall als Herrscher und ließ deshalb selbst jene Artigkeit und Höflichkeit beiseite, die andere Männer dem schwachen Geschlecht gegenüber zu bewahren pflegen. Ungleich Louis XIV. empfand er eine selbst vorübergehende und rein konventionelle Erniedrigung einer Frau gegenüber als Verletzung seiner unbedingten Selbstherrlichkeit. Galanterie war eine jener gesellschaftlichen Gepflogenheiten, deren Notwendigkeit er unter keinen Umständen anerkannte.

Mit den Soldaten war er freundlich und hatte für jeden ein Kopfnicken und einen gnädigen Scherz bereit. Auch zu seinen Schwestern sprach er ein paar Worte, wenn auch in barschem Ton, wie etwa ein Wachtmeister zu Rekruten spricht. Der Kaiserin gegenüber ließ er jedoch seiner üblen Laune völlig freien Lauf.

»Hätten Sie nur diese Nelkenbüschel nicht im Haar,« sagte er unwirsch. »Die Frauen haben doch an nichts als an ihre Kleider zu denken, und selbst dafür fehlt ihnen jeder Geschmack. Wenn ich noch einmal derlei Dinge an Ihnen sehe, werfe ich sie ins Feuer wie unlängst Ihren Schal.«

Die Leute waren nach beiden Seiten zurückgetreten, um eine Gasse freizumachen. Der Kaiser machte einige Schritte, blieb dann stehen und sprach über die Schulter zurück zur Kaiserin.

»Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen, Josephine, daß ich dicke Frauen nicht ausstehen kann?«

»Ich halte es mir stets gegenwärtig, Napoleon.«

»Wie kommt es dann, daß Madame de Chevreux anwesend ist?«

»Die ist aber doch nicht zu stark, Napoleon?«

»Mir ist sie zu dick. Ihr Anblick ist mir unangenehm. Wer ist das?« Er war vor einer blaugekleideten jungen Dame stehengeblieben und durchbohrte sie mit seinen Augen. Ihre Knie schienen zu wanken vor seinen forschenden Blicken.

»Das ist Mademoiselle de Bergerot.«

»Wie alt sind Sie?«

»Dreiundzwanzig, Sire.«

»Sie müssen trachten, einen Mann zu finden. In Ihrem Alter sollten Sie schon längst unter der Haube sein. Warum sind Sie noch nicht verheiratet?«

Da das arme Mädchen verlegen wurde und keine Antwort fand, nahm sich die Kaiserin ihrer an und bemerkte lächelnd, daß es richtiger wäre, diese Frage an die anwesenden jungen Herren zu richten.

»Ach so, das ist der Haken,« sagte Napoleon. »Wir müssen also nach einem Gatten für Sie Umschau halten.« Er wandte sich um und sah mich fragend an. Ich erschrak zu Tode.

»Wir müssen ja auch Ihnen eine Frau suchen, Monsieur de Laval. Nun, wir werden ja sehen . . . Wie heißen Sie?« fragte er, zu einem distinguierten, schwarzgekleideten Herrn gewendet.

»Ich heiße Grétry und bin Musiker.«

»Ach ja, ich erinnere mich. Ich habe Sie ja schon unzählige Male gesehen, aber Ihren Namen werde ich mir nie merken. – Und wer sind Sie?«

»Ich heiße Joseph de Chenier.«

»Ja, richtig. Ich habe Ihr Trauerspiel gesehen. Wie es heißt, weiß ich nicht mehr – nur daran erinnere ich mich, daß es herzlich schlecht war. Sie haben auch anderes geschrieben, nicht wahr?«

»Jawohl, Sire. Mir wurde sogar die Auszeichnung zuteil, den letzten Band meiner Gedichte Eurer Majestät widmen zu dürfen.«

»Das mag sein, aber ich fand noch nicht Zeit, sie zu lesen. Wie schade, daß es in Frankreich gegenwärtig keine Dichter gibt. Die Heldentaten der letzten Jahre gäben reichen Stoff, der eines Homer oder Virgil würdig wäre. Königreiche kann ich gründen, Dichter aber kann ich nicht schaffen. Wen halten Sie für den größten französischen Schriftsteller?«

»Racine, Sire.«

»Sie sind ein Dummkopf; Corneille war weit größer. Versfüße und Reimgeklingel sind mir nichts als leerer Schall; nur wahrhaft poetische Gedanken erbauen mich. Corneille war weitaus der größte Dichter. Wenn er das Glück gehabt hätte, zu meiner Zeit zu leben, wäre er mein Premierminister geworden. Der Verstand, die tiefe Menschenkenntnis und die wahre Empfindung sind es, was ich an ihm bewundere. Haben Sie augenblicklich etwas Neues unter der Feder?«

»Ich schreibe an einem Trauerspiel über Henry IV., Sire.«

»Das geht nicht, Herr. Henrys IV. Regierungszeit ist nicht lange genug vorüber; ich dulde nicht, daß auf der Bühne Politik getrieben wird. Schreiben Sie ein Stück über Alexander den Großen. – Wie heißen Sie?«

Seine Frage galt demselben Herrn, den er schon vorhin angesprochen hatte.

»Ich heiße noch immer Grétry und bin Musiker,« sagte er leise.

Die Antwort klang wie ein Vorwurf. Dem Kaiser schoß das Blut zu Kopfe; aber er sagte nichts und ging auf einige Damen zu, die an der Tür zum Spielzimmer in einer Gruppe zusammenstanden.

»Nun, Madame,« sagte er zu der nächststehenden, »ich hoffe, Sie werden sich in Zukunft anständiger benehmen. Wie man mir aus Paris meldet, gibt Ihre Lebensführung dem Quartier St. Germain reichlich Stoff zu Unterhaltung und Tratsch.«

»Ich bitte Eure Majestät, sich näher zu erklären,« entgegnete die Dame lebhaft.

»Man bringt Ihren Namen mit Kolonel Lasalle in Verbindung.«

»Das ist Verleumdung, Sire.«

»Mag sein; aber auffallend ist es doch, daß man immer wieder gerade Sie verleumdet. In dieser Beziehung haben Sie jedenfalls Unglück. Auch mit dem Adjutanten des General Rapp waren Sie in einen Skandal verwickelt. Das muß ein Ende haben. – Und wie heißen Sie?« fuhr er fort, sich an die nächste Dame wendend.

»Mademoiselle de Perigord.«

»Wie alt?«

»Zwanzig.«

»Sie sind schrecklich mager und haben rote Ellbogen. Madame Boismaison, wie lange werden Sie noch dieses graue Kleid und den roten Turban mit Brillantenbesatz tragen?«

»Ich habe die Toilette heute zum erstenmal, Sire.«

»Dann haben Sie vor kurzem eine ganz ähnliche gehabt; sie ist mir schon langweilig. Ich will sie nicht wieder sehen. – Monsieur de Rémusat, ich habe Ihnen eine hohe Jahresrente ausgesetzt. Warum geben Sie das Geld nicht aus?«

»Ich behalte keinen Sou übrig, Sire.«

»Sie haben Ihre Equipage aufgegeben. Ich zahle Sie nicht, damit Sie Ihr Geld in der Bank aufhäufen, sondern um Ihnen die Möglichkeit zu geben, elegant aufzutreten. Schaffen Sie sich wieder Wagen und Pferde an, noch ehe ich nach Paris zurückkehre. – Junot, Sie Spitzbube, Sie haben wieder gespielt und verloren.«

»Ein elendes Pech, Sire,« sagte der General, »viermal hintereinander kam das As.«

»Sie sind wie ein Kind, Junot, und kennen den Wert des Geldes nicht. Wieviel schulden Sie?«

»Vierzigtausend, Sire.«

»Gehen Sie also in Gottes Namen zu Lebrun; er soll sehen, was man für Sie tun kann. Sie waren ja bei Toulon dabei.«

»Tausend Dank, Sire.«

»Ja, ja, Sie und Rapp sind die verzogensten Kinder der Armee. Das eine aber bitte ich mir aus, daß Sie keine Karte mehr anrühren, Sie Spitzbube. – Madame Picard, Sie wissen, daß ich ausgeschnittene Kleider nicht liebe; sogar bei hübschen Frauen nicht, und bei Ihnen finde ich es geradezu abscheulich. Ich gehe in mein Zimmer, Josephine. In einer halben Stunde können Sie mir nachkommen, um mir vorzulesen, bis ich einschlafe. Ich bin heute müde und kam nur auf Ihren Wunsch zum Empfang, um Ihnen zu helfen, die Gäste zu begrüßen und zu unterhalten. Sie können dableiben, Monsieur de Laval; ich werde im Bedarfsfalle nach Ihnen senden.«

Alles fühlte sich erleichtert, als die Tür hinter Napoleon ins Schloß fiel. Wieder begann das heitere Geplauder, wieder schwirrten die Karten und klapperten die Zählbretter ganz so wie vorhin, ehe er gekommen war, die Gäste unterhalten zu helfen.

Sechzehntes Kapitel.

Die Bibliothek auf Grobois.

Nun haben die Berichte über Napoleons Tun und Treiben meine eigene armselige Geschichte völlig in den Hintergrund gedrängt. Wie immer und überall hat der Glanz seiner machtvollen Persönlichkeit alles andere verdunkelt, der aufgehenden Sonne gleich, die das Licht der Sterne auslöscht. Fast hat es den Anschein, als hätte ich meine Erzählung nur als Verwand benutzt, um den ersten und zugleich lebhaftesten Eindruck zu schildern, den ich von Napoleon empfangen hatte. Nun will ich aber darangehen, den Abschluß meines nächtlichen Abenteuers im Sumpfland zu berichten, der immerhin auch an sich einiges Interesse verdient. Ich wenigstens werde diese wilde Hetzjagd nach Toussac nie im Leben vergessen.

Wieder waren zwei Tage verflossen seit dem Empfang bei der Kaiserin, und nur ein Tag war noch übrig von der Frist, die der Kaiser Sibylle bewilligt hatte, um Toussac zu ergreifen und den Geliebten zu retten. Offengestanden lag mir persönlich nicht übermäßig viel an der Befreiung dieser feigen Kreatur, dessen hübsches Gesicht mir wie eine Larve für seine niedrige Gesinnung vorkam. Dem tapferen, treuherzigen Mädchen jedoch, das ihn so innig liebte, war ich aufrichtig zugetan und gönnte ihr von Herzen die Erfüllung ihrer Wünsche. So waren es denn recht gemischte Gefühle, mit denen ich Sibylle begrüßte, als sie am späten Nachmittag in Begleitung General Savarys mein bescheidenes Wohnzimmer in Boulogne betrat. Ein Blick auf ihre geröteten Wangen und die triumphierenden Augen sagten mir, daß sie sich des Erfolges sicher fühlte.

»Nun, Cousin Louis, was sagte ich Ihnen? Ich habe ihn aufgespürt und komme schnurstracks zu Ihnen, um die versprochene Hilfe in Anspruch zu nehmen.«

»Mademoiselle Bernac besteht darauf, daß keine Soldaten zur Verwendung kommen,« sagte Savary achselzuckend.

»Nein, nein, auf keinen Fall,« schrie sie erregt, »Wir müssen vorsichtig und mit List vorgehen; Soldaten würde er von weitem erspähen und vor ihnen fliehen, um ein Versteck aufzusuchen, wohin ihm niemand folgen könnte. Auf das kann ich mich nicht einlassen, weil die Zeit zu sehr drängt.«

»Bei solch einer Gelegenheit sind vierzig Mann nicht mehr wert als drei,« sagte Savary. »Ich hätte auf keinen Fall mehr Leute mitgenommen. Es hat Ihnen ja noch jemand seine Unterstützung zugesagt, Leutnant . . .«

»Leutnant Gerald von den Bércheny-Husaren.«

»Sehr gut. Es gibt keinen tapferern Offizier in der ganzen Armee als Etienne Gerald. Wir drei, Monsieur de Laval, sind allen Anforderungen gewachsen.«

»Ich stehe zur Verfügung.«

»Nun sagen Sie uns, Mademoiselle, wo sich Toussac verborgen hält.«

»In der Roten Mühle ist er versteckt.«

»Das ist unmöglich, Mademoiselle, dort haben wir alles durchsucht.«

»Wann waren sie dort?«

»Vor zwei Tagen.«

»Dann ist er seitdem hingekommen. Ich kenne ein Mädchen, Namens Jeanne Portal, die seine Geliebte ist. Seit sechs Tagen beobachte ich sie. Gestern schlich sie mit einem Korb voll Wein und Früchten zur Roten Mühle. Heute hat sie den ganzen Vormittag die Gegend mit den Augen abgesucht und erschrak heftig, wenn irgendwo Bajonette aufblitzten. So sicher bin ich, daß Toussac in der Roten Mühle ist, als hätte ich ihn selbst dort gesehen.«

»Dann haben wir keinen Augenblick zu verlieren,« rief Savary. »Wenn irgendein Boot an der Küste liegt, macht er sich nach Einbruch der Dunkelheit nach England davon. Von der Roten Mühle überblickt man die ganze Umgegend; Mademoiselle Bernac hat also ganz recht mit ihrer Annahme, daß eine größere Menge von Soldaten ihm nicht entgehen und ihn zur Flucht veranlassen würde.«

»Was schlagen Sie also vor?« fragte ich.

»Daß wir uns in einer Stunde an der Südseite des Lagers treffen. Sie bleiben so wie Sie sind; so hält man Sie für einen harmlosen Reisenden. Ich werde Gerald aufsuchen und ihn veranlassen, sich ebenso wie ich in irgendeiner Weise zu verkleiden. Vergessen Sie Ihre Pistolen nicht, denn Toussac wird sich wehren wie ein Löwe. Ein Pferd für Sie werden wir mitbringen.«

Eine Stunde später begab ich mich an die von Savary bezeichnete Stelle. Trüb leuchtete die untergehende Sonne am westlichen Horizont und tauchte die weißen Kreidefelsen der französischen Küste in rosenrotes Licht. Von meinen Kameraden konnte ich keine Spur entdecken. Niemand anderes als ein großer, bäurisch aussehender Mann in blauem Rocke mit Metallknöpfen und ein junger, schlanker Knecht waren in der Nähe. Der Bauer hatte sich soeben gebückt, um seinem prächtigen Rappen den Sattelgurt fester anzuziehen, während der Bursche etwas abseits stehend zwei andere Rosse an den Zügeln hielt. Daß eines von diesen dem Pferde, das mich von Grobois ins Lager trug, aufs Haar glich, fiel mir zuerst auf; dann erst erkannte ich die hübschen Züge des verschmitzt lächelnden Stallknechtes und das dunkle Gesicht Savarys unter dem breitkrempigen Farmerhute.

»So fallen wir gewiß nicht auf,« sagte er. »Halten Sie sich nicht so gerade, Gerard, als Bauer müssen Sie einen runden Rücken haben. Nun vorwärts, ehe es zu spät ist.«

Ich habe aufregende Abenteuer genug in meinem Leben bestanden; mit diesem Ritt aber hält keines von ihnen den Vergleich aus. Dort, jenseits des Kanals, schimmerte die verschwommene Linie der englischen Küste und rief mir die Erinnerung wach an ihre einsam gelegenen träumerischen Dörfer, an das Summen der schwärmenden Bienen und das Läuten der Sonntagsglocken. Ich gedachte der langgestreckten weißleuchtenden Hauptstraßen in Ashford, der roten Backsteinbauten, die sie begrenzten, und des Gasthauses mit dem im Winde schwingenden Zeichen aus Weinlaub. Mein ganzes Leben hatte ich in dieser friedlichen Umgebung zugebracht, und nun saß ich hier auf einem feurigen Pferde, zwei Pistolen im Sattel, um an der Ergreifung des gefährlichsten Verschwörers Frankreichs teilzunehmen. Es ging auf Tod und Leben, und meine ganze Zukunft hing von dem Erfolge unserer Unternehmung ab; kein Wunder daher, daß mir von allen Gefahren und Strapazen meines Lebens jener Ritt über den hügeligen Torfgrund am treuesten im Gedächtnis haftet. Später wird man gleichgültig gegen alles in der Welt bis auf die Leiden und Freuden des eigenen bescheidenen Heims; nur die Jugend kann die gruselige Wonne eines wagehalsigen Abenteuers voll und ganz genießen.

Bald hatten wir das Hochland Boulognes hinter uns und zogen an dem Saume des großen Moorlandes weiter, dessen Schrecken ich vor kurzem so gründlich durchkostet hatte. Dann bogen wir landeinwärts ab und ritten über farnkraut- und brombeerverwachsene Ebenen weiter, bis wir zur Linken Schloß Grobois erblickten. Jetzt wandten wir uns unter Savarys Führung nach rechts, stießen dort auf die Reste einer einstigen Straße, überquerten eine Hügellehne und hatten die alte Windmühle vor uns. Schwarz hob sie sich gegen den Abendhimmel ab, nur die oberen Fenster leuchteten, rot wie frische Blutflecke, in den Strahlen der untergehenden Sonne. Nahe dem Eingangstore stand ein mit Kornsäcken beladener, unbespannter Karren; einige Schritte davon graste das dazu gehörige Pferd. Auf einem der Hügel erblickten wir ein weibliches Wesen, das angestrengt nach allen Seiten auslugte.

»Da sehen Sie hin,« sagte Savary lebhaft. »Dies ist seine Wache. Er ist also unbedingt hier. Halten wir uns an den Fahrweg, der hinter dem Hügel herumführt; so bleiben wir unbemerkt, bis wir hart am Tore sind.«

»Täten wir nicht besser, direkt auf das Haus zuzusprengen?« warf ich fragend ein.

»Das Terrain ist zu ungünstig. Nichts als Hügel und Gräben; der andere Weg ist weiter, aber sicherer. Solange wir uns an der Straße halten, sind wir von gewöhnlichen Reisenden nicht zu unterscheiden.«

Wir ritten langsam den Fahrweg entlang und bemühten uns, so unbefangen als möglich auszusehen, als plötzlich ein lauter Ausruf unsere Aufmerksamkeit erregte. Auf einem der Hügel längs der Straße stand ein Weib und starrte uns an. Wir schienen ihr verdächtig. Die militärische Haltung meiner Kameraden ließ sie nicht lange im Zweifel darüber, wen sie vor sich habe. Sie riß den Schal von ihren Schultern und schwang ihn wie rasend über ihrem Kopf. Savary gab seinem Pferde die Sporen und sprengte der Mühle zu; wir folgten ihm dicht auf den Fersen.

Es war höchste Zeit. Noch waren wir etwa hundert Schritte von der Mühle entfernt, als ein Mann aus dem Tore sprang und aufgeregt nach allen Seiten ausblickte. Der riesige struppige Bart, die breite Brust und die runden Schultern – kein Zweifel, es war Toussac. An ein Entrinnen konnte er nicht mehr denken; mit einem Satz war er wieder im Hause und warf das schwere Tor krachend hinter sich zu.

»Das Fenster, Gerald, das Fenster,« schrie Savary. Der junge Husar stieg rasch vom Pferde und sprang durch das geschlossene Fenster in das ebenerdige Zimmer des Gebäudes, wie ein Zirkusclown durch die vorgehaltenen Reifen. Im nächsten Augenblick öffnete er das Tor; das Blut strömte ihm von Gesicht und Händen.

»Er ist die Treppe hinaufgeflohen,« sagte er.

»Dann haben wir Zeit; er kann uns nicht entkommen,« entgegnete Savary, während wir aus dem Sattel sprangen. »Sie haben das Hindernis brillant genommen, Gerard. Hoffentlich sind Sie nicht schwer verletzt?«

»Ein Paar Kratzer, General, sonst nichts.«

»Dann nehmen Sie die Pistolen zur Hand. Wo ist der Müller?«

»Hier bin ich,« schrie unwirsch ein kleiner, untersetzter Mensch, der im Hausflur stand. »Wie könnt ihr wagen, ihr Straßenräuber, in meine Mühle einzubrechen? Ich sitze ganz ruhig, lese die Zeitung und rauche meine Pfeife, wie ich es abends immer tue, und auf einmal fliegt ein Mann durchs Fenster herein, überschüttet mich mit Glassplittern und öffnet seinen Spießgesellen das Tor. Ich habe Ungelegenheiten genug mit meinem Mieter und brauche wahrhaftig nicht drei andere dazu.«

»Der Mann, den Ihr beherbergt, ist der berüchtigte Verschwörer Toussac.«

»Toussac,« schrie der Müller. »Gar keine Rede; er heißt Maurice und ist Seidenhändler.«

»Er ist der Mann, den wir suchen. Wir kommen im Namen des Kaisers.«

Der Müller ließ den Mut sinken.

»Ich weiß wirklich nicht, wer er ist. Er bot mir eine hohe Miete für das Bett an, und weiter habe ich ihn nicht ausgefragt. Heutzutage kann man nicht von jedem Mieter Dokumente verlangen. Natürlich habe ich nichts dreinzureden, wenn es sich um staatliche Angelegenheiten handelt. Das eine aber kann ich bezeugen, daß er sich bis vor kurzem ganz ruhig verhalten hat; vor wenigen Augenblicken jedoch bekam er einen Brief; seitdem ist er wie verrückt.«

»Was für einen Brief? Geben Sie acht, Sie Spitzbube; es könnte auch Ihnen den Kopf kosten.«

»Ein Frauenzimmer brachte ihn. Mehr, als ich weiß, kann ich nicht sagen. Seitdem führt er Selbstgespräche und gebärdet sich wie ein Rasender. Der Schrecken fuhr mir in alle Glieder. Irgend jemand hat er den Tod geschworen; ich werde herzlich froh sein, ihn aus dem Hause zu haben.«

»Nun, meine Herren,« sagte Savary, den Säbel ziehend. »Die Pferde lassen wir hier; das obere Fenster ist vierzig Fuß über dem Erdboden; da kann er nicht hinaus. Unsere Pistolen werden ihn bald zur Vernunft bringen.«

Die schmale hölzerne Wendeltreppe führte zu einer kleinen Kammer, die nur durch eine Ritze in der Mauer ihr Licht erhielt. Die Reste eines Holzfeuers und ein Strohlager gaben Zeugnis davon, daß Toussac hier gehaust hatte. Von ihm selbst war nichts zu sehen: er mußte also noch eine Treppe höher geflohen sein. Wir kletterten ihm nach und kamen an eine verschlossene, massive Tür.

»Ergeben Sie sich, Toussac,« rief Savary. »Jeder Versuch zu entkommen wäre nutzlos.«

Ein heiseres Lachen antwortete ihm.

»Ich bin nicht der Mann, der sich ergibt. Aber einen Handel abzuschließen, bin ich bereit. Ich habe heute nacht noch eine Kleinigkeit zu tun. Wenn Sie mir bis dahin meine Freiheit lassen, so gebe ich Ihnen das feierliche Versprechen, mich Ihnen morgen im Lager selbst zu stellen. Es handelt sich um eine kleine Schuld, die ich noch abzutragen habe. Erst heute brachte ich in Erfahrung, wessen Schuldner ich bin.«

»Das können wir Ihnen nicht zugestehen.«

»Sie würden sich dadurch viele Unannehmlichkeiten ersparen.«

»Es geht nicht, ergeben Sie sich, Toussac.«

»Das wird Ihnen noch einige Mühe kosten.«

»Sie können uns nicht entkommen. Also drauflos, Kameraden, sprengen wir die Tür!«

Da krachte ein Schuß; die Flamme schlug durch das Schlüsselloch, und in der gegenüberliegenden Wand saß die Kugel. Sie war mitten zwischen uns hindurchgegangen. Wir warfen uns mit aller Kraft gegen die massive Tür. Zum Glück war sie morsch. Sie hielt dem Anprall nicht stand und ging in Trümmer. Die schußbereiten Waffen in der Hand stürmten wir in die Kammer – Toussac war verschwunden.

»Wohin, zum Teufel, kann er denn gekommen sein?« schrie Savary wild. »Das ist der höchstgelegene Raum im Hause, und er hat doch nur den einen Ausgang.«

Die viereckige Bodenkammer, in der wir uns befanden, war leer bis auf einige umherliegende Getreidesäcke. Das einzige, der Tür gegenüber befindliche Fenster stand offen; daneben lag die noch rauchende Pistole. Wir steckten die Köpfe zum Fenster hinaus und schrien vor Erstaunen auf: tief unten auf dem beladenen Karren lag Toussac und schnappte nach Luft. Die aufgeschichteten Getreidesäcke hatten die enorme Höhe des Sturzes vermindert und die Wucht des Anpralles abgeschwächt; so war der kühne Springer unverletzt geblieben, nur den Atem hatte ihm die Erschütterung geraubt. Als er unsere Stimmen hörte, schaute er herauf, drohte uns trotzig mit der Faust, wälzte sich vom Karren herab und schwang sich auf Savarys Pferd. Im scharfen Galopp sprengte er querfeldein. Wir sandten ihm einige Kugeln nach, ohne zu treffen, dann war er außer Schußweite.

Wir flogen die Treppe hinab und stürmten ins Freie. Noch ehe wir im Sattel saßen, hatte er die Lehne des gegenüberliegenden Hügels erreicht, und die Entfernung, die zwischen uns lag, war schon so groß geworden, daß uns der Riesenmann und das mächtige Pferd ganz klein erschienen. Alle Umstände waren ihm günstig. Es begann zu dunkeln, und das ausgedehnte Moor, wohin wir ihm kaum hätten folgen können, lag ganz nahe zu seiner Linken. Jeden Augenblick konnte er seitwärts in den Sumpf einbiegen und unseren Augen entschwinden. Statt dessen ritt er in gerader Linie, weiter und entfernte sich immer mehr und mehr von der See. Was mochte er vorhaben? Unaufhaltsam, wie ein Mann, der ein sicheres Ziel im Auge hat, raste er dahin.

Leutnant Gerard und ich wogen leichter als er, und unsere Pferde waren nicht schlechter als das seine. Wir begannen ihm näher zu rücken. Wenn wir ihn nicht aus den Augen verloren, so mußten wir ihn bald einholen; nur die eine Gefahr bestand, daß er seine Ortskenntnis dazu benutzen werde, uns von seiner Fährte abzubringen. So oft sich der Weg senkte und uns ein Hügel die Aussicht benahm, sank auch meine Hoffnung, um wieder frisch aufzuleben, wenn wir ihn neuerdings vor uns auftauchen sahen.

Endlich geschah, was ich längst befürchtete: wir hatten seine Spur verloren. Ein paar hundert Schritte noch war er vor uns, als er einen mit Geröll bedeckten Hügel hinansprengte und hinter demselben verschwand. In wenigen Sekunden hatten auch wir die Höhe erreicht. Dichtes Brombeergebüsch verrammelte uns den Weg; unser Flüchtling war nirgends zu sehen. »Hier links ist eine Straße,« schrie Gerard, dessen heißes Gascognerblut vor Erregung kochte. »Wir müssen uns also links halten.«

»Warten Sie ein wenig,« rief ich. »Hier rechts läuft ein Saumweg. Er könnte ebensogut diesen gewählt haben.«

»Dann nehmen Sie einen Weg und ich den anderen.«

»Einen Augenblick noch – ich höre Hufschläge.«

»Das ist sein Pferd.«

Savarys mächtiger Rappe war aus den Brombeeren hervorgebrochen.

»Dann steckt er irgendwo im Gebüsch.«

Wir sprangen aus dem Sattel und drangen, die Pferde am Zügel führend, in das Gesträuch ein. Nach kurzer Zeit kamen wir auf einen Fußweg, der in Schlangenlinien abwärts ging und in eine tiefe, von Kreidewänden begrenzte Grube führte.

»Keine Spur von ihm,« rief Gerard verzweifelt. »Er ist uns entwischt.«

Mir aber ging ein Licht auf. Der Müller hatte uns von dem furchtbaren Zorn erzählt, der Toussac beim Empfang eines Briefes befallen hatte. Offenbar hatte er durch dieses Schreiben Kunde erhalten, wem er die Entdeckung der nächtlichen Zusammenkunft im öden Sumpf verdankte. Seine Geliebte war in irgendeiner Weise dahintergekommen und hatte ihm alles berichtet. So erklärte sich auch sein Wunsch, diese Nacht noch frei zu sein, und sein Versprechen, sich nach Abtragung einer Schuld im Lager selbst zu stellen. Er wollte an meinem Onkel Rache nehmen. Nur diesen einen Gedanken hatte er im Kopfe, als er schnurstracks hierher galoppierte. Zweifellos war das hier der Kreideschurf, in den der geheime Gang von Grobois mündete, der Gang, den er von seinen Zusammenkünften mit Charles Bernac her kannte. Längere Zeit suchte ich vergebens nach dem versteckten Einschlupf; endlich erkannte ich die richtige Wand und zwängte mich zwischen den Büschen hindurch zu dem dunklen Loche, das ich in der herrschenden Finsternis kaum mehr wahrnehmen konnte. Inzwischen hatte uns Savary zu Fuß eingeholt. Wir banden unsere Pferde an den Sträuchern fest, und ich führte meine Kameraden durch den engen Schlauch in den breiteren, alten Gang. Lichter hatten wir keine, und es war stockfinster. Über die herumliegenden Steine stolpernd tastete ich mich an den Wänden weiter. Damals, unter Führung meines Onkels, war mir der Weg nicht allzu weit vorgekommen. Das Licht, das er trug, erleichterte das Gehen, und seine Ortskenntnis gab mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Heute aber, in dieser Finsternis, schien unsere Wanderung kein Ende nehmen zu wollen. Savary begann zu murren und fragte, wie viel Meilen wir wohl noch so weiterzukriechen hätten. Als unsere Spannung schon aufs höchste gestiegen war, blieb Gerard plötzlich stehen.

»Pst,« wisperte er. »Ich höre jemand vor uns.«

Wir hielten den Atem an und lauschten. Ich hörte in weiter Ferne ein Geräusch, als ob sich eine Tür in den Angeln drehte.

»Vorwärts, vorwärts,« drängte Savary. »Das ist zweifellos er. Wir werden ihn gleich haben.«

Ich meinesteils war meiner Sache nicht so sicher. Ich wußte, daß mein Onkel das Tor mit Hilfe eines Kunstgriffes geöffnet hatte. Toussac kannte das Geheimnis offenbar auch. Es war aber anzunehmen, daß er die Tür hinter sich wieder zuschlagen werde. Das massive Holz und die eisernen Klammern, die es zusammenhielten, hatte ich nur allzugut im Gedächtnis. So war es denn recht wahrscheinlich, daß wir noch im letzten Augenblick einem unüberwindlichen Hindernis gegenüberstehen würden. Ungeduldig strebten wir vorwärts. Wir mochten noch eine Strecke von ein paar hundert Schritten in tiefster Finsternis zurückgelegt haben, als mir plötzlich ein matter gelblicher Lichtschein aus weiter Ferne ins Auge fiel. Ich hätte aufschreien mögen vor Freude. Das Tor stand offen. In seinem wilden Rachedurst hatte Toussac an seine Verfolger nicht einmal gedacht.

Nun brauchten wir uns nicht länger an den Wänden fortzutasten. Ein Wettrennen begann durch den Gang und die Treppe hinauf. Weiter ging es in rasender Eile durch das zweite Tor in die steingepflasterte Vorhalle des Schlosses, wo das Öllämpchen friedlich brannte, wie bei meinem ersten Besuch. Ein markerschütternder Schrei – dann ein langgezogenes Wimmern . . .

»Zu Hilfe! Er tötet ihn! Zu Hilfe!« schrie wie wahnsinnig ein herbeieilendes Dienstmädchen, »er tötet Monsieur Bernac!«

»Wo ist er?« brüllte Savary.

»Dort hinter der Tür! In der Bibliothek!«

Nochmals erscholl der entsetzliche Schrei und verklang in heiseres Röcheln. Dann ein lauter Knacks . . .

Ich wußte, was dieses schreckliche Geräusch bedeutete. Wir drangen in die Bibliothek ein und prallten zurück vor dem grauenhaften Anblick, der sich uns bot; wir alle, selbst Savary und der tollkühne junge Husar.

Mein Onkel mußte mit dem Rücken gegen die Tür an seinem Schreibtisch gesessen haben, als Toussac ins Zimmer stürmte. Auf den Lärm hin hatte er vermutlich den Kopf gewendet und das zornsprühende Gesicht des bärtigen Riesen erblickt; aus Entsetzen darüber und aus Todesangst mag er jenen gellenden Schrei ausgestoßen haben, der uns beim Eintritt in die Halle entgegenscholl; und jenes klägliche Wimmern, das diesem Aufschrei folgte, mag ihm der eiserne Griff Toussacs erpreßt haben, mit dem seine Löwenpranken das Haupt seines Opfers ergriffen und unbarmherzig zur Seite drehten. Schon der Anblick des furchtbaren Rächers mußte Bernac die Glieder gelähmt haben. Denn – was das Grauenhafteste an dem Bilde vor uns war – er saß auch jetzt noch mit dem Rücken gegen die Tür vor dem Schreibtisch, während sein völlig um die eigene Achse gedrehter Kopf uns das furchtbar entstellte, blaurote Antlitz zuwandte, jenes hagere Gesicht mit dem gebrochenen Auge und dem offenstehenden Mund, das mir noch heute manchmal im Traum erscheint, um die Ruhe meiner Nächte zu stören. An seiner Seite stand Toussac mit verschränkten Armen und triumphierte.

»Meine Schuld,« sagte er, »habe ich nun abgetragen.«

»Ergeben Sie sich,« donnerte Savary, ihm die Pistole entgegenhaltend.

»Drücken Sie nur los,« schrie der andere und schlug sich auf die mächtige Brust. »Glaubt ihr, ich fürchte mich vor euren elenden Kugeln, oder glaubt ihr gar, ihr bekommt mich lebend in die Hände? Diese Hoffnung werde ich euch gleich benehmen.«

Er ergriff einen der schweren Eichenstühle, schwang ihn über dem Kopf und drang auf uns ein. Wir gaben Feuer und schossen ihm drei Kugeln in den Leib. Er aber achtete nicht des rinnenden Blutes, holte zum Schlage aus und ließ den mächtigen Stuhl in weitem Bogen durch die Luft sausen. Zum Glück täuschte ihn sein Augenmaß. Mit donnerähnlichem Getöse traf der wuchtige Schlag den Tisch an meiner Seite, der krachend in Trümmer ging. Dann warf sich der Rasende auf Savary, drückte ihn zu Boden und packte ihn am Kinn. Nun stürzten wir anderen auf den Wüterich los und ergriffen ihn an den Armen. Toussac aber war stärker als wir alle zusammen und schüttelte uns rasch ab. Unzähligemal faßten wir an, und immer wieder schleuderte er uns zur Seite. Endlich begann seine Kraft nachzulassen; er hatte zu viel Blut verloren und blutete in Strömen weiter. Mit übermenschlicher Anstrengung richtete er sich noch einmal empor und stellte sich auf die Füße. Wie Hetzrüden an einem Bären hingen wir an ihm. Noch ein Schrei voll Wut und Verzweiflung, daß das Schloß erdröhnte; dann brach er zusammen und blieb liegen. Keuchend standen wir herum und beobachteten ihn aufmerksam, um uns bei der leisesten Bewegung auf ihn zu stürzen; er aber rührte sich nicht mehr. Toussac war tot.

Totenblaß lehnte Savary an den Trümmern des zusammengebrochenen Tisches und hielt die Hand an die schmerzenden Rippen.

»Mir ist zumute, als hätte ich mit einem Bären gerungen,« sagte er. »Nun ist der Kaiser wenigstens einen Feind und Frankreich einen gefährlichen Menschen los. Und doch war er zugleich ein tapferer Mann.«

»Welch ein Soldat wäre er geworden!« sagte Gerard nachdenklich. »Welch ein Quartiermacher für die Bércheny-Husaren! Es war recht unsinnig von ihm, nicht in die Dienste des Kaisers zu treten.«

Unterdessen hatte ich mich in einen Fauteuil niedergelassen. Kein Wunder, daß ich mich erschöpft und beinahe krank vor Aufregung fühlte; selbst an Gerard und Savary waren die blutigen Szenen des heutigen Abends nicht spurlos vorübergegangen, und ich war doch ein Neuling in derlei Dingen. Savary gab uns beiden einen Schluck Kognak aus seiner Feldflasche; dann nahm er einen der Türvorhänge herunter und breitete ihn über den Leichnam meines Onkels.

»Hier ist nichts mehr zu machen,« sagte er. »Ich muß dem Kaiser sobald als möglich Bericht erstatten. Aber die Papiere Bernacs müssen wir mitnehmen, da viele derselben auf diese oder jene Verschwörung Bezug haben und manchen Aufschluß geben könnten.« Mit diesen Worten raffte Savary eine Anzahl von Papieren zusammen, die auf dem Schreibtisch lagen; darunter einen Brief, den mein Onkel offenbar eben beendet hatte, als Toussac hereinstürmte.

»Halt, was ist das hier?« sagte Savary, nachdem er die ersten Worte des Schreibens gelesen hatte. »Freund Bernac scheint auch kein ungefährlicher Mann gewesen zu sein. ›Lieber Catulle, senden Sie mir mit nächster Post eine Phiole jener geschmack- und geruchlosen Essenz, die Sie mir vor drei Jahren schickten. Ich meine den Mandelabsud, der keine Spuren zurückläßt. Ich brauche denselben dringend im Laufe der nächsten Woche und bitte Sie daher um möglichst rasche Zusendung. Wenn Sie einmal irgendein Anliegen an den Kaiser haben, so stehe ich Ihnen mit meinem Einfluß zu Diensten.‹

»Adressiert an einen Drogisten in Amiens,« sagte Savary, den Brief umwendend. »Also auch Giftmischer zu allen seinen anderen Tugenden. Ich möchte übrigens wissen, wem dieser Mandelabsud zugedacht war.«

»Das möchte auch ich wissen,« sagte ich.

Was hätte ich anderes sagen sollen? Er war ja doch mein Onkel, und . . . überdies war er tot.

Siebzehntes Kapitel.

Wie mein Abenteuer endete.

General Savary ritt geradeswegs nach Tour de Briques, um dem Kaiser Bericht zu erstatten, während Gerard mich nach Boulogne begleitete, um eine Flasche Wein mit mir zu trinken. Ich hatte erwartet, meine Cousine Sibylle hier zu treffen. Sie war aber nicht da, und – was mich noch mehr wunderte – sie hatte auch keine Nachricht darüber zurückgelassen, wo sie zu treffen sei.

Am nächsten Morgen bei Tagesanbruch weckte mich ein Abgesandter Napoleons aus dem Schlafe.

»Der Kaiser wünscht Sie zu sehen, Monsieur de Laval.«

»Wohin soll ich kommen?«

»Nach Tour de Briques.«

Ich wußte, daß Napoleon in erster Linie rasche Erfüllung seiner Befehle von seinen Untergebenen verlangte. In zehn Minuten saß ich daher im Sattel, um nach einer weiteren halben Stunde im Schlosse einzutreffen. Man führte mich die Treppe hinauf in ein Zimmer, wo sich der Kaiser und seine Gattin befanden. Josephine, in einem reizenden, blaßroten, mit Spitzen besetzten Negligé, lag auf der Chaiselongue; Napoleon aber ging in gewohnter Weise mit festen Schritten im Zimmer auf und ab. Er hatte das sonderbare Kostüm an, das er in den Morgenstunden zu tragen liebte, ehe seine offizielle Tätigkeit begann – weißen Schlafrock, rote türkische Pantoffeln und ein weißes, um den Kopf gewundenes Seidentuch. Das Ganze verlieh ihm das Aussehen eines Westindischen Pflanzers. Der starke Geruch von Eau de Cologne verriet, daß er eben aus dem Bade kam. Er war in bester Laune, und Josephines Miene spiegelte wie gewöhnlich seine Stimmung wider. Beide empfingen mich mit freundlichem Lächeln.

»Sie haben sich bei mir ausgezeichnet eingeführt,« sagte der Kaiser. »Savary hat mir alles erzählt, was sich zugetragen hat, und ich wüßte wirklich nicht, wie man geschickter hätte vorgehen können. Ich selbst habe ja wenig Zeit, an derlei Dinge zu denken; meine Frau aber wird ruhiger schlafen, da sie Toussac tot weiß.«

»Ja, wirklich,« rief die Kaiserin aus, »Er war ein schrecklicher Mensch. Er nicht minder als Cadoudal.«

»Mich leitet mein Stern, Josephine,« sagte Napoleon, ihr den Kopf streichelnd. »Die Bahn ist mir vorgezeichnet, wie ein offenes Buch liegt die Zukunft vor mir. Nichts kann mir widerfahren, ehe ich mein Werk vollendet habe. Ich glaube an Bestimmung, meine Teure.«

»Warum schmiedest du dann Pläne, Napoleon, wenn ohnehin alles vorausbestimmt sein soll?«

»Weil auch das Bestimmung ist, daß ich Pläne schmieden muß, du kleiner Dummkopf. Ist es denn nicht auch Bestimmung, daß mein Hirn fähig ist, so große Gedanken zu fassen? Wie hinter einer Wand richte ich das Gebäude meiner Zukunftspläne auf, und niemand sieht, was ich baue, ehe ich meine Arbeit vollendet habe. Ich denke nie weiter als zwei Jahre voraus, Monsieur de Laval; den ganzen heutigen Morgen habe ich dazu verwendet, um über meine Pläne für den Herbst und Winter des Jahres 1807 schlüssig zu werden. Was ich übrigens sagen wollte: Ihre Cousine hat sich sehr geschickt erwiesen. Es wäre schade, wenn sich das prächtige Mädchen an diese feige Kreatur von einem Lucien Lesage wegwerfen würde, der seit einer Woche um Gnade winselt. Meinen Sie nicht auch, daß es schade wäre?«

Das mußte ich zugeben.

»So geht es immer mit solchen verträumten, ideal angelegten Frauen; ihre Grillen und Einbildungen führen sie irre. Sie kommen mir vor wie die Orientalen, die nicht glauben wollten, daß ich ein größerer Feldherr sei als Kléber, weil ihnen meine äußere Erscheinung weniger imponierte als der Friseurkopf und die Hausknechtfigur meines Generals. Genau so machen die Weiber aus diesem Lucien Lesage einen Helden – nur weil er ein feingeschnittenes Gesicht und große Kalbsaugen hat. Sein Äußeres hat Sibylle bestochen, und den Rest dichtet sie hinzu. Glauben Sie übrigens, daß sie von Lesage ablassen würde, wenn sie seinen Charakter im wahren Lichte sähe?«

»Davon bin ich überzeugt, Sire. Nach dem wenigen, was ich von meiner Cousine weiß, verachtet niemand Feigheit mehr als sie.«

»Sie sprechen in warmem Ton von ihr, Monsieur de Laval. Hat sie es vielleicht auch Ihnen ein wenig angetan, diese hübsche Cousine?«

»Sire, ich sagte bereits . . .«

»Ach was, die ist drüben über dem Wasser; und die Dinge haben sich geändert . . .«

Konstant trat ins Zimmer. »Er ist hier, Sire.«

»Gut, wir wollen ins Nebenzimmer gehen. Kommen Sie mit, Josephine, die Angelegenheit geht mehr Sie an als mich.«

Wir traten in ein langes, schmales Zimmer. Es hatte seitlich zwei große Fenster; doch waren die Vorhänge an denselben so stark zusammengezogen, daß ein geheimnisvolles Halbdunkel im Raume herrschte. An der zweiten uns gegenüberliegenden Tür hielt Roustem, der Mameluck, Wache, und neben ihm stand mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupt Lucien Lesage, das Bild der Demut und Zerknirschung. Als wir eintraten, zuckte er zusammen. Der Kaiser ging einige Schritte auf ihn zu; dann blieb er mit gespreizten Beinen und über dem Rücken verschränkten Armen vor ihm stehen und sah ihn forschend an.

»Nun, Sie sauberer Junge,« sagte er endlich, »Sie haben sich ordentlich die Finger verbrannt; nun werden Sie es wohl aufgeben, mit dem Feuer zu spielen. Oder wollen Sie Ihrem Beruf als Politiker auch fernerhin treu bleiben?«

»Wenn Eure Majestät mir nur das eine Mal vergeben wollten,« stammelte Lesage, »so verspreche ich feierlich, bis zu meinem Tode Eurer Majestät ergebenster Diener zu bleiben.«

Napoleon nahm eine Prise, wobei er, wie gewöhnlich, seinen weißen Schlafrock mit Tabak überschüttete, »Nun,« sagte er, »ich wäre nicht abgeneigt, Ihren Worten Glauben zu schenken. Die treuesten Diener sind es, welche die Furcht an den Herrn fesselt. Ich verlange jedoch blinden Gehorsam in allen Dingen.«

»Jede Arbeit will ich verrichten, die Majestät von mir fordern. Alles will ich tun, alles . . . wenn Sie mir nur vergeben.«

»Nun, gleich ein Beispiel,« sagte bei Kaiser. »Es ist eine meiner Grillen, daß ich jeden jungen Mann, der in meine Dienste tritt, ganz nach meinem Gutdünken verheirate, wann und an wen ich will. Sind Sie damit einverstanden?«

Die nervösen Handbewegungen und Gesichtszuckungen Luciens ließen erkennen, daß er innerlich mit sich kämpfte.

»Darf ich fragen, Sire . . .«

»Sie haben gar nichts zu fragen.«

»Es gibt doch Fälle, Sire . . .«

»Nun habe ich es bald satt,« schrie der Kaiser scharf und drehte sich auf dem Absatz um. »Ich streite nicht; ich befehle. Ich suche für Mademoiselle de Bergerot einen Gatten. Wollen Sie sie heiraten, oder wollen Sie zurück ins Gefängnis?«

Wieder kam der innere Kampf des geängstigten Jünglings in seinen Mienen zum Ausdruck. Verlegen drehte und wand er sich; aber er schwieg.

»Nun genug,« schrie der Kaiser. »Roustem, rufe die Wache!«

»Um Gottes willen, Sire, senden Sie mich nicht ins Gefängnis zurück!«

»Die Wache, Roustem.«

»Ich will ja alles tun, ich will ja auch die heiraten, die Eure Majestät mir bestimmen.«

»Elender,« schrie eine Stimme.

Die Vorhänge des einen Fensters wurden auseinandergerissen, und zwischen ihnen erschien wie in einem Rahmen Sibylles hohe, schlanke Gestalt. In ihrer leidenschaftlichen Erregung neigte sie den Oberkörper weit vor; ihr Antlitz war blaß, und die Augen sprühten vor Zorn. Den Kaiser, die Kaiserin, alles hatte sie vergessen über dem Aufruhr ihrer Gefühle, über den Ekel und Widerwillen gegen den elenden Feigling, den sie so heiß geliebt.

»Man hat mir gesagt, welch erbärmliche Kreatur Sie sind,« schrie sie, »und ich glaubte es nicht; ich konnte es nicht glauben, weil ich es nicht für möglich hielt, daß es ein so verächtliches Wesen auf dieser Erde gebe. Man versprach mir, Beweise zu liefern, und ich glaubte noch immer nicht. Jetzt erst weiß ich, was ich von Ihnen zu halten habe. Gott sei Dank, daß ich es noch zu rechter Zeit erfuhr! Und für Sie habe ich einen Mann dem Tode überliefert, der tausendmal mehr wert war als Sie! Nun habe ich die verdiente Strafe für meine unweibliche Tat! Toussac hat sich gerächt.«

»Genug,« unterbrach sie der Kaiser streng. »Konstant, führe das Fräulein ins Nebenzimmer. Und was Sie anbelangt, Herr, so kann ich es keiner Dame an meinem Hofe zumuten, die Gattin eines solchen Menschen zu werden. Es genügt, daß Mademoiselle Bernac Ihren wahren Charakter erkannt hat und von ihrer unglückseligen Leidenschaft geheilt ist. Roustem, führe den Gefangenen ab.«

»Das wäre abgetan,« sagte der Kaiser, nachdem der unglückliche Lesage das Zimmer verlassen hatte. »Es war Ihre Idee, Josephine; ich mache Ihnen mein Kompliment. Und jetzt zu Ihnen, Monsieur de Laval. Ich schulde Ihnen eine Belohnung dafür, daß Sie durch Ihre Rückkehr nach Frankreich den anderen jungen Edelleuten ein gutes Beispiel gegeben haben, und weiterhin für Ihre Beteiligung an der Ergreifung Toussacs. Sie haben sich brav gehalten.«

Ein banges Gefühl beschlich mich, denn ich ahnte, was nun kommen würde.

»Ich verlange keinen Lohn, Sire,« sagte ich.

»Sie sind zu bescheiden. Mein Entschluß bezüglich der Belohnung, die Sie erhalten sollen, ist übrigens bereits gefaßt. Ich will Ihnen eine Jahresrente ausweisen, die es Ihnen ermöglicht, als mein Adjutant standesgemäß aufzutreten; und außerdem sollen Sie der Gatte einer Hofdame der Kaiserin werden.«

Es gab mir einen Stich ins Herz.

»Ich kann nicht, Sire,« stammelte ich. »Ich kann wirklich nicht.«

»Da gibt es keine Überlegung. Die Dame ist aus vornehmer Familie und ist überdies ein reizendes Mädchen. Mit einem Wort, die Sache ist geordnet; nächsten Donnerstag findet die Trauung statt.«

»Es ist unmöglich, ganz unmöglich, Sire,« wiederholte ich.

»Unmöglich! Bei mir gibt es dieses Wort nicht; die Sache ist abgemacht und damit fertig.«

»Meine Liebe gehört einer anderen, Sire. Ich kann nicht von ihr lassen.«

»Sie bestehen auf Ihrer Weigerung?« fragte der Kaiser frostig. »Dann sind Sie aus meinem Dienst entlassen.«

Mit meinen ehrgeizigen Plänen war es also endgültig vorbei.

»Das ist der bitterste Augenblick meines Lebens, Sire,« sagte ich, »und doch kann und will ich meiner Eugenie nicht untreu werden. Und müßte ich auf der Landstraße für sie betteln, nie konnte eine andere als Eugenie meine Gattin werden.«

Die Kaiserin hatte sich erhoben und trat auf das Fenster zu.

»Nun, Monsieur de Laval,« sagte sie, »ehe Sie Ihr letztes Wort sprechen, sollten Sie sich doch die Ihnen zugedachte Hofdame ein wenig ansehen.«

Rasch zog sie den Vorhang des zweiten Fensters zurück. In der Fensternische stand ein Mädchen. Sie machte einen Schritt vorwärts ins Zimmer und dann – dann sprang ich mit einem Freudenschrei auf sie zu und schloß sie in meine Arme. Wie im Traum kam ich mir vor und konnte es nicht fassen, daß ich meiner süßen Eugenie in die glückstrahlenden Augen schaute. Immer wieder küßte ich ihre Lippen, ihre Wangen, ihr Haar, bis ich es endlich glaubte, daß sie es wirklich war, meine heißgeliebte Eugenie.

»Lassen wir sie allein,« sagte die Kaiserin mit ihrer sanften Stimme. »Komm, Napoleon, es macht mich zu traurig. Es erinnert mich allzusehr an die längstvergangenen Tage in der Rue Chautereine.«

So wäre ich denn mit meiner bescheidenen Erzählung zu Ende, denn der Plan des Kaisers kam wie immer pünktlich zur Ausführung, und unsere Trauung fand wirklich, wie er es befohlen hatte, am nächsten Donnerstag statt. Mit seinem überallhinreichenden, allmächtigen Arm hatte er Eugenie aus dem kentischen Städtchen herübergeholt, um meines Verbleibens in Frankreich sicher zu sein und den Hof um eine Repräsentantin der angesehenen Familie de Choiseul zu bereichern. Wie es meiner Cousine Sibylle weiter erging, berichte ich später einmal ausführlich. Nur das eine verrate ich schon heute, daß sie viele Jahre später Etienne Gerard heiratete, als er bereits Chef einer Brigade und einer der berühmtesten Kavallerieführer der ganzen Armee geworden war. Ein andermal will ich davon erzählen, wie ich wieder in den Besitz meines Stammschlosses Grobois gelangte, an dem so entsetzliche Erinnerungen haften, daß sie mir die Freude daran noch heute trüben. Und nun genug von mir und meinen Geschicken. Ich habe schon zuviel davon gesprochen.

Für meine Berichte über Napoleon nehme ich nur das eine Verdienst in Anspruch, daß sie der Nachwelt einen schwachen Begriff von den persönlichen Eigenschaften des großen Mannes zu geben imstande sind, über seine Taten und Geschicke weiß man ja ohnehin alles aus der Weltgeschichte. Er brach das Lager bei Boulogne ab, weil er die Herrschaft im Kanal nicht an sich zu reißen vermochte und daher auch von der beabsichtigten Landung seiner Truppen in England abstehen mußte. Die englische Flotte hätte ihn sonst wohl von der Hauptmacht seiner Truppen abgeschnitten. Mit der Armee, die er zur Besetzung des Inselreiches bestimmt hatte, schlug er Rußland und Österreich und im nächstfolgenden Jahre Preußen aufs Haupt. Von dem Augenblick an, da ich in seine Dienste trat, bis zu jenem Tage, da er übers Meer in die Verbannung fuhr, um nie wieder zurückzukehren, hielt ich treu zu ihm; mit seinem Stern hob und senkte sich auch der meine. Und doch, wenn ich auf die wechselvollen Ereignisse der Zeiten zurückblicke, die ich mit ihm zusammen verlebte, vermag ich nicht zu sagen, ob er ein guter Mensch gewesen oder ein schlechter. Nur das eine weiß ich, daß er ein großer Mann war, den man nicht mit demselben Maßstab messen darf wie andere Menschen. Drum mag er in Frieden ruhen in seiner großen Gruft im Invalidendom: er hat sein Werk vollendet, und die mächtige Hand, die Frankreich erhob und alle Grenzlinien Europas verschob, ist zu Staub zerfallen. Das Fatum hat ihn gebraucht, das Fatum hat ihn vom Erdboden hinweggefegt; und doch lebt er in unser aller Erinnerung weiter, und noch bewegt seine Erscheinung die Gedanken der Nachkommen und leitet ihre Taten. Bände sind über Napoleon geschrieben worden; viele haben ihn in den Kot gezogen, andere haben ihn in den Himmel erhoben; ich aber tat keins von beiden. Nur den Eindruck wollte ich schildern, den ich von ihm empfing – damals im Lager von Boulogne, da ich, nach langer Verbannung aus dem Vaterland, Grobois, das Schloß meiner Väter, zum erstenmal wiedersah.

 

Ende

 

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