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Gutenberg > Achim von Arnim >

Mißverständnisse

Achim von Arnim: Mißverständnisse - Kapitel 1
Quellenangabe
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typecomedy
authorAchim von Arnim
titleMißverständnisse
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
volumeDritter Band
editorReinhold Steig
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091107
projectida347d67e
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Achim von Arnim

Mißverständnisse

Ein Lustspiel

Personen

Goldmann, Bankier zu Stettin.  
Luise, dessen Tochter.  
Freyer dessen Kontorbediente.
Wetz
Graf Pergament.  

Rittmeister Graf Pergament, dessen Sohn.

I

Das Kontor des Herrn Goldmann mit zwei großen Spiegeln im Vorgrunde geziert, zwischen denen ein Schachbrett auf einem Tische steht. Im Hintergrunde vergitterte Pulte, wo Goldmann, Freyer und Wetz arbeiten.

Goldmann (tritt mit einem Brief heraus): Also der Herr Graf wollen jetzt ihren Sohn hieher schicken, sie schreiben zwar etwas hochmütig, aber was kümmert mich der alte Esel; den Sohn habe ich in Berlin gesehen, ein braver, schöner Mann, er wird mein Kind lieben, er wird es glücklich machen. He Freyer! – schnell, Freyer! – ich habe mit Ihnen zu reden.

Freyer Herr Goldmann, was befehlen Sie?

Goldmann: Kein Befehl, lieber Freyer, bloß Bitte. Sie sind ein junger Mann, dem ich alles anvertraue, für den ich gern bei Gelegenheit etwas tun möchte, und meine Tochter scheint Ihnen gewogen.

Freyer Mein früheres Mißgeschick hat mir ihr Wohlwollen verdient, ich ehre es wie eine Himmelsgabe.

Goldmann: Das Engelskind wird der Mutter immer ähnlicher, oft möcht' ich weinen, wenn ich sie ansehe und denke, wie mir die Mutter, als ich noch ein armer Kontordiener war, den ersten Kuß gab. Ich wollte, meine Tochter verliebte sich auch.

Freyer Ihre Liebe würde jeden beglücken.

Goldmann: Ich muß Sie umarmen, Freyer, Sie kennen meine Tochter, Sie verdienen Ihr Glück zu machen. Gehen Sie gleich zu ihr.

Freyer Ich werde aus Verlegenheit nicht sprechen können.

Goldmann: Sie müssen sprechen. Liebstes Freyerchen, Sie müssen es ihr recht schön vortragen. Ich würde es ihr selbst sagen, aber ich bin zu hitzig; ich könnte alles verderben, wenn sie mir nach Jungfernart käme und sagte, sie sei noch zu jung zum Heiraten. Sie müssen mit rechter Wärme reden.

Freyer Ihr gütiger Wille, Ihr Befehl wird mir Mut geben. (Er will gehen.)

Goldmann: Sie gehen schon und wissen noch nicht, was Sie bestellen sollen; wie dumm, Freyer, wie dumm! Hören Sie erst, nichts übereilt. Sie kennen den alten Grafen Pergament?

Freyer (vor sich): Was soll denn der bei meiner Heirat! (Laut) Von Ansehn kenn ich ihn, wenn er von seinem Gut hereinkam.

Goldmann: Es ist ein alter Lukrinsky, sein schönes Vermögen hat er fast ganz verspielt, aber er hat einen herrlichen Sohn, der soll meine Tochter heiraten. Der Vater schreibt mir, daß er heut mit ihm hier eintrifft, Sie sollen meine Tochter vorbereiten, sie muß ihn nehmen, oder ich enterbe sie.

Freyer: Ist sonst kein sanfter Grund, der für die Heirat spricht?

Goldmann: Ei tausend. Die Welt schreit nur nach Geld, in mir schreit alles Geld nach Ehre, ich bin zur Ehre viel zu alt, ich will an meiner Tochter Ehre mich erfreuen, will sie zu Hofe fahren sehen im Diamantenschmuck der Mutter, des Schwiegersohns Güter mache ich von Schulden rein und lebe auf dem schönsten, spiele Schach und schieße Hasen, das soll mein Lohn für alle Sorgen sein.

Freyer: Die Handlung aber, alle herrlichen Geschäfte?

Goldmann: Ich habe keinen Sohn und keinen näheren Verwandten, die übergebe ich Ihnen als ein Lohn, wenn Sie die Heirat stiften, Sie sind dann ein gemachter Mann.

Freyer: Wie gütig, Herr Goldmann, noch hab ich's nicht verdient.

Goldmann: Ich traue Ihnen ganz, Sie können, was Sie wollen. (ab.)

Freyer (leise): Kaum halt ich mich, so bebt mir der Schreck in allen Gliedern. Freyer, diesmal warst du nahe deinem Sturze! – Mein ganzes Glück war verloren, wenn er meine kühnen, unbescheidenen Wünsche geahndet hätte; das Glück meiner armen Mutter, ihr ruhiges Alter stand auf dem Spiele dieses Mißverständnisses. Wie konnt' ich ihn so mißverstehen, als ob er mir die einzige, reiche Tochter zudächte! Das kommt davon, wenn ich mich heimlich meinen Wünschen überlasse, sie ist so freundlich, ich will sie meiden, will diese tolle Liebe rasch bekämpfen; das sei ein erstes Zeichen des Triumphs, wenn ich mit Ruhe ihr die unsel'ge Botschaft sage, alle Gründe vollwichtig aufzähle. Ach wär' sie arm, ein armes Bettlermädchen, da dürft' ich eher an sie denken, könnte sie schon nähren. (Laut zu Wetz:) Geben Sie mir den kopierten Brief, ich will ihn zusiegeln.

Wetz: Ich fange eben an, ihn abzuschreiben.

Freyer: Sie sind ein fauler Mensch, wenn Sie's so weiter treiben, muß Herr Goldmann Sie fortschicken.

Wetz: Es gibt so viel politische Neuigkeiten, darüber hab ich es versäumt.

Freyer: In unsrer Zeit gibt jeder sich mit andrer Leute Arbeit ab und versäumt die eigne; wer weiß, ob nicht die Herren Minister die Politik nur darum versäumen, weil sie Handelsspekulationen machen. Sein Sie fleiß'ger, Wetz, so geht's nicht länger. (ab.)

Wetz (tritt heraus): Er ist fort! Mich fortschicken? Grobian. Was hat er mir zu befehlen, dient er nicht so gut wie ich? Das soll ihm teuer zu stehn kommen. Er hat vergessen, sein Pult zu schließen: rasch, Wetz, du dachtest fortzulaufen, jetzt muß er das Feld räumen, rasch die falschen Wechsel in sein Pult. Läuft heut ein falscher Wechsel ein, erkennt der Goldmann die nachgemachte Unterschrift und stellt er mich zur Rede, wie ich das Geld mir habe darauf zahlen lassen, so sag ich dreist, ich hätt's dem Freyer gegeben, von ihm sei mir der Wechsel eingehändigt; er wird bei Freyer nachsehn, findet da die andern falschen Wechsel, es kann nicht fehlen, er ist gestürzt, ich bin gerettet und kann mit Tienchen lustig leben. Nun, mein edler Herr Freyer, wird man mich noch fortschicken, oder werden Sie mit der Wache durch die Stadt geführt, daß die Gassenbuben Ihnen nachschimpfen? Kein Insekt so klein, es hat einen Stachel, wenn es getreten wird, ich werde stechen aufs Blut, ich hab es wohl bemerkt, daß Sie mit Herrn Goldmann eben jetzt so heimlich meinen Untergang beredeten, mich wegzuschicken; ich kenne Ihre Mienen. Mich fortschicken, ei! Es schlägt schon zwölf; mit leichtem Herzen geh ich jetzt zu meinem Mädchen und sage ihr, daß wir noch nicht davonzulaufen brauchen. (ab.)

II

Luise und Freyer kommen eilig herein.

Luise: Sehn Sie, Freyer, wie ich gesagt, hier steht das Schachbrett; gleich setzen Sie sich, ich habe einen Zug entdeckt, der ist unwiderstehlich.

Freyer: Sie haben schon so viele Züge, die mich gefangen nehmen.

Luise: Keine freiwillige Unterwerfung, ich will vollen Triumph. (Sie setzen sich zum Spiel.)

Freyer: Ich habe einen dringenden Auftrag von Ihrem Herrn Vater, Sie wollten mich vorher nicht hören.

Luise: Ich spiele und höre, ich hab's mir in der Wirtschaft angewöhnt, zweierlei zugleich zu tun, zu stricken und zu lesen. Was wird's sein? Gewiß will der gute Vater mir etwas schenken, da soll ich ausgefragt werden, Sie aber meinen, daß ich zu gescheit bin, und sagen's mir lieber aufrichtig, ich wähle, und meinem Vater wird eingebildet, ich wisse nichts. So ist's gegangen, so geht's.

Freyer: Vom Wählen ist heut nicht die Rede.

Luise: Sie sind vom Laufen noch außer Atem.

Freyer: Ich soll sehr ernst mit Ihnen reden, soll drohen mit Enterbung.

Luise: In drei Worten sagen Sie's, ich sterb vor Ungeduld.

Freyer: Sie sollen heiraten.

Luise: Weiter nichts? Das hab ich immer geglaubt, seitdem die Klöster aufgehoben.

Freyer Noch heute; wenigstens noch heute sich verloben.

Luise: Nun weiß ich, daß es Spaß, es ist schon Mittag.

Freyer Nein, bei Gott. Sie wissen, wieviel Ihr Herr Vater von dem Rittmeister, Grafen Pergament, rühmte, den er in Berlin kennen gelernt: dem hat er Sie versprochen, der kommt noch heute mit seinem Vater hier an. Mein Auftrag war, mit allen Gründen diese Heirat vorzutragen und Sie zur Folgsamkeit zu überreden, ich trau mir keine Rednergabe zu, Sie wissen, was Sie wollen; nur das eine schwöre ich Ihnen, daß Ihr Herr Vater mit aller Heftigkeit, die sie an ihm kennen, den Plan umfaßt, die eigne Ruhe seines Lebens daran knüpft, die Handlung aufgibt, auf das Land zieht. Mir soll zum Lohn, wenn ich die Heirat vermittle, die Handlung übergeben werden.

Luise: Daher die Heftigkeit! Ei, das steht schlimm! Sie der Diener der väterlichen Gerichtsbarkeit! Darf ich Ihnen mein Zutrauen schenken, Freyer? Die Zeit drängt mit rascher Hitze, was langsam reifen sollte. Es ist nicht gut!

Freyer Vertrauen Sie mir, wie sich selbst, ich bin Ihnen eigen, nur gegen das Zutrauen Ihres Herrn Vaters darf ich nicht handeln.

Luise: Keine Bedingung, denn rund heraus: aus der Heirat mit dem Grafen wird nichts.

Freyer Aber Sie kennen ihn nicht. Vielleicht?

Luise: Paris soll ein wunderschöner Mann gewesen sein, auch Adonis wird gerühmt und Endymion nicht minder; aber kämen sie alle, mich zur Bezahlung ihrer Schulden heiraten zu wollen, ich würde höflich sagen: Sie gefallen mir alle recht wohl, aber ich kenne einen andern.

Freyer Einen andern?

Luise: Ich kenne einen andern und wünschte ihn noch mehr kennen zu lernen. Lebte meine liebe Mutter noch, sie könnte für mich sprechen, meine Wahl rechtfertigen, denn sie hat mir zuerst den Hochmut eingeflößt, in keinen höheren Stand mich einzuschleichen und jeden zu verachten, der, ohne mich zu kennen, nach dem Gelde meines Vaters freit. Sagen Sie aufrichtig, Freyer, kann der Graf einen andern Grund haben?

Freyer Er kann von Ihnen gehört, er kann Sie gesehen haben.

Luise: Ich sah ihn nicht, ich habe einen andern gesehen. Ach lebte noch meine Mutter, jetzt schützt mich niemand.

Freyer: Schützen! Beim Himmel, Ihre Worte rühren mich, willig setzte ich mein Leben daran, Ihnen zu helfen.

Luise: Freyer, ich danke Ihnen, aber bedenken Sie auch, daß Ihr Glück in meines Vaters Wohlwollen steht.

Freyer: Mein Glück? Nein, das steht in einem andern Herzen; aber ich liebe Ihren Herrn Vater, er hat meine Mutter und mich unterstützt, ehe ich mein Brot selbst erwerben konnte.

Luise: In welchem Herzen?

Freyer: Ich habe kein Vertrauen Ihnen gelobt, ich darf es nicht; Sie aber hatten etwas Dringendes mir zu sagen.

Luise: Sie sprechen hart, aber wahr. Sehn Sie, gerade solche Freimütigkeit ziert auch den andern, den ich nicht nennen will, er hat mein Herz erworben ohne Schmeichelei, ich lieb ihn ohne Eitelkeit, ich fühlte immer, ohne daß er es lobte, er erkenne und achte in mir, was gut ist; wo ich unrecht hatte, tadelte mich sein Blick sehr strenge. Ich war seit früher Zeit verwöhnt, was ich sagte, wurde gebilligt, belacht, was ich tat, gelobt; er beleidigte mich erst durch seinen stillen Tadel, nachher war er der einzige, auf den ich hörte.

Freyer (aufmerksam): War er aber gerecht, erkannte er Ihre Liebenswürdigkeit, Ihre Güte mit ganzer Seele?

Luise: Daß er mir gut ist, glaube ich zu erraten, mehr weiß ich nicht von ihm, denn neben der Wahrhaftigkeit gegen andre deckt ihn selbst eine bescheidne Zurückhaltung gegen jede aufdringliche Freundlichkeit, daher kommt's, daß ich's ihm verschwiegen, wie liebenswürdig, wie vor allen ausgezeichnet er mir erscheint. – Freyer, Sie – vergessen zu ziehen.

Freyer: Verzeihen Sie. – Finden sich äußere Hindernisse in Ihrer Wahl? Diese Unterschiede werden in der Meinung älterer Leute oft unübersteiglich.

Luise: Den Erwartungen meines Vaters, seiner Meinung von dem Glücke höherer Stände entspricht seine Geburt freilich nicht, doch ist er von so ehrlichen Eltern wie mein Vater selbst. Sein Vermögen – davon reden wir nicht, ich habe genug mit der Hälfte dessen, was der Vater an mich täglich verschwendet, ohne daß es ihn drückt, ja, ich gestehe es, die Spitzenkleider, die ostindischen Schals sind mir verhaßt, eben weil ich darum beneidet werde und weil sie mir nur Sorge machen. Meine häusliche Einrichtung hat ein sonderbares Ideal, Sie werden mich auslachen.

Freyer: Das tat ich nie einem herzlichen Wunsche.

Luise: Gut also – mein Ideal ist Ihr Kontorpult, Freyer, wenige Sachen, aber alle genügend, alles in gleicher Ordnung tagtäglich; ich weiß es, wo Ihr Bindfaden hängt, wo die Briefleger stehen, wo die gebrauchten, wo die ungebrauchten Federn zu finden, wo Petschaft und Siegellack, wie in der Ordnung die angekommenen, die abgehenden Briefe liegen. (Sie tritt an das Pult.)

Freyer: Ihr Lob beschämt mich, denn ich sehe nicht ohne Schrecken, weil es mir noch nie geschehen, daß ich heute den Schlüssel meines Pults habe stecken lassen, als mir Ihr Herr Vater den Heiratsauftrag gab. (Er schließt zu.)

Luise: So ein Auftrag kommt auch nicht alle Tage, und noch niemals hat ein Vater so sonderbar dazu gewählt.

Freyer (vor sich): Freyer, nimm dich in acht, deine törichten Wünsche täuschen dich wieder. (Laut) Freilich bin ich ungeübt und ungeschickt zu Unterhandlungen der Liebe.

Luise (ärgerlich): Freilich – recht sehr! Sie haben noch nie die Qual empfunden, von ganzem Herzen zu lieben und aus Rücksicht, aus Bescheidenheit es sich nicht selbst zuzutrauen, Gegenliebe erworben zu haben, Sie können mich nicht begreifen, nicht verstehen.

Freyer: Und wenn ich das alles nun auch verstände und empfände, was würden Sie mir anvertrauen? Könnten Sie mir den unbewußt Glücklichen nennen, sollte ich ihm sein Glück verkünden? Nennen Sie seinen Namen.

Luise (verlegen): Einen Namen zu nennen, kostet sehr viel in solchem Verhältnisse. Sie müssen mich erraten.

Freyer: Also kenne ich ihn.

Luise: Sie sehen ihn täglich.

III

Wetz tritt herein.

Freyer: Aber wo, beim Himmel beschwöre ich Sie, wo sehe ich ihn, wenn Sie ihn selbst nicht nennen wollen?

Luise (vor sich): Nun darf ich gar nicht reden, der Schleicher Wetz ist nahe. (Laut) Es ist doch eine gute Sache mit den Spiegeln, wenn ich jemand aus Beschämung anzusehen meide, so kann ich ihn im Spiegel ruhig anblicken – kurz, den ich liebe, den seh ich hier dreifach. Ich habe das Spiel ausgemacht. (Sie wirft die Schachpuppen zusammen und springt fort.)

Freyer: Herz, wie kannst du zweifeln? Sie meint mich! (Er will ihr nach und sieht Wetz) Ha, Wetz!

Wetz: Fragten Sie etwas, Herr Freyer?

Freyer (verlegen): Haben Sie den Brief abgeschrieben?

Wetz: Ich bin gleich fertig.

Freyer (leise): Ich seh ihn hier, ich seh ihn hier in diesem, ich seh ihn dort in jenem Spiegel, ich seh ihn täglich – kein Zweifel, er ist der Glückssohn, ich bin verloren, sie sagte es, als er hereingetreten.

Wetz (vor sich): Er scheint verlegen; ob Goldmann ihm die Wechsel schon mag vorgehalten haben?

Freyer (leise): Wie wundre ich mich denn so sehr, ein jeder hat sein eigenes Gestirn, ihm leuchtete die Venus in die Wiege, er hat so manche Briefe mir von Mädchen aller Art gezeigt, die sich in ihn verliebt. Ach, könnte ich aus zerrissenem Herzen die Weiber alle verfluchen, könnte ich sagen, sie sind sich alle gleich – aber Luise bleibt mir heilig, auch wenn sie mich haßte.

Wetz (vor sich): Was sieht er mich so an, ich glaube, er hat doch Verdacht gegen mich.

Freyer (leise): Nicht auf halbem Wege will ich stehen bleiben, und bin ich unglücklich, so soll doch jeder sagen, daß meine Aufopferung ein besseres Geschick verdient hätte. Der guten Luise will ich den Liebesdienst tun, wie ich ihr versprochen, ich will dem Wetz sein Glück kundmachen, mehr tue ich nicht, nachher überlasse ich sie ihrem Schicksale und schiffe nach England, nach Ostindien, aus der Welt, wenn es möglich ist. (Laut) Wetz, können Sie verschwiegen sein?

Wetz (vor sich): Was will er von mir? (Laut) Herr Freyer, ich kann schweigen, wenn es nicht gegen das Interesse meines Prinzipals ist.

Freyer: Sie sind bedenklich.

Wetz: Ehrlich währt am längsten.

Freyer: Dachten Sie immer so?

Wetz (verlegen): Ich verstehe Sie nicht.

Freyer: Sie haben sich oft gerühmt, wie Sie Mädchen angeführt haben. Sie sind ein Glückskind.

Wetz (gestärkt): Er will mich mit Schmeicheleien fangen. (Laut) Wer's Glück hat, führt die Braut nach Haus.

Freyer (vor sich): Er weiß ihre Liebe schon, ich allein war der Blinde. (Laut) Sie wissen es also, daß Luise, Herrn Goldmanns Tochter, Ihnen geneigt ist, gut, so verrate ich kein Geheimnis, wenn ich es Ihnen bestätige. Ich bin sonst Ihr Freund nicht, aber diese Liebe des trefflichsten Mädchens ist mir eine Versicherung, daß Ihr Herz manches Gute verbirgt, was ich nicht erkannt habe. Sein Sie aufrichtig gegen das Mädchen, sie bedarf vielleicht in dieser Zeit Ihres Trostes und der Sicherheit, von Ihnen geliebt zu sein, da andere Heiratspläne des Vaters sie bedrängen. Sein Sie klug und standhaft, verabreden Sie mit ihr, was zu tun sei, ich bin bereit, Ihnen zu dienen.

Wetz Herr Freyer, Sie haben ..

Freyer: Jetzt kein Wort, lieber Wetz! Sie wissen alles, sein Sie verschwiegen, ich muß mich in der frischen Luft erholen, mich plagt ein Kopfweh. (ab.)

IV

Wetz Hat er mich zum Narren? Was kann sonst seine Absicht sein! Aber er war zu ernst. Warum soll ich dem ehrlichen Narren nicht glauben? Die Mädchen sind wunderlich, und wenn Luise mich bis jetzt kaum angesehen, mir manches harte Wort gesagt hat, so war eben das vielleicht der Angelhaken, an den ich beißen sollte. Ich lieb sie eben nicht; aber was schadet's, sie ist hübsch und hat ungeheuer viel Geld zu erwarten, mein Glück ist gemacht. Freyer ärgert sich, daß er künftig unter meinem Befehl stehen soll. Ich wollte, daß ich die Wechselgeschichte könnte ungeschehen machen, sie läuft noch recht fatal zwischen mein neues Glück, und ich gestehe, daß ich keinem so ganz wie Freyer, wenn ich erst Herr bin, alles anvertrauen möchte, um selbst recht bequem zu leben. Ich sehe, sein Pult ist geschlossen, ich kann nichts mehr ändern, trotz seines Liebesdienstes kommt er nach Spandau.

V

Goldmann und der alte Graf Pergament.

Graf: Hm, außer Atem, schlimme Treppe. – Was für Zimmer hier? Gefängnis. Gitter vorm Fenster, Gitterkasten hier, wilde Tiere zu sehen?

Goldmann: Herr Graf, wo sind wilde Tiere zu sehen?

Graf: Hm, seh schon, hab mich geirrt, seh schon, da sitzt ein Mensch. (Zu Wetz) Wer ist er?

Wetz Ich bin ein Musje und kein Er.

Goldmann: Schweigen Sie, Wetz, Sie sind mir ein schöner Musje, marsch, fort, suchen Sie meine Tochter, sie soll gleich kommen. (Wetz ab.) Nun, Herr Graf, Sie sollen gleich meine Luise sehen. Wenn ich sie schön finde, die schönste auf der ganzen Welt, so spricht aus mir die Liebe zur Mutter. Sie haben Augen zu sehen, was wahr daran ist; wer mir aber leugnet, daß sie Verstand hat wie ein Engel, der verliert bei mir allen Kredit.

Graf: So, so, lieb zu hören, Verstand gilt mehr bei Hofe als Schönheit, denn der rechte Verstand weiß sich zu verbergen, die Schönheit nicht, so gibt er keine Eifersucht. Hm, ja wohl, auch kann jeder den Verstand brauchen, und die Schönheit nur der Liebhaber. Hm, ja, ja, wollt', mein Sohn wäre hier.

Goldmann: Es ist schade, daß der liebe, vortreffliche Sohn durch das neue Exerzitium aufgehalten worden; ich bin in allen Geschäften geduldig, nur nicht in Familienangelegenheiten, ich gäbe ein paar tausend Taler darum, wären sie schon kopuliert und hätten ein Dutzend Kinder.

Graf: Paar tausend Taler, hm, gleich bar; wenn mein Sohn nicht kommt, heirat ich selbst, gleich hm, bin noch ein Freund von Mädchen, auf Ehre!

Goldmann: Machen Sie den Spaß, drohen Sie Ihrem Sohne damit, wenn er sich nicht beeilt. Sie sehn für Ihr Alter noch immer ziemlich glatt aus.

Graf: Glatt, hm, Alter. Bin so alt nicht, sechzig Jahre, beste Jahre. Mädchen sind mir alle gut. Will sehn, wie ich der Tochter gefalle. Scherz beiseite, ist sie sehr klug, da nimmt sie mich, ist sie sehr schön, kriegt sie mein Sohn. Hörner kann ich nicht leiden, weiß, wie sie andern kleiden.

VI

( Luise kommt.)

Goldmann: Da kommt meine Tochter. Herr Graf, ich gebe Sie für Ihren Sohn aus. (Laut) Luise, hier ist der junge Graf Pergament, Rittmeister bei den Landreitern. (Leise zu Luise) Freyer hat doch mit dir gesprochen?

Luise: Ja, Papa. (Vor sich) Das soll der Rittmeister sein! So dumm bin ich nicht.

Goldmann: Nun, ihr jungen Leute, ich lasse euch allein beisammen, ihr werdet euch wohl allerlei zu sagen haben, in meiner Gegenwart seid ihr verlegen. (Zum Grafen) Fühlen Sie meiner Tochter auf den Zahn, sie hat Verstand. (ab.)

Graf: Hm, mein liebes Kind, hm, nicht doch, meine Verehrte, mein Blut ist so heftig, ich bin entzückt.

Luise: Sie sind gewiß die Treppe zu rasch gelaufen. (Vor sich) Ich muß ihn mit rechter Dummheit abschrecken. (Laut) Setzen Sie sich, was ist die Glocke? Es kullert mir im Leibe, es muß bald Essenszeit sein.

Graf: Ein Uhr kullert's, hm, so, so. (Vor sich) Sie scheint genial.

Luise: Hören Sie, lieber Graf, raten Sie, was wir essen? es ist meine Leibspeise.

Graf: Leibspeise, hm, das muß meine Zuneigung raten. Straßburger Leberpastete?

Luise: Die weiß ich nicht zu machen; nein, hören Sie, mein Bester, ich habe gestern ein Schwein geschlachtet, so ein delikates, fettes Schwein habe ich noch nicht gesehen, händebreites Fett hatte es auf dem Rücken, aber Herr Jesus, was hat es geschrien, als ich es gestochen habe. Ja, und was der schönste Spaß, mein Vater dachte, ich sänge, da sah er, daß ich geschlachtet hatte, und war böse und verbot es dem Schlächter, weil ich mir das Kleid beschmutzt hatte.

Graf: Hm, ein recht militärischer Geist, der das Schlachten so liebt. (Vor sich) Sie ist dumm.

Luise: Ja, wir passen recht, mein Bester, ich gehe auch mit Ihnen in den Krieg, ich will für die ganze Armee schlachten und Wurst machen! Ja, Sie hätten mich gestern sehen sollen, was habe ich lachen müssen, bis an den Ellenbogen sah ich aus wie ein Mörder, aber die Blutwurst ist delikat geworden, befehlen Sie ein Stück? ich habe heute ein paar Pfund zur Probe gegessen.

Graf: Dank, meine Gnädige, hm, es ist jetzt Mittagszeit, möchte Appetit verderben. (Vor sich) Die kann nirgends in Gesellschaft geführt werden.

Luise: Sie sprachen da leise.

Graf: Ich fragte, blutdürstige Amazone, was mit aller der Wurst zu machen?

Luise: Der blutdürstigen Amme Sohn, ja, das soll wohl Witz sein, weil er unser Schlächter ist, ja freilich, mit dem hatte ich noch den rechten Spaß, dem legte ich einen Kranz von Vergißmeinnicht auf seine Wurst und schenkte sie ihm.

Graf: Hm, Vergißmeinnicht. Wurst, haha. (Vor sich) Hat sie mein Sohn, so sperren wir sie ein.

Luise: Nun muß ich Ihnen wohl auch einen Kranz Vergißmeinnicht schenken, da Sie mich heiraten; wird denn heute noch was draus? Wir wollen recht gut zusammen leben, aber die lächerliche, braune Perücke, hinter der die weißen Haare vorsehen, die leide ich nicht.

Graf (Vor sich): Sie wird grob, muß enden. (Laut) Sie verzeihen, es war ein Scherz von Ihrem Herrn Vater, daß ich der Rittmeister Graf Pergament, Ihr Bräutigam sei; ich bin sein Vater, der Vize-Zeremonienmeister, auch grand maître du tabac rapé und Ritter des Ordens der anständigen Menschen dritter Klasse, vierter Ordnung, in der renovierten Stiftung.

Luise: Also, Herr Rittmeister, ich habe nicht das Vergnügen, mit Ihnen, sondern mit Ihrem Herrn Vater zu reden?

Graf Hm, ja, freilich, mit meinem Herren Vater.

Luise: Da hätte ich freilich nicht so schalkhaft sprechen sollen. Wann wird denn mein Rittmeister endlich einmal ankommen?

Graf Hm, wenn's Exerzitium vorbei.

Luise: Da kann er sich leicht noch den Hals brechen.

Graf Halsbrechen, hm. Schrecklicher Gedanke.

VII

Goldmann (kommend): Verdammt, kann den Freyer nicht finden, weiß nicht, was meine Tochter gesagt hat. – Nun, Herr Graf, was sagen Sie? (Leise zu ihm) Verstand wie ein Engel.

Graf (leise): Noch mehr Schönheit, hm, mein Sohn soll sie behalten.

Goldmann: Draußen wartet auf Sie, Herr Graf, ein Bedienter Ihres Sohnes, er will mir nicht sagen, was er bringt.

Graf: Sehr verbunden, hm, ich gehe, komme gleich wieder. Bitt Entschuldigung. (ab.)

Luise (Vor sich): Nur ein paar Minuten noch das Lachen verbissen und ein wenig gelogen, so bin ich frei. (Laut) Sie wollten mich anführen, lieber Vater, es war nicht der Rittmeister.

Goldmann: Wie du gescheit bist! Der Rittmeister ist ein prächtiger Kerl, sieben Fuß hoch, hat die schönsten Pferde. Der Alte ist auch nicht übel, hat viel erlebt, sagt manche gute Sentenz – was sagte er doch vorher vom Verstande? – Hab es vergessen. Du wirst sehr glücklich.

Luise: Ich könnte sehr glücklich werden, aber kann ich's allein sein? wie kann ich Sie verleugnen, dem ich alles danke, wie kann ich mich von Ihnen trennen!

Goldmann: Das hast du nicht nötig, ich gebe die Handlung auf, lebe im Hause des Grafen in Berlin und auf dem Lande, beide löse ich aus den Händen der Schuldner; nein, Kind, wir bleiben beisammen.

Luise: Wie falsch sind die Hofleute! Als der Graf mir offenherzig gestanden, daß er der Vater sei, sagte er mir frei heraus, ich gefalle ihm, ich würde den Ton der großen Welt leicht fassen, Sie aber wären ein so festes, altenglisches Mahagonimöbel, das nicht breche und auch keine neue Form annehme, Sie würden die Lust und den Glanz des Hauses stören, ich müßte Sie bereden, in dem gewohnten Lebenskreise zu bleiben und Geld zu verdienen.

Goldmann: Teufel! – und was sagtest du?

Luise: Ich stellte mich, als ob ich darin einginge, und da wurde er sehr heiter und sagte, daß er wohl wisse, Sie könnten keinen Schuldner leiden; da habe er ein paar hundert kleine Leute mit Bärten in Berlin herumlaufen, denen er schuldig, die sollten sich den ganzen Vormittag beim Schwiegervater melden, Sie würden das keinen Monat aushalten.

Goldmann: Racker, Satanas! – nicht drei Tage hielt' ich es aus. Warten Sie, Herr Graf, Sie dünken sich klug, Sie betrügen sich diesmal. Ich will Sie prellen.

Luise: Das würde die Heirat stören.

Goldmann: Kein Wort von der Heirat, es ist aus damit, und wenn sich alle auf den Kopf stellen.

Luise: Sie ließen mir sagen, sie sei das Glück meines Lebens.

Goldmann: Tröste dich, Kind, wenn du dich auf die Heirat gefreut hast; es gibt ja mehr Grafen oder andre Männer von Stande.

Luise: Warum nicht von unserm Stande?

Goldmann: Meinetwegen auch, es war mir nur wegen der hohen Jagd, welche den Edelleuten zusteht. (ab.)

VIII

Luise: Den besten Vater muß ich belügen, aber ich kann nicht anders bei seiner Hitze, gewiß dankt er mir's nachher. Freyer muß ich von allem benachrichtigen, es ist doch gut um ein Kontor, da findet sich gleich alles bereit zum Schreiben. (Sie setzt sich zum Schreiben.) »Ich habe mich Ihnen aus Furcht vor der Heirat mit dem Grafen erklären müssen, ich weiß nicht, was Sie über mich denken, ich möchte Ihrer Gesinnung gewiß sein, ehe ich Ihnen die Begebenheiten mit dem alten Grafen erzähle; doch zwingt mich die Furcht, Sie möchten auf unrechte Art in meinen Plan eingreifen, Ihnen alles, was ich versucht, mitzuteilen. Den Grafen suchte ich durch Dummheit und Gemeinheit von mir zurückzuschrecken, aber vergebens, das Geld macht ihm alles gut. Nun mußte ich mich entschließen, dem Vater einzubilden, der Graf verachte seinen Stand, wolle ihn künftig nicht in seinem Hause dulden, das wirkte. Die Heirat wird rückgängig, aber bei aller Gewißheit, die Sie von meiner Liebe haben, dürfen Sie doch noch keinen Schritt wagen, unser Verhältnis dem Vater zu bekennen.«

(Wetz tritt mit eitler Gebärde herein, schleicht zu Luise, lehnt sich unbemerkt über die Schreibende und nimmt ihr das Blatt fort.)

Wetz: Ich muß jetzt alles sehn, was Sie schreiben.

Luise: Gott, wie haben Sie mich erschreckt, das Herz schlägt mir.

Wetz: Gutes Zeichen, wenn das Herz schlägt, kein Geheimnis mehr zwischen uns, sein Sie meiner gewiß.

Luise (vor sich): Wie unverschämt, wie verändert ist der widrige Mensch; gewiß macht ihn ein Auftrag meines Vaters an mich so frech. (Laut) Herr Wetz, ich beschwöre Sie bei der Achtung, die jedem Mädchen gebührt, geben Sie das Blatt zurück!

Wetz: Wozu diese Scheu, ich darf jetzt alles lesen, ja es ist meine Pflicht.

Luise (vor sich): Wie hat der Vater mich dem widrigen Menschen anvertrauen können? (Laut) Ich sage Ihnen, das Blatt ist weder an meinen Vater noch an Sie gerichtet, es liegt mir viel daran.

Wetz: Sie spannen meine Neugierde, jetzt lasse ich es nicht um alles in der Welt.

Luise: Ich muß es Ihnen entreißen. (Sie versucht's, Wetz hebt es aber in die Höhe und liest laut vor.)

Wetz: »Ich habe mich – Ihnen – aus Furcht vor der Heirat mit dem Grafen erklären müssen.« Und das Blatt wäre nicht an mich? Welche falsche Scham hält Sie nach der Erklärung zurück? – süßes Mädchen, mein Kuß soll dir sagen, daß ich dich liebe.

Luise: Unverschämter, Sie wollen meine Angst mißbrauchen. Das Blatt her!

IX

Freyer tritt ein.

Freyer: Verzeihen Sie, wenn ich störe. (Will gehen.)

Luise: Bleiben Sie, Freyer. Sie sind doch vernünftig, schützen Sie mich gegen diesen Toren.

Wetz: Wozu die Verstellung vor Freyer? – er weiß Ihre Liebe zu mir, er wird mir das Zeugnis dieses Blattes gern gönnen.

Freyer: Aller Streit gleicht sich in Liebe bald aus. (Will gehen.)

Luise: Ich komme von Sinnen; auch Sie, Freyer, sind gegen mich verschworen? Wetz, ich lasse Ihnen das Blatt nicht.

Wetz: Erst muß ich es lesen, dann bringe ich's zurück. (ab.)

Luise (sinkt ermattet auf einen Stuhl): Ich bin verloren, Freyer, wie konnten Sie mich so gleichgültig kränken sehen?

Freyer: Welches Recht habe ich, mich in die kleinen Fehden zwischen Liebenden zu mischen?

Luise: Liebende? Sind Sie auch wahnsinnig wie der Wetz? Ich schwöre es Ihnen, daß mir kein Mensch vom ersten Augenblicke so verhaßt war wie Wetz, jetzt aber hat er einen Brief gestohlen, durch den er mich unglücklich machen kann. Freyer, Sie haben mich mißverstanden, ich ahnde es, ich liebe Sie und keinen andern auf der Welt, aber schaffen Sie mir das Blatt.

Freyer: O Gott, welche Seligkeit, ich gehorche blind. (ab.)

X

Goldmann kommt.

Luise: Ach, keinen Augenblick der Erholung; ich muß tun, als ob ich etwas verloren, damit er meine heißen Backen nicht bemerkt.

Goldmann: Laß jetzt das Suchen, Kind; der Graf wartet mit seinem Sohne, der eben angekommen war.

Luise: Aber meine liebe Brustnadel kann ich nicht verlieren, die von der Mutter; ach, da liegt sie.

Goldmann: Bewahre sie künftig besser! Jetzt mach dich ordentlich! Wie dir das Blut beim Suchen in den Kopf gestiegen! Bring die Locken in Ordnung! Ich bitte dich, sei recht schön, recht geistreich! Aber wenn nun der Sohn recht verliebt ist, da schrei ich: nichts für den Schnabel, meine Tochter hat einen angenehmeren Heiratsvorschlag.

Luise: Ich habe Kopfweh, ich kann nicht sprechen.

Goldmann: Will dir bald andre Kopfweh machen, wenn du nicht gehorchst; fort zur Toilette! (Er führt sie fort.)

XI

Wetz (kommt mit dem Brief!): Der Freyer läuft mir durch alle Zimmer nach, ich kann nicht zum Lesen kommen, gewiß spricht sie zu deutlich, darum schämt sie sich. Freyer ist schon wieder da. (Er versteckt den Brief.)

Freyer (kommt): Den Brief geben Sie mir, den Sie weggenommen haben, er ist nicht an Sie gerichtet.

Wetz: Herr, denken Sie, daß Ihr ganzes Glück in meiner Hand steht, wenn ich Luise heirate.

Freyer: Brief her!

Wetz: Bei meiner Ehre, ich gebe ihn nicht.

Freyer (packt ihn beim Kragen): Sie kennen mich, daß ich nicht lüge. Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie erdrossele, und sage, daß Sie an einem Stickfluß gestorben sind, wenn Sie das Blatt nicht herausgeben.

Wetz: Luft – aber –

Freyer: Kein Wort, den Brief!

Wetz (greift in die Tasche): Nun, da haben Sie ihn.

Freyer: Das war sonst Ihre letzte Stunde. (Er eilt fort.)

XII

Goldmann (kommt): Wo ist Freyer?

Wetz: Ich weiß es nicht.

Goldmann: Ich muß ihn sprechen. Ein falscher Wechsel ist eingegangen, ähnlich, sehr ähnlich meiner Handschrift; einer meiner Diener hat ihn bei Saul diskontiert.

Wetz: Das war ich, Herr Goldmann.

Goldmann: Wer? Sie? Wer gab Ihnen den Wechsel?

Wetz: Herr Freyer. Zugleich trug ich noch einen an Judas Maccabäus und einen andern an Jephta.

Goldmann: Was? Wie? Die hab ich all' nicht unterzeichnet.

Wetz: Ich sah, daß er noch mehrere in seinem Pulte liegen hatte, als er mir jene gab.

Goldmann: Ich möchte meine Seligkeit verschwören, es sei unmöglich – und doch, ich muß es untersuchen. Sie sind mein Zeuge, Wetz, ich öffne hier in Ihrer Gegenwart das Pult mit dem Hauptschlüssel. (Er öffnet es) Wahr – wahrlich – o lügenhaftes Angesicht der Menschen – dem Freyer hätte ich mein ganz Vermögen anvertraut. – Undankbarer Schurke, den ich mit seiner Mutter allem Elend entriß. – Kurzsichtige Dummheit, um einige hundert Friedrichsdor mich zu betrügen, vielleicht damit zu fliehen, da ich ihm tausend gern gegeben, wenn er die Handlung ganz übernommen hätte. Auf die Festung soll er!

Wetz: In England müßte er hängen.

Goldmann: Und doch, mir bleibt ein Rest von Mitleid. Wetz, Sie müssen schweigen, ich will ihn beschämen, ihn fortjagen, mehr will ich nicht von ihm. (Er geht hastig ab.)

Wetz: Nun, Freyerchen, sollst mich nicht fortschicken, sollst mich nicht ersticken; mir glückt alles, doch mag ich ihm nicht gern begegnen, ich horche zu bei meinem Pulte. (Er geht hinter das Gitter.)

XIII

Der alte Graf, sein Sohn, der Rittmeister, auf Krücken, Luise und Freyer kommen.

Luise: Ich dachte meinen Vater hier zu finden; nun, er kommt sicher bald, wir müssen durch diese Zimmer zum Eßzimmer. Wie wird er erschrecken, daß Ihnen, Herr Rittmeister, solch ein Unglück begegnet ist.

Graf: Hm, zum Verzweifeln, kann nicht mehr heiraten. Hm wie kam's? erzähl's noch einmal.

Rittmeister: Mein bester Freund, der Major Krachstiefel, machte eigentlich das Versehen beim neuen Exerzitium, er schwenkte zu tief mit dem ganzen Zuge, das riß den Rittmeister Hasendonner mit fort. Ich sagte meinem Leutnant Unterfutter und dem Kornett Krümper, wir wollen die Linie halten, es koste, was es koste. Dadurch entstand natürlich ein Druck von fünfhundert Pferden gegen meine Beine, kurz, sie wurden mir Glied für Glied zerbrochen, ich muß den Abschied nehmen, bin unfähig zu allem.

Freyer: Ich kann mir das Manöver gar nicht denken, die Pferde lagen doch nicht aufeinander, sie drängten sich doch nur.

Rittmeister: Sie müssen es nicht taktisch, sondern strategisch beurteilen. Muß es nicht einen Feind in große Verlegenheit setzen, wenn ein Regiment, das er eben angreifen will, plötzlich eine Viertelmeile vom vorigen Orte aufmarschiert ist, und wenn er ihm dahin nachfolgt, wieder eine Viertelmeile weiter?

Graf: Hm, wunderlich Manöver, hm, mag gut sein, wenn's nur keine gräflich Pergamentsche Knochen kostete. Hm, aber glauben Sie, meine Gnädige, daß dergleichen Fraktur durchaus den Ehestand unmöglich mache?

Luise: Leider, – leider, – Sie würden kaum die Trauung überstehen, und der Ehrentanz mit allen Gästen, das wäre ganz unmöglich.

Rittmeister: Um einen Stuhl muß ich wirklich bitten. Nicht bloß Ihre Schönheit, auch Ihren Verstand muß ich bewundern, nun das Geschick mich auf immer von Ihnen scheidet. Mit trauerndem Herzen gebe ich Ihnen den Ring zurück, den Ihres Herrn Vaters Güte als Verlobung mir sandte.

Graf: Hm, zu schnell, erst das Bad versuchen! (vor sich) verfluchtes Exerzitium, wer zahlt nun meine Schulden?

XIV

Goldmann (ohne Verbeugung, in großer Heftigkeit): He Wetz, wo sind Sie?

Wetz (kommt vor): Hier, Herr Goldmann.

Goldmann: Freyer, finde ich Sie, Nichtswürdiger, wie können Sie so ehrlich aussehen und mich betrügen?

Luise (zu Freyer): Wir sind verraten, Demut hilft allein.

Freyer ((wirft sich vor Goldmann nieder): Verzeihung, würd'ger Freund, ich bin schuldig, aber weniger, als ich scheine.

Goldmann: Warum konnten Sie nicht offen zu mir reden, wenn Sie in Not waren? kannten Sie mich nicht besser durch so manches Gute, was ich Ihnen erwiesen? Undankbarer!

Wetz: Undankbarer!

Freyer: Ich hätte Ihnen gewiß alles eingestanden, aber die Verwirrungen dieser Stunden machten es unmöglich.

Goldmann: Was hilft das Eingestehen, wenn es zu spät ist.

Luise (kniet nieder): Hören Sie mich, Vater, ich trage allein die Schuld, ich habe ihn verführt, ich sage das nicht aus übermütiger Großmut, nein, ich allein erfand diese List.

Goldmann: Rührt mich der Schlag nicht, so leb ich ewig. Mein einz'ges Kind verführt meinen treusten Freund zum Diebstahl. Fort aus dem Hause, falscher Wechselmacher, fort aus dem Hause, Betrügerin des eignen Vaters!

Freyer (steht auf): Falscher Wechselmacher? Hier waltet ein größerer Irrtum; daß ich Luise liebe, daß sie mir ihre Liebe gestand, was hat das mit Wechseln zu tun?

Goldmann: Du liebst also den Dieb, Luise; bist du toll?

Luise: Ja, Vater, von ganzer Seele.

Goldmann: So haben Sie nicht allein mich an Geld, sondern auch um der Tochter Herz bestohlen.

Freyer: Geld gestohlen? Ich dulde kein solches Wort, Herr Goldmann. Ich bekannte meine Schuld, daß ich Ihre Tochter liebte; Ihr Geld war mir ein unverletztes Heiligtum, auch habe ich nie danach verlangt, ich hatte im Überfluß, was ich brauchte.

Wetz: Schweigen Sie, Herr Freyer, Sie sind überwiesen, und Herr Goldmann will Ihnen die Strafe schenken, wenn Sie nur eingestehen.

Goldmann: Dies ist mein Zeuge, daß ich diese falschen Wechsel in Ihrem Pulte gefunden; er ist Zeuge, daß Sie durch ihn andre sich haben auszahlen lassen.

Luise: Ach, Freyer, soll ich's glauben? Gewiß, Sie sind unschuldig, ich glaube an Sie.

Freyer (durchsieht die Papiere): Gut nachgemacht Ihre Unterschrift, Herr Goldmann, doch nicht ganz, hier fehlt der eine Gegenstrich am Vornamen, hier die beiden Punkte.

Goldmann: Ja, fragen Sie sich selbst, warum Sie die vergessen.

Freyer: Also heute in meinem Pulte gefunden, gerade heute. Und heute ließ ich zum erstenmal mein Pult auf, Luise weiß es. Jetzt wird mir alles klar. Wetz, Sie sind ein Teufel, so kaltblütige Bosheit hätte ich Ihnen nicht zugetraut.

Wetz: Sie werden noch sagen, daß jeder ehrliche Mensch, der mit Ihren falschen Wechseln nichts zu tun haben will, ein Teufel ist!

Freyer: Wetz, ich scheine Ihnen verloren? Bedenken Sie sich wohl, eine höhere Hand rettet unschuldige Herzen. Bekennen Sie, daß Sie der Verbrecher sind.

Wetz: Was soll das? Ich ruhe nicht, bis Sie auf der Festung sitzen.

Goldmann: Was wollen Sie sagen, Freyer? Stille, alle!

Freyer: Erst jetzt erkläre ich mir einen Brief, den ich Ihnen heute statt eines andern abgenommen und erst flüchtig nur durchlaufen habe. Sehn Sie, Wetz, kennen Sie die Überschrift?

Wetz (reißt ihn fort): Was geht er Sie an? er ist an mich, er ist von meiner Braut.

Rittmeister (greift zu, nimmt ihm den Brief und gibt ihn an Goldmann): Halt, Herr, so ist die Ordnung.

Goldmann (liest den Brief: »Ich habe die hundert Friedrichsdor von dir in meinen Rock genäht, wir haben jetzt genug, ich bitte dich, wage nicht zuviel, der Freyer ist ein Fuchs, er wird die falschen Wechsel sicher herausfinden; laß uns schon heute gehen, der Schiffer ist bereit, dein Tinchen.« – Verruchter!

Wetz: Ich bin schuldig, ich bin verloren; Gnade! Sie sind so gütig, Herr Goldmann.

Goldmann: Gnade gegen unglückliche, verirrte Sünder, Strafe gegen boshafte! He, Hausknechte, führt den Schurken Wetz auf die Wache.

Wetz: Der verfluchte Freyer behält doch recht, er schickt mich fort. (Die Hausknechte führen ihn fort.)

Graf: Wunderbare Geschichte, hm, der arme Herr Freyer.

Luise: Gott im Himmel sei gelobt, ich erwache aus Todesangst.

Goldmann: Freyer, ich stehe vor Ihnen sehr verlegen, ich habe Ihnen weh getan in meiner Hitze, sehr weh, wie soll ich das gut machen?

Rittmeister: Sie sind alle verlegen, ich allein weiß Rat. Sie sind mir gut, Herr Goldmann, ich Ihnen auch, ich gebe Ihnen den besten Rat. Es gibt nur ein Mittel, diese Beleidigung des ehrlichen Freyer zu verwischen. Sie hören, daß er Luisen, daß Luise ihn liebt, geben Sie ihm die schöne Tochter, ich bin ein Krüppel und muß Ihnen ohnedies Ihr Versprechen zurückgeben.

Luise: Sie sind gerührt, Vater, folgen Sie dem Rate des edlen Grafen! Sie können nicht zürnen, daß mein Herz, das sich selbst bewegt, auch selbst gewählt hat.

Goldmann: Freyer, wollen Sie mir schwören, daß Sie diese Geschichte ganz vergessen wollen, so will ich Ihnen gern meine Tochter zur Beschwichtigung geben. Aber Ihr Wort, daß Sie nie den Namen Wetz vor mir aussprechen. Freyer, tun Sie mir den einzigen Gefallen, nehmen Sie meine Tochter, aber gleich auf der Stelle.

Freyer: O mein gütiger alter Freund, o mein Vater, die Tränen ersticken meinen Dank.

Luise: Lieber, lieber Vater, wir wollen leben wie die Engel im Himmel.

Goldmann: Gott segne euch, es kommt jetzt alles in Ordnung; wenn ich jetzt auf die Jagd gehen will, so führt Freyer meine Geschäfte, ich übergebe ihm alles. (Der Rittmeister wirft die Krücken fort und drückt des alten Goldmann Hände.)

Rittmeister: Die Freude heilt alle meine Beinbrüche.

Graf: Hm, was, mein Sohn gesund?

Rittmeister: Vater, ich bin auch ein reuiges Kind.

Graf: Hm, was für Komödie, hm! Wie! Warum!

Rittmeister: Ach lieber Vater, ich bin heimlich mit einer schönen Witwe vermählt, da ging's doch nicht an, daß ich noch einmal heiratete, und Sie überraschten mich so unerwartet mit dem Verlobungsringe, daß ich kein Mittel wußte als die Notlüge mit dem neuen Exerzitium.

Graf: Hm, infamer Junge, ich enterbe dich. Wie heißt die Witwe?

Rittmeister: Gräfin Ulks.

Graf: Die hätte ich selbst gern genommen, hm.

Goldmann: Herr Graf, versöhnen Sie sich, enterben Sie nicht Ihren braven Sohn!

Graf: Hm, sehn Sie nur, wie er lacht, das Enterben sagt nicht viel, hm, hab nichts.

Rittmeister:

Noch habe ich mein Schwert
Und meinen treuen Schimmel,
Da reit ich von der Erd'
Gerade in den Himmel.

Es steht mein liebes Weib
In unsrer Witwenkasse,
Da fehlt kein Zeitvertreib,
Wenn ich die Welt verlasse;

Die Kinder groß und klein,
Die spielen schon Soldaten
Und hauen tapfer ein
In einen guten Braten.

Goldmann: Ach meine Freunde, dabei fällt mir ein, daß der Bediente mir schon vor einer halben Stunde gesagt hat, das Essen stehe auf dem Tische. Also schnell ohne Umstände zu Tisch! Verliebte und Hungrige machen keine Umstände.

Rittmeister: Aber die Moral, wo bleibt die?

Goldmann: Wenn sich das Laster bestraft, setzt sich die Tugend zu Tisch.








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