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Honoré de Balzac: Leb wohl! - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleLeb wohl!
publisherIm Insel-Verlag
year1951
translatorErnst Weiß
correctorreuters@abc.de
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Leb wohl!

»Auf, Zentrumsdeputierter, vorwärts! Es gilt, im Geschwindschritt zu marschieren, wenn wir zugleich mit den andern zu Tisch kommen wollen. Auf die Beine! Springen, Marquis! So, schön! Sie laufen wie ein wahrer Hirsch über die Furchen!«

Diese Worte sprach ein Jäger, der friedlich am Rande des Waldes von L'Isle-Adam saß und eben seine Havanna beendete; er wartete auf seinen Gefährten, der sich zweifellos schon vor längerer Zeit im Dickicht des Waldes verirrt hatte. Zu seinen Seiten blickten vier keuchende Hunde wie er dem Manne entgegen, an den er seine Worte richtete. Um zu verstehen, wie spöttisch seine Ansprache, die er von Zeit zu Zeit wiederholte, gemeint war, muß man wissen, daß der ragende Bauch des Angeredeten, eines dicken und untersetzten Mannes, eine wahrhaft beamtenmäßige Wohlbeleibtheit zeigte. Es machte ihm denn auch weidliche Mühe, die Furchen eines großen frisch gemähten Feldes zu durchqueren, dessen Stoppeln ihm seinen Marsch beträchtlich erschwerten; um das Ganze noch schmerzlicher zu machen, sammelten die Sonnenstrahlen auf seiner Stirn, die sie in schrägem Einfall trafen, dicke Schweißtropfen. Da ihn vor allem die Sorge in Anspruch nahm, sein Gleichgewicht zu bewahren, so neigte er sich bald nach vorn und bald nach hinten, so daß seine Bewegungen den Sprüngen eines stark hin und her geworfenen Wagens glichen. Der Tag gehörte zu jenen Septembertagen, an denen unter äquatorialen Gluten die Trauben reifen. Das Wetter deutete auf ein kommendes Gewitter. Obgleich am Horizont noch ein paar große blaue Flächen die schweren schwarzen Wolken trennten, sah man schon mit erschreckender Geschwindigkeit gelbliche Gewitterwolken nahen, die von Osten bis nach Westen einen leichten grauen Vorhang spannten. Da der Wind sich nur in den oberen Regionen der Luft bewegte, so drückte die Atmosphäre unten die glühenden Ausdünstungen der Erde zusammen. Das Tal, durch das der Jäger kam, war von hohen Waldbeständen umgeben, die es der Luft beraubten, und also herrschte die Temperatur eines Schmelzofens. Der Wald, der schweigsam und glühend dalag, schien zu dürsten. Die Vögel und Insekten waren verstummt, und die Wipfel der Bäume neigten sich kaum. Jeder also, dem noch eine Erinnerung an den Sommer des Jahres 1819 bleibt, muß Mitleid haben mit dem Leiden des armen Beamten, der Wasser und Blut schwitzte, um zu seinem spöttischen Gefährten hinzugelangen. Während dieser seine Zigarre rauchte, hatte er nach dem Stande der Sonne berechnet, daß es etwa fünf Uhr nachmittags sein mochte.

»Wo zum Teufel sind wir?« fragte der dicke Jäger, indem er sich die Stirn abwischte und sich seinem Gefährten fast gegenüber an einen Baum lehnte, denn er fühlte nicht mehr die Kraft, den breiten Graben zu überspringen, der sie noch trennte. »Und danach fragen Sie mich?« antwortete lachend der andere, der an der Böschung in den hohen gelben Kräutern lag. Er warf den Rest seiner Zigarre in den Graben und rief: »Ich schwöre beim heiligen Hubertus, daß man mich nicht wieder dabei ertappen soll, wie ich mich mit einem Beamten in unbekannte Gegenden wage, und wäre er auch wie Sie, mein lieber d'Albon, ein alter Schulkamerad!« »Aber Philipp, verstehen Sie denn kein Französisch mehr? Sie haben Ihren Geist wohl in Sibirien gelassen«, erwiderte der Dicke, indem er einen schmerzlich komischen Blick auf einen Wegweiser warf, der hundert Schritte weiter hin stand. »Ich verstehe«, erwiderte Philipp, der seine Flinte ergriff, aufsprang, mit einem Satz im Feld war und auf den Wegweiser zulief. »Hierher, d'Albon, hierher! Linksum!« rief er seinem Gefährten zu, indem er ihm mit einer Handbewegung eine breite gepflasterte Straße zeigte. »Die Straße von Baillet nach L'Isle-Adam«, fuhr Philipp fort; »in dieser Richtung also müssen wir die nach Cassan finden, denn die zweigt von der nach L'Isle-Adam ab.« »Ganz recht, Herr Oberst«, sagte d'Albon, indem er eine Mütze auf den Kopf setzte, mit der er sich zugefächelt hatte. »Vorwärts also, ehrenwerter Herr Rat«, erwiderte der Oberst, und er pfiff den Hunden, die ihm schon besser zu gehorchen schienen als dem Beamten, dem sie gehörten.

»Wissen Sie, Herr Marquis,« sagte der tückische Offizier, »daß wir noch mehr als zwei Stunden vor uns haben? Das Dorf, das wir da unten sehen, muß Baillet sein.« »Großer Gott!« rief der Marquis d'Albon aus; »gehen Sie nach Cassan, wenn es Ihnen Vergnügen macht, aber Sie müssen allein gehen; ich ziehe es vor, trotz dem Gewitter hier auf das Pferd zu warten, das Sie mir aus dem Schloß schicken werden. Sie haben sich über mich lustig gemacht, Sucy. Wir wollten eine hübsche kleine Jagdpartie unternehmen, ohne uns von Cassan zu entfernen; wir wollten die Felder durchstöbern, die ich kenne. Bah, statt uns zu amüsieren, haben Sie mich seit vier Uhr morgens wie einen Windhund umhergehetzt. Und zum Frühstück haben wir nichts gehabt als zwei Tassen Milch! Ah, wenn Sie jemals einen Prozeß bei unserm Gerichtshof anhängig machen, so werde ich dafür sorgen, daß Sie ihn verlieren, und wären Sie hundertmal im Recht.« Der entmutigte Jäger setzte sich auf einen der Marksteine, die am Fuße des Wegweisers standen, warf seine Flinte sowie seine leere Jagdtasche zu Boden und seufzte tief auf. »Frankreich, das sind deine Volksvertreter!« rief lachend Oberst von Sucy. »Ach, mein armer d'Albon, hätten Sie wie ich sechs Jahre im tiefsten Sibirien gesteckt ...« Er beendete seinen Satz nicht und hob die Augen gen Himmel, als wären seine Leiden ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. »Auf, vorwärts!« fügte er hinzu; »wenn Sie sitzen bleiben, so sind sie verloren.« »Was wollen Sie, Philipp! Es ist die alte Richtergewohnheit! Übrigens bin ich am Ende meiner Kräfte! Wenn ich wenigstens noch einen Hasen geschossen hätte!«

Die beiden Jäger stellten einen seltenen Gegensatz dar. Der Richter war zweiundvierzig Jahre alt und sah aus, als wäre er noch nicht dreißig, während der Offizier, der dreißig war, mindestens vierzig zu sein schien. Beide trugen die rote Rosette, das Abzeichen der Offiziere der Ehrenlegion. Unter der Mütze des Obersten stahlen sich ein paar Haarsträhnen hervor, in denen wie im Flügel einer Elster Weiß und Schwarz gemischt war; die Schläfen des Richters prangten in schönen blonden Locken. Der eine war hochgewachsen, trocken, hager, nervig, und die Runzeln seines Gesichts verrieten schreckliche Leidenschaften oder furchtbares Unglück; das Gesicht des andern strahlte von Gesundheit und war jovial und eines Epikureers würdig. Beide waren stark von der Sonne verbrannt, und ihre langen Gamaschen aus falbem Leder zeigten die Spuren aller Gräben und aller Sümpfe, die sie durchquert hatten.

»Auf,« rief Herr von Sucy, »vorwärts! Nach einem Marsch von einer kleinen Stunde sitzen wir in Cassan vor einer guten Tafel.« »Sie können nie geliebt haben«, erwiderte der Rat mit einem jämmerlich komischen Gesicht; »Sie sind unerbittlich wie der Paragraph 304 des Strafgesetzbuchs.«

Philipp von Sucy zitterte heftig; seine Stirn zog sich in Runzeln, sein Gesicht wurde so finster, wie es der Himmel in diesem Augenblick war. Obgleich eine Erinnerung von furchtbarer Bitterkeit all seine Züge zusammenzog, weinte er nicht. Kraftvollen Männern gleich wußte er seine Empfindungen in die Tiefe des Herzens zu verschließen; und vielleicht hinderte ihn auch, wie viele reine Charaktere, die Scham, seine Schmerzen zu entschleiern, da doch kein menschliches Wort ihre Tiefe wiedergeben kann und man zugleich den Spott der Menschen fürchtet, die sie nicht verstehen wollen. Herr d'Albon hatte eine jener zarten Seelen, die fremde Leiden erraten und lebhaft die Erschütterung mitfühlen, die sie wider Willen durch ein Ungeschick hervorgerufen haben. Er achtete das Schweigen seines Freundes, stand auf, vergaß seine Müdigkeit und folgte ihm schweigend, ganz betrübt, daß er an eine Wunde gerührt hatte, die wahrscheinlich noch nicht vernarbt war. »Eines Tages, mein Freund,« sagte Philipp, indem er ihm die Hand drückte und ihm durch einen herzzerreißenden Blick für seine stumme Reue dankte, »eines Tages werde ich dir mein Leben erzählen. Heute könnte ich es nicht.«

Sie schritten schweigend weiter. Als der Schmerz des Obersten sich gelegt zu haben schien, spürte der Rat seine Mattigkeit von neuem; und mit dem Instinkt oder vielmehr dem Willen eines erschöpften Menschen sondierte sein Auge alle Tiefen des Waldes; er untersuchte die Wipfel der Bäume, warf prüfende Blicke in die Alleen und hoffte immer, dort irgendeinen Ort zu finden, in dem er um Gastfreundschaft bitten könnte. Als sie an einen Kreuzweg kamen, glaubte er einen leichten Rauch zu bemerken, der sich zwischen den Bäumen erhob. Er blieb stehen, sah aufmerksam hin und erkannte mitten auf einer riesigen Grasfläche die grünen und düstern Äste einiger Fichten.

»Ein Haus! Ein Haus!« rief er mit solcher Freude, wie ein Seemann ›Land! Land!‹ gerufen hätte. Dann eilte er lebhaft durch ein ziemlich wildes Dickicht; und der Oberst, der in tiefes Sinnen versunken war, folgte ihm mechanisch. »Ich will lieber hier eine Omelette, hausbackenes Brot und einen Stuhl vorfinden, als nach Cassan gehen, um Diwane, Trüffeln und Bordeauxwein zu suchen!« Diese Worte waren ein Begeisterungsruf, der dem Rat beim Anblick einer Mauer entfuhr, deren weißliche Farbe sich in der Ferne von der braunen Masse der knorrigen Stämme des Waldes abhob. »Aha, das sieht mir ganz nach einer alten Abtei aus!« rief der Marquis d'Albon von neuem, als er zu einem alten schwarzen Gitter kam, durch das er mitten in einem recht geräumigen Park einen Bau im Stil der einstigen Klostergebäude erblickte. »Wie diese Mönchshalunken sich den Ort zu wählen wußten!«

Dieser neue Ausruf zeugte für die Überraschung des Richters, als sich seinen Blicken ein poetischer Landsitz darbot. Das Haus lag auf halber Höhe am Hang des Berges, auf dessen Gipfel das Dorf Nerville liegt. Die großen hundertjährigen Eichen des Waldes, der rings um diesen Bau einen ungeheuren Kreis beschrieb, machten ihn zu einer wahren Einsiedelei. Das abgesonderte Gebäude, das einst für die Mönche bestimmt war, lag nach Süden zu. Der Park schien etwa vierzig Morgen groß zu sein. Um das Haus erstreckte sich eine grüne Wiese, die von mehreren klaren Bächen und scheinbar ohne künstliche Nachhilfe anmutig angelegten Wasserflächen glücklich durchschnitten wurde. Hier und da erhoben sich grüne Bäume von gefälligen Formen und mannigfaltigem Laub; und ferner gaben geschickt gruppierte Grotten, wuchtige Terrassen mit verfallenen Treppen und verrosteten Geländern dieser wilden Einöde ein besonderes Gepräge. Die Kunst hatte ihre Bauten zierlich mit den malerischsten Gebilden der Natur geeint. Es war, als müßten die menschlichen Leidenschaften ersterben am Fuß dieser großen Bäume, die dem Lärm der Welt den Eingang zu diesem Zufluchtsort wehrten, wie sie auch die Gluten der Sonne milderten.

›Was für eine Unordnung!‹; sagte Herr d'Albon bei sich selber, nachdem er den düstern Ausdruck genossen hatte, den die Ruinen dieser wie von einem Fluch getroffenen Landschaft zeigten.

Das Ganze glich einem Unheilsort, den die Menschen verlassen haben. Überall hatte der Efeu seine vielfach gewundenen Stränge und reichen Tücher aufgehängt. Braunes, grünliches, gelbes und rotes Moos goß seine romantischen Töne über die Bäume, die Bänke, die Dächer und Steine. Die wurmstichigen Fenster waren vom Regen angenagt, von der Zeit verwittert; die Balkone waren zerbrochen, die Terrassen verwüstet. Einige Jalousien hingen nur noch in einer Angel. Die rissigen Türen schienen einem Angreifer nicht mehr standhalten zu können. Die mit den leuchtenden Büschen der Mistel behangenen Äste der vernachlässigten Obstbäume reckten sich weithin, ohne eine Ernte zu geben. Hohe Kräuter wuchsen in den Alleen. Diese Trümmer brachten Wirkungen von hinreißender Poesie in das Bild und erfüllten die Seele des Beschauers mit träumerischen Gedanken. Ein Dichter wäre dort sitzen geblieben, versunken in eine lange Melancholie, während er diese Unordnung voller Harmonie, diese Zerstörung, die nicht ohne Anmut war, bewundert hätte. In diesem Augenblick brachen ein paar Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Wolken, und sie beleuchteten die fast wilde Szene mit Lichtgarben in tausend Farben. Die braunen Ziegel glänzten auf, das Moos leuchtete, phantastische Schatten glitten über das Gras und unter den Bäumen hin; tote Farben erwachten, reizvolle Gegensätze stritten miteinander, und das Laub hob sich in der Helle ab. Plötzlich verschwand das Licht. Die Landschaft, die gesprochen zu haben schien, verstummte und wurde wieder düster oder vielmehr sanft wie der sanfteste Ton einer herbstlichen Dämmerung.

›Das ist Dornröschens Schloß‹, sagte der Rat bei sich; er sah dies Haus bereits nur noch mit dem Blick des Grundbesitzers. ›Wem mag das nur gehören? Er muß hübsch dumm sein, daß er einen so schönen Besitz nicht bewohnt.‹

Plötzlich stürzte eine Frau unter einem Nußbaum hervor, der rechts von dem Gitter wuchs, und ohne das geringste Geräusch eilte sie so schnell wie der Schatten einer Wolke vor dem Rat vorüber; diese Vision ließ ihn vor Überraschung verstummen. »Nun, d'Albon, was haben Sie?« fragte der Oberst. »Ich reibe mir die Augen, um herauszubekommen, ob ich schlafe oder wache«, erwiderte der Richter, indem er sich ans Gitter schmiegte, um zu sehen, ob er die Erscheinung noch einmal zu Gesicht bekäme. »Sie ist wahrscheinlich unter diesem Feigenbaum«, sagte er, indem er Philipp das Laub eines Baumes zeigte, der links vom Tor über die Mauer emporragte. »Wer, sie?« »Nun, kann ich das etwa wissen?« erwiderte d'Albon. »Eben erhob sich dort«, fügte er leise hinzu, »eine seltsame Frau; sie schien mir eher zu den Schatten zu gehören als zur Welt der Lebenden. Sie ist so schlank, leicht und duftig, daß sie durchsichtig sein muß. Ihr Gesicht ist weiß wie Milch. Ihre Kleider, ihre Augen und ihr Haar sind schwarz. Sie sah mich an, als sie vorübereilte; und obwohl ich nicht furchtsam bin, ist mir vor ihrem reglosen und kalten Blick das Blut in den Adern erstarrt.« »Ist sie hübsch?« fragte Philipp. »Ich weiß es nicht; ich habe nur die Augen in dem Gesicht gesehen.« »Zum Henker mit dem Diner in Cassan!« rief der Oberst aus; »lassen Sie uns hier bleiben. Mich verlangt wie ein Kind danach, in diese sonderbare Besitzung einzudringen. Sehen Sie diese rotgestrichenen Fensterrahmen und die roten Striche auf den Tür- und Fensterleisten? Ist es nicht, als wäre dies das Haus des Teufels? Vielleicht hat er die Mönche beerbt. Auf, hinter der weißen und schwarzen Dame her! Vorwärts!« rief Philipp in künstlicher Lustigkeit.

In diesem Augenblick vernahmen die beiden Jäger einen Schrei, nicht unähnlich dem, den ein in der Schlinge gefangener Vogel ausstößt. Sie horchten auf. Das Laub einiger Büsche, die jemand streifte, klang durch die Stille wie das Murmeln einer bewegten Welle; aber obgleich sie horchten, um noch ein paar neue Laute zu erhaschen, blieb der Landsitz schweigsam, und die Erde bewahrte das Geheimnis der Schritte jener Unbekannten, wenn sie überhaupt ging.

»Das ist doch sonderbar!« rief Philipp, indem er der Linie folgte, die die Parkmauern beschrieben. Die beiden Freunde kamen bald zu einer Allee des Waldes, die nach dem Dorfe Chauvry führte. Als sie auf diesem Wege in der Richtung nach Paris zurückgeschritten waren, standen sie plötzlich vor einem großen Gittertor und sahen nun die Hauptfassade des geheimnisvollen Wohnsitzes. Auf dieser Seite erreichte die Unordnung ihren Gipfel. Ungeheure Risse durchschnitten die Mauern dreier Gebäude, die rechtwinklig zueinander erbaut worden waren. Trümmer von Ziegeln und Schiefer lagen zerbröckelt am Boden, und verwahrloste Dächer deuteten auf völlige Vernachlässigung. Einige Früchte waren unter die Bäume gefallen und faulten, statt aufgesammelt zu werden. Auf den Grasplätzen weidete eine Kuh und trat die Blumenbeete nieder, während eine Ziege an den unreifen Weintrauben und dem Laub einer Kletterrebe naschte.

»Hier ist alles Harmonie, und die Unordnung ist gewissermaßen organisiert«, sagte der Oberst, indem er an der Kette einer Schelle zog. Aber die Glocke war ohne Klöppel ... Die beiden Jäger hörten nur den merkwürdig scharfen Klang einer verrosteten Feder. Obgleich die kleine Tür in der Mauer neben dem Gittertor ganz verfallen war, widerstand sie doch jeder Anstrengung. »Oho! All das scheint mir sehr sonderbar«, sagte Philipp zu seinem Gefährten. »Wenn ich nicht Richter wäre,« erwiderte d'Albon, »so würde ich die schwarze Frau für eine Zauberin halten.«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so kam die Kuh an das Gitter und hielt ihnen das warme Maul hin, als triebe sie das Bedürfnis, menschliche Wesen zu sehen. Jetzt aber zog eine Frau, wenn man dem unbestimmbaren Wesen, das sich unter einer Strauchgruppe erhob, diesen Namen geben kann, die Kuh an einem Strick zurück. Die Frau trug auf dem Kopf ein rotes Tuch, unter dem ein paar blonde Haarsträhnen hervorsahen, die dem Hanf auf einer Spindel ziemlich ähnlich waren. Ein Brusttuch trug sie nicht. Ein grober abwechselnd schwarz und grau gestreifter Wollrock, der um einige Zoll zu kurz war, zeigte ihre Beine. Man hätte glauben können, sie gehöre zu einem Stamm der Rothäute, die Cooper feiert; denn ihre nackten Beine, ihr Hals und ihre Arme schienen ziegelrot angestrichen zu sein. Kein Strahl des Verständnisses belebte ihr flaches Gesicht. Ihre bläulichen Augen waren ohne Wärme und trüb. Ein paar spärliche weiße Haare vertraten die Stelle der Augenbrauen. Und schließlich war die Linie ihres Mundes so geführt, daß die schlechtstehenden Zähne, die jedoch weiß waren wie die eines Hundes, daraus hervortraten.

»Heda, Frau!« rief Herr von Sucy. Sie kam langsam ans Tor, indem sie die beiden Jäger mit alberner Miene ansah; bei ihrem Anblick entschlüpfte ihr ein mühsames und gezwungenes Lächeln. »Wo sind wir? Was für ein Haus ist das da? Wem gehört es? Wer seid Ihr? Gehört Ihr hierher?« Auf diese Fragen und noch eine Menge anderer, die beide Freunde nach und nach an sie richteten, antwortete sie nur durch ein paar Kehllaute, die mehr von einem Tier als von einem menschlichen Wesen zu kommen schienen. »Sehen Sie nicht, daß sie taubstumm ist?« sagte der Richter. »Minimen!« rief die Bäuerin. »Ah, sie hat recht; es könnte sehr wohl das ehemalige Kloster der Minimen Orden der Minimen, dessen Stifter François de Paule von Ludwig XI. gewöhnlich ›Bonhomme‹ genannt wurde; daher der im Original stehende Name›Bons-hommes‹. sein«, sagte d'Albon. Die Fragen begannen von neuem. Aber die Bäuerin errötete wie ein launisches Kind, spielte mit ihrem Holzschuh, drehte den Strick der Kuh, die wieder zu weiden begann, und sah die beiden Jäger an, deren Kleidung sie in allen Einzelheiten studierte; sie kläffte, grunzte, gluckste, aber sie sprach nicht. »Du heißt?« fragte Philipp, indem er sie starr ansah, als wollte er sie bezaubern. »Genoveva«, erwiderte sie mit einem stumpfsinnigen Lachen. »Bislang ist die Kuh das vernünftigste Wesen, das wir gesehen haben«, rief der Richter; »ich werde einmal einen Schuß in die Luft schicken, damit jemand kommt.«

In dem Augenblick, als d'Albon zu seiner Waffe griff, hielt der Oberst ihn durch eine Geste zurück und zeigte ihm mit dem Finger die Unbekannte, die ihre Neugier so sehr gereizt hatte. Diese Frau schien in tiefes Sinnen versunken zu sein, und sie kam langsamen Schrittes durch eine ziemlich entfernte Allee daher, so daß die beiden Freunde Zeit hatten, sie prüfend zu betrachten. Sie trug ein Kleid aus ganz abgenutztem schwarzem Satin. Ihr langes Haar fiel ihr in zahlreichen Locken auf die Stirn und um die Schultern; es reichte ihr bis über den Rumpf hinab und diente ihr als Schal. Da sie ohne Zweifel an solche Unordnung gewöhnt war, so strich sie sich die Locken nur sehr selten auf beiden Seiten von den Schläfen zurück; dann aber bewegte sie den Kopf mit einem jähen Ruck, den sie nicht zu wiederholen brauchte, um ihre Stirn oder ihre Augen von dem dichten Schleier zu befreien. Ihre Geste hatte übrigens wie die eines Tieres jene wundervolle mechanische Sicherheit, die bei einer Frau als ein Wunder erscheinen konnte. Die beiden Jäger sahen sie zu ihrem Staunen mit der Leichtigkeit eines Vogels auf den Ast eines Apfelbaums springen und sich dort festhalten. Sie griff nach den Früchten und aß sie. Dann ließ sie sich mit der anmutigen Weichheit, die man bei den Eichhörnchen bestaunt, zu Boden fallen. Ihre Glieder besaßen eine Biegsamkeit, die selbst ihren geringsten Bewegungen den Schein der Anstrengung oder Unbequemlichkeit nahm. Sie spielte auf dem Rasen und wälzte sich, wie es ein Kind hätte tun können. Dann streckte sie plötzlich Füße und Hände von sich und blieb ausgestreckt auf dem Grase liegen, und zwar mit der Schmiegsamkeit, der Anmut und der Natürlichkeit einer jungen Katze, die in der Sonne schläft. Der Donner hatte in der Ferne gegrollt; sie warf sich plötzlich herum und erhob sich mit der wunderbaren Behendigkeit eines Hundes, der einen Fremden kommen hört, auf alle viere. In dieser wunderlichen Haltung trennte sich ihr schwarzes Haar plötzlich in zwei breite Strähnen, die zu beiden Seiten ihres Kopfes herabfielen und beiden Zuschauern dieser Szene erlaubten, ihre Schultern zu bewundern, deren weiße Haut leuchtete wie die Maßliebchen der Wiese, und einen Hals, dessen Vollkommenheit einen Schluß zuließ auf die übrigen Proportionen ihres Körpers.

Sie ließ einen schmerzlichen Schrei ertönen und erhob sich ganz auf die Füße. Ihre Bewegungen gingen so anmutig ineinander über, sie wurden so behend ausgeführt, daß sie nicht ein menschliches Geschöpf, sondern eine jener Töchter der Luft zu sein schien, wie Ossian sie feiert. Sie ging auf eine Wasserfläche zu, schüttelte leicht das eine Bein, um den Schuh abzuwerfen, und schien sich darin zu gefallen, daß sie den alabasterweißen Fuß im Wasser benetzte; zweifellos bewunderte sie die Wellen, die sie hervorrief und die Geschmeiden glichen. Dann kniete sie am Rande des Beckens hin und vergnügte sich wie ein Kind damit, ihre langen Locken hineinzutauchen und sie jäh zurückzuziehen, als wollte sie das Wasser, das sie aufgesogen hatten und das, von den Lichtstrahlen durchleuchtet, zwei Rosenkränzen aus Perlen glich, Tropfen für Tropfen niederrinnen sehen.

»Diese Frau ist wahnsinnig!« rief der Rat.

Ein heiserer Schrei erscholl; Genoveva hatte ihn ausgestoßen; er hallte wider und schien für die Unbekannte bestimmt zu sein, die sich lebhaft aufrichtete und ihr Haar zu beiden Seiten des Gesichts zurückwarf. In diesem Augenblick konnten der Oberst und d'Albon deutlich die Züge dieser Frau sehen, die nun, als sie die beiden Freunde bemerkte, mit der Leichtigkeit einer Hirschkuh in wenigen Sätzen ans Gitter gelaufen kam. »Leb wohl!« sagte sie mit sanfter und harmonischer Stimme, aber ohne daß diese Melodie, auf die die Jäger ungeduldig geharrt hatten, die geringste Empfindung oder den geringsten Gedanken zu verraten schien.

Herr d'Albon bewunderte die langen Wimpern ihrer Augen, ihre dichten schwarzen Brauen, eine Haut von blendender Weiße und ohne die geringste rote Schattierung. Nur kleine blaue Adern durchschnitten ihren weißen Teint. Als der Rat sich zu seinem Freund umwandte, um ihm zu sagen, welches Staunen ihm der Anblick dieser sonderbaren Frau einflöße, sah er ihn wie tot im Grase hingestreckt liegen. Der Rat feuerte seine Flinte ab, um Leute herbeizurufen, und rief: »Zu Hilfe!«, indem er den Obersten wieder aufzurichten versuchte. Bei dem Schall des Schusses entfloh die Unbekannte, die reglos stehen geblieben war, mit der Geschwindigkeit eines Pfeils; wie ein verwundetes Tier stieß sie Schreckensrufe aus und drehte sich unter den Zeichen tiefsten Entsetzens auf der Wiese im Kreise herum. Herr d'Albon hörte auf der Straße nach L'Isle-Adam eine Kalesche rollen, und er ging die Vorüberfahrenden um Hilfe an, indem er mit dem Taschentuch winkte. Der Wagen nahm sofort die Richtung auf das Klostergebäude zu, und Herr d'Albon erkannte in ihm Herrn und Frau von Granville, seine Nachbarn, die sich beeilten, ihr Gefährt zu verlassen und es dem Richter anzubieten. Frau von Granville hatte zufällig ein Riechsalzfläschchen bei sich, das man Herrn von Sucy an die Nase hielt. Als der Oberst die Augen aufschlug, richtete er sie auf die Wiese, wo die Unbekannte noch immer schreiend umherlief. Ihm entschlüpfte ein unverständlicher Ausruf, der eine Empfindung des Grauens verriet; dann schloß er die Augen wieder und machte eine Bewegung, als bäte er seinen Freund, ihn diesem Schauspiel zu entreißen. Herr und Frau von Granville stellten dem Rat frei, über ihren Wagen zu verfügen, indem sie ihm liebenswürdig sagten, sie wollten ihre Spazierfahrt nunmehr zu Fuß fortsetzen. »Wer ist denn diese Dame?« fragte der Richter, indem er auf die Unbekannte deutete. »Man nimmt an, daß sie aus Moulins kommt«, erwiderte Herr von Granville. »Sie nennt sich Gräfin von Vandieres; man sagt, sie sei wahnsinnig; aber da sie erst seit zwei Monaten hier ist, so könnte ich Ihnen nicht für die Wahrheit dieses Geredes bürgen.« Herr d'Albon dankte Herrn und Frau von Granville und brach nach Cassan auf.

»Sie ist es!« rief Philipp, als er wieder zum Bewußtsein kam. »Wer, sie?« fragte d'Albon. Stephanie ... Ach, tot und am Leben, am Leben und wahnsinnig! ... Ich glaubte, ich müßte sterben.«

Der vorsichtige Richter erkannte den Ernst der Krisis, der sein Freund verfallen war, und hütete sich, ihn zu fragen oder zu reizen. Er sehnte sich ungeduldig danach, sein Schloß zu erreichen, denn die Veränderung, die sich in den Zügen und in der ganzen Erscheinung des Obersten vollzog, ließ ihn befürchten, daß die Gräfin mit ihrer furchtbaren Krankheit Philipp angesteckt hätte. Sobald der Wagen die Allee von L'Isle-Adam erreichte, schickte d'Albon den Lakaien zum Arzt des Ortes, so daß der Doktor in dem Augenblick, als der Oberst zu Bett gebracht worden war, auch schon an seinem Kopfkissen saß.

»Wenn der Herr Oberst nicht fast nüchternen Magens gewesen wäre,« sagte der Chirurg, »so wäre er tot. Seine Erschöpfung hat ihn gerettet.« Nachdem er die ersten Vorsichtsmaßregeln, die zu treffen waren, angeordnet hatte, ging er hinaus, um selbst einen beruhigenden Trank zu bereiten. Am folgenden Morgen ging es Herrn von Sucy besser; der Arzt hatte selbst bei ihm wachen wollen. »Ich will Ihnen gestehen, Herr Marquis,« sagte der Doktor, »daß ich eine Verlegung des Gehirns gefürchtet hatte. Herr von Sucy hat eine heftige Erschütterung erfahren. Seine Leidenschaften sind lebhaft; aber der erste Schlag entscheidet bei ihm über alles. Morgen wird er vielleicht außer Gefahr sein.«

Der Arzt täuschte sich nicht, und am folgenden Tage erlaubte er dem Richter, seinen Freund wiederzusehen. »Mein lieber d'Albon,« sagte Philipp, indem er ihm die Hand drückte, »ich erwarte einen Dienst von dir! Eile schleunigst zum Kloster; erkundige dich nach allem, was die Dame angeht, die wir dort gesehen haben, und kehre schnell zurück, denn ich werde die Minuten zählen.«

Herr d'Albon sprang auf ein Pferd und galoppierte bis zur ehemaligen Abtei. Als er ankam, bemerkte er vor dem Gittertor einen großen dürren Menschen von einnehmendem Gesicht, der des Richters Frage, ob er dies verfallene Haus bewohne, bejahte. Herr d'Albon erzählte ihm, weshalb er käme.

»Wie!« rief der Unbekannte, »Sie hätten diesen verhängnisvollen Schuß getan? Sie hätten meine arme Kranke fast getötet!« »Aber ich habe in die Luft geschossen.« »Sie hätten der Frau Gräfin weniger geschadet, wenn Sie sie getroffen hätten.« »Nun, wir haben einander nichts vorzuwerfen, denn der Anblick Ihrer Gräfin hat meinen Freund, Herrn von Sucy, fast getötet.« »Wäre es der Baron Philipp von Sucy?« rief der Arzt, indem er die Hände zusammenschlug. »Ist er in Rußland gewesen, beim Übergang über die Beresina?« »Ja,« erwiderte d'Albon, er wurde von den Kosaken gefangen genommen und nach Sibirien gebracht; vor etwa elf Monaten ist er zurückgekehrt.« »Treten Sie ein«, sagte der Unbekannte, indem er den Richter in einen Salon im Erdgeschoß des Wohnsitzes führte, wo alles die Spuren launischer Zerstörung trug. Kostbare Porzellanvasen lagen zerbrochen neben einer Uhr, deren Gehäuse verschont geblieben war. Die seidenen Vorhänge vor den Fenstern waren zerrissen, während der doppelte Musselinvorhang heil war. »Sie sehen«, sagte er beim Eintritt zu Herrn d'Albon, »die Verwüstungen, die das reizende Geschöpf anrichtet, dem ich mich gewidmet habe. Sie ist meine Nichte. Trotz der Ohnmacht meiner Kunst hoffe ich, ihr eines Tages die Vernunft zurückzugeben, wenn ich eine Methode anwenden kann, die zum Unglück nur reichen Leuten erlaubt ist.« Dann erzählte er, wie alle Leute, die in der Einsamkeit wohnen, von einem wiederauflebenden Schmerz gequält, dem Richter ausführlich das folgende Abenteuer, dessen Bericht hier geordnet und von den zahlreichen Abschweifungen befreit wurde, die sowohl Erzähler wie Hörer sich gestatteten.

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