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Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Kleine Reise

Otto Julius Bierbaum: Kleine Reise - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpubca. 1907
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleKleine Reise
pages483-521
created20050523
sendergerd.bouillon
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Otto Julius Bierbaum

Kleine Reise

Ich hatte mich mehr als vier Monate lang den wildesten und schädlichsten nächtlichen Ausschweifungen ergeben, denen ein Mensch unterliegen kann, wenn die natürliche Anlage zum Laster des Arbeitens bei ihm mächtiger ist als die Gabe bedachtsamen Maßhaltens. Es war so weit gekommen, daß ich früh um acht ins Bett ging und nachmittags um vier aufstand. Mitternacht war für mich Mittag geworden, und ich vernahm sowohl die nächtlich schluchzende Nachtigall wie die morgendlich tirilierende Lerche, nicht zu vergessen das biedere Käuzchen, das so seltsam klagt, wenn es verliebt oder hungrig ist. So viel Musik geht auf die Nerven. Ein guter Freund (meine Frau) drückt mir ein Köfferchen und etwas Reisegeld in die Hand, zitierte die Lehren von Nervenärzten der verschiedensten wissenschaftlichen Ueberzeugungen, die aber alle darauf hinausliefen, daß der Mensch in der Nacht schlafen soll, und setzte mich mit diesen Worten vor die Tür:

Fahre wohl! – Wieso? fragte ich; ich sehe kein Automobil, und ich würde mich selbst Lügen strafen, wenn ich mit der Eisenbahn reiste. Ich bin doch kein Frachtstück. – Du sollst auch nicht zu deinem Vergnügen, sondern zur Strafe reisen, antwortete der grausame Freund, und außerdem macht es einen besseren Eindruck, wenn du mit der Eisenbahn fährst. Die dritte Klasse wird am wenigsten übelgenommen.

So trabe ich mit meinem Köfferchen ab. Es war halb sieben Uhr abends, und ich hatte schreckliches Heimweh nach meinem Schreibtische. Aber ich wußte: Umkehr war ausgeschlossen. Sämtliche Fallbrücken meines Schlosses (ich habe bekanntlich ein Schloß) waren sofort hochgezogen worden, und wenn ich im Hemd und auf den Knien um Einlaß gewimmert hätte, man (man!) würde mir die Zunge des Hohnes gezeigt haben.

Also stieg ich in den »Nahpersonenzug«, wie man jetzt in München die Vorortzüge heißt, weil darin die Personen oft sehr nahe beieinander sitzen.

Das erste Ziel meiner Reise war München. Da ich die Tour Pasing-München etwa alle zehn Tage mache, erlebe ich auf ihr nichts mehr. Nur die selten betretene Ferne spendet Abenteuer. Doch erschien es mir merkwürdig und als ein gutes Omen, daß von Pasing bis Laim (sprich: Loam, das m nasal) niemand den Walzer aus der Lustigen Witwe summte. Dafür stieg in der Station Zentralwerkstätte (sprich: Tralwerkstätte) ein Bahnarbeiter ein, der sich über die »Salome« kritisch äußerte. In München (sprich: Mingka) war ein Menschenauflauf auf dem Starnberger Bahnhof, weil der Teckel (sprich: Dackl) eines Kunstmalers sich weigerte, den Zug zu besteigen. Da der Dackl beim Münchener Publikum göttliche Verehrung genießt, fehlte nicht viel, daß der Maler gelyncht worden wäre, weil er das edle Tier, das ihn besaß, ein Luder zu heißen wagte. Eine alte Dame schloß ihn (nicht den Maler, der durchaus Nebenperson war, sondern den Dackl) in die Arme und überredete ihn mit einer Regensburger Wurst, seinen zweifellos sehr berechtigten Widerstand aufzugeben und nach Pasing zu reisen.

Ich aber, als ich die Regensburger Wurst sah, sprach: Sit Omen! und beschloß, nach Regensburg zu reisen.

Eine schöne Festigkeit kam über mich. Ich hatte ein Ziel. Ich werde heute nacht dort schlafen, sagte ich mir, wo der Regen in die Donau fließt (wenn ich nicht irre); ja, ich werde sogar dann in Regensburg schlafen, wenn dort ein anderer oder gar kein Fluß in die Donau fließen sollte.

Ich hätte das nicht mit solcher Bestimmtheit behaupten sollen, denn der letzte Regensburger Zug fuhr gerade ab, als ich an die Schranke kam.

Was tun? Sollte ich fünfzehn Bahnminuten von meinem Schloß (ich besitz bekanntlich ein Schloß) entfernt in einem Münchener Hotel übernachten? Unmöglich! Fünfzehn Minuten von meinem Schreibtisch entfernt kann ich sicher nicht schlafen. Zum Glück belehrte mich ein königlich bayerischer Fahrplan, daß 11 Uhr 15 Minuten ein Zug nach Landshut ging. Ein vortrefflicher Zug sogar: ein Eilzug, der nur dreiviertel Stunden länger braucht als ein Schnellzug. Ein Eilzug ist nämlich kein Schnellzug. Nur ein Schnellzug ist ein schneller Zug an sich. Ein Eilzug ist nur ein gemeiner Zug, der es etwas eilig hat. Sagen wir: ein Bummelzug, der mit ein paar Minuten renommiert, die er früher ankommt, als es sein Temperament eigentlich erlaubt. Wer Sinn für den Reiz der Nüance hat, wird das sympathisch finden.

So beschloß ich denn, diesen sympathischen Zug zu nehmen und in der Zwischenzeit Kunst zu genießen.

Ins Hof- und Nationaltheater (sprich: . . . . doch nein: es ist nicht alles zu schreiben erlaubt, was ein königlich bayerischer Darstellungsbeamter sagen darf) wollte ich nicht gehen, weil sich dieses Institut augenblicklich im Kriegszustand befindet und der Zweck meiner Reise ja Beruhigung sein sollte. Das Stück, das im Schauspielhaus gegeben wurde, kannte ich schon, weil ich es trotz des strikten Verbotes, das Lyrikern jede dramatische Tätigkeit streng untersagt, selber geschrieben habe, und über die Novität des Volkstheaters, »Charleys Tante«, habe ich mich bereits als bartloser Jüngling totgelacht. Also wandte ich meine Schritte dem Deutschen Theater zu, das seinen Namen in der Tat führt, weil der echte Deutsche das Varietétheater jedem anderen vorzieht.

Heilige Nemesis! Fräulein Bozena Bradsky trat »in ihrem Repertoire« auf, und dazu gehört natürlich die Melodie zum Lustigen Ehemann, wenn auch dessen vertrallallatisierter Text, den ewigen Göttern sei Dank, endlich zum wohlverdienten Orkus hinabtrallat ist. Aber immerhin: zum Melancholischwerden war's doch, obwohl Fräulein Bradsky noch immer eine charmante Künstlerin ist. Indessen vertrieb die himmlische Rosario Guerrero, die wirklich ein Rosenkranz von Schönheit, Grazie und Kunst genannt werden darf, alle schwarzblütigen Anwandlungen. Alle Gnaden, mit denen der Himmel die romantischen Völker ausgezeichnet hat, sind über sie ausgegossen. Alles an ihr ist lauterste Schönheit, und zwar, mit Feuerbach zu reden, »Schönheit mit lebendigem Inhalt«. Es erscheint wie ein unbegreifliches Wunder, daß derlei Offenbarungen sich in ihrer Reinheit erhalten können, obwohl sie täglich produziert, zur Schau gestellt werden. Es gibt in der Kunst eine unbefleckte Empfängnis.

Ich ergriff die Flucht, als ein Wiener Komiker das Gebiet der Zeitgeschichte mit Witzen betrat, die nicht auf das Zwerchfell, sondern auf den Magen wirkten.

Mein behaglich dahinschlendernder Eilzug behob das Gefühl von Uebelkeit bald, und es tat mir fast leid, als er mich kurz vor ein Uhr in Landshut absetzte. Gleich einer Wiege hatte er mich müde geschaukelt. Jetzt fahr' ich, dacht' ich mir, im Hotelomnibus zum alten »Kronprinzen« neben der Martinskirche, die den zweithöchsten Kirchturm der Erde besitzt, und dann will ich schlafen, daß es eine Art hat. Selbst die Falken in der Turmrose des heiligen Martin sollen in ihrem gotischen Neste nicht besser schlafen.

Wieder eine voreilige Behauptung. Keine Ahnung von einem Hotelomnibus war da, und ein anderer Wagen auch nicht.

Nun wäre es das Nächstliegende gewesen, zu Fuße zum Kronprinzen zu pilgern, das Köfferchen in der Hand und den Torgauer Marsch auf den Lippen. Eine halbe Stunde durch die Nacht zu wandern ist am Ende noch keine Pönitenz.

Aber da taucht der böse Engel der Faulheit neben mir auf in Gestalt eines Landshuter Bürgersmannes mit einem großen Bart aus brauner Wolle im Gesichte. Und sagt: Hundert Schritte links steht ein Gasthof . . . . Hundert Schritte links . . ., das ist eine Minute gegen dreißig! – und ich wog das Köfferchen und ging hundert Schritte links, Fröhlichkeit im Herzen, das Köfferchen in der Hand und den Torgauer Marsch auf den Lippen.

Ich hätte besser einen Trauermarsch pfeifen sollen.

Auf das Gasthaus? Nein, auf mich. Den Trauermarsch eines Sybariten.

War das Bett nicht ganz erträglich? Das Zimmer nicht immerhin ein Zimmer?

Ja doch. Aber es roch muffig, und in den Krügen war kein Wasser. Und dann: nebenan rangierten fleißige Leute die Güterzüge. Und: die Stearinkerze hatte einen schlechten Atem und brannte außerdem düster. Und: das Fenster war undicht. Und – überhaupt! Ich werde doch wohl noch das Recht haben, abends ein Glas Wasser zu trinken und in Balzacs »contes drôlatiques« zu lesen! Wie?

Und dann: Ruhe! Herrgottsdonnerwetter, Ruhe! Wenn ich einschlafen soll, ist es keiner Mücke erlaubt, zu niesen, geschweige denn, daß königlich bayerische Lokomotiven losbrüllen. Ja, brüllen! Denn das ist kein Pfeifen, sondern wüstes Gebrüll. Ich verbitte mir das! Auch soll das Fenster nicht quietschen und – ewige Vorsehung, ist das erlaubt? –: jetzt schnarcht ein Mensch! Es gibt da nebenan einen Menschen, der die Frechheit, ja die Infamie besitzt, zu schnarchen. Zu schnarchen? Nein: er röchelt. Verröcheln soll er. Ich bezahle die Beerdigung.

Ob ich einen Stiefel gegen die Tür schleudere!

Der Einfall ist gut. Aber dieses Gasthaus scheint, dem Stallgeruch nach zu schließen, hauptsächlich von Personen des Fuhrgewerbes frequentiert zu werden, und diese pflegen ebenso hitzig wie stark zu sein. Ich bin nicht feig, soweit es sich um Realinjurien von Leuten handelt, die Visitenkarten haben. Wo aber die Visitenkarte durch einen Peitschenstiel ersetzt wird, habe ich die Empfindung, daß es gefährlich ist, den Schnarchenden zu wecken.

Also tobte ich meinen Zorn schweigend aus. Und richtig: wie ein böses Kind sich in den Schlaf weint, wütete ich mich in den Schlaf. Die Uhr hatte eben drei geschlagen, als ich eingeschlafen war, Als ich erwachte, war es halb vier.

Eine halbe Stunde! Wenn »man« das zu Hause wüßte! Dazu war ich also von meinem Schreibtisch verjagt worden, um hier, einem Fuhrmann benachbart, völlig unproduktiv meinen Grimm in mich hineinzufressen? Eine halbe Stunde!

Ich stand auf und sockte im Zimmer hin und her wie ein traurig unsteter Eisbär hinter den Käfigstangen.

Bis um fünf. Dann nahm ich mein Köfferchen und wandte mich von dannen. Da ich mich nicht hatte waschen können, das Waschzeug aber mechanisch beim Eintritt ins Zimmer ausgepackt hatte, so vergaß ich es mitzunehmen. An dem Brunnen, an dem ich mich wusch, stöhnend, als ob das etwas Furchtbares wäre, während es doch eigentlich sehr poetisch ist, sich an einem Brunnen zu waschen (nicht?), merkte ich es nicht. Und nun trauert meine verwaiste Seifendose und meine Handbürste, die wie ein märchenhaft nach allen Seiten Borsten ausstrahlendes Tier aus der Zoologie Markus Behmers ist, in der schmählichsten Verlassenheit auf einem schlechthin unmöglichen Waschtisch aus Blech, das Marmor heuchelt.

Der Bahnhof zu Landshut war nicht darauf vorbereitet, mich in so früher Morgenstunde würdig zu empfangen. Der Mann, dem ich mein Köfferchen bis 6 Uhr 40 Minuten anzuvertrauen gedachte, da es mir komisch vorgekommen wäre, meinen kümmerlichen Reisebesitz unablässig in der Hand zu tragen, wie es Damen mit ihren Pretiosentaschen tun, erhob sich eben hinter einem Verschlage und erschien in Unterhosen, die so sehr ohne alle Beamtenauszeichnung waren, daß ich mich anfangs fragte, ob ich einem so mangelhaft beglaubigten Manne mein Gepäck überlassen dürfte. Da er aber bald darauf eine Beamtenmütze aufsetzte, überantwortete ich ihm, durch ein bißchen dunkelblaues Tuch sofort beruhigt, alle meine Instrumente zur Aufrechterhaltung der persönlichen Reinlichkeit, mein Nachthemd, meinen schönen Balzac-Band, meine Taschentücher, meinen Bädeker über Süddeutschland, und ein Gedicht, von dessen unbeschreiblicher Herrlichkeit ich so lange überzeugt sein werde, bis es gedruckt vor mir liegt. Denn durch die Berührung mit Druckerschwärze verlieren alle meine Gedichte für mich jeden Reiz. Gefühle, die durch eine Buchdruckpresse gegangen sind, sind wie aufgespießte und hinter Glaswänden zur Schau gestellte Schmetterlinge. Jeder Adolf Bartels kann seine Nase darüber halten. Freilich auch jedes hübsche und zärtliche Kind sein Näschen. Lassen wir also das Schelten.

»Bitte, wann gibt es Kaffee?« fragte ich eine rüstige Niederbayerin, die mit aufgeschürzten Röcken in der Restauration zweiter Klasse den Kehrbesen regierte.

»In der zweiten Klasse um sechs,« antwortete die junge Magd, »in der dritten Klasse halb sechs.«

»Siehstewoll!« sagte ich mir, »so gleicht sich auf der Welt alles aus. Die Aristokratie muß warten, weil ihrem Lokal höherer Glanz verliehen wird.«

Da ich äußerst aristokratisch angelegt bin, beschloß ich, erst um sechs Uhr Kaffee zu trinken und bis dahin meinen Gedanken peripatetisierend nachzuhängen.

Literarhistorisch halb gebildet, wie ich bin, dachte ich daran, daß auf der Universität Landshut Arnim und Brentano oder auch vielleicht bloß Arnim oder Brentano studiert haben, und daß dem einen oder dem andern, oder auch beiden, hier zuerst der Reiz des alten Deutschland aufgegangen sein mag. Denn Landshut ist ein entzückend altertümliches Städtchen, das die wunderlichsten Giebelfronten aufzuweisen hat, die man sich denken kann. Es gibt dort eine Straße mit lauter gotischen Häusern. Aber da sich seit der Gotik der Geschmack geändert hat, so ist das Gotische an diesen Häusern wegfrisiert worden, und man hat die ursprüngliche Giebelform aufs wunderlichste verschnörkelt. Die Barockzeit wulstete sie bloß aus, in der Biedermeierzeit aber maskierte man sie geradezu, und so gibt es in Landshut Giebel, die wie der Querschnitt einer Vase aussehen.

Dies und anderes rief ich mir ins Gedächtnis zurück, als ich im Wartesaal dritter Klasse eine Kellnerin mit einer großen Kaffeekanne einherwandeln sah. Ich drängte meine aristokratischen Tendenzen gewaltsam zurück und stieg zum gemeinen Volke hinab, indem ich mich neben einem Manne niederließ, der eine in schwarzes Tuch eingeschlagene Trompete bei sich führte.

»Grüß Gott, Herr Nachbar!« sagte der Mann.

»Grüß Gott, Herr Kollege!« sagte ich; »wo blasen Sie heute?«

Er nannte einen Ort, der auf . . . fing endigte, und fügte hinzu, daß dort eine Hochzeit sei.

»Und da müssen Sie schon früh um sechs dort sein?« meinte ich.

»Nun natürlich,« sagte er, »es ist doch den ganzen Tag Hochzeit!«

Den ganzen Tag Hochzeit! dachte ich mir, das ist ein tüchtiges Prinzip.

Als ich dann von Landshut nach Regensburg fuhr (in einem aufrichtigen Bummelzug, der keine Eile vorschützte), fand ich, daß heute nicht bloß den ganzen Tag, sondern überall in dieser Gegend Hochzeit war. Auf jeder Station stiegen Brautjungfern mit Kränzen im Haar teils ein, teils aus, und überall warteten geschmückte Wagen mit Musikanten, die alle den guten alten Baye–ri–a–rischen aufspielten. Auf einer Station aber wurden Schweine verladen, die mit entsetzlichem Quieken dagegen protestierten, daß man sie am Schwanz und an den Ohren aufhob und in den Wagen stopfte. Hochzeit – Schlachtbank. Das Leben hat zwei Seiten.

Indessen fand ich es an diesem Morgen schön. Rechts und links lag üppiges, bebautes Land im Glanze der jungen Sonne. Derbe Gäule zogen den Pflug, rotröckige Bäuerinnen knieten jätend im Kartoffelacker, glattrasierte Bauern banden ernsthaft Hopfenranken an Hopfenstangen fest. Dieses Land ist gar nicht pittoresk, aber von einer nahrhaften, biderben Schönheit. Man sieht Wohlhabenheit ringsum, und manchmal liegt zwischen den kleinen sauberen Bauernhäusern ein alter großer Gutshof mit angebautem Turm und massigen Scheunen. Diese fette Erde ist nicht faul, weil diese sehnigen Bauern es nicht sind.

Zuweilen sah ich in meine Zeitung und las die schönen Reden der englischen Journalisten auf Deutschland und der deutschen Minister, Bürgermeister, Redakteure auf den Frieden, und was alles man dazu gegessen und getrunken hat.

O, liebliche Flöte,
Wie klingst du charmant,
Des Krieges Trompete
Ist gänzlich verbannt.
Nichts mehr von Fanfaren,
Die üblich sonst waren.
Man säuselt Schamaden
Beim Fisch und beim Braten.
Viel wird Wolfgang Goethe,
Nie Kipling genannt.

Recht so! – Immerhin sah ich mit Befriedigung, wie eine Kompagnie Niederbayern, in Schützenlinien auseinandergezogen, einem markierten Feind trutzig zu Leibe rückte. Man kann nie wissen. Reden sind Schall und Rauch. Infanteriesalven sind das gleiche. Aber der Effekt jener ist leider noch nicht so dauerhaft wie der Eindruck dieser. Die Schalmei ist ein schönes, ein liebliches Instrument, und man soll es ja nicht vernachlässigen; aber es ist weder im Orchester des Lebens noch im Konzert der Mächte das einzige. Wir Deutschen haben viel Sinn für Kammermusik, und wir wollen uns freuen, wenn sich auch die andern Nationen daran beteiligen; aber es ist so für sie wie für uns heilsam, wenn sie nicht vergessen, daß wir auch den Torgauer Marsch noch blasen können.

Es war schon fast neun Uhr, als die Türme des Regensburger Domes auftauchten.

Habe ich diese Nacht nicht unter seiner Patronanz schlafen dürfen (o du dreißigmal vermaledeiter Rangierbahnhof von Landshut!), so will ich wenigstens diesen Vormittag in seinem Schatten der Ruhe pflegen. – Dachte ich mir.

Aber es kam wieder anders.

Das Hotel, dem ich mich diesmal anheimgab, war im Vergleich zu meiner Landshuter Herberge eine Grotte der Ruhe. Aber doch nur im Vergleiche zu jener. An sich (dieses Philosophenwort ist das praktischste, was die Philosophen erfunden haben) war es aber eben doch ein Hotel. Und ein Hotel ist nie ruhig. Statt zu schlafen, zählte ich, wie oft die Türen knallten, und suchte mir klarzumachen, von welchen Gewissensqualen der Mensch über mir so unablässig auf den knarrenden Stiefelsohlen der Reue hin und her getrieben werden mochte. Gewiß ein Mörder, dachte ich mir, oder ein Dichter, der Reime sucht. Aber auch wenn es bloß ein Kaufmannsreisender war der sich im Umherwandeln überlegte, wen er heute mit seinem Musterkasten beglücken sollte, so genügte die Bewegung, die er sich machte, vollkommen, mich zur Ueberzeugung zu bringen, daß jetzt kein Mohn für mich in diesem Hotelzimmer wuchs. Ich sprang auf, entdeckte den Verlust meiner Waschutensilien, entließ einen letzten Fluch gegen Landshut und beschloß, das Fehlende sofort zu ersetzen. In dem Laden, wo ich dies tat, befand sich ein überaus schöner junger Mann, der mich so zärtlich ansah, daß ich ihm schon sagen wollte, ich sei kein entlassener Flügeladjutant, aber es stellte sich bald heraus, daß er mich nur rasieren wollte. Ich bin nie so grausam rasiert worden. Die Zärtlichkeit dieses anmutigen Jünglings lag nur in seinen Augen, nicht in seinen Händen. Ich zitierte unter tausend Schmerzen:

Doch fließt ein einzig Tröpflein Blut,
Fährt dir mein Dolch ins Herze.

Er lächelte und schnitt mich sechsmal. Er war ein Lehrling und ich als Fremder sein Versuchskaninchen.

»Kostet?« fragte ich.

»Zwanzig Pfennig,« sagte er.

»Geben Sie!« sagte ich.

»Wie meinen?« sagte er.

»Sie sollen mir die zwanzig Pfennig geben,« sagte ich, »als Schmerzensgeld.«

Er lächelte so süß, daß ich entwaffnet war und ihm dreißig Pfennig gab.

»Das macht für den Schnitt fünf Pfennig!« murmelte ich ihn an. »Wenn Sie so fortfahren, werden Sie Millionär.«

In seinen Augen lächelte ein Meer von süßen Hoffnungen.

Die Seife, die mir dieser Rasiermesser-Ephebe verkauft hatte, war von der Farbe seiner zärtlichen Seele: rosa. Und rosa war auch ihr Schaum. Da ich auch noch etwas blutete, so darf ich wohl sagen, daß mein Waschwasser nicht ohne koloristische Reize war. Im übrigen lernte ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male den Geruch ranziger Veilchen kennen.

Und dabei zu denken, daß in Landshut auf dem Bleche Vera Violetta lag!

Verfluchter Sybaritismus! Goethe hat sich mit Kernseife gewaschen. Hören Sie es, Herr Adolf Bartels! Vergessen Sie es ja nicht, wenn Sie einmal Gelegenheit nehmen sollten, nachzuweisen, daß ich ein Dekadenter bin.

Während ich aß, belehrte ich mich aus dem Buche eines Gymnasialprofessors, daß Regensburg auf lateinisch Regina castrum heißt (woraus ich entnehme, daß also doch der Regen hier in die Donau fließt, denn dies Regina spricht sich nicht mit dem Tone auf dem i, sondern auf dem e), und ferner, daß der keltische Name dafür Ratisbona lautet. Als ich dann die Gemüsestände am Dom erblickte und die unendliche Menge weißer Rettiche, die da feilgeboten wurden, zweifelte ich an dem keltischen Ursprung dieses Namens. Nein, sagte ich mir, wenn Regensburg auch pfälzisch und nicht oberbayrisch ist, so stammt Ratisbona doch aus dem Oberbayerischen. Nur die Schreibweise ist korrumpiert. Es muß Radisbona heißen, und das ist: die Stadt der guten Radis. Doch ist der Regensburger Radi sanfter von Geschmack als der oberbayerische. Es ist ein lyrischer Radi, und ich glaube, daß er ein Produkt römischer Gartenkunst ist, die seine Rauheit gemildert hat, weil sie darauf bedacht sein mußte, den armen, zu den Hyperboräern verschlagenen Legionaren aus dem sonnigen Süden die fehlende Feige wenigstens ins Radisische zu übersetzen.

An die unglückseligen Römer, die hier so fürchterlich für ihre Weltpolitik haben frieren müssen, mußte ich immer wieder denken, während ich in Regensburg weilte, wo jeder tiefergehende Spatenstich Reste römischer Kultur zutage fördert. Keinen Reis, keinen Wein, keine Feigen, kein Oel – Regina castrum muß eine schauderhafte Garnison gewesen sein. Aber die römischen Offiziersdamen haben doch einigen Luxus getrieben. In der schönen alten Ulrichskirche, die noch älter als der Dom und ein wundervolles Bauwerk ist, befindet sich ein Altertumsmuseum, das besonders viele Ueberreste aus der römischen Zeit enthält. Darunter ist auch eine Glasvase aus dem Grabe einer Römerin, und in diese Glasvase hat der Gatte der Gattin allerhand mitgegeben zur Reise ins unbekannte Land, das den Inhalt meines Reiseköfferchens durchaus in Schatten stellt. Da sind Salbentiegelchen, Parfümfläschchen, silberne Hautschaber, bronzegerahmte Glasspiegelchen, Spangen fürs Haar, Nadeln, Armbänder, Korallenketten, Bernsteinringe. Und daneben stand ein Topf mit Münzen, Reisegeld ins Reich der Nacht, und jetzt ans Licht einer neuen Zeit gehoben, die doch immer wieder ihre Blicke rückwärts wenden muß in jenes graue Altertum, das einmal so prachtvoll hell gewesen ist. Richtig: auch »Pappelsamen« lag in der Glasvase. Ich weiß aber nicht, ob meine vortreffliche alte Kustodin, die mich als wandelnder Katalog herumführte, damit den Samen des Pappelbaumes oder der Malve meinte, die wenigstens in Oberbayern auch Pappel heißt. Was bedeutete der Samen wohl für die Tote? War es ein kosmetisches Mittel, oder knüpften sich abergläubische Vorstellungen daran? Auch Hühnereier hat man in den Gräbern gefunden. Wie sie aber an die Luft kamen, fielen sie in sich zusammen, und nun liegen bloß noch die Schalen in den Scherben. Das ist der Rest. Und wir häufen neue Schalen in neue Scherben. Du lieber Gott. Wo sollen unsere späteren Nachkommen mit all den Altertümern einmal hin? Eine Kultur krustet sich auf die andere, und dann kommt einmal eine hübsche, solide Eisdecke und packt die ganze Herrlichkeit ein. Für wen? Wer macht einmal den Generalkatalog?

Ich war sehr müde, wie ich mit der alten Regensburger Altertumswächterin durch die Ulrichskirche ging, aber das viele Tote machte mich munter. Die alte Frau schlug die Klöppel von Glocken aus verschwundenen romanischen Kirchen an die Glockenwände, und das Erz, das Generationen geläutet hatte, vom ersten bis zum letzten Gange, bei Festen und Feuersbrünsten, zum Gebete und zum Kriege, dröhnte wie die Stimme des ewigen Lebens selber. Aber nahebei lagen lang gestreckt die Gerippe von Leuten, die allein wissen können, wie lange diese Ewigkeit währt, an die sie wohl alle geglaubt haben, als noch die lebendige Resonanz in ihnen war, die wir Seele nennen. Weißt du's da, Römer, mit dem schönen runden, weißt du's Germane, mit dem langen Schädel? Sie grinsen beide mit der Grimasse des Todes, die sehr eindrucksvoll ist, aber zu weiteren Fragen nicht eben ermuntert.

Uebrigens kam es mir vor, als seien die Skelette der Römer eleganter als die der Germanen. Feinknöchiger, zierlicher. Bestimmt sind sie kleiner. Unsere deutschen Vorfahren haben, von denen, die nun in der Ulrichskirche liegen, zu schließen, nicht bloß längere Schädel, sondern auch längere Gliedmaßen gehabt als die Römer, die sie schließlich aus Regina castrum hinausgeworfen haben. Aber keine so schönen Zähne. Zumal im vorderen Oberkiefer fallen recht häßliche, schräg vorstehende breite Schaber auf. Es ist ein barbarisches Gebiß neben dem Kulturgebiß der Römer. Nun, mittlerweile werden wir uns ja wohl verschönert haben. Die Schädel von Soldaten, die 1809 in der Napoleons-Schlacht bei Regensburg gefallen sind, zeigen keine so einheitliche Form mehr. Mischprodukte. Aber das Genie Napoleons hat sich ihnen eingeprägt. Dem einen sitzt noch eine Kugel im Augenhöhlrande, der andere ist von einem Säbelhiebe gespalten, ein dritter direkt zertrümmert. – Auch ein paar Judenschädel sind da. Ich weiß nicht, ob ihnen die Zähne bei dem großen Regensburger Pogrom im Mittelalter eingeschlagen worden sind, aber ich möchte es beinahe glauben, denn ich kann mir nicht denken, daß alle Juden damals zahnlos waren.

Als ich aus der Ulrichskirche heraustrat, hatte ich das unheimliche Gefühl, lauter angezogene Gerippe umhervigilieren zu sehen. Gerippe, die Radis verkauften, Gerippe, die den Schutzmann spielten, Gerippe in Leutnantsuniform, Gerippe in Frühjahrsblusen und Falbelröcken, und ganz kleine Gerippchen, die sich an den Händen hielten, tanzten und sangen:

Wollt ihr wissen, wollt ihr wissen,
Wie's die jungen Frauen machen?:
Locken brennen, sich frisieren.
So machen's, so machen's
Junge Frauen, junge Frauen.

Ach ja. Und dann sind auf einmal keine Haare mehr zum Brennen da, und der große Friseur erscheint, der alles über einen Kamm schert.

Und dennoch: »Ueber Gräber vorwärts!« Man sollte dieses Goethe-Wort über jedes Altertumsmuseum schreiben. Es spricht den ganzen Sinn des Lebens aus, der nur für den ein Unsinn ist, der auch im Unerforschlichen ein Ziel sucht. Seien wir froh, daß wir uns eine Weile bewegen dürfen, und zwar vorwärts bewegen. Das letzte Wohin liegt außerhalb der Grenzen, die unserem Gehirn gesetzt sind. – Ich wußte nicht einmal, wohin ich in Regensburg kommen würde, als ich meiner Nase nach auf gut Glück durch die alten Straßen spazierte, die schließlich auch ein Altertumsmuseum sind. Da liest man an einem Hause, daß sich hier Kaiser Karl der Fünfte in ein hübsches Regensburger Bürgermädchen verliebt hat, die dann einen Sohn von ihm bekam, der als Don Juan d'Austria ein großer Held geworden ist. Das ist ein unmoralisches Altertum, und Herr Roeren sollte darauf dringen, daß in einer erzkatholischen Stadt keine solchen Skandalgeschichten an den Häusern stehen. Großer Held oder nicht – es ist eine Schande so was, und diese Tafel würde gewiß mein Aergernis erregt haben, wenn ich nicht (o du infamer Rangierbahnhof!) so müde gewesen wäre. Aber selbst in meiner Müdigkeit sträubte sich mein moralisches Haar, als ich bald darauf eine Straßenaufschrift sah, die weiß auf blau lautete: »Zur schönen Gelegenheit«, und dicht darunter, an einer Haustür hängend, ein gedrucktes Plakat, schwarz auf weiß: »Hier wird ein ordentlicher Bettgeher gesucht.« Alle guten Geister! Ein . . . ordentlicher . . . Bettgeher . . .! Ich stob davon wie ein Wirbelwind und beruhigte mich erst vor einem Firmenschilde, auf dem sich ein Franz Xaver Soundso als »Hofkaminfeger Ihrer kaiserlichen Hoheit der Frau Maximiliana, Herzogin von Württemberg« anzeigt. Ist das nicht niedlich?

Und ist es nicht nett, daß in Regensburg eine Straße »Roter Herzfleck« heißt? Und eine andere »Fröhliche Türkenstraße«? Und eine dritte »Hinter der Flasche«? Dagegen erweckt es fatale Vorstellungen, wenn es anderswo heißt »Eck zum faulen Schinken«. Man geht lieber durch eine »Fiedelgasse«.

Hat man sie hinter sich, so ist man bald an der Donau, die hier aber (wie übrigens auch in Wien) nicht schön blau, sondern schmutzig gelbgrau aussieht. Macht nichts. Die Donau ist es doch, und bei diesem schönen Namen denkt man an viele schöne Dinge. Ich glaube: schon weil der Name so schön voll klingt.

Es steht aber dicht an der Donau neben der steinernen Brücke mit dem Brückenmanndl, der in einem sehr heißen Jahre darauf gesetzt wurde und deshalb selbst in diesem kalten Sommer von 1907 noch ausruft: »Schuck, wie heiß!« eine kleine kümmerliche Hütte, die für den Besucher Regensburgs so viel bedeutet wie für den Besucher Roms der Papst. Denn, wenn es heißt, daß nur der von sich sagen kann, in Rom gewesen zu sein, der die Pantoffeln des Papstes geküßt hat, so lautet der Spruch für Regensburg so, daß nur der wirklich dort gewesen ist, der in der Regensburger Wurstküche Bratwürste gegessen hat.

Also setzte ich mich auf eine hölzerne Bank und aß im Angesicht der Donau Regensburger Bratwürste. Mit Sauerkraut versteht sich. Denn es gehört zu den wenigen wirklichen Wahrheiten, daß eine Bratwurst ohne Sauerkraut keine Bratwurst ist. Das Sauerkraut ist ein integrierender Bestandteil der Bratwurst, philosophisch zu reden. Im übrigen, ohne den Regensburgern zu nahe treten zu wollen: ich ziehe die Nürnberger Bratwürste, die Dürer gegessen hat, den Regensburger Bratwürsten vor, die die deutschen Kaiser gegessen haben. Vielleicht auch Goethe, obwohl die Goethe-Forschung im Umkreise dieser Materie eine Lücke aufweist. Ich mache darauf aufmerksam, weil hier ein Thema zu einer Doktordissertation winkt. Ein Anknüpfungspunkt, von dem aus sich leicht weiterschürfen läßt, ist da. Hinter der Bratwurstküche steht das Wirtshaus zum Lamm, in dem Goethe gewohnt hat. wie eine Tafel mit einem Spruche lehrt, dessen Schluß etwa so lautet:

Ich bin wahrhaftig zu beneiden:
Hier wohnten Goethe, Mozart, Haydn.

Von der Bratwurstküche ging ich zur Schottenkirche, um das berühmte romanische Portal anzuschauen, aus dem so viele Tiere heraustreten – steinerne, versteht sich, in erhabener Arbeit aus dem dunklen Stein herausgemeißelt. Mir sagt der romanische Stil mehr zu als der gotische. Um die gotischen Dome zu preisen, mußte man verwegen geistreiche Bilder brauchen, wie das von der gefrorenen Musik, und seine Zuflucht überhaupt zu allerhand Spiritualitäten nehmen. Derlei hat man angesichts alter romanischer Kirchen nicht nötig. Es ist da echte Architektur ohne Lyrik, einfach und monumental. Sie brauchen auch keine bunten Glasfenster, um eine mystische Stimmung zu erhalten. Die liegt im Raume selbst. Vollendet sind sie aber nur, wenn sie, wie in Ravenna, im Schmucke von alten Mosaiken leuchten. Dann sind sie der volle Ausdruck des alten katholischen Christentums. In den Linien spricht noch die Antike, in den Farben Byzanz. Die verschiedenen Kulturen, aus denen, wenn nicht das Christentum selbst, so gewiß die alte christliche Kunst hervorgegangen ist, werden in einer ästhetischen Verknüpfung höchsten und tiefsten Reizes sichtbar. Die ältesten romanischen Kirchen haben gleichzeitig etwas vom antiken Tempel und den urchristlichen Katakomben. Es spuken in ihnen, wenn nicht der Teufel, die alten Götter. Vielleicht bedeuten die vielen Tiere, denen man in ihnen begegnet, so etwas verteufelt oder vertiert Göttliches. Das Belegen mit Schimpfnamen aus dem Tierreiche ist nicht nur dem Pöbel eigen; auch die Kulturen nennen einander Ochs, Esel, Schwein.

Als ich aber die Schottenkirche hinter mir hatte, war ich rechtschaffen müde, und ich ging zu Bett. Es war acht Uhr, und ich schlief bis um eins. Dann kam ich in ein halbes Wachen voll lebender Gesichte. Ich sah baumlange Germanen in Bärenfellen mit weit ausholenden Schritten und langen Schwertern hinter kleinen eleganten Römern in der Tunika herwuchten, die eilig davonsprangen. Und nun hauten die langen Schlagtots mit Aexten alles kurz und klein, was die Fortgejagten aufgerichtet hatten, und quaderten ein ungeheures Kreuz auf. Als sie aber anbeten wollten, kam ein ungefüges Gemurmel zutage, und sie waren sehr froh, als die fortgejagten Römer wieder erschienen, sie lateinisch beten zu lehren. Doch hatten die keine Tunika mehr an, sondern lange Kutten und über den runden Schädeln mit den scharf geschnittenen Lippen und Nasen Kapuzen. Und das Buch mit dem Kreuze in ihrer Hand war mächtiger als das kurze Schwert, das vom langen besiegt worden war. Die Sieger mußten bei den Besiegten in die Schule gehen und wurden gar gelehrig und fromm. Rüpelten zwar noch manchmal auf und zogen, ganz mit Eisen umschient, verschiedene Male nach Rom, sich an ihren Schulmeistern zu rächen, aber dem höchsten Herrn Rektor küßten sie doch den Pantoffel. Aßen unendlich viele Bratwürste und Sauerkraut, brachten die Kultur der Rettiche zur höchsten Höhe, brauten braunes Bier und tranken es aus gewaltigen Gemäßen; aber sie pflanzten auch die Reben an und lernten rote wie weiße Weine zu schätzen. Viele von ihnen jedoch gaben dem schwarzen Safte den Vorzug, mit dem man Bücher schreibt, und sie verliebten sich erst in das Lateinische, dann ins Griechische und lernten und schrieben furchtbar viel. Und sie setzten sich Brillen auf die Nasen, nahmen ab an Körperlänge und zu an Gehirnwindungen und wurden das Volk der Dichter und Denker, bis wieder so ein kleiner Mann italiänischen Blutes kam und sie entsetzlich drasch. Da wachten sie auf, und es kam ein Tag, da der Kornmarkt zu Regensburg, unter dem das Forum von Regina castrum verschüttet liegt, Moltkeplatz genannt wurde, und viele englische Journalisten reisten durch das Land und fanden, daß alles gut war, wenngleich die Dichter und Denker es sich in den Kopf gesetzt haben, auch Weltpolitik zu treiben.

So sieht die Weltgeschichte nachts zwischen ein und drei Uhr aus. Denn um drei Uhr schlief ich glücklich wieder ein.

Da mir Thomas Theodor Heine viel Schönes vom Benediktinerkloster Weltenburg an der Donau erzählt hatte, und von der Donauschlucht zwischen Weltenburg und Kehlheim, beschloß ich, am nächsten Tage dorthin zu fahren, um mir auch die Befreiungshalle anzusehen, die König Ludwig der Erste dort »den deutschen Befreiungskämpfern« errichtet hat.

Sie liegt auf dem Michaelsberge und sieht schon von unten imposant genug aus. Doch sollte das Hofmarschallsamt nicht so geschmacklos sein, sie »Königliche Befreiungshalle« zu nennen. Daß ein König sie errichtet hat, und daß sie dem Königlichen Hause von Bayern gehört, weiß man. Aber es klingt töricht und verführt zu Betrachtungen, die man eigentlich nicht hervorrufen sollte. Es kommt für die Könige nicht viel Schmeichelhaftes dabei heraus, und der Erste Ludwig, der als Kronprinz nicht sehr erbaut vom Teutschtum der deutschen Fürsten zu Napoleons Zeiten gewesen ist, hat ans deutsche Volk gedacht, als er diesen Tempel der Befreiung errichtete. Er hat ihn sich über fünf Millionen Mark kosten lassen, und das Bauwerk entspricht diesem Aufwande. Der Anblick der vierunddreißig riesigen marmornen Siegesjungfrauen von Schwanthaler, die das Innere wie mit einem Reigen umzirken, ist von großer edler Schönheit. Fatal ist aber eines an dem Ganzen: es ist leblos, museumhaft. »Es ist verboten, die Wände anzurühren«, oder so ähnlich heißt es auf kleinen Täfelchen, und das Publikum wird auch zu Ruhe ermahnt. Gigantische Filzlatschen flankieren den Eingang, bestimmt, die profanen Stiefel der Besucher zu überschuhen. Und so tappt man wie auf dicken Socken vor den Viktorien herum mit dem Gefühl, daß schon der Fußboden aus buntem Marmor viel zu gut für uns Stiefelbarbaren ist. Auch die »deutschen Befreiungskämpfer« selbst hätten ihre derben Feldzugsstiefelsohlen nicht mit dem Marmor in Berührung bringen dürfen, der zu ihrem Ruhme aus Italien nach Kelheim gebracht worden.

Dies alles ist im Prinzip höchst unsinnig, mag es auch tausendmal wahr sein, daß der schöne Fußboden nicht für moderne Stiefelsohlen berechnet ist. Er hätte vernünftigerweise darauf berechnet werden müssen. In Zeiten, da die Kunst wirklich lebte, war sie kein Rührmichnichtan. Ihre Werke standen mitten im Alltag. Die Stufen zum Parthenon wurden von den Sandalen des Volkes ausgetreten, und auf den Sockeln der Statuen in der Loggia dei Lanzi zu Florenz hocken Gassenjungen, wenn's auf der Piazza della Signoria was zu sehen gibt. Sie verlieren nicht an Schönheit, wenn sie Kritzer bekommen. Alles Lebendige bekommt einmal Kritzer. Muß auch einmal kaput gehen. Wir aber, ohne so Vollendetes zu schaffen, wie es die alten Statuen sind, haben nur den einen Gedanken: zu konservieren. Es fehlt uns an der notwendigen Dosis großartiger Sorglosigkeit, die aus dem Gefühle hervorgeht: Wir sind reich genug, immer wieder ersetzen zu können. So aber empfanden die Alten. Die Kunst war ihnen gemeiner als uns, sie machten kein so ängstliches Wesen um sie; und eben darum hatten sie ein intimeres Verhältnis zu ihr. Mit anderen Worten: sie waren keine Barbaren, die die Kunst wie etwas Fremdes anstarrten. Und es gab wohl auch niemand unter ihnen, der einer Statue die Nase abgehauen hätte. Unsere Vorfahren aber haben allerdings sehr vielen Statuen nicht bloß die Nasen, sondern auch Arme und Beine abgeschlagen. Vielleicht sind wir aus bösem Gewissen so albern ängstlich. . . . Doch das ist ein weites Feld.

Ich entledigte mich der königlichen Filzlatschen (denn auch sie gehören der Krone Bayern) und begab mich durch den königlichen Wald nach Weltenburg.

Andere Leute brauchen zu diesem Weg nur eine Stunde. Ich, da ich nicht von vollkommener Schlankheit und überdies lyrisch belastet bin, pflege mir in schattigen Wäldern Zeit zu nehmen. Habe auch die leutselige Gewohnheit (leutselig ist ein Edelstein im Schatzhause der deutschen Sprache), alle »gemeinen Leute« anzureden, und wenn es bloß ein »Grüß Gott; schöner Tag heute« wäre. Es ist einfältig (wenn auch begreiflich) genug, daß wir – ungemeinen Leute aneinander vorüberschweigen, als seien wir Gift und Gegengift. Draußen, in der Natur, Landleuten gegenüber geht es mir wider den Strich. Zumal mit ganz alten Leuten und mit Kindern schwatzt es sich gar angenehm. Und ich begegnete hier bloß alten Weiblein, die Reisig schleppten, und kleinen Mädeln, die nebenher liefen, Blumen in den Händen. Noch ein paar Jahre, und auch für sie wird Reisig aus den Blumen, dacht ich mir. Wie bei uns allen. Man braucht deswegen nicht sentimental zu werden.

Kam mir im Walde ein Kind entgegen,
Trug die Schürze voll Blumensegen,
Seltsame Blüten, gelb, violett.
»Kleine, schau, was hast denn Du?«
Wurde sie rot und stammelte nett:
»Frauenschuh.«
»Und Du selbst heißt? Na!?« – »Babett.«

Das ist gewiß kein Gedicht, aber ich sehe nicht ein, warum man von so hübschen Dingen nicht in Worten erzählen sollte, die sich reimen. Wer mag wohl dieser Orchidee unserer Bergwälder den schönen Namen »Frauenschuh« gegeben haben? Ist er erstanden, wie Volkslieder entstehen? Aber es entstehen ja keine mehr, und wenn man heute einen »gebildeten« Gärtner nach dem Namen einer Blume fragt, so redet er lateinisch. Er sagt nicht Frauenrösel, sondern Silene, nicht Frauenspiegel, sondern Specularia, nicht Mannsschild, sondern Androsace; und daß die Anemone Windröschen, daß Arnika Wohlverleih heißt, wissen nur wenige Deutsche noch. Wieviel Deutschen ist es bekannt, daß es eine Gauklerblume gibt, eine Blume, die den hübschen Namen Wildfräulein führt, eine andere die das Volk Braut in Haaren heißt, ein Engelsüß, eine Christushand, ein Erdkrönchen, eine Freyasträne, ein weißes und ein rotes Waldvögelein, einen Allermannsharnisch, eine Kuhschelle, ein Gottesgnadenkraut? – Es nimmt mich nur wunder, daß man es mit den alten Blumennamen nicht macht wie in den meisten Städten mit den alten Straßennamen. Denn nicht überall behält man sie bei wie in Regensburg. In München zum Beispiel würde die Straße »Zur schönen Gelegenheit« längst auf irgendeine Berühmtheit umgetauft worden sein, und wäre die im Volke auch gleich so unbekannt, daß es nicht einmal ihren Namen richtig aussprechen kann.

Das Volk selber aber fabuliert doch immer noch ein bißchen weiter und bewahrt die Namen, mit denen phantasievollere Vorfahren alle irgendwie auffälligen Gegenstände ihres Umkreises bedacht haben.

Das sollte ich in der schönen Donauschlucht zwischen Weltenburg und Kelheim erfahren, die ich mit dem Kahne hinabfuhr. Sie wird von mehr als hundert Meter hohen nackten Kalkfelsen gebildet, die steil, fast senkrecht zum Flusse abfallen und in Formen zerklüftet sind, in denen die Einbildungskraft der Bevölkerung allerhand Gestalten sah und noch sieht. Da ich an Phantasie hinter den Weltenburgern nicht zurückstehen mochte, habe ich sie auch gesehen. Zuerst »die Küssenden«, und diese besonders deutlich, obwohl es wohl zwei unanständige Felsen sind. Denn der Küsserich, der dem Flusse die Hinterseite zuwendet, hat eine äußerst deutliche Silhouette, besonders in der Partie, die ihm zum Sitzen dienen würde, wenn er auf den gefährlichen Einfall käme, ein Sitzbad in der Donau zu nehmen. Da er über hundert Meter hoch ist, würde er im Niederknieen die Schlucht versperren. Besser also, daß er seine Freundin stehend küßt. Es ist der kolossalste Kuß, den ich bisher gesehen habe, und die vielen Dohlen, die ihre Nester in den Leibern der Küssenden haben, schreien mit Recht fortwährend: »Seht! Seht! Seht! Ksst! Ksst! Ksst!«

Dann kommt ein Fels, der »die Jungfrau« heißt. Ich will seine Keuschheit nicht bestreiten, aber ich gestehe, daß meine Phantasie nicht kräftig genug war, zu erkennen, warum gerade er mit diesem Namen ausgezeichnet worden ist. Auch »Petrus und Paulus« habe ich nicht wieder erkannt. Vermutlich, weil ich in der Ikonographie der Apostel nicht genug beschlagen bin. Dagegen sah ich wirklich »die Eidechse« am Felsen hinaufkriechen und habe keine Ursache, daran zu zweifeln, daß die drei Klippen, die nahebei aus dem Flußbette aufsteigen, »drei Brüder« sind. Positiv genau aber habe ich den »Napoleon« gesehen, der sich aus Aerger über König Ludwigs Befreiungshalle verkehrt aufs Pferd gesetzt hat und nun mit einem Fernrohr nach Weltenburg guckt. Einige Meter weiter auf einem anderen Felsen steht sein »Koffer«. Ein Sozialdemokrat hat jetzt eine rote Fahne darauf gepflanzt. Da Regensburg ultramontan ist, was man bei einer alten römischen Stadt begreiflich finden wird, wäre eine schwarze Fahne besser am Platze. Aber die Klerikalen können nicht so gut klettern wie die Sozialdemokraten, und so wird wohl der Tag kommen, wo auf dem Regensburger Dom eine rote Fahne weht.

Und was wird dann aus den schönen Fußböden der königlichen Befreiungshalle? – Keine Angst! Es werden rote Filzlatschen herumstehen. Aus den Viktorien werden Freiheitsgöttinnen (man braucht ihnen bloß phrygische Mützen aufzusetzen), und wo jetzt die Namen der Generäle stehen, die Napoleon besiegt haben, wird man lesen: Vollmar, Bebel, Liebknecht, Grillenberger, Auer, Singer, Kautsky, Rosa Luxenburg. Selbst Ede Bernstein wird, aber in Parenthese, genannt sein. Eine neue Bedeutung und neue Namen für andere Siege. Aber das ästhetische Prinzip der Filzlatschen, das Prinzip beklommenen Herumschleichens um die Kunst, wird bleiben, da ja die Tatsache bestehen bleibt, daß die Befreiungshalle mehr als fünf Millionen Mark gekostet hat.

Der kleine Junge des Schiffers, der mich durch die Donauschlucht gefahren hatte, führte mich zu einem Wirtshause in Kelheim, wo ich etwas Außerordentliches erlebte: es gab dort trinkbaren Tee. Da man in Bayern auf dem Lande, wenn man Tee bestellt, Kamillentee zu bekommen pflegt, so glaubte ich an ein Wunder. Es waren aber drei junge englische Sportsmen daran schuld, die in diesem Gasthause wohnten. Heil ihnen! Es waren auch sonst recht angenehme Jünglinge, die sich der ersichtlichen Sympathie aller Stammgäste erfreuten. Sie sprachen sogar deutsch.

Ich verließ das erstaunliche Wirtshaus mit der Empfindung, daß die Annäherung zwischen Deutschland und England in vollem Gange ist.

Die Rückfahrt nach Regensburg war sehr lustig. In meinem Wagen saßen zwei Karmelitermönche, die mit zwei Jungfrauen mittleren Alters aufs anmutigste scherzten, wie die Gesundheit und Heiterkeit selber aussahen und mich aufs neue in meiner Ansicht bestärkten, daß die katholische Theologie ein sehr wohl bekömmliches Metier ist. Ich spreche ohne jede Ironie und will mit der Wohlbekömmlichkeit nicht sagen, daß meine Karmeliter die gewissen feisten Klosterherren von der Palette Eduard Grützners waren. Gewiß, sie waren gut genährt, aber vor allem: sie atmeten Zufriedenheit, Munterkeit, Witz, Behagen, Liebenswürdigkeit. Keiner von ihnen posierte den gestrengen Gottesmann, ohne daß sie deshalb dem geistlichen Gewandt etwas vergaben. Dabei sahen beide sehr gescheit aus. Zumal der jüngere hatte ein paar so geistreiche Augen im Kopfe, daß mancher, der im »Pfaffen« das Urbild der Borniertheit zu erblicken glaubt, bei ihrem Anblick vielleicht auf andere Gedanken gekommen wäre. (Beiseite bemerkt: Es ist kein Zeichen von Klugheit, seine Gegner für dumm zu halten.)

Die Lustigkeit dieser Eisenbahnreise rührte aber nicht bloß von den Mönchen aus dem Orden vom Berge Karmel her, sondern auch von einer Klasse Regensburger Gymnasiasten, die mitfuhr und zuweilen Lieder aus dem »Amphion« sang. Es gefiel mir sehr gut, wie munter Schüler und Professoren miteinander verkehrten. Wenn ich an meinen weiland Konrektor denke . . . doch nein, ich will an Besseres denken. Ich bin nun dreiundvierzig Jahre alt, aber es läuft mir kalt über den Rücken, wenn ich genötigt bin, mich an diesen . . . nun ja: Pädagogen zu erinnern. Also etwas Besseres, Hübscheres! Kurz vor Regensburg stieg ein Mädchenschwarm ein, gewiß drei Schock Backfische aus einer höheren Töchterschule. Sie seien allesamt gepriesen, denn sie haben meinen Augen wohlgetan. (Warum schickt »man« mich auf Reisen! Das hat man davon.)

*

Am nächsten Tage bin ich dann in einem Zug nach München zurückgefahren. Dieser Zug brauchte nur zwei Stunden und besaß einen Speisewagen. Er beförderte keine Schweine, aber auch keine Brautjungfern. Er rannte wie besessen durch die Oberpfalz und Niederbayern und hielt nicht ein einziges Mal an. Was für ein blödsinniger Zug! – Und was das für eine Logik ist: er war teurer als meine Bummelzuge, obwohl er an den tausend gemütlichen Orten, Sachen, die rechts und links zu sehen waren, so schnell vorbeiraste, daß man nichts von ihnen sah. Er ließ sich für diese Unterschlagung auch noch extra bezahlen, dieser flüchtige Schwindler. Ich warne vor ihm und seinesgleichen. Sie bringen ein falsches Tempo ins Leben, dessen Sinn zwar Bewegung, keineswegs aber Rasen ist.

Aber im Forstenrieder Park, den ich von fern ahnte, präparierte man die Straße zur Schnelligkeitskonkurrenz, und ich mußte mich daran erinnern, daß selbst das Automobil zum Rasen mißbraucht wird, diese verehrungswürdige Maschine, deren oberste Mission es ist, antiveloziferisch zu wirken und die moderne Zappelmenschheit die edle Kunst des Reisens wieder zu lehren. Einstweilen aber sitzt Mephisto am Steuer, stellt die vierte Geschwindigkeit an und murmelt: Staub sollst du fressen und mit Lust!

Vor Forstenried (von der Bahn aus) liegt Fürstenried . . . Ich mußte an König Otto denken, dessen Residenz das kleine Schloß in dem kleinen Parke ist, in dessen Nähe nun alljährlich der Kampf der Wagen und Gestänke entbrennt. – Es gibt keinen strikteren Beweis für die Festigkeit des monarchischen Legitimitätprinzipes als die Tatsache, daß selbst unheilbarer Wahnsinn nicht als genügender Grund erscheint, eine Krone von einem Haupte zu nehmen, das sie von Geburts wegen trägt. Die Phantasie dürfte es sich nicht erlauben, derlei zu erfinden. Man würde es Majestätsbeleidigung nennen. Aber beleidigt sich das Prinzip nicht selbst? Schade, daß Adam Müller nicht mehr lebt. Er würde beweisen, daß es sich dadurch nur erst recht verklärt.

Die endlosen Bierwagenzüge werden sichtbar; München ist erreicht. Rechts grüßen Hacker-, Pschorr- und Augustinerbräu, links der gewaltige Spaten. Für Professor Forel muß es eine Art Spießrutenlaufen sein, wenn er in den Münchener Bahnhof einfährt. Ich für mein Teil bin toleranter und gönne jedem Menschen sein bißchen Gift. Auch das Prinzip des Abstinenten führt durch Konsequenz zum Absurden. Das ist allen Prinzipien gemein. Führt doch das Leben selber zum Tode.

Eine kleine Reise, – ein kleiner netter Umweg zum Grabe. Ist das traurig? Keine Spur. Man muß nur vor dem Tod nicht fliehen wollen, sondern gerade auf ihn losgehen, aber dabei nicht ihn, sondern das Leben im Auge haben. Auch dieses Prinzip ist schließlich absurd und paradox. Und dennoch vernünftig. Denn vernünftig ist, was der Mensch als Stimme der Notwendigkeit in sich vernimmt, anerkennt und befolgt.

Im übrigen: Nenn's Gott, nenn's Liebe . . .

Amen.








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