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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Eine kleine Plauderei als Vorrede.

Es ist eine eigene Sache um das Kalendermachen, ich meine nicht, um das Aufteilen der Tage und das Zuteilen heiliger oder profaner Namen für einen jeden derselben, das Vorberichten von Mondes- und Sonnenfinsternissen, Aufzählen der Fest- und Fasttage und Anführen der Bauernregeln, welche so heißen, weil sich wohl die Bauern danach richten, aber leider nicht immer die Witterung, kurz, ich meine nicht das Zusammenstellen alles dessen, wovon laufenden Jahres über jeder Käufer jedes Kalenders aufs beste unterrichtet zu sein verlangt, sondern ich meine die Abfassung des erzählenden Teiles, denn der soll das Büchelchen dem Käufer wert machen, viel mehr wert, als die Pfennige oder Groschen, welche dafür ausgelegt werden. Den Kalendermann, der es mit den Jahreszeiten und Mondläuften zu thun hat, den plagen – wie einmal ein Dorfkomödiant als »Faust« deklamierte – weder Kruspel noch Zweifel, wenn für die Tanzlustigen der Fasching zu kurz gerät, oder für die Wanderlustigen Ostern gar spät fallen, so ist das nicht seine Sache und er steht über alle böswilligen Anwürfe erhaben, und spielt ihm ja einmal die Witterung den Schabernack und macht alle seine Vorhersagungen zu nichte, so wäscht er seine Hände wie Pilatus – mit Kleie hätt' ich bald geschrieben, der that es aber mit Wasser, wird wohl kölnisches gewesen sein, was der Herr Statthalter gebrauchte – und fragt: »Was ist Wahrheit?« Ganz anders dagegen verhält sich's mit dem Erzähler, der geht mit dem Bewußtsein der etwas bedrückenden Machtvollkommenheit ans Werk, daß er sich selbst gute oder böse Zeit, schönes oder schlechtes Wetter, Beifall oder Mißgunst schaffe und es ist viel leichter zu sagen, wie er sich dabei nicht anstellen soll, als wie er es zu machen habe.

Nehm' einer an, er hörte in einer Gesellschaft eine Geschichte erzählen, eine von jenen, welche man sich Zeitvertreibs halber gern einmal gefallen läßt, wo nach dem letzten Worte kein weiteres mehr not thut und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts nachklingt im Gemüte, doch würde er es gleich allen andern zufrieden sein und dem Erzähler zum Abschied freundlich die Hand bieten; wenn er nun aber in jeder Gesellschaft diesen Erzähler träfe und immer dessen Geschichte zu hören bekäme, so würde er – wir wollen christliche Gesinnung bei ihm voraussetzen – den Mann wohl nicht hassen, aber ihm thunlichst aus dem Wege gehen und es würde ihm zur großen Befriedigung gereichen, an dessen, wie er sie nun nennen würde, alberne Geschichte durch nichts erinnert zu werden.

Nun, eine solche Geschichte, die man sich gerne einmal gefallen läßt, bei der das letzte Wort wirklich das letzte ist und bleibt und keine Gedanken darüber auszutauschen sind und nichts im Gemüte nachklingt, die soll der Kalender-Geschichtenschreiber nicht bringen, denn der Kalender hängt das ganze Jahr über an der Wand, oder wird unzähligemal aus der Lade und zur Hand genommen und der Leser würde bei jedem Aufblättern an diese Leistung erinnert werden; im ersten Drittel des Jahres wäre er ihrer überdrüssig geworden, im zweiten bekäme sie, je nach Temperament des Beurteilers, eine mehr oder minder kräftige Klassifikation, aber nicht zum Guten, und im letzten hätte sie ihm den ganzen Kalender verleidet. Er kauft ihn nie wieder. Also sollte es wohl eine Geschichte sein, die man gerne auch des öftern liest, wo über das letzte Wort hinaus Gedanken sich fortspinnen und Gefühle nachklingen? Ei freilich!

Nun wüßte der Kalender-Geschichtenschreiber, was er sollte, aber – nicht kann; denn wenn er nichts anderes zu erzählen weiß, als was andere schon vor ihm erzählt haben, – von der alten Geschichte, die ewig neu bleibt und auch immer ihren Anwert findet, bis zur Schilderung all der andern tausendfältigen Lust und Qual, die das arme Menschenherz beglückt und bedrückt – dann müßte es in der Art schon ein ganz kapitales Stück von einer Erzählung sein, wenn sie ein volles Jahr vorhalten soll, und das ist doch von einer armen Feder, wie sie unsereiner führt, billigerweise nicht zu verlangen.

Aber der Kalender-Geschichtenschreiber braucht weder zu unternehmen, was er nicht soll, noch sich auf das einzulassen, was er nicht kann, weder langweilig zu werden, noch eine unmögliche Konkurrenz zu versuchen, er braucht sich bloß zu erinnern, daß er eben für einen Kalender schreibt, und wenn er dann die Arbeit seines Kollegen, der es mit den Jahreszeiten und Mondläuften zu thun hat, durchblättert, so wird er manches finden, vom Jahresregenten durch der Astrologie Gnaden bis hinunter zu den etwas dreisten Wettervorhersagungen von hundert Jahren her und auf hundert Jahre hinaus, das er gerne, je eher je lieber, hinausgeworfen sähe; aber sein Kollege wird ihm sagen: »Sachte, Freundchen, die Leute suchen danach, sie sind gewöhnt, all das Zeugs in einem richtigen Kalender zu finden und gegen Gewohnheit hilft nur das Abgewöhnen, und das braucht gute Weile. Zur Zeit der großen Revolution haben die Franzosen nebst dem Landes- und Himmels- auch den Jahresregenten abgesetzt, indem sie Knall und Fall einen neuen Kalender einführten, als es aber mit Knall der Flinten und Fall des Mordbeils vorbei war, da bekamen sie 'n alten Kalender wieder, mit 'm Jahresregenten und 'n Wetterprophezeiungen, und der zwölfte Monat hieß, wie vordem der zehnte, nämlich: Dezember.

Wenn sich dann der Kalender-Geschichtenschreiber vorhält, daß die Menschen in ihrem Herzinnersten auch so 'ne Art Kalender hätten, voll unheiliger Gedenktage, voll Namen arger und wunderlicher Heiliger, voll aber- und aftergläubiger Prophezeiungen und unverläßlicher Sittenregeln, die, den Bauernregeln gleichend, ebensowenig die Sitte machen, wie diese das Wetter – wenn er das, bald von Thränen, bald von Lachen angewandelt, überprüft und auch gerne, je eher je lieber, hinausgeworfen sähe, so wird er sich nun selber sagen: »Sachte, Freundchen, gegen Gewohnheit hilft nur das Abgewöhnen.«

Und nun geht er mit Bedacht und Ueberlegung an die Arbeit, ein Mann, der nicht nur etwas zu erzählen weiß, sondern auch etwas zu sagen hat. Unter dem Erzählen blättert er den Kalender, den die Menschen in ihrem Herzinnersten tragen, auf und wo er auf eine gute Seite trifft, da spricht er zum Bessern, und wo er eine böse findet, zum Guten; dieses »Belehrsame« hängt jeder richtigen »Kalendergeschichte« an. Es mag da eine kleine Eitelkeit mit unterlaufen, die Voraussetzung, manches besser zu wissen, als andere, vielleicht auch ein großer Irrtum, die Anschauung, daß sein Besseres auch wirklich das Bessere sei; doch schon allein das Aussprechen einer offenen, ehrlichen Meinung hat das Gute für sich, daß es die Leute veranlaßt, mitunter auch auf eine andere als die eigene zu hören.

Ehe er aber an sein Erzähl- und Lehramt geht, sieht er sich vorerst den Leserkreis seines Kalenders genauer an. Es ist dies gleichsam eine Gesellschaft, in die er eingeführt wird, und als Mann von Welt weiß er, daß es sehr unschicklich wäre, eine Sprache zu reden, welche in diesem Kreise nicht verstanden würde, daß es dagegen sehr gewinnend und einnehmend läßt, sich so weit als thunlich in die Art der Versammelten zu schicken, freilich muß deren Art auch danach sein, daß sich ein anständiger Mann darein schicken kann. In einem ängstlichen Kreise, wo man stets fürchtet, das Kind mit dem Bade zu verschütten, wird er nicht einmal an die Wanne rühren, sondern nur sein Bedauern für das liebe Kleine nachdrücklich aussprechen, das nun, sauber gewaschen, gleichwohl im Unreinen – im Badewasser – sitzen gelassen werde. Unter unbefangenen Gesellen wird er nicht anstehen, wie 'n Jahrmarktsmann mit dem Sonnenmikroskop, Floh und Laus, die uns ins Ohr und in' Pelz gesetzt werden, elefantengroß an die Wand zu werfen. Für das erste Stück werden ihn freilich Kraftgeister einen Reaktionär und für das zweite Kleingeister einen Revolutionär schelten; weil aber bei Zuwendung dieser Titel das einzig Beunruhigende, die Kostenfrage, entfällt, da die Verleihung taxfrei geschieht, so braucht er sich dadurch nicht anfechten zu lassen, er weiß ja nur zu gut, daß es noch keinem auf der Welt gelungen ist, es allen Leuten recht zu machen, daß man nur den Gläubigen predigen kann, und daß noch keiner zu einem »besseren« Glauben bekehrt wurde, dem sein alter eben noch »gut« genug war. Es muß erst der Zweifel die alten Götter entwerten, ehe sie der Mensch im Tausche gegen neue aufgibt. Nun treibt aber der Kalendermann beileibe nicht einen Hausierhandel mit neuen Göttern, er verlegt sich bloß auf den Umsatz guter, edler, schöner und fruchtbringender Gedanken, – mag solche vor tausend Jahren ein weiser Heide ausgesprochen haben, oder heutigestags ein warmherziger Mensch aussprechen – und bequemt er sich dabei auch nach Land und Leuten, sein Absehen hat er doch auf die Welt und die Menschen, denn er ist der Ueberzeugung, käm' morgen der jüngste Gerichtstag – er glaubt 'n allerdings nicht so nah' und zum Frommen mancher Frommen wäre vielleicht zu wünschen, er fiele ganz aus – aber käm' er morgen, so wird es nicht heißen: »Warst du ein guter unierter oder nicht unierter Grieche, Katholik, Protestant, Jude, Türke oder Fetischanbeter?« Sondern die Frage wird lauten: »Warst du ein guter Mensch?« Und nur der Unglaube, der mit Unthat Hand in Hand gegangen, hat zu bangen. Daß aber die Ahnung, die Frage werde so und nicht anders lauten, die Herzen der Menschen durchzittert, zeigt das zu allen Zeiten nachweisbare, in unsern Tagen aber allgemein rege gewordene Streben nach Humanität; »Menschlichkeit« schreibe ich zu deutsch, denn so gut auch die Sache ist, das Wort »Menschenliebe« ist mir doch noch zu gut dafür, die liegt wohl des Weges, aber eine Strecke weiter. Nun dieses Streben nach Menschlichkeit braucht heutzutage nicht erst an einzelnen vorgeschrittenen Exemplaren unseres Geschlechtes nachgewiesen zu werden, es hat sich verallgemeinert, es zwingt selbst den Widerwilligen in einem oder dem andern Stücke zur Nachgiebigkeit und dringt durch den wetterfesten Lack von Konfession, Nationalität und Parteianschauung. (Letztere ist freilich oft nur Wasserfarbe.)

In diesem Sinne hat der Kalender-Geschichtenschreiber sein Absehen auf Welt und Menschen, wenn er sich gleich Land und Leuten anbequemt, und darum wird auch alles, was er aufgreift, um davon belehrsam zu erzählen, jedem Leser mehr oder minder nahe gehen, und wenn er noch obendrein seine Meinung so einzukleiden versteht, daß sie ehrlichen Leuten zu Kopf und Herzen spricht, dann wird er seine »Kalender-Geschichte« haben, die vorhält, die man gerne auch des öftern liest, weil sie, über das letzte Wort hinaus, Gedanken anregt oder im Gemüte nachklingt.

Vorliegendes Büchlein enthält eine Anzahl Geschichten, aus verschiedenen Jahrgängen verschiedener Kalender gesammelt; da durch die jedesmalige Rücksichtnahme auf den Leserkreis derselben bei Wahl und Behandlung der Stoffe die einzelnen Arbeiten verschiedenartige Färbung erhielten, so daß sie sich jetzt als Ganzes, nicht wie aus einem Gusse darstellen, so ließ ich mich die Mühe nicht verdrießen, durch diese Einleitung wenigstens darzuthun, daß sie einer Gattung angehören und was es mit dieser für eine Bewandtnis habe. Ich verwahre mich aber gegen den Verdacht, daß ich bei den Färbungen selbst Farbe gewechselt hätte, daß ich irgend welche etwa als Schutz- oder Nutzfarbe angenommen, um mich den Blicken meiner Feinde zu entziehen, oder Harmlose anzulocken und zu verderben, welches Verhalten von zeitgenössischen Gelehrten mehreren niederen Tiergattungen zugeschrieben wird, schon im Hinblick auf diesen Umstand möchte ich es mir doch höchlich verbeten haben, in die Kategorie dieser Farbkünstler gezählt zu werden. Auch habe ich weder Lock- noch Appetitfarbe angenommen, um Schwirbler zu fangen, und bei Gefräßigen auf deren Verdauung zu spekulieren, wie einige Pflanzen thun, – darunter Fliegenfalle und Vogelbeerstrauch, – und durch solche ebenso fein ausgeklügelte, als unschöne Handlungsweise gegen die bisher als unschuldig verschrieene Pflanzenwelt ein leider nicht ganz unberechtigtes Mißtrauen erwecken. Ich habe nur Farbe auf anderes übertragen und auch das nur, wo es mit meinem Denken und Fühlen verträglich war, Helläugige werden ohnedies, trotz der Buntheit der Farben, merken, daß eine Hand sie aufgetragen.

Indem ich dieses Bändchen der verehrlichen Lesewelt übergebe, zerbreche ich mir durchaus nicht den Kopf darüber, worin ich es etwa dem einen oder dem anderen nicht zu Dank gemacht hätte, denn manchmal bekommt man in dieser Hinsicht Dinge zu hören, auf die man bei allem Scharfsinne nicht verfallen wäre. Ich denk' mir's, daß einige die Erzählungen: »Treff-Aß«, »Zu fromm«, »Der Verschollene« für zu zahm erklären werden und dem entgegen andere, die daran Gefallen finden, wieder anderes für gar sehr gewagt; so, ganz sicher – um weitere Anführungen zu meiden, sei das vornehmste herausgegriffen – »Die Märchen des Steinklopferhanns«, und da hätt' ich zum Schlusse nur noch paar Worte über besagte Zahmheit und beklagtes Wagnis beizufügen.

Will's zwar nicht glauben, aber gesetzt, ein skrupulöser Freigeist machte mir den Vorwurf, daß ich in die Erzählung »Der Verschollene« eine Gespenstergeschichte hineinspielen lasse, so müßt' ich ihm sagen, er habe keine glückliche Hand fürs Lesen und was ihn ärgert, stäk' nicht im Buche, sondern in seinem Kopfe. Ich hab' mir die Gespenstergeschichte lediglich als eine Erfindung des Polizeiagenten, der sie vorträgt, gedacht, will es ein anderer damit anders halten und den Fall der Selbstanzeige, von dem dabei die Rede ist, als Geschehnis hinnehmen und den ganzen Spuk im Gehirn des geisteskranken Verbrechers rumoren lassen, so habe ich auch gegen diese Auffassung nicht das geringste einzuwenden; ich weiß es wohl, diese beiden Lesarten sind nur für jene, die zwischen den Zeilen sich auswissen, und es gibt noch eine dritte, die einfach das Gespenst als handelnde Person gelten läßt. Niemand wird sagen können, daß ich in der genannten Erzählung dem Gespensterglauben das Wort rede, aber es lag auch nicht in meiner Absicht, ihm auf den Leib zu rücken und vorliegenden Falls hielt ich dafür, es sei besser, daß das Gruseln die mich Mißverstehenden nachdenklich mache, als daß ich ihnen und mir durch unzeitigen Spaß oder trockenen Ernst die Stimmung verderbe. Kurz, ich habe hier auf die Gefahr eines Mißverstehens hin mir die Einheitlichkeit der Wirkung gewahrt und hier, wie anderswo, die Gelegenheit, landläufigerweise Aufklärerei zu treiben, verschmäht; wenn ich dagegen manchmal jene ergreife, den Leuten nach dem Sinne zu reden, so lasse ich mir das nicht verübeln, es geschieht, unabträglich meiner Meinung, damit ich den Leuten zeige, daß ich um ihr Denken und Fühlen Bescheid weiß, nicht davon schwatze wie ein Blinder von der Farbe und mir für Fälle, wo ich wider das eine oder das andere meine Karte auswerfe, wenigstens das Vertrauen sichere, daß ich es auf ein ehrlich' Spiel abgesehen habe, – »freilich, mit Finessen, halt ja mit sakrische Finessen!«

Damit genug über den einen Punkt, bezüglich des andern glaub' ich im vorhinein – und brauch' nicht erst als möglichen Fall zu setzen, – daß ich mit Leistungen wie »Die Märchen des Steinklopferhanns« mir es gründlich bei allen jenen verschütte, die über die zunehmende Glaubenslosigkeit der Welt zu jammern pflegen, und klagen, daß man die Leute im Unglauben bestärke. Das ginge an? Dann wurde zur schönen, mittelalterlichen Zeit kein Hexenmeister, keine Hexe unschuldig verbrannt, denn alle Unmöglichkeiten, die sie ins Werk gesetzt haben sollten, sind glaubwürdiger als obgedachte. Ach, wenn nur die Guten von der Güte wären, vorerst näher zu besehen, was sie einem in die Schuhe zu schieben gedenken! Du grundgütiger Himmel, kann man denn jemand im Unglauben bestärken! Im Glauben kann man ihn bestärken, in der Arbeit, in jedem Unternehmen, aber doch nicht im Unterlassen, nicht im Müßiggange, nicht im Unglauben! Kann denn einer, was er ohnehin bleiben läßt, noch mehr bleiben lassen, tagedieben, länger als der Tag ist, und was er nicht glaubt, noch mehr – nicht glauben?!

Was aber die Klage über die mehr und mehr um sich greifende Glaubenslosigkeit anlangt, so habe ich dieselbe hingenommen wie jedermann, ungefragt, ob sie berechtigt oder übertrieben sei, dachte jedoch, daß es ein großes Unglück wäre, wenn durch sie den ehrlichen Leuten, die an echter Frömmigkeit festhalten, ihre gleichfalls ehrlichen Mitmenschen, die im Anstürme der Zweifel den Glauben einbüßten, entfremdet würden, – nach Heuchlern und Hetzern, Laurern und Lumpen frag' ich ja nicht, – und da hielt ich für dienlich zur Beruhigung der ehrlich Frommen manchmal auch darauf hinzuweisen, daß das, was den Menschen zum Menschen macht, in den Tiefen seiner Seele sitzt, daß es wohl durch den Glauben verklärt, aber nicht mit selbem abgelegt werden kann, daß das Sittengesetz ein ewiges sei und ein Verstoß dagegen gleich drückend und quälend sich heimzahlt, ob er nun von dem Gläubigen als Sünde, oder von dem Glaubenslosen als Schuld empfunden wird.

Nun, lieber Leser, das gehört so mit zu dem »Belehrsamen«, davon wirst du auch in den folgenden Erzählungen zur Genüge finden und in dieser Hinsicht sind sie richtige »Kalendergeschichten«, daß du sie auch im andern Sinne als solche gelten lassen müßtest, – als Geschichten, die man gerne des öftern liest, wo über das letzte Wort hinaus Gedanken sich fortspinnen und Gefühle nachklingen, – das ist mein vielleicht nicht bescheidener, aber desto aufrichtigerer Wunsch.

Wien, im Frühjahr 1882.

Ludwig Anzengruber.

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