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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 Der alte Löwe war gestorben.

So lange hatte seine gewaltige Natur mit dem Tode gerungen, daß nun das Ende des Kampfes wie etwas Unwahrscheinliches erschien, mit dem man sich nicht abfinden wollte. Seine reckenhafte Gestalt, der auch das hohe Alter nichts von ihrer eisernen Gedrungenheit genommen hatte, sein Löwenhaupt mit der dichten eisgrauen Mähne, mit den durchdringenden Augen war so sehr zu einem Besitz seiner Nation geworden, daß man sich daran gewöhnt hatte, ihr auch die physische Unsterblichkeit zuzutrauen. Seine Bücher, in ihren Auflagen von Hunderttausenden, überschwemmten sein kleines Land; eines seiner Bilder, der alte Wiking, umgeben von vier mächtigen dänischen Doggen, war historisch geworden und hing, im billigen Farbendruck, eingerahmt in den Bauernhäusern. Wer ihm je einmal begegnet war, wenn er seine weiten Wanderungen ausführte, wer dabei ein Wort, einen Handschlag von ihm empfangen hatte, erzählte es daheim wieder und wieder, das Wort gewann Leben und vererbte sich als ein Besitz auf Kinder und Enkel.

Markig und gedrungen wie seine Erscheinung war auch das Wesen seiner Kunst. Die Geschichte seines Landes mit ihren Kriegen und Bürgerkämpfen lieferte 6 ihm die Stoffe. Dort, wo es am blutigsten herging, wo die wildesten Instinkte sich am ungezügeltsten zeigten, war er am meisten zu Hause. Seine Gestalten wuchsen über das Historische hinaus. Seine Männer wurden zu Giganten, die zerschmetterten und vernichteten, die Jünglinge zitterten in Kampfbegier, Krieg und Mord war ihnen ein alltägliches Geschäft, um das man nicht viel Aufhebens machte. Von den Frauen mit ihren blauen Augen und dem bernsteingelben Haar trugen nur wenige einen weichen Zug um die Lippen und den Nacken in Demut gebeugt. Weitaus die meisten warfen den Kopf trotzig zurück und waren sich ihrer Leidenschaft als ihres Rechtes bewußt. Schlachtengewühl, brennende Dörfer und Städte, ein blutroter Himmel und eine vom Blut getränkte Erde, Heldentaten persönlichen Muts und eine Hingabe, die über Not und Tod triumphierte – das war des Alten Welt!

Wer ihn recht zu lesen verstand, dem wurde das Auge naß und die Kehle trocken vor Erregung, und etwas Großes blieb in ihm zurück, das ihn das Kleine um sich her nur noch kleiner sehen ließ.

Ein Glück war's für seine Umgebung, daß des Alten Gewaltnatur in seinen Schriften dieses mächtige Sicherheitsventil gefunden hatte.

Seine Art war nicht bequem, seine Größe riß wohl für den Augenblick empor, aber sie zerschlug auch, was in seine Nähe kam und sich ihm vielleicht widersetzte. 7 Er duldete keinen Widerspruch, keinen Willen neben dem seinen.

Wohl konnte er sehr liebenswürdig sein. Man erzählte von ihm kleine reizende Züge von Herzensgüte, allerliebste Aussprüche waren zu geflügelten Worten geworden. Aber dieser Liebenswürdigkeit war nicht zu trauen, sie war die des Löwen, der in freundlicher Laune mit einem Hündchen spielt – irgendein Zufall konnte genügen, um sie in das Gegenteil umschlagen zu lassen. Dann zitterte vor ihm, was in seine Nähe kam, und am meisten das, was ihm am nächsten stand: sein alter Diener und seine junge Frau.

Er hatte sie genommen, wie die Helden seiner Geschichten sich das Weib nahmen, auf das ihre Sinne sie hinwiesen. Wie ein Reiteroberst eine Dirne lachend auf sein Pferd zwang, die Linke um ihren Leib gepreßt, die Rechte im Degenkorb. Die junge, behütete Tochter einer vornehmen Familie hatte sich ihm so wenig widersetzt wie diese Familie selbst. Des Alten Wille war wie ein Ungewitter über sie gekommen, wie eine Macht von oben, gegen die es keine Auflehnung gibt.

Über den Zaun des elterlichen Gartens hinüber hatte die junge Astrid Brandis hinübergespäht zu dem alten Malthe Börgesen, wenn er in dem weiten Park, gefolgt von seinen grauen Doggen, spazierenging, eingeknöpft in seinen langen grauen Mantel, den weichen Filzhut auf dem grauen Haar. Ihre Wangen glühten und ihre Augen weiteten sich, wenn er aus dem Dunkel 8 der Bäume heraustrat und langsam mit wuchtigen Schritten das Hünengrab erstieg, das den Mittelpunkt seiner Besitzung bildete, das einzige noch uneröffnete im ganzen Lande.

Gegen den kaltblauen nordischen Himmel stand düster und massig seine Silhouette inmitten der gewaltigen Tiere – ein Urweltmensch zwischen Geschöpfen der Urwelt – ein Bild, das der jungen Astrid keinen Schrecken einjagte, sondern ihr Herz im freudigen Stolz zittern ließ. Zart, jung, blond und behütet wie sie war, riß es sie hin zu ihrem Gegenspiel, dem Starken, Knorrigen, vom Leben Gehärteten, Rücksichtslosen.

Er sah ihr loses blondes Haar über dem grünen Zaun wehen. Er trat heran. Ein paar Worte herüber und hinüber – wie ein gutgelaunter Großonkel sich mit dem Nichtchen unterhält. Er behielt ihre Hand, die sie ihm zum Gruß gereicht hatte, in seiner, und der starke Schlag seines Blutes pulste in sie über und füllte sie mit fremden Schauern, die sie nicht verstand.

Dann schickte er ihr seine Bücher. Freilich waren sie alle längst im Besitz ihrer Familie, wie es sich bei dem berühmten Nachbar ziemte, und die meisten kannte sie davon. Aber sie las sie alle noch einmal die Nächte hindurch bei der Lampe in ihrem Mädchenzimmer, atemlos, zitternd vor so viel Größe, aufgepeitscht von der fremden Art, die von ihr Besitz ergreifen wollte.

Am Morgen verrieten dunkle Ringe um die Augen 9 und ein seltsam reifer Zug um den Mund, wie ihre Nächte gewesen waren. Der Alte sah es und lächelte über seinen Sieg.

Ein paar Wochen später, und er trat vor die Eltern und erbat sich Astrid – nicht als sein eheliches Gemahl, denn er war seit langem gebunden, sondern als sein Pflegetöchterchen, den Sonnenschein seines Abends, als einen feinen stillen Duft, der neben ihm weben sollte.

Er versprach, sie aus der Enge des vornehmen, aber armen Hausstandes herauszunehmen, ihr die Welt zu zeigen, die er so gut kannte. Und er hielt sein Wort.

Über ein Jahr lang waren sie auf Reisen. Als gelte es, alle Brücken hinter ihnen abzubrechen, führte er sie aus ihrer nordischen Heimat fort nach dem Orient, nach Kleinasien, Griechenland, Italien. Auf Korsika richteten sie sich häuslich ein. Sie waltete um ihn wie eine kleine Hausfrau, kochte für ihn, kaufte für ihn alle die seltsamen köstlichen Früchte, die besonderen Gemüse ein, die für sie lauter kleine Wunder waren. Von ihrer Dienerin, einem halbwüchsigen Mädchen, erlernte sie die Sprache des Landes und war stolz, wenn sie ihn mit immer neuen Fortschritten und immer neuen Landesgerichten überraschen konnte.

Mit den Mönchen eines hochgelegenen Klosters hielten sie gute Freundschaft. Oftmals stiegen die geistlichen Herren zu ihnen hinunter, oder sie zu jenen hinauf; dann ward die junge blonde Signorina nicht übel verwöhnt.

10 Astrid nahm es lächelnd hin, erfreut, weil es sie in den Augen ihres Beschützers heben mußte, aber gefeit, wie durch eine besondere Luftschicht gegen jedes Begehren geschützt.

Mit anderen Augen sah der alte Recke diese Huldigungen an. Mann war für ihn Mann, der äußere Schutz von Kutte und Tonsur erschien ihm höchst ungenügend; der alte Lebenskenner traute jenen Symbolen der Enthaltsamkeit nicht. Freilich fürchtete er für den Augenblick nichts. Aber das Gebaren der frommen Herren war ihm doch eine Warnung. Bisher hatte er Astrid von der Berührung mit allen Männern geschickt abzuschneiden gewußt, hatte die Luxushotels mit ihrer eleganten reisenden Lebewelt gemieden und war auf Bergfahrten und in der Eisenbahn jeder andrängenden Bekanntschaft ausgewichen.

Nun sagte er sich, daß er ein »Pflegetöchterchen« nicht immer so werde schützen können, und er beschloß, sie fester an sich zu binden.

Hals über Kopf kehrte er mit ihr in die Heimat zurück, um reinen Tisch zu machen.

Er besaß eine gealterte Frau und verblühte Töchter, die mißmutig des Freiers warteten. Kein geistiges oder seelisches Band fesselte ihn an diese Familie – so schob er sie von sich ab, wie man eine Schachpartie, derer man müde geworden, mit der Hand zusammenwischt. –

Er versorgte sie überreich, und sie versuchten kaum, 11 sich zur Wehr zu setzen. Auch für sie hatte es nie einen anderen Willen als den des Alten gegeben. Sie wußten, daß, wenn sie sich ihm widersetzt hätten, er ihnen das Leben zur Hölle gemacht und sie nach und nach zum Weggehen gezwungen hätte. So gingen sie lieber freiwillig.

Es war der letzte Don-Juan-Streich eines an erotischen Abenteuern überreichen Lebens, und er lief in das schlichte Bürgerliche aus.

Astrid Brandis war Astrid Börgesen geworden; sie hätte diesem Namen verschiedene klangvolle Titel voransetzen können, wenn sie nur gewollt hätte. Aber sie legte ebensowenig Gewicht darauf wie ihr Gatte.

Der Schritt in ihr neues Leben war kaum größer gewesen als der über den Zaun ihres väterlichen Gartens in den Park ihres Nachbars.

Wieder begannen sie ihr unruhiges Reiseleben.

Über die Geschichte dieser raschen Scheidung und Wiederverheiratung mußte erst Gras wachsen, ehe man in der Heimat seßhaft werden konnte. Das kleine Land zwar hätte seinem Dichter auch diesen Gewaltstreich ebenso verziehen wie die früheren, zum Teil sehr bösen Liebesabenteuer; ja, er war dazu angetan, als Beweis seiner nie versiegenden Jugendlichkeit seine Volkstümlichkeit nur noch zu steigern.

Aber da war etwas anderes. Seine Beziehungen stiegen sehr weit hinauf, zu einer Höhe, die nicht mehr zu überbieten war. Die Prinzen seines fürstlichen 12 Hauses gingen bei ihm ein und aus und luden sich zwanglos zum Tee ein. Die Prinzessinnen bedachten ihn zum Geburtstag mit selbstgemalten Porzellandöschen und gestickten Unnützlichkeiten, der Kronprinz eines verwandten königlichen Hauses hatte ihn besucht, um seine Doggenzucht in Augenschein zu nehmen. Als man ihm den bevorstehenden Besuch gemeldet und seine damalige Frau ihn bestürmt hatte, wenigstens einen schwarzen Rock anzuziehen, war er unangenehm geworden: er sei er, wer zu ihm komme, müsse ihn auch nehmen, wie er einmal sei, er sei es nicht gewesen, der den Besuch gerufen habe.

Er war dann auch wirklich in seiner grauen Hausjacke geblieben, was der Kronprinz mit Humor hingenommen hatte. Als dieser dann aber ein besonders reizendes junges Doggenexemplar zu kaufen gewünscht, war die mühsam beherrschte Mißstimmung des alten Nationaldichters durchgebrochen: »Königliche Hoheit – ich verkaufe wohl Bücher, aber nicht junge Hunde«, war er aufgebraust. Schließlich aber hatte man Frieden geschlossen, und das Tier war als Geschenk in den Besitz des Kronprinzen übergegangen.

Bei diesen Beziehungen war es nicht gut möglich, die Prinzen und Prinzessinnen eine junge Frau Staatsrätin Börgesen nach ein paar Monaten anstatt der alten antreffen zu lassen. Nach ein paar Jahren dagegen würde es sich als etwas ganz Selbstverständliches ergeben.

13 Diese Rechnung stimmte. Die hohen Gäste stellten sich ein, als sei nichts verändert, und die junge Frau Astrid Börgesen empfing sie mit vieler Anmut und Sicherheit – zugleich mir einer Bescheidenheit, die als sehr reizend empfunden wurde.

Auch alles, was in der Hauptstadt einen künstlerischen oder literarischen Namen trug, durfte Astrid bei sich empfangen. Jeden Dienstag war offenes Haus und offene Tafel den ganzen Tag über, die Besucher schwirrten ein und aus bis in die Nacht hinein, und der alte Barde war der fröhlichste unter ihnen.

Die sechs anderen Tage der Woche gehörten der Arbeit. Sie war für Börgesen eine Notwendigkeit wie das Atmen, oder wie Essen und Trinken. Sein Glück und die Quelle immer neuer Kraft. Seine Arbeitswut band sich nicht an Stunden. Sobald ein neuer Stoff seine Fänge um ihn schlug, war er für die Außenwelt verloren. Niemand durfte ihn stören, ganz still mußte es um ihn sein, damit die Gestalten in ihrem Kommen und Gehen, in ihrem Reden und Handeln nicht gestört wurden. Dann war er wie ein Verzückter, wie das Medium einer fremden Kraft, die durch ihn arbeitete. Bogen um Bogen bedeckten sich mit seiner knorrigen Schrift.

Wenn dann sein Tagewerk fertig war, wenn man endlich daran denken durfte, die Mahlzeiten nachzuholen, dann war er wie aus einem Jungbade gestiegen, 14 fröhlich, zärtlich, gütig, von einem überquellenden Humor, der immer neue Wendungen fand.

Dann endlich fand er auch Zeit für seine junge Frau. Dann stieg er mir ihr auf das Hünengrab und übersah mit ihr seinen Besitz, den er durch immer neue Landankäufe wie ein kleines Fürstentum ausgestaltet hatte. Dann wandelte er mit ihr in den gelben Sandwegen, die immer frisch geharkt sein mußten, ließ sie vor sich hergehen, um den Abdruck ihrer zierlichen Füße zu verfolgen.

Als sie noch auf Reisen lebten, war es beim Ankommen in jeder größeren Stadt sein Erstes, irgendein feines, zartgefärbtes Leder zu kaufen und daraus eigenhändig Stiefelchen für seine Frau zuzuschneiden, die dann der beste Schuhmacher der Stadt nähen mußte. Es war eine Sache von höchster Wichtigkeit, daß die »Rehfüßchen« in einer Hülle steckten, die bequem war und doch die ganze Schmalheit dieser kleinen Füße zeigte. Er sammelte diese Schuhchen, wie junge Damen die Wappenlöffel der verschiedenen Städte, die sie bereist, als Andenken zu sammeln pflegen. Die Hieroglyphen der schmalen Sohlen in dem goldenen Sand der Wege waren immer wieder sein Entzücken: »Die Rehfüßchen, die mir gehören!«

Davon wollte Astrid nichts wissen.

»Ich will dir mehr sein, als ein weiches Haustierchen. Warum läßt du mich nicht dabei sein, wenn du arbeitest?«

15 »Weil mein kleines Schmaltier mir die Geister verscheuchen könnte, wenn sie mich besuchen kommen. Du weißt doch, daß ich aus mir selbst nichts kann. Alles ist eine Verbindung von drüben her. Irgend solch blutrünstiger Kerl, der schon an die dreihundert Jahre tot ist, erzählt es mir – da heißt's aufpassen und zupacken.«

An der Idee einer Verbindung mit irgendeinem Jenseits hielt er eigensinnig fest. Dennoch erlaubte er schließlich, daß seine junge Frau ihm half. Zuerst durfte sie ihm die Korrektur lesen, dann las er ihr vor, was er jeden Tag geschrieben hatte. Zuletzt gewöhnte er sich daran zu diktieren, und sie hatte ihre liebe Not, seinem hastig vordrängenden Gedankenflusse zu folgen. Die Geister einer jenseitigen Welt wurden nicht durch ihre lebendige Gegenwart verscheucht, sondern zeigten sich hilfsbereiter als je.

Kaum wurde Astrid es gewahr, daß sie kein eigenes Leben mehr lebte, daß ihr ganzes Sein allmählich in das des alten Gatten mündete, von seinem verschlungen wurde. Der Einfluß, den seine starke Natur auf sie ausübte, war so mächtig, daß alles so, wie es war, ihr natürlich und gut erschien, daß sie kaum daran dachte, daß ihre Jugend andere Anforderungen hätte stellen dürfen, als die Sekretärin und Gesellschafterin eines alten Herrn zu sein.

Hin und wieder, wenn sie eilfertig die Gedanken 16 ihres Gatten zu Papier brachte, in äußerster Anspannung, um ja kein Wort zu überhören, war es ihr, als ob daneben eigene Gedanken in ihr wach würden, die sich mühten, jene zu verdrängen.

Zuerst wies sie alles, was sich regte, voll Empörung zurück, wie Vermessenheit erschien es ihr, daß sie, die nur Dienerin eines Großen zu sein hatte, für sich selbst etwas schaffen könnte. Dann aber, als die Gedanken sich für den Zwang rächten und sie nur um so gewaltsamer überfluteten, schrieb sie sie nieder. Nichts Geordnetes, nichts, das man in irgendeine Rubrik, als Novelle, Artikel oder nur Skizze hätte einschachteln können, nur hingeworfene Gedanken, Einfälle, kleine Blitze und Fünkchen, aber absonderlich, überquellend von jugendlicher Kraft und Phantasie.

Astrid selbst fand keine ernste Stellung dazu, aber sie liebte ihre Aufzeichnungen als etwas Geheimes, Verbotenes. Sie freute sich auf die einsame Stunde, in der ihr Gatte Mittagsschlaf hielt und in der sie an dem krausen Gedankengespinst weiter wirken konnte. Sorgfältig schloß sie die Blätter ein, damit der Alte sie nicht entdecken sollte. Nach einer Weile aber kam ihr der Wunsch, sein Urteil darüber zu hören, und eines Tages, als sie ihn bei recht guter Laune glaubte, brachte sie ihm die Blätter, zaghaft und rot über das ganze Gesicht wie ein junges Mädchen.

Er war etwas erstaunt. »Sieh, sieh, ich dachte, du hättest mit dem, was du für mich schreiben müßtest, 17 reichlich genug. Was für Kraft doch in euch Frauen steckt, und in den zartesten am meisten.«

Dann nahm er die Schriften, rückte damit nahe zum Fenster und setzte ein zweites Augenglas über die Brille, denn seine Augen hatten in der letzten Zeit sehr nachgelassen.

Klopfenden Herzens sah Astrid von ihrer Handarbeit zu ihm hinüber.

Nach einem Weilchen stand er auf, bog ihren Kopf hinten über und klopfte ihr die Wangen: »Na, da hat mein Schatz sich ja eine hübsche Federübung geleistet.«

»Eine Federübung? So, ist es nicht zu gebrauchen?« Das Herz sank ihr.

»Gewiß ist's zu gebrauchen, für einen ganz guten Zweck sogar. Sieh mal so . . .«

Er faltete die Blätter zusammen, zog sein mächtiges Taschenmesser, das groß wie ein Dolch war, schnitt den Kniffen entlang und zündete mit einem der Fidibusse seine Pfeife an. »Nun ist's Rauch geworden und schadet keinem mehr. Das Schmaltierchen wollen wir aber entschädigen. Wir fahren zusammen zur Stadt, da habe ich in dem bewußten Juwelierladen eine Schnur Barockperlen gesehen, die einem weißen Hälschen recht gut stehen müßten.«

Astrid aber wollte keine Perlen und keinen Schmuck. Ihr war zu Sinn, als habe das Dolchmesser des Gatten etwas Lebendiges gemordet.

18 Wie aber stets das, was der Alte anderen nahm, ihm selbst zugute kam, so auch hier. Nun Astrid glauben mußte, für sich selbst nichts mehr erreichen zu dürfen, stellte sie sich um so demütiger ganz in den Dienst des Gatten.

Sein achtzigster Geburtstag war vorüber, eine Feier für das ganze Land, die seinem Namen die letzte Verherrlichung brachte. Jede Zeitung nahm in Wort und Bild davon Notiz, seine Marmorbüste stand nun auf einem Ehrenplatz im Museum der Hauptstadt. Ein paar Tage lang war sein Landhaus der Wallfahrtsort für Hunderte gewesen, die ihm huldigen wollten, Fest reihte sich an Fest ihm zu Ehren.

Weiter gingen die Jahre, die Tage so durch Arbeit gefüllt, daß kaum Zeit blieb, über ihr Vergehen nachzudenken.

Dem alten eisgrauen Recken taten sie nur wenig an, höchstens, daß die Altersrunen seine Haut schärfer zerrissen und daß das mächtige Löwenhaupt tiefer zwischen die Schultern einsank. Von Astrid aber hatten sie den Schmelz abgestreift. Langsam war ihre Mädchenhaftigkeit in blühende Frauenreife übergegangen – langsam auch diese fast überschritten, ohne daß sie eigentlich gelebt hatte.

Was an jungen, gesunden Instinkten in ihr gelegen, war durch das geistige Übergewicht des alten Gatten erstickt worden. War doch noch einmal ein Wunsch in ihr lebendig aufgesprungen beim Anblick eines 19 Liebespaares oder spielender Kinder, so hatte sie sich darüber geschämt und war rot geworden.

Es waren viele Männer in ihrem Heim ein und aus gegangen, auch solche, die nach gemeinem Brauch die junge Frau eines alten Mannes als Freiwild ansehen zu können glaubten – trotzdem hatte sich kaum ein Wunsch an sie gewagt und hatte kein Werben ihren Frieden erschüttert. Sie alle kannten den alten Recken, kannten die elementaren Kräfte seiner Natur, zu deren gewaltigsten die Eifersucht gehörte. Lebendig war noch der Ruf früherer Geschehnisse, bei denen ein paarmal die Eifersucht zu grausamen Zusammenstößen geführt hatte. Daß diese Leidenschaft auch im Alter nicht erloschen sei, nahmen sie alle an.

Ein einziges Mal war sie zu guter Letzt noch emporgelodert.

Allmählich hatte der riesenhafte Körper sich doch den Beschwerden des Alters beugen müssen, heftige Gichtanfälle hatten Börgesen zuweilen für lange Wochen hilflos ans Bett gefesselt und Diener wie Frau eine schwere Pflege aufgebürdet.

Mit wachsamen Augen verfolgte der Alte jede Bewegung Astrids und des Doktors, wenn sie gemeinschaftlich seine kranken Beine in Watte und Flanell packten. Die Sorge des Arztes, daß die gnädige Frau sich nicht überanstrengen und sich täglich ein paar Stunden Spazierengehen und öfter eine Fahrt von ihrer grünen Gartenstadt zur Hauptstadt gönnen sollte, erschien ihm übertrieben und wie ein Raub an sich selbst.

Einmal, als Astrid den Arzt beim Abschied auf seinen Wink ins Nebenzimmer begleitete, um von ihm noch eine Anweisung zu empfangen, die nicht für das Ohr des Kranken berechnet war, packte Börgesen die Eifersucht, urkräftig wie in seinen jungen Jahren. Sie hatten ihre Stellung im anderen Zimmer so gewählt, daß er sie nicht sehen konnte. Er hörte sie sprechen, aber sein Ohr hatte an Schärfe verloren, so sehr er es auch anspannte, konnte er kein Wort verstehen. Er versuchte, sich im Bett hochzusetzen, den Oberkörper vorzubeugen, um schärfer zu hören. Ein Stöhnen entfuhr ihm bei der unbeholfenen Bewegung – wie tief mußten jene beiden in ihre Unterhaltung vertieft sein, daß sie nicht hörten, wie er litt – der Arzt, dem es Beruf war, zu sorgen, die Frau, der es Herzenssache hätte sein müssen!

Er stand Qualen aus, wie niemals in den Tagen der Jugend und Leidenschaft. Ein Jahr opfern von der nur noch kärglich bemessenen, kostbaren Lebenszeit, um zu sehen, was zwischen den beiden vorging.

Er spannte die kranken Muskeln an, seinen Willen: Ich will! Was waren die Wunderheilungen des Mittelalters, bei denen die Lahmen ihre Krücken fortwarfen und wandelten, anderes, als eine aufs äußerste angespannte Willenfestigung im gläubigen Wahn an das Gelingen.

20 Plötzlich stand er auf den kranken Beinen, taumelte ein paar Schritte vor, riß den Türflügel zurück – und sah Astrid weinend, das Taschentuch in der einen Hand, in der anderen ein Rezept, das der Arzt wohl eben geschrieben, den Arzt selbst in tröstend verbindlicher Haltung neben ihr.

Dann verließ ihn die Kraft. Er stürzte hin wie ein Felsblock, der sich vom Grat losgelöst hat und auf den Boden aufklatscht.

Sie brachten ihn wieder zu Bett unter schweren Mühen. Ihrer drei genügten kaum, um den gewaltigen Körper zu regieren. Sein Gesicht war bläulich, die Augen starr, ein leichter Schaum stand auf der breiten, blaurot geäderten Unterlippe. Seine Zunge war schwer und brachte nur ein paar lallende Laute hervor.

Anfangs glaubte der Arzt, daß ein Schlag ihn getroffen habe, aber es zeigte sich keine andere Lähmung als die seiner gichtischen Erkrankung. Er hob den Arm gegen die Tür: »Allein bleiben!«

Doch als die drei, Astrid, der Doktor und der alte Diener, wie Verbrecher hinausschleichen wollten, hob er den Arm abermals, nun gegen seine junge Frau: »Du – bleiben! Hierherkommen!«

Scheu und zitternd wie eine Schuldige trat sie an sein Lager.

Die Körperkräfte kamen dem Alten früher zurück als die Sprache. In ohnmächtiger Empörung packte 22 er die Hand seiner Frau, drückte und schüttelte sie, und schleuderte sie dann fort wie etwas Ekelhaftes. Vier rote Fingermale auf der blassen, verwöhnten Haut zeugten von seinem Zorn.

Das weiße Haar schien sich über seiner Stirn zu sträuben, er blickte aus bösen, blutunterlaufenen Augen wie ein Tobsüchtiger – ein abscheulicher Anblick.

Ein unbewußtes Grauen trieb Astrid von ihm fort, aber der eingebläute Gehorsam gegen seinen Willen hielt sie regungslos neben ihm.

»Du gehörst mir. Höre zu, was ich dir sage. Mir gehörst du jetzt und für alle Ewigkeit. Ich will nicht, daß ein anderer auch nur das Geringste von dir nimmt, nicht von deiner Seele, nicht von deinem Leibe. Kein Blick und kein Händedruck soll einem anderen zugute kommen als mir. Ich bin alt, aber meine Lebenskraft geht über das Menschliche hinaus. Ich werde noch lange leben, weil ich es will. Und weil ich nicht will, daß jemals einer dich nimmt.«

»Malthe«, bat sie, »du weißt doch, daß ich nur an dich denke.« –

Da richtete er sich in den Kissen auf, stützte sich auf die bebenden Arme.

»Küsse mich, Astrid. An deinem Kuß will ich erkennen, ob du die Wahrheit sprichst!«

Und Astrid überwand ihr Grauen und legte ihre weichen, zitternden Lippen auf den aufgeschwemmten Greisenmund. Und in der Angst, er könne nicht 23 zufrieden sein, das Mißtrauen könne ihn wieder überwältigen, küßte sie ihn wieder und wieder und heftig, wie in junger Leidenschaft.

Nachher schlug sie in einer Ohnmacht auf den Teppich – der ersten ihres Lebens.

Allmählich ging die körperliche Krankheit Börgesens zurück, dagegen trat eine Trübung seines Verstandes ein, die rasche Fortschritte machte.

Dunkel ahnte er, was ihm bevorstand, aber mit allen Kräften versuchte er sich dagegen zu wehren.

Seine Arbeit wollte er nicht aufgeben, gerade dieses Werk, an dem er jetzt arbeitete, bedeutete für ihn die Krönung seines Lebenswerkes. Mit der Hast eines, der fühlt, daß ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, diktierte er; anhaltender als je war Astrid mit der Feder neben seinen Stuhl gefesselt, und mit Entsetzen bemerkte sie, wie seine Gedanken sich immer mehr verwirrten. Aber gehorsam, wie er es sie gelehrt, schrieb sie nun die krausen Sinnlosigkeiten nieder.

Endlich erklärte er das Werk für fertig und legte es Astrid ans Herz, bei dem Verleger möglichst günstige Bedingungen zu erzielen.

»Für dich, armes Kind! Damit du wenigstens äußerlich glänzend dastehst, wenn ich nicht mehr sein sollte. Freilich, was nützt dir dann das Leben überhaupt? Armes Kind, wie wirst du dann allein sein.«

Kein leiser Gedanke, daß sie sich trösten, daß dann erst das Leben ihr bieten könne, was es ihr bis jetzt 24 schuldig geblieben. Felsenfest war er davon überzeugt, daß sie am liebsten nach der Art indischer Witwen sich mit ihm verbrennen lassen würde.

Nachdem mit der Fertigstelle seines Dramas der stärkste Lebensantrieb ihm genommen war, ging es schnell mit ihm bergab.

Er saß nun untätig in seinem tiefen Lehnstuhl und sah mit trüben Greisenaugen in den Park hinaus, auf das Hünengrab und den Hundefriedhof darunter, wo alle seine verstorbenen Doggen ein ehrenvolles Begräbnis gefunden hatten. In dem silbern schimmernden Kiesgrund bezeichnete ein Mal von rotem, zerkleinertem Porphyr jedes Einzelgrab.

»Hier bei meinen Tieren will ich auch einmal liegen. Sorge dafür, Astrid, daß es geschieht. Nicht auf dem Menschenkirchhof unter der neidischen Bande. Menschen sind alle untreu und gemein, treu sind einzig noch die Hunde.«

Er, der sein Leben lang die Menschen seinem Willen untertan gemacht hatte, war am Ende seines Lebens von einer teuflischen Menschenverachtung erfüllt.

Allmählich aber vergaß er die Menschen und die Welt, und eine andere Welt tat nun schon vor ihm ihre Pforten auf.

Er sah sie zu sich hereinkommen, die Geister lange abgeschiedener Freunde, er hielt mit ihnen seltsame Zwiesprachen:

»Setze dich, Erik, dort steht dein alter Sessel. Es 25 freut mich, wenn du darin sitzst, und keiner von dem gemeinen Menschenpack. Alter Kerl, hast du nicht genug von dieser Welt, wo die Weiber falsch und die Freunde treulos sind, daß du dich nochmals zu uns zurückwagst?«

Auch die Gestalten seiner Dichtungen kamen zu ihm zu Gaste, Erik Hansen, der Rebell, Jürgen, der Schmugglersohn, und Palle, der sonnige Knabe, der so rührend im Kampfe fiel.

Zuletzt kamen auch seine toten Hunde, sie legten die mächtigen Schnauzen auf seine Knie und peitschten mit den starken Ruten den Boden, und er rief sie alle mit Namen und ließ sich von ihnen die Hände lecken.

Und merkwürdig, seine zwei lebendigen Lieblingsdoggen Palle und Marko, nach den Helden seiner Geschichten genannt, Palle hellgelb mit schwarzumrandeten Menschenaugen, Marko blaugrau von besonders gedrungener Gestalt, hielten gute Freundschaft mit den Geistern ihrer Gefährten, begrüßten sie wedelnd, oder fletschten knurrend auch die Zähne, wenn jene sich unziemlich benahmen.

Astrid aber stand außerhalb dieser Schemenwelt. Oftmals kam sie das Grausen an, wenn ihr Gatte von ihr verlangte, daß sie seine Geisterfreunde bewirten solle, ihnen Honig und Wein hinsetzen, die Speise der Zurückgekehrten von alters her, aus der sie die Kraft für ein kurzes Schattendasein nehmen, oder wenn er sich bei jenen entschuldigte, daß er ihnen kein 26 Blut vorsetzen könne, das ihr Dasein am kräftigsten verlängern würde.

Nun er in der Gesellschaft seiner Abgeschiedenen sich so wohl fühlte, hatte Astrid mehr Zeit für sich als früher. Und plötzlich war auch der alte Schaffensdrang wieder in ihr lebendig, den der Alte so grausam gemordet hatte. Ja, es schien, als ob als Ausgleich die fliehende Schöpferkraft Börgesens in seine Frau übergeströmt sei.

Sie schrieb, schrieb, schrieb mit größter Leichtigkeit, unter einem zwingenden Muß – oft kam es ihr, daß sie aufhorchen mußte, wie früher auf das Diktat ihres Gatten. Was sie niederschrieb, erschien ihr wie sein Geschenk, wie eine besondere unverdiente Gnade.

Dann aber warf sie die Blätter zusammen und stürmte hinaus ins Freie, hinauf auf das Hünengrab, und bot aufatmend ihre Brust dem Winde; ihr blondes Haar peitschte ihr die Stirn. Sie fühlte Kräfte in sich erwachen, fordernde Stimmen wurden in ihr laut. Etwas Wundervolles, Ungekanntes regte sich hinter dem Vorhang – nur noch kurze Zeit und sie würde das Recht haben, ihn beiseite zu ziehen.

Dann warf sie in Scham über die fremden Stimmen den Kopf zurück, und zur Buße verdoppelte sie ihre Sorge für den sterbenden Gatten. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß nun die Luft des Krankenzimmers, das halbe Licht, das Gemisch von Gerüchen, von Salben und Äther ihr Widerwillen einflößte, daß 27 ihre Nerven sich gegen die hundert kleinen Krankendienste empörten, die sie gerade auf sich genommen hatte.

Was sie aufrecht hielt, war ihr Buch. »Königsgeschlechter« nannte sie es, als es fertig war. Sie nahm lichte Augenblicke des Gatten wahr, um es ihm vorzulesen. Etwas erfaßte er davon, dann verwirrte sich ihm das Denken. Doch mochte er in dem Wenigen, was er davon aufgenommen, ein Teilchen seines eigenen Geistes gewittert haben, und großmütig, als wenn er ihr ein Geschenk mache, sagte er: »Es soll unter meinem Namen erscheinen, Astrid. Bedenke, was das besagen will: unter meinem Namen!«

Als sie sich dankbar über seine knorrige Hand mit den dick aufliegenden Adersträngen beugte, vergaß sie, daß er unter dem Anschein der Güte ihr dieses Mal befahl, wie ihre ganze Ehe hindurch.

Endlich war der alte Löwe gestorben. Nach einem furchtbaren Kampfe, der alle Schrecken des Aufhörens von etwas Erdgeborenem vereinte.

»Vergiß nicht, Astrid! bei den Hunden!« waren seine letzten Worte gewesen.

Astrid schickte den Diener hinaus, um ganz allein bei ihrem Gatten die Totenwacht zu halten. Sie saß am Kopfende des Bettes und sah auf das gelbe Gesicht, das sich langsam nach dem letzten Kampf glättete, das nun seltsam fremd wurde, nur ein Vertrautes behielt, den Zug unsäglicher Menschenverachtung, den es in 28 den letzten Jahren angenommen hatte. Sie hielt Abrechnung mit dem Toten, maß ab, was sie ihm von ihrem Leben gegeben und was sie dafür von ihm empfangen hatte. Ein Zug bitteren Hasses lag auf ihrem Gesicht, als sie sich erhob.

Rot und prächtig wie eine Feuersbrunst ging die Sonne auf.

Astrid sah noch einmal auf den Toten.

»Aber ich lebe!« sagte sie. Es klang wie eine Drohung, klang nach Vergeltung und Rache.

Dann breitete sie abgewandten Hauptes ein Tuch über das Totenantlitz. – –

Drei Tage lang soll eine Leiche über der Erde stehen, so bestimmt es das Gesetz.

Dem toten Dichter war eine längere Zeit vergönnt, in der er noch in seinem Schlafzimmer ruhen, die Kieferndüfte seines Parkes über sich hinstreichen fühlen und das Gezwitscher der Vögel in dem Buschwerk vor seinem Fenster hören konnte. Ihm, dem Diktator seines eigenen Willens, sollte sein letzter Wille nicht beachtet werden. In geweihter Erde, das heißt auf irgendeinem Kirchhof sollte er sein Grab finden, das später ein auf Staatskosten ausgeführtes Prachtmal krönen würde.

Seine Witwe berief sich auf seinen so deutlich ausgesprochenen letzten Willen. Sie wandte sich an die Behörden, machte Eingaben – man beschied sie abschlägig, vertröstete sie dann – die Angelegenheit 29 ging den Instanzenweg – bis schließlich der alte Recke selbst nach seinem Begräbnis verlangte. Seit Wochen schon hatte er sein luftiges Schlafgemach mit einem engen, fest verlöteten vertauschen müssen.

In einer regenschweren Frühlingsnacht, wo die Erde aufgelockert war und aus tausend und aber tausend braunen herzigen Blattknospen der junge Werdeduft quoll, grub Astrid mit dem alten Diener ihrem Eheherrn das Grab. Ihre verwöhnten Hände zitterten nicht, als sie Scholle um Scholle aus der Tiefe emporwarfen. Sie versagten den Dienst nicht, als sie mit ein paar aus dem Schlaf geweckten, und von der Ungeheuerlichkeit des Vorgangs betäubten Nachbarsknechten halfen, den Sarg aus dem Hause zu tragen und in der Gruft zu versenken.

Als die Sonne heraufstieg, wölbte sich schon der Hügel über dem Alten. Zu Häupten hielt der gepanzerte Hüne in seinem ungeöffneten Grabe Wacht, zu Füßen breitete sich ein weißschimmernder Teppich mit roten Denkzeichen aus. So lag der Dichter, der Stolz seines Landes, der Freund von Königen, wie er es gewünscht, »bei den Hunden«!

Mit der vollendeten Tatsache fand sich sogar die Behörde ab; man ließ ihn ruhen und vertuschte die Sache, so gut es ging.

Astrid war nun frei. Sie, die kaum eine Stunde ihres Lebens als ihr Eigen gehabt hatte, stand dieser Wendung mit einem hilflosen Erstaunen gegenüber. 30 Das Leben lag nun in ungeheurer Weite vor ihr, in ungeheurer Leere. Und ebenso jeder neue Tag.

Schon in den letzten Lebensjahren ihres Eheherrn hatte sie frei geschaltet, den Haushalt nach ihrem Ermessen geleitet, die Verlagsangelegenheiten geführt, das große Vermögen Börgesens verwaltet. Der Ertrag seiner Schriften, der ihr jetzt zufiel, gestattete ihr, das Leben in der gewohnten Weise weiter zu führen.

Sie hätte nun schreiben können, ungehindert etwas Großes schaffen. Aber der Quell schien verschüttet. – War es vielleicht nur ein Ausfluß aus der Seele des Alten gewesen, hatte er ihn mit seinem Tode abgegraben in Mißgunst? – –

So machte sich die Witwe daran, den literarischen Nachlaß Börgesens zu ordnen – eine Fronarbeit für den Toten, wie früher für den Lebendigen.

Er brachte ihr eine große Überraschung.

Stets hatte sie geglaubt, mit allem, was ihr Gatte je geschrieben, ganz vertraut zu sein – jetzt zeigte sich, daß in seinem Pult ungehobene Schätze ruhten. Entwürfe für Romane und Dramen. Oft nur flüchtig skizziert das Skelett der Handlung, hier nur eine Szene ausgeführt – oft nur ein knappes Wort hingesetzt zur Charakteristik der Personen. Dann wieder andere Stellen breit angelegt und inmitten der Handlung jäh abbrechend. – Eine flüchtig skizzierte Stellung – Anmerkungen, Durchgestrichenes, – Überarbeitetes –

31 Und so Stöße von Manuskripten, in denen diese elementare Schaffenskraft sich Luft gemacht hatte. Ausbrüche wie aus einem Krater, glühend, überwältigend – dann wieder lange trostlose Stellen, wie erstarrte Lava.

Aus der Jünglingszeit stammten die ersten Bruchstücke. Sie begleiteten dann sein ganzes Leben, selbst aus seinem hohen Alter waren noch Entwürfe zu wuchtigen Arbeiten da, von denen sie nichts wußte.

Astrid war betäubt, überwältigt von dieser Fülle. Wieder kam die hilflose Bangigkeit über sie: wie das alles anpacken, wie das Gold ausmünzen? Würden ihre Kräfte dieser Aufgabe gewachsen sein?

Der Gedanke an einen Helfer und Berater kam ihr. Zuerst wies ihre selbstherrische Natur ihn zurück, dann ließ das Gefühl der Verantwortlichkeit für ihres Gatten Werk ihn wieder aufnehmen.

Sie überdachte die Menge ihrer literarischen Freunde: mancher war dabei, der ihr hätte helfen können, den ihr Gatte als literarischen Anfänger auf die Beine gestellt hatte und den nun die Dankespflicht hätte gefügig machen müssen. Aber sie kannte diesen ganzen literarischen Klüngel und mißtraute allen. Mißtraute ihrem hilfreichen Wollen und ihrer Ehrlichkeit: diese unausgemünzten Schätze waren wie Goldkörner, die jeder nehmen und brauchen konnte, ohne daß man ihn des Diebstahls hätte bezichtigen können.

Plötzlich fiel ihr ein, was ihr Mann ihr einmal vor 32 Jahren gesagt hatte: »Wenn du späterhin mal jemanden brauchst, um Ordnung zu schaffen, so wende dich nur an einen einzigen: Holger Asmussen.«

Erstaunt hatte sie gefragt: »Warum gerade an den? Der ist doch kein Dichter –.«

»Nein, wenn Verse aufs Papier werfen ein Dichter sein heißt, dann ist Holger Asmussen keiner. Dafür hat er aber das sicherste dichterische Gefühl, die allerfeinste Wägung für den Wert eines dichterischen Werkes. Wenn er meine Sachen vorträgt, so werden sie wie mit einem neuen wertvollen Wesen durchtränkt. Er ist der einzige, der mich ganz lebendig halten wird. Also wende dich an ihn.«

Und Astrid Börgesen, der noch jetzt jedes Gebot des toten Gatten Gesetz war, schrieb an Holger Asmussen, er möge sie aufsuchen, um mit ihr ein Vermächtnis des Toten zu besprechen.

Er war ihr seit langem kein Fremder mehr.

Holger Asmussen gehörte zu jenem halben Hundert hervorragender Persönlichkeiten, die in der gesellschaftlichen Oberschicht der Hauptstadt jeder kannte. Man hätte sich keine Erstaufführung im königlichen Theater denken können, wo nicht in der Mitte der ersten Parkettreihe sein feiner blasser Kopf mit der wundervoll geschnittenen Nase und dem lockigen angegrauten Haar sichtbar gewesen wäre. Sein Profil war von vornehmster Reinheit, alle Bilder zeigten ihn so, und es war seine besondere Kunstfertigkeit, sich immer so zur 33 Schau zu stellen, daß jeder, auf den es ihm ankam, gerade nur dies Profil sah.

Die Kinder auf der Straße kannten ihn, die jungen Mädchen sammelten seine Ansichtspostkarten, die Ehemänner faßten ihre Frauen schärfer ins Auge, wenn er irgendwo in der Gesellschaft erschien. Wilde und unheimliche Gerüchte über seine Liebesgeschichten waren im Umlauf, ohne daß man irgend etwas Gewisses gewußt hätte.

Man behauptete, daß nur Ehefrauen ihn reizten, und daß es ihm eine grausame Lust bereite, sie wieder fortzuschicken, wenn sie ihm zu Willen gewesen seien . . . Dann hieß es, daß nur die älteren Frauen auf einer gewissen Altersgrenze es ihm antäten, dann wieder, daß Frauenliebe für ihn überhaupt nicht in Betracht käme. Wo eine Frau sich mit ihm im Theater oder Vortragssaal zeigte, galt sie für bloßgestellt, aber alle waren mit Freuden bereit, sich bloßzustellen.

Fand einer seiner Vortragsabende statt, so war der Saal lange zuvor ausverkauft. Die Damen kleideten sich wie für einen Hofball und trugen Blumensträuße in den Händen, die sie zum Schluß selbstvergessen vor dem Podium niederlegten. Seine Stimme hatte einen eigenen, schwingenden Ton, der bis ins Innerste traf, und da er alle technischen Mittel beherrschte, konnte er jeden und jede nach seinem Willen damit bezaubern. Man verglich seinen Vortrag mit Gesang, dem Ton des Cellos, dem Duft weißer Nelken, dem 34 Mondschein über der Akropolis, dem Wind, der über Myrtenhaine strich. Am hinreißendsten aber war er, wenn in seiner Stimme eine weite trostlose Einsamkeit lag, etwas Körperloses, wie der Klang aus irgendeinem Jenseits.

Malthe Börgesen hatte es natürlich nicht vermeiden können, daß seine junge Frau hier und dort Holger Asmussen begegnete, aber er hatte sich wohl gehütet, ihn je in sein Haus zu laden. Dachte dieser alte kluge Rechner nicht daran, was er tat, als er nun seine Witwe ihm überantwortete? Oder war es vielleicht sein allerklügster, grausamster Rechnertrick, um sie auch nach seinem Tode ganz für sich zu behalten? – –

In dem großen, kühlen Gartensaal, in den das Licht hell flutete und den keuschen und zärtlichen Duft der ersten frühen Rosen hereinbrachte, empfing Astrid ihren Besucher.

Ihre schwere schleppende Trauerkleidung gab ihr etwas Königliches, ließ sie fast über Menschenmaß hinauswachsen. Ihre blühenden Farben, ihr schönes, volles, blondes Haar machten es vergessen, daß um die Augen schon die ersten Andeutungen der bösen »Krallen« lagen und die Brauen sich scharf in die Höhe hoben, in einem Zug, den unbewußtes Entsagen geprägt hatte. Da sie ohne jede Gefallsucht war, machte es ihr nichts aus, sich dem grellen Licht auszusetzen, das sie ohne Beschönigung zeigte.

35 Sie reichte ihm die Hand, und er nahm sie in einer kühlen Ehrerbietung, die fast eine Ablehnung war.

Auf einem Tisch mit bunter Marmorplatte und goldenen Barockbeinen war der literarische Nachlaß Börgesens ausgebreitet, gut geordnet, leere Foliobogen und Schreibgeräte daneben. Es sah ganz nach ernsthafter Arbeit aus.

Astrid berichtete über die gefundenen Schätze, kramte ihre Pläne aus, wie alles nutzbar zu machen sei, wie das Angefangene fertiggestellt werden könne. Besonders interessierten sie die Entwürfe der Dramen. Die Skelette waren vorhanden, es kam nur darauf an, sie mit lebendigem Fleisch zu umgeben. Ob das so schwer sein könne? Sie fieberte, gerade an diese Arbeit zu gehen. Aber sie brauchte dafür einen Berater, einen, der die Bühne ganz genau kannte, in allen ihren Möglichkeiten, Werten, Stimmungen. Wer würde ihr da besser zur Hand gehen können, als der Lektor des königlichen Theaters, Holger Asmussen. – – –

Sie hatte schnell und erregt gesprochen, am Tische sitzend. Ihre Hände schichteten mechanisch die Schriftenstöße auf, legten sie wieder auseinander, als wenn sie sich immer wieder von neuem der Sicherheit dieses Schatzes vergewissern müsse. Nun sah sie fragend zu ihm auf, der neben ihr stand.

»Warum müssen es nun gerade die Dramen sein, gnädige Frau?«

36 »Warum? Weil sie das einzige Unfertige sind, bei dem doch ein fester Plan vorliegt. Da kann man sicher sein, sie am meisten im Geiste meines Gatten fertigzustellen.«

»Fällt es Ihnen nicht auf, gnädige Frau, daß der Staatsrat nicht selbst an diese Aufgabe gegangen ist?«

»Keineswegs. Er steckte bis zuletzt so voller Pläne. Er war wie ein blühender Apfelbaum, bei dem eine Blüte die andere verdrängt. Früher hatte er mir einmal gesagt, daß er sich die dramatische Arbeit als Letztes aufhöbe. Als Krönung seines ganzen Lebenswerkes.«

»Und da gelüstet es die Witwe, dem großen Toten noch diese Krone auf die Stirn zu drücken? Bleiben Sie davon, gnädige Frau. Die Bühne ist ein heißer Boden, für eine Frau aber am meisten.«

Es lag kein Spott in den Worten, nur das überlegene Aussprechen der Meinung eines, der Bescheid wußte.

Astrid, die nicht an Widerspruch gewöhnt war, die nie einen anderen Willen über sich gewußt hatte als den ihres Gatten, war versucht, hastig zu entgegnen. Aber die rein geschäftsmäßige Erwägung: Du darfst es auf keinen Fall mit ihm verderben, ließ sie ihre Empfindlichkeit hinunterschlucken und lächelnd sagen:

»Ich bin meines Mannes nicht so unwürdig, wie 37 Sie glauben. ›Königsgeschlechter‹ ist von mir. Es geht unter dem Namen meines Mannes, in seinem Testament ist aber ausdrücklich festgelegt, daß ich es geschrieben habe.«

Wenn sie gedacht hatte, ihn damit zu verblüffen, hatte sie falsch gerechnet. Sehr höflich neigte er nur den Kopf und sagte: »Das ist mir selbstverständlich bekannt«

»Ihnen bekannt? Kein Mensch weiß doch davon. Der Verleger war zum Schweigen verpflichtet.«

»Und wenn auch. So etwas sickert durch. Sie kennen unsere literarischen Kreise viel zuwenig, trotzdem sie als Gattin Börgesens mitten darin standen. Alle die literarischen Klüngel mit ihrem Neid, ihrem Besserkönnen, ihren Geschwätzigkeiten. Nichts bleibt da verborgen, nichts Literarisches, nichts Persönliches. Bleiben Sie ihnen fern, gnädige Frau.«

Er sah sie mit seinen so viel bewunderten braunen Augen warm an. »Ihr ganzes Leben ist ja nichts als Literatur und wieder Literatur gewesen. Lassen Sie sie jetzt und fangen Sie an zu leben.«

»Das nennen Sie das Erbe meines toten Gatten lebendig halten? Ich kenne nur diese eine Aufgabe. Es fragt sich jetzt nur: wollen Sie mir dabei helfen oder nicht?«

Am liebsten hätte er rundweg nein gesagt. Eine Abwehr gegen jede Verbindung mit etwas Weiblichem, mochte sie sein, wie sie wolle, lag ihm im 38 Blute. Rücksichten, Abhängigkeit, ein Sicheinstellen auf Launen, ein kavaliermäßiges Nachgeben ohne inneren Grund – und wahrscheinlich auch eine Aufreizung seiner Nerven würde ihm bevorstehen. Dagegen stand ein einfaches Rechenexempel: die nahe Verbindung mit der Witwe des ersten Dichters seines Landes würde ihm Rückgrat geben. Immer schon hatte er Börgesens Schriften mit Vorliebe für seine Vorträge gewählt, jetzt würde er sie für sich beschlagnahmen, Börgesen-Abende, Börgesen-Reisen veranstalten. Keiner sollte darin mit ihm wetteifern können, sie würden seine »neue Note« bilden. Denn das sagte er sich ganz nüchtern: der Ruhm eines Vortragskünstlers, noch dazu in einem so kleinen Lande, steht auf tönernen Füßen. Alle augenblickliche Verhimmelung gewährleistet ihm nicht die Dauer. Den Zenit seiner Schaffenskraft hatte er erreicht, es galt nun, sich zu behaupten. Und dann die Tantiemenanteile, die ihm zukamen, wenn das Stück angenommen war. –

So sagte er denn: »Ihr Gatte selbst hat mir keine Wahl gelassen. Es ist für mich eine Auszeichnung, wie für jeden anderen. Nur warnen wollte ich Sie, um Ihretwillen, gnädige Frau.«

Nun verabredeten sie den Arbeitsplan. Für heute war es zu spät, anzufangen. So gingen sie denn ins Freie, und Astrid zeigte dem Besucher den weiten Besitz, der nun ihr Eigen war.

39 Über die sauber geharkten Sandwege des Gartens schritt sie an Asmussens Seite nun keck dahin, als gelte es wieder die Abdrücke der »Rehfüßchen« im Sand des Weges zu zeigen, wie zur Lebenszeit ihres Gatten. Dabei sprach sie rasch und unterstützte ihre Worte häufig durch eine eilige Geste.

Asmussen sah sie an, erstaunt und unangenehm berührt.

Er war ein bis zur Krankhaftigkeit überfeinerter Ästhet und litt unter allem, was grell, laut, hastig, unbeherrscht war. Gedämpfte Farben und Töne, matte, weichfallende Stoffe, müde, schmiegsame Bewegungen, eine heimliche, gedämpfte Stimme, eine schmale, zärtliche Wange, die sich über ein dünnes Hälschen neigte, ein Stich ins Krankhafte, gehörten zu seinem Frauenideal. Die etwas massive, energische Astrid, die niemals krank gewesen war, widersprach diesem Ideal in allem.

Mit dem Stolz der Besitzerin führte sie ihn in ihr Reich, das sie selbst mit hatte ausgestalten helfen. Es gab viel zu erklären, auf viele Einzelheiten aufmerksam zu machen, die gerade ihr wichtig waren. Endlich waren sie bei dem Hünengrab und dem Friedhof für Mensch und Tier angelangt. Grell und herausfordernd leuchteten die roten Zeichen auf dem weißen Grunde und in ihrer Mitte, mit weißem Kies überdeckt, der flache Hügel.

Die vier Doggen, die sich im ganzen Anwesen nach 40 Belieben tummeln durften und mit ihren Unarten oft den Gärtner zur Verzweiflung brachten, kamen über den gepflegten Rasen angesaust, beschnupperten den Besucher, prüften ihn sehr genau auf gute Freundschaft, knurrten ein bißchen und drückten sich dann in windenden Bewegungen an die Herrin. Einer suchte den anderen mit dem dicken Kopfe zur Seite zu drängen, sie stießen sich in die Flanken, peitschten mit den Ruten die Luft, der Geifer rann ihnen über die roten Lefzen.

Astrid klopfte ihnen den Rücken, einem nach dem anderen. Ganz genau verteilte sie ihre Zärtlichkeiten. »Ihr guten Kerle, ihr – habt ihr euch denn so gebangt? Na, was haben wir denn den Nachmittag über angefangen, als wir so allein waren?«

Eine große Zärtlichkeit lag in ihrem Ton, ihr Gesicht verjüngte sich, es war, als wenn eine junge Mutter mit ihren Kindern spräche.

»Es scheint, Sie lieben die Hunde sehr, gnädige Frau?« fragte Asmussen.

»Aber selbstverständlich. Solch lebendiges Vermächtnis meines Gatten. – Ich könnte mir mein Leben gar nicht ohne die lieben klugen Tiere denken. Mein Gatte war in seinen letzten Lebensjahren ein großer Menschenverächter, eigentlich ohne Grund. Er meinte immer, jede Freundschaft sei fortgeworfen, nur nicht für die Hunde.«

Immer der Gatten und immer seine 41 Vermächtnisse, dachte Asmussen. Na, einesteils ist's gut, sie wird dann nicht lästig werden. Dann fragte er vorsichtig:

»Sie haben die Tiere immer um sich herum? Auch wenn Sie arbeiten?«

»Gewiß«, lachte sie. »Ich brauche sie geradezu. Ihre starken Körper mit ihren gesunden Ausstrahlungen stählen mir die Kraft zum Arbeiten. Wenigstens bilde ich es mir ein.«

»Da wird einer auch ihr besonderer Liebling sein?«

»Natürlich. Palle – hier der hellgelbe. Sehen Sie ihn nur an, wie menschenähnlich seine Augen sind. Der dunkle Fleck darüber wie eine Braue. Er ist der schönste und der klügste von den Vieren. Schade ist's, daß ich keine Gelegenheit habe ihn auf die Probe zu stellen. Ich glaube, er würde mich bis aufs Blut verteidigen.«

Sie faßte den Hund unter die Schnauze, richtete seinen Kopf hoch, auf Asmussen zu.

»Sie können ihm gerade in die Augen sehen. Er hält jeden Menschenblick aus. Das ist etwas Seltenes bei Tieren. Man findet es nur bei denen, die in sehr enger Gemeinschaft mit den Menschen leben. Da sehen Sie – er freundet sich schon mit Ihnen an.«

Der Hund, der zu verstehen schien, daß seine Herrin dem Besucher eine Freundlichkeit erweisen wollte, 42 rieb seine Schnauze an Asmussens Knie. Der wehrte ihn ab, fuhr mit dem Taschentuch über die Stelle. Das Tier verstand die Bewegung falsch, es knurrte verbissen, richtete sich auf den starken Vorderbeinen hoch und fletschte das mächtige, funkelnde Gebiß; ganz Angriffsstellung. Holger Asmussen sprang zur Seite, Astrid ergriff den Hund beim Halsband, riß ihn mit einem walkürenhaften Ruck zurück – alles ein Augenblick.

Sie lachte – er war ein bißchen verstört.

»Das nennen Sie, sich anfreunden? Nun wenigstens hat das Vieh von Anfang an Farbe bekannt. Das spricht für die Auffassung Ihres Gatten. Aber bitte, gnädige Frau, halten Sie ihn ganz fest, ich möchte seine freundschaftlichen Gefühle nicht näher erproben. Oder wenn Sie ganz liebenswürdig sein wollen, lassen Sie die ganze Meute verschwinden.«

»Ah, Sie lieben Hunde nicht – ich fange an, an Ihrem guten Gemüt zu zweifeln. – An seiner Stellung zu den Tieren erkennt man den Charakter des Menschen. Aber ich will liebenswürdig sein – Ihnen zuliebe.«

Sie nahm eine Silberpfeife, die von ihrem Gürtel herabhing, an die Lippen. Ein greller Pfiff, eine weisende Handbewegung, und die Tiere trotteten gehorsam über den Rasen zurück.

»Wenigstens gehorchen sie«, sagte Asmussen in widerwilliger Anerkennung.

43 »Selbstverständlich. Ich bin's gewohnt, daß man mir gehorcht.«

»Alle?«

»Alle. Nur mein Gatte war natürlich ausgeschlossen.«

»Das glaube ich. Ein wunderlicher Gedanke, daß Ihr Gatte irgend jemanden gehorcht haben sollte. Richten Sie nun Ihr ganzes Leben auf Parieren und Parierenmüssen ein?«

»Das kommt ganz von selbst. Wo überhaupt nur Menschen zusammenkommen, ist's doch ein Messen ihrer Kräfte, wie bei jeder Kreatur. Sehen Sie zwei Hunde an, wie sie sich prüfend beschnuppern. Und nun die Menschen: Unwillkürlich streckt jeder seine Fühlfäden nach dem anderen aus: wie stark bist du – ah, ich bin stärker als du. Der Starke würde doch zum Toren, wenn er nicht sein Vorrecht als Stärkerer ausnützte!«

»Ein echtes Frauenwort!«

»Neben einem Manne wie Börgesen hatte man nicht viel Gelegenheit, Frau zu sein.«

Natürlich, er war schon über Sechzig, als sie ihn heiratete, dachte Asmussen. Schade, früher muß sie nicht übel gewesen sein, So, wie sie war, stieß sie ihn jedenfalls mehr ab, als daß sie ihn anzog. Er suchte nach einem Vorwande, fortzukommen.

»Ach – ich hoffte, Sie würden einer armen einsamen Witwe einmal dazu verhelfen, in Gesellschaft 44 zu Abend zu essen«, meinte sie, ehrlich enttäuscht. »Ich kann den ganzen Tag über allein sein, nur mag ich nicht gern allein speisen.«

»Ich würde Ihnen gern gefällig sein, nur erwartet mich mein kranker Neffe. Ich habe fest versprochen, früh zurückzukommen.«

»Sie haben einen Neffen – ich dachte, Sie ständen ganz allein«, sagte Astrid zerstreut. Ihre Gedanken spielten mit den Worten: Ihnen gefällig sein. Sie war so verwöhnt, ihre Einladungen hatten stets als besondere Gunst gegolten. War sie nach des Gatten Tode eine andere geworden, daß man ihr »gefällig« war, wenn man mit ihr speiste?

»Wohl ein kleiner Junge, mit dem Sie Modellierbögen kleben müssen?« fragte sie endlich spöttisch.

Asmussen lächelte: »Das nun nicht. Ein Siebzehnjähriger. Gerade dieses Alter legt in alle Empfindungen eine besondere Schwere, eine Enttäuschung wirkt da vernichtend. Und er ist krank.«

»Oh, er wird wieder gesund werden. Solche Jugend bringt nichts um.«

»Das wollen wir hoffen. Wenngleich gerade in diesen Jahren die galoppierende Schwindsucht fast aussichtslos ist.«

»Wie jammervoll – solch junges Leben. Haben Sie diese furchtbare Krankheit in der Familie?«

»Thyge Ludwigsen ist nur ein ganz entfernter Verwandter, mehr eine Art Wahlverwandtschaft.«

45 »Um so besser. Familie ist etwas so Lästiges«, sagte Astrid im Tone ehrlichster Überzeugung. Die Töchter ans ihres Gatten erster Ehe hatten ihr gerade mit allerlei Ansprüchen sehr zu schaffen gemacht. Ihrem Bruder, einem verabschiedeten Offizier, der sich auf die Landwirtschaft geworfen, hatte sie aus freien Stücken ausgeholfen. »Darf ich Ihnen aber nicht bei dem Kranken etwas behilflich sein? Ihm ein paar Fruchtsäfte und Marmeladen schicken? Meine Karin ist gerade im Einkochen von dergleichen Meisterin.«

Ein Zug großer Güte überstrahlte ihr Gesicht. Sie bekam plötzlich etwas Sorgendes, Hausmütterliches, das sie gut kleidete. Zum erstenmal während des ganzen Nachmittags erschien sie Holger Asmussen sympathisch. Er dankte ihr und ging.

Astrid sah ihm nach, bis er das eiserne Gartentor hinter sich geschlossen hatte. Der Weg fiel dort steil ab, es war, als sei Holger plötzlich in einer Versenkung verschwunden.

Sie atmete tief, lächelte, strich das Haar aus der Stirn. Dann ging ihr eine Blutwelle über das Gesicht. –

Es kamen nun Tage großer, geregelter Arbeit. Astrid hatte unter ihres Gatten Werken den »Rebellen« ausgewählt, einen Ausschnitt aus der Geschichte seines Landes. Als Roman war er in vierunddreißigtausend Exemplaren verbreitet, für die 46 Dramatisierung lag das Szenarium vollständig ausgearbeitet da.

Nun wieder ein Antrieb in ihr Leben gekommen, war Astrid voll fröhlicher Tatenlust.

Früh mit den Vögeln war sie aus dem Bette. Ein Spaziergang im raschen Marschtempo, ohne Hut, die Arme in die Seiten gestemmt, die Brust vorgewölbt, stählte ihre Kraft und brachte ihre Gedanken in Fluß.

Der Gartensaal, wo sie Asmussen zuerst empfing, war Arbeitszimmer geblieben. Sie liebte es mit seiner Weite und Helle, mit der köstlichen strengen Luft, die aus dem Garten hereinkam, mit dem bewegten Spiel von Sonne und Schatten, das die Zweige vor den Fenstern hereinwarfen. Liebte ihren großen Arbeitstisch, auf dem man so bequem die Ellbogen ausbreiten konnte, liebte die Schriftblätter des Gatten, alle seine Anmerkungen und Änderungen, liebte die Stöße weißen Papiers, auf denen nun bald ihr eigenes Werk stehen würde.

Den Entwurf ihres Gatten hatte sie so in sich verarbeitet, daß sie ihn schon als etwas Eigenes empfand. Mühelos sprangen ihre Gedanken in seine über, setzten fort, wo er aufgehört hatte, mühelos formte sich Szene um Szene.

Zum erstenmal im Leben durfte sie arbeiten ohne Hemmungen von außen, als Herrin ihrer Person, ihrer Zeit. Ihr Blut trieb schneller. Sie fühlte alles 47 in sich aufgelockert in einer köstlichen Freudigkeit. Die Arbeit strengte sie nicht an, sie war ihr nur eine wundervolle Entspannung von aufgesammelten Kräften.

Draußen auf dem Kiesplatz balgten sich die Spatzen unter lautem Gekreisch, in den Baumkronen schlugen die Finken. Immer waren die vier Doggen unterwegs, trotteten herein und hinaus, lagen zu ihren Füßen oder tobten auf dem Rasen, ohne daß ihr das bei ihren unverwüstlichen Nerven nur eine Störung gewesen wäre. Alles Geräusch, alles Leben um sie her war ihr nur eine Unterstützung ihrer eigenen Kräfte. Sie kannte keine Müdigkeit, keinen Hunger. Wenn Karin ihr das Frühstück brachte, so wachte sie auf wie aus einer Verzauberung. »Essen? Ach laß doch« – und mit eiligen Händen, um die Störung bald hinter sich zu haben, teilte sie das Fleisch unter die Doggen und zerkrümelte das Brot für die Spatzen.

Nachmittags kam dann Holger Asmussen, um das Geschriebene mit ihr durchzulesen. Er benutzte stets denselben Zug, ließ sie nie warten. Pünktlichkeit lag in seiner Natur. Sie aber nahm es für eine besondere Rücksicht gegen sich, wie sie das von anderen gewöhnt war.

Das Niedergeschriebene las er ganz langsam durch, eine Seite oft dreimal hintereinander, ohne daß er ein Wort darüber sagte. Seine Augen blieben gesenkt, und auf seiner schöngemeißelten Stirn lag ein 48 undurchsichtiger Ernst. Und während Astrid ihn so, mit angehaltenem Atem, betrachtete, kam ihr wohl die Erinnerung an den alten Wiking, als sie ihm zum ersten Male ihre Arbeit gezeigt hatte und dabei gebeten: »Sag' mir, ob es etwas wert ist?« und er als Antwort lachend die Blätter als Fidibus benutzt hatte.

Davon hatte sie auch Holger Asmussen erzählt. Es lag darin eine versteckte Bitte, er möge doch gut finden, was sie geschrieben, eine leise Unsicherheit, die im Gegensatz zu ihrem sonstigen Wesen stand und ihm deshalb gefiel. Oft, wenn er beim Lesen ihre Augen allzu dringlich auf sich gerichtet fühlte, blickte er auf, nickte ihr zu: »Keine Angst, Fidibusse werden nicht daraus.«

Weit öfter aber gab es ein strenges, strenges Kritisieren. Er, der Lektor des königlichen Theaters, sah alles nur auf seine Bühnenwirksamkeit an. Das ausgeklügelte Rechenexempel eines gut gebauten Stückes, bei dem alles »klappen«, bei dem die Steigerung kunstvoll vorbereitet werden muß, jede Stellung auf Bildwirkung, jedes Wort auf die besondere Klangfärbung abgetönt werden soll, war Astrid fremd. Das Geheimnis des Andeutens und Vorbereitens, des Verhaltens im richtigen Augenblick, um die Steigerung zu unterstützen, kannte sie nicht. – Überall war zu ändern und zu streichen, denn nach Art aller Anfänger war Astrid sehr in die Breite gegangen.

Es waren schreckliche Minuten, wenn das, auf 49 das sie besonders stolz gewesen, ein poetisches Bild, eine feine Stimmung, ein kecker Vergleich von Asmussens Bleistift durchstrichen wurde, und mit Herzklopfen wartete sie, wie weit das Gericht wohl gehen werde.

Hin und wieder gab es einen kleinen Krach. Nein, das erlaubte sie auf keinen Fall, gerade hierin würde doch Erik Hansen, der Rebell, in seiner ganzen herrischen, übermenschlichen Größe so recht gezeichnet. Striche man ihr das fort, so würde die ganze Figur in sich zusammenknicken. Sie konnte ganz heftig werden, hatte dann gerötete Wangen und fuhr sich mit der Hand unter das Haar, um es aufzulockern, eine Geste, die ihr eigentümlich war und Asmussen jedesmal mißfiel.

Dann sah er sie überlegen lächelnd an:

»Wenn zwei zusammen ein Theaterstück schreiben, gibt's doch jedesmal Zwistigkeiten – und nun gar, wenn eine Frau mit dabei ist. Da heißt es eben, Zugeständnisse machen.«

»Ich mach' aber keine Zugeständnisse, nie –«

»Das will mir die Witwe Börgesens weismachen?«

»Da war von keinen Zugeständnissen die Rede. Da fügte ich mich. Immer. Eben deshalb will ich jetzt nicht mehr!« Sie lachte und warf den Kopf zurück. Sah fast jung aus in der Erregung.

Nach zweistündiger Arbeit gab's eine Teepause. Bei gutem Wetter war der Teetisch im Garten 50 hergerichtet, mit viel altem Familiensilber, dünnen Tassen und einer besonderen Sorte Heimgebäck, bei dessen Herstellung Karin immer wieder ihre Kunst bewies. Astrid bereitete selbst den Tee. Daran hatte ihr Gatte stets festgehalten. Alle die kleinen Koketterien, mit denen sie ihn in der ersten Ehezeit bezaubert, hatte sie durch alle die Jahre in ihr Witwentum hinübergerettet. Ihr Walten am Teetisch – den alten Diener in gemessener Entfernung für etwaige Dienstleistungen – das waren ihre anmutigsten und zugleich »feudalsten« Augenblicke.

Auf Holger Asmussen wirkten sie stark.

»Intellektuelle« Frauen waren ihm ein Greuel. Er verabscheute Medizinerinnen, Juristinnen, Oberlehrerinnen, Architektinnen und Schriftstellerinnen gleichermaßen. Die Frau als Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin ließ er dagegen gelten, da sie sich dort als Werberinnen um die Gunst des Mannes, also in ihren eigensten weiblichen Elementen zeigten, ohne eine Gleichstellung zu beanspruchen. Am besten gefielen ihm die Frauen in ihrer Häuslichkeit, liebevoll um die Behaglichkeit bemüht, verfeinerte Sklavinnen des Mannes, des Herrn.

In Astrid erwachten in diesen Teestunden alle feinen Fraueninstinkte. Sie bediente ihn aufmerksam, wußte nach den ersten Tagen, wieviel Zuckerstücke für den Tee, wie dick der Marmeladenaufstrich für sein Brot erwünscht war. Sie vermied es, von ihrem 51 Drama zu sprechen, obgleich alle ihre Gedanken sich zäh daran verbissen hatten.

In einem tiefen Rohrsessel versunken, den sehr guten Tee schlürfend, kostete Holger Asmussen das Behagen der Minute aus.

Nur eins störte ihn dabei: die Hunde. Sie waren immer um die Herrin herum, zwängten sich zwischen ihren und seinen Stuhl hindurch, rieben sich an seinen Beinkleidern, legten auch wohl dreist die starken Schnauzen auf die saubere Tischdecke, äugten ausdrucksvoll das Gebäck und dann die Herrin an, wobei sie winselnde Töne ausstießen.

»Ihre Nerven sind wirklich beneidenswert«, grollte Asmussen. »Wie Sie das nur aushalten. Mich macht es ganz nervös, wenn die Bestien mich so anstarren.«

»Die Bestien! Ach, die Kerle, die lieben – Sie verstehen eben nicht, mit Tieren umzugehen.«

»Und werde es schwerlich lernen.«

»Das nächste Mal sollen sie eingesperrt werden. Oder noch besser: solange wir arbeiten, gebe ich sie bei dem Förster in Pension.«

Sie hatte nie daran gedacht, sich von den Tieren zu trennen, in diesem Augenblick aber erschien es ihr als die natürlichste Sache von der Welt.

Holger Asmussen sah Astrid Börgesen überseits an, ein bißchen erstaunt, ein bißchen selbstgefällig.

»Ich denke, Sie machen keine Zugeständnisse?«

52 Sie lachte.

»Dies ist schon völlige Unterwerfung, fast so wie bei Börgesen. Aber nein, keine völlige. Palle bleibt natürlich bei mir, solange ich lebe. Nicht, mein Freund, wir trennen uns nicht?« Zärtlich tätschelte sie ihm den Kopf, und zärtlich, wie ein Anbeter, sah er mit seinen großen, schwarz umränderten Menschenaugen zu ihr auf.

Im Anfang hatte sie verschiedene Male den Versuch gemacht, Asmussen zum Abendessen dazubehalten, war aber stets mit dem Hinweis auf den Neffen abschlägig beschieden worden. Da gewöhnte sie es sich an, ihn zum Bahnhof zu begleiten, schließlich auch, ihn von dort abzuholen, ein paar Blumen, einen frischgepflückten Buchenzweig in der Hand, um ihre Trauerkleidung aufzumuntern.

Sie vergab sich damit nichts, ihre sichere Art ließ sie jede Klippe umschiffen. Immer blieb sie ganz große Dame, der der eigene Wunsch das einzige Gesetz bedeutet.

Sie gehörte zu jenen Glücklichen, die wenig Schlaf gebrauchen, weil sie stets gut schlafen. Sie durfte es sich erlauben, auch einen Teil der Nacht an die Arbeit zu wenden, bei dicken Büchern zu sitzen und die Geschichte ihres Landes zu studieren, soweit sie mit dem »Rebellen« in Verbindung stand. Sie trank die blutige Größe jener Zeiten in sich hinein. Alle die ungeheuren Verbrechen und Verwüstungen schreckten 53 sie nicht, sondern peitschten nur ihren Willen an, sie ganz für ihre Arbeit zu nutzen. Aus dem Großen heraus las sie nur die Verpflichtung, selbst groß zu sein, alle Kräfte dafür anzuspannen, alles Kleine von sich abzustreifen, wie ein Alltagskleid, das nicht zu dem Feiertag ihrer Seele paßte. –

Noch hatte sie nicht erfahren, daß der Zufall solchen Willen zur Größe nicht achtet, sondern sich oft ein grausames Vergnügen daraus macht, Kleinigkeiten, die klein machen, ihm entgegen zu werfen. –

Eines Nachmittags hatte Astrid zum ersten Male vergeblich auf der kleinen Haltestelle gewartet: Holger Asmussen war nicht da.

Erstaunt sah sie die Abteile an, denen ein paar Menschen entstiegen, erstaunt sah sie, wie die Türen geschlossen wurden, der Zug gemächlich abdampfte.

Wie war das möglich? Die Staatsrätin Börgesen ließ man doch nicht so ohne Entschuldigung im Stich. Die war an keine Rücksichtslosigkeiten gewöhnt. Das Wort irgendeines französischen Königs fiel ihr ein: »Ich hätte beinahe warten müssen« – und sie, Astrid Börgesen, hatte vergeblich gewartet.

Sie stand mutterseelenallein auf dem verlassenen Bahnhof und sah den weißen Rauchwolken nach, die sich so hübsch in den blauen Himmel auflösten, schwer geärgert, daß sie noch eine Stunde bis zum nächsten Zuge warten mußte.

Zu Hause aber schlug ihre Stimmung um. Sie 54 wollte sich nicht ärgern. Wollte lieber etwas tun, den Ärger durch Freude zu besiegen.

Sie plünderte den Garten, alle die prachtvollen hochstämmigen Remontanten, band ungeschickt große Sträuße davon zusammen, verteilte sie in den Stuben. In dem Arbeitszimmer war ein richtiger Überschwung davon: vor dem Kamin in den schweren japanischen Sazumavasen, auf den verschiedenen kleinen unnützlichen Tischen. Einen Riesenstrauß voll aufgeblühter dunkelroter Rosen stellte sie in die Mitte des Arbeitstisches. Das Licht fiel durch die Blätter wie durch rotes Glas und überhauchte alle die weißen Bogen mit lebendigem Schimmer.

Alles hatte sie hastig, noch im Hut und Schleier, besorgt. So sah sie sich in dem großen Barockspiegel zwischen zwei Fenstern – und ärgerte sich. Hatte sie etwa die Absicht, zum zweiten Male zur Einholung auszuziehen, zur Freude der Bahnbeamten, die zweifellos wußten, wen sie erwartete?

Mit einem Ruck riß sie den Hut vom Kopfe, daß der Trauerschleier über dem Boden schleifte.

Ihr Herz klopfte, sie mußte ein Weilchen tief und langsam atmen, um die Blutwelle, die über sie hinging, niederzuzwingen. Sie hatte die Augen auf die Kaminuhr, zwischen den beiden Vasen voll Rosen gerichtet, die Minuten träufelten langsam, zum Verzweifeln. – Wie allen tätigen Menschen war ihr unnnützes Warten eine Pein.

55 Da hörte sie, durch die Entfernung gedämpft, das Brausen des Zuges, der in die Haltestelle einfuhr, den langgezogenen gellenden Pfiff.

Sie straffte ihre große Gestalt zu königlicher Höhe, lächelte: noch zehn Minuten!

Die zehn Minuten waren vergangen und noch weitere fünf. Ein jäher Schreck überfiel sie: Asmussen war nicht gekommen.

Sie zitterte vor Empörung.

In der nächsten Minute schon war sie zu einer Entschuldigung bereit: irgend etwas war geschehen! Vielleicht war der Neffe gestorben. Sicher war es so. – Es war nun ihre Pflicht, sich nach Holger Asmussen umzusehen.

Ein leiser Unterton sagte ihr, daß sie sich betrüge. Thyge Ludwigsen war ihr vollkommen gleichgültig. Nicht für einen Augenblick würde sie ihre Schreiberei unterbrochen haben, wenn man ihr gemeldet hätte: der junge Mann ist soeben sanft entschlafen. Er ging sie nichts an. Was kam darauf an, ob in dieser ohnehin übervölkerten Welt ein Jüngling mehr oder weniger atmete? Nur als Verwandter Asmussens war er wertvoll. –

Sie drückte den Klingelknopf, daß es durch das ganze Haus gellte: Karin sollte kommen, schnell alle die Liebesgaben bringen und fest verpacken. – – Sie griff selbst mit zu, unbeholfen, mehr störend als 56 helfend. Dann riß sie den einen Rosenstrauß aus der Vase auf dem Kamin.

Gerade noch haschte sie den Zug, klinkte ein Abteil auf. Ein paar Bekannte saßen darinnen. – Hier in der Gartenstadt kannte jeder den anderen. Einen Augenblick kam ihr die Erwägung: was tust du? Sie hatte das Gefühl, als müßten alle Blicke die Papierhüllen des Paketes durchdringen, seine Bestimmung erkennen. Dann warf sie den Kopf in den Nacken: ich kann tun, was ich will; keinen geht das etwas an.

Plötzlich stand sie zwei Treppen hoch vor einer abgeschabten Flurtür. Sie wußte selbst nicht, wie sie in das Auto gestiegen, dem Fahrer die Straße angegeben hatte.

Nach dem Klingeln verging eine ziemliche Weile. Dann wurde die Tür geöffnet, und eine kleine, engbrüstige Frau im schwarzen Kleide sah sie aus übergroßen schwarzen Augen mißgünstig an.

Astrid wünschte Herrn Asmussen zu sprechen und suchte ihre Karte aus der schwarzen Ledertasche heraus.

Die Frau in der Tür las sie sehr genau, dann sagte sie gleichmütig: »Ich bedaure, Herr Asmussen ist nicht zu Hause.«

Mit einer Art Veranlagung zum Hellsehen wußte Astrid sofort zweierlei: die Frau log, sie kannte sie selbst, bevor sie die Karte gelesen, und Asmussen war zu Hause.

»Ich bringe ein paar Erquickungen für Herrn 57 Ludwigsen«, sagte sie sehr liebenswürdig. »Und da liegt es mir sehr daran, Herrn Asmussen zu sprechen. Sie würden mich zu Dank verpflichten, wenn Sie mich melden wollten.«

»Ich werde meinem Neffen die Sachen abgeben.« Die Frau im schwarzen Kleide streckte die Hand nach dem Päckchen aus, gab aber die Tür nicht frei. Die Frage nach Holger Asmussen überhörte sie.

»Mein Neffe ist in der letzten Zeit viel kränker geworden.«

»Ich weiß es, und eben deshalb bin ich hier. Herr Asmussen verständigte mich telephonisch davon.«

Jetzt war es Astrid Börgesen, die log. Sie schämte sich nicht darüber. Es bereitete ihr geradezu ein Hochgefühl, jene mit gleicher Münze zu bezahlen. »Schlange!« dachte sie. Damit hatte sie für sich die Bezeichnung jener Frau für alle Zukunft geprägt.

Beide Frauen kämpften um die Tür, wie um einen feindlichen Engpaß. Die Innenstehende hatte ihre Hand noch immer an dem Päckchen liegen, Astrid hatte ihre Finger unter die enge Verschnürung geschoben und hielt es mit eiserner Kraft fest. Ein Strom elementaren Abscheus ergoß sich durch die beiden Hände, die sich noch nicht einmal berührten, von einer zur anderen.

»Wollen Sie mich nun bitte melden«, warf endlich Astrid hin, hochmütig, als spräche sie zu einer Dienerin.

58 »Die Schwindsucht ist in diesem Stadium ansteckend«, zischte die »Schlange« zurück.

»Oh, nur für den, der dazu veranlagt ist. Wer eine gute Gesundheit hat, braucht nichts zu fürchten«, wehrte Astrid ab, unter einem verächtlichen Blick auf die eingesunkene Brust ihres Gegenübers. »Nun bitte: Herr Asmussen erwartet mich.«

»Davon weiß ich nichts.« –

»Schon möglich, da Sie wohl nicht alles wissen, was ihn angeht.«

»Bitte, Herr Asmussen ist ein Freund unseres Hauses.« –

»Er wohnt bei Ihnen. . . . Gewiß, ich weiß.« Astrid wußte in Wirklichkeit davon nichts. In zarter Scheu hatte sie es immer vermieden, an seine persönlichen Verhältnisse zu rühren, weil sie sie für dürftig hielt. Wieder war ihr ein Blitz unfehlbarer Erleuchtung gekommen. Grausam lächelnd sah sie auf die andere nieder, die wohl anderthalb Köpfe kleiner war als sie. Ganz verwöhnte Dame gegenüber der Zimmervermieterin.

Die Schlange machte eine empörte Bewegung. Dabei löste sich ein Schlüsselbund von ihrem Gürtel und fiel zur Erde. Sie bückte sich, um es aufzunehmen.

Diesen Augenblick benutzte Astrid, um sie mit einer großartigen Geste zur Seite zu schieben und an ihr vorüber den Flur zu gewinnen. In der Dunkelheit 59 sah sie an einer Tür etwas Mattweißes, Viereckiges schimmern; eine Karte, und mit der dritten hellseherischen Regung wußte sie: hier wohnt Holger Asmussen. In der Sicherheit ihres guten Rechtes klinkte sie die Tür auf.

Asmussen saß am Tisch, beide Ellbogen aufgestützt, die Daumen in die Ohren. Astrid sah nur seinen Rücken mit den etwas weibisch abfallenden Schultern und sein gelocktes grauweißes Haar. In dem sehr langen schwarzen Gehrock sah er aus wie eine Frau.

»Ich bitte dich, Finna, laß endlich das Keifen«, sagte er, ohne aufzusehen, mit kläglicher Stimme. »Ich kenne nichts Widerlicheres als Weibergezänk. Was war's denn? Irgendeine Rechnung?«

»Ich bin's, die Staatsrätin Börgesen«, sagte Astrid, und schluckte etwas Gräßliches hinunter, das ihr in der Kehle brannte. »Warum sind Sie nicht gekommen und haben mich nicht benachrichtigt?«

»Verzeihung, das hatte ich ganz vergessen. Thyge ist kränker geworden«, gab er grausam zurück, unüberlegt in seiner Verstörtheit.

Astrid hätte hastig entgegnen mögen, die Rücksicht auf den Kranken verbot es ihr. Sie hatte auf Asmussen gewartet, und er hatte sie »ganz vergessen«. Und nun dieses dürre Weib, das den Eingang zu ihm wie eine Löwin verteidigte – er nannte sie »Finna« und »Du« und fragte nach Rechnungen, die sie beide anzugehen schienen. –

60 Und als wollte er sie noch mehr erniedrigen, fragte jetzt Asmussen mit ausgezeichneter Höflichkeit: »Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau? Vermutlich führt Sie ein ganz bestimmter Anlaß zu mir?«

»Thyge Ludwigsen sollte seine täglichen Liebesgaben haben.«

»Oh, sehr gütig – bitte sehr.« Er zeigte auf eine freie Stelle der Tischdecke. »Und außerdem?«

»Sie wollte ich sehen. Es ist mir so zur Gewohnheit geworden«, sagte sie kühn.

»Man soll sich nie von seinen Gewohnheiten knechten lassen. Das gibt eine unerträgliche Abhängigkeit«, erwiderte er in einem Ton, als gelte es, eine wissenschaftliche Frage zu erörtern. Dann griff er ein Papiermesser vom Tisch, besah den Griff, besah die Klinge, legte es wieder hin und sah dann Astrid an. –

Sie fühlte sehr gut, daß in diesem Schweigen ihre Entlassung lag. Dennoch fragte sie: »Darf ich den Neffen nicht mal sehen, ihm die Rosen bringen?«

»Er schläft gerade. Ein solcher Schlaf ist eine besondere Gnade für den Kranken«, dozierte er weiter.

»Um so weniger werde ich ihn stören. Lassen Sie mich ihn einmal sehen.«

Asmussen zuckte die Schultern, wie über ein kindisches Verlangen, ging aber doch, die Tür zu öffnen.

61 Da lag in einem weißen Bett ein schlafender Jüngling von einer seltsamen Schönheit, wie ein Märchenprinz. Hellbraunes, gelocktes Haar fiel tief in die Stirn, fast bis auf die Brauen, die wie ein Strich gezogen waren, über der Nasenwurzel schmerzlich gehoben. Die Wimpern der geschlossenen Lider warfen einen breiten Schatten über die tiefrosige Wange. Es mochte wohl das Fieber sein, das ihn so gesund aussehen ließ.

Astrid wollte näher hinzutreten. Asmussen wies sie durch eine Bewegung zurück und ging selbst vorsichtig auf den Zehenspitzen zu dem Bett. Mit einer unendlich zärtlichen Weichheit beugte er sich über den Jüngling, horchte auf seinen Atem, nahm seine Hand hoch, um den Puls zu fühlen.

»Es ist wenigstens nicht schlimmer geworden«, flüsterte er erlöst. Dann nahm er Astrid den Rosenstrauß ab, legte ihn behutsam dem Kranken auf die Brust.

»So wird er wenigstens eine Freude haben, wenn er aufwacht. Dafür danke ich Ihnen.« Und jetzt reichte er auch zum ersten Male ihr die Hand. »Glückliche Fahrt denn, und auf Wiedersehen.«

»Morgen?«

»Das hängt davon ab, ob es Thyge besser geht«, wich er aus und begleitete sie artig bis zur Treppe.

Ein paar Stufen war sie schon hinuntergegangen, als sie noch einmal umkehrte und die Tür ins Auge faßte.

62 Da stand auf einem recht mangelhaft geputzten Messingschild ein Name: Christian Almind.

Sie las ihn voll Befriedigung: diese Finna hatte einen Mann, war also nicht Witwe . . . .

Es schien nicht besser zu gehen, wenigstens ließ sich Asmussen weder den nächsten, noch den übernächsten Tag in der Gartenstadt sehen.

Astrid konnte sich nun an das Warten gewöhnen.

Sie telefonierte und hörte am Apparat die Stimme der »Schlange«, es gehe nicht gerade schlechter, die gnädige Frau möge aber nicht weiter anklingeln, das störe den Kranken nur. Als sie trotzdem nach einem Weilchen einen zweiten Anruf wagte, war es nun Asmussens Stimme, die ihr denselben Bescheid gab. Sie zitterte vor Ärger, aber es half nichts, sie mußte sich hineinfinden, ganz von ihm abgeschnitten zu sein.

Es fröstelte sie in den weiten Räumen, die ihr auf einmal merkwürdig groß und leer vorkamen. Die Rosen in den Vasen ließen die Köpfe hängen, weil Astrid vergessen hatte, ihnen Wasser zu geben. Der Strauß auf dem Schreibtisch hatte die Blätter abgeworfen, die nun wie kleine Lachen dunklen geronnenen Blutes auf den weißen Papierbogen lagen. Ihre drei Doggen hatte sie nun wirklich beim Förster in Pflege gegeben, der allein zurückgebliebene Palle langweilte sich ohne die Gefährten und wurde seiner Herrin mit allzu großen Zärtlichkeiten lästig. Und nun fing es gar noch an zu regnen! Ein hauchfeiner 63 Regen, der Dauer versprach und der schon jetzt die Landschaft wie mit einem grauen Gazevorhang verhüllte.

Bei ihren guten Nerven war Astrid nicht vom Wetter abhängig – gerade das Abgeschlossensein von der Außenwelt durch einen solchen Regentag dünkte sie ein herrlicher Zustand für ernsthafte Arbeit. Wie ein Fieber packte es sie: die Gestalten kamen auf sie zu, bewegten sich, sprachen – jede ihre eigene Sprache – alle Situationen gestalteten sich natürlich, die Handlung wuchs – fast ohne ihr Zutun.

Als sie es so drei Tage getrieben, und noch immer keine Nachricht gekommen war, hielt sie es nicht mehr aus. Da warf sie die Bogen fort, Fertiges und Unfertiges durcheinander, und stürmte hinunter in die Küche, rührte mit Karin Kuchen und klärte Fleischsaft, und schon am Nachmittag war es so weit, daß der Diener Anton die guten Dinge dem Kranken bringen konnte.

Sie hatte ihm ganz genau eingeschärft, daß er sich ausführlich über das Befinden Herrn Ludwigsens unterrichten und von Herrn Asmussen eine bindende Nachricht mitbringen sollte, wann er wieder zu ihr hinauskommen werde zum Arbeiten. Als er aber zurückkam, wußte er nichts zu berichten, als daß Frau Almind ihm die Sachen abgenommen habe; sie lasse der Frau Staatsrätin sehr danken, es sei nun aber für die nächste Zeit übergenug, die Frau Staatsrätin möge 64 nichts mehr schicken. Von Herrn Asmussen hatte er nichts gesehen.

Astrid hätte am liebsten das unschuldige Werkzeug, das ihr so wehe tat, ihre Laune büßen lassen. Diesen grauköpfigen Diener, treu wie aus einer alten Heldengeschichte, der ihr so oft zur Seite gestanden hatte, wenn Malthe Börgesens Gewitterstimmungen sich austobten – im Grunde war er ein alter Esel und für nichts zu brauchen, am allerwenigsten für diplomatische Sendungen.

Dann richtete ihr Zorn sich gegen sie selbst: sie, die eben erst der Tyrannei eines Mannes entgangen war, befand sich auf dem besten Wege, sich wieder in Abhängigkeit zu begeben.

Sie fühlte Holger neben sich wie einen Doppelgänger: am Teetisch, bei der Arbeit. Sie hörte den Kies der Wege unter seinen Schritten knirschen, ihr Herz klopfte – sie sah sich nach ihm um und war verwundert, daß er nicht da war.

War sie das überhaupt noch? Genügte der erste Mann, der überhaupt ihren Weg kreuzte, um sie zu unterwerfen?

Ihr Gesicht glühte.

Oh, es war nur der Zorn, daß er sie so warten ließ. Ihre Unruhe galt nur dem Helfer, der für ihre Arbeit nötig war. Für dieses Jahr würde es zu spät werden, um sie einzureichen, wenn er nicht bald kam. Ein Jammer – denn ihre Arbeit war ja der Inhalt ihres 65 Lebens, und ihre Sehnsucht nur der Erfolg, der winkte. –

Was war ihr dieser Mann? Ein Zufall – ein Nichts.

Dann wieder kamen Stunden, in denen ihr ganzes Wesen zu einer süßen Unrast aufgelockert war, in denen das Blut durch ihren Körper jagte und ihre Wangen färbte, in denen sie leichtfüßig wie ein junges Mädchen durch den Park rannte und überall neue Schönheiten entdeckte, in denen sie einen Zweig, der in der Sonne glitzerte, wie eine köstliche Offenbarung lange ansehen konnte, sich an Düften berauschte und die Luft langsam in sich hineinsog wie einen köstlichen Wein.

Auf den Rasenplätzen lag das Gras zum zweitenmal zu Schwaden gemäht. Ein heißer Drang nach körperlicher Beschäftigung trieb sie, sich das Kleid zu schürzen, den Rechen zu ergreifen, das Heu zu wenden, bis ihr der Schweiß in großen Perlen auf der Stirn stand. Sie arbeitete schnell und stetig, wie um einen Kraftüberschuß loszuwerden. Der Heuduft wehte um ihre Schläfen, brachte ihr einen süßen kleinen Rausch, der schon die Müdigkeit in sich trug, eine himmlische Erschlaffung. Dann harkte sie in Eile einen großen Haufen Heu zusammen, warf sich hinterrücks hinein, die Arme ausgebreitet, den Kopf zurückgebogen, wie eine Bacchantin, lachte, schlug mit den Armen um sich vor Lust und äugte dann sentimental in den blauen 66 Himmel. Und dann kamen die Träume – keusch wie bei einem ganz jungen Dinge, das die Liebe noch hinter siebenfachen Schleiern ahnt: neben sich eine Hand, die nach der ihren faßte, ein Arm, der sie gegen eine Schulter zog – endlich Lippen, die sich mit warmem Drucke auf ihre legten. –

Sie fuhr hoch, wischte das Haar aus der Stirn, sah mit entsetzten Augen um sich, ob nicht vielleicht irgendein Lebendiges ihr die Gedanken von der Stirn gelesen habe. Sie wurde rot, schämte sich. –

Und dann sprang plötzlich ein anderes Bild hervor: eine engbrüstige Frau mit hektischem Gesicht und übergroßen brennenden Augen, die ihr den Eintritt zu Asmussens Stube vertrat – Asmussen, der diese Frau Du nannte – und als Letztes, der Blick übergroßer weicher Zärtlichkeit, mit dem Asmussen sich über das Bett des Jünglings gebückt hatte.

Dieser Blick saß in ihr fest, wie eingebrannt. Er verlor nichts von seiner Wirklichkeit. Jederzeit war sie fähig, ihn sich wieder zu vergegenwärtigen.

Nie im Leben hatte sie die Eifersucht kennengelernt. Als sie Malthe Börgesen geheiratet, war er längst über Jugendtorheiten und Jugendsünden hinausgewesen. Seine letzte Glut hatte einzig ihr gegolten. Sie wußte nicht, daß man außer auf eine Nebenbuhlerin auch auf irgend etwas, dem Geliebten überhaupt Nahestehendes eifersüchtig sein kann: seinen Bruder, seinen Hund, seinen Beruf, seine Liebhabereien – so 67 empfand sie das, was in ihr vorging, als ein unbestimmtes, quälendes Unbehagen.

Selbst bei der Arbeit ließ sie es nicht aus seinen Klauen, nachts kroch es in ihre Träume.

Sie sah den schönen Jüngling im Sarge liegen, die weiße Decke nur wenig über den Knien gehoben, die blassen Hände gefaltet über einen Kranz von weißen Rosen. Die Kerzen brannten trüb neben dem Sarge, und eine Totenklage tönte gedämpft von irgendwoher. –

Wenn sie aufwachte, glaubte sie an einen Wahrtraum, und wartete ungeduldig auf die Todesnachricht.

Sie, die von einer weiblichen Sentimentalität allem Lebendigen gegenüber war, eine Wohltäterin der Armen und Kranken, die ihre Hunde verzog, keinen Käfer zertreten, keine Mücke totdrücken konnte, sie horchte oft auf in einer grausamen, dämonischen Erwartung: Immer noch nicht? –

Sie las über die Krankheit, kannte sie in all ihren Phasen, wußte, daß kein Mittel mehr helfen konnte und daß das Leiden groß sei. – War da nicht eine Erlösung zu wünschen, ehe Asmussen sich bei der Pflege aufgerieben, womöglich den Ansteckungskeim in sich aufgenommen hatte?

Ja, es würde eine Erlösung sein, um die Holger Asmussen selbst bat.

Danach würde er zu ihr zurückkehren.

Zugleich ertappte sie sich dabei, daß sie die Hände 68 ineinander gerungen hatte und ihre Lippen sich bewegten in Worten, die nicht laut werden durften, und die in sie zurückschlugen und dort wie ein verzehrendes Feuer brannten.

Ein paarmal hatte sie an Asmussen geschrieben und kurze, nichtssagende Antworten erhalten. Schließlich blieben auch diese aus, und wieder wußte sie bestimmt, daß die »Schlange« sie unterschlagen hatte.

Alle diese Seelennöte wurden verstärkt durch die Leere, die dem Abschluß einer großen Arbeit stets folgt.

Der »Rebell« war nun fertig. Einmal, spät abends, als alle Geräusche schwiegen, hatte sie ihn von Anfang bis zu Ende durchgelesen. Es war eine Feststunde: das Stück etwas ganz Fremdes, groß und überwältigend, wie sie es beim Niederschreiben niemals gedacht hatte.

Ihre Stirn leuchtete vor Stolz: das war von ihr! Von ihr und von ihm!

Und noch ein Dritter war im Bunde, den sie fast vergessen gehabt: ihr toter Gatte. Eigentlich die Hauptperson.

Und plötzlich war ihr, als ob durch den Kiesbelag des Hügels die knorrige Greisenhand nach ihr griffe, und sie hörte seine Worte, mit denen er sie hier immer an sich binden wollte: »Mir gehörst du, mir für alle Zeiten. Ich will nicht, daß einer das geringste von dir nimmt, nichts von deinem Leibe, nichts von deiner Seele« – und sie fühlte, daß sie gegen das Gebot 69 des Alten frevelte und bereit war, sich ganz zu verschenken.

Ein Schauer ging über sie hin, daß sie den Kopf senken mußte.

»Ich will nicht, ich will nicht«, stammelte sie.

Nun fürchtete sie sich vor dem Alleinsein, fuhr täglich zur Stadt, blieb halbe Tage dort, speiste im Gasthaus, ging auch trotz ihrer Trauer ins Theater, zu »Studienzwecken«. Auch alte Beziehungen nahm sie wieder auf, erwiderte die Beileidsbesuche und besuchte Menschen, die früher bei ihr verkehrt hatten.

Nur an den wenigsten dieser Leute lag ihr das geringste. Die meisten waren ihr nur Mittel zum Zweck – um sie auszuhorchen. Über Holger Asmussen, über Finna Almind.

Was sie erfuhr, war nichts Besonderes: Herr Almind war in verschiedenen kaufmännischen Berufen entgleist, hatte den Ansatz zu einem kleinen Bankrott hinter sich, der sich aber, dank dem Entgegenkommen seiner Gläubiger, in einen friedlichen Akkord löste. Jetzt vertrat er ein paar kleine Versicherungsgesellschaften und verdiente sich sein Geld redlich mit Treppensteigen und Beredsamkeit.

Seine Frau half fleißig hinzuverdienen. Es war richtig: Holger Asmussen hatte schon seit langen Jahren zwei Zimmer von ihr gemietet. In dem dritten pflegte sie nun ihren verwaisten Neffen zu Tode, treu und aufopfernd, wie alle zugeben mußten. Durch eine 70 ganz entfernte Verwandtschaft hing Thyge auch mit Asmussen zusammen.

Wie das bei dem »Zimmerherrn« einer noch nicht ganz alten Frau fast immer vorkommt, gingen auch hier Gerüchte um über Beziehungen zwischen ihr und Asmussen. Genaues wußte natürlich niemand zu sagen.

Für Astrid genügten aber diese Andeutungen, um sie mit einer bohrenden Eifersucht zu erfüllen, die mit einem großen Teil Erstaunen und Mißachtung durchschossen war. Ihr aristokratisches Blut empörte sich gegen die »Zimmervermieterin«. Wie konnte es möglich sein, daß ein Mann, der die Liebe bei den Frauen der höchsten Schichten hätte nehmen können, so ganz »aus seiner Kaste heraus« liebte? Wenn sie noch schön gewesen wäre! Aber sie war garstig, und, abgesehen von den schwarzen Augen, ganz banal, hatte verarbeitete Hände mit leichten Trauerrändern an den Nägeln; ihr schwarzes Kleid war speckig und das daruntersitzende Korsett offenbar schlecht gearbeitet. Jung war sie auch nicht – was also mochte Holger Asmussen gerade an dieser Frau finden?

Ein geradezu krankhafter Drang stachelte sie auf, sich mit jener zu vergleichen. Wenn die Dunkelheit sank, trieb sie sich vor ihrem Hause umher, ging die Straße auf und ab, als ob sie auf jemand wartete. Sie wußte, daß sie sich damit erniedrigte, sich mit irgendeinem kleinen Ladenmädchen gleich stellte, das der 71 Nebenbuhlerin unter dem Schutze der Dunkelheit auflauerte. Sie schämte sich auch, aber ihr starkes Selbstgefühl hob sie darüber hinweg: Wen geht es etwas an, was ich tue? Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig.

Wurde man auf sie aufmerksam, so trat sie auf die andere Seite in den Schatten einer Tür und behielt die Fenster des Krankenzimmers im Auge, die immer erleuchtet waren. Da sie sich bei ihrem einzigen Besuch die Stellung der Möbel eingeprägt hatte, konnte sie abends von jedem der Schatten, die sich auf dem weißen Vorhang abzeichneten, wissen, wohin sie gingen, was sie vornahmen. Es waren ihrer zwei: der Schatten einer Frau, der eines Mannes, Asmussen. Astrid sah, wie sie am Tische saßen, ihre Köpfe sich zusammenneigten in eifrigem Gespräch, so nahe, daß ihre Stirnen sich fast berührten. Sie beugten sich zusammen über das Krankenbett. Zärtlich wie Eltern über das Lager des kranken Lieblings.

Einmal nahm Asmussen einen Stuhl dicht am Fenster. Die edle Linie seines Profils, die schönangesetzte Stirn, das hochgereckte Lockenhaar zeichneten sich scharf wie eine Silhouette auf dem hellen Vorhang ab. Er hielt den Kopf etwas gesenkt wie in Kummer und Ermüdung.

Nach der langen Entbehrung, die Astrid durchgemacht, erschien ihr selbst dieser Anblick als etwas Beglückendes. Sie reckte den Kopf vor, atmete kaum, 72 als wenn eine Bewegung genügen könne, ihn zu verscheuchen. Plötzlich fühlte sie eine Hitze über den ganzen Körper, eine Flamme, die ihr ins Gesicht schlug.

Im selben Augenblick beugte sich der Frauenschatten über Asmussens.

Jetzt wird sie ihn küssen, dachte Astrid, und das Herz stand ihr vor Entsetzen still.

Aber Finna Almind küßte Holger Asmussen nicht, sie zeigte ihm nur ein Papier, und er nickte.

Gleich darauf hatte der Frauenschatten einen recht häßlichen Hut auf dem Kopfe und einen Mantel an mit hochgeschlagenem Kragen, wie ihn seit vier Jahren keine Frau mehr trug. Nach einem kurzen Kopfnicken gegen Asmussen ging er zur Stubentür, um nach einer halben Minute in der Haustür wieder zu erscheinen, nun zu plastischer Wirklichkeit verwandelt.

Astrids erster Gedanke war: Asmussen ist nun allein. Geh hinauf, stelle ihn zur Rede, gewinne ihn dir wieder, du kannst es. Aber der unbewußte Drang, der sie zu Finna Almind zog, war stärker, und während sie noch mit dem Entschluß kämpfte, fühlte sie, wie ihre Füße jener folgten.

Ihr kostbarer Seidenmantel, den ihr Malthe Börgesen noch angeschafft, knisterte bei jedem Schritt. Finna war unter dem unmodernen Mantel und dem gräßlichen Hut ganz eingesunken. Wie sie hastig, ein bißchen gebückt ausschritt, eine große schwarze 73 Wachstuchtasche am Arm, sah sie so kleinbürgerlich wie möglich aus. Astrid, die ganz dicht hinter ihr auf dem Bürgersteig ging, glaubte einen Geruch von schlechtgelüfteten Kleidern und ungewaschenem Haar zu bemerken. Der Abscheu schärfte alle ihre Sinne, um an der Feindin nur das Unangenehme wahrzunehmen.

Als nun gar nach einer Wanderung von zwei Straßen Finna in eine Apotheke eintrat und den Zettel, ein Rezept, dort abgab, hatte Astrid genügend Zeit, sich an ihrem Anblicke zu sättigen.

Finna hockte in der Art einer, die von ihrem Tagewerk ermüdet ist und jede Gelegenheit zum Ausruhen gern wahrnimmt, auf einem Bänkchen zwischen einem drallen Dienstmädchen und einem kleinen Laufburschen. Sie wartete darauf, daß man ihr die Medizin gleich mische.

Es ist unmöglich, man kann sie nicht lieben, beruhigte sich Astrid. Sie hat ihn ja auch nicht geküßt, ihm nicht mal die Hand gegeben zum Abschied. Einzig der gemeinschaftliche Neffe ist es, der sie zusammenhält. Und dessen Tage sind gezählt. – Sie sog die Luft ein, warf den Kopf zurück.

Der Provisor war nun mit der Mischung der Arznei fertig geworden, drückte einen Korken tief in die Flasche, nahm ein buntleuchtendes Papier, band es darüber, ergriff eine Schere und schnitt mit großer Umständlichkeit den Rand glatt, während Finna, fiebernd vor Ungeduld, an den Ladentisch getreten war.

74 Ich rede sie an, frage nach Thyge Ludwigsen und dann, wie beiläufig, nach Asmussen, sagte sich Astrid.

Aber Finna kam ihr zuvor. Im Begriff, die zwei Sandsteinstufen vor der Apotheke hinabzusteigen, sagte sie ganz ruhig: »Ah, Sie sind noch immer da.«

»Haben Sie mich denn gesehen?«

»Gesehen nicht, aber gefühlt, den ganzen Weg hindurch. Sie wollen sich wohl zur Säulenheiligen ausbilden, daß sie so unablässig bei uns Posto fassen?«

»Sie wissen davon?«

»Ich sagte Ihnen ja, daß ich Sie fühle – immer fühle«, sagte Finna Almind, und Astrid hörte es aus dem Tone deutlich heraus: Sie fühle, kraft meines unbezwinglichen Abscheus. Sie spürte Finnas schwarze Augen wie ein paar Dolche auf sich gerichtet.

»Es ist gewiß verständlich, daß ich wissen möchte, wie es Asmussens Neffen geht.«

»Oh, er ist zäh, er tut ihm noch lange nicht den Gefallen zu sterben. Sie dürfen sich darauf verlassen. Wissen Sie, was das hier ist? Kampfer. Eine solche Einspritzung tut Wunder, macht Tote wieder lebendig.«

Sie biß die Zähne aufeinander, ihr kleines welkes Gesicht straffte sich in allen Muskeln in dem eisernen Bestreben, dem Tod seine Beute solange wie möglich vorzuenthalten. Wille gegen Wille richtete sich in den beiden Frauen auf.

»Ich brauche Asmussen, damit er mein Drama der königlichen Bühne einreicht, wie wir es ausgemacht 75 haben. Meine Nachricht an ihn scheint verlorengegangen zu sein?«

»Möglich – das kommt vor.«

»Nach der Statistik nur bei zweitausend Briefen einmal. Bei mir also aller Voraussicht nach nicht wieder. Ich möchte Ihnen daher meine Briefe noch zu besonders sorgfältiger Abgabe ans Herz legen. Sie sind kenntlich an dem schmalen Trauerrand.«

»Was gehen mich Ihre Briefe an?« rief Finna Almind fast wild. »Und was Ihr Theaterstück – sehen Sie zu, wie Sie allein damit zurechtkommen. Freilich – Sie wissen, daß Asmussen kein Nabob ist, sondern mit seinem Tantiemenanteil zu rechnen hat. Damit möchten Sie ihn von sich abhängig machen.«

»Und womit machen Sie ihn von sich abhängig?«

»Das zu ergründen erlasse ich Ihrem eigenen Scharfsinn. Nachmachen werden Sie es mir allerdings schwerlich.«

Sie lachte, wie gefallene Engel lachen mögen, und plötzlich war ihr unschönes, verblühtes Gesicht mit einem eigentümlichen, unbestimmbaren Reiz übergossen.

»Es schmeichelt mir sehr, daß Sie mir nachgingen, anstatt zu Holger hinaufzusteigen, wie es doch wohl Ihre Absicht war. Oh, er würde beglückt gewesen sein über die Ehre. Wollen Sie mir nun noch die Freude erweisen, mich auf meinen Gängen zu begleiten? Ich bin im Begriff, ein Viertel Wurst und ein Achtelchen Schweizerkäse einzukaufen zum Abendbrot und ein 76 wenig Kaffeezusatz für morgen früh. So leben wir. Die Frau Staatsrat Börgesen wird's freilich anders gewöhnt sein.«

Ein grimmiger Hohn lag in ihren Worten, und wie um sie zu bekräftigen, machte sie vor einem kleinen Fleischerladen halt, in dem sich einige billige Würste neben einer Schüssel marmorierter Sülze nicht eben verlockend breitmachten.

»Vielleicht ist es Ihnen angenehm, Ihre Einkäufe hier zu machen?«

Astrid verabschiedete sich notgedrungen. Wieder arbeitete in ihr der Gedanke: wie ist es möglich, daß Asmussen, dieser überfeinerte Ästhet, es in der Nähe dieser Frau aushält? In einer Umgebung, die keinem seiner Bedürfnisse Rechnung trägt. Welche geheimnisvolle Macht wirkt hier so stark, um es ihn vergessen zu machen?

Plötzlich fiel eine tiefe Niedergeschlagenheit über Astrid, die Erkenntnis: sie war alt, nicht mehr schön. Die Jahre der Jugend und des Begehrtwerdens hatte sie dem alten Gatten geopfert, er hatte nichts übriggelassen, was einen Mann reizen konnte. Sie mußte sich damit bescheiden, am Ende zu sein. Dieser Druck blieb über ihr, was sie auch anfangen mochte.

* * *

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