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Gott und der Staat

Michael Bakunin: Gott und der Staat - Kapitel 1
Quellenangabe
authorMichael Bakunin
titleGott und der Staat
publisherVerlag von C. L. Hirschfeld
editorMax Nettlau
year1919
translatorMax Nettlau
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181015
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Einleitung.

Von Max Nettlau.

 

So zahlreich Bakunins Schriften sind, denen sich noch nicht verwendete Manuskripte und längere theoretische Ausführungen in einer Anzahl Briefen anschließen, findet sich keine, in der etwa sein »Programm« vollständig und übersichtlich begründet wäre. Dogmatische Propaganda lag ihm fern, obgleich er oft genug zu bestimmten Zwecken, für eine geheime Gesellschaft, eine Gruppe, eine Zeitschrift oder als Entwurf einer Kongreßresolution seine Ideen in wenige Sätze klar zusammenfaßte, wofür Dokumente aus den Jahren 1848-1873 vorliegen. All seine Schriften waren Gelegenheitsschriften, durch eine bestimmte Situation hervorgerufen und nicht selten den nächsten Moment, wenn sich die Situation modifizierte, liegen gelassen oder in anderer Form von neuem begonnen. Man kann nicht sagen, daß Bakunin das, was er schrieb, gering achtete; er hatte seine früheren Schriften stets vor Augen und griff oft auf sie zurück; aber es konnte keinen entsagungsbereiteren Schriftsteller geben, der seine Arbeitskraft der Bewegung unbeschränkter zur Verfügung stellte. Die Publikationsmöglichkeiten waren oft so geringe, taktische Erwägungen rieten noch immer zur Geduld usw., so daß umfangreiche Manuskripte von heute auf morgen abgebrochen und neue Texte geschrieben wurden. Bakunin ordnete sich eben als Schriftsteller ganz und gar den Bedürfnissen der Propaganda und Aktion unter; die Schrift trat für ihn neben Wort und Waffe, eines der drei Aktionsmittel des unermüdlichen Revolutionärs.

Auf vier Gebiete erstrecken sich vor allem seine Äußerungen: auf das politische (Bekämpfung der Autorität und des Staates, Föderalismus, Anarchie), das soziale (kollektivistischer Sozialismus), das philosophische (Bekämpfung der religiösen und metaphysischen Fiktionen; Materialismus und Atheismus) und das nationale (speziell Slawen und Deutsche, Deutsche und Franzosen, Polen und Russen etc.). Die Folie sozusagen zu Erörterungen dieser Fragen gaben die eventuelle russische Revolution und die tatsächliche polnische Insurrektion, die soziale Bewegung in Italien, welche den politischen Bewegungen folgen mußte, die Internationale und ihre lokale Verbreitung speziell in der romanischen Schweiz, Südfrankreich, Spanien und Italien, der Konflikt der autoritären und antiautoritären Richtung in der Internationale, der Kampf gegen den autoritären deutschen Zentralismus, der deutsch-französische Krieg und die Möglichkeit der Revolutionierung Frankreichs zum Zweck des Widerstandes. Nach dem Kriege verschmolzen Deutsche und Marxisten gewissermaßen in einen einzigen Gegner und die Rassenfrage tritt noch mehr hervor. Die unmittelbaren Gelegenheiten für Schriften Bakunins waren etwa die direkte lokale Propaganda: wie in Genf und im Jura; Versuche, zur Aktion hinzureißen: wie während des Krieges; unermüdliche Erklärungen des Wesens der Internationale, ihres Verhältnisses zur Alliance etc. in Briefen nach Italien und Spanien, ihre glänzende Verteidigung gegen Mazzini, Abwehr der perfiden Angriffe marxistischer und anderer Journalisten – ein Gebiet, auf welchem Bakunin durch beständige Zurückstellung schon fertiger Manuskripte die größte Geduld und literarische Entsagung zeigte; sein 1872 erneuerter Kontakt mit der russischen Jugend, nach den Enttäuschungen der Netschaevschen Zeit, den früheren Polemiken mit Polen, den älteren russischen Schriften (1862) etc.

Dabei bildet gewiß einen Mangel, aber auch einen Reiz seiner Schriften seine Fähigkeit, abzuschweifen und einem Nebengedanken nachzugehen, während der Hauptgedanke vielleicht vergebens wartet, wieder aufgenommen zu werden. Mangel an Proportion ist die natürliche Folge, und solche an Ungleichmäßigkeit zu sehr leidenden Schriften werden zuletzt abgebrochen; ihr Reiz liegt darin, daß wir hier einem wirklich ehrlichen Denker folgen können, der seine Gedankengänge sich ganz ausleben läßt, statt sie in die engen Bahnen äußerer und formeller Interessen zu pressen. Eingestreut sind oft kleinere Beispiele oder Episoden, Autobiographisches, Schilderungen von Charakteren etc., wie wir sie aus seinen Briefen kennen und die es uns bedauern lassen, daß das Fragment über seine Kindheit, Histoire de ma Vie Gedruckt in Société Nouvelle (Brüssel), September 1896, S. 309-324., seine einzige bekannt gewordene memoirenartige Schrift ist.

Nimmt man hinzu, daß Bakunin, wie seine mir für die Jahre 1871 und 1872 bekannten kleinen Tagebücher zeigen, in jenen Jahren und mindestens vom Herbst 1867 bis zum Sommer 1874, beinahe täglich, morgens und nachts, an Manuskripten und zahllosen Briefen schrieb, so sieht man, daß er zu einer Unzahl von Problemen und Situationen im Sinne seiner Ideen Stellung genommen haben muß und daß es nicht leicht ist, aus dem vielen gedruckt oder handschriftlich Erhaltenen oder nach seinem Tode Herausgegebenen gerade das Interessanteste und Charakteristischste auszuwählen.

Seine glänzendsten Äußerungen sind zum Teil in Briefen verborgen, in denen er mit voller Freiheit sprechen konnte; ich nenne seinen Brief an Herzen vom 19. Juli 1866 Briefwechsel, russisch (1896), S. 171-186; deutsch (1895), S. 118-132. und seinen Brief an Celso Cerretti nach Mazzinis Tode, Frühjahr 1872 Société Nouvelle , Februar 1896.. Teils rechne ich hierzu einige Schriften kleineren Umfangs, die aus äußeren Gründen doch eine gewisse Proportion einhalten mußten; ich meine die Reden vom Kongreß der Friedens- und Freiheitsliga in Bern, September 1868 Wiedergedruckt in den Pièces justificatives des Mémoire der Juraföderation (1873).; die Ours de Berne et l'Ours de Saint-Pétersbourg , 1870 Neuchâtel 1870; auch in Oeuvres II (1907), S. 11-67., und die Réponse d'un International à Mazzini (Liberté, Brüssel, 18. und 19. August 1871) Auch in Oeuvres VI (1913), S. 107-142.. Doch finden sich auch in den langatmigsten Manuskripten, von denen in den – bisher erschienenen – 6 Bänden der Pariser Ausgabe der Oeuvres (1895-1913) eine größere Anzahl in absoluter Vollständigkeit abgedruckt sind, plötzlich die packendsten Stellen, in denen die Gedanken wie Brillanten aufblitzen, während anderswo das Bestreben, jede Sache gründlich zu erörtern, stets alle andern Möglichkeiten zu widerlegen, manchmal den schon widerlegten Gegner allzu wörtlich ad absurdum zu führen, eine gewisse Schwerfälligkeit des Stils hervorbringt.

Aus allen Schriften spricht der tiefste Ernst und geschlossenes Vorgehen auf Grund eines absolut einheitlichen Willens zur Revolution, für den die drei Grundideen: Anarchie – Sozialismus – Atheismus, ein unteilbares Ganzes bildeten. Während er an die Revolution und die Revolutionäre den Anspruch stellte, diese Ideen in ihrer Gesamtheit zu verfechten und jede andere Art eines etwa autoritären oder religiösen Sozialismus als verhängnisvolle Irrlehre bekämpfte, stellte er an das durch seine geschichtliche Entwicklung diesen Ideen notwendigerweise noch fremde arbeitende Volk, das aber doch, wie jedes Wesen, diese natürlichen Ideen im Keim in sich trägt, wesentlich geringere Ansprüche und verbindet beide, Revolutionäre und Volk, durch eigentümliche Ideen über Organisation, öffentliche und geheime, auf die hier nicht näher einzugehen ist.

So sehr Bakunin in der geringen Zeit, die ihm nach den vielen Kerker- und Verbannungsjahren übrig blieb, seine Ideen mit vollen Händen als einfacher Propagandist sozusagen in den Wind streute und so sehr ihm dies Befriedigung gewährte, mag er doch auch den Wunsch gehegt haben, daß sich die übrigen Denker seiner Zeit mit ihm über seine Ideen auseinandersetzten, wozu es auf würdige Weise nicht gekommen ist; denn lange bevor er die öffentliche Polemik begann, machten sich bösartige Verleumdung oder gedankenloses Schimpfen allein mit ihm zu schaffen und jeder gute Wille zu ernsten Auseinandersetzungen fehlte. Seit er, vom Spätherbst 1863 ab, in Italien (Florenz und Neapel) nach den rastlosen, den slawischen Bewegungen gewidmeten Jahren 1862 und 1863 (London, Paris, Schweden) einige Ruhe genoß, formulierte er seine Ideen; und zwar auf philosophischem Gebiet wahrscheinlich zuerst in Manuskripten, die für die Freimaurerei bestimmt waren und sich in den erhaltenen Fragmenten schon mit den in Dieu et l'Etat zu findenden Gedankengängen decken; das umfangreichste dieser Manuskripte ist freilich vernichtet worden. Seine politischen, sozialen und organisatorischen Ideen zeigen die ausführlichen Statutenentwürfe der geheimen Gesellschaften jener Jahre, seine praktische revolutionäre Propaganda die beiden Flugschriften La Situazione . Auf dem Genfer Friedenskongreß (September 1867) trat er wieder in die Reihen der europäischen Demokratie und legte später eine längere Darstellung seiner Ideen für das Kongreßprotokoll vor, die diesem nicht eingefügt werden konnte, und aus welcher die Proposition motivée … wurde, die endlich als Le Fédéralisme, le Socialisme et l'Antithéologisme 1868 in Bern gedruckt, aber nicht veröffentlicht wurde Neugedruckt in Oeuvres I (1895)..

Die folgenden zwei Jahre größter Tätigkeit für die schweizerische, russische und internationale Bewegung schlossen den Gedanken an ein größeres Werk aus. Erst als er nach vergeblichen Bemühungen, in Lyon und später in Marseille (September, Oktober 1870) den revolutionären Volkskrieg aus der Initiative des Volks heraus, mit Beiseiteschieben aller staatlichen Organisation, gegen die deutsche Invasion zu entfesseln, seinen Zufluchtsort Locarno wieder als Flüchtling aufsuchen mußte, als er hoffnungslos das System Gambetta triumphieren sah und die Zukunft Frankreichs und Europas unter der befürchteten deutschen Vorherrschaft im schwärzesten Licht sah, glaubte er, zur Ohnmacht verurteilt, nichts anderes tun zu können, als seine Ideen in einem Buch, seinem ersten Buch, zusammenzufassen, worüber er am 18. November 1870 an seinen alten Freund Ogarev in Genf schreibt Briefwechsel, russisch, S. 314-315.: »Ich schreibe eine pathologische Skizze des gegenwärtigen Frankreich und Europas zur Erbauung der künftig tätigen und zur Rechtfertigung meines Systems und meiner Handlungsweise.« Schon am 23. Oktober hatte er aus Marseille an G. Sentiñon geschrieben: » Les bourgeois sont odieux. Ils sont aussi féroces que stupides … A leurs infames calomnies je m'en vais répondre par un bon petit livre où je nomme toutes les choses et toutes les personnes par leur nom.« Vgl. Max Nettlau, Michael Bakunin, eine Biographie, Bd. II, (1898-1899), S. 516-517.

Bekanntlich schrieb Bakunin seit den ersten französischen Niederlagen, die ihn den Verlust des Krieges, wenn er mit rein militärischen Mitteln geführt würde, voraussehen ließen, etwa vom 9. August ab, eine große Menge Briefe im Sinne seines Plans, der Invasion die Revolution entgegenzustellen. Einige für Frankreich bestimmte Briefe wurden allmählich zu langen Manuskripten, betreffs welcher nur James Guillaume helfen konnte, der aus dem ihm bis zum 11. September übergebenen handschriftlichen Material durch freieste Umgestaltung des Textes die Broschüre Lettres à un Français sur la crise actuelle (September 1870) machte Diese Broschüre und alles noch vorhandene handschriftliche Material sind abgedruckt in Oeuvres II, (1907), 69-268; IV (1910), 1-72.. Es würde zu weit führen, die Geschichte all dieser Manuskriptfragmente auch nur zu skizzieren; genug, daß Bakunins Auffassung der Lage im Oktober 1870 aus dem ausführlichen Manuskript von 114 Seiten Oeuvres IV, 73-222. und dem unvollendeten Brief an Esquiros vom 20. Oktober Ebenda 223-240., nebst dem kleinen Brief an G. Sentiñon vom 23. Oktober hervorgeht.

In Locarno angekommen, schrieb Bakunin als Beginn des nun beabsichtigten Buchs ein Manuskript von 256 Blättern, deren Anfang (f. 1-80), dem eine am 22. Januar 1871 begonnene neue Fassung von f. 81-138 hinzugefügt wurde, in Genf sehr unkorrekt gedruckt wurde und endlich Ende April 1871 erschien als: L'empire Knouto-Germanique et la Révolution sociale par Michel Bakounine. Première livraison. (Genève, 1871.) Der ursprüngliche Text von f. 82-256 (f. 81 ist nicht erhalten) entfernte sich von dem Gegenstand Frankreich und Deutschland und erhielt später von f. 105 ab den Titel: Appendice. Considérations philosophiques sur le Fantôme divin, sur le Monde réel et sur l'Homme (November, Dezember 1870) f. 82-256 sind gedruckt in Oeuvres III (1908), 179-405.. Bakunin schrieb dann einen neuen Haupttext, der das aktuellere Problem weiter ausführte (Dezember [vermutlich] bis 22. Januar). Diesem nicht als Ganzes erhaltenen Text dürften die zwölf Manuskriptbruchstücke von zusammen 143 Blättern angehören, die ich S. 534-536 meiner Biographie näher beschrieben habe Vgl. auch Guillaume, in Oeuvres III, X-XII.; sie sind unediert. Am 22. Januar schreibt er in sein Tagebuch: » Soir, de nouveau, recommence brochure à partir de l'imprimé.« Nun endlich wird ein auf die schon in Genf gesetzten f. 1-80 folgendes Manuskript hergestellt, das bis f. 210 gesetzt wurde; f. 1-80 und 81-138 bilden, wie gesagt, L'Empire Knouto-Germanique . Ihm sollten die Sophismes historiques de l'Ecole doctrinaire des communistes allemands folgen, die aber nach wenigen Seiten ( Oeuvres III, 9-18) von einer Kritik des religiösen und philosophischen Idealismus unterbrochen werden, deren Hauptteil in der vorliegenden Übersetzung als Gott und der Staat vorgeführt wird.

Diesen Namen gab dem Fragment Elisée Reclus, der mit Carlo Cafiero Dieu et l'Etat par Michel Bakounine. Genève, Imprimerie jurassienne, 1882, VII, 99 S. klein 8°., dessen Mitarbeit wohl nur eine nominelle war, dasselbe 1882 zuerst herausgab. Es sind dies f. 149-247 des Manuskripts, das bis f. 340 reicht und dann abbricht; f. 247 bis 286 sind in Oeuvres III, 131-177, f. 287-340 in I, 264-326 gedruckt, während der in der Ausgabe von 1882 sprachlich etwas bearbeitete und auch von Lesefehlern nicht freie Text, dessen Kollation mit dem Manuskript ich zuerst in Anm. 2422, S. 227-235 meiner Biographie (1899) brachte, jetzt in Oeuvres III, 18-131 korrekt vorliegt.

Nach Bakunins Tagebuch läßt sich feststellen, daß dieser Teil des Manuskripts zwischen dem 22. Februar und dem 8. März 1871 geschrieben wurde, zu einer Zeit, in der sich Bakunin, wie die übrigen Eintragungen zeigen, in größten finanziellen Sorgen befand und seine Geldmittel von 54 Francs am 20. Februar sukzessive auf » 5 francs en tout« am 8. März und » reste 5 centimes« am 11. März sanken. Vom 9.-14. März ist täglich vom » sentier« die Rede, dem Fußsteig, wie er selbst die zu ausführliche Schilderung der Lehren der Doktrinäre im Genre Victor Cousins nannte ( Oeuvres III, 132-177). Am 14.: » brochure, du sentier au grand chemin …«: 16. » brochure peu, mais médité bien. Fiction à développer.« Dies bezieht sich auf den Gegenstand der großen Anmerkung (f. 287-340, Oeuvres I, 264-326). Vom 19. März bis 3. April durch eine Reise nach Florenz abgehalten, setzt er vom 5.-15. April die » brochure-livre« noch fort; am 16. April aber kam Fanelli nach Locarno, am 22. beschloß Bakunin, abzureisen ( pour Genève, Neuchâtel); am 26. reiste er tatsächlich in den Jura ab. Es waren die letzten Wochen der Kommune von Paris, und Aktionspläne, der Kommune vom Jura aus zu helfen, absorbierten Bakunin und seine Freunde.

Am 1. Juni nach Locarno zurückgekehrt, schrieb er vom 5. bis 23. Juni ein: Préambule pour la seconde livraison de l'Empire knouto-germanique besser bekannt als: La Commune de Paris et la notion de l'État , eine seiner besten Schriften Unter dem letzterwähnten Titel herausgegeben von Elisée Reclus in Le Travailleur (Genève), 1878; vollständig von Bernard Lazare (1892) und in Oeuvres IV, (1910), 241-275.; diesem unvollendeten Manuskript folgte ein Avertissement (25. Juni bis 3. Juli) Oeuvres IV, 277-333., das, wie Guillaume bemerkt, der einleitenden Bemerkung zufolge an die Spitze des ganzen Werkes hätte gestellt werden sollen. Aber es fehlten die Mittel, auch nur die zweite Lieferung erscheinen zu lassen Ebenda III, XVI, XVII.; auch ein im November und Dezember 1872 begonnenes Manuskript einer zweiten Lieferung blieb unvollendet Ebenda IV, 391-510.. Auf die Frage eines zweiten beabsichtigten Anhangs: Appendice Germano-slave gehe ich hier nicht ein.

Was Bakunin im Sommer 1871 veranlaßte, das so beharrlich immer wieder aufgenommene Werk liegen zu lassen, war, neben einer sehr lebendigen Verteidigungsschrift der Genfer Alliance section, die vielfach memoirenartiges Interesse besitzt und seinen Freunden im Jura usw. als Informations- und Verteidigungsmaterial in dem beginnenden Kampf mit den Autoritären und Politikern in der Internationale dienen sollte Zuerst von Guillaume, in Oeuvres VI, 143-280 herausgegeben, der wichtigste Beitrag zur Geschichte der Internationale in der Schweiz, leider auch unvollendet. – 28. Juli bis 27. August –, die plötzlich beginnende Polemik mit Mazzini.

Hier war endlich einer der verhaßten Idealisten, die hinter schwungvollen liberalen Reden ihr inneres reaktionäres Wesen so gut zu verbergen wußten, Bakunin sozusagen zwischen die Füße gelaufen, wurde von ihm gepackt und ein Exempel an ihm statuiert. Vor dem lebenden Mazzini, der auf der Höhe seines Rufes stand, ließ Bakunin die leeren Schatten der Victor Cousin und anderer Doktrinäre liegen. Die intensive Beschäftigung aber mit all diesen Problemen, wie sie die erwähnten Manuskripte zeigen, hatten ihn gerade in diesem Moment instand gesetzt, vollgerüstet loszuschlagen und so entstand in wenigen Tagen die glänzende Antwort an Mazzini, den Verächter der Pariser Kommune und der Internationale, den ewigen Feind jedes wirklichen Sozialismus und der Revolution, den Verehrer eines unfaßbaren und desto fester eingewurzelten Gottes. Die Réponse d'un International à Mazzini wurde in Brüssel französisch (18. und 19. August), in Mailand italienisch (14. August) veröffentlicht Oeuvres VI. 101-142 (128).; Ende des Jahrs folgte auf kleinere Schriften Ebenda VI, 281-422. La Théologie politique de Mazzini et l'Association internationale des Travailleurs (Neuchâtel, 1871, 111 S.) Ein Neudruck soll in Oeuvres VII erscheinen., die man unter diesen Umständen als Ersatz und letzte Redaktion eines Teils des von Bakunin seit Oktober 1870 geplanten Buchs, das so viele Modifikationen erfuhr, ansehen kann.

Durch diese Verteidigung des Sozialismus und der Revolution gegen Mazzini wurde Bakunin endlich Italien in weitem Umfang eröffnet; die italienische Propaganda und Organisation, die oft elementare Auseinandersetzung der Ideen der Internationale absorbierten ihn nun, ebenso die intensive Verteidigung der freiheitlichen Föderationen gegen die Londoner Konferenz (September 1871), die mit der Verbreitung des Jurazirkulärs des Kongresses von Sonvillier begann. In wenigen Monaten stellten sich auch die engsten Beziehungen zu einem Teil der slawischen Jugend in Zürich her, es folgte der berühmte Sommer in Zürich. Ebenso traten die Möglichkeiten wichtiger Aktion in Italien und Spanien näher; Cafieros Enthusiasmus und Mittel standen der neuen Bewegung zur Verfügung. Mazzini starb und in ihm einer der letzten Vertreter des Typus der ehrlichen Idealisten. Der Kampf mit Marx wurde endlich akut (Mai 1872). All dies erklärt hinreichend, daß Bakunin seine Manuskripte von 1870/1871 ruhen ließ.

Er nahm aber noch mehrere Anläufe zu größeren Schriften, so in dem Manuskript Aux compagnons de la Fédération des sections internationales du Jura Unediert, 153 f.; Auszüge und Resumé S. 599-610 meiner Biographie (1900)., in der erwähnten Schrift von Ende 1872, die sich als zweite Lieferung des Empire Knoutogermanique gibt, und in dem großen russischen Buch Gosudarstvennost' i Anarchija (Staatlichkeit und Anarchie) O. O., 1873, 308, 24 S., 8°; nicht übersetzt; kurz resümiert in meiner Biographie, S. 769-772., dessen 1874 erschienener Band nur der I. Teil der »Einleitung« ist. Bestimmte Ereignisse überholten die erstgenannte Schrift und machten auch die Herausgabe einer Fortsetzung der dritten untunlich. Sobald er nur im Herbst 1874 in Lugano endlich Ruhe gefunden, schrieb er an Ogarev (11. November 1874), er bereite sich vor, wenn ihm Kräfte bleiben, sein letztes vollständiges Werk über seine tiefsten Überzeugungen zu schreiben Briefwechsel, russisch (1896), S. 348. und korrespondierte hierauf mit Elisée Reclus über eine sprachliche Revision seiner beabsichtigten » Mémoires « und » L'Etat de mes Idées «. In seinen letzten Äußerungen auf dem Totenbett zu Adolph Reichel, seinem ältesten und besten Freund, sagte er noch am 21. Juni 1876: » Si encore je retrouve un peu de santé, je voudrais écrire une éthique sur les principes du collectivisme sans phrases philosophiques ou religieuses« Beides nach im Supplement meiner Biographie angeführten Dokumenten..

Das Vorhergehende zeigt, daß das Fragment Dieu et l'Etat einen wesentlichen Teil von Bakunins Hauptwerk bildet, das seine stete Bereitheit, seine literarischen Pläne den Bedürfnissen der Propaganda oder Aktionsmöglichkeiten zu opfern, und widrige Umstände, zuletzt der Tod ihn in definitiver Form zu vollenden hinderten. Und Elisée Reclus tat nach allgemeiner Ansicht einen Meistergriff, als er gerade dieses sich über die leidenschaftlich diskutierten Fragen des Augenblicks, die freilich leider noch immer aktuell sind, erhebende Fragment aus der Fülle der Handschriften auswählte, wobei ihm vielleicht die von einem Teil des Fragments vorhandenen Korrekturbogen zunächst die Hand führten.

Mazzini schrieb am 20. Juli 1869 an Daniel Stern (die Gräfin d'Agoult) S. 153-154 der Ausgabe dieses Briefwechsels (1873).: Je donnerrais la moitié de ce qui me reste à vivre pour pouvoir écrire deux livres, l'un sur votre Révolution, celle de 1789, l'autres sur la question religieuse, contre les Comtistes, contre les matérialistes à la Moleschott, les apôtres du divin contre Dieu, les amateurs tels que Renan, les artistes du brutal comme Taine, les Proudhoniens, et ainsi de suite.« Gegen ein derartiges Werk richtet sich Bakunins Schrift, der die Reaktion in ihren scheinbar radikalsten Verhüllungen schonungslos verfolgte. Wie recht er betreffs Mazzini hatte, zeigt die Verfügung des italienischen Unterrichtsministers von Anfang 1903, welche die Lektüre von Mazzinis » Doveri dell'uomo « in den Schulen empfahl, worauf eine billige Ausgabe von Bakunins Dio e lo stato (Firenze, Nerbini, 1903) als Gegengift massenhaft verbreitet wurde.

Diese Schrift hat auch dadurch wesentliche Bedeutung gewonnen, daß sie die am meisten verbreitete und übersetzte Schrift Bakunins ist; und zwar erschienen die Übersetzungen meist in den ersten Jahren der beginnenden anarchistischen Literaturen in verschiedenen Sprachen, so daß gleich die ersten Propagandisten diese Ideen aufnahmen Nähere Angaben s. in meiner Bibliographie de I'Anarchie (1897), S. 46-47, 236, und meiner Biographie, Anm. 2423. Es erschienen seit 1883 amerikanische und englische Ausgaben (in Boston, New York, San Francisco, Columbus Junction, Iowa; Tunbridge Wells, London); deutsche (Philadelphia, New York); holländische (Amsterdam); im jüdischen Jargon (Leeds); spanische (Madrid, Barcelona); italienische (Mailand, Florenz); tschechische (New York); polnische (Genf); russische (Moskau, 1906); rumänische etc., eine bezüglich der Sprachen unvollständige Liste; daneben Auszüge, Übersetzungen in Zeitschriften etc.. Sie ist, obgleich sie sich äußerlich »nur« auf die Religion bezieht, mehr als eine andere für den Glauben an Autorität irgendwelcher Art vernichtend. Wer ihre oft nicht leichte und durch manche Längen erschwerte Lektüre auf sich wirken läßt, wird keiner speziellen Belehrung bedürfen, um einen autoritären Sozialismus, ein autoritäres politisches System unerträglich zu finden. Dies war stets die Wirkung dieser Schrift und erklärt ihre dauernde rege Verbreitung. Sie wird dadurch zu einem repräsentativen Dokument der anarchistischen Literatur und erscheint hier als solches.

Durch eine Reihe von Jahren war Dieu et l'Etat mit einem gewissen Geheimnis umgeben, da die ersten Herausgeber, Cafiero und Reclus, in ihrer Vorrede sagten, es sei ihnen unmöglich gewesen, den Schluß zu finden, und sie hielten das Ganze für » un fragment de lettre ou de rapport«, ohne den Versuch einer Datierung zu unternehmen. Ich wurde mir 1893 in Genf bei der Durcharbeitung der Manuskripte über die Stellung dieses Manuskripts klar und veröffentlichte das Resultat zuerst im Anhang zu einer englischen Neuausgabe (London, 1894), dann im Vorwort zu Oeuvres I (1895), wo ein Teil der Fortsetzung des Manuskripts zuerst erschien. Ausführlich ist dann die ganze Frage in meiner Biographie, Kap. 52, behandelt, ferner im handschriftlichen Supplementband (1903), der die Eintragungen in Bakunins Tagebuch (1871, 1872) zum erstenmal verwertet. Mit Benutzung dieses handschriftlichen Bandes schrieb dann James Guillaume die sorgfältigen Einleitungen zu seiner Ausgabe der einzelnen Teile des Werkes ( Oeuvres II (1907), III (1908), IV (1910)); ebenso die diesbezügliche Darstellung in seiner L'Internationale (Paris, 1905-1910). Nur die englische Ausgabe von 1910 (London, Freedom Library) enthält bis jetzt, wie vorliegende Übersetzung, den nach der Ausgabe des Manuskripts in Oeuvres III (1908) berichtigten Originaltext.

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