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Gutenberg > Ernst Blass >

Gedichte

Ernst Blass: Gedichte - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
authorErnst Blass
titleGedichte
publisherCarl Hanser Verlag
editorThomas B. Schumann
year1980
isbn3-446-13139-6
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131117
projectid235c5908
wgs9151
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Die Straßen komme ich entlang geweht

1912

Vor-Worte

Ich gebe hier ein Buch heraus ... (doch ich weiß, etwas »Geschlossenes-Ganzes« gebe ich nicht heraus), eine Sammlung von Gedichten. Zeitlich auseinanderliegende Dinge, die getrennt empfunden und festgehalten wurden, sind hier zusammengebunden. Einheit liegt nicht vor.

Ich erinnere mich, wie mir zumute war, als ich Einiges von dem hier Aufgenommenen verfaßte. Wie man damals das Inhaltsmäßige fühlte; wie man die Straßen entlang geweht kam (am 31. Januar 1912; vorher war man mit Herrn W. F. und Herrn H. zusammen im Englischen Café; dann die nachtumwaldete Tauentzienstraße); oder wie manchmal Bedrückendes beim Schaffen wich; wie aber doch manches bedrückend war ... Einzelnes; halbgespenstisch. Meine Empfindungen heut abend stehen in keinem Gedicht des Bandes, – dennoch sind die Gedichte des Bandes meine Empfindungen ... (Beim Herausgeben muß man das erwähnen.)

Kommt nun (wie jetzt) eine reiche Nachtluft hinzu, durch offne Fenster direkt ins Herz dringend, ist unten alles verstummt, unterhalten sich nur noch leise zwei Dienstmädchen, tickt meine Uhr, höre ich ab und zu die Hochbahn fern rollen – – –: so passiert es leicht, daß jemand, der sich anschickte, eine Vorrede kritisch-kämpferischen Wesens zu dichten, auf das Ganze dieses Daseins träumerisch reagiert, weil dieses Chaos so voll von Hinreißendem ist und, aus einiger Ferne gesehn, als etwas in seiner Art Einziges blüht ...

 

Dieses Chaotische nun ... wird der Lyriker der nächsten Zeit zwar auch in träumerisch-potenter Lust fühlen, doch zugleich mit einer erwachsenen Gier, die Kenntnis von den Dingen unsres Planeten zu vergrößern. Der Lyriker wird immer bewußter empfinden, daß es darauf ankommt (und daß eine große Schönheit darin liegt), für die Klärung der irdischen Phänomene zu sorgen, – ob er gleich weiß: Der Kern der Lyrik ist etwas andres.

Auch der Lyriker wird nächstens ein Erkennender sein, ein Kämpfer; einer, der haltbare Grundlagen sucht, um ein Steigen der Glückschancen für Menschen zu berechnen; einer, der für das Fortschreiten der Menschheit morastlosen Boden sucht; jemand, der (ich weiß, was ich sage) für die Entwicklung kämpft.

Und das Ideal der Künstler, auch der Lyriker, wird sein: Aufrichtigkeit.

(Der erkennende Kämpfer allerdings wird auch ein Lyriker sein. Das ist nichts gewissenhafter Vernunfttätigkeit Entgegengesetztes, sondern etwas, das sie beflügelt, Philosophie wird nächstens nicht mehr verwechselt werden mit umständlichem Geräusper gelehrt anmutender Unrichtigkeiten und Unwichtigkeiten. Der Denker wird ganz sorgfältig und voll Verantwortungsgefühl, dennoch feurig sein.

Als Lyriker aber wird er dieses feurig fühlen: ... das ganze Sternschnuppenhafte einer Menschenexistenz, diese Einmaligkeit, das Umwogtsein – – und das Stürzen und die Lust und die Melodei –.)

Warum Erkennen? Warum Fortschritt? Warum Entwicklung? Wir sind in dieser herrlichen Weltwildnis mit unsern natürlichen Potenzen, sexuellen und künstlerischen, glücklicher, als wir bei schärferer Bewußtheit wären ...

Das ist heute nicht absehbar. Ich weiß indes, daß der Wille zur bewußten Erfassung des Umliegenden ein recht reicher Lustquell ist ...

Aufrichtig sein als Erkennender –: ein Ideal, das für Zweifler an der Fundiertheit und den Aussichten menschlichen Erkennens nichts Überzeugendes hat; das als letzte Wahrheit nicht behauptet werden darf; doch (schlimmstenfalls immer noch) die heut reichste Schönheit und Vitalität besitzt, also auch vormaligen Skeptikern an der Wahrheit, späteren Verherrlichern des Chaotisch-Lustspendenden genügen müßte, als der heutige Glaube. (Schlimmstenfalls.)

Als Dichter ein Erkenner: das wird der Lyriker der nächsten Jahrzehnte sein.

Weil er ehrlich ist und bewußt, wird er eins auch im Traume nie vergessen: daß er nicht immer ein Engel ist, nicht immer ein Urwesen, nicht immer schwebend und alltagsfern (sondern wie große Erdenreste ihm zu tragen peinlich bleiben). Das wird in seinen Klängen liegen: das Wissen um das Flache des Lebens, das Klebrige, das Alltägliche, das Stimmungslose, das Idiotische, die Schmach, die Miesheit. Die Klänge des nahenden Lyrikers werden nicht »rein« und »aus der Tiefe« sein. Er wird nicht einfach ein potentseliges Urgeschöpf sein, sondern einer, der erkennt und zugibt, daß man manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist. So ist es. Und es wird eine Erhebung für ihn sein, dies zuzugeben.

Es wird für ihn darum eine sein, weil er für Ehrlichkeit ist. (Der Lyriker wird finden: der Fortschritt in der Chaosklärung, wenn es ihn nicht gibt, muß erfunden werden. Er streitet für die Wahrheit auch aus Gründen der Schönheit.)

 

Der Lyriker der nächsten Zeit wird sich nicht schämen.

 

Auch seiner mehr träumerischen Stimmungen nicht. Doch seine Träume werden anders aussehen, als die weniger Kultivierter; nämlich: gehetzter, weltstädtischer, mit dem lebhaften Willen zur Kritik, mit einem das Träumerische Nicht-Für-Voll-Nehmen. Noch als schwebender Engel im Traum aber weiß er, daß er vielfach als Herr Soundso auf Erden lebt – und viel Irdisches zu ertragen hat. Noch wenn er Lyrik dichtet, wünscht er nicht zu lügen.

 

Seine Art Lyrik ist »fortgeschrittene« Lyrik genannt worden; von einem, der, ein großer Lehrer all dieser Dinge, für Europa schafft; von Alfred Kerr. Nicht wegen Großstadtmilieus so genannt, sondern wegen jener kritischen, beschwingten, fechtlustigen Daseinsstimmung selbst in der Lyrik.

Der neue Dichter (der den Alltag kennt, der den Schwindel durchschaut) wird gegen künstlerisches Schaffen überhaupt, soweit es unkritisch ist, etwas skeptisch sein, – dennoch wird er eine Melodie haben ...

Weil er wahrheitsliebend ist, werden seine Dichtungen um viel Melodieloses im Erdenleben wissen, – dennoch Dichtungen sein; Dichtungen voll der Schönheit und Intensität eines großen Willens zur Ehrlichkeit. Er wird etwas geben, was, wie Kurt Hiller sagt, funkelt »zwischen Stahl und der Blume Viola«.

Zusammengefaßt: Der kommende Lyriker wird kritisch sein. Er wird träumerische Regungen in sich nicht niederdrücken. Noch im Traume wird er den ehrlichen Willen zur Klärung diesseitiger Dinge haben und den Alltag nicht leugnen. Und diese Ehrlichkeit wird die tiefste Schönheit sein.

 

Der kommende Lyriker wird, wie gesagt, auch ein Darsteller des Alltags sein. Kein alltäglicher Darsteller! Er wird aber kein Schilderer der Weltstadt sein, sondern ein weltstädtischer Schilderer ...

Sollte dann das Niveau noch nicht über kunstbehandelnde Dozenten vom Verstande des Herrn Bab hinübergelangt sein und noch immer in den Gazetten gelegentlich der Gedanke auftauchen, Rhinozeroshaftigkeit und Neid auf Feiner-Behäutete lasse sich schon durch den Willen zu einer neuen, sozusagen synthetischen Andacht überwinden –: so wird der Lyriker für diese Frömmigkeit den gelinden Ausdruck »Lammfrömmigkeit« bereit haben.

Er selber wird voll Andacht sein, nicht voll dumpfig-stöhnender oder fett-enthusiasmierter Andacht, sondern voll einer skeptischen, gefiederten, fortgeschrittnen, kriegstüchtigen, voll einer tänzerischen und erkennenden und geschwinden Andacht.

 

Der Lyriker der nächsten Jahrzehnte wird im wesentlichen darauf bestehen, daß seelenlose, mechanische Intelligenz nichts Auszeichnendes, daß jedoch Antiintellektualismus (mit und ohne Schweiz) zum Kotzen ist.

Der zukünftige intellektuelle Lyriker wird sich nicht schämen, weder wegen Intellektuellseins noch wegen Träumerischseins. Als Mann der Schönheit wird er voll irdisch-kämpferischer Stimmung und Kämpfer voll Stimmung und Schönheit sein ...

... Mit geflügelten Grüßen an diesen Menschen der nächsten Zeit sei »Die Straßen komme ich entlang geweht« herausgegeben.

Berlin, 16. September 1912.
Ernst Blass

Erster Teil

An Gladys

 

 

O du, mein holder Abendstern ...

Richard Wagner

 

 

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät ...
Laternen schlummern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht ...
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen!

Abendstimmung

Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip.

Gen Haus

Die Straße tut mir wohl; die ist schön breit.
Wie ist das lieb von diesem rosa Licht!
Das macht so singend müde mein Gesicht.
Bald sind die Straßenkanten weich verschneit.

Nun schützt die Stimmung meiner Augenlider
Ein Seelchen, das einst schnaubte in den Wind.
Wo blieben deine Augen? Deine Glieder?
Und deines Kleids aufregender Absinth?

Arrangement

Ein blauer Abendhimmel, stilisiert.
Singvögel, die teils fleuchen und teils kreuchen.
Es tanzen mehrmals komisch an zuviert
Schutzmannskordone mit geschwollnen Bäuchen.

Ein Cyrano, teils sehnend und teils sehnig,
Schlägt wundervoll heroische Kapritzen.
Es steigt aus den geschärften Häuserspitzen
Der Mond, ein pittoresker Kegelkönig.

Sonntagnachmittag

Die Töchter liegen weiß auf dem Balkon.
In Oberhemden spielen Väter Kachten:
Ein Roundser steigt nach einem Full von Achten.
– Und singen tut sich eins der Grammophon.

In Straßen, die sich weiß wie Küsse dehnen,
Sind Menschen viel, die sich nach Liebe sehnen.
Noch andre sitzen in Cafés und warten
Die Resultate ab aus Hoppegarten.

Der Dichter sitzt im luftigsten Café,
Um sich an Eisschoklade zu erlaben.
Von einem Busen ist er sehr entzückt.

Der Oberkellner denkt hinaus (entrückt)
An Mädchen, Boote, Schilf, ... an Schlachtensee.
Der Dichter träumt »... und werde nie sie haben ...«

Sonnenuntergang

Noch träum ich von den Ländern, wo die roten
Palastfassaden wie Gesichter stieren.
Der Mond hängt strotzend.
Weiß er von den Toten?
Ich gehe an dem weichen Strand spazieren.
Schräg durch Bekannte. (Schrieen nicht einst Löwen?)
Vom Kaffeegarten kommt Musike her.
Die große Sonne fährt mit seidnen Möwen
Über das Meer.

Spaziergang

Ich wurde langsam müde von den Klängen
Der kleinen Lieder, die mir gut bekamen,
Von Tropenträumen und von dicken Damen.
Ich spüre wandernd, wie in Nebengängen

Des grünen Parks die Paare sich umfassen ...
Laternen stehn den breiten Weg entlang,
Der unter meiner Lider Überhang
Getragen mündet in die Nacht der Gassen.

Strand

Wir fühlen Sand und Sommer und die Wellen,
Die nachmittags an unsre Träume spülen,
Und sehen in dem Duft von frischen Kühlen
Sehr sichre Segler hell vorüberschnellen.

Und während wir die leichtbeladnen Stunden
Halb spielend und halb fliehend übergleiten,
Steht still in unsern Blicken, ohne Wunden,
Altkluge Trauer und der Glanz der Weiten.

Der Abend

Der tote Ton von Saiten, die gesprungen,
Das Schreien wunder Stimmen ist verklungen,
Mit Stöhnen ist das Tier, der Tag, verreckt.

Doch von den Höhen plötzlich welche Feier!
Mit sühnend wundervollem Schleier
Hat sich das Leben leise überdeckt.

Und Augen glänzen wie an hohen Festen.
Und blasser seh ich das Geformte werden
Und reicher und berauschender die Gesten.

Durchs Fenster kommt der Prunk der Nacht geglitten,
Sei still, mein Lieb! Der Tag hat ausgelitten,
Vielleicht, daß wir noch einmal glücklich werden!

Hörst du?

Hörst du so, wie ich es höre,
Wie der Krampf der Nacht verzuckt?
Menschen, Waffen, Leid und Meere
Hat das Dunkel eingeschluckt.
Milder werden deine Lider
Stiller wird die Ruh,
Liebevoller die Gebärden
– – – – – – – – –
O sei stolz! O du!
Morgen wird ein Morgen werden!

Vormittag

Den grünen Rasen sprengt ein guter Mann.
Der zeigt den Kindern seinen Regenbogen,
Der in dem Strahle auftaucht dann und wann.
Und die Elektrische ist fortgezogen

Und rollt ganz ferne. Und die Sonne knallt
Herunter auf den singenden Asphalt.
Du gehst im Schatten, ernsthaft, für und für.
Die Lindenbäume sind sehr gut zu dir.

Im Schatten setzt du dich auf eine Bank;
Die ist schon morsch; – auch du bist etwas krank –
Du tastest heiter, daß ihr nicht ein Bein birst.

Und fühlst auf deinem Herzen deine Uhr,
Und träumst von einer schimmernden Figur
Und dieses auch: daß du einst nicht mehr sein wirst.

Regen

Und die Genossen der verflossnen Nächte
Sind plötzlich deiner Seele furchtbar nah
Und stehen stumm und tötend um dich da.
Und es ergrauten schon geputzte Prächte.

Unirdisch klingt Getöse von Berlin.
Und es regieren grausige Magien.

Und wo noch gestern leichte Lichter liefen,
Da fühlst du heute tausend Wasser triefen,
Und fühlst sie tausend Selige zerreiben, –
Und stemmst die Stirne an die Fensterscheiben.

Herbst

Nun leitet Herbst uns in die hohen Säle.
Zu Adel sind wir wehgeschwächt verweht.
Blind wurde Blicken, Hören wurde taub.
Gläsern und schmerzlos liegt das Laub.
Doch unsre Seelen wachsen in die Säle.

Der Schauspieler

Zuerst ein Herold, der Gewalt im Munde,
Die Kunde durch die Runde schallend schickt.
Apostel dann, der an der fünften Wunde
Des Hochgelobten büßend sich beglückt.

Ein König, der in einer Märchenstunde
Die Kinder mit geschmücktem Wort bestrickt.
Ein Jäger, der mit wildgezahntem Hunde
Dem dunklen Eber auf die Spuren rückt.

Dann wieder einer, dem die Ironien
Im Tage leuchten, bei Tyrannenmorden.
Und wieder der, dem niemals wird verziehn.

Bis du im Rausche, wie auf einem Fest,
Den siebenten deiner Schleier fallen läßt
Und dastehst: nackt, doch jetzt erst ganz
»geworden«.

Kreuzberg I

Blaßmond hat Hall und Dinge grau geschminkt.
Das Wundern lernte selbst der karge Greis,
Der unten, auf der Bank, im engsten Kreis
Vor sich den mageren Spazierstock schwingt.

Da liegt die große Stadt: schwer, grau und weiß.
Ein Rauchen, Greifen, Atmen, daß es stinkt.
Eh sie dem heil'gen Tag das Dunkle wild entringt,
Erwachen Nerventräume, blaß und heiß.

Fort mit dem süßen Blick! Fort mit dem Kusse!
Hörst du die roten Nacht- und Not-Alarme?
Die heißen, blassen Träume sind verstreut.

Mir stehen riesige liebes-, hasseswarme
Gebäude zu durchwandern weit bereit.
Da unten rollen meine Autobusse!

Kreuzberg II

Wir schleifen auf den müdgewordnen Beinen
Die Trägheit und die Last verschlafner Gierden.
Uns welkten (ach so schnell!) die bunten Zierden.
Durch Dunkliges kriecht geil Laternenscheinen.

Im Trüben hat ein träger Hund gebollen.
Auf Bänken übertastet man die Leiber
Zum Teile gar nicht unsympathscher Weiber.
Die schaukeln noch – wir wissen, was wir wollen.

Du gähnst mich an – in deinem Gähnen sielt
Sich halbverfaulte Geilheit. Hundgebelle.
Und durch das überlaubte Dings da schielt,
In Stein gemetzt, der Bürgermeister Zelle.

Sommernacht

Das Sternbild vor mir heißt »Der große Bär«.
Und von den Menschen seh ich nur die Schatten
Und hör sie trällern nur die dummen, platten
Kupletchen, die da schwärmen vom Begatten
Und daß das das allein Reelle wär.

Durch stille Hauche keucht ein Katerschrei.
Doch Wolken wölben sich monumental
Da vorne, urhaft, wie ein Grönlandswal.
Und ohne Schicksal sitzt ganz groß und kahl
Der Mond vor seiner Riesenstaffelei.

Das Behagen

Wir quälen uns. In flaue Freundlichkeit
Hat uns der Walzer und der Wein gebettet.
Wir machen uns in unsern Sesseln breit
Und spüren, wie die laute Nacht verfettet.

Ach, dieser schäbig blanke Glanz der Lichter!
Wie friedlich ihn die Spiegel widergeben!
Und wie der armen, geckigen Gesichter
Langende Lippen gähnend sich verkleben!

Der Rechtsanwalt sitzt da – auf dem Fauteuilche.
Er ist noch jung trotz seiner fünfzig Jahre.
Es glänzen seine feuchten Glatzenhaare

Und seine kugelrunde Nase, welche
– Und mit dem Ausdruck: Dies ist doch das Wahre! –
Entsteigt dem zitternden Champagnerkelche.

Der Nervenschwache

Mit einer Stirn, die Traum und Angst zerfraßen,
Mit einem Körper, der verzweifelt hängt
An einem Seile, das ein Teufel schwenkt,
– So läuft er durch die langen Großstadtstraßen.

Verschweinte Kerle, die die Straße kehren,
Verkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft:
»Ja, ja – ja, ja! Die Leute haben Kraft!
Mir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären

Mir je ein Kind!« Der Mond liegt wie ein Schleim
Auf ungeheuer nachtendem Velours.
Die Sterne zucken zart wie Embryos
An einer unsichtbaren Nabelschnur.

Die Dirnen züngeln im geschlossnen Munde,
Die Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.
Ihn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,
Zuhältermesser und die großen Hunde.

Die Jungfrau

Jongleure setzen ihre Köpfe ab
Und schmeißen sie hell pfeifend in die Luft.
Die Knochen meckern, wenn mit lautem Klapp
Ein Kopf ins Universum sich verpufft.

... Jetzt Neger, die auf Dromedaren reiten.
Und nun tanzst du in deinem engen Rocke,
Der fixe Klöppel einer mächtgen Glocke,
Die laut zerlärmt die Zulukaffrigkeiten.

Du tanzst vorbei an zitternden Profilen
Verwirrter Antlitze, die dich beschielen.
Du tanzest aus – und gehst allein nach Haus.

Und während weiß sich dehnen deine Lippen,
Wird rot und zottig deinen Leib umwippen
Die Nacht wie eine Riesenfledermaus.

Die Schwangere

Laß deinen Körper an den Abend lehnen!
Der Tag war heiß. Nun ruhet Gottes Hand
Betäubend sanft auf dem entsonnten Land.
Ein Pfeifen weht daher von Schiffssirenen ...

Und Vogelrufe, die sich matt zerdehnen,
Sind über uns ... »Bist du sehr abgespannt?«
Komm, deine Stirn ins Dämmrige zu lehnen,
In das sich spinnt die nahe Fichtenwand!

Die Schwangere wie eine dumpfe Kuh
Vor einem Kornfeld stehend ist in Ruh.
Sie denkt fachmännisch an die nächste Zeit.

Ich dreh mich um und schau zur Stadt zurück
Und bin im Traum von einem weißen Glück,
Durch das die Engel weben weit und breit.

Knabenlied

Ich sang einst wilde Lieder in die Nacht,
Ganz überschwer von unerlöster Macht.
Doch keiner hörte sie.
Der kalte Mond warf seinen kalten Schein.
Da ward mein Lied zu glühendheißem Schrein.
Doch keiner hörte es.
Der tote Tag wird einst die Nacht beerben.
Da wird mein Schrei in einem Seufzer sterben.
Keiner wirds hören.

Die Kindheit

Die Knaben:
Wir sahn im Traume, wie ein fiebrig Sterben
Da war und unser Glück nervös befaßte.
Wir sahn im Traume unsre Mutter sterben.
Die Lampe kam; der Tag schlug auf die Taste.
Wir stiegen aus dem Bette, weinend, dumm.
Nun ist es Tag, wir gehen in die Schule,
Wir spielen Jagd; auf zu Indianerfabeln!

Die Mädchen:
In unsern Köpfen hüpfen blank Vokabeln,
Und vor Vokabeln hüpfen unsre Köpfe.
Es fallen auf die Mappen unsre Zöpfe.

Die Knaben:
Wir sind ja dumm vor Leben.
Wir sind klein.
In unsern Nächten brechen Mörder ein.
Und unser Morgen kennt dies dumpfe Beben
Von Unentrinnbarkeit und Lampenschein.

Die Knaben

Wir badeten im Mittag wie im Meer.
Wir lasen von den großen Albatrossen,
In weißen Schiffen fuhren wir umher.

Doch wie der Feind kam, zuckten unsre Herzen.
Es starben viele, viele schrien in Schmerzen:
»Volldampf voraus!«. Jetzt hieß es totgeschossen.

Wir werden unsre Schularbeiten machen,
Bis Abend kommt. Dann wird auf einmal tot
Im Hüpfen unser vogelhaftes Lachen,
Beim Schlafengehen, nach dem Abendbrot.

Wir beten dann: »O Gott, daß nichts passiert,
Nichts Schlimmes, nichts, Gott, Schlimmes, nichts, Gott gebs!
Und wenn aus Träumen flammig Sterben stiert,
Behüte Gott uns vor dem Magenkrebs!

Wir geben unsre Mutter langsam her,
Mit Leben ganz allein – Die Türen gehn
Wir werden windig-weite Plätze sehn,

Wo Leben träumt und tötet. Mit der Keule
Schlägt in den mattern Krampf der Stimmen wer.
Schlaf drückt uns zu wie eine schwere Säule.

Märzabend

 

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

 

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein
Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen
Von Influenza sicherlich herein.
Und in dem unerbittlich Mauerstillen:
Zwei schwarze Schwäne, die
Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.

Vom Tode werden Mädchen oft entrückt
Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.
Dann wieder wird in Stuben kondoliert,
Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;
Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert
In Räume, in luftleere Räume.

Augustnacht

Ich rang mit Qualen, als die Lindenblüten
Verbrannt versanken in der tauben Nacht.
Ich hab im Winter oft daran gedacht,

Wenn mich die Wolken schwebend überfrühten.
– O Violine, die in Cafés singt!
O Morgen, der mich, Übernächtgen, trinkt!

O Dirnenstimme, die geschminkt gelacht! –
Heut spür ich lächelnd, wie der Wind erklingt
An Fenstern unsichtbarer Schiffskajüten.

Und frage mich: »Ernst, werden dich zerstücken
Ganz dumpfe Schmerzen wieder? Wirklich?« – und
Indessen gehst DU blinzelnd wieder brücken-
wärts fremd; ein giftger Traum, mit deinem Hund.

Herbst

Die gelben Blätter, die am Boden liegen,
Entfernen meinen Geist zu sanftem Fliegen.
Das war im Sommer! (Und die Schiffe wiegen
Im klaren Meer.) Die Glücksaussichten stiegen.

Durchsichtig war die Luft und nah der Strand.
Du streicheltest mich oft mit deiner Hand.
Fern sah man manchen Kohlenschiffes Dampf ...
Das bißchen Glück war doch nur wie ein Krampf.

Stumm Menschen lächeln ...

Während wackelnd Scherze gingen,
Und in warmer Abendluft
Köpfe locker hingen-hingen,
Redend –, riß er fort die Luft.

Und er gewahrte auf dem grauen Gang
(Die Bäume flohen schräg den Weg entlang,
Und seine Schläfen schlugen zu wie Türen)
Stumm Menschen: lächeln ... und gestikulieren.

Der Sommer war ...

Der Sommer war opalen, und es fanden
Verschiedner Menschen Blick und Stimmen statt.
Unmerklich glitten wir durch Glasveranden

(An Kaffeetischen sitzend, große Fische,
Meerpflanzen, glasig, langsam sich bewegend,
Weißlich und lächelnd. Aber gegenüber
War stets die offne Muschel deines Mundes)

Und trieben immer schneller, um zu landen
Im vollen Leben einer grauen Stadt.

Sehnsucht

Mein Schatten zuckt gebückt durch Ladenfenster,
Es klopft mein Blut an meines Huts Verfall.
Potsdamer Platz! Dich, Rührenden, umkränzt der
Schwimmenden Träume stickiges Gelall.

Nie wieder werde ich der kranken, chiken
Gelbsterne kühle Wunder überbrennen.
Es kommt ein Sturm, vor dem die vielen dicken
Bierwagen wie gehetzte Herden rennen.

Wüten

Wozu soll das Sich-Ermahnen?
Ekel blakt in mein Gestiere.
Wie besoffne, dicke Tiere
Treffen sich zwei Straßenbahnen.

Und das läuft erfreut, Gewimmel.
Parkalleen lang will ich rennen,
Über mir der Abendhimmel
Soll, ein feurig Wüten, brennen.

Wenn der grauen Bäume Strunk
Schon zu Asche will zerfließen,
Werden meine Arme schießen,
Habichte, durch Dämmerung.

Autofahrt

... rast weiter über menschenlosen Platz,
Gelb, keuchend, zwischen Träumen und Erwachen,
Rings Nebel, die Gebüsche blinder machen,
Das Auto dreht ... in einem Satz.

Ich liege nur, mein Herz ward ausgerenkt,
Bin ich hier nicht am Brandenburger Tor?
Rechts steigt der Himmel dunstig schief empor,
Wo klein der Mond, ein weißer Tropfen, hängt.

Dezembermarsch

Die Gartengänge hauchen dunkle Schatten.
Feucht und beklemmend ist die Abendluft.
Man räuspert sich und schlägt den Kragen hoch.

Schon vor drei Jahren kamst du in die Gruft
Von denen fort, die dich gekannt noch hatten.

Wir kannten uns als kleine Sekundaner.
Der Duft des Winters ätzt und ist ein Mahner.
Im Blick den Widerglanz des Sonnenstrahls
Sprachst du vom Tode, ... längs des Spreekanals.

Und schwatztest angstlos schwere Träumerein
Und dumpf und immer gütig im Gewähren ...
Ein Fahrrad führten oft die Hände dein.
Mein Leben kann noch viele Stunden währen.

Lust

Jeder fällt sich um den Hals
Zu der Zeit des Karnevals.
Und nach alten Münchner Bräuchen
Hörst du ihn vor Lust fast keuchen.

Bis zur Drau, bis zur Sau
Hörst du herzigen Radau.
Wo du deinen Blick hin schwenkst,
Quietscht die Stute, bläst der Hengst.

Ganz nur Pfeife, ganz nur Tute
Lärmen sie durch die Redoute.
Mit Musik und blauem Dunst
Herrscht a kreuzfidele Brunst.

Menschensehnsucht?, dick verdeckt?
Arme, in die Welt gereckt?
(... Mit dem Hin- und Herwärts-Neigen
Junger Körper gehn die Geigen ...)

Trennung von einem Freund

Menschenschatten, Abendland,
Die mich mild umspielen,
Kann ich nicht mein Leben lang
Eure Tiefe fühlen?

Schwillt mein Herz minutenlang,
Ulk wird das zerstören ...
Muß ich deinen hellen Gang
Neben mir entbehren?

Menschenschatten. Abendland.
Klang der Gang der Zeit
Altes Glück, da ich gekannt
Herzliches Geleit.

Erinnerung

O Abendtrautheit, wenn vor den Gardinen
Bei Lampenschein die beste Welt zuende.
Kalender, Bilder, tapezierte Wände
Erfüllen dich – und du gehörst zu ihnen.

An allen Übeln, die dir tödlich schienen,
Schläft sanft dein blauer Güteblick vorbei
Und weidet milde über den Ruinen
Von Gegenständen einstger Träumerei.

Und du verstehst nicht, was ein Fassen war,
Und daß du schriest und daß du sie dahingabst
Und weintest, in dem trüben Fichtenwald.

O fliegende Erinnrung, zärtlich labst
Du einen, dem die trübe Weltgewalt
Ein Flehen abschlug, dumm, auf immerdar.

Was griff?

Du, der in dem Weltgetriebe,
Wo du fahl begehrst,
Stummverzerrter, durch die Siebe
Enger Straßen fährst,

Wirst du irgendwas erlernen,
Wenn du abwärts schießt,
Wo im Gelbglanz der Laternen
Eis und Wasser fließt?

Stark an grauen Straßenecken
Macht Verhülltes Halt.
Merkst du? Zögert, wie die Schnecken ...
Gelb und Herz so bald.

Der Dichter

O ihr Smaragden all in meiner Krone!
Ich fahre durch die grau-verschwommne Enge
Mit schiefem Munde. Nirgendwo ich wohne.
In meinen Ohren sausen die Gesänge.

Unruhe bringt mich manchmal fast zum Weinen.
Kopfschmerzen sitzen tief in meinem Auge.
Ach, daß mein Blick noch einmal dazu tauge,
Den Glanz zu sehn von meinen Edelsteinen!

Karnevalstraum

Ich fühle zwischen meinen offnen Armen
Die goldne Luft des Saals und süßen Lichts.
Ich fühle zwischen meinen goldnen Armen
Den Jaguarmund deines Angesichts.

In unsrer träumerischen Sofaecke,
Wir fliegen langsam durch den großen Saal.
Wir sind in einem schwebenden Verstecke.
Um unsre Schultern liegt ein zarter Shawl

Von Licht. O, wie wir aus dem Fenster fahren!
Wie man auf Films im Nachthemd reist zum Mond,
So sehn wir nachtschwarz abgezeichnet starren
Nah unter uns die Stadt, worin man wohnt.

Wir fahren weiter durch die Luft und weiter.
Du siehst, wie dicht vor uns die Nebel schwinden.
Du spürst – und ich dein glücklicher Begleiter! –
Trotz Februar warm den Geruch der Linden.

Der schöne Sommer schwärmt schon gar nicht fern.
Die Grillen zirpen, und ein edler Stern
Küßt mich in sanfter Treue auf die Stirn ...
Wir werden uns im nahen Wald verirrn,

Um den Hals uns zu fallen und um Augen und Munde,
Und Eichhörnchen sein und selige Hunde.

Ein Morgen

Schränke starr die Schultern hoben
In den von Migräne kranken Stuben.
Und sein zarter Hin-und-Her-Augenstrahl
Schwärmte: »Laß meinen Mund zucken!« Sanfte Qual
Fuhr zittrig durch seine graue, Ekzemen geneigte Haut.
Blaß
Verschrieb er sich einem ihn entzückend anfassenden Haß.

Die Trennung

Als wir uns trennten, fingst du an zu weinen.
Du süßes Mädchen! Tränen und Geleit ...
Ich schwenkte aus dem Zuge langsam meinen
Strohhut nach dir, die blieb, in rotem Kleid.

Es wird schon dunkel. Dörfer, Wälder, Reise ...
Schmerzlich und klanglos ging die Zeit vorbei.
Liebte ich dich? Du warst mir einerlei.
Beim Kaffeetrinken weinte ich noch leise.

Viel Stunden kann noch unser Leben währen
Mit Krampf, Musike, mancher Einsamkeit.
Meist aber füllen einen die Miseren
Und Späße aus, und so vergeht die Zeit.

Grau ist der Abend in der Eisenbahn.
Ich gehe nach dem Speisewagen, essen.
Ich habe Angst: wir werden uns vergessen,
Erblindet, eh wir je uns wiedersahn.

Zweiter Teil

Das Leid

Wie mich, was fern ist, tausendfach betrügt!
Ich recke mich nach deiner Gegenwart,
Vor meinem Blicke schimmerlich gefügt
Dein Abbild, traumhaft nah und lächelnd harrt.

In Tränen hab ich es schon angestarrt ...
Ich wußte schon, wie weh fast alles lügt ...
Daß einst man einsam in ein Grab mich scharrt,
Ist eine Trauer, die mir nicht genügt.

So schäume ich von »Ewigkeiten« Lieder:
Ein Opium, das mich manchmal überfüllt,
Ich will in Liebe wunderbar gehüllt

Verlangen, schwärmen, reden, außer mir ...
Bis du und ich mich leer verlassen wieder,
Ich sterbe mir, du lächelst dir.

In einer fremden Stadt

Ich bin in eine fremde Stadt verschlagen.
Die Straßen stehn mit Häusern. Weißer Himmel,
Auf dem im Winde dünne Wolken ziehn.

Im Abend: Rufe, Pfiffe, Bahngebimmel.
In einem Café würden Melodien
Mir heute die Begrüßung doch versagen.

Ein Kellner käme fremd, was ich befehle:
Vielleicht wär wieder Angst in meiner Kehle.

Ich gehe matt, zerschlagen hin auf realen Wegen.
Menschen kommen mir abendlich entgegen.

Pfiffe hör ich, Rufe, wie im Traum.
Ich spüre meine alte Angst noch kaum.

Ich werde schlafen gehn, daß mich nichts wieder quäle.
Ich kenne hier ja keine Menschenseele.

Verlassen, müde

1

Ich gehe müd von vorne bis nach hinten
Quer durch den Raum, als tät ich es zum Scherz,
Und gähne viel vom Duft der Hyazinthen
Und meinem Schmerz, und meinem Schmerz.

All die Erregungen der letzten Stunde,
Sie werden morgen schal und nüchtern sein.
Und daß ich einsam gehe vor die Hunde,
Auch dieses Opfer wird vergeblich sein ...

2

Ich nehme sämtliche Bekümmernisse
Mit mir ins Grab hinab, ins Grab hinab,
Und alle unerwidert roten Küsse,
Die ich im Traume der Geliebten gab,

Und alle Tränen, die am Morgen rannen,
Als ich erwachte, über mein Gesicht.
Ich werde mich in fernes Land verbannen
Und nicht mehr hören, wenn sie ruhig spricht ...

3

Dein Lächeln, deine roten Lippenzüge –
Das liegt jetzt weit von mir, wer weiß wie weit!
Dies ist vielleicht jedoch nur eine Lüge ...
Ich nehm sie mit mir mit, in Ewigkeit.

Dort werd ich schlafen bis zum jüngsten Tage.
Erwach ich aber, summt in alter Qual
Durch meinen Kopf die letzte, tiefste Klage,
Und was ich trug – in diesem Erdental.

4

Mein Tod soll sanft um Innigkeiten beten
Bei manchem Menschen, dem ich nahe stand.
Nur sie wird meine Seele nie betreten.
Und ewig höhnt mich ihre schmale Hand.

Nur sie, um die ich starb, wird niemals wollen,
Daß nur mein Tod ihr ein Erlebnis sei,
Damit im Dumpfen unter Erdenschollen
Ich noch verraten und verlassen sei.

Mein Herz

1

Und schmerzhaft denk ich deiner blonden Stimme
Durch Raum und Luft und Straßen lange nach.
Mein Herz hüpft zittrig durch das Leere, Schlimme,
Blöd-Nieerlangbare, das mich so brach,

Ich bin vor Sehnen qualvoll und bewegt ...
Die Lampe steht real auf meinem Tisch.
Was fern von mir ist, das ist trügerisch
Und dauert stumm, bis mich der Tod verschlägt.

2

Verloren schwebe, schlafe ich umher
In einer seidnen, guten Außenwelt.
Ich bin ja still und bin so gar nicht schwer,
Daß nichts mich nur auf kurze Zeit behält.

Ich fühl, wo hinter Häusern, Platz und Stadt
Du, Sonne, dich im Abendglanze senkst,
Daß du, Geliebte, gehst, belebt und glatt ...
Ich fühle sehr, wie du nicht an mich denkst.

Aprilgedicht

Wie auf Gemälden, weiß und ohne Leben
So stehn die Wolken vor mir in dem Blau!
Ich gehe fremd und atme rauh,
Und so und soviel Menschen sind daneben.

Ich werde langsam mich zu sammeln streben ...
Versank mein wild Gedenken dieser Frau?
Ich lieb sie sehr – nichts weiß ich so genau –
Und bin ihr ziemlich hilflos preisgegeben.

Zuckt mein Gemüte durch den Frühlingstag?
Die Bäume sehen schön, ... neuartig aus.
Alleen, fernbesonnt, seh' ich durchs Tor.

Eine Fontäne sprengt mir etwas vor ...
Mein Herz zuckt wehrlos. Komm ich je heraus
Aus dieser Leidenschaft, eh ich erlag?

Mit Hoffnungen …

Mit Hoffnungen, verzweifelten, absurden
Stöhnte ich dir, von Leben ganz betäubt.
Wir sannen immer, was den Gram zerstäubt,
Und lächelten noch, wenn wir kleinlaut wurden.

Wir starben fremd, jeder an quatschen Qualen,
Erinnrungslos, ein Röcheln nur, gequält.
Die Straße lag in ihrem hellen, fahlen
Gelbsüchtigen Dämmer, der die Angst verhehlt.

Café

Mir wird manchmal ganz kinderhaft zu Sinn:
Ich bitte, flehentlich, um deine Augen,
Ich sage höflich Lebenssachen hin
Und werde stumm, um Eiskaffee zu saugen.

Und keiner weiß von euch, wie jung ich bin,
Wie mich noch schmerzt diese Vereinzeltheit,
Dies: jedes Menschen enges Hirngerinn,
Und welche Dimensionen kriegt ein Streit!

Hin stiebt Musik in schnellem Siegerton.
Dem wachen Schmerze jeglicher Monade
Wird hier, so gut es geht, ein Bett bereitet.

Es biegt die Geige in die Zielgerade.
Nach vorn geworfen streckt sie sich, wo schon
Der Pianist das große Finish reitet.

Freundschaft

Ach, wie ist es schön zu gehen
Unter viel Kastanienbäumen,
Die die Wunderkronen blähen,
Wonne duften, Süße träumen.

Ferne fließt der Freundin Grete
Seele, die ich tief erflehte,
Sanft erlöst zu guten Kitschern ...

Vögel zwitschern. Vögel zwitschern.

Verlust

Der Tag ist draußen weiß. Ich hör ihn rauschen.
Ich bin im Zimmer wieder ganz allein.
Die Augen zu. Nur meine Ohren lauschen.
Vorhin schlief ich sogar ein wenig ein ...

Der Tag singt weiter. Worte! weiße! neue!
Tonfälle, Lachen! ... und Bewegungen ...
Erglänzen irgendwo fern ... (Mich zu verlassen!
Geliebte Freundin, die ich einst besungen!)
Und Augen, die ich niemals werde hassen,
Fühlen mich nun nicht mehr. O Durst nach Treue!

Ende ...

Glashaft und stier werde ich fortgetragen
Von Schritten, die im Takt nach vorne fliehn.
Und immer wieder steinern dampft Berlin,
Wo Wagen klingelnd durch den Abend jagen.

Schaufensterhelle. Menschen schwarz wie Rauch
In gelbem Schein, von dem die Straße trieft.
Und alles zieht sich hin, ein fester Brauch.
Verleger kommen, schmatzend und vertieft,

Und Mädchen tun, als sein sie ewig hier,
Und immer läutet fort die Straßenbahn ...
Was will denn diese ganze Qual von mir?
Ich habe keinem Menschen was getan.

Von Bogenlämpchen bläulich-weißer Schimmer.
Dünnkaltes Fieber. Wildnis, die gefriert.
In einem Riesenhalbkreis sitzend immer
Sind Lesbierinnen, groß und marmoriert.

Diese ruhigen Nächte ...

Diese ruhigen Nächte werden nicht wiederkommen,
Wo Laternen heiter geschienen haben,
Und daß unsre Stimmen wie die Stimmen von spielenden
Knaben
Verklangen, entlief und ist jetzt schmerzlich verschwommen
...
Kaum zu glauben.

Was ich mich heute fast auszusprechen scheue,
Ist: daß ich schlief. Nie ist mir bewußt gewesen,
Wie du wie ein Flieder triebest in mein Wesen,
Heut fühl ich meine heißen Blicke lesen
In deiner lichten Haut, du Abendbläue!

In einer Qual, die geil und steinig blüht,
Treib ich umher in verwirbelt staubigem Grau.
Und war doch einst manchen Abend wie Tau
Und Straßenecke, mädchenübersprüht.

Ende des Tags

Der fahle Tag ist stumm
Wie eine Wüste vergangen.
Einst gab es Lügen,
Die klangen
Bunt.
Und man war noch dumm.

Vor meinem Fenster blieb schwer die Luft
Wie Wasser stehn.
Was aus so weiter Ferne ruft,
Kann ich nicht verstehn.

Lichtloser Todesraum,
Notloses Vergehn,
Ich werde keinen einzigen Traum
Je wieder sehn,
Geliebte, dein fremdes Aug
Nie wieder sehn.

Erhebung

Der Nachtwind wehte und ich ward erhoben.
Es duftete von Lindenlaub die Stadt.
Rings wie von Wäldern war die Nacht umwoben.
Die Straßen liefen kühlbeglänzt und glatt.
Die reine Luft nahm meine Starrnis mit,
Die mich zermalmte. Tränen kamen matt.
Ich wuchs zum Engel namenlos und schritt
Wie eine Wolke eilend durch die Stadt.

Entfremdung

Könnte ich soweit genesen,
Daß wir nie uns wieder kränken!
Könnt ich nur an die Zeit denken,
Wo du gut zu mir gewesen!

Wo ich dich begleitet habe ...
Einst ... Die Nacht war schon »türkisen« ...
Spät durch Straßen wie durch Wiesen
Streifte, ein verliebter Knabe ...

Könnt ich doch Erinnrungsklänge
Unverdorben daran wahren,
Wie einst die Caféhaussänge
Jungerblühte Rosen waren!

Vor ein paar Monaten ...

Ich will in mein Zimmer gehn und mich darauf besinnen,
Wie ich vor ein paar Monaten zu dir stand –:
Wir kamen immer freundlich zusammen,
Mein Herz starrte dich an, unverwandt.

Ich liebte dich ganz besinnungslos,
Dumpfwütend, ohne Hoffnung (und so voll stummen Geflehs).
Rauschgoldnes Licht und Stimmengetos
Schwamm schwer in den Cafés ...

Der Unglückliche

Er sieht befremdet in die Angesichter,
Die gleichmutvoll tödliche Worte tropfen.
Sein Auge sucht im gasigen Schlaf der Lichter,
»Warum paßt alles dies nicht zu dem Klopfen

Von meinem Herzen? Bin ich irr und wild?
Vielleicht ein Kind, verliebt, mit Recht verlacht ...«
Und sein Gehirn, durch das die Umwelt schrillt,
Es wandelt blindverzweifelt durch die Nacht.

Seid still! es spielt Klavier! Mit wehem Hasten,
Mit wirren Armen schlägt es auf und ab,
Und in das Kreischen der verzerrten Tasten
Irrt taub der Mund, verschlossen wie ein Grab.

Die nächtgen Straßen, feucht und nebelhaft,
Ermüden ihn, so daß er schließlich weint.
Er sieht sich um, am Ende seiner Kraft:
Häuser bestehen, wachend und versteint.

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