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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hempels bedurften keiner Weckuhr, die erste Straßenbahn, die am Morgen ihren Weg gesaust kam, ließ Betten und Stühle, Tisch und Schrank tanzen und schwingen, wie wenn ein Zauberstab sie berührt hätte.

Die natürlichsten Mittel sind die besten. Frau Hempel erwachte davon ohne jede Vorbereitung. Sie richtete sich auf und sagte: »Der Haushahn hat gekräht.«

Mit einem langen Gähnen nahm sie Abschied von der Nacht und der Ruhe, zündete ein Licht an, schlurfte zum Fenster und öffnete die Läden. Ein grauer Schein fiel in den viereckigen Raum, wo die Betten allen andern Dingen den Platz wegnahmen.

Wenn die zweite Bahn mahnend an den Möbeln rüttelte, stand Frau Hempel schon im roten Unterrock da. Sie schlug ein Tuch um die Schultern, holte das große Schlüsselbund von der Wand und klapperte auf Holzpantinen hinaus.

Die schwere Haustür wurde aufgeschlossen, und einen Augenblick lang blinzelte Frau Hempel auf die Straße hinaus, die grau und leer war. Dann machte sie kehrt, um die Tore des Gartenhauses zu öffnen.

Zwischen den Steinen des schmalen Hofes lagen zwei grüne Rasenflecke, die ein Wasserbecken umkreisten, in dessen Mitte ein angeschwollener Knabe auf einem Bein 10 stand. Er nagte an einem Fisch, aus dem er an heißen Tagen einige Wassertropfen zu blasen hatte.

Kleine Ursachen, große Wirkungen. Diese bescheidenen Gegenstände waren der geheime Grund, aus dem sich der steinerne Kasten hinter dem Vorderbau das Gartenhaus nennen durfte. Hier, vor den Fenstern, verlor Frau Hempel mit lautem Klack einen Holzpantoffel. Ehe sie ihn wieder auf den Fuß schob, blickte sie mit zusammengekniffenen Augen nach dem ersten Stockwerk hinauf, wo Graf von Prillberg wohnte, der gern das Fenster aufriß und »Ruhe« schrie. –

Als Frau Hempel wieder in ihre Wohnung zurückkehrte, war es im Zimmer lebendig geworden. Hempel zog sich die dicken, grauen Socken an, und hinter dem Vorhang aus grüner Wolle hörte man sich Laura plätschernd waschen.

»Beeilt euch,« rief Frau Hempel und verschwand in der Küche. Das war ein kleiner Raum, der immer dunkel war, denn sein vergittertes Fenster versuchte vergeblich nach dem Hof hinauszusehen. Erst als das Feuer auf dem Herd aufloderte, wurde es behaglicher hier. Die Kaffeemühle wurde mit kräftigem Arm geschwungen, und auf die Glut ein großer, brauner Topf gesetzt, der den Vorrat an Kaffee für den ganzen Tag barg und stets in der Nähe des Feuers bleiben mußte. Er durfte niemals kalt und leer werden. Er bedeutete für Frau Hempel dasselbe, was den Vestalinnen die heilige Lampe war. –

11 Draußen trotteten eilende Füße über den Hof, die Treppen hinauf und wieder zurück. Das Haus, im Halbschlaf, wurde mit Milch und Brot versorgt und den neusten Nachrichten aus aller Welt.

Mürrische Dienstbotengesichter erschienen in den Türen und an den Fenstern und blickten ohne Neugierde in den neuen Tag. Man schüttelte den Staub aus von gestern und öffnete die Fenster dem Staub von heute.

Vom Pflaster stieg grollend der neue Eifer der vielen Räder auf, die wieder zur Unermüdlichkeit erwacht waren. Die Straßenbahnen warnten mit pochender Glocke, einzelne Schreie aus Autohupen antworteten. Die Milchwagen klingelten und klapperten zu den schweren Hammerschlägen, mit denen die ersten Lastwagen den Morgen erschütterten. Die Maschine Großstadt begann einen neuen Tag in Atome zu mahlen.

Frau Hempel kehrte mit kräftigem Besenschwung den Flur aus. Jedes Dienstmädchen, das, den Henkelkorb am Arm, an ihr vorüber mußte, begrüßte sie, um ein Weilchen bei ihr stehnzubleiben.

Hinter dem Treppenfenster sah man Hempel neben dem gefälligen Gummiball, der auf einen Druck der Hand hin die schwere Haustür aufpustete, auf dem Schusterhock sitzen und hämmern.

Lächelnd arbeitete er an einem hübschen Lackschuh, denn er war ein Genußmensch und fing den Tag stets mit etwas Nettem und Neuem an. Nicht mit alten 12 und mürben Stiefeln, die schon von tausend ruhelosen Schritten ausgetreten und geplagt waren.

Frau Hempel hatte den Hof und die Straße gefegt und kam mit vielen Neuigkeiten zurück. Bankdirektors gaben eine Gesellschaft. Zum Grafen von Prillberg hatte der Kaufmann die Rechnung gebracht, aber vergeblich. Frau Bombach, die nach zwanzigjähriger Ehe das Kind erwartete, hatte sehr schlecht geschlafen.

Hempel begleitete die Erzählungen seiner Frau mit ruhigen Hammerschlägen. Als sie eine Pause machte, sagte er, daß nichts so wäre, wie es sein müßte und sie besser daran täten, an sich selbst zu denken. Besonders jetzt.

Frau Hempel seufzte, holte das Staubtuch und tappelte sich durch den schwarzen Schlund des Korridors zur Schlafzimmertür, um nach Laura zu sehen.

Sie fand das Zimmer, das nun ein wenig mehr vom Tageslicht abbekam, sauber und nett in Ordnung gestellt. Der Vorhang war beiseite geschoben, und Laura saß auf dem Bettrand und flocht sich vor einem Handspiegel, den sie mit einem Strumpf an die Stuhllehne gebunden hatte, den zweiten ihrer nußbraunen Zöpfe. Sie sah entzückend schlank und feinknochig aus, und Frau Hempel mußte wieder einmal denken, daß sie in schönen Kleidern feiner als eine Prinzessin aussehn würde.

Von dem Augenblicke an, wo Frau Hempel das zierliche Wesen zum erstenmal im Arm gehalten hatte, war 13 es ihr klar gewesen, daß es das Mädchen besser haben sollte als sie. Wäre es ein Junge geworden, hätte er etwas wie Bismarck oder Zeppelin werden müssen. Aber auch ein Mädchen konnte Glück haben. Sie hatte ihr darum einen besonders schönen und klangvollen Namen geben wollen. Liselotte sollte sie heißen oder Bianka-Maria. Aber Hempel hatte gemeint, daß das Namen für Rennpferde wären und nicht für ein anständiges Mädchen. In den ersten Ehejahren wurde sein Wille durchaus anerkannt. So wurde Laura nach ihres Vaters Mutter benannt, die bis in das höchste Alter hinein eine vielgesuchte Kochfrau in den besten Familien gewesen.

Jetzt hatte Laura ihre Frisur beendet. Sie sprang vom Bett herunter und holte sich ihre Stiefelchen. Über die schwarzen Wollstrümpfe, ein Werk der Mutter, zog sie hohe Knopfstiefel, deren feines Leder mit hellrosa Seide gefüttert war. Es waren Stiefel, wie sie nur eine Prinzessin oder eine Schustertochter tragen konnte.

Als Laura das Kleid übergezogen hatte, ging sie zur Tür. Hier drehte sie sich noch einmal um, nickte der Mutter, die schweigend mit dem Staublappen über die Möbel fuhr, lächelnd zu und sagte: »Ich bin neugierig, was werden wird.« Und ehe sie Antwort hätte bekommen können, war sie hinaus.

Hempels lebten nämlich in den Tagen eines großen Entschlusses.

Lauras Zukunft, die seit sechzehn Jahren unbestimmt 14 golden in der Ferne geflimmert hatte, stand plötzlich vor ihnen, und wie alle Dinge, die wir dicht vor Augen haben, ohne jeden besonderen Glanz.

Es war ein Jahr her, seit das Mädchen eingesegnet worden war. In wenigen Tagen sollte sie auch die Wirtschaftsschule verlassen, wo sie auf Fürsprache der Frau Bankdirektor einen Freiplatz erhalten hatte.

Nun mußte ein Beruf für sie gefunden werden. Frau Hempel hätte ihr Mädchen gern im Haus behalten, aber Hempel wollte es nicht dulden.

»Dazu haben wir kein Geld. Wer faulenzen will, muß einige Stockwerke höher zur Welt kommen,« sagte er und zeigte mit dem Schusterpfriemen zur Decke, wo die Melodien der neuesten Operetten herumhüpften, die Bankdirektors junge Tochter den Tasten und Pedalen mit unerschrockener Mühe abtrotzte.

Bei solchen Worten lächelte Frau Hempel. Heimlich und verschwiegen.

Man kennt sich noch nicht, weil man miteinander verwandt ist.

Sie spielte ein ganzes Viertellos in der Klassenlotterie und konnte jeden Tag Millionärin werden. Aber nicht das allem. Im untersten Schub der Kommode, da, wo das dunkle Schlafzimmer am dunkelsten war, lagen auf Lauras Namen drei Sparkassenbücher, in denen es von Ziffern und Nullen wimmelte. Sie wußten, warum Frau Hempel unermüdet freundlich, hilfreich und geduldig gegen alle Hausbewohner war, von 15 denen auch nur der geringste Vorteil zu hoffen war. Wo jemand erkrankte, da sprang Frau Hempel ein, bei jeder Wäsche half sie, bei jeder Festlichkeit, bei jedem Unglück. Sie schleppte Kohlen für die feinen Köchinnen, sie seifte und scheuerte, sie putzte und nähte, flickte und fegte. Niemand verstand wie sie eine solche Fülle von Glück zu Neujahr und andern Festen zu wünschen. Noblesse oblige. Das Trinkgeld mußte sich halbwegs dem Reichtum der guten Wünsche anpassen.

Wenn Frau Hempel beim Ausbessern von Wäsche und Kleidern half, hatte sie eine herzgewinnende Art, die Damen davon zu überzeugen, daß dieses und jenes Stück nicht mehr für sie tauge. Welcher feine Mensch will mit Flicken gehn? Höchstens für sie war so etwas noch gut.

Abends aber bei der Lampe, wenn das Haus geschlossen war und Laura schlief, verstanden die derben Hände aus diesen Lappen von Seidenbatist und Spitzen die zierlichsten Wäschestücke zu fertigen. –

So stand es im geheimen um Laura. Wo aber war der Weg zum Glück?

Wäre man der Familienüberlieferung gefolgt, hätte Laura Dienstmädchen werden müssen. Das war ihre Mutter gewesen und ihre beiden Großmütter, und alle waren zu braven Männern gekommen.

Hempel sagte: »Schuster, bleib bei deinen Leisten.«

Aber seine Lebensgefährtin zuckte die Achseln über solche altmodischen Redensarten. Sie sagte, daß, wer 16 heute oben ist, morgen unten sein kann und ebenso umgekehrt. Sie wollte nicht alle zählen müssen, die nur in die Volksschule gegangen wären und heute auf Millionen säßen, und sie fügte hinzu, daß man noch nicht weniger sei als die anderen, weil man nicht Geld genug habe, um sich dreimal am Tage den Magen verderben zu können.

Darin gab ihr Hempel vollkommen recht.

»Am Ende läuft jeder die Stiefel schief,« sagte er.

Aber auch solche Reden führten nicht zum Ziel.

Schließlich hatte man Laura selbst gefragt, was sie werden wolle. Ohne Zögern antwortete sie, daß sie bei einer feinen Putzmacherin die schönen Hüte austragen möchte, in großen und glänzenden Schachteln.

»Da kann ich immer hübsch angezogen sein,« sagte sie fröhlich, »und wenn ich viel Stiefelchen verlauf', macht mir der Vater neue, so viel ich will.«

»Einen Beruf, der auf der Straße vor sich geht, den duld' ich nicht,« knurrte Hempel, und schlug einen Nagel so gründlich durch die Sohle, daß dem Hauswirt, dem Besitzer des Stiefels, der ganze Nachmittag verdorben wurde.

»Wie kommst du zu solchen Wünschen,« rief Frau Hempel.

Aber nicht jede Frage bekommt ihre Antwort.

Laura sah mit den großen blanken Augen weit über die Eltern hinweg. Ihre Blicke zwängten sich durch das niedrige Fensterviereck auf die Straße, wo man nur 17 Stiefel sehen konnte, die über das Pflaster liefen. Sie dachte an ein Bild, das bei Bankdirektors im Flur hing: im Gewühl der Straße grüßte ein schneidiger Leutnant ein reizendes Putzmachermädchen. –

So gingen die Tage, ohne daß ein Entschluß gefaßt wurde; denn viel Zeit zum Grübeln gab es nicht. Auch jetzt mußte Frau Hempel sich eilen. Man erwartete sie schon bei Bombachs, wo sie beim Umräumen der Wohnung helfen sollte. Aber auch der Köchin von Bankdirektors hatte sie versprochen, die zwanzig Pfund Preiselbeeren auszulesen, die eingemacht werden sollten.

Eilig setzte sie ein Stück Suppenfleisch aufs Feuer, das schon eine Abschlagzahlung der Köchin für die heutige Hilfeleistung war. Neben den Suppentopf rückte die Kaffeekanne, eine frische Schürze schnellte um den runden Leib, und schon klapperte Frau Hempel die Hintertreppe hinauf zum Hauswirt.

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