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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 1
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typefiction
authorAlice Berend
titleFrau Hempels Tochter
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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Erster Teil

Hempels bedurften keiner Weckuhr, die erste Straßenbahn, die am Morgen ihren Weg gesaust kam, ließ Betten und Stühle, Tisch und Schrank tanzen und schwingen, als ob ein Zauberstab sie berührt hätte.

Die natürlichsten Mittel sind die besten. Frau Hempel erwachte davon ohne jede Vorbereitung. Sie richtete sich auf und sagte: »Der Haushahn hat gekräht.«

Mit einem langen Gähnen nahm sie Abschied von der Nacht und der Ruhe, zündete ein Licht an, schlurfte zum Fenster und öffnete die Laden. Ein grauer Schein fiel in den viereckigen Raum, in dem die Betten allen Platz beanspruchten.

Wenn die zweite Bahn mahnend an den Möbeln rüttelte, stand Frau Hempel schon im roten Unterrock da. Sie schlug ein Tuch um die Schultern, holte das große Schlüsselbund von der Wand und klapperte auf Holzpantinen hinaus.

Die schwere Haustür wurde aufgeschlossen, und einen Augenblick lang blinzelte Frau Hempel auf die Straße hinaus, die grau und leer war. Dann machte sie kehrt, um die Tore des Gartenhauses zu öffnen.

Zwischen den Steinen des schmalen Hofes lagen zwei grüne Rasenflecke, die ein Wasserbecken umkreisten, in dessen Mitte ein angeschwollener Knabe auf einem Bein stand. Er nagte an einem Fisch, aus dem er an heißen Tagen einige Wassertropfen zu blasen hatte.

Kleine Ursachen, große Wirkungen. Diese bescheidenen Gegenstände waren der geheime Grund, warum sich der steinerne Kasten hinter dem Vorderbau das Gartenhaus nennen durfte. Hier, vor den Fenstern, verlor Frau Hempel mit lautem Klack einen Holzpantoffel. Ehe sie ihn wieder auf den Fuß schob, blickte sie mit zusammengekniffenen Augen nach dem ersten Stockwerk hinauf, wo Graf von Prillberg wohnte, der gern das Fenster aufriß und »Ruhe« schrie. –

Als Frau Hempel wieder in ihre Wohnung zurückkehrte, war es im Zimmer lebendig geworden. Hempel zog sich die dicken, grauen Socken an, und hinter dem Vorhang aus grüner Wolle hörte man, wie Laura sich plätschernd wusch.

»Beeilt euch«, rief Frau Hempel und verschwand in der Küche. Das war ein kleiner Raum, immer dunkel, denn sein vergittertes Fenster versuchte vergeblich, nach dem Hof hinauszusehen. Erst als das Feuer auf dem Herd aufloderte, wurde es behaglicher hier. Die Kaffeemühle wurde mit kräftigem Arm geschwungen, und auf die Glut ein großer, brauner Topf gesetzt, der den Vorrat an Kaffee für den ganzen Tag barg und stets in der Nähe des Feuers bleiben mußte. Er durfte niemals kalt und leer werden. Er bedeutete für Frau Hempel dasselbe, was den Vestalinnen die heilige Lampe war. –

Draußen trotteten eilende Füße über den Hof, die Treppen hinauf und wieder zurück. Das Haus, im Halbschlaf, wurde mit Milch und Brot und den neuesten Nachrichten aus aller Welt versorgt.

Mürrische Dienstbotengesichter erschienen in den Türen und an den Fenstern und blickten ohne Neugierde in den neuen Tag. Man schüttelte den Staub von gestern aus und öffnete die Fenster dem Staub von heute.

Vom Pflaster stieg grollend der neue Eifer der vielen Räder auf, die wieder zur Unermüdlichkeit erwacht waren. Die Straßenbahnen warnten mit pochender Glocke, einzelne Schreie aus Autohupen antworteten. Die Milchwagen klingelten und klapperten zu dem schweren Geratter, mit denen die ersten Lastwagen den Morgen erschütterten. Die Maschine Großstadt begann einen neuen Tag in Atome zu mahlen.

Frau Hempel kehrte mit kräftigem Besenschwung den Flur aus. Jedes Dienstmädchen, das kam und an ihr vorüber mußte, begrüßte sie, um ein Weilchen bei ihr stehn zu bleiben.

Hinter dem Treppenfenster sah man Hempel auf dem Schusterbock sitzen und hämmern, neben ihm den gefälligen Gummiball, der auf einen Druck der Hand hin die schwere Haustür aufpustete.

Lächelnd arbeitete er an einem hübschen Lackschuh, denn er war ein Genußmensch und fing den Tag stets mit etwas Nettem und Neuem an. Nicht mit alten und mürben Stiefeln, die schon von tausend ruhelosen Schritten ausgetreten und geplagt waren.

Frau Hempel hatte den Hof und die Straße gefegt und kam mit vielen Neuigkeiten zurück. Bankdirektors gaben eine Gesellschaft. Zum Grafen von Prillberg hatte der Kaufmann die Rechnung gebracht, aber vergeblich. Frau Bombach, die nach zwanzigjähriger Ehe das erste Kind erwartete, hatte sehr schlecht geschlafen.

Hempel begleitete die Erzählungen seiner Frau mit ruhigen Hammerschlägen. Als sie eine Pause machte, sagte er, daß nichts so wäre, wie es sein müßte, und sie besser daran täten, an sich selbst zu denken. Besonders im jetzigen Augenblick.

Frau Hempel seufzte, holte das Staubtuch und tappelte durch den schwarzen Schlund des Korridors zur Schlafzimmertür, um nach Laura zu sehen.

Sie fand das Zimmer, das nun ein wenig mehr vom Tageslicht abbekam, sauber und nett in Ordnung. Der Vorhang war beiseite geschoben, und Laura saß auf dem Bettrand und flocht sich vor einem Handspiegel, den sie mit einem Strumpf an die Stuhllehne gebunden hatte, den zweiten ihrer nußbraunen Zöpfe. Sie sah entzückend schlank und feinknochig aus, und Frau Hempel mußte wieder einmal denken, daß sie in schönen Kleidern feiner als eine Prinzessin aussehen würde.

Von dem Augenblicke an, wo Frau Hempel das zierliche Wesen zum erstenmal im Arm gehalten hatte, war es ihr klar gewesen, daß es das Mädchen einmal besser haben sollte als sie. Wäre es ein Junge geworden, hätte er etwas wie Bismarck oder Zeppelin werden müssen. Aber auch ein Mädchen konnte Glück haben. Sie hatte ihr darum, einen besonders schönen und klangvollen Namen geben wollen. Liselotte sollte sie heißen oder Bianka-Maria. Aber Hempel hatte gemeint, daß das Namen für Rennpferde wären und nicht für ein anständiges Mädchen. In den ersten Ehejahren wurde sein Wille durchaus anerkannt. So wurde Laura nach ihres Vaters Mutter benannt, die bis in das höchste Alter hinein eine vielgesuchte Kochfrau in den besten Familien gewesen war. –

Jetzt hatte Laura ihre Frisur beendet. Sie sprang vom Bett herunter und holte sich ihre Stiefelchen. Über die schwarzen Wollstrümpfe, ein Werk der Mutter, zog sie hohe Knopfstiefel, deren feines Leder mit hellrosa Seide gefüttert war. Es waren Stiefel, wie sie nur eine Prinzessin oder eine Schustertochter tragen konnte.

Als Laura das Kleid übergezogen hatte, ging sie zur Tür. Hier drehte sie sich noch einmal um, nickte der Mutter, die schweigend mit dem Staublappen über die Möbel fuhr, lächelnd zu und sagte: »Ich bin neugierig, was werden wird.« Und ehe sie Antwort hätte bekommen können, war sie hinaus.

Hempels lebten nämlich in den Tagen eines großen Entschlusses.

Lauras Zukunft, die seit sechzehn Jahren unbestimmt golden in der Ferne geflimmert hatte, stand plötzlich vor ihnen, und wie alle Dinge, die wir dicht vor Augen haben, ohne jeden besonderen Glanz.

Es war ein Jahr her, seit das Mädchen eingesegnet worden war. In wenigen Tagen sollte sie auch die Wirtschaftsschule verlassen, wo sie auf Fürsprache der Frau Bankdirektor einen Freiplatz erhalten hatte.

Nun mußte ein Beruf für sie gefunden werden. Frau Hempel hätte ihr Mädchen gern im Haus behalten, aber Hempel wollte es nicht dulden.

»Dazu haben wir kein Geld. Wer faulenzen will, muß einige Stockwerke höher zur Welt kommen«, sagte er und zeigte mit dem Schusterpfriemen zur Decke, wo die Melodien der neuesten Operetten herumhüpften, die Bankdirektors junge Tochter den Tasten und Pedalen mit unerschrockener Mühe abtrotzte.

Bei solchen Worten lächelte Frau Hempel. Heimlich und verschwiegen.

Man kennt sich noch nicht, weil man miteinander verwandt ist.

Sie spielte ein ganzes Viertellos in der Klassenlotterie und konnte jeden Tag Millionärin werden; Aber nicht das allein. Im untersten Schub der Kommode, da, wo das dunkle Schlafzimmer am dunkelsten war, lagen auf Lauras Namen drei Sparkassenbücher, in denen es von Ziffern und Nullen wimmelte. Sie wußten, warum Frau Hempel immer freundlich, hilfreich und geduldig gegen alle Hausbewohner war, von denen auch nur der geringste Vorteil zu hoffen war. Wo jemand erkrankte, da sprang Frau Hempel ein, bei jeder Wäsche half sie, bei jeder Festlichkeit, bei jedem Unglück. Sie schleppte Kohlen für die feinen Köchinnen, sie seifte und scheuerte, sie putzte und nähte, flickte und fegte. Niemand verstand wie sie, eine solche Fülle von Glück zu Neujahr und andern Festen zu wünschen. Noblesse oblige. Das Trinkgeld mußte sich halbwegs dem Reichtum der guten Wünsche anpassen.

Wenn Frau Hempel beim Ausbessern von Wäsche und Kleidern half, hatte sie eine herzgewinnende Art, die Damen davon zu überzeugen, daß dieses und jenes Stück nicht mehr für sie tauge. Welcher feine Mensch will mit Flicken gehn? Höchstens für sie war so etwas noch gut.

Abends aber bei der Lampe, wenn das Haus geschlossen war und Laura schlief, verstanden die derben Hände aus diesen Lappen von Seidenbatist und Spitzen die zierlichsten Wäschestücke zu fertigen. –

So stand es im geheimen um Laura. Wo aber war der Weg zum Glück?

Wäre man der Familienüberlieferung gefolgt, hätte Laura Dienstmädchen werden müssen. Das war ihre Mutter gewesen, und ihre beiden Großmütter auch, und alle kamen sie zu braven Männern.

Hempel sagte: »Schuster bleib bei deinen Leisten.«

Aber seine Lebensgefährtin zuckte die Achseln über solche altmodischen Redensarten. Sie sagte: wer heute oben ist, kann morgen unten sein, und ebenso umgekehrt. Sie wollte nicht alle zählen, die nur in die Volksschule gegangen wären und heute auf Millionen säßen, und sie fügte hinzu, daß man noch nicht weniger sei als die anderen, weil, man nicht Geld genug habe, um sich dreimal am Tage den Magen verderben zu können.

Darin gab ihr Hempel vollkommen recht.

»Am Ende läuft jeder die Stiefel schief«, sagte er.

Aber auch solche Reden führten nicht zum Ziel.

Schließlich hatte man Laura selbst gefragt, was sie werden wolle. Ohne Zögern antwortete sie, daß sie bei einer feinen Putzmacherin die schönen Hüte austragen möchte, in großen und glänzenden Schachteln.

»Da kann ich immer hübsch angezogen sein«, sagte sie fröhlich, »und wenn ich viel Stiefelchen verlauf, macht mir der Vater neue, so viel ich will.«

»Einen Beruf, der auf der Straße vor sich geht, den dulde ich nicht«, knurrte Hempel und schlug einen Nagel so gründlich durch die Sohle, daß dem Hauswirt, dem Besitzer des Stiefels, der ganze Nachmittag verdorben wurde.

»Wie kommst du zu solchen Wünschen«, rief Frau Hempel.

Aber nicht jede Frage bekommt ihre Antwort.

Laura sah mit den großen blanken Augen weit über die Eltern hinweg. Ihre Blicke zwängten sich durch das niedrige Fensterviereck auf die Straße, wo man nur Stiefel sehen konnte, die über das Pflaster liefen. Sie dachte an ein Bild, das bei Bankdirektors im Flur hing: im Gewühl der Straße grüßte ein schneidiger Leutnant ein reizendes Putzmachermädchen.

So vergingen die Tage, ohne daß ein Entschluß gefaßt wurde; denn viel Zeit zum Grübeln gab es nicht. Auch jetzt mußte Frau Hempel sich beeilen. Man erwartete sie schon bei Bombachs, wo sie beim Umräumen der Wohnung helfen sollte. Aber auch der Köchin von Bankdirektors hatte sie versprochen, die zwanzig Pfund Preiselbeeren auszulesen, die eingemacht werden sollten.

Eilig setzte sie ein Stück Suppenfleisch aufs Feuer, das schon eine Abschlagzahlung der Köchin für die heutige Hilfeleistung war. Neben den Suppentopf rückte die Kaffeekanne, eine frische Schürze schnellte um den runden Leib, und schon klapperte Frau Hempel die Hintertreppe hinauf zum Hauswirt.

In der Bombachschen Wohnung, wo jetzt für ein Kinderbett Raum geschaffen werden sollte, hatte jedes Stück seinen bestimmten Platz, unverrückbar und genau wie die Dinge der Weltordnung.

Eine feierliche Stille herrschte hier zu allen Stunden. Die Klingeln waren durch Flanellbinden gedämpft, kein Fernsprecher bellte von der Wand. Herr und Frau Bombach liebten nicht zu schwatzen, und keinesfalls mit Leuten, die sie nicht vor Augen hatten.

Als Frau Hempel jetzt klingelte, um mit ihren kräftigen Armen in die feste Ordnung der Wohnung zu greifen, rüstete sich Herr Bombach eilig zum Gehen. Ihn graute vor Gerumpel und Gepolter, diesen fürchterlichen Geräuschen des Unfriedens und Unglücks. Er schärfte dem Dienstmädchen und Frau Hempel ein, daß sie jede halbe Stunde nachfragen sollten, ob die gnädige Frau etwas wünsche; dann eilte er hinaus. Herr Bombach war jetzt sehr nervös.

Als die erste halbe Stunde vorüber war, trabte Frau Hempel den Korridor entlang, klopfte an die Wohnzimmertür und trat auf Zehenspitzen ein.

Die gnädige Frau lag auf dem Sofa und sagte, daß sie nichts wünsche und wohl bald überhaupt nichts mehr brauchen werde auf dieser Erde.

Frau Hempel betrachtete das neue Silbertablett, auf dem eine Tasse Bouillon stand, und dachte: so sollte es Laura einmal haben. Dann sagte sie: »Immer mutig, gnädige Frau«, und ging wieder hinaus.

Als Herrn Bombachs Bett in der Schrankstube stand und die weiße Wiege das Schlafzimmer noch freundlicher machte, kam Herr Bombach zurück und starrte mit entsetzten Augen auf diese rücksichtslose Umwälzung in Räumen, die zwanzig Jahre lang ihre Ordnung bewahrt hatten.

Frau Hempel meinte, daß sich Herr Bombach noch über manches wundern werde; und als der Hausherr auf ihre Frage, ob sie noch mehr umzuräumen habe, nur stumm und entsetzt abwinkte, beeilte sie sich davonzukommen.

Wer unter Menschen geht, erfährt etwas. –

Während Frau Hempels kräftige Hände in den roten Beeren wühlten, erzählte ihr die Köchin, die eine Gans rupfte, von einer Wahrsagerin, die ihr für fünf Mark ein langes Leben mit einer Menge Glück und Segen prophezeit hätte.

Frau Hempel hätte gern noch mehr davon gehört, aber man klopfte an die Küchentür und rief nach der Portiersfrau.

Es war Graf von Prillberg aus dem Gartenhaus.

»Kommen Sie rasch, Frau Hempel, es tropft bei uns«, schrie er und rannte auf seinen grünen Filzschuhen voran.

Frau Hempel folgte ihm langsam.

Die Decke des gräflichen Wohnzimmers war feucht, und dann und wann löste sich ein Tropfen davon.

Frau Hempel zog ihren Adamsapfel so weit in die Höhe, als es ging, und sagte dann ruhig:

»Das muß Wasser sein.«

»Das muß nicht Wasser sein, aber das ist es leider«, schrie der Graf. »Ich zahle doch nicht meine teure Miete, um wie ein Frosch unter Wasser zu sitzen.«

»Teilen Sie das Herrn Bombach mit«, sagte Frau Hempel und ging.

Sie war ärgerlich. Nun mußte sie bis zur Straßenecke laufen und in der Speisewirtschaft mit dem Klempner telefonieren. Eine Mühe, ohne besonderen Lohn.

Als sie an ihrer Wohnung vorbeikam, steckte sie den Kopf zum Fenster hinein und rief, daß beim Grafen ein Rohr geplatzt sei und sie den Klempner bestellen gehe.

Hempel erwiderte, daß alles einmal platzen müsse, und klopfte weiter.

Frau Hempel seufzte hörbar, schlug das Fenster zu und verließ das Haus. –

Die kleine Speisewirtschaft an der Straßenecke gehörte Kempkes, die seit sechzehn Jahren treue Nachbarschaft mit Hempels hielten. Aber seit einiger Zeit zog sich Frau Hempel von diesem Verkehr zurück. Kempkes Ältester hatte schon zweimal für Laura eine Flasche Himbeersaft gebracht, an die eine Rose gebunden war. Der Saft war gut und brauchbar gewesen, aber Fritz Kempke war kein Verehrer für Laura. Alles, was mit Alkohol zu tun hatte, war vom Übel.

Als Frau Hempel den Schenkladen betrat, war zu ihrem Ärger nur dieser junge Mann anwesend, der sie sofort begrüßte und ihr den Weg zum Fernsprecher bahnte, wobei er sich nach Laura erkundigte und Grüße für sie auftrug.

»Ich spreche für Bombachs und nicht für uns«, sagte Frau Hempel ablehnend und ärgerte sich über eine große Krawatte aus roter Seide, die sicherlich Lauras Bewunderung erwecken sollte.

Als Frau Hempel wieder nach Hause kam, war auch Laura zurückgekehrt. Sie hatte schon den Tisch gedeckt, des Vaters Werkstatt ausgefegt und siebte nun die Suppe durch.

Frau Hempel rührte noch eine kräftige Senfsauce an, und bald saßen sie um den Tisch. Die Gabeln und Messer klapperten und die Backen kauten. Essen war eine Beschäftigung, bei der man nicht sprach.

Nur Laura sagte, wobei sie den Kopf zur Seite neigte: »Wenn ich Luftschifferin werden könnte. Da fliegt man über die ganze Welt und kann die vornehmsten Bekanntschaften machen.«

»Das ist mir zu hoch«, antwortete Frau Hempel kurz und bündig.

Hier wurde das Mittagsmahl unterbrochen. Die Klempner waren gekommen und wollten wissen, wo sie arbeiten sollten.

Diese Störung kam Frau Hempel nicht ungelegen. Sie wünschte heute nicht mehr von Lauras Zukunft zu sprechen. Als sie die Senfsauce rührte, war ihr ein Gedanke gekommen. Sie wollte ebenfalls die Wahrsagerin aufsuchen.

Der eine hat das gelernt, der andere jenes. Vielleicht wußte eine solche Frau wirklich ein wenig früher als die andern, was geschehen würde. Wenn man das heraus hätte, müßte es leicht sein, das Rechte zu finden. Jedenfalls konnte man es versuchen.

In der Dämmerstunde, wo alle Dinge ihre Wirklichkeit verlieren, fand Frau Hempel endlich Zeit, ihren Plan auszuführen.

Sie hätte gern ihre Sonntagskleider angezogen. Einer gut gekleideten Dame wird niemand eine ordinäre Zukunft anzubieten wagen. Aber dann hätte Hempel sicherlich gefragt, wo hinaus sie am Werktag mit so feinen Kleidern wolle, und so ging sie im Umschlagtuch, aber aufs sauberste frisiert und gewaschen.

Die weit sehende Frau wohnte in einem Hause, in dem Frau Hempel nicht für tausend Mark im Jahr hätte Portiersfrau sein mögen. Schmutzige Kinder und Obstreste im Flur, und auf den Treppen und überall ein Dunst, als gäbe es draußen keine frische Luft und hier keine Fenster, um sie hereinzulassen.

Mit gerümpfter Nase stieg Frau Hempel die vier steilen Treppen hinauf und klingelte.

Eine Frau, von dem gleichen breiten Format wie sie selbst, öffnete die Tür.

Alles schien sie nicht im voraus zu wissen, denn sie fragte mürrisch, was Frau Hempel von ihr wolle.

Frau Hempel sagte mit kräftiger Stimme, ob hier nicht geweissagt würde, und nun ließ die andere sie rasch herein.

Sie betrat ein niedriges Zimmer, in dem eine Petroleumlampe brannte und wo es stark nach gekochtem Kohl roch.

Frau Hempel dachte, es sei wohl kein Kunststück, der Frau hier wahrzusagen, daß sie zu Mittag Wirsingkohl gegessen hätte. Aber rückwärts zu sehen war einfacher als weit voraus.

Die Frau saß jetzt am Tisch, wo sie ein schwarzes Tuch ausgebreitet hatte. Vor ihr lag ein dickes Buch.

Frau Hempel, die ihr gegenüber Platz nehmen mußte, hielt es zuerst für eine Bibel, aber dann buchstabierte sie heraus, daß es ein altes Adreßbuch war. Als die Frau ihre Blicke bemerkte, drehte sie das Buch um.

Guter Rat ist teuer.

»Legen Sie ein Zwanzigmarkstück auf den Tisch«, sagte die Frau ernst und schwer.

»Fällt mir nicht ein«, wehrte sich Frau Hempel. »Mehr als fünf Mark wende ich nicht an.«

»Aus Gold wird Gold, aus Silber – Silber«, drohte die Wahrsagerin und sah zornig auf das große Silberstück.

Sie wartete eine Weile.

Als ihr Besuch keine Miene machte, das Portemonnaie wieder zu öffnen, steckte sie einen Zeigefinger in das Adreßbuch, legte die andere der abgehärteten Hände, deren Nägel schwarz umrändert waren, vor das aufgeschwemmte Gesicht und murmelte:

»Sie sind sparsam, Sie arbeiten. Geld wird zu Geld kommen. Sie werden Freude haben und Verdruß und wieder Arbeit haben und wieder Freude.«

»Das ist schon alles dagewesen. Das weiß ich selbst«, unterbrach Frau Hempel sie ärgerlich. »Ich will Neues erfahren, und nicht von mir, sondern von meiner Tochter. Ich denke, Sie wissen alles.«

»Für fünf Mark«, sagte die Frau gehässig. »Aber meinetwegen.«

Sie holte ein klebriges Spiel Karten, dessen fettige Blätter sich nur unwillig und schwer voneinander trennten.

Dann murmelte sie, aufs neue:

»Jugend will Liebe. Liebe bringt Glück oder Unglück, oder beides. Geld bringt Ehre. Geld wärmt kein Herz. Ein langes Leben. Drei Männer begrabend. Zwanzig Kinder hinterlassend.«

»Nun ist's aber genug«, rief Frau Hempel, die bis jetzt gespannt und mit Herzklopfen zugehört hatte.

»Hören Sie auf mit Ihrem Hokuspokus. Ich verbitte mir Ihre zwanzig Enkel. Da ist kein wahres Wort daran.«

Sie hatte ihr Umschlagtuch umgenommen und rannte wütend zur Tür.

»Wenn Sie alles besser wissen, hätten Sie nicht herkommen sollen«, sagte die andere höhnisch. Einen gefährlichen Augenblick lang sahen sich die beiden kräftigen Frauen starr in die Augen. Die derben Fäuste waren geballt. Aber dann lösten sich ihre Blicke, und Frau Hempel schlug die Tür hinter sich zu.

Sie eilte durch die abendlichen Straßen, in denen die Leute vorwärtsjagten, als ob sie vor einem Feuer flüchteten. Sie liefen dem Tagewerk davon, das abgetan war. Sie wollten zur Ruhe oder zum Vergnügen kommen.

Frau Hempel nahm im Eckladen ein Stück Wurst und eine Flasche Bier mit und war wieder zu Hause. Ihr war ganz elend zu Mut. Das Weib hatte natürlich gelogen. Wenn es nun aber nicht gelogen hatte? Zwanzig Kinder? Verstohlen betrachtete sie das schlanke Laurachen, das fröhlich lächelte. Was konnte dem Kinde alles bevorstehen?

Es war gut, daß Laura jetzt nicht um die Stelle bei der Putzmacherin schmeichelte. Viel hätte ihr die Mutter heute nicht abschlagen können.

Alles muß vorwärts auf dieser drehbaren Erde. Wenn wir nicht selbst bestimmen, dann werden wir bestimmt.

Noch ehe Laura die Wirtschaftsschule verlassen mußte, hatte sie eine neue Stelle gefunden, an die niemand zuvor gedacht hatte.

Aus Zufall oder auch nicht aus Zufall.

Der Sonntagmorgen hatte in das neue Kinderbett einen kleinen Bombach gelegt. Alles war gut gegangen. Frau Minchen Bombach schlief zufrieden und lächelnd, wie man schläft, wenn man ein großes Werk verrichtet hat. Und der Neuling atmete so ruhig, wie man atmet, wenn man noch nichts vom Leben weiß.

Nur Herr Bombach, der Vater, war noch vollständig fassungslos.

Denn beinahe hätte er sein Minchen umgebracht. Und was wäre dann aus ihm geworden? Er brauchte Minchen zum Leben, er hatte sie nötig, wie man die Sonne braucht und die frischen Morgensemmeln und den guten Kaffee.

Als es Zeit war, den Arzt und sonst jemand zu holen, war er auf die Straße gestürzt, hatte ein Automobil angerufen und war hineingestolpert. Der Chauffeur wollte fragen, wohin die Fahrt gehen solle, aber Herr Bombach, rasend über diese Verzögerung, hatte geschrien:

»Loskurbeln, los, fahren!«

Ein Großstadtfahrer, der Nachtdroschken fährt, wundert sich über nichts.

Er kurbelte an und fuhr los.

In den Straßen des Westens sauste er in wilder Jagd. Im Mittelpunkt der Stadt, wo zwischen den elektrischen Bogenlampen alle die vielen umherschwärmen, die Angst haben, zu Bett zu gehen, verlangsamte sich die Fahrt ein wenig, aber immerhin ging es rascher als je am Tage, denn alle Lastpferde schliefen. Als der Chauffeur beinahe die ganze Stadt durchstöbert hatte, hielt er endlich an, um nach dem Trunkenbold in seinem Wagen zu sehen. Er kletterte vom Bock und öffnete die Wagentür.

»Also wo wollen Sie hin?« sagte er barsch.

Herr Bombach fuhr entsetzt empor.

»Sind wir endlich da?« schrie er.

»Da sind wir und hier sind wir, aber ob wir da sind, wo Sie hinwollen, weiß ich nicht; denn das haben Sie mir noch nicht mitgeteilt«, sagte der Chauffeur. Er grinste; denn er bemerkte jetzt, daß sein Fahrgast Kragen und Krawatte vergessen hatte. Dem haben sie gut mitgespielt, dachte er.

»Hab' ich Ihnen die Adresse nicht gesagt«, schrie Herr Bombach angstvoll. »Zwei Adressen sind es. Allmächtiger Gott, ich weiß sie nicht mehr. Seit Monaten hab' ich nichts anderes im Kopf. Zwei Adressen sind es. Allmächtiger Gott, ich weiß sie nicht mehr.«

»Besinnen Sie sich«,sagte der Chauffeur ungeduldig. »Was wollen Sie mit zwei Adressen? Eine wird auch ausreichen.«

Er wartete einen Augenblick, aber Herr Bombach stöhnte nur.

»Also los, Mensch, wo wohnen Sie? Ich fahre Sie sonst einfach nach der Charité«, rief er jetzt wütend.

»Sie haben mich nicht Mensch zu nennen. Ich bin kein Mensch«, schrie Herr Bombach. »Für Sie bin ich der Herr Hausbesitzer Bombach.« Und er schrie Straße und Hausnummer dem Mann ins Gesicht.

»Na Gott sei Dank«, sagte der Chauffeur besänftigt und stieg gemütlich auf den Bock. Das Automobil ratterte los. –

In der Bombachschen Wohnung waltete Frau Hempel. Sie braute Kamillentee und Zitronenlimonade und sagte mit der Regelmäßigkeit eines Metronoms: »Geduld, gnädige Frau.« Als die Zeit verging, ohne daß Herr Bombach oder die medizinischen Hilfskräfte erschienen, ging sie entschlossen hinunter, weckte Kempkes und telefonierte. Die Adressen waren ihr bekannt. Sie lagen seit Wochen auf dem Schreibtisch, den Nachttischen, auf dem Büfett und im Küchenschrank, um im gegebenen Augenblick greifbar da zu sein.

Als Herr Bombach atemlos die Treppe heraufgestürzt kam, war alles in bester Ordnung.

»Die Verzögerung wird sie töten«, ächzte er und brach in Tränen aus, als er hörte, daß alles gut gehe und Arzt und Frau im Hause waren.

Aber, als ob das Unglück hinter ihm herjagte, klopfte es jetzt draußen derb gegen die Eingangstür.

Frau Hempel öffnete eilig.

Der Chauffeur stand draußen und sagte wütend:

»Wohnt hier der besoffene Kerl, den ich gefahren habe? Ich will mein Geld.«

»Der Herr hier trinkt keinen Alkohol, aber vielleicht ist er Auto gefahren«, meinte Frau Hempel und ließ ihn warten.

Im gleichen Augenblick, als sie Herrn Bombach fragte, ob er Auto gefahren sei, ohne es zu bezahlen, öffnete sich die andere Tür des Zimmers. Der Arzt kam herein und sagte: »Ich gratuliere Ihnen, Herr Bombach. Ein reizender Junge ist da.«

Herr Bombach taumelte von einem zum anderen, drückte alle Hände hintereinander und stolperte dann zum Chauffeur hinaus, der aufs neue gegen die Tür hämmerte.

»Ein Junge ist es, ein reizender Junge«, sagte Herr Bombach schwankend und lachend und gab dem Mann ein Zwanzigmarkstück. Dieser sah auf das Goldstück, lächelte und sagte nachsichtig:

»Na, legen Sie sich nur hin und schlafen Sie sich aus. Das kann schließlich jedem mal passieren.« –

Es war jetzt Zeit, dem Sonntag Haus und Türen zu öffnen, und Frau Hempel verließ die Bombachsche Wohnung, um an die gewohnte Arbeit zu gehen. Etwas müde und abgespannt, aber doch mit kräftigem Schritt.

Herr Bombach rannte durch die Wohnung, holte Tücher und Lappen und umwickelte alle Klingeln doppelt und dreifach, aber auch als das besorgt war, jagte er weiter ruhelos umher, so daß der Herr Bankdirektor aus seinem Morgenschlaf gestört wurde und schlaftrunken murmelte, daß man sich wirklich beim Hauswirt über die Sonntagsstörung beschweren müßte, wenn sie nicht gerade von diesem selbst verübt würde. –

*

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