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Erzählungen aus der alten Welt

Karl Friedrich Becker: Erzählungen aus der alten Welt - Kapitel 1
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Odysseus

Erster Abend.

Telemachos' Entschluß.

Ihr habt längst – begann der Lehrer, nachdem sich der Kreis seiner Zöglinge um ihn gesammelt hatte – von dem berühmten trojanischen Kriege gehört. Ihr wißt, daß es nach einer zehnjährigen Belagerung endlich der vereinigten Macht der Griechen gelungen war die stolze Stadt des Priamos zu erobern. Troja, oder wie Homer sie gern nennt, die heilige Ilios wurde zerstört und verbrannt, und die Fürsten, die nun des Kampfes und der Abenteuer genug hatten, zogen ihre Schiffe ins Meer und segelten mit ihren Gefährten in die Heimat zurück. Mancher erreichte dieselbe glücklich, mancher aber ward von Stürmen auf dem Meere umhergetrieben und irrte lange unter Elend und Gefahren aller Art umher. Agamemnon, der tapferste der übriggebliebenen Helden, erfuhr noch größeres Unglück. Frommen Herzens den Göttern für seine Rückfahrt dankend, erblickte er den väterlichen Palast, eilte freudig in die Arme seiner lang entbehrten Gattin, ohne zu wissen, daß die Treulose sich während seiner zehnjährigen Abwesenheit mit einem andern vermählt hatte. Die Ehebrecherin empfängt ihn mit verstellter Zärtlichkeit und bereitet ihm ein Bad; er entkleidet sich und streckt die müden Glieder mit Wohlbehagen. Da plötzlich, indem er sorglos ruht, überfällt ihn der Räuber seines Eigentums und seiner Gattin mit derselben und tötet ihn mit dem Schwerte.

Nicht so handelte die edle Penelope, des tapfern Odysseus schöne Gemahlin. Auch sie hätte, wenn sie gewollt, sich längst wieder eines Gemahls erfreuen können; denn eine Menge junger Fürsten und Edlen bestürmte sie, da ihr Gatte von Troja nicht zurückgekehrt war, mit Bewerbungen, und jeder wünschte sie zur Ehe zu gewinnen. War sie doch ebenso klug als schön, dazu besaß sie großen Reichtum von Schafen und Rindern und allerlei Vieh, und wer mit ihr vermählt ward, der durfte hoffen an Odysseus' Stelle als der Erste auf der Insel die übrigen kleinen Fürsten derselben zu beherrschen. Das lockte die stolzen Jünglinge gar sehr, und sie drangen auf alle Weise in die schöne Königin, als Witwe in ihres Vaters Haus zurückzukehren, damit dort nach alter Sitte förmlich um sie geworben werden könne. Odysseus, meinten sie, komme doch nimmer zurück; der sei gewiß längst zu den Toten eingegangen.

Aber so leicht verdrängten die Schwätzer das Andenken an den Gemahl nicht aus dem Herzen der Penelope; so leichtsinnig wollte sie nicht ein Bündnis auflösen, das einst das Glück ihrer Jugend gewesen war. Er kehrt dennoch wieder, dachte sie immer; und wenn sie Tag und Nacht in Sehnsucht und Angst verweint hatte, so richtete diese frohe Hoffnung ihre Seele wieder auf. Aber – es verging Jahr um Jahr, und kein Schiff brachte der treuen Königin den geliebten Gatten.

Penelope hielt jeden Wanderer an, der nach Ithaka kam, und forschte bei ihm nach Kunde von den Helden. Die andern, erzählte man, seien längst zurück, Nestor in Pylos, Menelaos in Sparta; vom Odysseus wußte keiner, wo er geblieben, ob er lebe oder tot sei. Neun Jahre harrte so die Vielgetreue in ihren Thränen, und neunzehn Jahre waren bereits vergangen, seit der Gemahl von dannen gezogen war. Er hatte ihr bei der Abreise ein Knäblein hinterlassen, Telemachos geheißen, das nun zum schönen Jünglinge herangewachsen war. Der blieb ihr einziger Trost, aber auch er war viel zu schwach gegen die übermütige Rotte der Werber, die mit jedem Jahre zudringlicher wurde und zuletzt auf ein heilloses Mittel verfiel, die arme Frau mit Gewalt zur Rückkehr in ihres Vaters Haus zu zwingen.

Empörender ist wohl nie die Hilflosigkeit eines verlassenen Weibes mißbraucht worden als von diesen überlästigen Freiern. Sie verbanden sich mit allen Fürstensöhnen aus der Nachbarschaft und beschlossen sämtlich, über hundert an der Zahl, jeden Morgen in Odysseus' Palaste einzusprechen, von Odysseus' Herden und Kornböden zu zehren und von seinem Weine zu zechen, mit einem Worte, so lange von seinem Besitze zu prassen, bis Telemachos durch die Furcht vor gänzlicher Verarmung genötigt sein würde, die standhafte Mutter mit Gewalt aus dem Hause zu stoßen und sie dadurch zu einer zweiten Heirat zu zwingen. Seit dieser schändlichen Verabredung waren die weiten Hallen im Palaste des Odysseus von früh bis in die Nacht mit den ungebetenen Gästen gefüllt, die alle Diener des Königs zu ihrem Willen zwangen, von dem fremden Gute an sich rissen, was ihnen beliebte, und mit rohem Spott und Gelächter den schwachen Besitzer verhöhnten. Der Reichtum der Herden nahm sichtbar ab, die Fülle des Kornes und Weines schwand, und niemand war, der den übermütigen Schwelgern Einhalt gethan hätte. Penelope saß oben in ihrem Gemach am Webstuhl und weinte; Telemachos, so oft er sich unter der anmaßenden Schar sehen ließ, ward verlacht und verspottet.

Ein Gott hatte über Odysseus' Haus solches Weh gesandt. Poseidon, der Beherrscher des Meeres, zürnte dem Helden; denn er war schwer von ihm beleidigt. Daher peitschte er ihn von Süd nach Nord, von Ost nach West auf dem weiten Meere umher, er zertrümmerte seine Schiffe, tötete seine Gefährten und führte ihn durch Strudel und Klippen zu Völkern, deren Sitte und Sprache ihm fremd waren. Jetzt, während seine Habe von frechen Nachbarn verzehrt ward, saß Odysseus weit von der Heimat, gefangen auf einer einsamen Insel, wo eine Göttertochter, Kalypso, herrschte, die ihn nicht entlassen wollte, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber, immer eingedenk des teuren Vaterlandes, der Gattin und des Sohnes, ging täglich hinaus ans Gestade, setzte sich wehmütig nieder bei der Brandung, und wünschte nichts sehnlicher, als nur einmal noch den Rauch von seinem Hause aus der Ferne aufsteigen zu sehen, um dann beruhigt zu sterben.

Das rührte die Götter im hohen Olymp und vor allen seine Schützerin, Athene. Einst als sie alle im weiten Göttersaale versammelt saßen und der feindselig gesinnte Poseidon gerade abwesend war, um bei den fernwohnenden Äthiopen ein reiches Opfermahl einzunehmen, benutzte Athene die Gelegenheit dem Vater Zeus das traurige Schicksal des Odysseus und der Penelope recht beweglich vorzustellen. Der König der Götter fühlte Mitleid und willigte gern in seiner Tochter Bitten. Sie selbst wollte verkleidet zum Telemachos gehen und ihm Mut in die Seele hauchen, und Hermes – so wünschte sie – sollte nach der Insel Ogygia eilen und der Kalypso den Befehl der Götter überbringen, daß sie den Gefangenen alsbald entlasse und ihrer Leidenschaft entsage.

Froh der erhaltenen Erlaubnis, schickte sie sich sogleich zur Reise an. Schöne goldene Sohlen band sie unter die Füße, nahm die mächtige Lanze in die Hand, schwang sich mit Windesschnelle zur Insel Ithaka hinab und stand plötzlich in der Gestalt des Taphier-Königs Mentes an dem hohen Palaste des Odysseus. Hier sah sie mit Erstaunen das wilde Gewühl der Freier, wie sie zechten und schmausten, spielten und lärmten, und wie die Diener alle beschäftigt waren Fleisch zu zerlegen, die Tische abzuwaschen, Wein einzuschenken und nach alter Sitte in mächtigen Krügen mit Wasser zu mischen. Unter ihnen saß der jetzt zwanzigjährige Telemachos bekümmerten Herzens, ohne teil an ihrem Jubel zu nehmen. Kaum sah er den fremden Mann an der Thür, so ging er ihm schnell entgegen, reichte ihm die Hand, nahm ihm die Lanze ab und begrüßte ihn freundlich. Hierauf führte er den unbekannten Gast in die Wohnung, doch nicht unter die Schmausenden, damit ihm das Mahl nicht verleidet würde durch das wüste, schwelgerische Getümmel. Der Fremde mußte sich auf einen erhabenen Sessel setzen; ein Fußschemel unterstützte die Füße. Telemachos nahm neben ihm Platz, und auf seinen Wink brachte sogleich eine Dienerin eine schöne goldene Kanne auf einem silbernen Waschbecken, besprengte beiden die Hände, daß sie sich wüschen, und stellte ein geglättetes Tischchen vor sie hin. Die Schaffnerin legte Brot darauf und Fleisch, während ein rascher Diener Wein einschenkte.

Aber erst, nachdem der Fremde mit Speise und Trank sich geletzt hatte, fragte ihn Telemachos nach seinem Namen und nach dem Zwecke seiner Reise. »Ich bin Mentes«, sagte, die Göttin, »des Anchialos Sohn, und beherrsche die Taphier. So eben bin ich mit einem Schiffe hierher gekommen, welches samt meinen Leuten draußen in einer Bucht vor Anker liegt. Ich habe eine Reise nach Temesa vor, wo ich Kupfer gegen blinkendes Eisen eintauschen will. Odysseus und ich sind alte Freunde, darum habe ich bei dir einsprechen wollen, um zu sehen, wie es hier gehe.«

Telemachos klagte darauf in einer langen Erzählung dem Gastfreunde sein Leid. Die Göttin hörte aufmerksam alles an, als erfahre sie es eben jetzt erst, dann nahm sie kräftig das Wort und flößte dem armen Jünglinge Mut ins Herz. Sie riet ihm einen männlichen Entschluß zu fassen, in öffentlicher Versammlung den trotzigen Freiern dreist das Haus zu verbieten, und vor allen Dingen sich aufzumachen nach Pylos und Sparta, wo die wackern Helden Nestor und Menelaos wohnten, welche des Odysseus Gefährten auf dem Zuge gegen Troja gewesen waren. Von ihnen solle er Nachricht einziehen, wo sie seinen Vater verlassen hätten, und fragen, wo er sich jetzt aufhalten möge. »Denn tot ist er nicht«, fügte Mentes hinzu, »das sagt mir eine göttliche Ahnung. Nur durch Stürme weit verschlagen und durch grausame Menschen aufgehalten, wartet er sehnend der Heimkehr, und gewiß wirst du ihn wiedersehen, wofern du meinem Rate folgst.«

Der Jüngling fühlte sich von Hochachtung gegen den verständigen Mann erfüllt, und als einen alten Freund seines Vaters gewann er ihn schnell lieb. Er wollte ihm nach gastfreundlicher Sitte ein Geschenk zum Abschiede reichen, aber Mentes schützte seine notgedrungene Eilfertigkeit vor. Ungebadet sogar müsse er weggehen, bei der Rückfahrt jedoch werde er sich wieder einstellen und dann das Gastgeschenk mitnehmen. Er verschwand darauf plötzlich, wie auf Flügeln eines Vogels, und jetzt erst ahnte Telemachos, daß er mit einem Gotte gesprochen habe. Alles, was der Fremde gesagt hatte, überdachte er noch einmal, und sein Entschluß stand fest die göttlichen Ratschläge genau zu befolgen. Sofort nahm er gegen die Freier einen strengeren Ton an, und sie, die ihn noch nie hatten so männlich reden hören, verwunderten sich über seinen Mut und sahen ihn mit großen Augen an, Antinoos aber und Eurymachos, die übermütigsten unter allen, spotteten seines Eifers und erregten bald ein allgemeines Gelächter gegen ihn. Dann feierten sie den Abend mit Tanz und Gesang, und erst als die Nacht heran kam, zerstreuten sie sich wie gewöhnlich in ihre Wohnungen.

Auch Telemachos ging, während seine alte, treue Pflegerin Eurykleia ihm die Fackel vorantrug, in sein Schlafgemach, zog das weiche, wallende Gewand aus und warf es in die Hände der Alten, die es säuberlich zusammenlegte und an dem hölzernen Pflocke zur Seite des Bettes aufhängte. Darauf streckte er sich auf sein Lager und hüllte sich in eine weiche, wollene Decke. Die treue Alte aber ging hinaus und verriegelte die Thür.

Sobald der Morgen dämmerte, sprang er sofort vom Lager auf, legte seine Kleider an, band die schönen Sohlen unter die Füße und hängte das Schwert um die Schulter. So geschmückt trat er hervor aus seiner Schlafkammer und sandte Herolde aus, um schnell das Volk zur Versammlung zu berufen. Als die Menge schon in dichten Reihen sich drängte, begab er sich unter sie, in der Hand die eherne Lanze, begleitet von zwei schnellfüßigen Hunden. Nachdem nun der greise Ägyptios, dessen Sohn an der Seite des edeln Odysseus mit gegen Troja gezogen war, die Versammlung eröffnet hatte, trat Telemachos in die Mitte des Volkes, ließ sich das Zepter von dem Herolde reichen und sprach:

»Ich habe euch berufen, ihr Ithaker, nicht, weil ich etwas zu eurem Besten vorzutragen hätte, auch nicht, um euch eine Botschaft zu melden, die das gemeinsame Wohl anginge. Nein, mich treibt meines eigenen Hauses doppelte Not. Mein Vater, wißt ihr, weilt ferne; vielleicht ist er auf ewig für mich verloren. Und ich, der Sohn, muß es nun leiden, daß sich täglich in meinem Hause ein Schwarm wilder Gäste einfindet, die da vorgeben um meine Mutter zu freien, während sie voll arger Tücke alle meine Habe verzehren und den Königssohn am Ende zum Bettler machen. Ich Armer bin nicht stark genug, und mir fehlt ein Mann, wie Odysseus war, um diese Plage abzuwenden. Darum bitte ich euch, erkennet doch selber das Unrecht und nehmt es zu Herzen. Schämet euch vor den Nachbarn und zittert vor der Rache der Götter. Hat euch etwa mein edler Vater jemals vorsätzlich beleidigt? Und bin ich nicht schon unglücklich genug dadurch, daß ich ihn verloren habe? O überlaßt mich meinem Kummer, und vermehrt ihn nicht durch euren Frevel!«

Thränen des Schmerzes und des Zornes überwältigten ihn bei diesen Worten, und er warf das Zepter zur Erde. Da ergriff Erbarmen und Mitleid die ganze Versammlung. Alle waren verstummt; nur der trotzigste der Freier, Antinoos, nahm keck das Wort und erwiderte:

»Unverschämter Knabe, was sprichst du so lästernd? Du möchtest uns wohl gern zum Abscheu vor den Leuten machen? Aber wer ist denn schuld an dem Unfug, als einzig du selber? Warum schickst du die Mutter nicht fort? Und sie – was geht sie nicht freiwillig? Hat sie uns nicht mit unerhörtem Trug geäfft und hingehalten mehr als drei Jahre? Sprach sie nicht damals: Jünglinge, wartet mit der Hochzeit, bis ich das Leichengewand fertig gewebt habe für meinen alten Schwiegervater Laërtes, damit nicht die Frauen mich tadeln, wenn einst der alte Mann unbekleidet hinaus getragen wurde, der im Leben so viele Güter besessen? Und was that die Arglistige? Sie webte Tag für Tag, aber das Gewand wurde nimmermehr fertig, bis wir durch eines der Weiber erfuhren, daß sie immer während der Nacht die Arbeit des Tages wieder auftrenne. Da zwangen wir sie das Gewebe zu vollenden, und nun, da es fertig ist, bestehen wir darauf, daß sie Wort halte. Du aber sollst ihr augenblicklich gebieten in ihres Vaters Haus zurückzukehren und zum Manne zu nehmen, wer ihr gefällt oder wen der Vater für sie bestimmt. Thust du dies, dann soll dich keiner von uns mehr drücken; wir aber weichen nicht, ehe sie sich aus unserer Mitte einen Bräutigam erwählt hat.«

Mit gerechtem Unwillen verwarf der edle Telemachos die Zumutung seine eigene Mutter aus dem Hause zu verstoßen. Er beschwor die Freier nochmals, seiner Habe zu schonen, und drohte ihnen mit der vergeltenden Rache der Götter. Aber sie verhöhnten ihn und die zwei ehrwürdigen Greise, welche für den Gekränkten ihre Stimme zu erheben wagten. Endlich trug er darauf an, daß ihm wenigstens ein Schiff ausgerüstet würde, auf dem er nach Pylos oder Sparta reisen könne, um Kunde von seinem Vater einzuziehen. Höre er innerhalb eines Jahres nichts von demselben, dann wolle er's zugeben, daß sich die Mutter wieder vermähle, mit wem sie wolle.

Dieser Vorschlag wurde mit Spott abgewiesen. Die Versammlung des Volkes ging auseinander; die Freier begaben sich zu neuem Gelage in das Haus des Odysseus. Traurig wandelte Telemachos am Meeresgestade hin, netzte seine Hände in der dunkeln Flut und flehte sie emporstreckend zu der Göttin, die ihm gestern erschienen war. Und siehe, als er noch einsam da steht, da kommt Mentor, ein alter Freund seines Vaters, auf ihn zu. Auch er war in der Versammlung gewesen und hatte entrüstet die Schmähreden der Freier gehört, ja er hatte selbst versucht für Telemachos zu sprechen, aber das Hohngeschrei der Übermütigen hatte ihn kaum zu Worte kommen lassen. Jetzt erschien er, wie Telemachos glaubte, um ihm zur Ausführung seines Vorhabens behilflich zu sein. Aber es war nicht Mentor, es war Athene, die nur Mentors Gestalt und Stimme angenommen hatte. Sie erhöhte seinen Mut, drang in ihn, nicht länger die Reise aufzuschieben, und erbot sich sogar für ein Schiff und für Gefährten zu sorgen. Er ging sogleich nach Hause, teilte seinen Plan nur der alten Pflegerin Eurykleia mit, und befahl ihr zu besorgen, was zur Reisekost not sei, Wein in irdenen Krügen, Mehl in Schläuchen u.s.w. Die gutherzige Alte weinte bitterlich, als sie den kaum herangereiften Jüngling bereit sah eine so gefährliche Reise in die weite Welt zu wagen; sie bat ihn tausendmal daheim zu bleiben und des Vaters Ankunft zu Hause abzuwarten. Er aber war fest entschlossen. Die Alte mußte ihm versprechen seine Reise geheim zu halten und selbst der Mutter Penelope nicht eher etwas davon zu sagen, als bis diese ihn vermissen würde. Athene, in Mentors Gestalt, war unterdessen geschäftig gewesen ein Schiff und Ruderer zu dingen, so daß am Abend alles bereit war. Als nun die Freier sich entfernt hatten und das ganze Haus im Schlafe lag, da holte Mentor den Telemachos heimlich ab; die ihn begleitenden Jünglinge trugen die Zehrung, packten alles ins Schiff, richteten den Mast empor und banden ihn fest mit Seilen. Die Gefährten stiegen ein. Schweigende Nacht umgab sie; aber die Sterne erhellten freundlich das Dunkel, und bald glitt das Schiff, von günstigem Winde getrieben, durch die Flut dahin.

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