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Ein gefährlicher Ausflug

Arthur Conan Doyle: Ein gefährlicher Ausflug - Kapitel 1
Quellenangabe
authorArthur Conan Doyle
titleEin gefährlicher Ausflug
publisherVerlag von J. Engelhorn
yearo.J.
translatorF. Mangold
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel

Warum die Zeitungen niemals etwas über das Schicksal des Nildampfers »Korosko« gebracht haben, wird wohl vielen Leuten rätselhaft vorkommen, denn in unsern Tagen, wo die Presse ihre feinen Fühlfäden bis in die entlegensten Gegenden ausstreckt und der leisesten Anregung folgt, muß es fast unglaublich erscheinen, daß ein Vorfall von solcher Bedeutung erst nach so langer Zeit zur allgemeinen Kenntnis gelangt, aber der Leser muß sich mit der Erklärung begnügen, daß triftige Gründe, teils persönlicher, teils politischer Art, diese Zurückhaltung notwendig machten ... Damals, als sie sich zutrugen, wurden diese Ereignisse allerdings einer großen Zahl von Leuten bekannt, und es erschien sogar eine Art Bericht darüber in einem Provinzialblatte, der jedoch keinen Glauben fand; jetzt liegen sie indessen in Form einer Erzählung vor. Als Quellen konnten dabei benutzt werden: eine beschworene und als richtig anerkannte Darstellung des Obersten Cochrane Cochrane vom Army and Navy Club und die Briefe der zu Boston in Massachusetts lebenden Miß Adams. Diese werden durch die Aussagen bestätigt und vervollständigt, die der Kapitän Archer vom ägyptischen Kamelcorps vor dem geheimen Untersuchungsgericht der Regierung zu Kairo gemacht hat. Mr. Stephens hat zwar abgelehnt, seine Auffassung der Angelegenheit aufzuzeichnen, aber da ihm die Aushängebogen der Erzählung vorgelegen haben und er weder Abänderungen noch Streichungen vorgenommen hat, so darf wohl vorausgesetzt werden, daß ihm keine Irrtümer von Bedeutung darin aufgefallen sind, und daß, wenn ihm die Veröffentlichung vielleicht auch nicht ganz willkommen war, dieses Widerstreben seinen Grund nur in persönlichen und privaten Bedenken gehabt haben kann.

Der »Korosko«, ein Sternraddampfer mit rundem Boden und rundem Buge, dreißig Zoll Tiefgang und Umrissen, die an ein Bügeleisen erinnerten, trat seine Reise von Shellal am Anfang des ersten Katarakts nach Wady Halfa am 13. Februar 1895 an. Mir liegt ein Verzeichnis der Reisenden, die an dieser Fahrt teilnahmen, vor, das ich hier zum Abdruck bringe:

Sternraddampfer »Korosko« (13. Februar).

Reisende:

Oberst Cochrane Cochrane London.
Mr. Cecil Brown London.
John H. Headingly Boston U.S.A.
Miß Adams Boston U.S.A.
Miß S. Adams Worcester, Mass. U.S.A.
Monsieur Fardet Paris.
Mr. und Mrs. Belmont Dublin.
James Stephens Manchester.
Rev. John Stuart Birmingham.
Mrs. Schlesinger
mit Kindermädchen und Kind
Florenz.

Das war die Gesellschaft, die mit der Absicht von Shellal aufbrach, die zweihundert Meilen des Nubischen Nils zu bereisen, die zwischen dem ersten und dem zweiten Katarakt liegen.

Nubien ist ein eigenartiges Land. Von einer Breite, die zwischen ein paar Meilen und ebenso vielen Schritten schwankt (denn der Name wird nur auf den schmalen, der Bebauung fähigen Teil angewandt), erstreckt es sich in einem dünnen, grünen, mit Palmen eingefaßten Streifen auf beiden Seiten des kaffeebraunen Flusses. Dahinter liegt auf dem libyschen Ufer eine wilde, unbegrenzte Wüste, die sich über die ganze Breite von Afrika ausdehnt. Die ebenso trostlose Wildnis am andern Ufer wird nur durch das Rote Meer begrenzt. Zwischen diesen beiden gewaltigen kahlen Flächen windet sich Nubien wie ein grüner Wurm am Flusse entlang. Hier und da verschwindet es sogar vollständig, und dann fließt der Nil zwischen schwarzen, von der Sonne ausgedörrten, zerrissenen Hügeln, in deren Thälern der orangefarbige Triebsand wie Gletscher auf den Abhängen liegt. Ueberall stößt man auf Spuren verschwundener Menschengeschlechter und einer untergegangenen Zivilisation. Gräber von seltsamer Form bedecken die Bergabfälle oder zeichnen sich vom Himmel ab! Pyramidengräber, Hügelgräber, Felsengräber – überall Gräber. Dann und wann, wenn das Boot eine felsige Landspitze umfährt, erblickt man hoch oben eine verlassene Stadt, Häuser, Mauern mit Zinnen, und die Sonne scheint durch die leeren Fensterhöhlen. Von manchen dieser Städte hört man, sie seien römischen oder ägyptischen Ursprungs, während von andern jede Kunde über ihren Namen und ihre Entstehung fehlt. Erstaunt fragt man sich, wie die Menschen dazu gekommen sein mögen, sich in einer so unwirtlichen Einöde anzusiedeln, und nur schwer kann man sich entschließen, die Erklärung anzunehmen, daß diese Niederlassungen lediglich als Wachtposten für das reichere Land weiter stromabwärts von Wert gewesen seien, und daß man in diesen vielen Städten weiter nichts als ebenso viele Festungen sehen müsse, die dazu bestimmt waren, die weiter südlich wohnenden wilden und raubgierigen Völkerschaften abzuhalten. Was aber auch immer die Erklärung sein mag, ob ein gefährlicher Nachbar oder ein klimatischer Vorzug, die düstern, schweigenden Städte stehen da, und auf den Bergabhängen findet man die Gräber ihrer Bewohner, Gräber, die aussehen, wie die Stückpforten eines Kriegsschiffes. Durch dieses unheimliche und tote Land wandern die Vergnügungsreisenden und rauchen, schwatzen und liebeln, während sie sich der ägyptischen Grenze nähern.

Die Fahrgäste des »Korosko« bildeten eine sehr muntere Gesellschaft, denn die meisten von ihnen hatten schon die Reise von Kairo nach Assuan zusammen gemacht, und selbst angelsächsisches Eis taut auf dem Nil rasch. Das Glück war ihnen insofern günstig gewesen, als sich nicht eine einzige unleidliche Persönlichkeit unter ihnen befand, denn eine solche kann auf einem so kleinen Boote das Vergnügen der ganzen Gesellschaft verderben. In einem Fahrzeug, das wenig mehr ist, als eine große Dampfbarkasse, ist die ganze Gesellschaft der Gnade eines langweiligen, widerwärtigen oder verdrießlichen, übellaunigen Menschen preisgegeben, aber der »Korosko« hatte keinen solchen an Bord.

Oberst Cochrane Cochrane war einer von den Offizieren, die die englische Regierung nach einem sich auf Durchschnittsberechnungen stützenden großartigen System in einem gewissen Alter für dienstunfähig erklärt, und dann beweisen diese Herren die Richtigkeit des Systems dadurch, daß sie ihre zur Neige gehenden Jahre zu Forschungsreisen in Marokko oder Löwenjagden im Somaliland verwenden. Cochrane war ein dunkler, strammer Herr mit höflich-ehrerbietigem Benehmen, aber einem festen, fragenden Blick, sehr sauber in seiner Kleidung und genau in seinen Gewohnheiten, ein Gentleman bis in die Spitzen seiner wohlgepflegten Finger. In seiner angelsächsischen Scheu vor Ueberschwenglichkeit hatte er sich ein verschlossenes Wesen angeeignet, das, wenn man ihn kennen lernte, zuerst abstoßend wirkte, aber denen, die ihm nähertraten, schien es, als ob er sich einige Mühe gäbe, sein gütiges Herz und die echt menschlichen Regungen zu unterdrücken, die ihn bei seinem Handeln leiteten. Aber es war doch mehr Achtung, als Zuneigung, was er seinen Reisegefährten einflößte, denn sie, wie alle, die ihm je begegnet waren, fühlten, daß er einer von den Männern sei, bei denen Bekanntschaft nicht leicht zur Freundschaft reift, deren Freundschaft jedoch, wenn man sie einmal errungen hat, zu einem unveränderlichen und untrennbaren Teile ihrer selbst wird. Sein militärischer Schnurrbart war grau, aber sein Haar war für einen Mann seiner Jahre noch auffallend schwarz. Auf die zahlreichen Feldzüge, worin er sich ausgezeichnet hatte, spielte er im Gespräche nie an, und der Grund für diese Zurückhaltung war, wie man annahm, darin zu suchen, daß sie in die ersten Regierungsjahre der Königin Viktoria fielen, so daß er seinen kriegerischen Ruhm auf dem Altare seiner ewigen Jugendlichkeit opferte.

Mr. Cecil Brown, um die Reihenfolge beizubehalten, worin die Reisenden in dem oben mitgeteilten Verzeichnis aufgeführt sind, war ein junger zu einer Gesandtschaft auf dem Kontinent gehöriger Diplomat, ein Mann, dem die Universität Oxford ihren unverkennbaren Stempel aufgedrückt hatte und dessen am meisten in die Augen springender Fehler eine übertriebene und übermenschliche Feinheit war, aber dabei war er voll von interessantem Unterhaltungsstoff und geistvollen Gedanken. Sein Gesicht mit dem etwas schwermütigen Ausdruck war recht hübsch, und er hatte einen kleinen mittels Wachs zu zwei feinen Spitzen ausgedrehten Schnurrbart, eine leise, weiche Stimme, und wenn sein Benehmen zunächst auch wohl den Eindruck der Teilnahmlosigkeit machte, so wurde dieser durch die liebenswürdige Gewohnheit bedeutend abgeschwächt, daß er häufig, wenn ihn irgend etwas angenehm berührte, plötzlich in ein wohlklingendes Lachen ausbrach, wobei ein freundliches Licht seine Züge erhellte. Allein eine Weltverachtung, die indes mehr angenommen, als wirklich war, unterdrückte beständig seine natürliche Regung der Teilnahme an seiner Umgebung und ließ sie nicht zum Durchbruch kommen, auch übersah er oft, was am Tage lag, während er für Dinge, die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen alltäglich oder krankhaft vorkamen, ein lebhaftes Interesse an den Tag legte. Zum Lesen auf der Reise hatte er sich einige Werke von Walter Pater mitgenommen, und den ganzen Tag saß er mit einem von diesen Romanen oder seinem Skizzenbuche unter dem Sonnensegel. Seine persönliche Würde verbot ihm, den andern entgegenzukommen; wenn sie ihn aber anredeten, fanden sie einen ganz höflichen, liebenswürdigen Gesellschafter in ihm.

Die Amerikaner bildeten eine Gruppe für sich. John H. Headingly war ein Neu-Engländer, der auf der Universität Harvard studiert hatte und nun seine Bildung durch eine Reise um die Welt zum Abschluß bringen wollte. Man konnte in ihm die beste Verkörperung von Jungamerika sehen, denn er war ein Mann von rascher Auffassung und scharfer Beobachtungsgabe, begierig nach Erweiterung seiner Kenntnisse, ziemlich frei von Vorurteilen, mit einer guten Grundlage ernster, aber von jeder sektiererischen Engherzigkeit freien Frömmigkeit, die ihm gegen alle plötzlichen Windstöße der Jugend einen festen Halt gab. War bei dem jungen Diplomaten der Oxforder Schule die Bildung mehr Schein als Wirklichkeit, so war bei unserm Amerikaner das Gegenteil der Fall, denn sein Wissenstrieb ging tiefer, wenn das Maß seiner wirklichen Kenntnisse vielleicht auch geringer war.

Miß Adams und Miß Sadie Adams waren Tante und Nichte, jene eine kleine thatkräftige alte Jungfer aus Boston mit harten, strengen und düstern Zügen, hinter denen jedoch ein großer Vorrat von unverbrauchter Liebe verborgen lag. Noch nie war sie von Hause fortgewesen, und jetzt beschäftigte sie sich mit der Lösung der selbstgestellten Aufgabe, den alten Orient auf die Höhe der Kultur von Massachusetts emporzuheben. Kaum war sie in Aegypten gelandet, als es ihr auch klar wurde, daß das Land reformiert werden müsse, und seit diese Ueberzeugung in ihr aufgestiegen war, hatte sie alle Hände voll zu thun. Die von den Sätteln wund gedrückten Esel, die halb verhungerten, herrenlosen Hunde, die Fliegen, die die Augen der Säuglinge umgaben, die nackten Kinder, die aufdringlichen Bettler, die zerlumpten schmutzigen Weiber: sie alle waren ebensoviele Mahnungen an ihr Gewissen, und sie stürzte sich wacker in die Arbeit, diese Zustände zu verbessern. Da sie jedoch kein Wort der Landessprache verstand und nicht fähig war, den Missethätern begreiflich zu machen, was sie eigentlich wollte, ließ ihre Reise nilaufwärts den alten Orient so ziemlich in demselben Zustande, worin sie ihn gefunden hatte, aber sie bereitete ihren Reisegefährten viel harmloses Ergötzen. Niemand machten ihre Bemühungen mehr Vergnügen, als ihrer Nichte Sadie, die mit Mrs. Belmont die Auszeichnung teilte, die beliebteste Person an Bord zu sein. Da sie noch sehr jung war – sie kam frisch vom Smith-College – hatte sie noch viele der Tugenden, sowie auch der Fehler eines Kindes: freimütige Offenheit, treuherzige Zutraulichkeit, unschuldige Geradheit und übermütige Laune, aber auch ein etwas vorlautes Wesen und Mangel an Ehrerbietung. Allein selbst ihre Fehler waren für die andern eine Quelle der Belustigung, und wenn sie sich auch manche der charakteristischen Eigenschaften eines klugen Kindes bewahrt hatte, so war sie bei alledem ein großes und schönes Weib, das infolge des tiefen Schwunges ihrer Haare über den Ohren und der Fülle der Büste und des Rockes älter aussah, als es seinen Jahren nach war. Das Rascheln dieses Rockes und die helle, durchdringende Stimme, das angenehme, ansteckende Lachen waren willkommene Laute an Bord des »Korosko«. Selbst der steife Oberst ließ sich zur Freundlichkeit erweichen, und der Oxforder Diplomat vergaß, unnatürlich zu sein, wenn sich Miß Sadie Adams zu ihnen gesellte.

Die übrigen Reisenden können mit wenigen Worten geschildert werden. Manche waren anziehend, manche weder dies, noch das Gegenteil, aber alle waren liebenswürdig. Monsieur Fardet war ein gutmütiger, aber etwas rechthaberischer Franzose, der in Hinsicht auf die tief angelegten Pläne Englands und auf die Unrechtmäßigkeit seiner Besetzung von Aegypten sehr entschiedene Ansichten hatte. Mr. Belmont war ein schon leicht ergrauter kräftiger Irländer, der wegen seiner erstaunlichen Schießsicherheit auf weite Entfernungen berühmt war und beinahe alle Preise eingeheimst hatte, die in Wimbledon oder Bisley zu erringen waren. Mit ihm reiste seine Frau, eine reizende, feine Dame, die voll der liebenswürdigen Schelmerei ihres Heimatlandes steckte. Mrs. Schlesinger war eine Witwe mittleren Alters, ruhig und sanft, deren Gedanken von ihrem sechsjährigen Kinde vollkommen in Anspruch genommen wurden, wie das die Gedanken einer Mutter nicht wohl anders sein konnten, wenn sie in einem Boot reist, das statt einer festen Brüstung nur ein schwaches Geländer hat. Der hochwürdige John Stuart war ein Geistlicher aus Birmingham, entweder Kongregationalist oder Presbyterianer, ein Mann von gewaltigem Körperumfang, langsam und schlaff in allen seinen Bewegungen, aber mit einem beträchtlichen Vorrat gesunden, trocknen Humors gesegnet, der ihn, wie ich gehört habe, zu einem sehr beliebten Prediger und einem erfolgreichen Redner in radikalen Versammlungen machte.

Endlich muß noch Mr. James Stephens, ein Rechtsanwalt und das jüngste Mitglied der Firma Hickson, Ward & Stephens zu Manchester, erwähnt werden, der diese Reise machte, um sich von den Wirkungen eines Influenzaanfalls zu erholen. Stephens war ein Mann, der sich im Laufe von dreißig Jahren vom Bureaudiener und Laufburschen der Firma bis zu deren eigentlichem Leiter emporgearbeitet hatte. Während des größten Teiles dieser langen Zeit war er vollkommen in seiner trocknen Berufsarbeit aufgegangen und hatte nur für den einen Gedanken gelebt, der Firma ihre alten Kunden zu erhalten und ihr neue zu gewinnen, bis sein Gemüt und seine Seele ebenso steif, trocken und förmlich geworden waren, als die Gesetze, die er auslegte. Seine feine und empfindsame Natur war in Gefahr, so windschief zu werden, als es die eines sehr beschäftigten Mannes in der City nur werden kann. Seine Arbeit war ihm zur eingewurzelten Gewohnheit geworden, und da er unverheiratet war, gab es kein Interesse in seinem Leben, das ihn hätte davon abziehen können, so daß seine Seele allmählich eingemauert worden war, wie eine Nonne im Mittelalter. Endlich aber kam diese gütige Krankheit, die Natur warf James Stephens aus dem Gleis und schickte ihn in die weite Welt hinaus, weit fort von seinem Schranke voll schweinslederner Schmöker und dem unruhigen Manchester. Anfangs war er sehr ärgerlich darüber. Im Vergleiche zu seiner eignen gewohnheitsmäßigen kleinlichen Thätigkeit erschien ihm alles unbedeutend, allein nach und nach gingen ihm die Augen auf, und es begann eine Ahnung in ihm aufzudämmern, daß seine Arbeit das Unbedeutende sei, wenn man sie mit dieser wunderbaren, abwechslungsreichen, unerklärlichen Welt verglich, wovon er so wenig wußte. Ein unklares Gefühl sagte ihm, daß diese Unterbrechung seiner Thätigkeit wichtiger für sein Leben werden könne, als diese selbst. Alle möglichen neuen Interessen bemächtigten sich seiner, und der Rechtsanwalt mittleren Alters erlebte eine neue Auflage der Jugend, die er unter seinen Büchern vergeudet hatte. Allerdings war sein Charakter schon zu fest geformt, als daß er etwas andres hätte werden können, als der trockne und steife Mann mit dem trocknen und steifen Wesen und der etwas gezierten Sprechweise, aber er las, dachte und beobachtete, wobei er einzelne Stellen in seinem Bädeker unterstrich oder Randbemerkungen darin machte, wie er es früher in »Prideaux' Kommentaren« gethan hatte. In Kairo hatte er sich der Gesellschaft angeschlossen und sich besonders mit Miß Adams und ihrer Nichte befreundet. Die junge Amerikanerin mit ihrer Plauderhaftigkeit, ihrer Dreistigkeit und ihrem beständigen Mutwillen belustigte und interessierte ihn, während sie eine Mischung von Achtung vor seinen Kenntnissen und Mitleid über seine Beschränktheit fühlte. So wurden sie ganz gute Freunde, und die Leute lachten, wenn sie sahen, wie sich sein bewölktes und ihr sonniges Gesicht über dasselbe Reisehandbuch beugten.

Keuchend und plätschernd, daß das weiße Wasser hinter ihm aufspritzte, legte der »Korosko« seinen Weg stromaufwärts zurück und machte mit seinen fünf Knoten mehr Lärm, als ein transatlantischer Dampfer, der einen neuen »Record« schaffen will. Unter dem dicken Sonnensegel saß die kleine Familie der Passagiere auf dem Verdeck, und alle paar Stunden verminderte er seine Fahrt und glitt ans Ufer, um den Fahrgästen Gelegenheit zu geben, wieder einen von den unzähligen Tempeln zu besuchen. Je weiter sie sich von Kairo entfernten, um so moderner wurden jedoch die Trümmer, und Reisende, die sich in Gizeh und Sakara an der Betrachtung der ältesten Bauwerke, die von Menschenhänden stammen, gesättigt hatten, fühlten kein Interesse mehr für Tempel, die kaum älter sind, als die christliche Zeitrechnung. Trümmer, die man in jedem andern Lande mit Ehrfurcht und Bewunderung betrachten würde, finden in Aegypten kaum Beachtung. Mit mattem Interesse besahen die Reisenden die halb griechische Kunst der nubischen Basreliefs, sie erstiegen den Hügel von Korosko, um die Sonne über der wilden östlichen Wüste aufgehen zu sehen, sie wurden durch das große Heiligtum von Abou-Simbel zur Bewunderung hingerissen, wo ein altes Volk einen Berg ausgehöhlt hat, als ob er ein Käse wäre, und langten schließlich am Abend des vierten Tages infolge eines kleinen Mißgeschicks, das die Maschine betroffen hatte, einige Stunden später als fahrplanmäßig in Wady Halfa, der letzten Garnisonstadt an der ägyptischen Grenze, an. Der folgende Morgen sollte einem Ausfluge nach dem berühmten Felsen von Abousir gewidmet werden, von wo aus man eine großartige Aussicht nach dem zweiten Katarakt hat. Als die Reisenden um halb neun Uhr nach dem Diner auf Deck saßen, erschien der Dragoman Mansoor, ein Mensch, der halb der koptischen, halb der syrischen Rasse angehörte, um der allabendlichen Gewohnheit gemäß die Pläne für den folgenden Tag zu besprechen.

»Meine Damen und meine Herren,« begann er, sich kühn in den raschen Strom seines gebrochenen Englisch stürzend und seine Rede abhaspelnd, als ob er sie aus einem Reisehandbuch auswendig gelernt habe, »wenn morgen das Gong geschlagen wird, dürfen Sie nicht vergessen, daß wir den Ausflug bis zwölf Uhr beendet haben müssen. Nachdem wir den Ort erreicht haben werden, wo uns die Esel erwarten, wird uns der fünf Meilen lange Weg durch die Wüste am Tempel des Ammon-ra vorbeiführen, der unter der achtzehnten Dynastie entstanden ist. Sodann kommen wir zu dem berühmten Kanzelfelsen von Abousir, der seinen Namen daher hat, daß er einer Kanzel gleicht. Dort haben Sie die äußersten Grenzen der Zivilisation erreicht, und wenn Sie ein klein wenig weiter gehen, gelangen Sie ins Land der Derwische. Von der Spitze des Felsens übersieht man die Wüste bis zum zweiten Katarakt mit ihrer wilden natürlichen und abwechslungsreichen Schönheit. Dort haben alle berühmten Leute ihre Namen eingegraben, und Sie werden auch die Ihrigen eingraben.« Mansoor wartete gespannt auf ein Kichern, und als es eintrat, machte er eine Verbeugung. »Sodann werden Sie nach Wady Halfa zurückkehren und zwei Stunden dort bleiben, um das Kamelcorps zu besichtigen, einschließlich des Fütterns der Tiere, und hierauf, ehe Sie zurückkehren, auch noch den Bazar, und bis dahin wünsche ich Ihnen eine geruhsame Nacht.«

Einen Augenblick schimmerten seine weißen Zähne im Lampenlicht, und als er dann die Kajütentreppe hinabstieg, verschwanden nacheinander seine langen dunkeln Röcke, dann sein englischer kurzer Ueberrock und endlich sein roter Tarbusch. Das leise Summen der Unterhaltung, die durch sein Kommen unterbrochen worden war, begann von neuem.

»Ich verlasse mich darauf, Mr. Stephens, daß Sie mir vollständige Auskunft über Abousir geben,« sagte Miß Sadie Adams, »denn ich weiß gern an Ort und Stelle, was ich sehe, und nicht erst einige Stunden später in meiner Koje. Ueber Abou-Simbel und die Wandgemälde bin ich mir jetzt noch nicht ganz klar, obgleich ich sie schon gestern bewundert habe.«

»Die Hoffnung, alles zu verstehen, habe ich längst aufgegeben,« meinte ihre Tante. »Wenn ich erst wohlbehalten wieder in Commonwealth Avenue bin, wo es keinen Dragoman gibt, der mich umher schubst, habe ich Zeit, alles nachzulesen, und dann werde ich mich wohl auch für die Sache begeistern und wünschen, gleich wieder hierherzureisen, aber es ist wirklich zu freundlich von Ihnen, Mr. Stephens, daß Sie sich so viel Mühe geben, uns alles zu erklären.«

»Ich dachte mir, daß Ihnen genaue Auskunft über alles erwünscht sein würde, und deshalb habe ich einen kurzen Auszug gemacht,« antwortete Stephens, indem er Miß Sadie einen Zettel überreichte, den sie im Lichte der Decklampe las, worauf sie in ihr herzliches Lachen ausbrach.

»›In Sachen Abousir‹,« las sie. »Nun sagen Sie mir einmal, was meinen Sie denn eigentlich mit Ihrem ›In Sachen‹, Mr. Stephens? Auf dem letzten Blatt, das Sie mir gegeben haben, stand oben: ›In Sachen Ramses II.‹«

»Das habe ich mir so angewöhnt, Miß Sadie,« entgegnete Stephens, »denn das ist bei uns Advokaten so üblich, wenn wir uns ein Memo machen.«

»Was machen, Mr. Stephens?«

»Ein Memo – ein Memorandum, wissen Sie, wenn wir uns etwas aufschreiben, was wir nicht vergessen wollen, dann fangen wir mit ›In Sachen Soundso‹ an, damit man gleich sieht, auf welche Angelegenheit sich die Notiz bezieht.«

»Das ist vielleicht ein ganz gutes, abgekürztes Verfahren,« erwiderte Miß Sadie, »aber es kommt einem doch etwas komisch vor, wenn es auf eine Sehenswürdigkeit oder auf einen toten ägyptischen König angewandt wird. ›In Sachen Cheops‹ – finden Sie das nicht gelungen?«

»Nein, das kann ich doch nicht sagen,« antwortete Stephens.

»Ich möchte wohl wissen, ob es wahr ist, daß die Engländer weniger Humor haben, als die Amerikaner, oder ob es nur eine andre Art von Humor ist,« fuhr das junge Mädchen fort. Sie hatte eine ruhige Art zu sprechen, beinahe als ob sie ihre Umgebung vergesse und nur laut denke. »Ich habe mir immer eingebildet, sie hätten weniger, und doch darf man nicht aus den Augen verlieren, daß Dickens, Thackeray und Barrie und so viele andre Humoristen, die wir am meisten bewundern, Engländer sind. Außerdem habe ich in meinem ganzen Leben nicht so herzlich lachen hören, als einmal in einem Londoner Theater. Hinter uns saß ein Herr, und jedesmal, wenn er lachte, drehte sich Tante um, um zu sehen, ob eine Thür geöffnet worden sei; einen solchen Wind machte er. Aber Sie haben wirklich zu gelungene Ausdrücke, Mr. Stephens.«

»Was finden Sie denn sonst noch gelungen, Miß Sadie?«

»Na, zum Beispiel, als Sie mir die Eintrittskarte für den Tempel und den kleinen Plan schickten, fingen Sie Ihren Brief an: ›Anliegend finden Sie ...‹ und unten am Fuße der Seite stand in Klammern: ›(2 Anl.)‹.«

»Das bedeutet: zwei Anlagen, und ist in Geschäftssachen so üblich.«

»Ja, in Geschäftssachen,« sagte Sadie etwas gedehnt, und dann trat ein Schweigen ein.

»Eins wünschte ich mir,« begann Miß Adams wieder mit der harten, metallischen Stimme, worunter sie die Weichheit ihres Herzens verbarg, »und das wäre, daß ich einmal mit der gesetzgebenden Versammlung dieses Landes sprechen und ihr einige trockene Wahrheiten und Thatsachen vorlegen könnte. Ein Gesetz, das die zwangsweise Anwendung eines Augenwassers anordnete, wäre eine der ersten Maßregeln, die ich vorschlüge, und die zweite wäre die Abschaffung dieser Yashmackschleier, die aus einem Weibe einen Ballen Baumwollstoff machen, woraus ein Paar Augen hervorsehen.«

»Mir war es immer ein Rätsel, warum sie diese Dinger tragen,« sagte Miß Sadie, »bis ich eines Tages 'mal eine mit zurückgeschlagenem Schleier sah – da wußte ich es.«

»Diese Weiber bringen mich rein zur Verzweiflung,« rief Miß Adams ärgerlich. »Man könnte ebensogut versuchen, einer Reihe von Holzklötzen Pflichttreue, Anstand und Reinlichkeit zu predigen. Erst gestern in Abou-Simbel, Mr. Stephens, kam ich an einem von ihren Häusern vorbei – wenn man einen solchen Lehmhaufen ein Haus nennen kann – wo ich zwei Kinder an der Thür sah, deren Augen, wie gewöhnlich, von einer förmlichen Kruste von Fliegen umgeben waren und die große Löcher in ihren armseligen blauen Kitteln hatten. Ich stieg also von meinem Esel, schlug den Aermel auf, wusch ihnen die Gesichter mit meinem Taschentuch und flickte die Löcher – denn wenn man hierzulande ausgeht, ist es ebenso notwendig, Nähzeug mitzunehmen, als einen weißen Sonnenschirm, Mr. Stephens. Dann fing die Geschichte an, mir Spaß zu machen, und ich trat in die Stube – lieber Himmel, was für eine Stube! – schickte die Leute hinaus und machte mich an die Arbeit, als ob ich eine bezahlte Scheuerfrau wäre. Von dem Tempel von Abou-Simbel habe ich ebensowenig gesehen, als wenn ich Boston nie verlassen hätte, aber, du meine Güte, dafür habe ich Staub und Schmutz gesehen, daß man es nicht für möglich halten sollte, so viel in einer Hütte anzusammeln, die nicht größer ist, als ein Newporter Badekarren. Von dem Augenblick an, wo ich meine Röcke aufsteckte, bis ich mit einem Gesicht wieder herauskam, das eine Farbe hatte wie der Schornstein dort, war nicht mehr als eine Stunde oder höchstens anderthalb vergangen, aber ich hatte das Haus so sauber und frisch gemacht, wie eine neue Tannenholzkiste. Zufällig hatte ich eine Nummer des ›New York Herald‹ bei mir, und den benutzte ich, das Bört der Leute mit Papier zu belegen. Na also gut, Mr. Stephens, als ich mir die Hände draußen gewaschen hatte und noch einmal an der Thür vorbeikam, saßen die Kinder auf der Schwelle, hatten die Augen wieder voll Fliegen und sahen aus, wie immer, nur daß jedes einen Papierhut aus dem Kopfe hatte, der aus dem ›New York Herald‹ gemacht war. – Aber Sadie, es ist fast Zehn, und für morgen steht uns ein früher Aufbruch bevor.«

»O, dieser purpurne Himmel mit den großen silbernen Sternen ist zu prachtvoll!« entgegnete Sadie. »Sieh nur einmal die schweigende Wüste an und die schwarzen Schatten der Berge. Großartig, aber auch furchtbar, und wenn man bedenkt, daß wir thatsächlich, wie der Dragoman vorhin sagte, an der äußersten Grenze der Zivilisation angelangt sind, und daß da unten, wo das südliche Kreuz so hübsch blinkt, nichts als Wildheit und Blutvergießen herrschen – dann hat man wirklich ein Gefühl, als ob man am schönen Rande eines thätigen Vulkanes stehe.«

»Still, Sadie! Sprich doch nicht so, Kind,« antwortete die ältere Dame ängstlich; »es wird einem ja ganz gruselig, wenn man dich hört.«

»Fühlst du denn das nicht selbst, Tantchen? Sieh dir doch einmal die große Wüste an, die sich da vor uns ausbreitet, bis sie sich im Dunkel verliert, und lausche dem traurigen Flüstern des Windes, der darüber hinstreicht! Es ist das Feierlichste, das ich jemals im Leben gesehen habe.«

»Na, das freut mich, daß wir endlich etwas gefunden haben, was dich feierlich stimmt, Liebchen,« antwortete ihre Tante. »Ich habe schon oft gefürchtet ... du meine Güte, was ist denn das?«

»Das ist nur ein Schakal, Miß Adams,« erklärte Stephens. »Ich habe neulich einen gehört, als ich hinausging, um die Sphinx im Mondschein zu sehen.«

Aber die ältere Amerikanerin hatte sich erhoben, und ihr Gesicht zeigte, daß ihre Nerven erregt waren.

»Wenn ich es noch einmal zu thun hätte, würde ich nicht weiter als Assuan gehen,« sagte sie. »Ich begreife gar nicht, wie ich dazu gekommen bin, dich so weit hier herauf zu schleppen, Sadie. Deine Mutter wird mich für rein verrückt halten, und ich würde niemals den Mut haben, ihr wieder ins Gesicht zu sehen, wenn uns irgend etwas zustieße. Alles, was ich vom Nil sehen wollte, habe ich gesehen, und ich wünsche mir jetzt weiter nichts, als daß wir wieder in Kairo wären.«

»Aber Tantchen!« rief das junge Mädchen. »Ein solcher Kleinmut sieht dir ja gar nicht ähnlich.«

»Ja, ich weiß nicht, wie es kommt, Sadie, aber ich fühle mich etwas abgespannt, und als vorhin das Vieh da zu heulen anfing, gab es mir den Rest. Einen Trost habe ich jedoch: nach unserm Plan treten wir morgen die Rückreise an, wenn wir diesen Felsen oder Tempel oder was es sonst ist, gesehen haben. Tempel und Felsen habe ich vollkommen satt, Mr. Stephens, und es machte mir ganz und gar nichts aus, wenn ich in meinem ganzen Leben keinen mehr zu sehen bekäme. Nun komm, Sadie. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, gute Nacht, Miß Adams!« ertönte es von allen Seiten, während die beiden Damen in ihre Kajüte hinabgingen. –

Monsieur Fardet plauderte halblaut mit Headingly, wobei er sich zutraulich vorbeugte.

»Derwische, Mr. Headingly?« sagte er in ausgezeichnetem Englisch, aber die Silben etwas trennend, wie das französische Art ist. »Es gibt keine Derwische; sie sind einfach nicht vorhanden.«

»Was? Ich dachte, die Wälder steckten voll von ihnen,« entgegnete der Amerikaner.

Monsieur Fardet blickte hinüber nach der Stelle, wo Oberst Cochranes Cigarre glühend durch die Dunkelheit schien.

»Sie sind Amerikaner und schwärmen nicht für die Engländer,« flüsterte er. »In Europa nimmt man wenigstens allgemein an, daß die Amerikaner Gegner der Engländer seien.«

»Nun,« entgegnete Headingly in seiner langsamen, bedächtigen Weise, »ich will nicht gerade behaupten, daß es nicht dann und wann einmal eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen uns gäbe und daß in Amerika viele – meistens Leute irischer Abstammung – immer wütend auf England sind, allein die Mehrzahl von uns hängt doch noch am Mutterlande. Sehen Sie, oft sind sie ja unleidliche Menschen, aber sie sind nun doch einmal unsre Blutsverwandten, und das verwischt sich nicht so leicht.«

» Eh bien!« antwortete der Franzose. »Das, was ich den andern nicht sagen könnte, ohne sie zu verletzen, darf ich Ihnen gegenüber offen aussprechen, und ich wiederhole Ihnen, es gibt keine Derwische. Lord Cromer hat sie im Jahre 1885 erfunden.«

»Was Sie sagen!« rief Headingly erstaunt.

»In Paris ist das ganz bekannt und ist auch schon in › La Patrie‹ und andern unsrer so gut unterrichteten Zeitungen ausgesprochen worden.«

»Aber das ist ja ganz ungeheuerlich,« sagte Headingly. »Wollen Sie etwa behaupten, Monsieur Fardet, die Belagerung von Khartum, der Tod Gordons und was drum und dran hängt sei nichts als blauer Dunst gewesen?«

»Daß eine Empörung stattgefunden hat, will ich nicht leugnen, aber sie war rein örtlicher Natur, wissen Sie, und ist jetzt längst vergessen. Seitdem hat tiefer Friede im Sudan geherrscht.«

»Aber ich habe doch von Streifzügen gehört, Monsieur Fardet, und ich habe auch von Schlachten gelesen, die sich entspannen, wenn die Araber in Aegypten einzufallen versuchten. Erst vor zwei Tagen sind wir an Toski vorbeigekommen, wo, wie der Dragoman erzählte, ein Gefecht stattgefunden hat. Ist das auch blauer Dunst?«

»Bah, mein Freund, Sie kennen die Engländer nicht. Sie beurteilen sie nach dem äußeren Anschein, und wenn Sie sie mit ihren Pfeifen und ihren zufriedenen Gesichtern erblicken, dann sagen Sie: ›Das sind ganz gute, einfache Leute, die kein Wässerchen trüben!‹ Aber dabei grübeln sie fortwährend, beobachten und machen ihre Pläne. ›Hier ist das schwache Aegypten,‹ sagen sie. › Allons!‹ Und dann fallen sie darüber her, wie eine Möwe über einen Brocken. ›Ihr habt kein Recht hier,‹ sagt die Welt, ›heraus mit euch!‹ Aber inzwischen hat England schon begonnen, alles sauber zu machen, gerade wie die gute Miß Adams, wenn sie sich ins Haus eines Arabers drängt. ›Heraus mit euch!‹ sagt die Welt wieder. ›Gewiß‹ antwortet England, ›gewiß, wartet nur noch ein ganz klein wenig, bis wir alles hübsch und nett gemacht haben.‹ Gut also, die Welt wartet ein Jahr oder noch ein bißchen länger, und dann sagt sie wieder: ›Heraus mit euch!‹ ›Nur noch ein ganz klein wenig,‹ entgegnet England, ›in Khartum sind Unruhen ausgebrochen, und sowie ich die beigelegt habe, wird es mich sehr freuen, wenn ich Aegypten verlassen kann.‹ Also wird wieder gewartet, und wenn die Unruhen vorbei sind, heißt es abermals: ›Heraus!‹ ›Wie kann ich jetzt weggehen,‹ erwidert England, ›wo noch immer Einfälle gemacht und Schlachten geschlagen werden? Wenn ich Aegypten verließe, würde es überwältigt werden.‹ ›Aber es gibt ja gar keine Einfälle,‹ behauptet die Welt. ›O, meint ihr?‹ antwortet England, und dann dauert es keine Woche, so sind die Zeitungen voll von einem neuen Einfall der Derwische. Aber wir sind doch nicht alle mit Blindheit geschlagen, Mr. Headingly, wir wissen sehr wohl, wie so etwas gemacht wird. Ein paar Beduinen, ein kleines Bakschisch, einige Platzpatronen und – siehe da, ein Einfall!«

»So, so,« entgegnete der Amerikaner, »das freut mich doch, daß ich endlich einmal höre, was eigentlich dahinter steckt, denn ich habe mich schon oft darüber gewundert. Aber was gewinnt denn England dabei?«

»Was es dabei gewinnt, Monsieur? Es kriegt das Land.«

»Aha, Sie meinen zum Beispiel, daß englische Waren Vorzugszölle erhalten?«

»Nein, Monsieur, der Zolltarif ist für alle gleich.«

»Hm, dann erhalten die Engländer wohl die Ausführung der öffentlichen Arbeiten?«

»Ja, da steckt's, Monsieur.«

»Zum Beispiel die Eisenbahn, die jetzt durchs Land gebaut wird, die, die am Flusse entlang führt, das wäre wohl so eine vorteilhafte Arbeit für die Engländer?«

Wenn seine Einbildungskraft auch zuweilen mit ihm durchging, so war Monsieur Fardet doch ein wahrheitsliebender Mann. »Nein, die wird von einer französischen Gesellschaft gebaut,« antwortete er.

»Dann scheinen die Engländer doch nicht viel für ihre Mühe zu bekommen,« meinte der Amerikaner, augenscheinlich verblüfft, »aber natürlich muß irgendwo ein Nutzen herausspringen. Zum Beispiel bezahlt wohl Aegypten alle die Rotröcke in Kairo?«

»Aegypten, Monsieur? Nein, die unterhält England.«

»Na, die Engländer werden wohl selbst am besten wissen, was sie thun, aber es will mir doch scheinen, als ob sie sich viele Kosten machten und wenig dafür erhielten. Wenn es ihnen Spaß macht, Ordnung zu halten, die Grenzen zu schützen und dabei beständig Krieg gegen die Derwische zu führen, so sehe ich nicht ein, was das andre Leute angeht. Niemand wird wohl in Abrede ziehen, daß das Land bedeutend in die Höhe gekommen ist, seit sie sich seiner annehmen. Das beweisen schon die Erträge der Steuern, und jetzt sollen die armen Leute, wie ich höre, auch ihr Recht erhalten, was früher nicht der Fall gewesen sei.«

»Aber was haben sie denn überhaupt hier zu suchen?« rief der Franzose ärgerlich. »Sie sollen nach ihrer Insel zurückkehren: wir können doch nicht dulden, daß sie sich über die ganze Welt ausbreiten?«

»Allerdings kommt es den Amerikanern, die sich mit ihrem eigenen Lande begnügen, sonderbar vor, wie ihr europäischen Nationen immer in ein andres Land überfließt, das nicht für euch bestimmt ist. Natürlich haben wir gut reden, denn wir haben in unserm Lande noch mehr als genug Platz für unsre Bevölkerung. Wenn wir erst beginnen, uns einander den Raum streitig zu machen, werden wir wohl auch ans Annektieren denken müssen; aber nehmen Sie einmal, wie die Dinge jetzt hier in Nordafrika liegen: da ist Italien in Abessinien, England in Aegypten und Frankreich in Algier ...«

»Frankreich?« rief Monsieur Fardet. »Algier gehört zu Frankreich. – Sie lachen, Monsieur? Ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünschen.«

Bei diesen Worten erhob er sich und schritt stolz aufgerichtet, jeder Zoll ein in seiner Vaterlandsliebe verletzter Franzose, nach seiner Kabine.

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