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Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse

Julie de Lespinasse: Die Liebesbriefe der Julie de Lespinasse - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
authorJulie de Lespinasse
titleDie Liebesbriefe der Julie de Lespinasse
publisherLehmannsche Verlagsbuchhandlung
printrun1. bis 5. Tausend
year1920
translatorArthur Schurig
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060904
projectidefb38b95
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Julie de Lespinasse

Wenn Du niemals unglücklich warst ob jener Schwäche der starken Seelen, so wird Dich das vorliegende Buch verstimmen, denn es muß Dich ahnen lassen, daß es ein großes Glück gibt, das Du nicht kennst: das Glück der Julie de Lespinasse!
Friedrich von Stendhal, Von der Liebe

Auf der Heimfahrt von einem Ausfluge nach dem Lac de Bourget, im Sommer 1811, unternommen von Madame de Staël mit einigen ihrer Freunde, war schließlich die Unterhaltung eingeschlafen. Da brachte die geistreiche Herrin von Coppet das Gespräch auf ein im Jahre zuvor bekannt gewordenes Buch, und alsbald gerieten die sämtlichen Insassen der Reisekutsche in den allerlebhaftesten Gedankenaustausch. Ein jeder brannte darauf, zum Worte zu kommen, und auch das überschwenglichste Lob fand keine Abweisung. Inzwischen hatte sich ein schwerer Sturm erhoben. Unter Donner und Blitz schlug der Hagel gegen die Scheiben. Niemand beachtete das Unwetter; man war an ganz andere Dinge verloren.

Dieser von Sainte-Beuve geschilderte Vorfall gibt ein anschauliches Beispiel, welchen unerhörten Eindruck, über Frankreichs Grenzen hinaus, die gegen Ende des Jahres 1809 erstmalig gedruckten Briefe einer seltsamen Frau erregten, deren Andenken zwei Jahrzehnte vordem mit der erbarmungslosen Vernichtung der Kultur des ancien régime ausgelöscht zu sein schien. Wer hatte vor kurzem noch eine Ahnung gehabt von der Mademoiselle de Lespinasse, vom Salon der Madame du Deffand, vom General Hippolyte Guibert? Zweihundert vergilbte Briefe hatten urplötzlich die Kraft, den Ruhm und Reiz einer jäh verschütteten Zeit aus den Gräbern zurückzurufen; und ein ebenso reiches wie armes Frauenherz begann durch nichts als durch das Echo ihres Liebesbekenntnisses die Nachwelt auf immerdar zu rühren.

 

Man muß die den Selbstgenuß vergötternde Lebensanschauung der herrschenden Gesellschaft des achtzehnten Jahrhunderts kennen, am besten durch die heute uns so reichlich zu Gebote stehenden Denkwürdigkeiten und Briefwechsel jener Tage, um die dunklen Umstände voll zu begreifen, die um Wiege und Kindheit der Frauengestalt ihr Wesen treiben, die unter dem Namen Julie de Lespinasse in der Reihe der Unsterblichen wandelt.

Am 9. November 1732, unter der berüchtigten Regierung Ludwigs XV. (1715-1774), kam in Lyon, im Hause des städtischen Wundarztes Louis Basilac, heimlich ein Kind zur Welt, dessen Eltern der Marquis Gaspard de Vichy und seine Geliebte, die Gräfin Julie d'Albon, waren. Dieser Tatsache entgegen stehen Geburt und Taufe im Kirchenbuche wie folgt verzeichnet:

Am 10. November [1732] ward getauft Julie Jeanne Eleonore de l'Espinasse, gestern geboren, eheliche Tochter von Claude l'Espinasse, Bürger von Lyon, und seiner Ehegattin, Frau Julie geb. Navarra. Pate ist Herr Louis Basilac, Amtswundarzt zu Lyon; Patin Frau Julie Lechot, vertreten durch Frau Madeleine geb. Ganivet, Ehegattin des genannten Herrn Basilac. Besagtes Kind ist im Hause des Herrn Basilac geboren. Der Vater hat wegen Abwesenheit nicht unterzeichnet; zwei Zeugen haben ihn vertreten, zugleich Pate und Patin. Dies beglaubigt
(gez.) Ambroise, Vikar,
(gegengezeichnet) Basilac.

Das in dieser gefälschten Urkunde auftretende Ehepaar Claude und Julie de l'Espinasse ebenso wie die Patin Julie Lechot sind Fabelwesen. Nur der Name l'Espinasse hat einen gewissen Rückhalt. So hieß eines der Landgüter der Gräfin d'Albon.

Diese große Dame, der unter anderem der Titel Fürstin von Yvetot zukam, war damals siebenunddreißig Jahre alt. Als Sechszehnjährige hatte sie einen Vetter, den Grafen Claude d'Albon (1687–1771) geheiratet; aber seit einem halben Jahrzehnt lebte die schöne, fabelhaft reiche und lebenslustige, gern schwärmerische Frau getrennt von ihrem Manne, über dessen geistige und seelische Eigenschaften nichts überliefert ist. An seine Stelle war ein anderer Vetter getreten, der ihr gleichaltrige Graf Gaspard von Vichy, ein Edelmann, der zu leben verstand. Die Ranglisten der Armee des Königs von Frankreich verzeichnen ihn in den Jahren von 1716–1743 als Reiteroffizier und Teilnehmer an sieben Feldzügen. Seine Familienangehörigen werden von einem Zeitgenossen mit folgenden Worten charakterisiert: »Allesamt kluge Leute, rassig, wohlerzogen, verführerisch, aber Egoisten, harte herrische Köpfe, zynisch in ihren Worten, bedenkenlos in ihren Taten.« Kein Wunder, daß es Gaspard de Vichy bis zum Feldmarschall gebracht hat.

Seine Liebschaft mit Julie d'Albon war für ihn ein romantisches Zwischenspiel; 1733 hatte es sein Ende, als der polnische Erbfolgekrieg begann. Sechs Jahre später heiratete er, der nunmehr Vierundvierzigjährige, Maria Camilla Diana d'Albon, die legitime Tochter seiner ehemaligen Herzensfreundin, von der er übrigens außer Julien noch einen Sohn hatte: Henri Laurent Hilaire (geboren 1731), dem die geistliche Laufbahn beschieden ward.

Julie d'Albon ist 1748 gestorben. Bis zu ihrem Tode lebte ihr Sündenkind bei ihr im Schlosse d'Avanges (bei Lyon), in Gesellschaft mit ihren anderen Kindern, der ebenerwähnten Diana (geb. 1716) und einem Söhnchen Camille (geb. 1724). Sodann übernahm Gaspard de Vichy Juliens Erziehung, indem er sie auf sein Gut Champrond nahm. Hier wuchs sie weiter auf, zusammen mit den legitimen Kindern ihres Vaters, Abel (geb. 1740) und Alexander (geb. 1743). Abel, zumeist genannt der Marquis de Vichy, hat lebenslang in treuer Freundschaft zu seiner Halbschwester gehalten; erst 1769 erfuhr er schaudernd, wie vielfach er mit ihr verwandt war.

Juliens Erziehung wich insofern – und dies ist von Bedeutung – von der allgemein üblichen Erziehung der vornehmen jungen Damen ihrer Zeit ab, als sie im Familienkreise und nicht in einem Kloster erfolgte. Dadurch bewahrte sie sich die innere Freiheit und blieb unberührt von dem frommen Firlefanz und dem seelenverderbenden Drill beschränkter Nonnen.

Eine Schwester des Grafen Gaspard de Vichy war die in der Literaturgeschichte Frankreichs berühmte Marquise Marie du Deffand (1697–1780). Gaspard besuchte sie jedesmal, wenn ihn Geschäfte oder Vergnügungen nach Paris riefen; ebenso sie ihn, wenn sie gerade einmal Bedürfnis nach Landluft empfand. Seit dem Tode ihres Mannes (1747) lebte sie im Kloster Saint-Joseph (in der Rue Saint-Dominique), das als Asyl der Madame de Montespan (gestorben 1707), der Geliebten des Sonnenkönigs, eine gewisse Berühmtheit hatte.

Die Bedeutung der aristokratischen Klöster im alten Frankreich ist bekannt. Sie waren zugleich die üblichen Erziehungsanstalten und Versorgungshäuser für die jüngeren Töchter der alten Geschlechter und allezeit offene Orte, an denen weltliche Herzen zeitweilig in sich zu gehen versuchten; ferner Zufluchtsstätten junger Witwen, die auf eine Wendung ihres Geschickes warteten; schließlich älteren Damen ein sicherer Hafen, aus dem sie die Gesellschaft, von der sie noch immer nicht ganz lassen wollten und konnten, wenigstens von weitem beobachteten. Die Frömmigkeit war auch hier wie in ganz Frankreich, als einem Lande höherer Zivilisation, nur eine Äußerlichkeit, mit der man sich zwanglos-graziös abfinden durfte.

Die fünfzigjährige, fast erblindete Frau, die ihr Leben voll genossen, hatte mit dem Einzug in dieses Haus auf vieles verzichtet, nur auf eines nicht: geistreich unterhalten zu werden. Eine letzte Illusion, in der Welt etwas zu bedeuten, veranlaßte sie, sich und ihren Salon zu einem Mittelpunkte der erlesensten Zerstreuung – der schöngeistigen Plauderei – zu machen. Sie hatte täglich drei oder vier Personen und häufig zwölf bis dreizehn Gäste an ihrer Abendtafel. An den Sonntagen, später an den Sonnabenden, gab sie große Soupers, zu denen sich die berühmtesten Männer und die vornehmsten Damen einfanden, oft einander Todfeinde, hier vereint, »ohne sich zu befehden oder zu meiden«. Zum Jahresende hielt sie einen noch größeren Empfangsabend ab, das »Mitternachtsmahl«, das auf einer Galerie stattfand, die mit der Klosterkirche verbunden war, so daß die Gäste das Vergnügen genossen, die Mitternachtsmesse zu hören und meisterlicher Kirchenmusik zu lauschen.

War kein Gast da, so hockte die Marquise mißgelaunt in ihrem Wohnzimmer, das ein zeitgenössischer Stich von Cochin »Die Angorakatzen der Madame du Deffand« verewigt. Wir sehen da eine Kaminecke, neben der sich ein riesiger Lehnstuhl mit Holzfüßen, bäurischen Armlehnen, breiten weichen Kissen spreizt: die berühmte »Tonne«. Unter dem Stuhle lugt ein Garnkörbchen in Form eines Reifrockgestells hervor. Dem Kamin gegenüber steht eine Servante unter einer kleinen Bücherei mit drei Fächern; in der Ecke des Zimmers ein Eckschrank mit etwas Porzellan. An der hinteren Wand mit einfarbigem prunklosem Getäfel öffnet sich eine Glastür, die nach einem dunklen Kabinett führt. Im Alkoven zeigt sich das Kopfende eines Bettes, überzogen mit geblümtem Kattun. Derselbe Stoff schmückt auch die Wand, an der man eine kleine Uhr bemerkt. Als einzige Bewohner des Raumes verraten sich zwei Katzen, die um den Hals breite Seidenbänder tragen.

Zur Wohnung gehörten noch ein Eßzimmer, ein Vorzimmer, ein Stübchen der Kammerfrau und ein ebensolches des Dieners, eines alten treuen Faktotums. Hier lebte die alternde Marquise in eigenwilligster Art, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage machend, wie dies damals alle Damen der Mode taten; vor sechs Uhr abends verließ sie ihr Schlafgemach nicht.

In dieses Hauswesen kam Julie de Lespinasse in der zweiten Hälfte des Aprils 1754. Am liebsten hätte die Familie d'Albon es gesehen, wenn das lebhafte kluge Mädchen für dauernd in ein Kloster gegangen wäre. Aber dazu war sie nicht zu bewegen. Julie erklärte, sie werde sich von ihren »barbarischen Verfolgern« freimachen und sich ein selbständiges Dasein gründen; zugleich forderte sie von den Albons eine genügende Erhöhung ihres Jahresgeldes, das gemäß dem Testament ihrer Mutter aus Rücksicht auf die Konvenienz die geringe Höhe von dreihundert Franken hatte. Es kam zu heftigen Auftritten, die ihr kein Ergebnis brachten. Um diese Zeit weilte die Marquise du Deffand vorübergehend in Champrond und bot ihr eine Zuflucht in ihrem Pariser Heim an. Julie schlug das Angebot aus und begab sich versuchsweise in ein Lyoner Kloster. Erst als sie die Unerträglichkeit des Lebens daselbst für eine leidenschaftliche und literaturliebende Natur ihrer Art erkannt und in ihren Erbansprüchen nochmals eine schroffe Abweisung erfahren hatte, fügte sie sich dem Winke des Schicksals und folgte dem Rufe der Frau du Deffand, deren Diplomatie alle Gegenbestrebungen der Verwandtschaft zu vereiteln verstand. Damit betrat die Zweiundzwanzigjährige eine neue Welt.

Zu den hervorragenden Persönlichkeiten, mit denen die alte Marquise zu dieser Zeit ihres Lebens Verkehr pflog, gehörten: die Herzogin von Lavallière, die schöne Marschallin von Luxemburg, der Präsident Hénault, d'Alembert, Loménie de Brienne (Erzbischof von Toulouse, später Minister Ludwigs XVI.), der Chevalier d'Aydie, Turgot (der berühmte Ökonomist).

In diesem Kreise geistvoller vornehmer Menschen, die alle Weltkenner und Lebensgenießer waren, wurde Julie aus einer gelehrigen Schülerin sehr bald das, was man an ihr später zu bewundern nicht müde ward. Ein Gedicht, entstanden um 1760, schildert sie:

Stets ist dein Urteil höchst exakt,
Bist Meisterin in Form und Takt,
Hast frohen Sinn und Geist und Witz:
Weltkind und Fee! Man möchte staunen.
Zuweilen freilich zuckt ein Blitz,
Ein kalter Schlag aus deinen Launen.

Bist eine Welle, so bewegt,
Von jedem Windhauch rasch erregt.
Ein Nichts verletzt dich bis zur Pein,
Ein Nichts begeistert dich zu Flammen;
Melancholie und Schelmerein,
Die hast du immerdar beisammen.

Damit dies Bildnis ganz dein Du,
Muß noch ein kleiner Zug hinzu:
Auf Sprachgeschichte viel du hältst,
Gelehrter Düftelei gewogen...
Begnüge dich, daß du gefällst,
Und laß den Kram den Philologen!

Juliens Eindruckskraft lag in ihrem Wesen, durchaus nicht in ihrer körperlichen Erscheinung. »Sie war nichts weniger als schön,« sagt Graf Guibert in seinem Nachrufe, geschrieben in noch frischer Erinnerung an sie, »aber ihre Häßlichkeit stieß selbst im ersten Augenblick nicht ab; im zweiten hatte man sich daran gewöhnt, und sobald sie sprach, hatte man sie ganz vergessen.« Allerdings hat er sie erst in ihrem neununddreißigsten Lebensjahre kennen gelernt, und nachdem die Blattern ihr Antlitz entstellt hatten. Er fügt hinzu: »Ich habe Gesichter gesehen, belebt durch Leidenschaft, Geist, Lebenslust, Schmerz; aber tausend Nuancen waren mir unbekannt, ehe ich das ihre kannte!« Ein anderer Zeitgenosse (Marmontel) sagt von ihr: »Der lebhafteste Kopf, die glühendste Seele, die ledernste Phantasie: eine zweite Sappho!« Ihre Empfänglichkeit und Leidenschaftlichkeit hatten keine Grenzen und verführten sie zuweilen zu Überschwang, Schwermut und Ungerechtigkeit. Alles in allem war sie eine feurige, aber keine sonnige Natur. »Ich habe das Leid allzufrüh kennen gelernt,« klagt sie einmal; »es hatte sein Gutes, insofern es mich von mancher Torheit ferngehalten hat. Mich hat der große Lehrmeister der Menschheit erzogen: das Unglück!«

Als Gesellschafterin der Madame du Deffand bewohnte Julie ein paar bescheidene Zimmer im Stocke über deren Wohnung. Sehr bald gewöhnten sich die geistreichsten Besucher der alten Dame daran, zuvor ein Stündchen bei Julie zu plaudern, oben in ihrem kleinen Reiche. Es huldigten ihr eine Anzahl feinsinniger Männer. Ohne amoureuse Freundschaften vermochte Julie nicht zu leben. So kam es, daß auch Jean d'Alembert (1717-1783), der berühmte Enzyklopädist und Freund Friedrichs des Großen, eine starke Neigung zu ihr faßte. Auch er war ein Kind der Liebe; seine Mutter war die Marquise de Tencin, die Schwester des berüchtigten Kardinals; sein Vater ein Chevalier Destouches, der ihm ein Jahresgeld von 1200 Franken hinterlassen hatte. Mit diesen geringen Mitteln studierte d'Alembert Mathematik und die Naturwissenschaften, und es gelang dem jungen Gelehrten, Eingang in die Pariser Salons zu finden. Im Jahre 1743 nahm sich Madame du Deffand seiner freundschaftlich an. So wurde er allmählich der allbekannte Philosoph, einer der schärfsten Denker seiner Zeit. Klein von Gestalt, in Tracht und Wesen ein weltfremder Büchermensch, nur zuweilen lebhaft und begeistert, verstand er es doch, in kleinem Kreise als geistreicher Plauderer geschätzt zu werden. Obgleich das wohl nicht unbegründete Gerücht ging, er sei halber Eunuch, sind seine Beziehungen zu seiner Gönnerin doch über die der bloßen Freundschaft hinausgegangen. Ebenso führte der Herzensbund, den er alsbald mit Julie einging, schließlich zu einer Art freien Ehe. Frau du Deffand war empört; in ihrer Eifersucht stellte sie den Ungetreuen vor die Wahl zwischen ihr oder seiner neuen Freundin, und d'Alembert zögerte nicht, sich auf die Seite der »Verräterin« zu schlagen. Sein Nachfolger ward einige Jahre später der englische Weltmann Horace Graf Walpole (1717-1797), einer der hervorragenden Briefschreiber seiner Zeit, dessen geistvolle Schriften A. W. Schlegel verdeutscht hat.

Julie mietete sich daraufhin 1764 in der Rue Saint-Dominique, unweit vom Josephskloster, eine eigene kleine Wohnung. Ihre Gönner erwirkten ihr zu ihrer kleinen Familienrente (300 Franken) eine zweite vom Herzog von Orleans (692 Franken) und eine dritte (2600 Franken) aus der Königlichen Schatulle. Die durch ihre Freundschaft mit dem Könige Stanislaus Poniatowski von Polen berühmte Madame Geoffrin händigte ihr 30000 Franken ein, den Erlös von drei an die Zarin Katharina verkauften Bildern des Malers van Loo; davon wurde die neue Wohnung, zu der die Marschallin von Luxemburg die Möbel gestiftet hatte, eingerichtet; für den Rest setzte der Bankier J. J. de Laborde Julien eine Leibrente von 2000 Franken aus, die Frau Geoffrin auf 5000 Franken erhöhte, so daß Julien fortan 8592 Franken im Jahre zur Verfügung standen.

Kurze Zeit nach ihrem Einzug bekam sie die Schwarzen Blattern, die nach ihrer Genesung auch ihren Freund d'Alembert, der sie mit rührender Sorgfalt gepflegt hatte, befielen. Jetzt war es Julie, die nicht von seinem Lager wich; und als er wiederhergestellt war, schlug sie ihm vor, weiterhin mit ihr unter dem gleichen Dache zu leben. D'Alembert nahm das Angebot voll inniger Freude an. Es war Juliens glücklichste Lebenszeit, die nunmehr begann.

Sie gehörte zu den Frauen, die nicht wahrhaft leben können, wenn sie nicht den festen Glauben in sich tragen, daß wenigstens ein Mensch auf Erden sie ganz verstehe. Erst dann haben sie ihr sicheres Gleichgewicht, ihre innere Ruhe, ihre reizvolle Unbefangenheit, die wunderbare Kraft, der Umwelt von ihrem Reichtum zu schenken. D'Alembert war ihr der fürsorglichste und zärtlichste Freund. Er teilte jeden Gedanken, jede Freude, seine Pläne, seine Erfolge mit ihr; und Julie vergalt ihm diese sie beglückende Offenherzigkeit mit jener ehrlichen Freundschaft, die so oft einen höheren Wert hat als die trügerische Leidenschaft. »Die Frauen sind unvergleichliche Freundinnen,« sagt einer der besten Kenner der gallischen Literatur.Wilhelm Weigand in seinem Lespinasse-Essay (München, bei Georg Müller 1908); ich verwende diese prächtige Studie meines verehrten Freundes mit seiner gütigen Erlaubnis mehrfach. Weiterhin habe ich als Quellen benutzt die französische Monographie »Julie de Lespinasse« vom Marquis de Ségur (Paris, bei Calmann-Lévy 1906), sowie das bekannte Buch der Gebrüder Goncourt »La femme du XVIIIe siècle«, von dem es auch eine deutsche Ausgabe gibt, besorgt von Paul Prina in Leipzig. »Man mag über die Liebe im alten Frankreich denken, wie man will, und die Prägung, die dieses Urgefühl von Zeit und Umständen erfuhr, als ein Schauspiel für Psychologen betrachten; aber die Freundschaft, die einzelne Frauen in dieser Abendröte einer absterbenden Gesellschaft geistvollen Männern entgegenbrachten, ist des höchsten Preises würdig, den wir seltenen Naturen zollen.«

Auch Juliens Zeitgenossen priesen diese Frauenfreundschaft, die nicht den Stürmen der Sinnlichkeit oder der Leidenschaft ausgesetzt war. So meint Mercier in seinem Tableau de Paris:

»In Paris soll ein vernünftiger Mann in der Frau (vor allem) die Freundin suchen. Hier gibt es zahllose Frauen, die, freier und aufgeklärter als sonstwo, von früh an gedacht haben und sich über alle Vorurteile mit starker männlicher Seele hinwegsetzen, ohne die Feinfühligkeit ihres Geschlechtes zu verlieren. Hier haben die Frauen, die ihre Hand in allen Geschäften haben, tausend Kleinlichkeiten abgeschworen. Sie kommen empor, weil sie dazu geboren sind. Sie sind aufmerksame Beobachterinnen der Männer. Nicht die geringste Kleinigkeit entgeht ihnen. Sie sind Kennerinnen, und da sie feinen unfehlbaren Takt haben, vermögen sie die besten Ratschläge zu erteilen. Eine Frau von dreißig Jahren wird die beste Freundin. Sie hält treu zu dem Manne, den sie schätzt; sie leistet ihm tausend Dienste; sie schenkt und erhält ganzes Vertrauen; sie liebt und verteidigt den Ruhm ihres Freundes; sie schont seine Schwächen; sie beobachtet alles und teilt ihm alles mit; sie ist in großen Augenblicken seine erfolgreiche Helferin; sie spart weder Zeit noch Mühe; und der Unglückliche, den Mißgeschick und Mächtige verfolgen, findet alles Verlorene in der Freundschaft einer Frau wieder. Die Freundschaft mit Frauen hat einen größeren Reiz als Männerfreundschaft. Sie ist tätig und wachsam; sie ist zärtlich, sittsam und, vor allem dauerhafter. Die Frauen lieben ihre alten Freunde inniger und treuer als ihre jungen Liebhaber. Sie betrügen zuweilen den Geliebten, aber niemals den Freund...«

Anfangs mokierte sich die Gesellschaft über den merkwürdigen gemeinsamen Haushalt, der im Herbst 1765 begann. »Ich habe Mademoiselle de Lespinasse kennen gelernt,« schreibt z. B. David Hume, »die Liebste d'Alemberts, eines der intelligentesten Frauenzimmer von Paris ...« Selbst Voltaire spöttelt, so daß ihm d'Alembert ärgerlich antwortet: »Sie sagen: Wenn Sie verliebt sind, bleiben Sie in Paris! Wie kommen Sie zu der Annahme, mir sei die Liebe zu Kopf gegangen? Dieses Glück oder Unglück ist mir nicht widerfahren, und überdies ist mein Leib allzu schwach, um sich mit andern Dingen als mit den Mahlzeiten abgeben zu können.« Und noch bitterer schreibt er ihm am 3. März 1766, als in der Zeitung eine Anspielung gestanden hatte, d'Alembert gedenke sich zu verheiraten: »Du mein Gott! Was soll ich mit einer Frau und mit Kindern? Die Betreffende, mit der man mich zusammenbringt, ist charakterlich eine achtenswerte Person, das ist wahr, und durch ihr gütiges feines Wesen wie geschaffen, einen Ehemann glücklich zu machen; aber sie verdient eine bessere Versorgung als durch mich. Zwischen ihr und mir besteht weder Ehe noch Liebe, sondern gegenseitige Hochschätzung und die wonniglichste Freundschaft. Ich wohne jetzt im gleichen Hause, wo übrigens noch zwei andere Parteien ihre Unterkunft haben. Das ist der Kern all des Klatsches! Zweifellos geht er von Madame du Deffand aus. Sie weiß sehr wohl, daß das Gerücht von meiner Verheiratung Unsinn ist; sie will ja nur, die Leute sollen etwas ganz anderes glauben. Für eine niederträchtige alte Vettel wie sie gibt es keine anständigen Frauen! Glücklicherweise kennt man sie zur Genüge...«

Schließlich gewöhnte sich die Welt an das Bündnis der beiden Ausnahmemenschen. Sie machten zusammen ihre Besuche, und man lud sie zusammen ein. Zu ihren gemeinsamen Freunden gehörten: die bereits genannte kluge und schöne Madame Geoffrin (1699-1777), in deren gastfreiem, reichem Hause sich alles einte, was Macht, Namen, Geist, Künstlerruhm besaß; die Herzogin d'Anville (Gattin des Marschalls d'Anville), die Marschallin von Luxemburg, die beiden Gräfinnen Boufflers, die Herzogin von Châtillon usw.; sodann von den männlichen Größen der Zeit: Melchior von Grimm (1723 – 1807), Denis Diderot (1713 – 1784), Condillac (1715 – 1780), Condorcet (1743 – 1794), Malesherbes (1721 – 1794), Robert Jacques Turgot (1727 – 1781), Nicolas Chamfort (1741 – 1794) u. a. m. Auch Ausländer, wie der Lord Shelburne (1757 – 1805), der Abbé Ferdinand Galiani (1728 – 1787, in Paris von 1759 bis 1769), der deutsche Opernreformator Chr. W. Gluck (der sich vom Herbst 1774 an in Paris aufhielt), verfehlten nicht, Mademoiselle de Lespinasse aufzusuchen. Mit einem Worte, im Salon Juliens traf man alle regen Geister.

Sie selbst lebte einfach-vornehm. Sie hatte vier Bedienstete: eine Kammerfrau (Luise Agnes Saint-Martin), eine Aufwärterin (Marie Joinville), eine Köchin (Marie G. Beaujon) und einen Diener (Eloy Raimbault). Die Einrichtung ihrer Wohnung war nicht luxuriös, aber ordentlich, bequem und gefällig. Sie wohnte im ersten Stock des Hauses, bestehend aus einem ziemlich engen Vorsaale, dessen offene Tür in einen kleinen Salon mit weißem Getäfel und karmesinroten seidenen Vorhängen führte. Darinnen drängten sich Lehnsessel, Ottomanen, Stühle, Hocker usw. Es standen ferner darin Kommoden und Schreibtische aus Rosenholz, ein Nähtischchen aus Kirschholz, ein »Zylinderbureau«, ein Rad zum Garnwickeln, eine Büste Voltaires und eine d'Alemberts, sowie auf dem Kaminsims eine Standuhr, eine Arbeit Massons. An den Salon anstoßend, nach der Straße hinaus, lag das Schlafzimmer, tapeziert mit rotem Damast, mit einem geräumigen Alkoven; darin das vier Fuß breite Bett mit einem Himmel und Zugvorhängen. Im selben Stock befanden sich das Örtchen und die Dienerstube; im Stocke darüber das Zimmer der Kammerfrau, sowie etliche leere Kammern, die keinem besondern Zwecke dienten. Daß die gesellschaftlichen Fähigkeiten des Fräuleins von Lespinasse hervorragend waren, darüber sind alle Zeitgenossen einig. Grimm, der mit kühler Ruhe das glänzende Treiben seiner Zeit beobachtet, spricht in seiner Correspondance littéraire, die vom kosmopolitischen Kulturadel und den nordischen Fürsten gelesen wurde, zu wiederholten Malen von Julie, und in dem Nachruf, den er ihr widmet, hebt er hervor, daß man täglich von 5 bis 9 Uhr die auserlesenste Gesellschaft bei ihr getroffen habe; es sei ihr Verdienst gewesen, diese verwöhnte Gesellschaft zusammenzuhalten. Ergänzend erzählt Marmontel in seinen Denkwürdigkeiten: »Sie hatte ihre Leute da und dort in der Gesellschaft aufgelesen, aber derart gut ausgewählt, daß sie bei ihrem Zusammensein so harmonisch zusammenstimmten wie die Saiten eines Instrumentes, das eine erfahrene Hand bezogen. Ich könnte, um bei diesem Vergleich zu bleiben, sagen, daß sie aus diesem Instrumente mit einer Kunst spielte, die an Genie grenzte ... Nirgends war das Gespräch lebhafter, glänzender und besser im Zuge als bei ihr. Die gleichmäßige Wärme, die sie, bald mildernd, bald anfeuernd, zu unterhalten verstand, war wunderbar. Ihr Talent, einen Gedanken aufzugreifen und zur Erörterung zu stellen, ihn selbst mit Schärfe und zuweilen voller Beredtsamkeit selbst zu beleuchten; ihre Gabe, neue Ideen aufzuwerfen und die Unterhaltung mannigfaltig zu gestalten, und dies stets mit der leichten Anmut einer Fee, die mit einer Berührung ihres Stabes nach Belieben Ort und Gegenstand ihrer Zauberei wechselt: diese Fähigkeit kennzeichnete sie als außergewöhnliche Frau.«

Im Gegensatz zu anderen berühmten Salons jener Zeit, in denen man neben amüsanter und geistreicher Plauderei die Diners und Soupers schätzte, begnügte sich Julie, da sie über Reichtümer nicht verfügte, in ihrem »schöngeistigen Laden«. ( bureau d'esprit) im bunten Durcheinander Vertreter des Hofes, der Kirche, der Armee, der Wissenschaft, der kunstliebenden Finanz ohne lukullische Genüsse zu empfangen. Während, zum Beispiel, im Hause der Madame Geoffrin, dem leidenschaftslosen, vorsichtigen Charakter der Hausfrau gemäß, gewisse Gegenstände in der Plauderei nur zaghaft berührt wurden, gab es im Salon der Lespinasse keine derartigen Schranken. Hier durfte jedermann seinem Temperament nach Herzenslust nachgeben und seine Eigenart ohne Scheu leuchten und laut werden lassen. Man machte seine Glossen über alles im Gebiete der Künste und Wissenschaften, Religion und Philosophie, Politik und Geschichte, Moral und Medisance. Selbst dem Papagei war es erlaubt, wie uns der Abbé Galiani verrät, im Tone Crébillons mit den Gästen zu schwatzen. Nur die nackte Unanständigkeit war verpönt.

 

Im Winter des Jahres 1766 wurde von seinem Vater, dem spanischen Gesandten in Paris, Don Joaquin Atanasio, Grafen von Fuentés, aus dem Hause Pignatelli-Aragon, ein damals zweiundzwanzigjähriger spanischer Edelmann in die Pariser Gesellschaft eingeführt: José y Gonzaga Marquis von Mora. Der erste Eindruck, den dieser junge Mann auf Julie macht, hallt aus ihrem wohl an den Baron Holbach gerichteten Briefe vom 19. Dezember 1766 wieder, wo sie schwärmerisch schreibt: »Eine Gestalt voller Güte und Anmut, die einem Vertrauen und Freundschaft einflößt, eine sanfte gesellige Natur, aber durchaus nicht fad, eine angenehme Wärme ohne Hitze, ein fester gerechter Geist voller Funken und Kaprizen, und ein Herz, ach ein Herz!« Seine Frau, eine Tochter des als Vertreiber der Jesuiten aus Spanien berühmt gebliebenen Grafen von Aranda, eines geistvollen aufgeklärten Mannes, war ihm kurz zuvor gestorben. Es währte nicht lange, so lag sein Herz, das eben noch der schönsten Schauspielerin Madrids, der Mariquita Ladvenant, gehört hatte, in den Fesseln der »Muse der Enzyklopädie«, ungeachtet daß sie ein dutzend Jahre älter als er war. Julie erkannte in ihm ihr männliches Ideal. Wie alle reifen Frauen, die jahrelang in Herzenseinsamkeit gelebt haben, weihte sie ihm nach dieser raschen Erkenntnis den ganzen aufgespeicherten Schatz ihrer unverschenkten Zärtlichkeit. Zu ihrem tiefsten Bedauern mußte er aber bereits zu Beginn des kommenden Jahres nach Madrid zurück.

Man setzte in Paris wie in Madrid große Hoffnung auf den vielbegabten jungen Staatsmann. Man sah in ihm den künftigen Reformator Spaniens. Es muß in der Tat ein bedeutender Geist gewesen sein; schreibt doch ein kluger Menschenkenner, der Abbé Galiani, später, bei der Nachricht von seinem Tode, der Madame d'Epinay: »Ich wage Ihnen nicht von Mora zu sprechen. Alles ist Schicksal hienieden, und Spanien war nicht wert, einen Mora zu besitzen. Vielleicht hätte er das monarchische System zu Falle gebracht ...« und weiterhin: »Es gibt Leben, von denen das Schicksal der Reiche abhängt. Als Hannibal die Niederlage und den Tod seines Bruders Hasdrubal erfuhr, weinte er nicht, sondern sagte nur: Nun weiß ich Karthagos Schicksal! – Ich sage das Gleiche bei Moras Tod. Ich weiß nun, daß Spanien ein Barbarenland bleiben soll. So lautet der Beschluß des Schicksals. Spanien wird kein Frankreich! Wäre dies vorbestimmt, so wäre Mora nicht gestorben. Er müßte von den Toten wieder auferstehen, wenn Spaniens Schicksal es erforderte!«

Es ist nicht verwunderlich, daß sich Mora sehr bald nach dem geistigen Leben der Hauptstadt Europas zurück sehnte. Tiefe Schwermut hatte sich seiner bemächtigt, der ihn nichts zu entrücken vermochte; nicht einmal die Huld der schönsten Frauen. Zudem starb ihm im Juli 1767 sein Sohn, sein einziges Kind, kaum drei Jahre alt, an den Blattern. Mora war gebrochen. Um ihn aufzurichten, verschaffte man ihm einen auswärtigen militärisch-diplomatischen Auftrag.

So finden wir ihn Ende Oktober abermals in Paris; aber seine Gesundheit war rettungslos untergraben. Er hatte die Anlage zur Lungenschwindsucht von seiner Mutter geerbt; jetzt brach sie hervor. Das nämliche Unheil sollte alsbald seine geliebte Freundin treffen. Im heranschleichenden Schatten ihres Schicksals erlebten sie gleichwohl glückselige Tage. Die Fünfunddreißigjährige fühlt sich voll innigster Dankbarkeit geliebt, und er, der um so viel Jüngere, betet Julien in merkwürdiger Schwärmerei an. Beide leben nur noch füreinander. »Vom dem Augenblick an, wo ich liebte, hätte mich jeder Erfolg angewidert,« schreibt sie 1774 in der Erinnerung an jene Zeit. (Vgl. S. 120.) Wie im Rausche verging ihnen der Winter und das Frühjahr 1768. Dann mußte Mora in seine Heimat zurück, die er auf dem damals üblichen Umweg über Fernay erreichte. Voltaire nahm ihn als Schüler d'Alemberts huldvoll auf.

In Madrid hat Mora kaum andere Gedanken als an einen Urlaub nach Frankreich; aber erst im folgenden Jahre gelingt es ihm, wiederum nach Paris zu kommen, diesmal um seine Schwester, Maria Manuela Pignatelli, die im Juni 1769 den Herzog von Villa Hermosa geheiratet hatte, zu begleiten. Voller Ekstase sehen sich die Liebenden wieder. Aber man gönnt ihnen das neue Glück nicht lange. Moras Familie betreibt sehr bald die Zurückberufung. Wieder in Madrid, im April 1770, wird der junge Edelmann zum Generalmajor befördert und an eine Hofstellung gefesselt. Acht Wochen hält er aus; dann erbittet er, auf Grund seiner bedrohten Gesundheit, seinen Abschied, um in sein Paradies an der Seine zurückkehren zu können. Ein plötzlicher Blutsturz, am 25. Januar 1771, verhindert seine Abreise. Die Ärzte verordnen ihm einen längeren Aufenthalt in Valencia. In sehr schwachem Zustande kommt er daselbst an. Julie ist voller Angst und Sorge. Zweimal in der Woche wechselt sie mit dem kranken Geliebten Briefe. Auch d'Alembert leidet unter der dauernden Erregung seiner Freundin, ohne daß er die Ursache ganz erkennt. Seine eigene Gesundheit beginnt zu schwanken. Man rät ihm zu einer großen Reise, deren Kosten Friedrich der Große auf sich nimmt, nicht ohne die spöttische Bemerkung, in seinem Briefe vom 18. August 1771, daß also selbst Könige zuweilen zu etwas nütze seien.

Zu Anfang Oktober 1771 traten d'Alembert und Condorcet die Reise nach Italien an. In Fernay blieben sie bei Voltaire – und aus der Weiterfahrt nach Rom ward nichts! Im November sehen wir d'Alembert wieder in der Rue Saint-Dominique.

Auch Mora stellte sich gegen den Willen seiner Ärzte abermals in Paris ein. Das Glück der Liebenden erreichte jetzt seinen Höhepunkt, aber – und hierin dürfen wir dem übereinstimmenden Zeugnis der Zeitgenossen glauben – es blieb nach wie vor in platonischer Bahn. Der Grund dieser merkwürdigen Zurückhaltung Juliens wird durch eine boshafte Bemerkung Marmontels in seinen Denkwürdigkeiten beleuchtet; es heißt da, Julie habe eine Liebeskomödie gespielt, um den spanischen Granden in das Netz der Ehe zu bekommen. Komödie hat Julie sicherlich nicht gespielt, aber in der Tat hoffte sie, Mora werde sie zu seiner legitimen Frau machen. Moras jüngerer Bruder, Luis Pignatelli, hat der Gemahlin Guiberts später versichert, die Lespinasse sei die Braut seines Bruders gewesen und er hätte sie geheiratet, wenn sie ihm treu und er am Leben geblieben wäre.

Da überfiel ihn im Juni 1772 ein neuer Blutsturz, der ihn veranlaßte, nach Bagnères in den Pyrenäen zu gehen. Am 7. August nahm er tieftraurig Abschied von der Geliebten. »Sechs Jahre voll Freude und überirdischen Glückes müssen einen selbst im tiefsten Unglück dankbar gegen die Götter stimmen!« schrieb sie damals, in ihr (uns verlorenes) Tagebuch.

 

Einige Wochen vordem, als Mora eben der Todesgefahr entronnen war, am 21. Juni 1772, nahm Julie, die sich ein wenig wieder des Lebens zu erfreuen begann, an einem Feste teil, das der damals allbekannte Finanzmann und Kunstfreund Henri Watelet (1718 – 1780) auf seinem entzückenden Landsitze Moulin-Joli (bei Bezons) veranstaltete. Er war ein Freund d'Alemberts, ein echter Vertreter des guten alten Galliens, Weltmann, Philosoph, Schriftsteller, Radierer, Sammler und Mitglied der Akademie. Sein ländliches Epikureerdasein teilte die anmutige Marguerite Lecomte, die ihren offiziellen Gatten im Stiche gelassen hatte, um als Göttin eines Watteauschen Idylls von den zahlreichen Gästen dieses Schlemmerhauses gefeiert zu werden.

Dort war es, wo in Juliens Leben der Vollender ihres Schicksals trat, der damals achtundzwanzigjährige Oberst Jacques Antoine Hippolyte Graf Guibert (1743 – 1790). Er hatte die Schlachten des Siebenjährigen Krieges und den Feldzug auf Korsika ruhmvoll hinter sich, galt als genialer Dichter und war der Abgott der Pariser Gesellschaft. Der Weise von Fernay hatte von ihm gesagt: »Ich weiß nicht, ob er ein Corneille oder ein Türenne wird, doch bin ich überzeugt, was auch das Gebiet seiner Tätigkeit sein mag, er wird Hohes vollbringen.« Ähnlich klingen Friedrichs des Großen Worte: »Auf allen seinen Wegen leuchtet ihm der Ruhm!« Die schönen Damen aber stritten sich, ob es herrlicher sei, Mutter, Schwester oder Geliebte dieses Begnadeten sein zu dürfen.

Seine Berühmtheit gründete sich insbesondere auf seinen 1772 erschienenen » Essai général de Tactique«, oder vielmehr auf dessen vielgepriesene Einleitung »Über den gegenwärtigen Zustand der Politik und der Kriegswissenschaft in Europa«. Das umfangreiche Werk ist in mehreren Ausgaben gedruckt; unter anderen liegt es in einem prächtigen deutschen Nachdrucke (Dresden 1774, 2 Bände) vor. Man findet es noch heute in allen größeren Militärbibliotheken Europas. Der Sieger von Leuthen hat es hochgeschätzt; Napoleon Bonaparte hatte es auf seinem Zug über den Sankt-Bernhard im Mai 1800 im Handgepäck bei sich, und der größte aller Kriegsgelehrten, der General Karl von Clausewitz, kommt mehrfach auf Gedanken Guiberts zurück. Es sei nur an die berühmte Stelle erinnert, wo Guibert von den Volksheeren der Zukunft spricht. Wenn es rein-militärisch der Nachwelt nichts mehr zu sagen hat, so ist doch die Einleitung geistesgeschichtlich insofern von bleibender Bedeutung, als darin die Revolution zwischen den Zeilen vorverkündet wird.

Hippolyte Guibert war kein sogenannter schöner Mann. Zweierlei aber rühmte man an ihm: das wunderbare Feuer seiner dunklen Augen, wenn ihn irgendetwas zur Aussprache begeisterte, und seine lebhafte, verführerische, unvergleichliche Art zu plaudern. Julie sagt von ihm: »Seine Seele spiegelt sich in jedem seiner Worte.« Und ähnlich berichtet Madame de Staël: Seine Unterhaltung war abwechselungsreich, voller Leben und Anregung; mir ist nirgends ein Plauderer seiner Art je wieder begegnet. Ihn interessierte alles; über jedweden Gegenstand wußte er etwas Eigenartiges zu äußern. In Gesellschaft wie unter vier Augen ruhte sein Geist nicht einen Augenblick, und es machte ihm Freude, sich andern mitzuteilen.«

Wenn wir mit unserm gewandelten literarischen Geschmack die schriftstellerischen Dokumente Guiberts vornehmen, den » Connétable de Bourbon« (1785), den » Éloge du Roi de Prusse« (1787) oder das » Journal d'un Voyage en Allemagne en 1773« (1803), so suchen wir vergebens nach Stellen oder Gestalten, die jedem Jahrhundert etwas zu sagen hätten. Zweifellos war Guibert ein genialer Mensch, aber kein Schöpfer, vielmehr ein Anreger: ein Virtuos auf der Klaviatur der Gefühle der Anderen.

Daß Julie de Lespinasse an Guibert von Stund an Gefallen fand, daß sie ihn sofort in ihren Kreis zog, ist nicht verwunderlich. Gewiß hatten beide schon viel Rühmliches voneinander gehört. Erstaunlich aber ist die Doppelleidenschaft, die in ihr entbrannte. Offenbar war Juliens Gefühl für den Marquis Mora keine reine amour-passion (um Stendhals berühmte Einteilung hier anzuwenden), sondern eine Mischung von mehr mütterlicher als leidenschaftlicher Liebe und Freundschaft; erst die neue Leidenschaft zu Guibert war in Wahrheit ihre späte, um so unheilvollere grande passion. Nach dem Tode des Bräutigams redete sich die zwischen Extremen Irrende, der Liebe wie dem Tode Verfallene, mit harten Selbstanklagen Quälende mehr und mehr ein, Guibert hassen und Mora in alle Ewigkeit lieben zu müssen.

Die Geschichte der sich entspinnenden Verbindung zwischen den beiden im Grunde beklagenswert wenig für einander geschaffenen Menschen ist der Nachwelt in den zweihundertunddrei Briefen Juliens an den Geliebten überliefert, denen sich einige wenige von Guibert an Julie gesellen. Sie füllen die Zeit vom 13. Mai 1773 bis zum 22. Mai 1776, dem Todestage der Schreiberin dieser berühmtesten aller Liebesbriefe der Weltliteratur.

Die auf- und niedergehende Linie dieser merkwürdigen Blätter hat mehrere Wendepunkte. Am 10. Februar 1774, im Vorzimmerchen ihrer Loge, wird Julie ganz die seine. Nachts, nach ihrer Heimkehr, schreibt sie jenen wunderbaren Brief der Briefe: »Liebster, ich leide, ich liebe Dich, und ich harre Deiner!« mit dem Datum: »In allen Augenblicken meines Lebens.« (Vgl. S. 58.) Dann, am 27. Mai 1774 stirbt Mora in Bordeaux. Ein Jahr später, am 1. Mai 1775, unterzeichnet Guibert seinen Ehevertrag mit einer Anderen: Juliens Todesurteil, wie sie fortan nicht müde wird, zu klagen.

Guibert hat den Tod seiner Freundin um vierzehn Jahre überlebt. Seine weitere Laufbahn als Soldat wie als Dichter entsprach weder den Erwartungen seiner Zeitgenossen noch seiner eigenen Hoffnung. Er wurde im Oktober 1776 in das Ministerium des Grafen Saint-Germain berufen. Der rasche Sturz seines Gönners vernichtete ihm den weiteren Flug über die Massen hinweg. Sich im Kriege als Feldherr oder Generalstabschef zu betätigen, blieb ihm versagt. Seine Aufnahme in die Akademie am 13. Februar 1785 war ein letzter Erfolg, der sein Soldatenherz kaum länger denn einen Augenblick befriedigt hat. Als die große Revolution ausbrach, gelangte er zu keiner Rolle. Vergessen und verbittert starb er als verabschiedeter Generalmajor am 6. Mai 1790.

Seine Gattin Alexandrine Luise geb. de Courcelles (1758 bis 1826) überlebte ihn um sechsunddreißig Jahre. Liebevoll hat sie seine kriegswissenschaftlichen Schriften ( Oeuvres militaires de Guibert, publiées par sa veuve sur les manuscrits et d'après les correctures de l'auteur, Paris 1803, 5 Bände) sowie seine Dramen ( Oeuvres dramatiques, 1 Band, Paris 1822) gesammelt und herausgegeben. Hoch anzurechnen ist es ihr als Frau, daß sie auch die Briefe seiner Geliebten vor dem Untergange bewahrt und der Nachwelt nicht vorenthalten hat. Und welch seltsames Schicksal! Graf Guibert, der gefeierte Kriegsgelehrte, Gesellschaftsheld und Modedichter, ein allbekannter Mann seiner Zeit, wäre längst gänzlich vergessen, wenn ihn nicht die schriftliche Hinterlassenschaft seiner alles in allem von ihm schlecht behandelten Freundin unsterblich gemacht hätte.

Juliens letzter Brief an d'Alembert vom 16. Mai 1776 (man findet ihn deutsch im Anhange dieses Buches) enthält das Bekenntnis, daß sie ihm alles schulde, daß ihm ihr Herz aber seit langem nicht mehr gehört habe. » Adieu, mon ami«, schreibt sie ihm, » ne me regrettez pas! Conservez le souvenir de M. de Mora comme l'homme le plus vertueux, le plus sensible et le plus malheureux qui exista jamais. Adieu! Le désespoir a seché mon coeur et mon âme; je ne sais plus exprimer aucun sentiment. Ma morte n'est qu'une preuve de la manière dont j'ai aimé M. de Mora ... Adieu, mon ami! Adieu!«

Sie konnte und wollte nicht von der Welt scheiden, ohne hiermit ihr Gewissen erleichtert zu haben. Die größere Untreue aber verschweigt sie ihm. D'Alembert war über das Geständnis der Liebe zu Mora erschüttert. Er vertraute seinen Schmerz seinem Freunde Guibert an. Niemals hat er erfahren, welche Rolle gerade dieser in Juliens Leben gespielt hatte. Wir besitzen zwei empfindsame Nachrufe von d'Alemberts Hand: Aux Mânes des Mademoiselle de Lespinasse, geschrieben am 22. Juli und am 2. September 1776.

Auch Guibert widmete der verlorenen Freundin eine Gedächtnisschrift, den Éloge d'Éliza, verfaßt in der Nacht nach ihrem Begräbnisse, am 23. Mai 1776. Der Name »Eliza« ist eine Reminiszenz an Eliza Draper, die Freundin Sternes, des Lieblingsdichters Juliens. Guibert beschließt sein In Memoriam Juliae mit den schwärmerischen Worten:

O Elisa, Elisa, wie schwach und fragmentarisch ist mein Versuch, Dein Bild zu entwerfen! Welche erlesene Empfindung, welche seltene Tugend könnte es zur Ehre der Menschheit geben, die in Deinem Herzen nicht gewohnt hätte! Wenn ich je in meinem Leben irgend etwas Gutes, Ehrenhaftes vollbringe, wenn ich ein hohes Ziel erreiche, so wird dies geschehen, weil die Erinnerung an Dich meine Seele veredeln und immer wieder entflammen wird. Ihr alle, die ihr Elisas Freunde waret und die ich daher auch meine Freunde nennen darf, ruft mit mir vereint die Dahingegangene an: Im Namen Elisas, wir wollen Freunde sein, der eine lieb und wert dem andern! Wir wollen zu ihrem Gedächtnis immerdar handeln, als geschähe es vor ihren Augen! Aus den Gefilden der Seligen, wo ihre Seele wandelt, wird sie es sehen und loben. Und die Welt wird zu unserer Ehre von uns sagen: Er war Elisas Freund! Es soll jedem von uns dermaleinst auf den Grabstein geschrieben werden!

Und ihr Grabmal? Ach, ihre sterblichen Reste sollen in der Gruft eines Tempels zerfallen; aber dort soll sie ihr Denkmal nicht bekommen! Ihr Schatten soll nicht einsam hin und herirren. Gestade und Gefilde, wo die Seelen der Laura und der Beatrice atmen, warum seid ihr so fern?

So wollen wir wenigstens einen stillen Hain suchen, durch den ein Bach flutet, sanft über Kieseln immerfort murmelnd in leiser Klage. Kommt! Dort wollen wir ihr ein Denkmal errichten, schlicht wie sie selber war, eine Marmorsäule, deren Schaft in Brusthöhe gebrochen ist. Zypressen sollen ihre wehmutsvollen Zweige darüberbreiten .... Doch nein! Sünder haben ihre Gräber fern dem Gesichtskreise der Menschen. Wählen wir lieber einen Ort, nahe einer Heeresstraße, auf einem Hügel, dem ein frischer Quell entsprudelt. Pflanzen wir dort ein paar Bäume! Ein immergrüner Weg soll dahinführen. So findet der müde Wanderer Schatten und Wasser. Voll Entzücken wird er rasten und die Seele segnen, die noch im Jenseits Gutes tut. Und im Verlaufe unseres Lebens wird jeder von uns hin und wieder dorthin pilgern und den Marmelstein von frischen Tränen benetzt finden, und derjenige von uns, der alle anderen überlebt, der Erbe all des Schmerzes seiner Freunde, wird ihn der Nachwelt übergeben, indem er folgende Inschrift auf ihr Grab setzen läßt:

Zum ewigen Gedächtnisse von Julie de Lespinasse, begraben am 23. Mai 1776.

 

Ihren Freunden war sie das Glück, Einem erlesenen Kreise das Band, Den schönen Künsten sich bescheidende Hüterin, Unglücklichen immerdar Trösterin.

 

Zweiundvierzig Jahre alt ist sie dahingegangen, aber ihr kurzes Leben war so reich an Gedanken, Liebe und Leid, daß es noch Jahrhunderte erfüllt.

Die Briefe der Julie de Lespinasse an den Oberst Hippolyte Grafen Guibert

1773 – 1776 .

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