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Die Leuenhofer

Ida Bindschedler: Die Leuenhofer - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
titleDie Leuenhofer
authorIda Bindschedler
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Ida Bindschedler

Die Leuenhofer

Das verlorene Büblein.

Herr Schwarzbeck stand bei der Wandtafel und sah zu, wie Gustav Brenner den Fehrenbach zeichnete, der unterhalb des Städtchens in die Illig floss.

»Nicht so, Gustav«, wehrte Herr Schwarzbeck ab. »Nicht grad wie ein Peitschenstiel. Dem Fehrenbach pressiert es gar nicht so, aus seinem netten Tälchen herauszukommen. Ihr habt ja gestern selber gesehen, wie er Umwege macht. Sieh, da etwa ist die Breitwiese ...«

»Wo wir den Baldrian und die Vergissmeinnicht gefunden haben«, riefen die Kinder ... »Da macht er doch einen Bogen, wie wenn er sich besinnen würde, ob er nicht noch einmal zurück wolle zum Wald anstatt hinunter zur Sägemühle, wo er das Rad treiben muss.«

Die Knaben und Mädchen in den Bänken horchten auf. Wie Herr Schwarzbeck so sprach, war es, als ob man noch einmal den hübschen Spaziergang durch das Fehrenbachtälchen mache. Dann fuhren sie fort auf ihre Blätter zu zeichnen. Also recht geschlängelt: und die Sägemühle nicht vergessen; es waren vier Häuser da. Wenn man gut gezeichnet hatte, durfte man das Blatt mit der farbigen Kreide ausmalen, den Bach blau, die Wiese hellgrün, den Riedenwald dunkel und die Häuser von Ried und von der Sägemühle rotbraun. Dann sah es aus wie eine Landschaft, die man von einem hohen Kirchturm herab betrachtet.

Die Fenster des Schulzimmers standen alle offen, und die Sonne schien auf den alten Holunderbusch am Haus. Es war eigentlich kein Schulhaus. Man hatte nur vor Jahren eine Stube eingerichtet für die zwei Klassen von Herrn Schwarzbeck, weil im Schulhaus drinnen im Städtchen kein Platz mehr war. Man sprach immer davon, dass ein neues Schulhaus gebaut werden müsse. Aber Herr Schwarzbeck sagte oft, seinetwegen brauche man sich nicht zu beeilen. Da draussen im Leuenhof sei es schön und gemütlich. Und die Knaben und Mädchen waren der gleichen Meinung.

Der Leuenhof war früher ein Kloster gewesen. Jedesmal, wenn im Frühjahr eine neue fünfte Klasse eintrat, wurde ihr diese merkwürdige Tatsache mitgeteilt:

»Also seht«, erklärten die Sechstklässler; »dort, wo das Holzgitter ist, war auch ein langes Stück Haus und rechts eins und links. Das gab ein Viereck; ringsherum war ein Gang; der hiess Kreuzgang, und da spazierten die Mönche und dachten an ernste Sachen. – Ja – und manchmal haben sie aber auch Brot gebacken und Käse gemacht und Bäume gepflanzt und gemalt und geschreinert und gesungen. Und dann auf einmal in einer Nacht ist das Kloster verbrannt, und nur die Seite, wo wir unser Schulzimmer haben, ist stehen geblieben.« –

Die Fünftklässler sahen einander an. Das war fein, in einer Schule zu sein, wo es einmal gebrannt hatte und wo Mönche gemalt und gesungen und Brot und Käse gemacht hatten. Mitten auf dem grünen Platz, der früher der Klosterhof gewesen war, stand eine dicke niedrige Säule und auf ihr sass ein seltsames steinernes Tier. Nach ihm hiess das Haus der Leuenhof. Denn das Tier war ein Löwe. Man hatte einige Mühe, das zu erkennen. Der dicke Kopf war verwittert, und über der Nase waren ein paar Rinnen. Wenn das Rotschwänzchen vom Holzverschlag herüberflog und sich auf den dicken Kopf setzte, sah es aus, als ob der Leu nach oben blinzle und sich ärgere, dass er den Vogel nicht abschütteln könne.

»Er sollte eine Mähne haben«, sagte einer der Fünftklässler, als er mit den anderen in der ersten Pause des neuen Schuljahres vor dem Löwen stand.

»Ja eben«, erwiderten die Grossen

»Er sieht eigentlich bloss aus wie eine recht grosse Katze«, sagte die vorwitzige kleine Sara Wiebold und zog kichernd die Achseln in die Höhe.

»Ja, wir haben es auch schon gedacht; aber hört« – und ein paar von den Grossen stellten sich vor die Fünftklässler – »das sagt man nicht! Oder wollt ihr vielleicht, dass man euch ›Katzenhofer‹ heisst, statt ›Leuenhofer?‹«

»Nein – Katzenhofer! Nein!« rief die ganze Klasse, und alle versprachen sich, man wollte es nie ausbringen, dass der Leu eigentlich wie eine dicke Katze aussehe.

Seit Herr Schwarzbeck seine zwei Klassen da draussen hatte, hiessen diese jeweilen im Städtchen die Leuenhofer und waren stolz auf den Namen.

»Die Leuenhofer kommen«, sagten die alten Frauen vom Spital beim Wendeltor, wenn das Trüpplein Buben und Mädchen nach elf Uhr lachend und schwatzend daherzog. »Jetzt geht es fast noch eine Stunde bis zum Mittagessen.«

»Es wird doch nicht schon über vier Uhr sein! Da sind ja schon die Leuenhofer«, sagte der Schneider Gutknecht am Nachmittag und zog rascher die weissen Fäden aus dem halbfertigen Überrock. Er war sehr fleissig; drum ging ihm die Zeit immer zu rasch vorbei, während sie den alten Spitalleutchen, die nicht mehr arbeiten konnten, immer zu lang vorkam.

War es nun, weil die Leuenhofer den gemeinsamen Namen trugen, oder weil sie da draussen weit weg von den anderen Buben und Mädchen des Städtchens ihr Schulzimmer hatten – sie hielten besonders fest zusammen. Sie trafen sich am Abend und an freien Nachmittagen vor dem Wendeltor auf der Grabenwiese und spielten da. Streiten taten sie manchmal auch; wenn’s so arg wurde, dass Herr Schwarzbeck es am anderen Morgen noch in der Schule merkte, so nahm er den ärgsten Streithahn vor und gab ihm wieder einmal den Denkspruch zu schreiben. Er war aus der Bibel und hiess: »Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Schwestern und Brüder einträchtig beieinander wohnen.«

»So! Auf morgen! Und damit du ein wenig länger über den Spruch nachdenkst, schreibe ihn nah zusammen und mach ein artiges Kränzlein drum herum! Die anderen sehen das Blatt dann um so lieber an; es tut ihnen auch gut!«

Der Spruch wurde für ein paar Tage an die Wand der Schulstube gehängt und kam dass in Herrn Schwarzbecks Pult, wo sich im Lauf des Jahres eine schöne Zahl solch artiger Strafzettel ansammelte.

Schlimm wurde aber der Streit der Leuenhofer Kinder nie. Sie waren eine im ganzen gutmütige muntere Schar, in den Schulstunden ziemlich fleissig, daneben immer zu Streichen aufgelegt, immer froh, wenn etwas begegnete, worüber man lachen und sich wundern konnte oder gar etwas, wobei man mitrennen und helfen musste.

Wie es so ist in jeder Schulklasse: ein paar waren bei allem die Anführer, hatten das erste Wort und machten von sich reden. Die anderen liefen so mit, ohne dass man von ihnen viel Aufhebens machte.

Also an dem Nachmittag hatten die Leuenhofer Kinder Heimatkunde und zeichneten das Fehrental, beide Klassen zusammen; nur erwartete Herr Schwarzbeck natürlich, dass die Sechstklässler die Sache besser machten als die Fünftklässler.

Da klopft es an die Türe. Alle Buben und Mädchen hoben die Köpfe. Herr Schwarzbeck hatte gar nicht Zeit, zur Türe zu gehen; sie wurde rasch aufgemacht und eine Frau trat herein. Ein paar Kinder kannten sie. Es war Frau Müggler von der Sonnengasse. Sie sah hastig nach allen Seiten:

»Nichts für ungut, Herr Schwarzbeck«, sagte sie, »aber ich laufe schon den ganzen Nachmittag herum in einer Angst – ist es nicht da? – Da auch nicht? – Herr Jesus, mein Büblein.« Sie fing an zu schluchzen. »Ich habe gedacht, ich finde es vielleicht hier. Es ist vorgestern und gestern hinter ein paar von Ihren Schulkindern dreingelaufen, bis vors Wendeltor hinaus.«

»Wisst ihr etwas von einem Büblein?« fragte Herr Schwarzbeck die Kinder. – »Wie sieht es denn aus? Wie alt ist es?« – »Im Januar ist es zwei Jahre alt gewesen; reden tut es noch nicht; aber laufen kann es schon fast wie unsereins. Man hat vom Morgen bis zum Abend seine Not.«

»Ist es blond?« fragte Herr Schwarzbeck.

»Nein, nein, braun. Mein Gott, wenn die Grossmutter es wüsste; – wo soll ich es doch noch suchen? Die Nachbarsleute meinen, es sei vielleicht in den Schättenwald hinausgelaufen, wo wir am Sonntag mit ihm waren oder zu meiner alten Base an der unteren Mauer; aber wie soll ich an alle Orte zugleich hinlaufen! O du lieber Gott«, weinte sie von neuem auf.

Die Buben und Mädchen in den Bänken hörten mit grösstem Interesse zu und fingen, da Herr Schwarzbeck nicht wehrte, laut an, über die Sache zu reden.

»Ein Büblein verloren gegangen«, ging es durch die Mädchenbänke. »Unser Klärli ist letzthin auch fortgelaufen!« »Ja und mich hat man einmal lang suchen müssen, als ich klein war. Man hat schon gemeint, ich sei zur Illig hinuntergelaufen und ertrunken.« – Die Mädchen hielten inne und sahen nach der Frau.

»Ein Büblein verloren gegangen«, ging es auch bei den Buben hin und her. Im Schättenwald sei es vielleicht – der ist furchtbar gross. »In Grumikon haben sie einmal anderthalb Tage lang ein Kind gesucht in der Gemeinde herum. Da ist die ganze Sekundarschule ausgezogen; mein Vetter war dabei. Sie hatten ein Horn und mussten sich immer wieder sammeln.« In alle Buben kam plötzlich ein Gedanke.

»Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck«, riefen sie und legten sich über die Bänke mit hochgestreckten Zeigefingern.

Herr Schwarzbeck hatte versucht, die Frau zu trösten und sich sagen lassen, wo sie überall gesucht habe.

»Herr Schwarzbeck – dürfen wir in den Schättenwald; wir finden es gewiss. Felix Kleinhans hätte eine Trompete.« –

Herr Schwarzbeck winkte ab. Nicht so ungestüm. Die Frau Müggler aber sah Herrn Schwarzbeck flehentlich an.

»Ja, wenn die Buben alle im Schättenwald suchen würden. Ich stehe solch eine Angst aus«, schluchzte sie in ihr Taschentuch. »Es hat eine grüneingefasste Wachstuchschürze und graue Höslein und also braune Härlein und Augen und rote Bächlein hat’s.«

Herr Schwarzbeck zog die Uhr heraus; es war in zehn Minuten vier Uhr; einen Augenblick überlegte er.

»Wollt ihr versprechen, vernünftig zu sein und genau zu tun, was ich euch sage?« –

»Ja, ja«, riefen die Buben.

»Wir auch, Herr Schwarzbeck«, riefen nun von der anderen Seite die Mädchen; »wir möchten auch mit in den Schättenwald.« –

Unter den Buben entstand ein Gebrumm.

»Wir können so gut suchen wie ihr«, riefen die Mädchen hinüber, »und mit einem kleinen Büblein können wir doch besser umgehen, nicht wahr, Herr Schwarzbeck. Vor so lauter Buben fürchtet er sich vielleicht.« –

»Ssst«, mahnte Herr Schwarzbeck.

»In keinem Falle stürmen mir alle 37 miteinander zum Schättenwald hinaus. Die sechste Klasse, Buben und Mädchen, übernehmen das.« –

»Seht ihr!« riefen triumphierend die Mädchen der drei hinteren Bänke.

»Die Buben der fünften Klasse suchen mit mir in der Riedau.« –

»Sie sind ein guter, Herr Schwarzbeck«, schluchzte die Frau. –

»Und die Mädchen der fünften Klasse gehen heim und sagen im Städtchen, warum die anderen noch nicht heimkommen. Verteilt die Botengänge selber unter euch.«

Die Fünftklässlerinnen waren nun zuerst etwas enttäuscht; aber überall, wo man es noch nicht wusste, von dem verlorenen Büblein erzählen, dass man es im Schättenwald und in her Riedau suche, war auch etwas. –

Herr Schwarzbeck sagte der sechsten Klasse, wie sie vorgehen solle im Schättenwald. »Ihr braucht einen Anführer – Ernst Hutter kennt den Schättenwald, glaub ich, am besten und übernimmt die Oberaufsicht.

Teilt euch in drei oder vier Gruppen, sucht immer wieder einen Platz ab und sammelt euch wieder, wenn Ernst euch das Zeichen gibt; weit kann das Büblein ja nicht gekommen sein. – Walter Kienast, du hast eine Uhr; nun ja, Felix, hol deine Trompete im Vorbeiweg. Nach längstens anderthalb Stunden kommt ihr zurück in die Mahlergasse, hört du, Ernst, auch wenn ihr das Kind nicht findet.

Ich hoffe immer noch, dass es irgendwo in der Nähe steckt. Wer weiss, es ist vielleicht schon jetzt wieder zu Hause. Geht durch die Sonnengasse zur Sicherheit.«

Die Frau Müggler war schon vorangeeilt in ihrer Unruhe und auch in der leisen Hoffnung, ihr Hermännli vielleicht vor ihrer Türe zu finden.

Aber als sie gegen ihre Wohnung in die Sonnengasse kam, standen da bloss ein paar Frauen.

»Ach herrjeh, sie bringt es nicht! Sie hat es nicht gefunden«, jammerten sie. »Wo kann es nur auch sein? Jetzt muss man denn bald an etwas Schlimmes denken.«

»Also vorwärts!« sagte Ernst Hutter, der mit seiner Schar hinter der Frau hergekommen war.

Vom Ende der Sonnengasse führte eine gerade lange Strasse zum Schättenwald.

»Eigentlich wäre es fast schade gewesen, wenn man das Büblein schon gefunden hätte. Dann könnten wir nicht in den Schättenwald«, sagte Netti Tobel, die eifrig neben den anderen Mädchen herschritt.

»Aber Netti, Netti, du bist doch grässlich«, riefen die Freundinnen empört. »Wo die Frau so eine Angst hat.« –

Netti schämte sich ein wenig. »Ich meine nur, es ist dann so nett, wenn wir das Büblein finden und in die Sonnengasse bringen können.«

»Ja«, rief Ernst Hutter von hinten hervor. »Dann muss man sich aber auch Mühe geben und suchen – nicht nur so gradaus laufen.« Er hielt suchend still an einem Seitenweg, an dem links und rechts ein paar Häuser standen.

»Natürlich«, sagte Eva Imbach, die von den Mädchen als ihr Oberhaupt angesehen wurde, weil sie klug und entschlossen war und meistens das beste Zeugnis hatte, »natürlich, wir müssen da nachsehen. Das Büblein könnte wohl in so ein Haus gelaufen sein.«

Die Buben gingen ins Haus rechts, die Mädchen in das links. Sie kamen in einen kleinen Hof. Schon schrien alle acht Mädchen auf, als sie in einer Ecke ein kleines Kind mit einer Wachstuchschürze entdeckten, das sie aus einem verschmierten Gesichtchen erstaunt ansah.

Aber da erhob sich eine alte Frau; sie hatte vor sich einen Wagen stehen, in dem zwei ganz kleine Kinder lagen.

»Wir suchen ein Büblein« sagten die Mädchen, »ein Büblein, das sich verlaufen hat.«

»So so, ein Büblein«, sagte die Frau. »Könnt ihr kein Maitelein brauchen? Wart, Mareili, wenn du nicht brav bist und die Grossmutter den ganzen Tag plagst, so nehmen dich die Kinder da mit und tun dich in den Wald hinauf, in den dunklen.«

Das Mareili machte grosse Augen und schien fast Lust zu haben, die Strafe anzutreten. Aber die Mädchen lachten; sie wollten im Walde ein Kind holen, keines hinaufbringen. Sie liefen hinaus zu den Buben, die auch zurückkamen.

Es ging weiter. Die meisten eilten in den Wald zu kommen. Aber Ernst Hutter und Eva Imbach bestanden darauf, dass man hinter allen Büschen nachsehe. Im Felde bewegte sich etwas; als die Buben drauf los wollten, war es eine weiss und schwarze Katze, die den Mäusen nachging.

Von einem Büblein war nichts zu entdecken. Auch im Walde nicht, wo Ernst Hutter nun anordnete, wie gesucht werden müsse und unter welchem Baume Felix Kleinhans mit seiner Trompete von Zeit zu Zeit das Signal zum Sammeln zu geben habe. Es war etwas schwierig, Ordnung zu halten.

Die Mannschaft wurde übermütig. Hans Kündig war auf einmal oben auf einer jungen Eiche und behauptete, als Ernst Hutter ihn herunterrief, er könne weit herum sehen; es sei sehr nützlich, wenn er da oben bleibe.

Den Mädchen musste Ernst Hutter verbieten, Blumen zu pflücken. Er schichte sie den Waldrand entlang, während er selbst mit seinen drei oder vier anderen Genossen einen Tannbestand absuchen wollte.

Plötzlich sah man die Mädchen, Eva Imbach voran, einen Rain hinunterrennen.

»Was tun sie denn?« sagte Ernst und runzelte die Stirne, wie ein Hauptmann, dessen Soldaten seine Befehle nicht richtig ausführen. Er rief und befahl dann, ein Zeichen mit der Trompete zu geben. Aber die Mädchen waren hinter den Büschen eines Hohlweges verschwunden.

»Man hat doch gesagt, man suche zuerst den Wald ab. Eva hat immer einen eigensinnigen Kopf, und die anderen laufen ihr nach.«

Ernst Hutter befahl dreien von seinen Leuten, dass sie die Mädchen heraufholen. Aber schon wurden diese wieder sichtbar, dicht zusammengedrängt; aber man konnte nicht erkennen, was sie hatten; man hörte sie laut durcheinander rufen. Als sie näher kamen, sah man, dass Netti, umringt von den anderen, ein kleines Kind trug. Das Kind schrie mörderlich.

»Wir haben es; wir haben es!« riefen die Mädchen den Buben zu, die ihnen entgegenliefen. »Wir haben gedacht, es könne etwa in das Haus da unten gelaufen sein und sind hinuntergerannt. Und da auf einmal sahen wir es am Wegrand unter einem Busch ganz allein, das arme Büblein.«

»So, du armes Trütscheli«, sagte Netti zärtlich. »Jetzt sei nur still. Jetzt bringen wir dich deiner Mutter. Gelt du, zur Mutter.« Die Knaben kamen alle herbei und betrachteten den Fund.

Es war ein dicker, kleiner Bub mit kurzgeschorenem Haar.

»Das ist jetzt erst noch die Frage, ob es der Frau Müggler ihr Hermännli ist«, sagte Walter Kienast. »Habt ihr ihn gefragt, wie er heisse?«

»Er gibt keine Antwort; er schreit nur. Frau Müggler hat ja gesagt, er rede noch nicht viel. Man sieht aber doch an den grauen Höslein, dass er es ist und an der schwarzen Wachstuchschürze da, grün eingefasst.«

»Wegen dem!« erwiderte Walter. »Es haben viele kleine Buben solche Wachstuchschürzen und graue Höslein.«

»Aber du siehst doch vielleicht, dass er rote Backen hat und braune Haare, und ganz allein ist er da unten gewesen und hat geweint.«

Die Buben waren jetzt überzeugt. Lieber wäre es ihnen gewesen, sie hätten statt der Mädchen den Kleinen gefunden; aber es war doch wenigstens die sechste Klasse; es waren doch die Leuenhofer, die das verlorene Kind ins Städtchen zurückbrachten.

Das Büblein hatte einen Augenblick zu weinen aufgehört und den grünen Buchenzweig in die Hand genommen, den eines der Mädchen ihm hingehalten hatte. Jetzt fing es aufs neue jämmerlich an zu schreien, warf den Zweig hin und strampelte so auf Nettis Arm, dass sie es kaum mehr halten konnte.

»Stell es nur hin«, sagte Walter Kienast. »Es könne ja so gut laufen, hat seine Mutter gesagt.« Netti wollte das Büblein auf den Boden stellen, und mehr als ein Dutzend Hände streckten sich, um es zu führen. Aber es setzte sich auf den Boden. »Nei, nei«, schrie es aus allen Kräften. »Dodi, Mem, Mem.«

»Dodi, das heisst gewiss Grossmutter«, erklärte Ottilie Eggenberg, »unser kleines Schwesterchen sagt auch immer so.«

»Also, dann müssen wir es halt doch tragen«, entschied Ernst Hutter und wollte es aufnehmen.

»Nein, halt, nicht!« riefen die Mädchen; »wir haben es gefunden; wir dürfen es tragen.«

»Das ist noch nicht ausgemacht«, entgegneten die Buben. »Uns ist es eingefallen, dass wir das Büblein suchen könnten. Uns hat es Herr Schwarzbeck erlaubt. Ihr habt nur so mitdürfen!«

Die Mädchen aber standen wie ein Wall um den Kleinen und wehrten die Buben ab.

»Komm, komm«, versuchte Ottilie Eggenberg den Kleinen zu trösten und aufzunehmen. »Komm! Gelt, du willst lieber mit und gehen als mit den Buben, gelt?«

zu gleicher Zeit war aber auch Hedwig Bühler hingekauert.

»Lass es doch mich tragen! Ottilie! Ich möchte es auch ein wenig haben.«

Ottilie liess nicht los und hielt das Büblein oben, während Hedwig an den dicken Beinchen zog.

»So –! Reisst es jetzt noch auseinander«, sagte Walter Kienast. »Jetzt nimmt mich doch wunder, ob es bei uns noch lauter brüllen würde als bei euch!«

Schliesslich wurde ausgemacht, dass Ottilie das Büblein bis zu dem Baum dort unten trage und von da an Hedwig Bühler und die anderen Mädchen der Reihe nach. Ernst Hutter aber von den ersten Häusern bis zur Sonnengasse, damit man sehe, dass die Buben auch beteiligt waren bei der Sache.

Ins Haus sollte dann Eva das Büblein tragen.

So ging es die Schättenwaldstrasse hinunter. Abwechselnd suchten die Buben und Mädchen das Büblein zu unterhalten. Felix Kleinhans nahm ein Blatt vor den Mund und brachte wunderbare Töne zustande. Das Büblein horchte ein paar Augenblicke mit offenem Mäulchen; dann schnaufte es auf, als ob es sich besänne, dass es ja eigentlich zu schreien habe und hob von neuem an. Auch das süsse rote Zeltchen, das Netti Tobel ihm zwischen die Zähnchen steckte, hielt nicht lang.

»Nei, nei, Dodi, Mem!« weinte der Kleine auf einmal wieder und spuckte das Zeltchen heraus.

So kam man ins Städtchen.

»Bsst, bsst«, suchte Eva Imbach, die nun an der Ecke der Sonnengasse den Kleinen übernahm, zu beschwichtigen. »Nun sind wir gleich bei der Mamma, gleich, gleich.«

Vor den Häusern standen da und dort Leute. Die Kinder hielten sich nicht auf; aber sie hörten, wie ein alter Mann sagte: »Aha, da bringen sie der Frau Müggler ihr Hermännli. Es sind die Leuenhofer.«

Ottilie Eggenberg zeigte das Haus der Frau Müggler. Die Buben und Mädchen schritten in geschlossenen Reihen dicht neben und hinter Eva Imbach her. Wie das fein war, nun der Frau Müggler ihr Büblein zurückzubringen. Und dann nachher den Leuten, besonders Herrn Schwarzbeck, zu erzählen, wie es gegangen war und wo man den Kleinen gefunden hatte, wenn Herr Schwarzbeck heraufkäme von der Riedau.

Ottilie trat voraus in den Hausgang und klopfte an die Türe.

»So«, sagte Eva zu dem Büblein, das um sich guckte, und stellte es auf den Boden. »Gelt, wie gut, dass du jetzt bei der Mutter bist.« –

Ottilie Eggenberg machte die Türe auf und schob den Kleinen vor sich her, und alle Buben und Mädchen drängten in die Stube hinein.

Aber welche Überraschung und Bestürzung! In der Stube, umringt von drei oder vier Frauen stand Frau Müggler und hatte – die Leuenhofer Buben und Mädchen trauten ihren Augen nicht – schon ein anderes Büblein auf dem Arm, auch mit einer grün eingefassten Wachstuchschürze und grauen Höslein, mit braunem Haar und roten Bäcklein. – Die Leuenhofer Buben und Mädchen standen starr.

Die Frauen aber drehten sich zur Türe. »Ja, Kinder, was wollt ihr denn? – Wir haben das Hermännli schon lange. Es ist zu seiner Grossmutter gelaufen, und die ist nicht zu Hause gewesen, und da ist das Hermännli eingeschlafen im Gartenhäuschen unter der Bank. Aber was ist jetzt das für ein Kind – du mein Trost, wo habt ihr denn das her?« –

Die Leuenhofer Buben und Mädchen wussten gar nicht wohin schauen vor Beschämung und Verlegenheit.

Nur mit Mühe brachten die Frauen aus ihnen heraus, wo die das Büblein gefunden. »Der Ernst Hutter, der muss es sagen«, flüsterten die hinteren; »der ist ja der Anführer, ja und die Eva, die Eva ist vorausgerannt, dort hinunter.« –

Frau Müggler stellte ihr Büblein hin und nahm das andere, weinende auf den Arm. »Du armes Tröpflein«, sagte sie, »haben die dich nur so fortgetragen –. Aber auch! Aber auch!« Sie zog ihrem Hermännli das weisse Wollschäfchen aus der Hand und reichte es dem kleinen Fremden. Der hörte auf zu weinen; er fühlte sich besser da auf dem Arm von der Frau. Die Kinder, die hatten ihn so merkwürdig fest gepackt, gar nicht, wie er es gewohnt war.

Statt des fremden Bübleins erhob nun natürlich das Hermännli ein Zetergeschrei.

Frau Müggler gab ihm einen kleinen Klapps. »Sei du nur still, du kleiner Nichtsnutz, hast mir so eine Angst gemacht!«

Aber dann wandte sie sich zu den Leuenhofer Kindern, die verlegen sich an der Türe herumdrückten. »Jetzt nehmt halt den Weg noch einmal unter die Füsse so rasch ihr könnt und tragt das Büblein wieder hinauf zur Schättenhalde. Wenn ich denke, dass jetzt seine Mutter es überall sucht, wie ich meines! Herrjeh, Kinder, was habt ihr doch angestellt!« –

Sie wollte das Büblein dem vor ihr stehenden Felix Kleinhans auf den Arm geben: »Da, du bist der grösste.« Felix aber drehte sich um, zu den Hintenstehenden. »Es muss wieder der Reihe nach gehen wie vorher. Und da ist es noch nicht an mir; ich bin erst der 7. oder 8. gewesen.« »Die Mädchen können es jetzt wieder nehmen«, neckte Walter Kienast; »sie haben es ja durchaus nicht hergeben wollen am Anfang, und sie haben es überhaupt ja gefunden.« Aber die Mädchenarme streckten sich diesmal nicht so eifrig aus, und die kleinen dicken Beinchen kamen nicht in Gefahr. Es war doch wirklich zu arg, das Büblein jetzt wieder durch das ganze Städtchen zu tragen und sich von den Leuten auslachen zu lassen.

Da trat Ernst Hutter tapfer herzu und nahm das Büblein vom Arm der Frau.

»So«, dachten die anderen erleichtert; »wir brauchen überhaupt gar nicht alle mitzugehen«, und vier oder fünf von der Schar machten Miene sich zurückzuziehen.

Aber Eva Imbach und ein paar andere stellten sich vor sie hin:

»Halt, so geht das nicht! Wir müssen alle mit, die ganze Klasse. Natürlich! Und jedes kommt der Reihe nach dran. An der Ecke, beim Hecht nehme ich das Büblein wieder – das sind mir Schöne, die jetzt weglaufen wollen.« –

Beschämt gaben die paar ihre Ausreissergedanken auf und schlossen sich Ernst Hutter an. Die Frauen traten auch unter die Türe, um dem kleinen Zug nachzusehen.

Aber er kam nicht weit. Von der Eiergasse herauf nahte ein Trupp Knaben. Es waren die Fünftklässler. Als sie Ernst Hutter mit einem Büblein auf dem Arm erblickten, erhoben sie ein Jubelgeschrei und rannten dann zurück zu Herrn Schwarzbeck, der hinter ihnen auftauchte. »Sie haben es!« schrien sie. »Ernst Hutter trägt es auf dem Arm.«

Umsonst suchten die Sechstklässler sie abzuhalten: »Seid doch still; es ist ja ein falsches.«

Die Fünftklässler hörten nicht: »Sie haben es! Sie haben es, Herr Schwarzbeck! Hurra!«

Die Leute von der Eiergasse und von der Sonnengasse kamen heraus, und einer fragte den anderen, was das Geschrei bedeute.

Die Sechstklässler hätten grad mögen in den Boden sinken; aber das holperige Pflaster der Eiergasse tat sich nicht auf, und Herr Schwarzbeck kam in raschem Schritt und mit freudigem Gesicht auf die Schar zu. Doch als ob die Lage der Sechstklässler noch nicht fatal genug wäre, eilte vom Ende der Mahlergasse eine Frau herzu mit weissem Kopftuch. Zwei junge Mädchen wiesen ihr den Weg: »Da hinunter sind sie mit ihm. Aber dort stehen sie ja!«

Die Frau lief herbei und riss Ernst Hutter das Büblein aus dem Arm. »Theodorli, mein Büblein! Gottlob, Gottlob!« Sie drückte ihr Kind ein paarmal an sich und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann aber wandte sie sich zornig zu den Buben und Mädchen.

»Jetzt möchte ich aber doch wissen, was das für eine Art ist, aus lauter Übermut oder Bosheit oder was weiss ich, das Kind fortzutragen; ihr sollt aber noch etwas erfahren; ich will schon dafür sorgen, dass ihr gehörig gestraft werdet.«

»He, aus Bosheit haben sie es nicht getan«, beschwichtigte eine der Frauen die Mutter und erklärte ihr den Irrtum der Kinder.

So leicht liess aber diese sich nicht beruhigen. »Man trägt doch so ein armes Kind nicht nur mir nichts dir nichts fort. Das Haus wäre nicht weit gewesen, wo ihr hättet fragen können. So dumme Kinder gibt es doch gewiss weit und breit nicht mehr.«

Die Sechstklässler senkten ihre Köpfe noch tiefer. Es war schrecklich, vor allen Leuten und vor den Fünftklässlern das anhören zu müssen.

»Ich wollte mit dem Theodorli auf unseren Kartoffelacker hinaus«, wandte sich die Mutter des Bübleins zu den Frauen. »Da sehe ich unterwegs, dass die Hacke gar nicht mehr ordentlich im Stiel hält und muss wieder zurück. Und weil das Büblein so langsam ist, setze ich es an den Wegrand. Es ist so ein braves und läuft nie fort. Gelt Dodi!«

Sie fasste das dicke Händchen, das auf ihrer Schulter lag.

»Und wie ich mit der besseren Hacke am Garten vorbeigehe, sehe ich, dass die tausends Hühner wieder drin sind. Das hat mich ein wenig versäumt. Und grad in der Zeit muss es geschehen sein! Der Schrecken, den ich gehabt! Ich habe gar nicht gewusst, was denken und was tun. Ringsum hab ich gesucht und gerufen. Da ist ein Mann gegen den Schättenwald herauf gekommen und der hat mir gesagt, er meine, er habe eine Schar Buben und Mädchen mit einem schreienden kleinen Kind gegen das Städtchen hinunter gehen sehen. Da bin ich dahergelaufen; aber auf dem Weg hab ich immer gedacht, es sei gewiss doch nicht meines. Das würde man doch nicht wegtragen. Kinder stehlen tun heutzutage doch nur noch Zigeuner. Nein, was hab ich für eine Angst ausgestanden! Und mein Theodorli auch. Nur so davonrennen mit so einem armen unschuldigen Kindli.«

Die Buben und Mädchen sahen schuldbewusst vor sich nieder. Es kam ihnen jetzt selber recht unsinnig vor, was sie getan. Und die Mädchen sahen nach dem Büblein, dessen Gesichtern noch ganz verweint aussah – dem warmherzigen Netti und ihrer Freundin Ottilie liefen vor Reue und Mitleib ein paar Tränen über die Backen.

»Eine gehörige Strafe verdient ihr, dass ihr’s nur wisst!« redete die Frau sich von neuem in den Zorn. »Es wird am besten sein, ich gehe zu eurem Schullehrer, dass er erfährt, was ihr für Leute seid. Wie heisst er? Wo wohnt er? So redet!«

»Der ist leicht zu finden. Da steht er schon«, sagte Herr Schwarzbeck und trat vor die Frau. Er hatte zugehört, ohne etwas zu sagen. Er fand, seine Sechstklässler verdienten schon eine Strafpredigt. Und zur Abwechslung könne sie ja einmal statt seiner von jemand anderem gehalten werden.

»Es tut mir leid, dass meine Leutchen Ihnen einen solchen Schrecken und solch eine Angst gemacht haben. Euch tut es auch leid, nicht wahr?«

Er drehte sich nach den Kindern um.

»Ja, ja«, riefen diese schon etwas erleichtert, obgleich Herr Schwarzbeck ein ernstes Gesicht machte.

»Was fängt man nur mit euch an, ihr Wettersbuben und Mädchen«, sagte der alte Buchbinder Häberlein, der dabei stand. Er machte die Hefte für die Leuenhofer und lieferte die Federn und Bleistifte. Da durfte er schon ein wenig mitreden. »Man sollte euch, weil die Frau so Zeit versäumt hat, morgen auf den Kartoffelacker schicken, jedes mit einer Hacke, zum Unkraut austun, von vier bis sieben Uhr.«

Alle Umstehenden lachten. Die Fünftklässler, die mit grossem Interesse der Verhandlung folgten, riefen vergnügt: »Dann dürfen wir aber auch mit, nicht wahr, Herr Schwarzbeck!«

Die Frau von der Schättenhalde – sie hiess Herber – aber wehrte: »Ja, noch gar, die ganze Schar! Das wäre mir etwas! Wenn sie das Jäten so gut verstehen wie das Kindersuchen, so hätten wir um sieben Uhr wahrscheinlich wohl noch Unkraut, aber keine Kartoffeln mehr.«

Wider Willen musste sie selber doch ein wenig lachen.

Diese bessere Stimmung benützte Frau Müggler und trat mit ihrem Hermännli näher zu ihr hin.

»Sehen Sie, jetzt verraucht der Zorn schon. Kinder sind halt Kinder. Man weiss ja, was für dummes Zeug man selber gemacht hat in der Jugend. Es ist ihnen arg genug. Man sieht es. Ein anderes Mal fahren sie gewiss nicht mehr so drein.

Und die Hauptsache ist doch, dass wir unsere Büblein wieder haben, Sie das Ihrige und ich das meine.«

»Und das ist wahr«, sagte eine von den Frauen, »gleichen tun sich erst noch die beiden merkwürdig, dieselben Härlein und rote Bäcklein! Man weiss nicht, welcher der nettere ist, das Hermännli oder – wie heisst es – das Theodorli.«

Der kleine Held von der Schättenhalde, der sich jetzt geborgen auf dem Arm seiner Mutter fühlte, sah mit seinen runden braunen Augen auf die Kinder herab. Netti tätschelte verstohlen sein Händlein. Da lachte das Büblein sie ganz freundlich an.

»Sehen Sie, Frau Horber, sehen Sie«, riefen die Frauen. »So müssen Sie es auch machen. Jetzt hat das Büblein schon vergessen, was die Kinder ihm angetan haben. Wie herzig es lacht.«

»He, also dann«, sagte Frau Horber zögernd, »so will ich machen, dass ich wieder heimkomme; mein Mann wird sowieso nicht wissen, warum ich nicht in die Kartoffeln gekommen bin.« »Da sag deinem Freund ade«, sagte Frau Müggler und hielt ihren Kleinen, der sein Schäfchen wieder erobert hatte, zu dem Schättenwalder Büblein empor, »und wenn du nicht so ein eigensinniger Schreihals wärst, so müsstest du ihm dein Schäfchen mitgeben, als Andenken an die Geschichte.«

»Ich hab ein Schäfchen zu Haus – ich bring es ihm herauf morgen nachmittag«, rief Netti. »Es hat auch so ein Glöcklein,«

»Und ich komme mit dir«, erklärte Eva. »Meine Mutter hat heut Anisstengel gemacht; da gibt sie mir ein paar für das Büblein.«

»Wir gehen auch mit, wir auch!« riefen drei oder vier andere. »Ich schenk ihm meinen Gummiball und ich hab ein Pfeifchen für ihn.« Die Leute lachten.

»Das gibt ja eine ganze Bescherung. Jetzt sehen Sie, Frau Horber, dass das keine Räuber sind. Statt Lösegeld für das geraubte Kind zu verlangen, bringen sie ihm Geschenke dar.«

Dann aber löste sich der Knäuel von grossen unk kleinen Leuten, und Frau Horber nahm mit ihrem Büblein den Weg zum Tor hinaus. Die Mädchen, als sie sahen, dass das kecke Netti neben der Frau herging und plauderte, gaben auch noch ein Stück weit das Geleite und erzählten dem Büblein, was es morgen alles bekomme.

Die Buben aber gingen dem Marktplatz zu. Etwas kleinmütig hörten die Sechstklässler den Fünftklässlern zu, dass sie in der Riedau einen Fuchs gesehen hätten und zwei Männer in einem Schiff und ein Feuer, an dem ein paar Kesselflicker sassen und was alles an Merkwürdigkeiten.

In der Sonnengasse sprach man noch einige Zeit von der Geschichte, und die Buben und Mädchen wurden oft geneckt. Wenn ein kleines Kind recht unartig war, so sagte etwa seine Mutter im Spass zu ihm:

»Wart, wenn du nicht brav bist, so kommen die Leuenhofer und holen dich!« –

Das Hochwasser.

Seit ein paar Tagen regnete es unaufhörlich. Die ganze Nacht hindurch goss und rauschte es fort, und die alten Leute, die nicht mehr so fest schliefen, horchten auf. »Immer noch! Immer noch,« dachten sie; »es wird doch nicht etwa ein Hochwasser geben, wie damals, wo es die Brücke von Ferlikon weggerissen und das ganze Dorf überschwemmt hat. Mein Gott! und die Leute, die drunten in der Riedau wohnen: Kann es denn gar nicht mehr aufhören!«

Die Kinder, wenn sie schnell einmal erwachten, hörten das Rauschen und Plätschern auch.

»Du«, rief Gustav Brenner von seinem Bett dem gegenüber schlafenden, älteren Bruder zu – »vor der Schule rennen wir noch zur Ecke beim Doktorsgarten. Dort sieht man die Mauer, wo man angestrichen hat, wie hoch allemal das Wasser gestiegen ist.«

»Glaubst du, dass es so hoch wird, wie vor 15 Jahren? Ich wollte, ich wäre damals dabei gewesen!«

Und in einer anderen Ecke des Städtchens war in ihrer Schlafstube Sara Wiebold auch einen Augenblick erwacht.

»Wie das tut! Die Josephine bei Mettgers hat gesagt, beim letzten Hochwasser habe man keine Schule gehabt zwei Tage lang!« Sara wollte sich ausdenken, was man alles unternehmen könnte an einem schulfreien Vormittag; aber ehe sie sich’s versah, war sie wieder eingeschlafen.

Am anderen Morgen, als die Brennerbuben und noch andere zum Doktorsgarten kamen und über die Mauer hinübersahen, bemerkten sie, dass die Illig seit gestern abend stark gestiegen war. Gelbbraun wälzte sich das Wasser daher.

Die Männer, die auch dastanden, machten ernste Gesichter und sahen zum Himmel hinauf, der mit einförmigem Grau verhängt war, und von dem es heruntergoss wie gestern und vorgestern. Die Leuenhofer aber rannten durch das Städtchen zur Schule.

Von den Dächern plätscherte es herunter, und es war sehr lustig, wenn man den Schirm unter solch einen Wasserfall hielt; das trommelte prachtvoll.

In der Schule erzählten die Kinder, die vom unteren Städtchen kamen, in der Riedau fingen die Leute an auszuziehen; im Keller vom Schuhmacher Burnlich stehe schon das Wasser.

Weil Herr Schwarzbeck merkte, dass die Gedanken seiner Buben und Mädchen alle nur bei dem steigenden Wasser waren, so fasste er sie an diesem Zipfel. Er sprach mit ihnen von den starken Sommerregen und von der Illig und wo sie herkam und wo sie hinging und was sie früher schon für Schaden angerichtet. Und die Kinder durften auch sagen, was sie wussten, und dann gab es einen Aufsatz über das Gesprochene. –

Am Nachmittag kamen die Kinder noch aufgeregter in die Schule: Am Fabrikweiher oben seien die Leute schon den ganzen Tag bei der Arbeit, weil man Angst habe, der Damm breche durch.

Ja, und am Seckelweg haben sie eine Menge abgehauene Tannen; die hängen sie an Ketten und Stricken ins Wasser – damit das Wasser nicht den Weg fortreisst.

Ja, und von Ferlikon ist eine Frau gekommen, die hat gesagt, man habe schwere Wagen mit Sand und Steinen auf die Ferlikoner Brücke gestellt – weil das Wasser immer noch steige.

Als letzter aber kam der pausbackige Fünftklässler Hermann Steininger hereingerannt.

»Im Keller von meiner Grossmutter steht das Wasser schon so hoch!« meldete er triumphierend und streckte den Arm aus.

»O, das ist schlimm«, bedauerte Herr Schwarzbeck.

»Ja, die Grossmutter hat geweint, und wir haben ihr geholfen, den Keller auszuräumen; die grosse Waschgelte ist geschwommen.«

Hermanns rundes Gesicht strahlte vor Vergnügen. »Ich bin hineingestiegen und habe mit einem Stecken gerudert und gestachelt. Im ganzen Keller bin ich herumgefahren.«

»Oh, oh«, riefen die Kinder, aber nicht wie Herr Schwarzbeck im Ton des Bedauerns. So in einer Waschgelte zu fahren wie in einem Schiff, das musste fein sein!

Dann aber brachte Herr Schwarzbeck die Kinder doch dazu, den Ernst und den Schrecken einer wirklichen Überschwemmung zu begreifen.

Er erzählte ihnen von der tapferen Johanna Sebus, die ihre Mutter aus dem Wasser errettete und dann noch einmal durch das brausende, furchtbare Wasser watete, um auch die Nachbarin mit ihren drei kleinen Kindern zu holen.

Und dann schlug Herr Schwarzbeck sein Buch auf und las das Gedicht, in dem Goethe diese Heldentat geschildert hat. Das war schön.

»Du«, sagte Ottilie Eggenberg leise zu Eva, »das ist besonders schön, dass einmal ein Mädchen so tapfer war.« Eva nickte; gespannt horchten sie weiter.

Wie das schaurig klang:

»Der Damm zerreisst, das Feld erbraust,
Die Fluten wühlen, die Fläche saust.«

und dann, wie Johannas Mutter voll Angst frägt:

»Verwegen ins Tiefe willst Du hinein?«

Und Johanna entschlossen antwortet:

»Sie sollen und müssen gerettet sein!«

Wie furchtbar aber ging das Gedicht weiter: Johanna Sebus konnte die Familie nicht mehr retten. Die Wellen waren zu gewaltig. Ein Kind hielt sich noch am Horn der Ziege; dann versanken sie alle in der wirbelnden, schäumenden Tiefe. Und Johanna Sebus selbst, die tapfere hochherzige Johanna Sebus, war auch verloren; auch sie wurde von den wilden Wassern weggerissen und wurde nicht mehr gesehen.

Wie traurig war das und zugleich wie prachtvoll; so mutig, so heldenhaft möchte man auch einmal sein!

Von drei bis vier war Zeichnenstunde.

»Herr Schwarzbeck, könnten wir nicht Johanna Sebus mitten in dem Wasser und das Haus der armen Frau zeichnen?« fragten die Sechstklässler.

»Wär’s nicht doch schade für das schöne Gedicht und die grosse Sache, wenn ihr mit eurer kleinen Kunst daran ginget?« erwiderte Herr Schwarzbeck.

»Versucht die Brücke von Ferlikon zu zeichnen .... Die Brücke von Ferlikon kennt ihr doch alle? – Nun stellt ihr ein paar Wagen darauf.«

»Ja, und unten das Wasser«, riefen die Buben und Mädchen. »Oder wie das Wasser schon über die Brücke läuft! Mit dem blauen Farbstift das Wasser. Nein, natürlich mit einem graubraunen!«

Mit Eifer ging es an die Darstellung der beschwerten Ferlikonerbrücke. Nur Hermann Steininger durfte, weil er gar so gern mochte, den Keller seiner Grossmutter zeichnen und sich selbst als kühnen Schiffer in der grossen Wassergelte.

»Wenn es schön wird, so schenke ich es der Grossmutter zum Andenken an die Überschwemmung«, sagte er vor sich hin, während er versuchte, die Kellertreppe anzubringen und die Grossmutter darauf mit ängstlich erhobenen Händen.

Herr Schwarzbeck ging durch die Bänke und half hier und dort. Aber die meisten Blätter fand er gut.

Fast hätte es den Kindern leid getan, als es vier Uhr schlug. Aber es war nun doch sehr fein, dass man hinaus konnte, um das Hochwasser in Wirklichkeit zu sehen.

Wo wollte man zuerst hin?

Die Sechstklässler liefen nun, was sie konnten, zum Städtchen hinein und die Fischergasse, die zur Riedau führte, hinunter. Wie es da aussah! Die ganze Riedau ein See! Fast fremd kam den Kindern die sonst so gut bekannte Gegend vor. Keinen Weg sah man mehr. Nur Buschwerk ragte hier und dort aus dem gurgelnden Wasser und die alten Weiden noch. Die Illig aber, die sonst so ruhig und klar dahin floss, rauschte und toste wie im Zorn und warf Wellen, von denen der Schaum aufspritzte.

Am Ende der Riedau wurde das Ufer höher und blieb über Wasser; dort konnte man die wild sich daher wälzenden Fluten ganz in der Nähe ansehen. Es waren Leute da, Frauen, Burschen und junge Mädchen aus der Spinnerei; sie versuchten allerlei Holzstücke, Pfähle und Baumäste, die das Wasser mitführte, herauszufischen.

»Holla!« schrien die Burschen, »da kommt ein fester Brocken! Haltet gut!«

Sie hielten sich zu dritt oder viert an der Hand. Der Äusserste stand bis zu den Knien im Wasser und beugte sich weit hinaus und packte mit kühnem Griff den Ast. Aber viel Holz schwamm vorbei.

»Wie schade!« sagten ein paar alte Frauen. »Das schöne Holz! Im Winter wäre man so froh darum. Man kann ja fast keines mehr kaufen, so teuer, wie es jetzt ist. Dort kommt wieder eines. Das täte es grad für einen Kaffee!«

Einige der Leuenhofer Buben hatten schon eine Kette gebildet, wie sie es bei den Burschen sahen und glücklich fasste Felix Kleinhans die Beute. Beinahe hätte statt seiner Ottilie Eggenberg das Holzstück erwischt. An einem überhängenden Busch hatte sie sich gehalten und sich keck über das Wasser hingebeugt.

»Geh da weg«, sagte Felix; »das ist nichts für Mädchen!« »Jawohl! Das können wir auch«, erwiderte Ottilie; dann aber lief sie auf der schmalen Böschung flussabwärts.

Ottilie war ein kräftiges Mädchen mit docken, braunen Zöpfen. In der Schule und im ganzen Städtchen hatte man Ottilie Eggenberg besonders gern. Sie war immer lustig, immer freundlich, und wenn eines ein mürrisches oder betrübtes Gesicht machte, gab sie nicht nach, bis sie es zum Lachen gebracht hatte. Etwas wild und übermütig war sie manchmal auch. –

Jetzt stand sie an dem brausenden Wasser und sah sich um. Ein altes Schiff war da angebunden. Mit jedem Anschlag der trüben Wellen wurde das Schiff so heftig an die Pfähle geworfen, dass man dachte, es gehe in Stücke. Aber das schreckte Ottilie nicht. Sie sprang hinein. Vom hinteren Ende des Schiffes aus konnte man, was daherschwamm, erwischen. Das Wasser trieb das Holz gerade gegen diese kleine Bucht. Netti Tobel und die anderen Mädchen waren Ottilie nachgelaufen, und zwei alte Frauen kamen auch hintendrein.

»Nein, wie die kühn ist!« sagten sie, als Ottilie eben einen festen Ast herausschwang; sie reichte ihn Netti Tobel, die ihn einer der Frauen übergab. »Und geschickt wie ein Flösserknecht! Das Schiff wird doch gut angebunden sein! Gib acht! Es ist nicht gesagt, dass wir jedes Stück halten müssen.«

Aber Ottilie wurde immer eifriger und kecker. Es war, als ob alles dran hinge, dass sie sich nur keinen Ast entwischen liesse.

»So, das gibt wieder einen Kaffee«, sagte sie lustig und warf Netti einen neuen Ast zu. Sie troff von Nässe und stand im Wasser bis über die Knöchel. Aber lachend streifte sie ihre Haare zurück und sah nach weiterer Beute aus.

»Achtung! Dort kommt ein feines Brett. Das gibt eine Pfanne voll Erdäpfel, Frau Hunziker.« Mit Anstrengung zog Ottilie das Brett herein.

»Hei, und dort kommt eine braune Mehlsuppe«, schrie sie im Übermut.

Alle lachten, und die Frauen rühmten, wie das doch ein witziges Kind sei und ein gutherziges, dass es sich so mühe um das Holz. »Es ist ja wahr, für jedes Stücklein ist man dankbar.«

Aber die braune Mehlsuppe steuerte weit draussen vorbei.

»Wenn das Schiff nur nicht so nah an den Pfahl gebunden wäre! Ich sollte weiter hinauslangen können.« –

Netti zog an dem Strick; aber schon war Ottilie dran und lockerte ihn. Das Schiff schwankte heftiger. Ottilie konnte sich kaum auf den Füssen halten.

»Komm lieber jetzt heraus«, rief Frau Hunziker. »Du wirst zu waghalsig. Es ist genug. Hörst du.« –

Da – entsetzt schrien die Kinder auf – das Schiff riss sich los, drehte sich und wurde von den trüben Wellen erfasst.

Ottilie war im Schiff umgefallen und hielt sich am Rande. »Netti«, schrie sie, »Netti – Frau Hunziker!«

Aber die wilden, tosenden Wellen führten den Kahn weg.

Herzzerreissend ertönte das Angstgeschrei des Mädchens: »O, o – Vater – Mutter.« –

Und herzzerreissend war das Jammergeschrei der Kinder und der Frauen.

»Ottilie, Ottilie – zu Hilfe, zu Hilfe!« schrien und schluchzten die Kinder. Das Schiff wurde von den Wellen Hin- und hergeschleudert; aber unaufhaltsam ging es abwärts; man konnte nur noch undeutlich erkennen, dass Ottilie am Boden kauerte.

»Vater – Mutter«, ertönte es noch von weitem her, dann schoss das Schiff um ein Buschwerk und verschwand.

»Um Gottes willen, um Gottes Barmherzigkeit willen! Lauft, lauft Kinder, ruft Leute her!« –

Schon waren die Burschen und die Leuenhofer Kinder herbeigeeilt. Aber wohin sollte man laufen? Flussabwärts? Die Böschung hörte hier auf, und weithin war das Land wieder unter Wasser; nur auf einem grossen Umweg war der Flusslauf zu erreichen.

Aber ohne sich lange zu besinnen, rannten die Leuenhofer Buben und Mädchen in dieser Richtung. Voran Netti laut schluchzend:

»Ottilie, Ottilie, ich – ich hätte sollen fester halten – den Strick halten.« –

Die Burschen überlegten einen Augenblick:

»Man muss hinüber und hinunter zum Kniebühl. Dort hat es das Schiff vielleicht ans Land geworfen. Alles treibt’s ja dort hinein. Wisst ihr noch vor drei Jahren – den Mann von Rumikon – dort hat man ihn gefunden.« Die Burschen, die dem Städtchen zurannten, sahen einander an – »eben halt tot, ertrunken.« –

Jammernd und immer von neuem die Hände zusammenschlagend, folgten die zwei alten Frauen. Das Holz liessen sie liegen. »Das Kind, Gott im Himmel, das Kind!« jammerte Frau Hunziker. »Es war gar zu waghalsig! Ich bin nur froh, dass ich es gewarnt habe. Sie haben es gehört, Frau Kradolfer? Ach Gott, ach Gott.« –

Keuchend kamen sie im Städtchen oben an; da hatte sich schon die Schreckensnachricht verbreitet.

Die Leute standen zusammen und redeten aufgeregt durcheinander: »Am Kniebühl, das ist noch zu hoffen. Aber weiter unten« – die Männer schüttelten die Köpfe. Das Schifflein war alt und morsch. Es brauchte bloss ein paar Mal an einer Mauer oder Baumwurzel anzuprallen ....

»Und überhaupt, das Wasser wird gleich hereingeschlagen haben – die armen Eltern. Es ist das älteste, ein so nettes, strammes Mädchen war’s ....«

Ein alter Mann kam durch die Mahlergasse herzu und verkündete, dass das Wasser droben in Dübenberg nicht mehr steige und dass die Ferlikoner Brücke aushalte.

»Gottlob; für diesmal ist die Gefahr vorbei.«

Aber dann verstummte er, als er die ernsten Gesichter sah und von dem Unglück hörte. Niemand konnte sich nun freuen über seinen Bericht.

Da kehrten zwei von den Burschen zurück. Weder Schiff, noch Kind waren am Kniebühl zu finden gewesen.

»Jetzt ist kaum mehr eine Hoffnung«, sagte der Spenglermeister Notz.

»Wir wollen aber doch noch auf dem anderen Ufer heruntermachen bis nach Mergendorf; vielleicht weiss man dort etwas.«

»Man hat hinunter telephoniert und nach Woltersheim auch«, erwiderte der Spenglermeister; aber die Burschen waren schon davon und der Schlossermeister Gehring, der Küfer Kübler und der Jakob Wisli gingen nach. »Man muss etwas tun. Nur so dastehen kann man nicht.«

Auf der halb überschwemmten Mergendorfer Strasse kam ihnen das Trüpplein Leuenhofer Kinder entgegen. Die Kinder waren im Morast und Gestrüpp gewatet, bis sie nicht mehr aus und ein wussten. Keinen Menschen hatten sie getroffen, der etwas gewusst hätte; nur immer das schreckliche Wasser hatten sie gehört. Da waren sie still gestanden, und Sara Wiebold, die auch mitgelaufen war, sagte plötzlich:

»Am Ende haben sie das Schiff längst drüben gefunden, und Ottilie ist schon daheim!«

Ganz erleichtert kehrten die Leuenhofer Kinder um.

Aber als sie im Städtchen anlangten, sahen sie in lauter erschrockene, traurige Gesichter. Jedes der Kinder lief heim, um zu erzählen. Dann aber trieb die Unruhe sie wieder hinaus. Auf dem Marktplatz beim Brunnen fand sich die ganze Leuenhofer Klasse zusammen. Die Buben berieten, wie man es hätte machen sollen mit dem Schiff.

»Wenn wir dabei gewesen wären, so wäre es nicht so gekommen«, sagten ein paar Sechstklässler, worauf Netti aufs neue zu schluchzen begann.

Sara aber und die anderen Mädchen verteidigten sie: »Ottilie hat selber das Seil locker gemacht!«

»Netti ist nicht schuld! Sie hat gehalten, was sie konnte, fast wäre sie noch mitgerissen worden!«

Jedesmal, wenn wieder Leute den Seckelweg heraufkamen, liefen die Kinder und die Erwachsenen, die unter der Türe standen, hinzu; aber keiner wusste etwas. Nur das erfuhr man, dass Herr Schwarzbeck und der Vater von Ottilie auch gegen Woltersheim hinunter seien. Herr Eggenberg habe gezittert und kein Wort geredet. Er hatte eine grosse Bäckerei und war sonst ein aufrechter, fröhlicher Mann.

Endlich gegen acht Uhr verbreitete sich eine Schreckenskunde: Es sei ein Bub gekommen aus der Nähe vom Sperberwinkel. Man habe Ottilie gefunden, aber wahrscheinlich tot. Die Mädchen weinten laut auf. Die Buben sahen einander starr an. Man konnte es nicht fassen. Vor vier Stunden noch war sie vor der Klasse gestanden und hatte da mit ihrer frischen, hellen Stimme die Johanna Sebus noch einmal lesen dürfen:

»Der Damm zerreisst, das Feld erbraust,
Die Fluten wühlen, die Fläche saust.«

Und jetzt wusste man nicht gewiss, ob sie noch lebe. Es trieb die Leuenhofer in die Mahlergasse, wo der Eggenbergerische Bäckerladen war. Keines redete, nicht einmal Sara. Sie spähten durch die halboffene Türe. Es waren viele Leute im Laden. Sie sprachen halblaut mit Luise, der Magd. Ottiliens Mutter war nicht da. Die Kinder hörten einzelne Sätze heraus:

»....hinten in der Stube ... Und wenn sie nur weinen wurde ... Aber ganz starr sieht sie vor sich hin und sagt nur von Zeit zu Zeit: Ottilie ... Ottilie ...«

Da entstand eine Bewegung auf der Strasse. Herr Eggenberg und Herr Schwarzbeck kamen daher mit ein paar Männern, die eine leere Bahre trugen. Scheu wichen die Leute, die sich angesammelt hatten, aus.

Die Leuenhofer Kinder aber drängten sich zu Herrn Schwarzbeck. Er gab allen schweigend die Hand. Dann schien es, als ob er etwas überlege. Er trat zu den Männern und sprach ein paar Worte mit ihnen; hierauf winkte er seine Schüler herbei.

»Wir wollen« – man sah, dass er Mühe hatte zu sprechen – »wir wollen zusammen unsere Ottilie holen.«

Er übersah seine Leute und erwählte acht von den Sechstklässlern. Netti aber sah ihn mit verweinten Augen flehentlich an.

»Herr Schwarzbeck darf – darf ich auch mit?«

Herr Schwarzbeck strich Netti über den Kopf. »Also dann Netti, Eva Imbach und Hedwig Bühler. Ihr seid ja Ottiliens Freundinnen.«

Die Mädchen nickten still. Vier von den Buben aber fassten die Bahre, und der kleine Zug ging die Riedauer Stalden hinunter. Hintendrein Herr Schwarzbeck und Ottiliens Vater.

Kein Wort sprachen die beiden Männer. Nur wenn die Leuenhofer Kinder sich umwandten, sahen sie, dass Herr Schwarzbeck die Hand manchmal auf Herrn Eggenbergs Schulter legte.

Gustav Brenner aber erzählte mit leiser Stimme den anderen. Seine Schwester hätte es von dem Buben aus dem Sperberwinkel gehört: Die Botenfrau habe Ottilie gefunden; sie wohne in einem einsamen Häuslein im Rappenfeld. Sie habe auch Holz aus dem Wasser gefangen, und wie sie so weiter gekommen sei, habe sie auf einmal in dem halbüberschwemmten Weidengestrüpp ein umgestürztes Schiff gesehen. Sie sei darauf zugegangen und habe das Kind gefunden. Es sei zwischen dem Schiff und einem alten Weidenstamm eingeklemmt gewesen und habe eine grosse Wunde am Kopf gehabt. Und wie die Botenfrau es hervorgezogen habe, da habe sie gemerkt, dass es kaum mehr atme. Er sei gerade das Rappenfeldersträsschen heraufgekommen und sie habe ihm gerufen, er solle nach Heimstetten laufen und sagen, was da für ein Unglück begegnet sei. Das Kind gehöre wahrscheinlich nach Heimstetten.

Schweigend hörten die Leuenhofer Buben und Mädchen zu. Es war nun fast völlig dunkel geworden. Am Himmel zogen schwarze, seltsame Wolkenfetzen dahin, und rechts unten hörte man die Illig brausen. Der Weg war schlecht; jeden Augenblick trat eines der Kinder in eine Lache, dass das Wasser hoch aufspritzte. Wie hätte man sonst darüber gelacht und geschrien; aber jetzt war alles so traurig, so unheimlich.

Endlich kam man zu dem kleinen Haus der Botenfrau, das ganz einsam im Rappenfeld lag. Ein schwaches Licht schimmerte vom Fenster. Herr Schwarzbeck drückte auf die Klinke. Das Haus war nicht geschlossen. Still traten die beiden Männer in den dunklen Raum ein bis zu einer Türe, aus der ein kleiner Lichtschein drang.

Herr Schwarzbeck sagte leise ein paar Worte zu Ottiliens Vater; dann klopfte er an.

»Herein!« rief drinnen eine tiefe Stimme. Herr Schwarzbeck öffnete. Die Kinder, die die Bahre vor das Haus gestellt hatten, traten scheu hinter den zwei Männern in die Stube.

Eine grosse, starke Frau mit grauem Haar drehte sich um; sie war eben daran, ein Ruch auszuwinden über einer Waschschüssel, die neben der Lampe auf dem Tisch stand. Und auf dem Bette lag Ottilie; ihr Gesicht war von der Lampe beleuchtet; ihre nassen Zöpfe lagen über dem blau und weissen Kopfkissen.

Beklommen sahen die Kinder hin – aber jetzt! Nein! War es möglich – Sah man recht? – Jetzt schlug Ottilie die Augen auf und sah nach den Eintretenden.

Fast erschrocken schrien die Kinder auf: »Ottilie!« Und »Ottilie!« rief auch der Vater und stürzte gegen das Bett und kniete, um ganz nahe zu sein, nieder und streichelte sein Kind über das nasse Haar, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen, dem starken Mann, der gewiss seit seiner Kindheit nicht mehr geweint hatte.

Herr Schwarzbeck trat auch herzu: »Gott sei Lob und Dank! Kind, Kind«, sagte er, »welchen Schrecken haben wir um dich gehabt!«

Ottilie sah Herrn Schwarzbeck und versuchte zu lächeln. Dann aber ging ein schmerzliches Zucken über ihr Gesicht und sie schloss die Augen wieder.

»Ja«, sagte jetzt die Botenfrau »und wie bin ich erschrocken, als ich das Kind fand und es aufrichten wollte und es kein Lebenszeichen gab. Die Augen zu und ganz kalt! Da ist wohl keine Hilfe mehr, habe ich gedacht und als ich den Buben sah, hab ich ihn mit der Botschaft geschickt.«

Sie wechselte, während sie mit halblauter Stimme erzählte, das nasse Tuch auf Ottiliens Kopf. Da sah man die tiefe Wunde, die quer von der Schläfe nach vorn lief und aus der noch das Blut sickerte.

»O, o«, sagte Ottiliens Vater erschrocken. »Armes Kind! Aber ich hab dich wieder. Gott, o Gott! Ich hab dich wieder!«

Ottilie schien nicht zu hören, was gesprochen wurde; sie lag bewegungslos, wie im Schlaf.

»Ja«, fuhr die Botenfrau fort, »es ist mir leid. Sie haben etwas ausgestanden.« Sie streckte Ottiliens Vater die Hand hin. »Es wäre besser gewesen, ich hätte den Buben nicht gleich geschickt; aber was tut man nicht im Schrecken. Erst, wie ich es in der Stube gehabt habe – Herrjeh, wie hing es mir doch so leblos über der Achsel beim Tragen – triefend und ganz kalt. Dann in der Stube merkte ich, dass das Herzlein doch noch schlug. Aber der Bub war schon weit und ich hatte niemand zum Schicken. Die längste Zeit kommt manchmal kein Mensch vorbei, und ich selber habe nicht wegkönnen. Es ist mir leid. Es wird auch eine Mutter haben, das Kind?«

»Ja, wahrhaftig« sagte Herr Schwarzbeck, »die Mutter, und fast hätten wir sie vergessen ob der Freude und dem Staunen.« Er winkte den Kindern. Sie folgten ihm alle hinaus. Und in dem dunklen Vorraum konnten sie nun endlich ihrer Freude und allem, was sie bewegte, Ausdruck geben.

»Herr Schwarzbeck! Wie das gewesen ist, wie wir in die Stube gekommen sind und gemeint haben, Ottilie sei vielleicht tot und sie dann auf einmal uns angeschaut hat. Ganz erschrocken ist man! Wie in einer schönen Geschichte war es! wie im Schneewittchen! – Kann jetzt Ottilie lange nicht in die Schule? – Haben Sie gesehen, Herr Schwarzbeck, die Haare waren ganz blutig! – Wenn die Botenfrau sie nicht gefunden hätte, Herr Schwarzbeck, wäre sie dann gestorben?« –

Aber Herr Schwarzbeck antwortete nicht. »Hans Kündig und Felix Kleinhans – ihr habt die längsten Beine. Lauft und sagt bei Eggenbergs, dass Ottilie lebt. Stürmt nicht die Treppe hinauf, sondern sagt es unten im Laden.«

»Ja, der Magd, der Luise«, rief Hans Kündig, indem er den Hut auf seinem Kopf festdrückte. Mit ein paar grossen Sätzen sprang er durch die Pfützen, Felix Kleinhans nach. Beinahe hätten die beiden einen Mann umgerannt, der in der Dunkelheit daherkam.

»Geht’s da zur Botenfrau?« fragte er.

»Ja, ja«, riefen die Buben weiterrennend zurück. »Gleich hinter den Bäumen ist das Haus« –

Der Herr ging ein paar Dutzend Schritte weiter. Dann zündete er seine Taschenlampe an. –

»Herr Schwarzbeck« –

»Herr Doktor« –

Der Herr Doktor war auf die Kunde von dem Unglück dahergeeilt.

Die Leuenhofer Kinder umringten ihn. Alle kannten ihn. Ausserdem war er Evas Onkel.

»Herr Doktor, denken Sie«, »Onkel denk«, bestürmten sie ihn und alle riefen und redeten durcheinander. Aber das verstand der Herr Doktor doch, dass gottlob Ottilie nicht tot war, und das war die Hauptsache.

Rasch ging er mit Herrn Schwarzbeck in die Stube der Botenfrau. Die Leuenhofer Kinder blieben im Vorraum, der nur spärlich erhellt war durch eine kleine, alte Stallaterne. Die Buben und Mädchen fanden allerlei Sitzgelegenheiten: eine Bank, einen Schubkarren, einen Sack Kartoffeln und schwatzten da weiter von der so ganz wunderbaren Begebenheit und was sie gedacht und nicht gedacht hätten.

Netti Tobel aber, die sich wieder ganz erholt hatte von Schrecken und Tränen, hielt das Stillsitzen nicht aus, sondern zündete mit der Laterne überall herum und machte eine Türe, die zu einem kleinen Stall führte, auf, wo sie zu ihrer Freude in einer Kiste Kaninchen entdeckte. Sie waren eng aneinander gekauert und blinzelten mit ihren roten Augen in das Licht, ängstlich und erstaunt; denn sie hatten schon geschlafen.

Dann kamen der Herr Doktor und der Herr Schwarzbeck heraus.

»Kinder! Wir dürfen Ottilie heimnehmen!« rief Herr Schwarzbeck fröhlich. »Bringt die Bahre hier vor die Türe.«

Die Bahre! Ottilie auf der Bahre heimtragen, die wiedergefundene Ottilie! – Jeder wollte an der Bahre anpacken. Aber es fanden denn doch alle, dass man jetzt nicht hin und herstreite.

Der Herr Doktor trug Ottilie, die leise wimmerte; denn die Untersuchung der Wunde hatte weh getan. Hinter den Herrn Doktor kam die Botenfrau mit Kissen und Decken.

»So, so«, sagte er, indem er behutsam Ottilie auf die Bahre bettete. »Noch ein Kissen und noch eins – Ganz weich und warm gebettet ist man jetzt, und wie eine Prinzessin mit grossem Gefolge kehrt man heim.«

»Ja, jetzt ist’s genau wie im Schneewittchen«, flüsterte Netti der Hedwig Bühler zu und schwenkte die Stallaterne, die die Botenfrau mitgab. Eva durfte Onkel Doktors Taschenlampe tragen. Die beiden Mädchen gingen mit ihrer Beleuchtung voran. Vier von den Buben trugen die Bahre behutsam und stolz. Die Botenfrau ging auch noch ein Stück neben Ottiliens Vater her. Sie wollte von Dank gar nichts wissen.

»Wenn Sie nur nicht bös sind, dass ich Ihnen so Angst gemacht habe«, sagte sie immer wieder.

Aber wie hätte Herr Eggenberg böse sein können, wo er so glücklich war!

»Nun so kommt jetzt gut heim!« sagte sie an der Wegecke. »Und in den nächsten Tagen schaue ich dann, wie es geht. Es ist mir ganz ans Herz gewachsen, das Kind.«

Als man an die Stelle kam, wo der Weg etwas aufwärts und ziemlich nahe an der stark brausenden Illig vorbeiführte, horchte Ottilie auf.

»Vater, Vater, o« – schrie sie auf. Aber der Vater nahm ihre Hand.

»Nein, nein, Ottilie, das Wasser tut dir nichts mehr. Jetzt sind wir bald bei der Mutter, – bald bei der Mutter.« –

Ottilie legte den Kopf auf die Seite und versank wieder in ihren Halbschlaf.

So ging es durch Nacht und Nässe, und am schwarzen Himmel zogen noch die zerfetzten Wolken wild über den Mond weg.

Nun sah man schon die Lichter des Städtchens; man kam zu den ersten Häusern.

»Sie kommen! Sie bringen es!« hörte man rufen.

Die Freudenkunde, die Hans Kündig und Felix Kleinhans gebracht, hatte sich schon verbreitet im Städtchen. Überall standen Gruppen von Leuten. Die Männer nahmen die Pfeifen aus dem Mund, und die Frauen schlugen die Hände zusammen. »Nein, nein! Was man auch erlebt!« Und alles wollte herantreten. Aber der Herr Doktor wehrte ab.

»Halt da! Lasst unser Kind in Ruhe! Es will heim zu seiner Mutter und in sein Bett. Ihr könnt es dann die nächste Woche ansehen, wenn es hoffentlich wieder munter in die Schule läuft. Jetzt geht hinein und esst eure Suppe, sonst wird sie kalt.«

Die Leute lachten. Sie hatten ihren Doktor gern.

Der Zug ging weiter und wurde gegen den Marktplatz hin immer etwas grösser; ein bisschen hintendrein gehen durfte man ja schon; das schadete dem Kind nicht.

Und dann kam man vor der Bäckerei an. Der Vater hob seine Ottilie von der Bahre und trug sie die Treppe hinauf und dann hörte man den Freudenschrei der Mutter:

»Ottilie, Kind! Mein Gott, mein Gott!« – Und nun war es ganz still trotz der vielen Leute vor der Bäckerei; und die Frauen wischten sich die Augen.

Die Leuenhofer standen bei der Bahre. Netti und Eva hielten noch immer ihre Laternen. Die Bahre und die Laterne, das war das Zeichen, dass man dabei gewesen war und mitgeholfen hatte. Und die Leute betrachteten die Kinder auch ganz respektvoll und liessen sich genau erzählen, was im Rappenfeld vorgefallen war, von dem dunklen Weg durch die Wasserlachen bis zu den Kaninchen, die Netti aufgeweckt hatte.

»Das ist anders als damals, wo wir das falsche Büblein brachten und alles uns auslachte«, sagte Eva, und die Buben und Mädchen lachten in der Erinnerung.

Da trat die Bäckers Luise aus dem Laden, die Schürze voll von grossen, mürben Kümmelbretzeln, die nirgends so gut waren wie bei Eggenbergs.

»So, das ist für die braven Träger und Begleiter! Und jetzt sollt ihr aber heimgehen, lässt Herr Schwarzbeck euch sagen!«

Netti drückte die zwei Bretzeln an ihr Stumpfnäschen:

»So, jetzt riecht es wieder lustig!« lachte sie. Dann aber fiel allen durch den Geruch der frischen Bretzel auf einmal ein, dass sie einen furchtbaren Hunger hatten, und sie rannten davon, jedes nach einer anderen Seite.

Die grossen Leute verzogen sich dann auch und es wurde endlich still in dem Städtchen, das heute so viel Sorge, Schrecken und Freude erlebt hatte.

Die Kriegselefanten.

In der Strasse, die vom Wendeltor zum Leuenhof führte, stand ein kleines, rötlich angestrichenes Haus mit einem sehr grossen Garten. Es gehörte dem alten Herrn Konzelmann, der mit seiner alten Köchin da wohnte.

Der alte Herr besass einen weissen Pudel, der offenbar auch ziemlich alt war und deshalb die Kälte nicht mehr gut ertrug. Im Herbst und Winter erschien er zur grössten Belustigung der Leuenhofer Kinder in einer abgetragenen Weste von Herrn Konzelmann. Oben auf dem Rücken war sie zugeknöpft, und durch die Armlöcher gingen die Vorderbeine.

Die Leuenhofer hätten gerne Freundschaft geschlossen mit dem weissen Pudel, und wenn er in seiner wunderlichen Schabracke vor der Türe sass, standen sie oft am Gartengitter und lockten ihn her: »Du hast aber einen schönen Winterrock, Hektor, komm, zeig!«

Hektor machte sich aber nichts aus Kindern; er blieb sitzen, und wenn sie dann anfingen, ihn ein wenig zu necken: »Eh, du bist aber ein Verfrorener, heut ist’s doch gar nicht kalt! – Aha, ein Westentäschchen hat er auch – vielleicht ist eine Uhr darin – ist es schon halb 12 Uhr?« Wenn sie so riefen, dann sah er auf die Seite und gähnte und lachte wahrscheinlich: Ach, wie sind doch so Kinder dumm!

Er selber war sehr klug. Arnold Zwickels Grossvater, der den Garten von Herrn Konzelmann besorgte, sagte es oft. –

Ausser dem Pudel besass Herr Konzelmann sieben Schildkröten; diese interessierten die Leuenhofer Buben und Mädchen fast noch mehr als der Pudel. Wenn man sie nur öfter hätte sehen können. Aber in den Garten hinein durfte man nicht. Nur manchmal machte Arnold Zwickel, wenn er bei seinem Grossvater war, das hintere Gartentürchen auf und dann konnte man die seltsamen Tiere betrachten, die langsam mit ihren schweren, schwarz und gelb gefleckten Schalen über den kurzgeschnittenen Rasen spazierten oder unbeweglich auf einem Fleck blieben und nur ihren kleinen, glatten Kopf hin und her bewegten, so dass der lange, faltige Hals sichtbar wurde.

Einmal aber, an einem Mittwochnachmittag, als fast die ganze fünfte Klasse – die sechste war in der Riedau unten – auf dem Spielplatz beim Wendeltor versammelt war, kam Arnold Zwickel gelaufen.

»Hört; jetzt sag ich euch etwas Feines: Herr Konzelmann ist auf drei Tage verreist, und da hat mein Grossvater gesagt, wenn ihr manierlich seid, so dürft ihr in den Garten kommen zu den Schildkröten!«

Die Buben und Mädchen liefen und traten zum hinteren Gartentörchen herein!

Da waren alle sieben Tiere beisammen auf dem Gartenweg und wurden bald umringt von den Kindern, die niederkauerten, um die merkwürdigen Geschöpfe recht in der Nähe zu betrachten.

Hektor, der Pudel, der in dieser warmen Jahreszeit ohne Weste ging, stand auch dabei.

Arnold Zwickel holte aus der Wiese ein paar Büschel Löwenzahnblätter und legte sie den Schildkröten vor die stumpfe Nase. Erst regten sie sich nicht. Dann fingen sie langsam an zu schnüffeln und packten auf einmal das Blatt, zogen es hin und her, bis sie es am rechten Zipfel hatten, und bissen dann fest drein, so dass ein Blatt ziemlich bald verschluckt war.

»Das ist zu nett, wie sie fressen«, riefen die Mädchen entzückt.

»Man darf sie schon aufnehmen«, sagte Arnold und bot eines von den Tieren seinem Freund Walter Adorf, der es behutsam anfasste. Nun gingen die Tiere von Hand zu Hand und wurden gedreht und gewendet. Unten waren sie ganz flach; und die Pfoten, wie die komisch aussahen!

Die Buben setzten eine hinter die andere wieder auf den Weg, und die Schildkröten machten ihnen das Vergnügen, ein wenig zu marschieren.

»Wie ein Zug von Elefanten«, sagte Martin Imbach.

»Ja, ja, wahrhaftig wie Elefanten!«

»Wenn wir Soldaten da hätten, dann könnten wir den Kriegszug von Pyrrhus darstellen«, sagte Martin.

»Den Kriegszug? – was für einen Zug?« fragte Sara Wiebold, die zuvorderst am Boden sass und einer der Schildkröten zärtlich über die Nase strich, was das Tier aber nicht gerne hatte; denn es zog den Kopf in die Schale zurück.

»Den Kriegszug von Pyrrhus«, wiederholte Martin Imbach. »Pyrrhus war der König von Epirus.«

»Ja«, fiel Paul Grossberger ein, der das Geschichtsbuch des Martin Imbach besass und auch gelesen hatte; »der Pyrrhus kam mit einem grossen Heer und mit vielen Elefanten und wollte die Römer besiegen. – Imbach – wir holen unsere Soldaten – ich habe Russen und Japaner und du hast preussische Ulanen auf Pferden.«

»Und ich Franzosen und berittene Araber«, rief Walter Adorf – »Das wird fein! Der Anführer ist auf einem Schimmel, Imbach! Der kann den Pyrrhus vorstellen –!«

»Ich bringe meine Bersaglieri, das sind Italiener, mit, die gehen im Laufschritt.« »Und ich habe Zuaven«, riefen ein paar andere Buben und wollten schon davon rennen, als dem Paul Grossberger noch ein besonders feiner Gedanke kam: »Die Elefanten müssen Kriegstürme haben. Türme, auf denen Bewaffnete stehen und mit Pfeilen auf den Feind schiessen. Gritli Wegmann, lauf was du kannst. Dein grosser Bruder hat Knetmasse; er hat mir letzthin einen ganzen Klumpen gezeigt. Sag ihm, wir müssten Kriegstürme machen.«

»Famos! Famos!« schrien die Buben und nun rannte fast alles dem Städtchen zu, voran Marie Hug in Begleitung von Sara Wiebold und von zwei anderen Freundinnen. Nur einige Mädchen blieben zurück als Elefantenwärterinnen.

»Fortlaufen tun sie zwar nicht«, sagte Arnold Zwickel lachend; »sie sind viel zu träg dazu.«

Rasch waren die Buben mit ihren Russen, Japanern, Ulanen und Arabern wieder da, und auch die Mädchen erschienen im Laufschritt wie die Bersaglieri mit der Knetmasse.

Paul Grossberger und Martin Imbach hatten vier grosse Deckel von alten grauen Zeichnungsmappen mitgebracht. »Es muss doch ein Zug sein«, erklärten sie, »ein Zug, der vorwärts marschiert. Also wir stellen die Soldaten auf die vier Deckel und an den zwei vorderen Ecken werden Löcher gebohrt und Schnüre festgemacht, damit man den Karton ziehen kann.«

»Natürlich, damit man ziehen kann! Fein!«

Alsbald begannen die Buben ihre Soldaten aufzustellen, während Sara Wiebold und einige andere Mädchen unter Anleitung von Hermann Steininger die Kriegstürme herstellten. Sie wurden etwa handhoch und bekamen oben eine Plattform, auf der die Krieger Stellung zu nehmen hatten.

Es war nicht ganz leicht, den fertigen Turm auf den Schildkröten so anzubringen, dass er gerade stand. Zwar wehrten sich die Tiere nicht, sondern hielten geduldig still. Wenn schon es ihnen gewiss nicht angenehm war, dass man ihnen solch ein Zeug auf ihren Rücken klebte, und trotzdem ihnen Sara Wiebold, während sie die Brüstung der Plattform schön glatt drückte, erklärte, dass sie stolz sein könnten, nicht mehr nur Schildkröten zu sein, sondern Elefanten, »hört ihr, Kriegselefanten im Heere des Königs Pyrrhus.«

Am wenigsten einverstanden mit dem Unternehmen war der Pudel Hektor. Gespannt sah er zu, und als die Türme auf den Schildkröten befestigt wurden, knurrte er leise, wie wenn er sagen wollte, was macht ihr denn für Dummheiten; überhaupt die Schildkröten da gehören dem Herrn Konzelmann; geht ihr eurer Wege. Er legte die Pfote auf eine der Schildkröten und versuchte mit der Schnauze den dummen Höcker zu entfernen. Aber die Kinder schoben ihn lachend weg und arbeiteten mit grossem Eifer weiter an der Mobilmachung des epirischen Heeres.

Als Arnolds Grossvater mit einem Korb voll Unkraut daher kam, rannte ihm Hektor entgegen und bellte heftig:

»Sieh einmal, was die Kinder anstellen; das ist doch nicht erlaubt!«

Aber der Gärtner hatte seinen Spass an den zum Feldzug ausgerüsteten Schildkröten.

»Das schadet denen nichts, Hektor; die sollen nur auch einmal etwas tun; so bekommen sie einen guten Appetit auf den Abend«, sagte er und ging wieder an seine Arbeit.

Endlich war das ganze Heer marschbereit. Auf dem ersten Karton befand sich die Vorhut. Ihr folgte der Gewalthaufe, angeführt von Pyrrhus selbst, der, umgeben von Generälen, stolz auf seinem weissen Schimmel daherritt. Hinter dem Gewalthaufen aber kamen die sieben Elefanten mit den Kriegstürmen, auf die man in Ermangelung von Bogenschützen russische Infanterie gestellt hatte.

Es machte einige Schwierigkeit, die Elefanten in Bewegung zu bringen, und als man sie mit kleinen Ruten antrieb, wollten sie die Marschordnung nicht begreifen, sondern lenkten bald links, bald rechts vom Wege ab.

Schliesslich aber kam die Sache doch in Gang!

Imposant bewegte sich die Armee der Epiroten auf dem Gartenweg vorwärts.

»Schade, dass die Sechstklässler das nicht sehen!« sagten die Buben, während sie stolz und sorgfältig die Kartendeckel zogen.

Da hörte man ein Rufen. »Imbach! Grossberger! Was tut ihr denn dort drinnen? Kommt doch her!« erscholl es lauter und näher. »Soldaten! Drei ganze Kompanien! Und der Hauptmann und noch andere auf Pferden! Sie kommen die Landstrasse an dem Hackenberg herab. Wenn man fest die Langwiese hinauf und durch den Wald rennt, kommt man ihnen noch gut vor.«

Die Fünftklässler sahen einander an. Rechte Soldaten mit dem Hauptmann auf einem wirklichen Ross – was bedeutete dagegen das zinnerne Pyrrhussieg auf den Pappdeckeln und die Elefanten, die gar keine waren.

»Ja, wenn ihr nicht kommen wollt, uns ist’s gleich«, riefen die Sechstklässler und ihre Stimmen tönten schon weiter weg.

»Doch, doch, wir kommen! Wir kommen auch!«

Einer hinter dem anderen rannten die Fünftklässlerbuben zum Tor hinaus. In ihren Köpfen steckte nichts mehr als der Gedanke an die wirklichen, lebendigen Soldaten. Es war eine grosse Seltenheit, dass man solche in Heimstetten sah.

»So und jetzt das Heer und die Elefanten?«, sagte Gritli Wegmann und schob den zweiten Elefanten, der in der Buchseinfassung schnüffelte, in die Reihe zurück.

»Hört!« rief Sara Wiebold und schwenkte entschlossen die grüne Rute, die sie als EIefantenführerin gebraucht hatte, »wir rennen auch zur Hackenbergerstrasse hinunter. Ich will die Soldaten auch sehen. Wer kommt mit?« Schon war Sara am Gartentor.

»Ich, ich! Ich auch!« riefen die Mädchen und jagten nacheinander der Landstrasse zu.

Gritli Wegmann besann sich noch einen Augenblick. Ach was, sagte sie dann, die warten schon, bis wir wiederkommen. Arnold Zwickel hat ja gesagt, sie seien viel zu faul, um fortzulaufen. Du kannst sie ja bewachen, Hektor! lachte sie den Pudel an, der neben ihr stand; dann setzte sie in grossen Sprüngen auf die Strasse hinaus.

Gerade noch recht kamen die Fünftklässler an die Hackenberger Landstrasse. Schon hörte man den festen, gleichmässigen Schritt. Die Buben und Mädchen kletterten an dem steilen Hang zu dem Gebüsch hinauf, wo die Sechstklässler standen, und da übersah man prächtig die Landstrasse und den herannahenden Zug. Voran der Lieutenant und hinter ihm die sonnverbrannten Männer mit dem Tschako, mit ihren Gewehren über der Schulter und dem schwerbepackten Tornister.

Endlos, endlos zogen sie daher; immer neue Reihen bogen um die Ecke vom Hackenberg.

Und zwischen hinein ritt stolz ein Hauptmann. An der Hackenberger Landstrasse hielt er das braune Pferd am Zügel, die Hand in die Seite gestützt, mit erhobenem Haupt frei über seine Truppe wegsehend.

»Herrschaft«, dachten die Buben, »wenn man auch so daherreiten könnte!« Sie waren ganz benommen. Plötzlich aber machten sie ihrer Erregung Luft:

»Hurra, hurra!« schrien die Leuenhofer zusammen, die Mädchen mit. »Die Soldaten sollen hochleben«, fügte Ernst Hutter noch hinzu, der immer am besten wusste, was sich schickte. »Hoch! Hoch!« schrien die Kinder zu dem Hohlweg hinunter.

Die Soldaten sahen lachend auf. Der Hauptmann strich seinen kleinen Schnurrbart und lächelte auch. »Rrrrührt euch!« kommandierte er. Und nun kam Bewegung in die müden, erhitzten Leute. Der eine schob sich den Tschako aus der schweissbedeckten Stirne; der andere hakte den Riemen des Tornisters locker; viele legten die Flinte auf die andere Schulter. Und alle nickten lustig zu den Kindern hinauf. Da warf Gritli Wegmann den kleinen Eichenzweig, den sie am Busch gepflückt hatte, zu den Soldaten hinunter. Geschickt fing ihn einer auf und steckte ihn an seinen Tschako. Das war nett! Und nun fingen die Buben und Mädchen an zu pflücken und zu werfen und zu rufen, und die Soldaten streckten die Hand aus nach dem grünen Schmucke. Und der Herr Hauptmann liess es geschehen; er war froh, dass seine Soldaten, die seit dem frühen Morgen auf staubiger Strasse gewandert waren, nun wieder so munter wurden. Vorn fing einer an zu singen: »Ich hatt’ einen Kameraden« – die anderen fielen ein und alsbald die Leuenhofer Kinder auch. Es klang voll und schön in den klaren Sommerabend hinaus. Unten die kräftigen Männerstimmen und oben die hellen der Mädchen und Buben.

»Drei Röselein, drei Lilien, die pflanzt mir auf mein Grab ...« huben ein paar Soldaten an.

»Das können wir nicht!« warfen die Kinder ein.

»Also was für eins könnt ihr denn noch?« riefen die Soldaten.

»Wo Berge sich erheben zum hohen Himmelszelt ...« schlugen die Leuenhofer vor. »Das geht so schön im Takt!«

»Wo Berge sich erheben«, ertönte es voll und mächtig. Einige Soldaten sangen die dritte Stimme. Das klang wie tiefe Orgeltöne. Die Leuenhofer marschierten auf dem schmalen Fussweg oben mit. Jetzt machte die Strasse eine Biegung. Man sah weit hinaus ins Land über die grünen Hügel hin. Links lag das freundliche Dörflein Reppenbach und weiter hinten Fusslingen, und hinter den grünen Hügeln erhoben sich die Schneeberge still und schimmernd im Glanz des klaren Juniabends. Der Hauptmann deutete hinüber und den Soldaten schlug das Herz. Das war die schöne Heimat, das teure Vaterland, für das man den schweren Soldatendienst tat, und für das man in Gefahr und Tod ginge. Und die Buben und Mädchen spürten auch, dass es eine Freude und ein Glück sei, ein so schönes Heimatland zu haben.

»Jetzt wollen wir dann das Sempacherlied anstimmen«, sagte Ernst Hutter zu seinem Freunde Gustav Brenner. »Weisst du, wo’s dann heisst: ‘erhaltet mir Weib und Kind, die eurem Schutz empfohlen sind ...’ Da durchschauert’s mich allemal ganz. Weisst du, wenn man so denkt, dass er die Spiesse in sich hineingestossen, um sein Land zu retten – so etwas möchte man auch einmal tun können – gelt?«

Brenner nickte ernsthaft und dann stimmten die beiden das alte, wilde Sempacherlied an, und wieder sang alles begeistert mit. Ein Lied folgte dem anderen. Weit, weit zogen die Buben und Mädchen mit den Soldaten durch das grüne Tal hinaus. Und zwischen den Liedern ging es lustig hin und her mit Fragen und Schwatzen.

Dann aber an der Ecke, wo die Dorfstrasse nach Reppenbach abzweigte, wendete sich der Hauptmann zu den Kindern:

»Ja hört, jetzt wird’s müssen genug sein; in alle Nacht hinein könnt ihr nicht mitlaufen. Es ist höchste Zeit für euch, heimzugehen. Achtung, linksum kehrt!« kommandierte er.

»Linksum kehrt!« Das kannten die Leuenhofer aus der Turnstunde. Lachend gehorchten sie. Aber zu schade war’s, dass man sich trennen musste.

»Wenn wir nur mitkönnten nach Rumikon! Ja! und dort auch im Heu übernachten«, riefen die Buben.

»Und euch helfen die Suppe kochen«, riefen die Mädchen.

»Griesssuppe oder Erdäpfelsuppe!« Aber während die Mädchen lachend ihre verschiedenen Suppen vorschlugen, zogen die Soldaten weiter. Grüssend winkten sie noch zurück und immer wieder riefen die Kinder:

»Ade, lebt wohl, gute Nacht, ade!« Dann ging’s heimwärts über die Hackenbergerstrasse zurück und durch den schon dämmerigen Wald zur Langwiese.

Auf einmal blieb Martin Imbach stehen. »Paul! unsere Soldaten – Die Schildkröten –.« Paul sah den Freund verdutzt an; dann wandte er sich zu Marie Hug und Sara zurück. »Ihr habt doch die Schildkröten nicht nur so stehen lassen? Ihr habt doch selber wollen Elefantenwärter sein!«

»Ja«, erwiderte Sara, »ja, ihr habt euren ‘Pirmus’ oder wie er heisst, auch stehen lassen mit dem ganzen Heer.«

»Was redet ihr denn da von Elefanten und von einem ‘Pirmus’?« fragten die Sechstklässler. Aber schon rannten Martin Imbach, Paul Grossberger, Arnold Zwickel und die anderen Fünftklässler in weiten Sätzen davon. Es war ihnen plötzlich angst geworden. Hätte man doch, bevor man weglief, die Schildkröten wieder in ihren Verschlag getan!

»Glaubst du, sie seien auf dem Gartenweg geblieben, Arnold?«

Wohl ein dutzendmal wurde die Frage an Arnold Zwickel gerichtet.

»Ja, ja, ich glaube schon!« sagte er, während er weiterrannte. Aber man merkte, dass ihm nicht recht wohl zumute war. Wenn man etwas anstellte, verstand der Grossvater keinen Spass und erst Herr Konzelmann –.

Die Buben und Mädchen langten am Gartentor an, rissen es auf, stürmten über den Kiesplatz zum Seitenweg. Da – auf den Pappdeckeln stand unentwegt noch die ganze epirotische Armee, Pyrrhus auf seinem Schimmel, umgeben vom Generalstab. Aber die Elefanten waren verschwunden. Nur einzelne Trümmer der Kriegstürmchen und ein paar Bogenschützen lagen zwischen den Armeeabteilungen.

Bestürzt standen die Kinder da.

»Wir müssen sie suchen!« sagte Arnold Zwickel. »Wir finden sie schon. Sie laufen nie weit fort.« Er fuhr mit den Händen in die Buchseinfassung, der den Kiesweg vom Rasen trennte. Imbach und Grossberger, Sara und Marie Hug machten sich daran, den Rasen links und rechts zu durchsuchen.

»Nun, sucht! Sucht doch auch!« rief Sara den anderen zu, die im Wege stehen geblieben waren.

»Ja – wir müssen eigentlich heim«, erwiderten die.

»Heim – jetzt kann niemand heim; jetzt müssen wir die Schildkröten suchen.«

»Der Imbach und der Grossberger und der Adorf sollen suchen. Sie haben das Spiel ausgedacht.«

»Aber mitgemacht habt ihr auch!« rief Paul Grossberger aufgebracht herüber. »Das ist überhaupt fein, das, sich so herauszuziehen, wenn etwas begegnet.«

Es wäre jetzt der schönste Streit entstanden, wenn nicht der Grossvater Zwickel daher gekommen wäre mit seiner Hacke über der Schulter. Er hatte die ganze Zeit hinten im Gemüsegarten gearbeitet und wollte jetzt Feierabend machen. »Ja, seid ihr noch da!« sagte er erstaunt. »Jetzt packt aber euer Soldatenzeug zusammen und tut die Elefanten in ihren Stall. Und ihr dort, kommt mir aus dem Rasen heraus! Arnold!«

»Wir – wir suchen die Schildkröten«, stotterte Arnold und stieg langsam aus dem Rasen. »Wir waren – wir waren ein wenig fort, weil« – er stockte bei jedem Wort und hob abwehrend den Ellbogen; der Grossvater hatte, wenn es darauf ankam, noch eine feste Hand.

»Ja, weil wir die Soldaten auch sehen wollten« – nahm jetzt Sara das Wort – »die lebendigen! Wissen Sie, Herr Zwickel; es waren gewiss tausend, und ein Hauptmann war dabei auf einem so netten braunen Rösslein; es war hellbraun.«

Arnold war erleichtert. Bei Sara Wiebold ging das Reden immer wie an einem Rädchen.

Aber der Grossvater Zwickel unterbrach Sara; es war ihm ganz gleich, ob das Rösslein des Hauptmanns hell- oder dunkelbraun gewesen und dass die Blechschüsseln so lustig ausgesehen hätten auf den Tornistern und die Mäntel darüber zu einer Wurst gerollt. –

Er wollte nur wissen, wo die sieben Schildkröten des Herrn Konzelmann hingekommen seien und zankte die Kinder ganz gehörig wegen ihrer Gedankenlosigkeit. –

»Hätt ich euch nur nie hereingelassen. Vorwärts! Die Tiere müssen gefunden sein, bevor es dunkelt. Geh ums Haus herum, Arnold, zu den Portulakbeeten. Oder vielleicht bei der Remise. Vielleicht sind sie gescheiter gewesen als ihr und haben selber ihren Verschlag gesucht?« –

Alles suchte; der alte Zwickel am eifrigsten.

Aber weder im Portulak, noch in den Nelken, weder bei der Remise, noch beim Gartenhäuschen waren die Schildkröten zu finden. Hektor kam auch herzu; er wedelte mit dem Schwanz und sah den alten Zwickel mit seinen klugen Augen an.

»Die Schildkröten suchen wir«, sagte er zu Hektor. »Weisst du vielleicht etwas von den Schildkröten?«

Hektor sprang an dem alten Zwickel auf; aber reden konnte er halt nicht.

Man suchte und suchte. Ein über’s andere Mal musste Zwickel die Kinder mahnen, den Rasen nicht so zu zertreten.

Es fing an zu dämmern. Am Gartentor erschien der Bruder von Gritli Wegmann und die Schwester von Paul Grossberger.

Heimkommen sollen sie zum Nachtessen. Was die denn so lang zu tun hätten.

»Ich muss auch heim, ich auch! Mein Vater wird immer bös, wenn man nicht beim Abendessen ist«, erklärten jetzt die anderen Buben und Mädchen.

»So geht!« sagte der alte Zwickel. Er war sehr ärgerlich. »Jetzt, wo’s dunkelt, finden wir sie nicht mehr! Ihr habt mir etwas Schönes angestellt. Wenn morgen abend der Herr Konzelmann heimkommt und die Schildkröten sind nicht da! Ich darf gar nicht daran denken; der kommt in einen Zorn! Er ist imstand und kündet mir den Dienst. Wie hat er vor zwei Jahren getan, als der Sturm die Treibhausfenster zerschlug. Geht jetzt! Geht! Ich wollte, ich hätt euch den ganzen Nachmittag nicht gesehn. Ich alter Narr!«

Die Buben packten verlegen ihre Soldaten zusammen und verliessen Herrn Konzelmanns Garten. Trotz eiligem Gehen wurde doch noch geschwatzt und beraten. Wo die Schildkröten nur hingekommen waren! So langsam wie sie marschierten! Hatte sie am Ende jemand gestohlen?

»Ja, das könnte wohl sein!« meinte Sara; dann stand sie einen Augenblick still und klopfte mit der Faust in die Hand; »mir fällt etwas ein. Wie wir die Kriegstürme machten, stand vor dem Garten ein Bub, ein ganz fremder, mit schwarzen Augen. Gewiss hat der die Schildkröten genommen. In einem Buch von meiner Schwester steht, dass solche Buben – man heisst sie Savoyarden – mit Murmeltieren im Land herumziehen und dann gibt man ihnen Geld. Vielleicht wollte der Bub mit den Schildkröten herumreisen. Er hatte so schwarze Augen.«

Die anderen lachten. Was Sara immer alles wusste! Aber gleich wurden sie wieder ernsthaft. Das war doch eine böse Sache. Und der alte Zwickel, der sonst ein so guter Mann war, tat ihnen leid. Sie hätten wirklich nicht weglaufen sollen.

Am anderen Morgen sprangen alle Fünftklässler Arnold entgegen, der spät kam. »Hat man sie gefunden? Sag! Sind sie wieder da?«

Aber Arnold schüttelte betrübt den Kopf. Die ganze Nacht, erzählte er, habe sein Grossvater nicht geschlafen, und vor fünf Uhr schon sei er hinaus in Herrn Konzelmanns Garten und habe gesucht und gesucht. Aber vergebens. Er habe auch in der Nachbarschaft gefragt. Aber niemand habe etwas von den Schildkröten gesehen.

Herr Schwarzbeck war sehr ungehalten, als er die Geschichte vernahm. Er machte während des ganzen Morgens ein strenges Gesicht.

Und jetzt waren die Sechstklässler auch böse über die Fünftklässler. Sie hätten noch recht viel von den Soldaten reden wollen und Herrn Schwarzbeck erzählen, und nun dachte alles nur an die dummen Schildkröten.

In der Pause berieten Martin Imbach, Paul Grossberger und Walter Adorf zusammen. »Es wäre doch schrecklich, wenn der alte Herr Zwickel seine Stelle verlieren würde wegen uns.«

»Wenn es nur nicht sieben wären«, sagte Walter. »Zwei wüsste ich. Sie gehören meinem Vetter in Amrikon. Wenn er mir sie gäbe gegen eines von meinen Kaninchen. – Am Sonntag könnte ich hingehen.«

Die drei Buben sahen sich an. Heute war erst Donnerstag. Und bloss zwei, statt sieben.

»Wenn wir Geld zusammenlegen würden – alle, die mitgemacht haben? – Ich könnte vierzig Rappen bringen. Und du, Imbach? Was kostet wohl eine Schildkröte?«

»Ja, und wo kann man sie kaufen? Imbach, vielleicht weiss dein Vater es.«

Eva und Martin Imbachs Vater war Direktor der Baumwollfabrik in Groppen. Er hatte früher grosse Reisen gemacht und wusste viel von fremden Völkern und Tieren. –

Man teilte Arnold den Plan mit, dass er beim Mittagessen mit seinem Grossvater davon rede. Aber als die Buben ihn vor zwei Uhr wieder beim Wendeltor trafen, erzählte er, der Grossvater habe nichts wissen wollen davon.

Es nütze nichts. Der Herr Konzelmann kenne seine Schildkröten genau.

Er wisse gar nicht, wie er ihm unter die Augen dürfe heut abend. Um sieben Uhr komme er von der Bahn.

Die Nachmittagsschule verlief ebenso trübselig wie der Vormittag, und auf der Langwiese wollte am Abend unter den Fünftklässlern kein rechtes Spiel entstehen. »In einer Stunde kommt er«, sagte Walter Adorf, als es sechs Uhr schlug. Alle wussten, dass er Herrn Konzelmann meine und stellten sich vor, wie es jetzt dem Grossvater Zwickel immer ängstlicher zumute werde. Und eigentlich waren sie schuld an der ganzen Sache. Es war doch fast unerträglich jetzt, so dazustehen, ohne etwas ändern zu können.

»Ich weiss schon, was wir eigentlich tun sollten« – sagte Martin Imbach – »aber es wäre schrecklich widerwärtig. Wir müssten, bevor Herr Konzelmann Arnolds Grossvater sieht und bös werden kann, ihm die ganze Sache erzählen und abbitten.« –

»Dann geht es aber über uns los«, entgegneten einige.

»Ja nun, dann müssten wir es halt haben.«

»Also, Imbach, dann mach du’s. Wir gehen alle mit dir zum Bahnhof. Und wenn Herr Konzelmann aus dem Zug steigt, so hältst du ihm eine Rede.« –

Martin Imbach sah verlegen drein. Er war ein braver Bub und hätte gerne etwas getan für den Grossvater Zwickel. Aber so vor Herrn Konzelmann hintreten, den er gar nicht kannte –

»Wenn man Sara Wiebold dazu nähme« – schlug Walter Adorf vor.

»Ja, ja, Sara Wiebold«, rief alles. »Und wenn sie nicht mehr weiter weiss, muss Marie Hug helfen. Die beiden können weitaus am besten schwatzen. Herr Schwarzbeck sagt es immer.« –

Aber die beiden Mädchen fanden den Auftrag unheimlich. Sie schüttelten den Kopf:

»Nein! Auf den Bahnhof wollen wir schon mit. Aber reden muss einer von den Buben. Ihr sagt ja immer, Buben seien tapferer.«

Da ertönte vom Wendeltor her ein lautes Rufen.

»Juhu! Imbach! Grossberger! – Sie sind wieder da! Juhu!« Es war Arnold Zwickel, der in gestrecktem Galopp daherschoss.

Ale Kinder rannten ihm entgegen:

»Nein! Sag! Alle sieben! Wo sind sie denn gewesen? Wer hat sie gehabt? Saras fremder Bub mit den schwarzen Augen? Sind die Kriegstürme noch drauf?«

»Ja, alle sieben! Nein, nicht Saras fremder Bub – der Hektor« – Arnold musste aufschnaufen.

Es war eine ganze Geschichte; die konnte man nicht so schnell erzählen. Und eigentlich musste Arnold gleich zum Grossvater zurück.

»Wir begleiten dich! Wir begleiten dich!« riefen alle, im höchsten Grade gespannt und drängten sich alle um Arnold Zwickel, während er wieder den Weg zu Herrn Konzelmanns Haus nahm.

»Also die Geschichte war so: Der Grossvater hatte am Nachmittag zu suchen aufgehört; denn es war gar keine Aussicht mehr, die Schildkröten zu finden. Er rechte den Kies, damit doch Herr Konzelmann die Wege glatt finde. Da hörte er drunten beim Flurbachacker herauf den Hektor so sonderbar bellen. Der Hektor war schon den ganzen Vormittag so seltsam gewesen. Immer wieder stellte er sich vor den Grossvater Zwickel bin, schüttelte die langen Ihren und machte ein paar Sätze rückwärts, wie er es tat, wenn er wollte, dass man mit ihm gehe. Schliesslich habe er seinen Freund geholt, den Dachshund vom Gerbermeister Brassler. Er heisst Wackel und geht oft mit Hektor spazieren. Die beiden gingen dann etwa in den Hof vom Metzger Neufanger, wo es immer etwas zu riechen gab, oder in die Gerbe hinunter, wo jedesmal die fünf Gänse ihnen mit gestreckten Hälsen und zornigem Zischen entgegenkamen. Das machte den beiden Spass, und Wackel trieb sie allemal unter lebhaftem Gebell in die Flucht. Heut nachmittag aber hörte der Grossvater Zwickel die beiden Hunde immer unten beim Flurbachacker. Bald ertönte Wackels scharfes Gekläff, bald Hektors tiefe Stimme. Hektor bellte sehr selten.

Er muss da etwas ganz Besonderes haben, dachte der Grossvater Zwickel und stellte seinen Rechen weg, um nachzusehen. Die beiden werden doch nicht etwa ein Häslein erjagt haben, oder gar ein Huhn! Der Wackel, der hat immer solche Streiche im Kopf. Das fehlte jetzt noch! Der Grossvater beeilte seine Schritte. Der Flurbachacker lag unten am Bach; er gehörte Herrn Konzelmann, und früher hatte Grossvater Zwickel da unten Kartoffeln und Gemüse gepflanzt; in den letzten Jahren war er nicht mehr bebaut worden.

Wie der Grossvater Zwickel da herunter kam, standen die beiden Hunde vor einer Grube, die halb mit Brettern zugedeckt war und schauten hinein.

Und da – der Grossvater traute seinen Augen nicht – da drunten lagen die Schildkröten, alle sieben Schildkröten!«

»Und wisst ihr?« schloss Arnold seinen Bericht, »wisst ihr, wer sie da hineingetan? Der Hektor! Der Grossvater weiss ganz bestimmt, dass es der Hektor war: Gelt, Grossvater?« rief er durch’s Gartentor hinein. Denn man war jetzt bei Herrn Konzelmann angekommen.

»Ja, ja, der Hektor war’s!« nickte der Grossvater. Er sah so vergnügt aus, dass die Kinder sich wohl getrauten, mit Arnold in den Garten einzutreten.

Hektor stand beim alten Zwickel. Er trat den Kindern langsam entgegen und knurrte leise, wie wenn er sagen wollte: »Dass ihr mir nicht noch einmal hinter die Schildkröten geht!«

»Ja, der Hektor!« lachte der alte Zwickel. »Ich bin ganz sicher. Es kann niemand sonst gewesen sein. Er hat früher die Gewohnheit gehabt, alles, was er erwischte, da unten in der Grube zu verstecken. Einmal war’s ein Häslein, da hat er schön Schläge bekommen; ein andermal war’s eine Ringelnatter oder auch bloss eine Maus. In den letzten Jahren hat er’s nie mehr getan.

Wie er aber gestern die Schildkröten da im Weg gesehen hat, mit dem seltsamen Zeugs auf den Rücken und inmitten der Soldaten, wird er gedacht haben, das sei nicht in Ordnung und das gehöre sich nicht, so gehe man nicht um mit den Schildkröten von Herrn Konzelmann und er müsse sie irgendwo in Sicherheit bringen. In ihren Verschlag in der Remise hat er sie nicht tun können; die Türe war zu. Da ist ihm die Grube eingefallen. Ja, ja Hektor, das war ein Streich! Ich habe eine schöne Angst ausgestanden!«

Er drohte dem Hund mit dem Finger, und die Kinder machten sich auch an Hektor, um ihn zu schelten und zugleich zu streicheln. Wie waren sie froh, dass die böse Sache sich so gut gelöst hatte und dass Herr Konzelmann Arnolds Grossvater nicht zanken würde.

Eine Menge von Fragen hätten sie zu stellen gehabt.

Ob das nicht unangenehm gewesen sei für die Schildkröten, so in Hektors Maul davongetragen zu werden und dann in die Grube zu plumpsen und da die ganze Nacht und den Tag ohne Futter zu sein.

»Ja, lustig war es wahrscheinlich nicht; aber geschadet hat es keiner. Bloss Klumpen von euren Kriegstürmen sind noch an ihnen hängen geblieben und ein paar von den Schützen. Die liegen noch in der Grube und haben gespürt, wie’s im Krieg zugeht. Aber jetzt macht euch davon! Sonst kann ich noch einmal zu rechen anfangen!«

Es war die höchste Zeit, dass die Buben und Mädchen verschwanden. Aus dem Städtchen heraus sah man Herrn Konzelmann kommen mit der Reisetasche in der Hand. Hektor lief ihm entgegen und sprang an ihm auf; aber reden konnte er halt nicht und die Schildkröten, die Herr Konzelmann am späten Abend noch in ihrem Verschlag besuchte, konnten es erst recht nicht. –

Der seltsame Lehrer.

Im Mai war Herr Schwarzbeck krank gewesen und musste ein paar Tage zu Haus bleiben und später noch eine Woche, und da hatten zwei ganz junge Lehrer Schule gehalten; ein Herr Lendi und ein Herr Rotenbuch. Die Kinder hatten das anfangs sehr interessant gefunden und gedacht, mit diesen jungen Herren gehe es lustig zu; aber beide waren sehr streng gewesen und hatten, wenn man nicht ruhig war, mit dem Lineal stark auf den Tisch geschlagen und grosse Aufgaben gegeben.

Heute kam Herr Schwarzbeck auch nicht zur gewohnten Stunde in die Schule; aber er war nicht krank. Er hatte nur wegen einer wichtigen Angelegenheit ins Schulhaus nach Gopperswil gehen müssen. Er hatte die beiden Klassen ermahnt, sich ruhig zu verhalten und in ihren Rechnungsheften weiterzufahren, bis er gegen zehn Uhr wieder komme.

In der sechsten Klasse war Felix Kleinhans Wochenaufseher und hielt gute Ordnung. Man hörte bloss hin und wieder den einen oder anderen bei seiner Rechnung etwas laut werden: 7 mal 7 ist 49; setze 4 behalte 9. 7 mal 3 ist 21 und 4 ist 25 ....

In der fünften Klasse ging es unter Martin Imbach, dem Bruder von Eva, nicht so glatt.

Die Mädchen in der hinteren Bank schwatzten, und Marie Hug und Sara Wiebold waren immer unter der Bank, bald wegen dem Federnhalter, bald wegen einem Taschentuch. Martin musste beständig wehren.

»Imbach«, rief ihm da Felix hinüber. »Schreib sie einfach auf. Sie werden dann schon sehen, was Herr Schwarzbeck ihnen sagt.«

Die etwas unartige Sara machte Felix schnell eine kleine Grimasse hinüber; dann aber entschlossen sich die beiden Mädchen doch zu arbeiten, und es herrschte eine leidliche Stille im Zimmer.

Da klopfte es an die Türe, und weil Herr Schwarzbeck nicht da war, rief die ganze Klasse ein sehr kräftiges Herein und sah neugierig zur Türe.

Ein junger Herr trat ein und nickte. Den Hut hatte er in der Hand.

Die Buben und Mädchen erhoben sich zur Begrüssung.

»Herr Schwarzbeck sei weggegangen?«

»Ja! Nach Gopperswil!« riefen die Schüler. Es war immer angenehm, so im Chor zu antworten, dass es schallte.

»So, nach Gopperswil.« Der junge Mann lächelte vor sich hin und setzte sich an Herrn Schwarzbecks Pult.

Jetzt ging ein Gewisper durch die Bänke:

»Aha, der gibt uns jetzt Stunde! Wahrscheinlich kann Herr Schwarzbeck nicht zurückkommen bis zehn Uhr!«

Die Kinder machten Bücher und Hefte zu und sahen erwartungsvoll auf zu dem jungen Mann, der das Lineal in die Hand nahm und dann einen kleinen Strauss Pfingstnelken besah, den Sophie Berchtold heute morgen gebracht hatte.

Was für einer der wohl war –? überlegten die Kinder. Bös sah er nicht aus. Aber Herr Lendi hatte auch ein ganz nettes Gesicht gehabt. Warum fing er denn nicht an und roch bloss an den Pfingstnelken?

Das Getuschel unter den Kindern wurde lauter. Ein paar Sechstklässler streckten die Hand, und da der junge Mann vorn am Pulte das nicht beachtete, erhob sich Felix Kleinhans:

»Wir hätten jetzt Sprachstunde!«

»So, Sprachstunde«, wiederholte der junge Mann wie in Gedanken.

»Ja, Grammatik, wir sind auf Seite 63.« Felix Kleinhans streckte ihm das Buch hin.

Der junge Mann sah in das Buch. Dann schien er einen Augenblick zu überlegen. Nun stand er auf und stützte beide Hände in die Seite.

»Was wollt ihr – eine Grammatikstunde soll ich euch geben.« Er lachte hell auf.

Die Buben und Mädchen sahen ihn erstaunt an. Das war ein seltsamer Lehrer, den Herr Schwarzbeck da geschickt hatte.

»Ja«, erklärte nun Ernst Hutter, »wir müssen immer einen Satz lesen und dann sagen, welches der Satzgegenstand ist und welches das Ausgesagte.« »Satzgegenstand oder Subjekt sagen wir jetzt und Prädikat«, ergänzte Gustav Brenner. Herr Schwarzbeck hatte die Sechstklässler das kürzlich gelehrt.

»Subjekt und Prädikat – hm –« der junge Mann strich sich durch das kurze dunkle Haar; »hört – nein«, und wieder fuhr es um seinen Mund, als ob er ein Lachen unterdrücke.

»Wir wollen – wir wollen es lieber ein wenig mit Rechnen probieren.« Er stand auf und rieb sich die Hände.

Die Kinder holten bereitwillig ihre Rechnenhefte wieder her, und der Herr Lehrer liess sich von den Sechstklässlern zeigen, wo sie stehen geblieben waren.

Ein Arbeiter verdient in 7½ Monaten 902 Franken 40 Rappen; wie viel verdient er in einem Jahre, las er aus dem Buche.

»Hm – das ist nicht so einfach . . . mit 6 Monaten ging es besser.« ...

»Bei Herrn Schwarzbeck müssen wir immer einen Dreisatz machen«, sagten Ernst Hutter und Felix Kleinhans.

»Ja, einer darf dann an die Wandtafel« fügten ein paar andere aus der Klasse hinzu und streckten die Hand über die Bank, so weit sie nur konnten.

Aber zufällig deutete der fremde Lehrer grade auf das allerungeschickteste Mädchen.

»Nun zeig du einmal, wie man so einen Dreisatz macht«, sagte er, und Alwine Gehring ging zaghaft an die Wandtafel.

Die anderen Mädchen und Buben waren ärgerlich. Grade die Alwine Gehring, die nie etwas konnte. Was dachte jetzt dann der fremde Lehrer von der sechsten Klasse!

Da – natürlich fing Alwine verkehrt an. 902 Franken 40 Rappen = 7½ Monate. So kam man ja nicht auf die rechte Lösung.

Alwine stand denn auch ratlos und verschmierte sich mit der Kreide in der Hand die schwarze Schürze. Und der fremde Lehrer tadelte Alwine gar nicht; er stand dabei und sagte: »Ja, gelt schwer! Wart nur, lass dir Zeit – wir kommen schon noch dahinter.« – Der war komisch!

Auf einmal fing Alwine aus lauter Verlegenheit an zu weinen.

Halb belustigt, halb erschrocken beugte sich der fremde Lehrer zu ihr herunter: »Ja, was ist denn das – traurig sein – wegen so einer dummen –-« er verbesserte sich – »wegen so einer Rechnung. Da – setz dich an deinen Platz und sei nur wieder vergnügt.«

Die Buben und Mädchen sahen sich immer erstaunter an. Herr Schwarzbeck war auch freundlich; aber wenn man so für nichts weinte, anstatt zu arbeiten, dann redete er anders.

»Alwine Gehring fängt immer gleich an zu weinen; das macht nichts«, klärte Netti Tobel den fremden Lehrer auf. Der aber winkte Gustav Brenner:

»Für Buben passt so eine schwere Rechnung besser.«

Schwer! dachten die Mädchen, die ist doch gar nicht schwer, und streckten ihm die Hände so nah unters Gesicht, dass er lachend wehrte.

Gustav Brenner trat rasch vor und nahm die Rechnung in Angriff.

Der fremde Lehrer sah zu: »Das geht ja prachtvoll, ausgezeichnet; man kommt kaum nach«, sagte er, als Gustav Brenner flink und sicher die Division und dann die Multiplikation vornahm. »Ein wahrer Adam Riese! So nun mach du gleich die folgende Rechnung auch!«

Da wehrten sich aber die Mädchen; der fremde Lehrer sollte sehen, dass sie auch rechnen konnten.

»Bei Herrn Schwarzbeck darf man nie zwei Rechnungen nacheinander machen, nie!« riefen sie. »Er wechselt immer ab. Jetzt wäre es wieder an einer von uns!«

»Also eins von euch« sagte der fremde Lehrer nachgiebig. »Da, du Gispel!« Er deutete auf Netti, die nicht aufhörte mit ihrem Arm zu fuchteln. »Aber nicht weinen –!«

Nein, da konnte er sicher sein. Netti Tobel weinte nicht. Mutig ihre braunen Zöpfe schwenkend, trat sie heran und griff zur Kreide.

Sie kam indessen nicht weit mit ihrem Dreisatz; denn die fünfte Klasse zog jetzt die ganze Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich.

Sie war in grosse Unordnung geraten. Ein Weilchen hatten die Kinder gewartet, dass der fremde Lehrer ihnen eine schriftliche Beschäftigung gäbe, wie Herr Schwarzbeck es tat, wenn er mit der anderen Klasse mündlich rechnete.

Dann aber fingen sie an zu schwatzen und herauszurutschen.

Zuerst hatte Martin Imbach noch versucht, etwas Aufsicht zu halten. Aber er wurde nicht mehr anerkannt. Als er sich umdrehte und im Flüsterton gebot, dass man weiter rechne, rief die unartige Sara ziemlich laut hervor:

»Nein, Imbach, weisst du, wir folgen dir nicht mehr; du bist jetzt abgesetzt.«

»Ja, du bist jetzt abgesetzt«, stimmten ihre Nachbarinnen ihr bei. »Wenn wir rechnen müssten, würde der neue Lehrer es uns schon sagen.«

Martin Imbach wollte eine ärgerliche Antwort geben, als sein Freund Paul ihn anstiess und ihm ein paar seltene spanische Marken zeigte.

»Du, Imbach, gibst du mir deine alte Kanada für diese vier –?«

Martin Imbach besah die vier Spanischen aufmerksam, überlegte und zog dann das Brieftäschchen heraus, in dem er seine Tauschmarken hatte. Die Nächstsitzenden hörten dem Handelsgeschäft zu und gaben ihre Meinung darein.

Die Mädchen aber trieben es immer ärger.

Alle acht der zwei hinteren Bänke steckten um Marie Hug die Köpfe zusammen und kicherten. Es musste da etwas ungeheuer Spasshaftes los sein.

Jetzt sah man ein rundes weisses Ding von Hand zu Hand weitergehen.

»Nein, wie nett, nein wie lustig!«

Die sechste Klasse sah empört hinüber. Hörte denn der fremde Lehrer gar nicht, wie die laut und unartig waren! Verklagen galt sonst als verächtlich bei den Leuenhofern; aber das war doch zu arg; »Herr –« ja den Namen von dem jungen Herrn wusste man nicht.

»Herr Lehrer« rief Arnold Zwickel, der in der Nähe der unartigen Mädchen sass, »sie lachen immer; man kann gar nicht rechnen.«

»Herr Lehrer«, rief er noch einmal in erhöhtem Tone und griff rasch hinüber in die Mädchenabteilung. »Sie haben eine Maus gemacht, aus einem Taschentuch hat Marie Hug eine Maus gemacht.« Er streckte das erbeutete weisse Ding in die Höhe.

Der fremde Lehrer trat herzu und fasste das Ding am Schwänzchen, das etwas zu kurz und zu dick war für eine Maus.

Man sah deutlich, dass er sich bemühte, ein strenges Gesicht zu machen, aber dass es ihm mehr um’s Lachen war.

»Ihr seid ja schreckliche Kinder«, sagte er; »wer wird denn Mäuse verfertigen, wo es schon so viele auf der Welt gibt! Da!« Er warf das weisse Ding unter die Mädchen, die belustigt aufschrien, »verwandelt dieses schädliche Nagetier schnell wieder in ein ehrliches Taschentuch und dann – und dann müsst ihr still sein. Ihr seht doch, wie wir uns da vorn mit den Dreisätzen abplagen.«

Die Sechstklässler sahen einander an. Keine Strafe für diese Maus und dieses Lachen und Schwatzen. Wenn man bei Herrn Lendi oder bei Herrn Rotenbuch mitten in der Stunde eine Maus gemacht hätte –! Bei Herrn Schwarzbeck fiel einem so etwas überhaupt nicht ein. –

»Man muss ihnen eine Aufgabe geben«, sagte Ernst Hutter, als der fremde Lehrer an ihm vorbeikam. Er hatte sich überlegt, ob er so dreinreden dürfe. Aber wenn die fünfte Klasse nichts zu tun hatte, so ging ja der Lärm wieder an.

»Bei Herrn Schwarzbeck müssen sie manchmal Schönschreiben, wenn wir rechnen.«

»Schönschreiben? Gut, also schreibt schön!« sagte der fremde Lehrer leichthin zu der fünften Klasse.

Martin Imbach holte die Hefte aus dem Schranke, und die Kinder machten sie rasch auf und nahmen ihre Federhalter. Eigentlich waren sie ja gewöhnt zu arbeiten und sahen ein, dass man eine schöne lange Vormittagstunde nicht mit Dummheiten zubringen durfte.

Aber nun ging das Vergnügen und die Unruhe von neuem an.

Die Buben vorn hatten dem fremden Lehrer bedeutet, dass das grosse T dran komme. T mt und dann allerlei Wörter mit T und Sätze.

Der Lehrer stellte sich vor die Wandtafel und drehte die Kreide in der Hand, und seine Schultern bewegten sich gerade, als ob er in sich hinein lache.

Dann fing er an ein grosses T zu schreiben T mt. Aber wie komisch und krumm die Anfangsschleife war und wie das m bergab ging und das kleine t so grad aufstand.

Nein, was das für ein sonderbarer Lehrer war! So ein T –!

Das Kichern und Schwatzen ging von neuem an, nicht nur hinten.

Der sonderbare Lehrer trat etwas zurück, um sein T mt, an dem er ein paar Mal herumgewischt hatte, zu betrachten, so dass es von einer weissgrauen Wolke umgeben war.

Dann drehte er sich um: »Was – da lachen sie schon wieder, die kleinen Racker!« Er trat mit ein paar grossen Schritten auf die hinteren Bänke zu. Er machte ein Gesicht wie der Menschenfresser im Märchen; aber die Kinder merkten wohl, dass es Spass war und lachten alle, die Buben und Mädchen, aus vollem Halse auf, und die sechste Klasse lachte mit. Und Netti Tobel, die vorn immer noch auf ihren Dreisatz wartete, rief überlaut:

»Das ist der weitaus netteste von all den fremden Lehrern, die wir schon gehabt haben!«

In dem Augenblick ging die Türe auf, und Herr Schwarzbeck erschien:

»Wie geht es denn da zu«, rief er mit gerunzelter Stirne. »Was für ein Lärm! Warum tut ihr nichts? Felix Kleinhans! Martin Imbach! Was seid ihr für Aufseher!«

Die Blicke aller 37 Schüler richteten sich nach dem fremden Lehrer, der rasch auf Herrn Schwarzbeck zutrat:

»Herr Schwarzbeck, kennen Sie mich noch – kennen Sie den Hans Mössmer noch, den Schlingel, den Sie hier in diesem Schulzimmer vor zwölf Jahren mehr als einmal am Kragen genommen.«

»Hans Mössmer, wahrhaftig!«

Herr Schwarzbeck schüttelte dem jungen Herrn herzlich die Hand. »Gehört und gelesen habe ich in den letzten Tagen viel von Ihnen; man war in Münsterau ja voll Bewunderung über ihr Konzert.«

Die Buben und Mädchen spitzten die Ohren. Der junge Herr lachte.

»Ja, aber besser als alle Konzerte sind ein paar Ferientage in der alten Heimat. Ich habe heute früh schon das ganze Städtchen durchwandert und bin dann herausspaziert zu meinem alten Leuenhof. Auf dem Weg hörte ich, dass Sie nicht da seien. Aber meine Schulstube musste ich doch sehen. Harmlos trat ich ein und setzte mich – das durfte ich doch, Herr Schwarzbeck? – an ihr Pult, um einen Augenblick von den vergangenen Zeiten zu träumen. Aber was geschah mir –? Ihre Kinder da, Ihre schrecklichen Kinder setzten sich in den Kopf, dass ich gekommen sei, sie zu unterrichten. Sie machten mich zum Lehrer, ohne mich zu fragen, ob ich wolle! Sie zwangen mich einfach. Sie forderten eine Grammatikstunde von mir! Nur mit Not entrann ich einem gefahrvollen Kampf mit Subjekt und Objekt.«

Herr Schwarzbeck brach in ein Lachen aus und drohte mit dem Finger. Er begriff, dass der junge Herr sich einen Spass gemacht hatte.

»Immer noch zu übermütigen Streichen aufgelegt, Hans Mössmer? Jetzt am Ende erst recht, da man Sie nicht mehr am Kragen nimmt.«

Die Kinder aber waren wortlos vor Überraschung. – Also gar kein Lehrer war er? – Also darum war es so merkwürdig zugegangen? – Darum hatte er gar nicht gewusst, dass man für eine Taschentuch-Maus mitten in der Stunde strafe. Daher kam das schlechte T und die ganze Unordnung – wie lustig –!

Sie stimmten herzhaft ein in das Lachen von Herrn Schwarzbeck; dann horchten sie gespannt, was Herr Mössmer weiter erzähle.

»Ja«, fuhr der junge Herr seufzend fort, während ihm der Schelm aus den Augen sah! »Es war aber fürchterlich. Ich kam aus der Angst gar nicht heraus. Da gab es einen geheimnisvollen Dreisatz. Das Mädchen – Alwine hiess es – und ich, wir standen beide davor und wussten nicht weiter; dem armen Kind kamen die Tränen, und ich hätte am liebsten auch geweint.«

»Ha, ha«, scholl es aus den Bankreihen. »Jetzt sagt er, er hätte fast geweint.«

»Es kam schliesslich ein Retter in der Not, dort der Blonde, und brachte den bösartigen Dreisatz in Ordnung. Aber dann gab es neue Schwierigkeiten mit einer weissen Maus, und zuletzt verlangten sie noch, dass ich ihnen vorschreibe. Dieses T mt. Je mehr ich mit dem Schwamm wischte, desto greulicher wurde es!« –

»Herr Schwarzbeck – da steht es noch!« riefen die Fünftklässler vergnügt. –

»Ja, ja, es rächt sich«, fuhr der junge Herr fort, »wenn man sechs Jahre lang an nichts anderes hat denken können als an den Kontrapunkt und an Etüden und Sonaten, Trios und Quartette. Haben Sie noch ihre alte Violine, Herr Schwarzbeck? Erinnern Sie sich, wie ich glücklich war, als Sie mir die ersten Griffe drauf zeigten?«

Herr Schwarzbeck nahm seine Violine aus dem Schrank: »Jawohl weiss ich’s noch.«

Dann kam ihm ein Gedanke: »Wenn Sie uns etwa vorspielten, Hans –?«

»Soll ich – um mich zu rechtfertigen vor ihren Leuten da, um meine Schmach zu tilgen?«

Herr Mössmer nahm die Violine und stimmte die Saiten. Dann begann er zu spielen. Zuerst eine fröhliche helle Melodie, dass das Lachen, das den Kindern vorher auf dem Gesicht stand, noch blieb. Dann kam es langsam und ernst. Der junge Mann hatte die Augen halb geschlossen, als ob er nach innen horche. Die Töne klangen so voll und weich, so traurig und doch so schön, dass die Kinder den Atem anhielten. Es hörte sich manchmal wie ein Schluchzen an, dann wieder wie ein langgezogenes zartes Singen; jetzt klang es doppelstimmig und altvertraut: »Im schönsten Wiesengrunde steht meiner Heimat Haus.« –

Das war Herrn Schwarzbecks Lieblingslied.

Dann auf einmal wurde der Takt rascher und rascher. Die Töne schwirrten wie Vögel oder tanzten wie Sonnenblitze auf bewegtem Wasser. Immer schneller flog der Bogen – es war ein ganzer Wirbel von Tönen.

Wie war es nur möglich, dass man so spielen konnte!

Mit ein paar breiten Strichen über die Saiten, die wie lauter Jubel schallten, schloss der junge Herr.

Die Kinder atmeten auf und sahen benommen und ehrfurchtsvoll nach ihm hin. Er kam ihnen nun vollständig verändert vor, und sie begriffen nicht, wie sie so keck hatten sein können vorher.

Herr Schwarzbeck aber, der in der Fensterecke zugehört hatte, fasste den jungen Mann an beiden Händen: »Das war schön!« sagte er, und seine Stimme klang bewegt, »wunderschön! Was für Töne haben Sie aus meiner armen Geige herausgeholt!«

»Kinder«, wandte er sich an seine Schüler, »ihr versteht das noch nicht so recht; aber ihr habt einen Künstler gehört.«

»O, Herr Schwarzbeck«, wehrte kopfschüttelnd der junge Mann.

Aber Herr Schwarzbeck wiederholte: »Einen echten Künstler habt ihr gehört. Einen Menschen, in den der liebe Gott etwas Besonderes, Grosses gelegt hat. Später, wenn man seinen Namen nennt, könnt ihr stolz darauf sein, dass er euch da, in unserer alten Schulstube, vorgespielt hat.«

»Und vor allem, dass er euch im Dreisatz unterrichtete und im Schönschreiben –«, fügte der junge Musiker hinzu und blinzelte wieder sehr lustig zu den Kindern hinüber.

»Ja, alles kann man nicht mit dem gleichen Geschick betreiben«, erwiderte Herr Schwarzbeck lachend. »Wer so meisterhaft den Bogen führt, dem verzeiht man einen verkehrt angesetzten Dreisatz und ein etwas mangelhaftes grosses T – aber nur dem, versteht ihr«, wandte er sich an seine Buben und Mädchen. »Euch ist so etwas vorläufig nicht erlaubt.«

Er zog seine Uhr. »Hinaus jetzt in den Hof für zehn Minuten.«

Die Kinder drängten sich herzu, um sich bei dem jungen Musiker zu verabschieden, und er schüttelte alle die siebenunddreissig Hände, und Alwine Gehring und Marie Hug zog er am Zopf in Erinnerung an die Tränen und an die weisse Maus.

Als die Buben und Mädchen wieder hereinkamen, stand ein tadelloses T mt nebst allerlei anderen Wörtern an der Wandtafel, und sie sahen ein, dass jetzt in der nächsten Stunde doppelt eifrig gearbeitet werden musste.

Als aber um elf Uhr Herr Schwarzbeck die Schule schloss, rannten die Leuenhofer rasch nach Hause. Denn sonst wurde man vor dem Mittagessen gar nicht fertig mit Erzählen von all den seltsamen, lustigen, interessanten und schönen Dingen, die sich an diesem Vormittag ereignet hatten. –

Die Katzenmusik.

Seit einiger Zeit hatten die Leuenhofer Kinder in der Fensterecke ihres Schulzimmers eine ungeheuer interessante Seidenraupenzucht. Paul Grossberger hatte etwa ein Dutzend grauer Räupchen gebracht, die vorläufig nichts im Sinn hatten, als zu fressen und zu fressen vom Morgen bis zum Abend. Aber die Sechstklässler wussten vom letzten Jahr her, wie es merkwürdig und schön zuzusehen war, wenn die Raupe, nachdem sie gross und dick geworden war, eines Tages zu nagen aufhörte. Es war, als ob sie sich besänne, dass man doch nicht nur fressen sollte auf der Welt, sondern auch etwas tun. Sie wurde unruhig, wiegte den Oberkörper hin und her und kroch in den Ecken der grossen Schachtel herum, wo Herr Schwarzbeck ein paar kahle, verzweigte Ästchen hingestellt hatte.

Endlich hatte die Raupe den Platz gefunden, der ihr recht dünkte, und nun begann sie zu spinnen. Zarte, weisse Fäden zog sie von einem Zweig zum anderen. Und unversehens wurde es zu einem fein seidenen Gehäuse um sie herum. Es war ganz geheimnisvoll, wie das entstand. Zuerst war es noch durchsichtig, und man sah die Raupe in der Mitte zusammengekauert, unaufhörlich und still Fäden auf Fäden um sich herumziehend. Dann wurde das Gespinst dichter und dichter; nur noch undeutlich konnte man die Raupe erkennen, wie sie sich eifrig hin und her wendete. Zuletzt sah man nichts mehr von ihr. Das Gespinst war eine feste, ovale, weissgelbe Kapsel geworden.

»Die Arme!« hatten ein paar Mädchen gerufen. »Jetzt ist sie ganz allein da drin. Es reut sie gewiss nachher, dass sie sich so eingesponnen hat. Nun sieht und hört sie nichts mehr und hat gar nichts zu fressen da drinnen.«

»Sie braucht auch nichts mehr«, hatte Herr Schwarzbeck erwidert; »sie schläft nur eine Weile, und wenn sie erwacht, dann ist sie ein Schmetterling.«

Und wirklich, nach etwa vierzehn Tagen schlüpfte ein weisslicher Schmetterling aus. Er war nicht besonders schön; aber die Kinder betrachteten ihn doch mit Respekt, den geschickten Seidenspinner.

Und jetzt also wollten die Fünftklässler, die letztes Jahr noch nicht im Leuenhofe gewesen waren, diese merkwürdige Spinnerei und die wunderbare Verwandlung auch sehen.

Nun hatten es die Seidenraupen wie alle anderen Raupen. Sie waren eigensinnig. Von all den hundert und hundert Arten von Blättern, die im Wald, in Gärten und auf den Wiesen zu finden gewesen wären, wollten sie gerade nur eine Art und gerade eine, die gar nicht vorkam in der Gegend. Blätter vom Maulbeerbaum mussten es sein, durchaus.

Nun hatte Hermann Steininger einen Onkel; der wohnte ziemlich weit vor dem Städtchen draussen; er besass einen grossen Garten; in dem Garten aber war ein Maulbeerbaum, und der Onkel erlaubte, dass Hermann oder einer von seinen Kameraden hier das Futter für die Raupen hole. Jeden Tag brauchten sie frisches, und von Tag zu Tag wurden sie grösser und brauchten mehr.

Einmal waren Arnold Zwickel und Walter Adorf herausgerannt zum Haldengütlein; sie läuteten an der Gartentüre; es kam aber niemand, um aufzumachen. Sie läuteten wieder und immer stärker. Kein Mensch erschien. Nur die grosse, schwarze Katze sah drinnen auf der steinernen Haustreppe, sah die Buben an und gähnte. Das war recht fatal. Die Raupen hatten kein Futter.

»Du«, sagte Walter Adorf, nachdem er noch einmal fest an der Klingel gerissen hatte, »ich weiss schon, was man machen könnte. Hinten bei dem Holunderbusch käme man leicht über den Zaun.« –

»Ja, aber man darf doch nicht in fremde Gärten steigen«, meinte Arnold Zwickel.

»Natürlich nicht, wenn man wegen Pflaumen oder wegen Nüssen hinein möchte für einen selber. Aber wir täten es ja wegen der Raupen. Das ist doch gewiss nichts Schlechtes. Willst du etwa, dass die Raupen verhungern? Wenn Herr Heuerlein doch erlaubt hat, dass man die Blätter bei ihm hole!«

Walter Adorf ging rasch zu dem Wiesenweglein, das an der Gartenweite entlang führte und Arnold folgte. Der Zaun war ziemlich hoch, aber im Nu war Walter droben und – plumps drunten im Garten. Arnold Zwickel blieb draussen stehen, um die Blätter in Empfang zu nehmen. Zweimal kam Walter dahergerannt mit vollen Händen. Es eilte. Im Städtchen unten schlug es schon halb zwei.

Plötzlich hörte Arnold aus dem Garten die laute Stimme von Herrn Heuerlein:

»Was ist denn das?« ertönte es zornig. »Wie kommt du da herein? Was hast du hier zu suchen? Das ist ja nett; am hellen Tag bricht man mir in den Garten ein.«

Erschrocken guckte Arnold Zwickel zwischen den Latten des Zaunes hinein. Da sah er den alten Herrn Heuerlein, wie er Walter am Arm hielt und schüttelte, während hinter ihm die Frau und die Magd von dem kleinen Gartentörlein herkamen, das zum Gemüseland führte.

»Zeig her, was hast du gestohlen – etwa gar von den Pfirsichen?« –

Arnold Zwickel war es gar nicht recht, dass sein Freund Adorf da drinnen allein von Herrn Heuerlein geschüttelt und gezankt wurde.

»Er hat keine Pfirsiche nehmen wollen, nur Maulbeerblätter; wegen der Raupen«, rief Arnold tapfer durch die Zaunlatten hinein.

»So, da ist noch einer!« Herr Heuerlein wandte sich zum Zaun, ohne Walter Adorf loszulassen. »Pfirsiche oder Maulbeerblätter –; man steigt einmal nicht in fremde Gärten hinein! Dass ihr’s jetzt nur wisst, mit den Maulbeerblättern ist es aus! Ich will euch Buben nicht mehr in meinem Garten sehen. Weder den einen noch den andern, sagt’s nur dem Hermann.« –

»Aber die Raupen verhungern ja«, wagte Arnold, der sich hinter dem Zaun sicherer fühlte als Walter Adorf in Herrn Heuerleins Händen, zu sagen.

»Das ist mir gleich«, sagte dieser. »Einmal von meinem Baum bekommen sie kein Blatt mehr. Macht jetzt, dass ihr fortkommt! Was einem so Buben doch für Ärger machen!« Er schüttelte den Walter Adorf noch einmal tüchtig hin und her und liess ihn dann laufen. Die Magd machte ihm mit ebenfalls bösem Gesicht das Gartentörchen auf.

Mit roten Köpfen kamen die zwei noch gerade in der Schulstube an, in dem Augenblick, als Herr Schwarzbeck die Geographiestunde beginnen wollte. Eine ganze Stunde lang mussten sie also ihre Geschichte für sich behalten. Nur hin und wieder machten sie gegen ihre Nachbarn ein paar Zeichen mit den Händen und den Augen, was in der Leuenhofer Schulsprache hiess:

»Wartet nur bis zur Pause! Ihr werdet dann hören!«

Dem Hermann Steininger aber warfen sie, sooft er an ihnen vorüber zur Wandtafel schaute, einen ganz bösen Blick zu, worüber Hermann sehr erstaunt war.

In der Pause erzählten dann die beiden. »Du hast einen netten Onkel, Steininger«, schloss Walter Adorf und rieb sich den Oberarm, wo er noch den kräftigen Griff von Herrn Heuerlein spürte. »Wo ich doch nur für die Raupen über den Zaun gestiegen bin!«

»Er ist gar nicht mein rechter Onkel; er ist nur der Vetter von meiner Grossmutter«, verteidigte sich Hermann Steininger. »Und es wäre überhaupt gescheiter gewesen, man hätte es am Abend noch einmal probiert.«

Ja, das fand Herr Schwarzbeck auch, als man ihm die Sache vorbrachte.

»Ihr seid immer solche Hitzköpfe«, sagte er. »Wenn ihr etwas im Kopf habt, so ist kein Platz mehr daneben für Überlegung!«

Im stillen aber nahm er sich vor, später zu Herrn Heuerlein hinaufzugehen, ob er sich nicht erbitten lasse. Doch Herr Heuerlein zeigte sich noch sehr ärgerlich; es war nichts zu machen.

Mit sorgenvollen Gesichtern umstanden die Leuenhofer Kinder am anderen Schulmorgen die Raupen, die selber noch nichts wussten von der Gefahr, die ihnen drohte und wacker drauflos frassen. Für einen Tag reichten die Blätter grad noch, die Arnold Zwickel schon in seine Botanisierbüchse gepackt hatte, als Herr Heuerlein im Garten erschienen war.

Sara Wiebold hatte ein paar Lindenblätter mitgebracht:

»Die sehen fast aus wie die Maulbeerblätter. Die Raupen merken vielleicht den Unterschied nicht.« Sie hielt ihnen die Blätter hin.

Aber die Raupen merkten den Unterschied sehr gut. Sie drehten eigensinnig die Kröpfe weg.

»Haha«, lachte Sara. »Gerade wie unser kleiner Paul, wenn er Griesssuppe essen sollte.«

»Ja, das ist jetzt wieder zum Lachen, Sara«, sagten die anderen unwillig. »Daran denkst du nicht, dass die Raupen also verhungern müssen.«

Auf dem ganzen Heimweg aus der Schule wurde von den Raupen geredet. Herr Schwarzbeck hatte gesagt, mit Schwarzwurzelblättern ginge es zur Not manchmal auch. Aber im ganzen Städtchen wusste man gerade in diesem Sommer niemand, der Schwarzwurzeln in seinem Gemüsegarten hatte. So blieb also nichts anderes übrig, hatte Herr Schwarzbeck gesagt, als die Seidenraupen morgen rasch und möglichst schmerzlos zu töten.

Das war doch schrecklich. Es waren wohl bloss Raupen; aber man hatte in den vierzehn Tagen eine ganze Kameradschaft mit ihnen geschlossen. Man kannte sie einzeln: die grosse »Unmanierliche«, die immer über die anderen wegkroch, wenn sie ihr im Weg waren, der kleine »Serbel«, der nicht recht wachsen wollte, das »Gelbtüpflein« und die »Gelehrte«, die die vielen Falten über dem Gesicht hatte, oder das »Schwarzhörnlein.« – Aufs neue erhob sich in den Kindern der Zorn gegen Herrn Heuerlein.

»Ich verachte ihn!« sagte Gustav Brenner stehenbleibend und stampfte mit dem Fuss.

»Ja, wir verachten ihn alle«, riefen die anderen und stampften auch.

»Hört – ich wüsste eine Art, wie man den Leuten die Verachtung zeigt«, fuhr Gustav Brenner fort; »ein Student hat es mir einmal gesagt. Man macht eine Katzenmusik.«

»Eine Katzenmusik – das ist ein fürchterlicher Lärm mit Pfannendeckeln und Pfeifen und Ratschen!« schrie Sara Wiebold und hüpfte entzückt von einem Bein auf das andere.

»Ja, also! Eine Katzenmusik machen wir vor dem Garten von Herrn Heuerlein«, stimmten die anderen ein. Walter Adorf und Arnold Zwickel waren besonders eingenommen für den Vorschlag.

Aber auch den Besonneneren der sechsten Klasse kam so eine Katzenmusik sehr verlockend vor, besonders weil es etwas war, was die Studenten auch machten.

Wie wahr hatte doch Herr Schwarzbeck gesagt: rechte Hitzköpfe waren die Leuenhofer Buben und Mädchen. Nun war wieder etwas in ihren Sinn gefahren, und da gab es keine Überlegung mehr. Sie meinten wahrhaftig, sie hätten alles Recht zu dieser Veranstaltung.

»Es ist auch wegen Herrn Schwarzbeck. Extra ins Haldengütlein hinaufgegangen ist er noch«, sagten ein paar Buben eifrig.

Das fanden alle das Ärgste, dass Herr Heuerlein ihrem Herrn Schwarzbeck die Bitte abgeschlagen hatte. So weit aber kamen sie in ihren Gedanken nicht, dass es Herr Schwarzbeck nicht gut finden würde, wenn sie nun zur Vergeltung eine Katzenmusik vor den Haldengütlein aufführten.

Es war schulfreier Nachmittag. So hatte man denn alle Zeit. Nur bei blieben weg, bei am Samstag zu Hause helfen mussten. Am Wendeltor versammelte man sich, und in einer Ecke hinter dem Holzstoss zeigte man stolz bei verschiedenen Musikinstrumente. Wunderbare Sachen wurden gebracht. Zu den Pfannendeckeln, den Pfeifen und Ratschen kamen zwei oder drei Trompeten, eine Trommel und ein Waldhorn. Gustav Brenner hatte eine grosse Kuhglocke.

Einige hatten nichts erwischen können daheim; aber sie besassen die Fertigkeit, zu meckern, zu bellen oder zu miauen oder zu krähen wie ein Hahn; das war so gut wie ein Instrument. Ernst Hutter, der bei den Unternehmungen der Leuenhofer gewöhnlich zum Anführer gewählt wurde, hatte die grösste Mühe, zu verhindern, dass jeder jetzt schon seine Kunst hören liess.

»Wir müssen eine Probe halten«, schlugen die Buben und Mädchen vor. »Vor Konzerten hat man immer eine Probe.« –

Und schon tschätterten da die Pfannendeckel und quiekten ein paar Pfeifen.

»Ssst – bsst«, wehrte Ernst Hutter. »Begreift ihr denn nicht, dass es ganz im geheimen gehen muss? Es darf kein Mensch etwas wissen und hören vorher; das ist die Hauptsache bei einer Katzenmusik.«

So zogen sie denn die Halderstrasse hinauf, jedes sein Instrument unterm Arm oder unter der Schürze haltend.

Die Leute, die da und dort in den Gärten oder in den Reben arbeiteten, sahen ihnen nach und sagten:

»Das sind die Leuenhofer. Sie gehen wahrscheinlich in die Erbbeeren.«

Der Weg war ziemlich weit und fast gab es Streit, weil alle Augenblicke ein versuchsweiser Trompetenstoss, ein Miau oder ein Rrrratsch ertönte, was Ernst Hutter und sein Freund und Adjutant, Gustav Brenner, nicht haben wollten.

»Also, dann singen wir! Singen wird man doch noch dürfen«, riefen die Fünftklässlermädchen von hinten hervor.

Ja, singen, das ging schon. Da fand niemand etwas Auffallendes daran. Die Leuenhofer, wenn sie miteinander gingen, sangen fast immer. Wie von selber fing ein Lied bei ihnen an.

»Ein Jäger aus Kurpfalz ...« ertönte es hübsch und frisch zweistimmig in den stillen Sommernachmittag. Der Weg führte an einer Mauer vorbei; droben war ein mit Reben überwachsener Hang.

Die Kinder wollten eben ein zweites Lied anstimmen, da vernahmen sie gerade über sich eine Frauenstimme:

»Hörst du, Julius, wie nett! So ein Lied tut einem doch in der Seele wohl.«

»Die Tante – die Tante Heuerlein!« flüsterte Hermann Steininger. »Da oben ist ja ihr Rebhäuschen.«

Verdutzt standen die Kinder still und horchten.

Jetzt wurde das rundliche Gesicht der Frau Heuerlein über der Mauer sichtbar. Sie hielt in der Hand ein Büschel Strohhalme, mit denen sie die Rebschosse des Laubenganges aufgebunden hatte.

Hermann Steininger grüsste verlegen hinauf, und die Tante sah, dass es die Leuenhofer Kinder waren.

»So, so«, sagte sie, ebenfalls etwas verlegen. »Geht ihr ein wenig spazieren? Was war jetzt doch das für ein nettes Lied, das ihr da gesungen habt?«

»Der Jäger aus Kurpfalz!« riefen ein paar hinauf. Die anderen schauten sich an und wussten nicht recht, was für ein Gesicht sie machen sollten.

»Drum! Es kam mir so bekannt vor.« Frau Heuerlein wandte sich zurück. »Julius, den ‘Jäger aus Kurpfalz’ hast du früher doch immer auf deiner Flöte geblasen!«

Aus dem Rebhäuschen liess sich ein undeutliches Gebrumm vernehmen.

»Also, so macht einen schönen Spaziergang. Es ist heut gar nicht heiss.«

Einige von den Buben zogen die Hüte. Dann gingen alle der Mauer entlang weiter, langsam und ganz schweigsam,

Plötzlich aber blieb Ernst Hutter stehen. »Hört, es ist nichts. Wir können die Katzenmusik nicht bringen.«

»O! warum nicht?« Aber es waren nur ein paar, die fragten, Sara Wiebold und Marie Hug und noch eine oder zwei Fünftklässlerinnen und von den Buben Walter Adorf und Arnold Zwickel.

»Darum nicht!« rief Eva Imbach eifrig. »Wenn ihr das nicht selber versteht! Wo sie so eine freundliche Frau ist! Und er ist vielleicht auch nicht so arg.«

»Nein«, erklärte Hermann Steininger, »er schickt meiner Mutter immer Bohnen und Birnen.« –

»Also«, sagte Eva. »Und früher habe er so nett Flöte geblasen. Und überhaupt nicht schön wäre es – nein! So alten, friedlichen Leuten kann man keine Katzenmusik bringen. Sie würden ja ganz zusammenfahren und dann sich ärgern. Und was würde Herr Schwarzbeck dazu sagen!«

Ja, alle Kinder sahen ein, dass aus dem Plan nichts werden konnte. Allerdings die Raupen – aber die Katzenmusik konnte ihnen das Leben auch nicht retten.

»Lustig wäre es schon gewesen!« sagten Sara Wiebold und Marie Hug, indem sie ein wenig bedauerlich ihre Pfannendeckel betrachteten.

»Siehst du, Ernst, hättest du uns nur wenigstens eine Probe halten lassen hinter der Holzbeige.«

Ja, lustig wäre so ein Konzert schon gewesen! Man hätte es ja jetzt da droben abhalten können. Aber so auf offener Landstrasse ganz ohne Sinn und Zweck, das fanden die Kinder doch ein wenig dumm.

Also kehrten sie halt um und kamen nach einer Weile zurück zu der Mauer von Herrn Heuerleins Rebberg.

Da guckte abermals das freundliche Gesicht der alten Frau herunter.

»Geht’s schon wieder heim?« rief sie den Kindern zu, indem sie ihren grossen, braunen Strohhut zurecht rückte. »Ja dann – hört! Bleibt einen Augenblick stehen. Es ist wegen der Maulbeerblätter. Mein Mann und ich, wir haben ausgemacht – gelt Julius?« Sie wandte sich zurück.

Aus dem Rebhäuschen ertönte ein unverständliches Gebrumm.

»Wir haben ausgemacht, dass ihr doch wieder Futter für eure Raupen holen dürft.« –

Die Kinder kniffen einander vor Vergnügen in den Arm.

»Von dem Bub war’s unmanierlich, so mir nichts dir nichts über den Zaun zu klettern. Das tut man nicht. Aber mein Mann hat sich’s überlegt, gelt Julius?« –

Wieder ein undeutliches Gebrumm.

»Er will Gnade für Recht ergehen lassen. Du kannst also grad jetzt hinaufgehen, Hermann. Lisette ist im Haus. Sie soll dir ein Papier geben, damit das Laub nicht gleich welk wird.« –

Hermann rannte davon.

Ernst Hutter, der wusste, was sich schickte, zog den Hut ab.

»Wir danken vielmal, Frau Heuerlein.«

»Ja, wir danken vielmal, wir danken höflich«, riefen die Kinder hinauf. Und Ottilie Eggenberg, die neben Walter Adorf stand, gab diesem einen Puff und flüsterte:

»Jetzt rufst du hinauf, es tue dir leid!«

»Es tut mir leid, dass ich über den Zaun gestiegen bin«, sagte Adorf, der sonst nicht zu den Fügsamsten gehörte. Aber es war doch zu fein, dass man die Raupen wieder füttern konnte.

»Schon recht! schon recht!« nickte Frau Heuerlein. »Hört, Kinder, wenn ihr mir jetzt noch eine Freude machen wollt, so singt ihr mir noch ein Lied.«

Nach kurzem Geflüster hoben die Kinder an:

»Seht, wie die Sonne schon sinket.«

Das sei so ein sanftes, das passe gut für ältere Leute. Und während sie sangen, dachten sie, wie es manchmal seltsam zugehe auf der Welt. Sie hatten vor dem Heuerleinhaus einen ganz greulichen Lärm machen wollen, und statt dessen sangen sie nun das hübsche »Seht, wie die Sonne schon sinket.«

»Und jetzt noch mein Lieblingslied:

›Guter Mond, du gehst so stille.‹

Könnt ihr es? In meiner Jugend hat man es viel gesungen.«

Die Leuenhofer Kinder sangen alle Strophen des alten Liedes. Frau Heuerlein hörte zu und wischte sich ein wenig die Augen und hinter ihr erschien sogar Herr Heuerlein mit der Pfeife im Mund.

Gar nicht mehr begreifen konnten die Kinder, dass sie die Leute hatten so ärgern wollen. Sie schämten sich recht.

»Also sagt eueren Raupen einen Gruss von uns«, rief Frau Heuerlein zum Abschied hinunter. »Sie sollen sich’s recht schmecken lassen.«

Die Kinder grüssten hinauf und zogen ihres Wegs zum Städtchen zurück.

Hin und wieder probierte eines sein Instrument. Ein wenig schade war’s schon.

Da – wer bog aus den Büschen des Kubelwegleins auf die Landstrasse ein? Der junge Herr Mössmer war es, der lustige Lehrer von damals. Er kam öfter nach Heimstetten und war ein guter Freund der Leuenhofer Kinder geworden. Es gab eine lebhafte Begrüssung.

»Guten Tag, Herr Mössmer – guten Abend!«

»Aha, aha, da sind meine Schüler! Wie geht’s, wie steht’s? Da ist ja die Tränenreiche und dort das Mäusefräulein und der Adam Riese – was hat er denn in der Hand – eine Kuhglocke, was? Und dort seh ich eine Trompete und eine Trommel?«

Die Kinder zogen nun alle ihre Instrumente hervor.

»Wir haben wollen eine Katzenmusik bringen«, erklärten sie, und Herr Mössmer bekam nun die Geschichte zu hören.

Erst lachte er; dann aber machte er eine Grimasse. »Nein, das wäre wirklich kein guter Witz gewesen, und ich bezweifle sehr, ob Herr Schwarzbeck damit einverstanden gewesen wäre.«

»Wir haben halt gemeint, weil es die Studenten so machen.« –

»Die Studenten? Seid ihr denn Studenten? Habt ihr Philosophie studiert oder Philologie, Biologie, Psychologie, Geologie, Mineralogie, Zoologie, Anthropologie oder irgend eine Logie? Oder versteht ihr Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Indisch, Assyrisch oder Ägyptisch?«

»Nein«, lachten die Kinder.

»Also! Dann könnt ihr auch keine Katzenmusik bringen – das heisst – wartet.« – Herr Mössmer besann sich und machte dasselbe lustige Gesicht wie damals in der Schule.

»Läge euch sehr viel daran, euer Konzert abzuhalten?«

»Ja, ja! Wir möchten schon gern!«

»Also dann hört: ihr geht mit mir ganz still zum Haus vom Präsidenten. Seinen Konrad und den Rudolf kennt ihr? Die beiden haben mich vorhin schrecklich geärgert. Ich möchte morgen zum Sonnenaufgang auf die Furgger Hochwacht, und sie wollen nicht mit; sie sind zu faul aufzustehen. Für die wäre eine Katzenmusik gerade das Rechte!« Herr Mössmer lachte belustigt vor sich hin. »Famos! Es ist niemand im Haus als die beiden. Das Strafgericht trifft also nur die Schuldigen.«

Die Buben und Mädchen hüpften vor Vergnügen.

»Vorwärts und keinen Mux gemacht!« sagte Herr Mössmer. »Wir gehen an der Lindenmauer ums Städtchen herum. Da sieht uns niemand.« –

Die Hände in den Taschen schlenderte Hans Mössmer hinter den Kindern drein und pfiff vor sich hin, wie wenn er an nichts dächte.

Leise trat er mit der Musikertruppe in den Präsidentengarten. Vom Fenster im ersten Stock hörte man die Stimmen der zwei jungen Männer.

Hans Mössmer stellte seine Leute im Halbkreis auf. Jedes zog sein Instrument hervor. Dann gab er das Zeichen.

Und nun brach es los: Tschinn, tschinn schmetterten die Pfannendeckel, tütütüh die Trompeten, bumbum und rrrratsch tönte die Trommel und die Ratsche darein; die Pfeifen quiekten; die Glocke bimmelte; dazwischen miaute und meckerte es und schrie ein Kikeriki nach dem anderen. Es war greulich.

Am Fenster erschienen die Köpfe der beiden Brüder.

»Um des Himmels Willen! Was ist das? Seid ihr verrückt oder wollt ihr uns verrückt machen ...? Hört auf! Hört auf!«

Mit komischen Gebärden der Verzweiflung hielten sie sich die Ohren zu, und in höchstem Vergnügen musizierten die Leuenhofer weiter. Da erblickten die Brüder ihren Freund Hans Mössmer, der ihnen mit ernsthaftem Gesicht eine Verbeugung machte.

»So, du bist’s! Du bist der Veranstalter des grausamen Überfalles!«

»Die Strafe für faule Leute«, schrie Hans durch den Höllenlärm hinauf und seine Augen blitzten lustig.

»Lass aufhören! Wir bereuen!« schrie Konrad hinunter, immer verzweifelter die Ohren zuhaltend, während der Kopf des anderen verschwand. »Wir kommen mit, morgen; wir stehen um drei Uhr auf! um zwei Uhr, um ein Uhr, du Ungeheuer; nur mach, dass die Racker mit dem Schauerkonzert aufhören!«

Die Racker aber dudelten, quiekten, trommelten und bimmelten unermüdlich drauflos – da – das instrumentale Konzert ging in ein vokales über, in einen einstimmigen Schrei! Ein Regenguss übersprühte plötzlich die Kinder. Mit einer grossen, hochgehaltenen Spritzkanne bog Herr Konrad sich aus dem Fenster und traf in geschicktem Schwunge das Orchester, das unter Geschrei bald nach rechts, bald nach links ausbog. Zur höchsten Genugtuung des jungen Mannes bekam auch Freund Hans einen tüchtigen Spritzer auf den Kopf. Lachend suchten die Kinder hart an der Hausmauer gesicherten Stand; aber was prasselte denn jetzt herunter!

»Oh, ui, auweh!« Die Kinder hielten sich Kopf und Schultern. Nüsse waren es, ganze Hände voll Nüsse, mit denen Herr Rudolf sie bewarf.

»So«, rief er triumphierend, »so suchen sich unschuldig Angegriffene ihres Lebens zu wehren.« Paff, da und da! Er traf gut. »Schon in den alten Römerkriegen verteidigten sich die Belagerten mit Flüssigkeit und Wurfgeschossen, nicht wahr, Hans?« Freund Hans rieb sich die Nase, die eben getroffen worden war.

Die Kinder aber sammelten unter Jubel die Wurfgeschosse und wischten sich das Wasser aus dem Haar und aus den Kleidern. So fand das Konzert unversehens sein Ende. Es war auch die höchste Zeit. Vor dem Garten sammelten sich schon Leute an.

»Wie geht es denn da drinnen zu?« hörte man eine Frau sagen. »Man weiss wohl, die zwei jungen Herren sind manchmal übermütig, besonders wenn der Herr Mössmer da ist. Aber solch einen Lärm wie vorhin können doch drei Leute mit dem besten Willen nicht machen.«

Als die Leuenhofer Buben und Mädchen dann herauskamen, alle durcheinander schwatzend und ihre Nüsse zählend, hiess es: »Aha, die Leuenhofer! Freilich, wenn die geholfen haben! – Ja, ja, Jugend hat keine Tugend!«

Über dieses Sprichwort hielt Herr Schwarzbeck dann auch noch eine kleine Rede am Donnerstagmorgen. Wie froh waren doch die Kinder, dass sie noch beizeiten zur Besinnung gekommen waren.

»Der Jäger aus Kurpfalz ist’s gewesen, der uns gerettet hat!« sagten sie, und seitdem sangen sie das alte, fröhliche Jägerlied doppelt gern.

Der Schulausflug.

Am fünften September hatte Herr Schwarzbeck mit seinen zwei Klassen den Schulausflug gemacht. Das Wetter war schön gewesen. Aber Herr Schwarzbeck sagte nachher noch öfter, einen so abenteuerreichen Schulausflug habe er noch nie erlebt, so oft er auch schon mit seinen Schülern ausgezogen sei.

Zuerst ging alles genau so, wie es bei Leuenhofer Schulreischen von alters her gegangen war:

Herr Schwarzbeck hatte den Kindern eingeschärft, dass der Zug nach Erisbühl um 7 Uhr 58 abfahre, dass es also keinen Sinn habe, wenn man schon um 7 Uhr auf der Station stehe. Das hinderte nicht, dass ein Viertel vor sieben Uhr das erste Trüpplein ankam und nun jedes folgende begrüsste mit einem triumphierenden:

»Wir sind schon lang da! Wir waren die ersten! Wir haben schon einen Güterzug vorbeifahren sehen mit 26 Wagen!«

Die meisten Leuenhofer Kinder kamen nicht oft zum Reisen.

Das Warten in der nebligen Herbstfrühe gehörte schon zu den vielen Freuden des schönen Tages. Nun schlug es halb acht, und alle waren da, nur Herr Schwarzbeck noch nicht; wenn er nur nicht zu spät kam, oder der Zug zu früh. Als Herr Schwarzbeck um die Ecke in das Bahnhofsträsslein einbog, liefen die Kinder ihm mit Jubel entgegen. Nun war man beisammen; nun konnte nichts mehr schief gehen! Endlich ertönte auch das Klingelzeichen, dass der Zug komme; mit ernsthaft geschäftigem Gesicht eilte der Stationsvorstand in der roten Mütze hin und her. Dann hörte man das sehnlichst erwartete Pusten und Rollen. Die Buben und Mädchen zappelten und hüpften vor Vergnügen, und Herr Schwarzbeck hatte einige Mühe, sie in Reih und Glied zu halten, bis der daherkommende Zug still stand.

Fröhlich und lärmend drangen die Kinder in das für sie leergehaltene Abteil ein. Die, welche vorläufig keinen Fensterplatz eroberten, trösteten sich. Herr Schwarzbeck sorgte dann schon dafür, dass abgewechselt wurde.

Nein, wie das herrlich war, so in die weite Welt hinauszufahren!

Wie der Zug dahinsauste – jetzt durch den Wald, der Schättenwald war’s!

Die jungen Tannen hart an der Bahn schienen zu tanzen; wie im Kreise drehten sie sich, während weiter zurück hohe Buchen ruhig standen und dem Tanz der Baumkinder da vorn zusahen. Nun fuhr der Zug einer Landstrasse entlang, auf der gingen Kinder mit Schultaschen. Wie seltsam, die mussten in die Schule und hatten einen ganz gewöhnlichen Tag. Und jetzt ging es hoch über die Illig hinweg. Man wusste nicht, was am schönsten war, hinaussehen, oder recht schwatzen und lachen, oder ein wenig von seinem Proviant auspacken. Eigentlich war ausgemacht, am Gumpenwasserfall als frühes Mittagessen die schönen Sachen, die man gestern abend mit Wichtigkeit eingekauft und in die Botanisierbüchse und den Rocksack gepackt hatte, zu verzehren. Aber das Reisen machte hungrig, und man musste doch zeigen, was man alles mithatte und sehen, was die anderen hatten und austauschen.

Herr Schwarzbeck liess seine vergnügten Leutchen machen; nur ein bisschen mahnte er da und dort zur Mässigkeit.

»Pfeffermünz und Käse, dann eine Pflaume darauf, Cervelatwurst und Lebkuchen – Kinder, Kinder, was wird der Magen dazu sagen?... und nicht wahr, das begreift ihr? Was ihr jetzt esst, das habt ihr am Gumpenfall dann nicht mehr.«

»Ja, Herr Schwarzbeck! Wir probieren nur ein wenig!« riefen Sara Wiebold und Marie Hug und schwenkten ihre schon bis zur Hälfte herunter probierten Landjäger.

Also vorläufig ging es zu wie bei jedem Leuenhofer Schulausflug. Auch als dem Gritli Wegmann ein Windstoss plötzlich den Hut wegriss und ihn auf den Bahndamm schleuderte, rechnete Herr Schwarzbeck dies noch nicht zu den Abenteuern. Fast allemal, wenn er mit der Schule reiste, hatte etwas fliegen müssen, eine Mütze, ein Hut oder ein Taschentuch.

Die Kinder schrien zwar laut auf, und Gritli weinte, aber nur bis zur nächsten Station, wo Herr Schwarzbeck das Unglück anzeigte. Der Herr Vorstand mit der roten Mütze versprach, dafür zu sorgen, dass der Hut im Laufe des Tages nach Heimstetten zurückreise.

»Die werden sehen im Städtchen, wenn Gritlis Hut allein ankommt«, lachten die Kinder, und Gritli lachte auch wieder, besonders als die Mädchen ihr der Reihe nach ihre Hüte aufsetzten und ihr anboten, sie dürfe jeden eine Stunde lang aufhaben.

Es war ein gemütlicher Zug, der fast alle fünf Minuten anhielt und da und dort ein wenig rangierte. Nach anderthalb Stunden Bahnfahrt kam die Wanderung zum Gumpenfall. Von dem Morgennebel war nur noch ein feiner Duft geblieben; heller Sonnenschein lag über der Landschaft. Von den frisch gepflügten Äckern stieg ein frischer Erdgeruch auf, und die Krähen spazierten gemächlich über die Schollen und duckten sich zum Flug, als die Kinderschar daher kam.

Dann ging’s bergan durch den Wald. Einen fremden Wald, wo man noch nie gewesen, wo an den Weisstannen Efeu emporkletterte, mit dem man sich bekränzen konnte und wo herzige Blaumeisen, die die Leuenhofer Kinder sonst nur im Winter sahen, herumflatterten. Auch die Brombeeren schmeckten süsser in diesem Wald; Sara Wiebold behauptete sogar, die Eichhörnchen hier hätten andere Schwänze.

Und dann bog der Weg in eine Schlucht ein, und bald hörte man den Gumpenfall brausen, und es war ein Jubel und ein Staunen, als man ihn erblickte.

Von hoch oben sprang er hervor und stürzte wild tosend über die Felswand herunter.

Viele der Kinder hatten noch nie einen Wasserfall gesehen.

»Nein! Das – das ist gar kein Wasser; das ist wie Milch, die herunter braust!«

Es war prachtvoll, dem weissen Gischt in seinem Sturze zuzusehen, bis er unten zerfloss. Dann kam ein neuer und wieder einer, unaufhörlich; wie wilde weisse Schleier, die dichter wurden und sich wieder lösten. Zu denken, dass das den ganzen Tag so fortstürzte und die Nacht und all die Jahre her, ohne Ende! –

Dann aber versuchte man über die Steinblöcke des Bachbettes dem schönen Naturwunder so nah als möglich zu kommen und den Sprühregen, der in allen Regenbogenfarben funkelte, einzuatmen und – hui! wie das lustig war, sich von dem Gischt bespritzen zu lassen, immer noch einmal und noch einmal, bis man troff.

Dann kam das Mittagessen auf einer Waldlichtung, und es ergab sich glücklicherweise, dass doch noch eine ansehnliche Menge von Wurst, Speck, Kümmelwecken, Schokolade, Lebkuchen, Pflaumen und Birnen bewahrt geblieben war und nun unter Heiterkeit verspeist wurde. Wer Durst hatte, lief über den Abhang zurück und liess sich vom Gumpenfall die Feldflasche oder den Trinkbecher füllen, und wenn er dabei noch einmal nass wurde, trocknete ihn die Sonne, die strahlend heruntersah, noch einmal.

Herr Schwarzbeck führte seine Leutchen an einem Waldwirtshaus vorbei, wo er sich den Schlüssel zum Aussichtsturm geben liess.

Dann ging’s weiter hinan zur Gumpenbergruine, dem Hauptziel der Reise. Die Ruine war einst eine Burg gewesen, von der die Ritter mit ihren Knechten zum Kampf und zu Raubüberfällen ausritten. Jetzt war nur noch ein halbzerfallenes Mauerwerk zu sehen, auf dem lustig junge Ahorne, Tännchen, Holunder und Hartringelbüsche sich breit machten, als ob diese einst so stolzen Mauern nun eben für sie da wären.

Die Leuenhofer Kinder dachten mit Hurrageschrei die nächste Mauer zu erstürmen, die ihnen wie zum Spielplatz gemacht schien; aber Herr Schwarzbeck rief sie und führte sie durch einen noch zur Hälfte dastehenden Torbogen zu dem Turm.

Ja, ja natürlich! Zuerst auf den Turm! Drei steile, dunkle Treppen führten auf die Plattform.

»Ah! Oh!« Die Kinder waren ganz benommen. »Wie schön! Nein, wie schön! Gewiss die halbe Welt sieht man da!«

Die Kinder hatten gar nicht gewusst, wie hoch sie gestiegen waren.

Die Schlucht mit dem Gumpenfall lag tief unten, und über den Wald hinweg sah man Felder und Dörfer und darunter wieder blaue Waldberge und zwei – nein, drei Seen und fern, fern im Duft die lange Kette der Schneeberge.

Es gab ganz von selber eine schöne, kleine Geographiestunde.

Die Kinder waren stolz, dass sie die Seen und einige der Berge nennen konnten.

Aber lauter Jubel entstand, als Herr Schwarzbeck den Kindern rechts über den Tannen die Turmspitze von Heimstetten zeigte.

Das war nun doch das Schönste und Interessanteste von der ganzen weiten Aussicht. Jedes zappelte darnach, durch Herrn Schwarzbecks Feldstecher zu sehen; es war nicht ganz leicht, mit dem merkwürdigen Instrument zurechtzukommen. Aber keines gab nach, bevor es nicht Heimstetten erkannt hatte.

»Ja, ja! Es ist unser Kirchturm, und das Dach vom Staffelhaus sieht man auch, das ist das höchste! – Wie lustig, jetzt wissen sie gar nicht, dass wir zu ihnen hinüber schauen! Was tun sie wohl jetzt grad daheim?« So ging es durcheinander!

»Bei uns muss um die Zeit das Anneli ins Bett; es muss immer ein wenig schlafen nach dem Essen.« »Und bei uns kommt der Vater jetzt grad schnell aus der Werkstatt herauf zum Kaffee«; »und bei uns geht um die Zeit die Mutter zur Grossmutter; sie wollen Bohnen abfädeln zum Dörren.« – »und wir alle wären jetzt in der Schule.« – »Herr Schwarzbeck, wohnten da oben auf dem Schloss auch Kinder?« fragte Gritli Wegmann dazwischen, und auf einmal fiel allen wieder die Ruine ein.

»Ja, so seht euch jetzt recht um«, sagte Herr Schwarzbeck. Er wusste, dass es seinen Kindern nun ein Hauptvergnügen war, da herum auf alle die Mauern zu klettern, und durch alle Löcher zu schlüpfen.

Bald war man denn auch in den schönsten Ritterspielen. Dort in der Ecke kämpfte eine Gruppe Sechstklässler unter Anführung von Hans Kündig gegen eine feindliche Schar, die, befehligt von Walter Adorf, herangeschlichen war, um den Wall zu erstürmen. Drüben langte unter Hallo eilt Jagdzug an, wobei Arnold Zwickel als erbeuteter Hirsch unter vielen Schwierigkeiten zum Schlosstor hereingetragen wurde.

Die Mädchen aber hatten ein Loch entdeckt, das sich prächtig dazu eignete, die Geschichte der Rosa von Tannenburg aufzuführen. Sie brauchten aber einen Ritter, und Eva Imbach holte kurzerhand ihren Bruder Martin herüber.

Das ging so eine gute Stunde oder mehr.

Mitten hinein in das Getümmel erscholl dann aber Herrn Schwarzbecks Stimme: »So, wer von den Rittern, Knappen, Edelfrauen und Kerkermeistern Lust hat zu einem Abendessen, der komme.« Da entstieg die heldenhafte, mutige Rosa von Tannenburg ihrem Ziehbrunnen, und der Hirsch rutschte vom Rücken der Jagdgesellen herunter, und in Eile ging’s hinunter zum Gumpenberger Wirtshaus. Unter den breiten Ahornbäumen, durch deren Zweige die Abendsonne schien, waren zwei grosse Tische gedeckt.

»Speckkuchen – Zwetschgenkuchen! Wie fein!« riefen die Kinder in hellem Entzücken und schwangen sich über die langen Holzbänke an die Tische, wo prächtige, mächtige Stücke Speck- und Zwetschgenkuchen hochgebeigt auf vier oder fünf Platten prangten.

»Und jetzt esst nur unbekümmert; es ist dann nicht etwa, dass keiner mehr drinnen wäre. Man weiss wohl, was so Kinder zwingen mögen«, sagte die freundliche Wirtin, die mit der Magd den Tee in die Tassen goss, einen rechten guten Kindertee mit viel Milch und viel Zucker.

Nun begann das lustigste, übermütigste Schnabulieren, das man sich denken konnte. Wie das schmeckte!

»Der Tausend! Der Tausend! man kommt kaum nach mit Einschenken«, lachte die Magd, während die Wirtin mit einer neugefüllten Kuchenplatte daherkam.

»Heut ist es den ganzen Tag so«, rief Sara vergnüglich kauend dazwischen, »heut ist es den ganzen Tag so, dass man immer meint, grad jetzt sei es am allerschönsten, und dann kommt immer noch etwas Neues!«

»Ja!« stimmten hie anderen Saras etwas verwickeltem Satz zu. »Und jetzt kommt noch der Tiergarten, nicht wahr, Herr Schwarzbeck, der Tiergarten?«

Der Tiergarten, ein ziemlich grosses, eingehegtes Stück Wald, lag gleich hinter dem Gasthaus. Die Leuenhofer Kinder waren sehr gespannt:

Der Garten enthielt ein paar Rehe, drei junge Füchslein, einen Dachs und einen Fischotter, ein paar Ringelnattern und sogar einen Wolf und auch die berühmte Gumpenbergergrotte.

So stand man denn, als alles wirklich und endlich satt war, von den Tischen auf und ging zum Tiergarten hinüber, wo die Kinder in Gruppen von einer Merkwürdigkeit zur anderen liefen. Herr Schwarzbeck spazierte mit dem Wirt plaudernd hintendrein.

Nur einer ging nicht mit. Das war Ernst Hutter. Er hatte einen Plan gefasst. Auf dem Turm hatte Herr Schwarzbeck gesagt, die Aussicht da oben gäbe ein hübsches Bild; links und rechts die Tannen, vorn unten das Gasthaus mit dem steilen Giebel und dahinter die Hügel und die Schneeberge. Ernst, der ein geschickter Zeichner war, hatte ein Skizzenbuch im Rucksack. In einer Stunde erst musste man aufbrechen zur Bahnstation. Er hatte selbst den Schlüssel zum Turm in das Haus getragen, wo die Wirtin ihn an die Küchentüre gehängt hatte. Ernst sah in die Küche. Am Herde stand die Köchin.

»Darf ich den Turmschlüssel noch einmal haben?«

Die Köchin nickte und sah gar nicht von ihren brodelnden Töpfen auf. Zum Nachtessen erwartete man noch eine Gesellschaft, die auf einer Holzgant war.

Ernst eilte mit dem Schlüssel zur Ruine hinauf. Um viertel vor sechs, hatte Herr Schwarzbeck gesagt, werde man vom Wirtshaus wegmarschieren. Zehn Minuten vor dem Aufbruch wollte er wieder dort Sein. Ernst kannte den Tiergarten; er war gross; da merkte gewiss niemand, dass einer von der klasse fehle.

Rasch entwarf Ernst die Zeichnung. Die Sache geriet gut. Im Zeichnen merkte ernst sich die Farben. Zu Haus wollte er es noch etwas ausmalen und vielleicht einrahmen.

Recht hübsch musste es werden. In vierzehn Tagen war Herrn Schwarzbecks Geburtstag.

Während er so in seine Arbeit vertieft war, stapfte durch den Wald herunter der alte Knecht vom Gumpenberger Wirtshaus. Als er gegen die Ruine kam, fiel ihm ein, dass das Geländer über dem Felsen schadhaft war; er wollte sehen, was er an neuen Stangen brauche. Er ging beim Turm vorbei und sah den Schlüssel an der offenen Türe.

»Das ist mir auch eine Sache«, brummte er. »immer lassen die Leute den Schlüssel stecken.« Er drehte ihn um, schob ihn in die Tasche und ging weiter zum Wirtshaus hinunter.

Ernst Hutter zeichnete und zeichnete. Den Kirchturm von Heimstetten hätte er gern auch auf dem Blatt angebracht; aber es war nicht leicht, mit einem Bleistift den Strich fein genug herauszubringen, und Herr Schwarzbeck hatte einmal gesagt, man dürfe nie alles anbringen wollen, was man sehe. Ernst übersah das Blatt, dann zog er die Uhr; er hatte keine vierzig Minuten gebraucht und konnte noch gut in den Tiergarten; eilends stieg er die drei Treppen hinunter. Die Türe war zu. Er hatte sie doch weit offen gelassen. Er drückte die Klinke; sie ging nicht auf. Ernst erschrak. Wie war das möglich? Es ging kein Wind, der die Tür hätte zuschlagen können. Er drückte wieder mit aller Kraft. Dann auf einmal sah er etwas Licht durch das Schlüsselloch eindringen. Der Schlüssel war weg! Jemand hatte den Schlüssel abgezogen. Jetzt ging ein Lächeln über Ernst Gesicht. Natürlich, die Kameraden Sie hatten gemerkt, dass er da oben war und neckten ihn jetzt; es waren mehrere, die den Tiergarten schon kannten; vielleicht hatten sie sich in einer Höhle versteckt, die in der Nähe war.

»Ja, ja, ich merke euch schon! Macht nur auf jetzt; macht auf, ich möchte auch noch schnell den Wolf sehen und den Fischotter! Hört jetzt auf mit den Dummheiten!«

Aber draussen blieb es still.

Ernst rüttelte noch einmal. Dann eilte er die Treppen hinauf auf die Plattform und spähte hinunter. Niemand war da, weit und breit niemand. Also eingeschlossen! In zehn Minuten sammelte man sich drunten vor dem Wirtshaus. Und er war nicht da. Würde man ohne ihn zurückkehren?

Nun hatte er Herrn Schwarzbeck eine Freude machen wollen! – Er biss sich auf die Lippen. War denn keine Möglichkeit, aus dem Turm zu kommen? Er eilte wieder zwei Treppen hinunter. Dort war eine grosse Fensterluke. Konnte er vielleicht von da hinunterspringen? Sein Bruder hatte erzählt, dass sie im Turnverein manchmal unglaubliche Tiefsprünge machten. Aber als er auf das Gesimse der Luke trat, schwindelte ihm, trotzdem er ein unerschrockener Knabe war. Nein, es war zu hoch. Ja, wenn eine Strickleiter da wäre. In den Geschichten fanden die Leute in der Not dann allemal irgend etwas, ein Seil oder sie knüpften sich Leintücher zusammen, um zu entkommen. Aber er hatte nichts, nichts. Ratlos drückte er die Faust an den Mund.

Drunten stellte sich Felix Kleinhans auf den Platz vor dem Wirtslaus und blies auf seiner Trompete, die er mitgenommen hatte, drei helle Töne zum Zeichen, dass man sich sammle. Von allen Seiten kamen die Buben und Mädchen. Die Sträusse wurden am Brunnen noch angefeuchtet und in die Botanisierbüchsen gepackt; man suchte seine Jacken, Hüte und Schirme zusammen und schwatzte von dem Fischotter, der so lustig geschwommen in seinem Teichlein, vom Dachs, der einen gar nicht angeschaut habe, und von der Grotte.

Dann kam Herr Schwarzbeck.

»Antreten!« Die Kinder stellten sich rasch in eine Reihe, wie in der Turnstunde. Aber dann entstand eine Unruhe und ein Hin- und hergucken:

»Wo ist der Hutter? – Herr Schwarzbeck, der Hutter fehlt!«

Alles wunderte sich. Ernst Hutter, der sonst der Pünktlichste war!

»Wer hatte ihn denn zuletzt gesehen?«

Die im Tiergarten gewesen waren, behaupteten, er sei mit zur Grotte gegangen, und die von der Grotte sagten, er sei jedenfalls im Tiergarten gewesen. Sara, die immer alles wusste, meldete, sie habe gesehen, wie Ernst Hutter dem Hirsch Brot gegeben habe. Aber es kam darauf heraus, dass es Gustav Brenner gewesen war, der den gleichen gelben Strohhut wie Hutter hatte. Wo war Ernst Hutter geblieben? Herr Schwarzbeck wurde auf einmal ängstlich. Ernst hatte eine Uhr; er wusste, dass man um viertel vor sechs aufbrechen wollte. War dem Knaben etwas zugestossen?

Felix Kleinhans nahm noch einmal die Trompete und blies mit Anstrengung seiner ganzen Kraft nach allen vier Windrichtungen.

Man fragte im Haus, in der Wirtsstube; bis zum Taubenschlag hinauf polterten die Kinder. Nur in die Küche kam man nicht. Was hätte denn Ernst t Hutter in der Küche zu tun gehabt?

Felix Kleinhans blies und blies. Die Buben kehrten ohne Ernst Hutter aus dem Tiergarten zurück. Der Wirt und Herr Schwarzbeck blickten sich ratlos an. Der Wirt sah auf seine Uhr. Um halb sieben ging der Zug ab in Mooswieden, es war der letzte. Aber das war jetzt Nebensache, wenn nur der Bub zum Vorschein kam.

»Siehst du, Sara«, sagten Netti und Ottilie, »jetzt grad kann man dann nicht sagen, es sei am allerschönsten.«

»Ja«, meinte Hedwig Bühler und machte ein weises Gesicht, »meine Grossmutter sagt immer, man soll nicht rühmen, bevor es Abend sei.«

»Wie wir dort oben standen, haben wir nicht gedacht, dass noch so etwas begegne«, sagte Eva Imbach und deutete auf den Turm, der hinter dem Wirtsbaus und den Tannen sichtbar war. Plötzlich bekamen ihre hellen blauen Augen einen gespannten Ausdruck:

»Ich möchte wissen, was da Schwarzes immer so flattert an der Seite vom Turm« –

Die Mädchen sahen alle hin. »Herr Schwarzbeck, ist das dort ein Vogel?«

Herr Schwarzbeck nahm seinen Feldstecher, sah hindurch, drehte, sah noch einmal.

»Das ist kein Vogel! Das ist ein Kleidungsstück, mit dem jemand winkt« – rief er aufgeregt und reichte dem Wirt den Feldstecher hin. »Könnte das Ernst Hutter sein?« –

»Wir rennen hinauf, Herr Schwarzbeck«, schrien die Buben und Mädchen; sie schossen davon durch den Wirtsgarten und prallten da an den alten Knecht.

»Wohin so eilig?« »Auf den Turm«, schrien die hintersten, währen die ersten den Wald hinanstürmten.

»Habt ihr den Schlüssel? Zieht ihn dann aber wieder ab!« rief der Knecht.

Also zurück zum Schlüssel und dann in atemlosem Lauf den anderen nach. Zeit, über den Zusammenhang von Turm und Ernst und Schlüssel nachzudenken, hatte man nicht.

»Hurra!« empfingen die Buben ihren Kameraden, als Felix Kleinhans die Türe aufschloss.

»Ja Ernst! Hutter! Warum bist du nicht gekommen, wo Felix so geblasen hat? Was hat du denn da oben getan? Wie bist du denn hereingekommen ohne Schlüssel?« bestürmten ihn alle.

Ernst Hutter gab keine Antwort.

»Was hat Herr Schwarzbeck gesagt? Kommen wir noch auf die Bahn?« war alles, was er hervorstiess. Dann drängte er zum Tor hinaus, und alle rannten ihm nach den Berg hinunter. Im Obstgarten standen Herr Schwarzbeck und der Wirt bei dem alten Knecht.

»Ernst, Ernst. Was machst du uns für Geschichten!« rief Herr Schwarzbeck.

Ernst Hutter weinte nicht leicht; aber jetzt liefen ihm die Tränen über’s Gesicht.

»Herr Schwarzbeck, es tut mir leid; ich wollte« – er musste jetzt sein Geburtstagsgeheimnis preisgeben – »ich wollte die Aussicht droben zeichnen für Sie und dann« – Herr Schwarzbeck fuhr dem Knaben über das braune Haar. »Und dann wurdest du eingeschlossen. Du hast nicht begriffen, und wir haben nicht begriffen. Aber jetzt ist für Erklärungen keine Zeit. Vorwärts Kinder, vorwärts! Wenn wir laufen, was wir können, geht es vielleicht noch.«

»Gewöhnlich hat der Zug Verspätung!« rief der Wirt den Davoneilenden nach. »Dort unten bei den Ebereschen biegen Sie in den Fussweg ein, der ist kürzer!« Im Laufschritt ging es bergab. Es waren immerhin gute fünfundzwanzig Minuten bis zur Station Moosrieden. Alle Augenblicke zogen die drei oder vier, die Uhren besassen, diese heraus. »Jetzt noch 17 Minuten. Jetzt noch 13!«

Die kleinen, Marie Hug, Gritli Wegmann und Lena Bartenfeld wurden von den anderen nachgereisten und flogen nur so über das Stoppelfeld, das eine weitere Abkürzung bot.

»Noch 6 Minuten!« Die Sechstklässlerbuben rannten voraus. Wenn nur sie zur Station hinunterkamen; dann würde der Zug wohl schon ein paar Augenblicke warten. Nun ging es über den letzten kleinen Hügel.

»Wenn er nur vier Minuten Verspätung hat, so kommen wir noch hin, Kinder«, ermutigte Herr Schwarzbeck.

Abe nein, gerade heute hielt der Zug die Zeit genau ein!

»Er kommt, er kommt«, schrie die Vortruppe zurück und sauste den Hügel hinunter, dass es stob. Schon bremste der Zug, um langsam an der Station anzufahren. »Vielleicht hängt man noch einen Wagen an«, keuchte Gustav Brenner neben Ernst Hutter, der gar nichts sagte, nur rannte, rannte.

Aber nichts geschah an der Moosriedener Station. Kein Wagen wurde angehängt, kein widerspenstiges Kalb eingeladen. Zwei Frauen waren ausgestiegen; vier Männer stiegen ein. Der Vorstand mit der roten Mütze winkte; der Kondukteur tat einen boshaften kleinen Pfiff . –

Jetzt stürmten die Buben an der Halde daher.

»Halten, halten!« schrien sie. »Herr Schwarzbeck hat gesagt, man solle halten!«

Pschtsch – pschtsch – zischte die Lokomotive und setzte sich langsam in Bewegung.

»Halten, halten!« schrien die Buben und schwenkten die Stöcke und Schirme. Aber weder der Zugführer noch der Vorstand mit der roten Mütze achteten auf die Daherstürmenden. Buben machten ja meistens Lärm. Und die Mitfahrenden dachten, das Winken und Rufen gelte ihnen und lachten und liessen ihre Taschentücher flattern, umso mehr, als oben an der Halde nun noch eine ganze Schar Buben und Mädchen sichtbar wurde, die ebenfalls winkten und riefen. – So, da stand man nun! Um drei Minuten zu spät! Das Rufen der Kinder verstummte. Sprachlos schauten sie dem davoneilenden Zuge nach. Dann brachen die Fünftklässlerinnen samt und sonders in ein lautes Weinen aus. Das war jetzt doch zu schrecklich! Und die Sechstklässlerinnen weinten nur deshalb nicht, weil sie, wie Herr Schwarzbeck oft sagte, um ein Jahr vernünftiger sein mussten als die Fünftklässlerinnen.

Ernst Hutter stand etwas abseits; er sah so unglücklich aus, dass keiner ihm hätte Vorwürfe machen wollen. Eigentlich war ja der alte Knecht schuld. Und der auch wieder nicht. –

»Ja, Kinder, das nennt man nun eine Verkettung von unglücklichen Umständen«, sagte Herr Schwarzbeck. »Verschnauft erst einmal. Und ihr«, wandte er sich an die schluchzenden Mädchen, »trocknet jetzt eure Tränen.«

Sara Wiebold war die erste, die das zustande brachte. Und Netti meinte: »Müssen wir jetzt im Heu übernachten wie die Soldaten, Herr Schwarzbeck?« Man sah, dass diese Aussicht etwas Verlockendes für sie hatte, während Gritli Wegmann in erneutes Schluchzen ausbrach. Nachts ohne die Mutter sein und ohne das Brüderlein!

Herr Schwarzbeck überlegte. Er zog die Landkarte heraus, sah auf seine Schülerschar und wieder auf die Karte.

»Ihr Buben und ihr Mädchen«, sagte er, »wollen wir recht tapfer sein zusammen? Wollen wir etwas ganz Ausserordentliches vollbringen? Etwas, das neuen Ruhm auf die im Städtchen schon so berühmten Leuenhofer häufen würde?« Herrn Schwarzbecks Augen lachten.

»Ja«, schrien die Kinder und lachten auch.

»Könnt ihr noch ein wenig marschieren?«

»Ja!«

»Ein wenig viel? Es sind drei Stunden nach Heimstetten.«

Jetzt blieb aber das Ja den Kindern doch im Munde stecken. Drei Stunden! Das war ja eine Ewigkeit lang!

»Ja, und dabei ist’s noch ein Glück, dass wir den ganzen Tag schon in der Richtung nach Heimstetten zurückgewandert sind! Wie wir in Erisbühl ausstiegen, waren wir sechs Stunden von Heimstetten entfernt. Denkt, wie gut; die Hälfte des Wegs haben mir also schon gemacht.«

Das gab Mut. Neben den sechs Stunden kamen die drei einem schon weniger furchtbar vor.

»Also, Kinder? Marschieren wir einmal die zwei Stunden bis nach Gräbelfingen. Wenn dann die kleinsten Leute ganz und gar nimmer können, so gibt es dort vielleicht einen Leiterwagen. – Wollen wir es wagen?«

»Ja, ja, Herr Schwarzbeck!« Mutig rückten die Kinder ihre Mützen und Hüte, Rucksäcke und Botanisierbüchsen zurecht, während Herr Schwarzbeck ins Stationsgebäude ging, um nach Heimstetten zu telegraphieren.

Als er herauskam, marschierten seine Leutchen schon ganz tatenlustig im Takte an Ort und sangen das Wanderlied: »Wer recht in Freuden wandern will.«

Die erste halbe Stunde ging ganz prächtig. Bis man nur von Ernst Hutter, der sich allmählich erholte, seine ganze Geschichte herausgefragt und das Rennen zur Station genugsam durchgesprochen hatte.

Die Sonne war jetzt am Untergehen. Rotgolden glühte sie durch die Buchen, während drüben im Osten am graublauen Himmel der blasse Mond aufstieg. Wie schön das war! Herr Schwarzbeck erzählte ein wenig von den beiden Gestirnen und von der Grösse und Unendlichkeit des Himmels; es wurde den Kindern für eine Weile ganz andächtig zumute. Dann stimmten die Mädchen der sechsten Klasse der Frau Heuerlein ihr Lieblingslied: »Guter Mond, du gehst so stille«, an.

Nun ging es eine Höhe hinan; es bildete sich ein Trüpplein Nachzügler, und Alwine Gehring fragte, ob auch solche aus der sechsten Klasse auf den Leiterwagen dürften. Um die Nachzügler vorwärts zu locken, begann Herr Schwarzbeck ein lustiges Gedicht von einem kleinen Buben, der überall hat mitgenommen sein wollen: »Wenn nur was käme und mich mitnähme«, hiess es immer wieder.

Da musste man doch nah neben Herrn Schwarzbeck hergehen, um alles zu hören, und man vergass ein bisschen seine müden Beine.

Und allemal, wenn sie einem wieder einfielen und man meinte, man könne und könne nicht mehr, wusste Herr Schwarzbeck eine neue Unterhaltung: Er liess die Kinder schätzen, wie viel Schritte es seien bis zum nächsten Baum oder Gebüsch. Das war lustig; immer riet man zu wenig, fünfzig, wenn es achtzig waren und hundert statt hundertneunzig.

Es wurde allmählich Nacht, aber eine helle, schöne Mondnacht; man sah weit über die Felder und Wiesen, aus denen ein weisser, feiner Nebel aufstieg.

Dann kam’s zum Rätselraten.

»Was geht Tag und Nacht und kommt doch nicht vom Fleck?« fragte Herr Schwarzbeck. Das war die Uhr. »Was hat Zähne und kann doch nicht beissen?« Das war der Kamm. »Nun kommt aber ein schwereres; nun passt auf:

Mein Erstes ist nicht wenig,
Mein Zweites ist nicht schwer,
Mein Ganzes lässt sich hoffen,
Doch trau ihm nicht zu sehr!«

Nach langem Besinnen rief Ernst Hutter: »Vielleicht.«

Die Kinder kamen ganz in Eifer.

»Immer wenn man hie Lösung hört, dann war’s eigentlich furchtbar leicht, und doch findet man’s nicht«, riefen die Kinder und wollten neue Rätsel hören, und einige wussten auch welche, und schliesslich fingen sie selber an, Rätsel zu machen. Eva Imbach brachte eines zusammen über den Fingerhut, Walter Kienast über den Rittersporn und Netti Tobel über den Regenbogen. Nun wurden alle angesteckt und fabrizierten drauf los, die wunderlichsten, ungeheuerlichsten Rätsel. Bald war niemand mehr zum erraten als der gute Herr Schwarzbeck. Schliesslich griff er sich an den Kopf und rief:

»Halt, halt, Kinder! Es geht nicht mehr. Es ist zu schwierig. Mir wird ganz wirr!«

Im stillen indessen freute er sich und dachte: Wenn es so weiter geht, so bringe ich sie gut nach Gräbelfingen und wer weiss, vielleicht noch bis nach Heimstetten.

Aber auf einmal fing Alwine Gehring an zu stöhnen. »Wie weit ist es noch bis Gräbelfingen?« fragte sie im jämmerlichsten Ton. Man hörte, dass sie nahe am Weinen war. Sie stand still und zog an ihrem Schuh, der sie drückte. Und wie hie anderen Kinder jetzt auch anhielten, merkten sie, wie müde sie waren. Und endlos lief die Strasse in gerader Linie fort und immer fort. – Die Rätsellust war auf einmal verflogen.

Herr Schwarzbeck nahm Alwine an der Hand.

»Jetzt noch tapfer zehn Minuten; dann, mein ich, müssten wir die Lichter von Gräbelfingen sehen!«

In dieser Erwartung ging’s dann wieder zu; Netti Tobel, Ottilie Eggenberg und Eva voraus.

Plötzlich ertönte ein Schreien.

»Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck, ein Gespenst, ein Gespenstlein –!« rief Netti zurück.

Die Buben lachten.

»Was, ein Gespenst!« entgegnete Herr Schwarzbeck.

»Ja, etwas ganz Sonderbares ist über den Weg gesprungen«, versicherten die Mädchen. »Etwas ganz Unheimliches. Wie ein dünnes Zwerglein.«

»Es wird eine Katze gewesen sein oder ein Eichhörnchen«, machte Walter Kienast trocken.

»Katzen und Eichhörnchen gehen doch nicht aufrecht«, erwiderten die Mädchen. »Und es war, als ob es ein Röcklein angehabt hätte –!«

»Was ihr nicht sagt«, lachte Herr Schwarzbeck; aber die ganze Schar eilte vorwärts.

Da – wahrhaftig, ein ganz seltsames winziges Wesen, vom Mondlicht beleuchtet und einen zittrigen Schatten werfend, huschte quer über die Strasse.

Die Kinder rannten hin zu dem Busch, bei dem das Gespenstlein verschwunden war. Vor dem Busche stand an der Strasse eine Bank; auf der sass ein Mann, und auf der Achsel des Mannes sass das Gespenstlein. Es hatte ein rotes Röcklein an, mit Goldflitterchen benäht, die im Mondschein glänzten.

»Ein Äffchen – nein, wie herzig –! Wie nett! Herr Schwarzbeck, es ist ein Äffchen!«

Die Kinder umdrängten den alten Mann, der seinen Schlapphut zog, während das Äffchen mit seinem mageren, kleinen Gesicht ernsthaft die Kinder besah, die versuchten es zu streicheln und es auf den Arm zu nehmen. Es liess sich aber nicht anfassen, sondern hüpfte von der Achsel auf den Hut seines Herrn.

»Schön grüssen die Errschaften, Nina«, sagte der alte Mann und zog das Äffchen an seinem dünnen Schwanz herunter. »Sein manierlich, geben die And!«

Das Äffchen streckte sein bräunliches Händchen mit den feinen Fingerchen hin. Dann aber war’s, als ob es sich auf etwas besänne; die Hand sank herab, und Nina legte den kleinen Kopf auf die Seite.

»Ist ein Elend, ist ein Elend«, jammerte nun der alte Mann, indem er seinen Schlapphut noch einmal zog, weil Herr Schwarzbeck jetzt vor ihn hintrat.

»Seit Nina hat verloren seine Kamerad, seine Paolo, ist nichts mehr zu mach mit Nina. Will nicht mehr sein öflich, nicht mehr lustig; will nicht mehr tanzen, nicht mehr machen sein schöne Kunststück und nicht mehr essen. Wird noch sterben und lassen allein sein alte arme Err.«

Der Alte fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht, und dann kam die ganze Geschichte von den zwei Äffchen Paolo und Nina, die einander zärtlich liebten, die nie anders schliefen als eng aneinander gekauert. Und auf der Welt gab es keine so geschickten Äffchen mehr wie Paolo und Nina. Sie konnten tanzen – der Alte zog aus einem Rock, den er umhängen hatte, eine Okarina und blies ein paar Töne. Nina horchte; aber sie blieb unbeweglich sitzen. – Sie konnten selber Musik machen; der Mann zeigte ein winziges Glockenspiel und eine kleine Trommel, dann eine kleine Wiege mit einem Püppchen und ein Kaffeemühlchen und noch allerlei kleine Gerätschaften.

Ums Leben gern hätten die Kinder gesehen, wie Nina gewiegt, gesägt und die kleine Kaffeemühle gedreht hätte. Aber Nina sah mit kummervollem, nachdenklichem Gesichtchen zum hellen Mond hinauf, als verstünde sie, was ihr Herr erzählte:

Vor drei Monaten war das Unglück gekommen. Der Alte war krank geworden und im Krankenhaus gelegen und dann in einem Gasthaus. Und den Wirt hatte er nicht bezahlen können, und da hatte der ihm den Paolo genommen. Den kleinen Paolo, Ninas geliebten Kameraden. Und der Alte versuchte nun, seine Vorstellungen im Lande herum mit Nina allein zu geben.

»Aber die Leute gehen weg und geben kein Geld, wenn Nina nur sitzt auf mein Achsel und tut nichts als denken an Paolo. Ist ein Elend.«

Dem alten Mann liefen die Tränen über das Gesicht. Es war sehr traurig anzusehen. Er stand auf, da er auch noch nach Gräbelfingen wollte.

Herr Schwarzbeck ging neben ihm her und hörte, was er weiter von seinem Leben erzählte, und die Kinder bildeten einen ganzen Schwarm um den alten Mann. Jedes wollte möglichst nahe bei dem Äffchen sein. Alle Müdigkeit, der ganze Tag mit seinen Herrlichkeiten und Merkwürdigkeiten, mit dem Gumpenfall, der Ruine, dem Speckkuchen, dem Abenteuer Ernst Hutters war vergessen; alle hatten sie nur das Äffchen Nina im Kopf.

Das arme Äffchen! Der arme alte Mann! Der böse Wirt! Ja, der wollte halt zu seinem Geld kommen! Drei Wochen, so erzählte der alte Mann Herrn Schwarzbeck weiter, hatte er versprochen, das Äffchen zu behalten. Wenn der Alte 57 Franken brachte, konnte er Paolo wieder haben. Morgen waren die drei Wochen verstrichen, da verkaufte der Wirt das Äffchen; er wusste schon jemand, der es haben wollte. 8 Franken 60 Rappen hatte der Alte, aber nicht mehr.

»57 Franken weniger 8 Franken 60, das macht 49 Franken 40«, rechnete Eva.

»Ich wollte gleich die 6 Franken, die ich in meinem Sparhafen habe, hergeben«, sagte Ernst Hutter.

»Ja, 6 Franken sind noch lang nicht 48.40«, sagte Walter Kienast.

»Wenn wir sammeln würden in der Schule?« schlug Ottilie Eggenberg vor.

»Bis wir 48 Franken beisammen hätten, wäre der Paolo längst verkauft«, erwiderte Eva. »Man müsste das Geld gleich haben. Jetzt gleich.« –

»Herr Schwarzbeck hätte schon Geld«, meinte Gustav Brenner. »Zwei Banknoten hatte er noch, als er den Wirt bezahlt hatte.«

»Ja natürlich. Die braucht er in Gräbelfingen; er hat ja gesagt, wir bekommen dann im Adler jedes noch ein Butterbrot mit Käse und wenn es möglich sei, ein Glas Milch.«

»Und der Leiterwagen kostet auch noch etwas«, rief Alwine, der sehr viel an dem Leiterwagen lag.

»Hört – ich wüsste etwas«, sagte Ernst Hutter. »Etwas Feines – wenn wir Herrn Schwarzbeck sagen würden, wir wollen kein Käsebrot und keine Milch und auch den Leiterwagen nicht. Wir wollen das Geld dem alten Mann geben.« –

»Kein Käsebrot und keine Milch, wo wir so Hunger haben –«, rief es ihm entgegen.

Es waren ziemlich viele Stimmen und nicht nur von Mädchen. »Aber nett wäre es schon, wenn der Alte das andere Äffchen Paolo wieder kaufen könnte. Er hat so ein trauriges Gesicht gemacht«, sagte Martin Imbach, der ein sehr weiches Herz hatte.

»Und den Leiterwagen auch nicht?« fragte Alwine in sehr jämmerlichem Ton, und fast alle Fünftklässlerinnen fielen ein.

»Wo wir so müde sind! Noch eine ganze Stunde sei es von Gräbelfingen bis heim. Einmal ich kann nicht mehr! Und ich auch nicht.« –

Sogar Sara war dabei. »Ich glaube, ich würde sterben, wenn ich nur noch eine Viertelstunde gehen müsste.«

»Ach bewahre«, machte Walter Kienast in seiner trockenen Art; »wenn es mit dem Fusswerk nicht mehr geht, so geht’s mit dem Mundwerk.«

»Dann natürlich, wenn wir noch zu Fuss heimgingen, dann wären wir erst ganz so tapfer, wie Herr Schwarzbeck gesagt hat«, meinte Eva Imbach, und Ottilie und Netti stellten sich mit eifrigen: »Ja, natürlich!« neben sie.

»Wenn man aber einfach nicht mehr kann?« –

Während es so hin und herging zwischen den Leuenhofer Kindern, waren die beiden Männer etwas vorausgekommen. Der alte Mann erzählte Herrn Schwarzbeck viel aus seinem bewegten Leben. Einmal hatte er ein ganzes kleines Affentheater gehabt und einmal mit seinem Vetter zusammen ein Karussell; aber das war abgebrannt.

»Immer hab ich gehabt Unglück, mein Err, viel Unglück!«

Herr Schwarzbeck hörte teilnehmend zu. Wenn der Mann jünger gewesen wäre, hätte Herr Schwarzbeck ihm geraten, dies Leben zu lassen und eine richtige Arbeit zu tun. Aber jetzt war es zu spät dazu.

Plötzlich kam die ganze Schar der Buben und Mädchen nachgerannt.

»Herr Schwarzbeck, Herr Schwarzbeck, wir haben etwas ausgemacht.« –

Herr Schwarzbeck blieb stehen.

»Wir haben ausgemacht, dass wir kein Käsebrot brauchen und keine Milch in Gräbelfingen, Herr Schwarzbeck und auch den Leiterwagen nicht. Dann könnte man dem Mann das Geld geben.« Alle redeten im Eifer und in der Freude des Entschlusses auf einmal.

»Wie nett, wenn dann Nina den Paolo hat und wieder lustig wird. Ja und die Kaffeemühle wieder dreht. Wie schade, dass wir es nicht sehen. Ist der Paolo wohl auch so niedlich? Nicht wahr, Herr Schwarzbeck? Sie geben dem Mann das Geld?«

Herr Schwarzbeck überlegte. – »Ja – Kinder! – Halt! Das muss man doch erst bedenken«; man merkte aber schon, dass er einverstanden war. »Könnt ihr wirklich noch eine Stunde marschieren?«

»Wir können eigentlich nicht; aber wir wollen«, rief Sara halb kläglich, halb tapfer. Dann aber rannte sie den anderen nach zu dem alten Mann. Er war trübselig weiter gegangen mit dem Äffchen auf der Achsel, das sich dunkel und winzig abhob von der hellen Mondscheinluft.

Die Kinder umringten ihn und schrien auf ihn los. Es dauerte eine ganze Weile, bis er aus dem Käsebrot und der Milch und dem Leiterwagen und dem Schulreischengeld herausbekam, dass er seinen Paolo wieder erhalten solle.

Dann aber fingen die Tränen wieder an über sein runzliges Gesicht zu laufen.

»O, o, gute Kind, gute Kind! Aben Mitleid mit alte Mann! Brave Kind! Danke, danke.«

Er wendete sich nach allen Seiten, um jedem die Hand zu drücken.

Dann zog er Nina von der Schulter herunter. »Nina, Nina! freue dir! Sieh diese Kind geben dir deinen Paolo wieder!« Wie umgewandelt war der Alte und fing nun an in fremder Sprache auf das Äffchen einzureden. Die Kinder verstanden bloss immer das eine Wort Paolo. Sie standen vor ihm und meinten, es müsste nun dann ein Lächeln über das ernsthafte kleine Gesicht des Äffchens gehen, das seinen Herrn aufmerksam anschaute. Doch so weit ging halt Ninas Klugheit doch nicht, dass es verstand, was sein Herr ihm aufgeregt und glücklich erzählte.

»Aber morgen – morgen wird es dann Augen machen! Ob es wohl dann weint vor Freude? Können Äffchen auch weinen, Herr Schwarzbeck?«

Aber Herr Schwarzbeck hatte nicht Zeit, auf diese interessante Frage einzugehen.

Man war in Gräbelfingen angekommen. Gleich links stand breit und behäbig das Gasthaus zum Adler!

Herr Schwarzbeck trat hinein, um an den Wirt zu telephonieren, der den Paolo zurückbehalten hatte.

»Es nimmt mich doch wunder?«, sagte Herr Schwarzbeck im Eintreten vor sich hin, »ob das heute jetzt doch das letzte Mal ist, dass ich telephoniere.«

»Ja, ja«, hiess es am Telephon zurück. Der kleine Affe sei noch da; es sei aber höchste Zeit. Der Mann, der ihn kaufen wolle, habe schon zweimal nachgefragt.

Derweil hatten die Kinder einen Brunnen entdeckt neben dem Hause, und es entstand ein grosses Gedränge und Geplätscher; denn was für einen Durst hatte man!

Ah, noch einen Becher voll und noch einen von dem schönen, starken Wasserstrahl, der im Mondschein flimmerte. –

Da trat aus dem Hause die Wirtin heraus: »Ja was ist mir denn das für ein Einkehren? Grad nur Wasser begehrt ihr?«

»Ja, wir haben kein Geld zum Einkehren«, erklärten die Kinder im Chor. »Wir hätten schon; aber wir brauchen es zu etwas; wir brauchen es für das Äffchen, für das andere Äffchen; es heisst Paolo.«

Die Wirtin hatte drinnen schon etwas gehört von der Geschichte.

Sie lachte freundlich.

»Das ist recht von euch. Das gefällt mir. Von Heimstetten seid ihr? So, so, gibt’s dort so brave Kinder? Aber ein Stück Brot werdet ihr denn doch nicht verschmähen – oder?«

Sie ging hinein und kam mit einem mächtigen Laib Brot zurück, von den sie jedem der jungen, hungrigen Wanderer ein ansehnliches Stück herunterschnitt. Und als es nicht reichte, holte sie noch einen zweiten Laib. Noch nie hatte den Kindern ein Brot so gut geschmeckt.

»So, so, euch geht’s ja nicht so schlimm«, sagte Herr Schwarzbeck.

»Jetzt aber wollen wir den Weg unter die Füsse nehmen. Vorwärts! So! Die Kleinen voran. Alwine an die Spitze, das ist die Tapferste!«

Und wahrhaftig, es ging, ging ganz gut von neuem durch die stille Mondnacht. Alle waren gehoben durch das Gefühl einer guten Tat.

Der Alte mit dem Äffchen schritt mitten unter ihnen. Sie sangen ihm ihre Lieder vor, und er musste sagen, welches ihm am besten gefalle. Und er versicherte, dass ihm alle »serr, serr« gut gefallen und dass die Kinder in seinem Lande nicht so gut singen könnten. Es kostete freilich etwas Mühe, die Kleinen vorn zu behalten; sie behaupteten »die Sechstklässler messen ihnen immer Schuhe an.«

»Horcht!« rief Herr Schwarzbeck, als Gritli Wegmann aufs neue zu jammern begann. – »Horcht, das ist ja unsere Turmuhr.«

Die Kinder lauschten; ganz deutlich hörte man die neun Schläge durch die Nacht herüber klingen. Nun war man ja schon fast wie zu Haus!

Und nach weiteren zehn Minuten kam eine neue Hilfe: Von der Illig her, die man auch schon rauschen hörte, kamen ein paar Männer; es waren Väter, die beschlossen hatten, der Wanderschar entgegenzugehen.

»Vater! Papa! Vater! Das war schön und merkwürdig!«

»Lauter Geschichten sind begegnet.« – Zum Glück war Gritli Wegmanns Vater auch dabei. Nun verschwand alle Müdigkeit. Jeder der Väter ward alsbald umringt und in Beschlag genommen von sieben oder acht Erzählern.

»Denk nur. – Denken Sie nur« – ging es los. Das einzig Schwierige war, dass man gar nicht wusste, womit man anfangen sollte. Am leichtesten war es, mit dem Äffchen Nina zu beginnen. Aber dazwischen schwatzten die anderen vom Turm und vom Schlüssel, dem Fischotter und dem davonfahrenden Bahnzug.

»Wenn ihr nicht alle sieben zu gleicher Zeit reden wolltet, würde man’s natürlich besser verstehen«, wehrte Gritlis Vater. Aber es war wirklich nicht zu verlangen, dass auch nur eines der Kinder schwieg; wo so schrecklich viel zu sagen war.

Jetzt aber kam man über die Brücke. Oben im Doktorgarten hörte man noch sprechen. Der Herr Doktor beugte sich über die Mauer:

»So, so, da kommen sie ja! Na, bringt ihr alles gut mit, Arme, Beine und Köpfe? Gibt’s nichts zu flicken?« Im Mondschein erblickte er das Äffchen auf des alten Mannes Schulter – »Der Kuckuck! Was bringt ihr denn da mit? – Einen neuen Mitschüler? Soll er in die fünfte oder sechste Klasse eintreten?« –

Die Kinder riefen und lachten hinauf. Dann ging es durch die Halderstrasse zum Marktplatz. Aus den Häusern traten die Leute.

»Da sind sie endlich«, riefen ein paar Frauen. »Nein, ihr armen Kinder, den ganzen Weg zu Fuss! Ist es auch möglich? Ihr seid ja gewiss halb tot!«

»Bewahre«, sagten Sara und die anderen Fünftklässlerinnen stolz und wollten beginnen zu rühmen, wie es ihnen gar nicht weit vorgekommen sei. Nun trieb aber Herr Schwarzbeck zum Abschiednehmen. Im Hui ging das nicht. Drei-, viermal musste er mahnen; immer wieder fiel einem ein, dass es dem nicht Gutnacht gesagt habe und jenem nicht. Und immer wieder lief man zu dem alten Mann, um ihm die Hand zu schütteln und das winzige Händchen der kleinen Nina, die allein in dem fröhlichen Getümmel stumm und ernsthaft blieb.

Ein Trüppchen hatte denselben Weg wie Herr Schwarzbeck.

»Jetzt war’s doch gut, dass alles so gegangen ist, nicht wahr, Herr Schwarzbeck?« sagten die Kinder. »Wenn Ernst nicht noch einmal auf den Turm gegangen wäre und der Knecht nicht den Schlüssel abgezogen hätte und wir nicht zu spät gekommen wären, dann hätten wir den alten Mann mit dem Äffchen nicht angetroffen und der Wirt hätte den Paolo verkauft, und Nina wäre vielleicht gestorben!«

»Ja, ja«, erwiderte Herr Schwarzbeck;»unsere Verkettung der Umstände war AlF schliesslich noch eine recht glückliche. Und jetzt gut nacht, gut Nacht, Kinder!«

Als aber Herr Schwarzbeck schon in dem Schatten des Rosengässchens verschwand, rannten Eva und Martin Imbach, Gustav Brenner, Hedwig Bühler und ein paar andere noch einmal zu ihm hinüber:

»Herr Schwarzbeck, das Schönste, nicht wahr, das Schönste vom ganzen Tag war, wie der alte Mann so eine Freude hatte, dass er den Paolo wieder bekomme!«

»Gut Nacht, gut Nacht, Herr Schwarzbeck!« –

Das Treffen bei der Ferlikoner Brücke.

Schon seit langer Zeit standen die Ferlikoner Buben im Streit mit den Buben von Heimstetten. Es wusste niemand recht warum. Gustav Brenners Vater hatte gesagt, es sei schon so gewesen, als er noch in die Schule gegangen sei. Nett sei es nicht; man könnte jetzt einmal aufhören mit streiten. Aber anstatt, dass man aufhörte, war es an der Fastnacht von neuem angegangen.

Es war Brauch in der ganzen Gegend, dass man am Fastnachtsabend auf einer Anhöhe über dem Ort ein Feuer anzündete. Die jungen Burschen besorgten das, und schon tagelang vorher sammelten und erbettelten die Buben Holz und beigten es zum hohen Stoss auf. Die Sechstklässlerbuben vom Leuenhof durften dies Jahr auch mithelfen und hatten einen ungeheuren Eifer. Bei Herrn Eggenberg, Ottiliens Vater, hatten sie einen ganzen kleinen Wagen voll schöner Buchenscheiter.

»Letztes Jahr hat es überall herum geheissen, die Heimstetter hätten das schönste Feuer gehabt«, sagten die Buben zusammen, als sie den Wagen zum Riedenhügel hinaufzogen; »und mein grosser Bruder und die anderen aus seiner Klasse sagen, es müsse heuer wieder so sein«, rief Gustav Brenner.

Droben aber war ein lautes Getümmel und ein Wortstreit.

Den Heimstetter Buben gegenüber standen wohl ein Dutzend grosse Ferlikoner Burschen mit bösen Gesichtern und riefen: »Macht vorwärts und gebt die Scheiter heraus!«

»Wir geben euch nichts heraus; wir haben euch nichts genommen.«

»Jawohl habt ihr! Heinrich Lenz und der Joseph Ambühler haben vorgestern gesehen, wie ein paar von euch mit den schönsten Scheitern davon gerannt sind. So ist es dann freilich bequem, das schönste Feuer zu haben.« –

»Und wir haben nichts genommen. In Heimstetten stiehlt man nicht. Das ist eine unverschämte Beleidigung!« rief Gustav Brenner zurück; er sah sehr zornig aus, und alle Heimstetter Buben standen nah zu ihm, die Leuenhofer zuvorderst und ballten die Fäuste und machten grimmige, entschlossene Gesichter. Es war fein, wie Gustav Brenner es denen sagte. Ja, eine Beleidigung war’s!

Noch eine Weile lang flogen die Streitworte hin und her, und es war nur ein Wunder, dass keine Schlägerei entstand. Die Heimstetter umstanden mannhaft ihren Holzstoss. Die Ferlikoner waren zwar älter, aber eine kleinere Schar. Endlich als es stark dunkelte, zogen sie sich zurück.

Gustav Brenner meinte zwar, man könne ihnen nicht trauen; aber als es vom Städtchen herauf halb acht Uhr schlug, musste man sich doch entschliessen, heimzukehren.

Am anderen Morgen aber, am Fastnachtstag, fanden die Heimstetter Buben ihren Holzstoss zusammengerissen und der dicksten Scheiter beraubt.

Nicht dass am Abend das Heimstetter Feuer weniger schön gebrannt hätte.

»Aber stärker ist heuer doch das Feuer von den Ferlikonern gewesen«, sagten die Leute, als die Flammen an dem kühlen Februarabend langsam auf den Höhen über dem Städtchen verglühten.

»Ja, man weiss schon warum!«, brummten die Heimstetter Buben.

Das ganze Frühjahr und den Sommer hindurch herrschte also erneute Feindschaft zwischen den Ferlikonern und den Heimstetter Buben, und im Juli war es zu einer Schlägerei gekommen. Die Leuenhofer Buben waren nicht dabei gewesen.

»Leider!« sagten sie. »Wir hätten es ihnen gezeigt, denen!«

Die Ferlikoner waren übrigens auch ohne die kampffreudigen Leuenhofer Buben in die Flucht geschlagen worden, und sie warteten ihrerseits nun wieder auf eine Gelegenheit sich zu rächen. –

Der September ging zu Ende; es wurde Oktober, und das Obst reifte überall.

Der Vater der Imbachkinder hatte draussen am Groppenberg einen grossen Obstgarten mit schönen, alten Birnbäumen; die meisten trugen kleine Mostbirnen; aber es waren auch drei Bäume da mit Berlikonern und gar einer mit Träterbirnen, die aussahen wie rot unk gelb gefärbte Eier und so saftig und süss waren wie weit und breit keine Birnen.

Schon in den letzten Jahren hatten Eva und Martin ihre Leuenhofer Mitschüler einladen dürfen zur Birnenlese und nun hiess es auch heuer:

»Also, morgen um fünf Uhr! Und bringt dann wieder Körbchen mit oder Rucksäcke! Berlikonerbirnen darf jedes nehmen, so viel es will und von den Trätern sieben Stück, hat die Grossmutter gesagt!«

»Sind sie heuer so gross wie das letzte Jahr, Eva?« fragten Netti, Sara und Marie Hug, indem sie in der Vorfreude Eva umhüpften.

Alwine Gehring und Gritli Wegmann machten bedenkliche Gesichter. »Ich weiss nicht, ob ich mitgehe«, sagte Alwine. »Von Ferlikon zum Obstgarten ist es ganz nah, und unser Milchbub, der von Ferlikon ist, hat letzthin zu unserer Therese gesagt, wenn die Heimstetter einmal nach Ferlikon hinauskommen, so erleben sie dann etwas.«

»O, du Fürchtegret!« lachten Sara und Netti und die anderen Kinder. »Also bleib du daheim. Aber Träterbirnen bringen wir dir dann nicht extra, weisst du.«

Um fünf Uhr, als die Leuenhofer beim Doktorhaus an der Halderstrasse aufeinander warteten, standen Alwine Gehring und Gritli Wegmann trotz ihrer Bedenken mutig und mit ziemlich grossen Körbchen da.

Nichts begegnete auf dem Wege; nur an der Ecke, wo das Fahrsträsschen nach Ferlikon abbog, stand ein Bursche, der die Leuenhofer mit spöttischem Gesicht ansah, sich umdrehte und hinter den Reben verschwand. Nach einer Weile hörte man einen Pfiff.

Im Obstgarten waren schon zwei Männer. Der eine, der alte Salomon, den die Kinder kannten, wurde sofort von den Buben bestürmt.

»Salomon, ich darf doch hinauf; ich auch und ich – ich.«

»Ja, ja«, sagte Salomon und wählte die grössten Buben aus. Ein paar andere erhielten Stangen, und nun ging es los. Das gab ein Hallo und Gelächter, als der Birnensegen niederprasselte. Bald flüchteten die Mädchen schreiend, wenn eine der kleinen Birnen gar so gut gerade die Nase getroffen; bald stellten sie sich wieder dahin, wo es am dichtesten herunterkam.

In Körben wurden die Birnen zu den Wagen getragen, wo grosse Fässer standen. Hin und wieder, wenn man schon wusste, dass es eine Mostbirne war, biss man hinein. »Brrr! Etsch! Puh!« Wie das herb schmeckte und einem den Mund zusammenzog!

Dann aber ging es zu den Berlikonerbirnen. Wie die herrlich mundeten!

»Esst nur! Kinder! Nehmt so viel ihr wollt!« sagte Salomon und sah den Kindern vergnügt zu. »Die Bäume tragen ja heuer, dass man kaum weiss, wohin mit dem Obst.«

Nur die vornehmen Träterbirnen wurden etwas respektvoll behandelt; der Knecht breitete Stroh und Holzwolle unter den Baum, damit die Birnen im Auffallen nicht beschädigt würden. Und der alte Salomon, Ernst Hutter und Eva gaben acht, dass es beim Sammeln und Verteilen mit rechten Dingen zugehe.

Es war ein schöner Abend; auf den nächsten Wiesen weideten die Kühe; ihre Glocken bimmelten hell herüber, und jenseits der Strasse stieg von den Feldern der Rauch der Kartoffelfeuer in die Abendluft auf.

Die Mädchen assen und schwatzten, und die Buben brachte man gar nimmer von den Bäumen herunter. Jeder Ast wurde erklettert, und auf jedem fand man die Aussicht am allerschönsten. Zuletzt wollte das Kasperli durchaus auch auf einen Baum. Er war ein auffallend kleines, aber etwas freches Bürschlein. Die Leuenhofer verwöhnten das Kasperli und nannten es nur das Himperlein, weil es so schwächlich und zart war. Herr Schwarzbeck hatte die Kinder oft ermahnt, gut mit ihm zu sein. Der Kleine gab keine Ruhe, bis ihn die Buben heraufzogen und als er dann oben war, wollte er wieder herunter und fing an zu spektakeln, wie es seine Art war, bis ihn der alte Salomon am Krips fasste und ihn etwas derb auf seine dünnen Beinchen stellte.

»Jetzt aber mein ich, ihr solltet den Weg wieder unter die Füsse nehmen«, sagte er zu den Kindern; »es ist doch ein ordentliches Stück bis ins Städtchen hinunter, und man weiss ja etwa wohl, wie lang so Buben und Mädchen brauchen, bis sie daheim sind.«

Langsam und umständlich und sehr vergnügt machten die Leuenhofer Kinder sich auf und zogen den Fussweg hinunter. Kein einziges dachte an etwas anderes, als wie lustig es gewesen sei unter den Bäumen und auf den Bäumen und wie viel Birnen man daheim hergeben wolle und wie viele selber essen.

Da aber, als sie wieder zum Ferlikoner Strässchen kamen, schlüpfte hinter einem Holunderbusch ein Mädchen heraus und sah sich vorsichtig und etwas ängstlich um. Alwine kannte das Kind; es hiess Verena Lenzer und war die Schwester von dem Buben, der Gehrings die Milch brachte. Es kam manchmal zu Alwine, und Frau Gehring hatte ihm zu Neujahr eine kleine Puppe geschenkt.

Verena trat auf Alwine zu. »Alwine, ich muss dir etwas sagen.« Das Mädchen hielt einen Augenblick an und schaute zum Strässchen zurück. Man merkte, dass es etwas Widriges zu sagen hatte. Der ganze Zug der Leuenhofer hielt an.

»An der gedeckten Brücke passen euch Buben auf; es sind ganz grosse dabei; beide Berger, der Stäubi und der Heinrich Vollenweider. Der hat euch gesehen heraufkommen; hinter unserem Stall haben sie abfederte.«

Schnell huschte Verena wieder zum Holunderbusch hinüber, von wo ein Fussweg den Reben entlang nach Ferlikon hinaufführte.

»So«, sagte Alwine schon ganz weinerlich. »Jetzt habt ihr es! Ich hab es immer gesagt.«

»Ja, ja, aber die Birnen hast du doch wollen«, erwiderte Netti.

Die Knaben aber traten mit finsteren Gesichtern zusammen.

»Ein Überfall also!« sagte Ernst Hutter. »Das ist gemein!«

»Ja«, stimmten die anderen Buben ein. »Das ist miserabel. Das gleicht innen! Wo wir gar keine Waffen haben!«

»Wegen Waffen wüsst ich etwas!« sagte Walter Kienast. »Am Rebberg, grad nach Imbachs Baumgarten, habe ich eine ganze Beige Rebstecken liegen sehen. Der Rebberg gehört dem Vater von Karl Obrist. Es wäre Karl noch recht, wenn wir mit ihren Rebstecken auf die Ferlikoner losgingen.« –

»Ja, ja, wir nehmen die Rebstecken!« Die Buben rannten zurück, die Mädchen hintendrein.

»Eigentlich hat Herr Schwarzbeck einmal in der Klasse gesagt, das sei nicht schön, dieser Streit mit den Ferlikonern und er hoffe, die Leuenhofer machen nicht mit«, sagte Hedwig Bühler.

»Abe wenn sie uns angreifen! Wir müssen uns doch verteidigen!« erwiderte Netti.

»Ich – ich hab so Angst«, sagte Gritli Wegmann. »Ja, wir auch«, stimmten die anderen Fünftklässlerinnen bei. »Könnten wir nicht zurück zu Salomon und mit ihm dann heimgehen?«

»Nein, der ist mit dem anderen Knecht und den beiden Wagen schon die Fahrstrasse hinuntergefahren«, sagte Ottilie Eggenberg, worauf Alwine und einige von den Fünftklässlerinnen zu weinen begannen.

»So, da heulen sie wieder!« rief Netti. »Ihr seid grässlich! Da, nehmt Stecken.« Und sie griff mit Ottilie, Eva und Marie Hug nach den Rebstecken.

Da erhoben aber Ernst Hutter und Gustav Brenner Einspruch.

»Nein, das geht nicht. Ihr nehmt keine Waffen! Mädchen kämpfen nicht!«

»Warum nicht?« gaben die Mädchen zurück. »Früher haben manchmal die Frauen mitgekämpft; Herr Schwarzbeck hat es doch erzählt. – In der Schlacht am Stoss und dann in Nidwalden.« –

»Ja, und mein Vater hat einmal gelesen, dass die Japanerinnen auch oft den Männern beim Kampf geholfen hätten. Sollen wir etwa nur so uns prügeln lassen von diesen ... «

Bei dieser Aussicht brachen Alwine und ihre Genossinnen in erneutes Schluchzen aus. –

Ottilie Eggenberg gab ihr einen Puff. »Alwine, du bist eine Schande für die sechste Klasse.«

Aber Ernst Hutter bestand auf seiner Ansicht.

»Wenn ihr keine Waffen habt, so greifen sie euch nicht an. So miserabel werden sie denn doch nicht sein.« –

Schliesslich einigte man sich darauf hin, dass eine Reihe von Sechstklässlerinnen, mit Ausnahme der ganz unheldenhaften Alwine, als Waffenträgerinnen angestellt wurden, für den Fall, dass dem einen oder anderen Kämpfenden die Wehr entrissen werden sollte.

»Ihr habt die Stecken gesenkt zu tragen, und wenn sie Miene machen, auf euch loszugehen, werft ihr den Stecken weg zum Zeichen, dass ihr Nichtkämpfer seid. Verstanden?«

»Das ist dann die Frage, ob ich ihn gleich wegwerfe«, dachte Netti.

Auch das Himperlein, das zwar unter Nichtkämpfer gereiht wurde, schrie:

»Ich will auch kämpfen, ich auch. Ich weiss, wie ich’s mache; ich halte ihnen den Stecken vor die Füsse, dann fallen sie darüber.« –

»Ja, ja, Himperlein, du weisst immer die feinsten Listen«, sagte Ernst Hutter ruhig und steckte ihn zwischen Sara Wiebold und Marie Hug, die den sich Sträubenden fest an die Hand nahmen.

Nun marschierte man zu, vorn ein Trupp Buben und hinten ein Trupp, in der Mitte die Mädchen. Gustav Brenner und Ernst Hutter waren Anführer.

»Martin, du fürchtest dich doch nicht etwa?« flüsterte Eva Imbach, als ihr Bruder einen Augenblick neben ihr ging. Sie wusste, dass Martin Schlägereien gar nicht liebte.

Martin schüttelte den Kopf und eilte mit ernsthaftem Gesicht nach vorn zu Ernst Hutter, der ihn zu seinem Adjutanten gemacht hatte.

Nun sah man schon das dunkle Ziegeldach der alten Brücke.

Die Leuenhofer rückten ihre Reihen noch enger zusammen und marschierten fest im Takte. Das Plaudern hatte ganz aufgehört. Sogar Sara Wiebold hielt den Schnabel.

»Wir wollen singen! Wir wollen ein Lied singen, damit sie sehen, dass wir keine Angst haben«, rieten einige von den Knaben und Mädchen.

»Ja! – ein Kriegslied muss es natürlich sein –«

»Es geht bei gedämpfter Trommel Klang«, stimmten einige an. »Das geht so gut im Takt.« Aber bald brachen alle ab: »Nein, halt, das ist zu traurig.« –

»Lasst hören aus alter Zeit
Von kühner Ahnen Heldenstreit ... «

Prächtig, wie so ein Lied Mut machte und mit Siegeszuversicht erfüllte. Auch Gritli Wegmann, die geweint hatte und die unheldenhafte Alwine Gehring sangen fest mit:

»Man ziehet ins Schlachtgewühl,
Zum heissen Kampf; der Tag war schwül ...«

Nun war man der gedeckten Brücke schon auf etwa 300 Schritte nahe. Aber nichts war zu sehen, weder im Eingang der Brücke noch zu ihren beiden Seiten, wo der hohe, sehr steile Abhang zur Illig hinunterführte.

»Achtung – an Ort!« kommandierte Ernst Hutter, und die ganze kleine Kompanie sang an Ort das Lied zu Ende, während die beiden Anführer sich berieten. Es war jetzt die Frage, ob die Feinde den Angriff in der Brücke drin oder erst drüben im Sinn hatten. –

»Dort – dort –«, schrien auf einmal Felix Kleinhans und Hans Kündig in den Schluss des Liedes hinein. »Sie sind in der Brücke; sie haben die Köpfe herausgestreckt! Wartet nur, ihr!«

Mit Mühe hielt ernst die vordere Reihe zurück, die schon losstürmen wollte.

Er war ein besonnener Knabe und hatte als Anführer die ganze Verantwortung. Die Köpfe am Brückeneingang waren wieder zurückgefahren.

»Wartet, wartet!« sagte er.

»Wer hat ein grosses, weisses Taschentuch. Wir schicken einen Parlamentarier vor.«

»Einen – was?« fragten die Mädchen.

»Einen Parlamentarier, einen Sprecher.«

»Dazu würde Sara am besten passen«, sagte Walter Kienast.

Sara sah hinüber und wusste nicht recht, ob sie stolz oder beleidigt über diesen Vorschlag sein sollte.

»Nein, im Ernst! Man sollte, bevor es losgeht, ein Wort mit ihnen reden. In den Geschichtsbüchern steht, dass bei Belagerungen und Kämpfen den Frauen, Kindern und Greisen manchmal freier Abzug gewährt wurde.«

»Wir wollen gar keinen freien Abzug«, unterbrachen Ottilie, Netti, Eva und bei tapferen unter den Mädchen.

»Ja, doch wir möchten«, riefen bei anderen und hängten ihre Birnenkörbchen fester an den Arm im Gedanken daran, wie sie heimrennen wollten, wenn sie ungefährdet an diesen unheimlichen Ferlikonern vorbeikämen.

Rasch beschlossen bei Buben, dass Ernst Hutter selber den Parlamentarier machen sollte. Er knüpfte Eva Imbachs Taschentuch an seinen Stecken, trat zur Brücke vor und schwenkte bei Fahne.

Aufs äusserste gespannt folgte ihm seine ganze Schar nach und schaute durch den Eingang in das Dunkel der Brücke; am Ausgang erblickten sie die Feinde, eine ziemliche Anzahl Buben, ebenfalls mit Rebstecken. Aus ihrer Mitte tauchten ein paar Grosse auf, jedenfalls der Stäubi und bei beiden Brüder Berger.

Einen Augenblick guckten sich bei feindlichen Parteien stumm an durch das dunkle Loch.

»Nu! Was wollt ihr mit eurem weissen Fetzen an dem Stecken?« rief der grösste der Burschen mit grober Stimme herüber.

»Das ist unser Parlamentarier, ein Redner, wenn ihr wisst, was das ist«, schrie Sara vorlaut, wie sie eben war.

»Wir brauchen keinen Redner«, riefen bei Ferlikoner; »kommt ihr nur ohne Redner, wenn ihr Courage habt! Aber da wird’s fehlen!«

»Nein, da fehlt es nicht«, rief Ernst Hutter. »Ich wollte nur« –

Aber er kam nicht zum Sprechen; seine eigenen Leute überschrien ihn.

»Courage? – Hah, einmal am Siebenhügel, damals vor den Heuferien habt ihr nicht viel gehabt; da seid ihr davon gelaufen! Feiglinge, die ihr seid.«

»Aber diesmal lauft ihr, ihr blöden Stadtbüblein!«

Die Leuenhofer waren während des Hinüber- und Herüberrufens ein Stück weit in die gedeckte Brücke eingedrungen, und auch die Feinde waren vorgerückt. Man hatte das Gefühl, dass es jetzt jeden Augenblick Iosgehen könne. Die Buben hüben und drüben stampften in der Erregung auf den hölzernen Boden, wodurch in der Brücke ein dumpf widerhallendes Getöse entstand.

Da plötzlich erscholl ein Schreckensruf. »Das Himperlein! Um Gotteswillen! Ernst! Gustav! Das Kasperli!«

Zugleich hörte man ein Schreien, wie von jemand, der in Gefahr ist. Die Leuenhofer drängten zurück. Die Mädchen, die am Eingang geblieben waren, zeigten entsetzt den steilen Abhang hinunter.

Da hing das Kasperli, gerade noch sich haltend an einem Haselstrauch und entsetzlich schreiend. Unter seinen Füssen, die einen Stand suchten, rieselten Erde und Steine hinunter. Das törichte Himperlein! Es hatte sich ausgedacht, dass es da herunterklettern wollte, über die grossen, trockenen Steine des Flusses hinüber zum anderen Ufer steigen würde und dann, indem es die Ferlikoner tüchtig auslachte, heimrennen könnte. Da das Kasperli wenig hinauskam, kannte es die vielen Schwierigkeiten gar nicht: den steilen Abhang und dann die tiefe, wenn auch schmale Wasserrinne der Illig, und drüben, wie wäre es wieder hinaufgekommen! Und zehnmal hätten ihn die erbosten Feinde auf der Strasse nach Heimstetten erwischt.

Jetzt hing es da unten und schrie jämmerlich.

Ottilie, Netti und Eva hatten versucht hinunterzuklettern, indem sie sich am Erlengebüsch hielten; aber Netti glitt aus und konnte nur mit Mühe von Eva und Ottilie heraufgezogen werden.

Das Kasperli aber, das schon gemeint hatte, es erhalte Hilfe, rutschte unter einem gellenden Schrei jetzt noch um ein Stück tiefer. Wenn der Ast, an dem es sich hielt, brach, war es verloren.

Ratlos sahen seine Kameraden hinunter.

»Ein Seil – wenn man ein Seil hätte!« Dann wandten sie sich betroffen zurück; hinter ihnen standen die Feinde, die Ferlikoner Buben, voran der Stäubi und die beiden Berger.

»Was ist das für eine kleine Kröte da unten?« fragte Stäubi grob. »Gehört der zu euch?«

»Ja«, antworteten die Buben. »Es ist das Kasperli; er heisst eigentlich Leopold Braunmüller«, fügten die Mädchen hinzu. »Er macht manchmal so Sachen; aber sonst ist er recht artig!«

Stäubi und die Brüder Berger sahen sich an und zuckten die Achseln. Dann zog Stäubi die Jacke aus. »Das hätte ich jetzt auch nicht gedacht, dass ich zu dem dahergekommen sei. Seh – geht einem aus dem Weg!« Er schob die Leuenhofer Kinder weg und fasste mit einer Hand die Rechte vom älteren Berger.

Der, schnell begreifend, packte mit der Linken die Hand seines Bruders und dieser wieder die des Zunächststehenden. Eine ganze Kette wurde so gebildet, und langsam und vorsichtig suchte Stäubi den Abhang hinunterzukommen zu dem laut schreienden Kasperli. Auch die beiden Berger tauchten einer nach dem anderen am Rande unter.

Um ihr Leben gern hätten die Leuenhofer an der Kette mit angefasst; doch die Ferlikoner schoben sie weg; sie waren grösser und stärker. Aber als die Kette schon ein ganzes Stück über die Strasse und den Kartoffelacker weglief und die vordersten immer zurückriefen: »Festhalten! Fest! Sonst ist es gefehlt«, da bildeten die Leuenhofer noch einen Schwanz. Sogar die Mädchen packten an; eines fasste die Hand des anderen und hielt und zog nach Leibeskräften.

»Festhalten! Fest!« riefen sie sich gegenseitig über den halben Kartoffelacker zu.

Aber die Hauptsache hatte denn doch Stäubi zu tun und die beiden Brüder. Es war keine leichte Sache, bis Stäubi nur drunten war. Und bis er dann des Kasperlis habhaft geworden. Und nun, in einem Arm den kleinen Kerl, mit der anderen sich an Karl Berger haltend, der wiederum halb in der Luft hing; es war fast nicht zu machen, bis Stäubi an eine Stelle kam, wo er über einem festen Haselbusch ein bisschen Stand fassen und das Kasperli auf den Rücken nehmen konnte.

»Halten wirst dich wohl von selber!« Das tat denn auch das Kasperli. Fast ging Stäubi der Atem aus, so fest klammerten sich Kasperlis dünne Arme um seinen Hals.

Mühsam kletterte Stäubi aufwärts. Karl Berger, an ein Felsstück gestemmt, hielt und zog, halb an des Bruders Hand hängend.

»Jetzt – so! Halt, ein wenig links!« rief und schrie er dem Stäubi zu. »Oha! wieder gerutscht! So – jetzt – fein, jetzt nur noch! Nein, nicht an dem Boschen; der gibt nach. So – .« So und noch einmal so und noch eine letzte Anstrengung, die als Ruck und Zuck durch die ganze Kette lief.

»Loslassen! Man könne loslassen!« schrien die Buben und Mädchen zurück, und alles rannte nach vorn.

Eben wurde das Himperlein auf den Boden gestellt, zum zweiten Mal etwas unsanft heute.

Es war von dem Schrecken und der Angst, die es ausgestanden, gar noch nicht recht bei Besinnung. Weinend hielt es sich immer an Stäubis Arm fest.

»Jetzt lass einmal gehen – reissest mir noch den Ärmel zusammen«, sagte Stäubi.

Er keuchte; auch die beiden Brüder waren ausser Atem.

Sie zogen ihre Röcke wieder an und schnauften und sahen sich dann um. Ja – wie stand man jetzt denn? Eigentlich hatte man ja auf diese Heimstetter losgehen wollen. Die anderen Ferlikoner Buben scharten sich wieder um ihre Anführer, steckten die Hände in die Hosentaschen und machten Köpfe.

Die Leuenhofer traten auch zusammen und sahen verlegen einander an. Da stiess Eva Netti und Ottilie an: »Er blutet –! Ganz stark blutet er über’m Ohr.« –

Und Netti rief im Schrecken laut hinüber:

»Du! – du blutest ja!«

Stäubi fuhr sich mit der Hand durch’s Haar und besah sie! Sie war ganz rot; man sah auch, dass er jetzt, als die Aufregung sich legte, Schmerzen fühlte.

»An einem Steinblock bin ich halt angeschlagen«, sagte er – natürlich nicht zu Netti, sondern zu seinen Kameraden.

Netti war nicht beleidigt.

»Das Blut läuft ja nur so herunter. Es ist gewiss ein rechtes Loch. Man sollte es verbinden.« –

Stäubi zog sein Taschentuch heraus; es war blau und weiss gewürfelt und sehr schmutzig, da er es jedenfalls schon länger in mannigfacher Weise gebraucht hatte.

»Nein«, rief Eva Imbach, die von ihrem Onkel, dem Doktor, allerlei wusste. »Mit so einem Taschentuch darf man nicht verbinden. Da – du kannst meines haben.«

Und sie streckte ihm ihr sauberes Taschentuch hin, das heute schon als Parlamentarierfahne gedient hatte.

Stäubi zögerte einen Augenblick, halb verlegen, halb verächtlich.

»So Geschichten macht man sonst bei und nicht wegen einem Loch!« brummte er, immer gegen seine eigenen Leute gewendet.

»Ja – du, es ist aber ganz voll Erde und Moos«, sagte sein Freund. »Man sollte es doch ein wenig auswaschen.«

»Drüben, unten an der Scheune ist ein Brunnen«, schlug jetzt Walter Kienast vor.

Und nun, als ob es so verabredet wäre, zog die ganze Schar Leuenhofer und Ferlikoner, nicht einmal streng gesondert, durch die dunkle Brücke zu dem Brunnen. »Das hätte man vor einer halben Stunde nicht für möglich gehalten«, sagte Gritli Wegmann zu Alwine.

Als aber das Loch an Stäubis Kopf gewaschen und verbunden war, stand man wieder da und sah einander an und wusste nicht weiter.

»Am gescheitesten wäre gewesen, wir wären davongerannt, während sie alle am Brunnen standen«, flüsterte Walter Adorf seinem Freund Steininger zu.

»Ja, ja – davonrennen – das hab ich eben gemeint«, mischte sich das Kasperli hinein, das sich wieder erholt hatte.

Ernst Hutter hörte es.

»Das wäre gemein gewesen!« sagte er.

»Warum denn?« machte Walter Adorf.

»Ich weiss nicht; aber ich glaube, es wäre gemein gewesen!«

Ernst Hutter näherte sich etwas unsicher dem grossen Stäubi, dem Vollenweider noch das Blut von der Achsel wischte. Er hatte das Gefühl, dass man eigentlich danken müsste. Dieser Stäubi hatte doch das Himperlein unter grosser Mühe und Gefahr heraufgeholt. Ernst Hutter fasste Mut und räusperte sich.

»Es war fein, wie du da hinuntergestiegen bist«, sagte er und sah mit seinen braunen Augen den Stäubi anerkennend an.

»Ja, famos war’s!« stimmte Gustav Brenner bei. »Und erst, wie es wieder hinaufging mit dem Kasperli auf dem Rücken! Mein Bruder und ich sind auch einmal so geklettert; wir haben uns verstiegen, wie wir auf den Kienberg wollten vom Breitentobel aus.«

»Eine solche Dummheit! Man geht doch nicht durch das Breitentobel auf den Kienberg, wo von Aitingen ein ganz schöner Weg hinaufführt.«

So, jetzt hatte dieser Stäubi doch einmal etwas gesagt zu den Leuenhofern. Sehr liebenswürdig war es zwar nicht gerade gewesen. Aber, ehe die Buben sich auf eine Gegenrede besannen, ergriff nun plötzlich Sara, die nach ihrer Gewohnheit sich vornhin geschoben hatte, das Wort:

»Ja, ja, von Aitingen aus sind wir auch einmal auf den Kienberg gegangen. Mit dem Grossvater. Es ist lustig droben. Es hat eine Schaukel, und wir haben Straubenküchlein bekommen.«

»Wie die wieder schwatzt!« sagte Walter Kienast und stiess den Felix Kleinhans an.

»und Kaffee. Habt ihr auch Straubenküchlein und Kaffee gehabt?«

»Nein, Käse und Brot«, antwortete Stäubi. So eine kleine Schwatzmühle, wie das war, zog einen hinein, ohne dass man wollte.

»Und der Pfau – habt ihr ihn auch gesehen?«

Nein, von einem Pfau wisse er nichts, erwiderte Stäubi.

»So, dann ist er wahrscheinlich gestorben«, fuhr Sara unbeirrt weiter.

Und da sie so fortschwatzte, bekamen die anderen auch Lust, und Ottilie Eggenberg wusste etwas von einem weissen Pfau und einer von den Ferlikoner Buben berichtete von Perlhühnern, die sein Vetter habe, und von da kam man unversehens auf Kaninchen, was bei allen Buben in der Gegend ein sehr beliebtes und wichtiges Thema war.

Währenddessen wurden auch hinten Fädchen eines friedlichen Verkehrs angeknüpft. Gritli Wegmann und Alwine fingen, befreit von der Angst an, ihre Birnen herauszuziehen, um sich etwas zu stärken.

Nicht weit von Gritli stand einer von den Ferlikonern und schaute ihr zu.

Er hatte dicke, rote Backen und helle Augen und sah, in der Nähe betrachtet, ganz gutmütig aus.

»Willst du eine?« fragte Gritli und streckte ihm eine Berlikonerbirne hin.

»Wir haben sonst auch Birnen bei uns oben«, sagte der Bub noch mit einem Rest von Trotz.

»Ja, aber jedenfalls keine solchen –«, sagte Gritli, nun eine Träterbirne aus ihrem Körbchen nehmend. »Die zerschmelzen einem im Mund wie Butter und süss sind sie!«

Ein paar andere Ferlikoner Buben traten auch herzu, um zu sehen, was das für Extrabirnen seien, und nun teilte das gutmütige Gritli aus, und die anderen griffen auch in ihre Körbe und Säcke, und die Buben schmatzten die Birnen und erklärten, sie seien nicht übel und erzählten von den grauen Steinbirnen des Gemeinderats, die seien vielleicht noch besser; aber man kriege keine, ausser wenn man etwa ein paar stibitze.

Derweil war man vorn am Brunnen schon so weit gekommen, dass man über einen Tauschhandel beriet; Felix Kleinhans bot einem Ferlikoner einen hellgrauen Hasen »mit Löffeln so lang.« – Felix mass seinen halben Oberarm ab – gegen einen ... Engländer, der merkwürdig gescheit sei.

Dann aber sprangen Eva, Ottilie und Netti, die, auf dem Brunnenrand sitzend, den Verhandlungen zugehört hatten, auf:

»Horcht – ist das nicht unsere Betzeitglocke? Schon so spät ist es! Wir müssen heim!«

Ja, ja, es war Zeit. Es dunkelte; von den Wiesen stieg ein starker Nebel auf.

Die Leuenhofer Buben und Mädchen traten zusammen.

»So – und jetzt die Rebstecken, die hinauf in den Rebberg von Karl Obrists Vater gehören?« Und mit denen man hatte kämpfen wollen. Die Leuenhofer und Ferlikoner sahen einander an und lachten. So viele Rebstecken, die man alle gar nicht gebraucht hatte. Auch die Ferlikoner die ihrigen nicht.

»Gebt sie her! Wir tragen sie hinauf; wir haben näher als ihr!« schlugen die Ferlikoner Buben vor.

»Das gäbe ein ganz festes Feuer«, machte Arnold Zwickel und erinnerte damit an den Fastnachtsstreit, und es war fast ein wenig gefährlich, als Gustav Brenner zu Stäubi sagte:

»Gelt, das glaubt ihr aber, dass keiner von uns euch das Holz gestohlen hat?«

»Fang jetzt doch nicht noch einmal an«, flüsterte Ernst Hutter.

»He ja; wir wollen es jetzt glauben. Es können auch andere Buben gewesen sein; es war schon ziemlich dunkel. Gute Nacht also jetzt.«

»Gut Nacht! Gut Nacht«, rief man einander zu.

Sara schüttelte dem Stäubi die Hand, als ob sie beide zeitlebens in bester Freundschaft gestanden hätten.

Und das Himperlein, dem Eva bedeutet hatte, dass es besonders höflich danken und Gutnacht sagen müsse, streckte auch seine Hand.

»Ich danke, dass ihr mich geholt habt. Wenn ich grösser wäre, hätte ich vielleicht allein herauf können.«

»Ja, so probier es später noch einmal«, sagte Stäubi; »aber holen tun wir dich dann nicht mehr.« – Der dumme kleine Bub!

Vergnügt und wichtig zogen die Leuenhofer Kinder nun die Strasse hinunter, nach und nach immer schneller laufend, um nur ja erzählen zu können, wie das gegangen sei an der gedeckten Brücke und dass man Friede mit den Ferlikonern gemacht habe.

Und im Städtchen hatte man eine rechte Freude.

Es sei doch wahrhaftig vernünftiger und netter, im Frieden zu stehen.

»Es wäre gut«, sagten die Leute, als sie die Geschichte hörten, »wenn überall, wo Krieg in der Welt sei, so ein Kasperli ein bisschen irgendwo herunterrutschen und zum Friedensstifter würde«, bis schliesslich das Kasperli meinte, wunderwas es vollbracht habe, und man wieder wehren musste, dass es sich nicht zu viel einbilde auf seine Heldentat. –

Die Theatervorstellung.

Wenn die Leuenhofer auf dem Schulweg am Spital beim Wendeltor vorbeikamen, schaute manchmal einer von den alten Männern oder eine alte Frau heraus.

»Was die dort für eine Hakennase hat!« flüsterte Sara ihrer Freundin Marie Hut zu.

»Ja – wie die Hexe im Märchen von Jorinde und Joringel. Grässlich!«

Die zwei und mit ihnen noch ein paar andere blieben stehen und guckten lachend durch die Scheiben hinein.

Die alte Frau mit der Nase machte ein böses Gesicht, und hinter ihr erschienen noch einige alte Frauen und Männer.

»Hu«, rief Sara, »jetzt rennen wir; sonst verwandelt sie uns noch in Vögel, wie im Märchen, und sperrt uns ein –«; lachend liefen die Mädchen davon.

In den nächsten Tagen machte Sara sich den Spass, jedesmal hinaufzugucken. Ja, sie stieg auf einen vorspringenden Mauerstein, um besser zu sehen und schoss dann, wenn die Gesichter her alten Leute erschienen, blitzschnell wieder herunter.

Die anderen Leuenhofer Kinder taten nicht alle mit. Aber ein wenig Spass machte es ihnen doch, wenn die Hakennase auftauchte und die Frau mit ihrer grossen, magern, gelben Hand ihnen drohte.

Als Herr Schwarzbeck von der Sache hörte, zankte er die Kinder. »Wie unartig und wie dumm!« sagte er. »Wie könnt ihr denn die alten Leute ärgern! Sie haben es sowieso nicht zu gut; manche von ihnen sind vielleicht traurig und denken, wie sie es früher anders hatten, und langweilig ist es ihnen gewiss allen. Geht manierlich vorbei, und wenn ihr jemand am Fenster seht, dann grüsst freundlich hinauf.«

»Ja«, meinte Hedwig Bühler verlegen, »wenn wir jetzt grüssen, so nehmen sie es am Ende übel und werden erst recht bös.«

»Eben«, sagte Herr Schwarzbeck, »schnell ist etwas verdorben; das wieder gutzumachen, ist dann nicht so einfach. Streckt der alten Frau einmal ein paar Blumen hinein! Versucht Freundschaft mit ihr zu machen!«

Die Kinder lachten: »Freundschaft!«

Aber am anderen Tag brachte Hedwig Bühler ein nettes Sträusschen mit. Im Garten hatte sie, wenn schon es bereits November war, noch eine Rose gefunden und ein paar lila Astern.

Wie stellte man es jetzt an, um der Frau mit der Hakennase die Blumen zu übergeben? »Dich darf sie nicht zuvorderst sehen, Sara, sonst wird sie gleich bös.«

Hedwig Bühler getraute sich nicht recht. So übernahm Eva die Aufgabe.

Sie trat behutsam hinzu, streckte sich und legte das Sträusschen auf das Steingesimse.

Das Fenster ging auf. Die gelbe Hakennase wurde sichtbar.

»Was ist jetzt das für ein Wisch! Könnt ihr einen nicht in Ruhe lassen!«

Zornig schob die alte Frau das Sträusschen, ohne es anzusehen, vom Sims.

Eva hob es vom Boden auf und bot es der Frau hin.

»Es ist kein Wisch«, sagte sie freundlich. »Haben Sie nicht gern Blumen? Die Rose riecht gut.« – Ohne etwas zu sagen nahm die Frau das Sträusschen und machte das Fenster zu.

»Besonders nett ist sie nicht«, sagte Netti Tobel.

Als die Kinder am anderen Morgen wieder gegen das Spital kamen, schaute die Frau schon nach ihnen aus. So bös wie gestern sah sie nicht mehr aus.

»So, aha, heut habt ihr keine Blumen! Die Frau Ostermeier und die Frau Andrian meinen durchaus, sie müssten auch ein Sträusschen haben.«

»Also – wir bringen dann am Abend zwei«, riefen die Kinder. –

»Seht«, sagte lachend Herr Schwarzbeck, »nun hat sich der Verkehr ja schon angebahnt. Also heut abend macht man einen Besuch im Spital.«

Die Mädchen sahen Herrn Schwarzbeck etwas bedenklich an.

»Doch, doch, geht nur tapfer. Das ist für die alten Leute an einem so trübseligen Novemberabend eine kleine Unterhaltung. Sagt einen freundlichen Gruss von mir!«

Abends um halb fünf Uhr stand denn wirklich ein Trüpplein von sieben oder acht Mädchen am Spitaltor.

»Also, Sara, das sage ich dir«, ermahnte Eva, bevor sie anläutete, »gelacht wird nicht! Warum kommst du eigentlich mit? Auf dich kann man sich ja nie verlassen!«

»Doch, doch«, versprach Sara. »Und wenn ich nimmer kann, so nehme ich das Taschentuch heraus.«

»So, so«, sagte die Frau Spitalverwalter, als sie auf Evas Läuten aufgemacht und vernommen hatte, was die Kinder wollten. »So, so, das ist ja nett von euch, geht nur hinein.«

Sie schob die Kinder in die grosse Stube, wo hinten über dem langen Esstisch schon die Lampe brannte. – Die alten Männer und Frauen, die noch am dämmerigen Fenster sassen, schauten auf.

»Aha – Frau Andrian, Frau Ostermeier, da bekommt ihr nun auch Blumen.«

Netti Tobel und Sophie Berchtold übergaben ihre Sträusschen von farbigen Strohblümchen.

»Frische haben wir keine mehr«, sagte Netti entschuldigend.

Die zwei Frauen freuten sich aber sehr über die Strohblümchen. »Die halten recht lang und sind allerliebst«, sagten sie.

Sara, die sich durch einen Büschel Zittergras das Recht erworben hatte, mitzukommen, streckte es einem alten Manne hin.

»Zittergras«, sagte er und schüttelte das Büschelchen. »Ja, ja, das pflückt man so als Kind im Sommer am Weg und weiss nicht, was dann später alles über einen kommt.«

Dann entstand eine Stille. Die Kinder räusperten sich. »Der Herr Schwarzbeck lässt sie alle freundlich grüssen«, fiel es Ottilie Eggenberg glücklich ein, zu sagen.

»So, der Herr Schwarzbeck, das ist euer Lehrer«, sagte die Frau mit der Hakennase. Sie hiess Frau Kradolfer. »Er wird eine schöne Mühe mit euch haben. Das ist etwas, so Kinder!«

Die Mädchen wussten nicht recht zu antworten.

Wieder wurde es still. Die Kinder standen noch immer in einer Reihe an der Türe. Was redete man jetzt auch so, wenn man auf Besuch war –? besann sich Eva Imbach. Der alte Vetter Julius kam manchmal zur Mutter; dann redete er immer zuerst vom Wetter. Also: »Heut morgen hat es geregnet«, sagte sie, sich zu den Männern wendend, die ihr zunächst auf einer Bank sassen.

»Ja«, sagte der eine, »im November regnet es gern.«

Eva sah zu Sara hinüber, ob sie etwas wisse; die wusste doch sonst immer etwas. Da gewahrte sie, wie es in Saras ganzem Gesicht zuckte vor verhaltenem Lachen. Und Gritli Wegmann, Netti Tobel und Ottilie Eggenberg bissen sich auf die Lippen und zogen die Achseln herauf und waren dunkelrot vor Anstrengung. Sara griff nach ihrem Taschentuch. Nein, wenn die jetzt alle losbrechen vor Lachen!

Frau Kradolfer machte immer noch ein so strenges Gesicht und die alte Frau neben ihr, die an einem Strickzeug herumbohrte, auch.

In diesem Augenblick aber tat sie einen tiefen Seufzer: »Zz, zz! Wieder eine herunter; das ist doch ein Unglück, wenn man so die Gicht in den Händen hat und nichts mehr sieht! Zz, zz!«

Rasch trat Eva zu ihr hinüber: »Soll ich Ihnen helfen?«

Sie nahm das Strickzeug und sah es prüfend an. »Oh«, sagte sie, »da ist noch eine Masche drunten, ganz tief. Und da noch zwei! Und da ist ein ganzes Nest.« –

»So, so! Frau Wehrli, Sie machen scheint’s eine schöne Strickerei«, sagte einer der alten Männer, »gelt und jetzt ist die Lehrerin dahinter gekommen, und es gibt am Ende noch Tatzen!« Er lachte laut auf über seinen Spass, und die anderen Männer und die Frauen lachten mit. Sogar Frau Kradolfer lachte.

Und welche Erlösung für die Mädchen an der Türe. Nun konnte man ohne Gefahr herauslachen: Hahaha und Hihihi!

Der alte Mann nickte ihnen zu: »Ja, ja, Tatzen!« Er war ganz stolz, dass er mit seinem Spass ein allgemeines Vergnügen bereitet hatte. Und wie es geht: wenn Leute einmal herrlich miteinander gelacht haben, so sind sie auf einmal vertraut.

Frau Kradolfer rückte näher und sah zu, wie Eva geschickt das Nest auseinander löste.

»Wenn ihr wieder einmal kommt, so hole ich meine braune Kapuze herunter. Ich möchte einen neuen Rand anstricken und bringe es nicht zusammen. Ihr habt scheint’s keine üble Lehrerin.«

»Ja, in der Arbeitsstunde bei Frau Silberschmid ist es sehr nett«, begann nun Sara Wiebold, indem sie mit den anderen herzutrat. Da sie sich ausgelacht hatte, konnte sie jetzt wieder reden.

»ManchmaI dürfen wir, wenn wir grad so an langen Nähten sind, ihr Gedichte aufsagen. – Haben Sie gern Gedichte?« fragte sie den weisshaarigen Mann, dem sie das Zittergras geschenkt hatte.

»Gedichte?« besann er sich. »Ja, in der Schule haben wir auch Gedichte gelernt. Eins habe ich besonders mögen und ein Stück weiss ich noch davon:

Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen SchIund?
Einen goldenen Becher werf ich hinab – –
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund«, –

fielen die Mädchen im Chor ein. »Das haben wir ja den Sommer gelernt. Sollen wir es ihnen aufsagen?«

»Ja, das möcht ich wieder einmal hören«, nickte der alte Gschwantner. Und die anderen rückten auch zusammen und hörten zu, wie die Mädchen das schöne Gedicht von Schiller aufsagten. Immer eines eine Strophe.

»Das habt ihr brav gemacht«, sagte Gschwantner bedächtig und befriedigt. »Wenn ihr wieder kommt, müsst ihr mir’s noch einmal aufsagen.«

»Ja, ja! Wir bringen unser Lesebuch mit, da hat’s auch Geschichten drin. Sollen wir Ihnen dann eine vorlesen?«

Die alten Leute nickten. Ja, freilich, das wäre kurzweilig. Man wisse nie recht, wie man den Abend herumbringe, bis um sechs Uhr die Suppe komme.

So war nun wirklich eine Art Freundschaft geschlossen.

Oft schlüpfte ein Trüpplein Leuenhofer Mädchen nach der Nachmittagsschule noch ein wenig zu den Spitalleuten hinein. Einen ganzen Eifer hatten die Kinder, zorzulesen und sie brachten alle möglichen Bücher mit. »Heidi« und »Schweizersagen«, »Heinrich von Eichenfels«, »Tausend und eine Nacht« und den »Lederstrumpf.« Die Spitalleute wussten gar nicht, was sie zuerst wählen sollten. Und allerlei Anliegen gab’s neben der braunen Kaputze von Frau Kradolfer und dem Strumpf von Frau Wehrli.

»Wenn ihr so gut lesen könnt«, sagte Gschwantner eines Abends, »so geht euch gewiss auch das Schreiben von der Hand. Mir ist das mein Lebtag das Widerwärtigste gewesen, das Schreiben. Da – ein Böglein hätte ich.«

Und als der Brief unter Ottilie Eggenbergs Hand zu grosser Zufriedenheit geriet, bekamen die anderen auch Lust, solch eine Briefschreiberin anzustellen. Die Gedanken hätten sie schon, sagten sie; aber mit dem Buchstabieren kämen sie nicht mehr so recht zuweg. –

Die Buben bekümmerten sich zuerst nicht um diese Spitalbesuche. Als sie aber von den Mädchen hörten, dass da ein alter Mann sei mit dickem, Weissem Haar, der zuerst gar nichts gesagt habe, aber jetzt anfange zu erzählen von seinem Leben, er sei in Amerika gewesen vor fünfzig Jahren in einer wilden Gegend; da habe er noch mit Indianern gejagt, mit wirklichen lebendigen Indianern, da horchten die Buben auf.

Ja und einmal – das war schrecklich – da sei eine furchtbar grosse Büffelherde auf die Reisenden losgesprengt als sie gerade in einer Wiese Kaffee kochten. »Sie konnten nickt mehr entfliehen und meinten schon, sie würden zertrampelt und von den schrecklichen Hörnern zerrissen. Aber ein alter Indianer wusste ein Mittel. Im letzten Augenblick warf er sein Pulverhorn ins Feuer; die Büffel erschraken und teilten sich in zwei Teile Und die Jäger blieben ruhig in der Mitte.« –

»Herrschaft! Fein!« backten die Buben. Das musste man von diesem Mann selber hören. Und so fingen verschiedene von den Buben an, im Spital Besuch zu machen. Der alte Besohlt wusste Sachen, eine famoser als die andere. Eine Zeitlang war er Goldwäscher gewesen und einmal Matrose, und im Eismeer war das Schiff eingefroren. –

Die Buben fühlten sich ganz heimisch bei den Spitalleuten.

»Aha, da ist der kleine Fratz«, wurde Sara von Frau Kern begrüsst, als sie eines Abends wieder mit den anderen Mädchen eintrat. Sie erklärte, sie habe auch am Dienstag wollen mitkommen; aber da sei dem Grossvater sein Namenstag gewesen. »Er heisst Martin. Wie heissen Sie?« fragte sie die alte Frau, an die sie hinschwatzte. »Tut man Ihren Namenstag auch feiern?« –

»Nein«, sagte die alte Frau. »Aber bald jetzt dann haben wir da im Spital den Katharinentag. Eine Katharine Finkler hat das Spital gestiftet. Und da gibt’s zur Erinnerung jedesmal ein Festessen. Da haben wir Gänsebraten und Erdäpfelsalat und Apfelkuchen.«

Die anderen Kinder horchten: »Und vorher? und vorher? Macht ihr Euch da lustig? Was tun Sie vorher? Weil es doch ein Fest ist?« –

»Ja, was sollen wir alten Leute tun? – Vorher ist es wie sonst. Nur dass man sich halt recht aufs Essen freut.« –

Wer dann zuerst den Gedanken gehabt hatte, wusste man später nicht mehr. Aber in der Vormittagspause des folgenden Tages stand bei den Leuenhofer Kindern fest, dass man den Spitalleuten eine Aufführung geben wolle. Und am Nachmittag brachten Ernst Hutter und Gustav Brenner schon einen prachtvollen Plan.

»Also – es gibt drei Teile: zuerst« – Ernst Hutter wandte sich zu den Mädchen: »Ihr könnt doch den Reigen noch vom Sommer?« –

»Turnerinnen frisch und frei,
Holt den Wanderstab herbei!«-

»Ja, ja«, riefen die Mädchen und fingen gleich an, im Takt zu treten und zu summen.

»Scht!« machte Ernst Hutter, »also mit dem Reigen geht es an. Dann machen wir die Stabübungen, die wir jetzt grad haben. Herr Schwarzbeck hat gesagt, sie gehen flott. Vielleicht – vielleicht kommt Herr Schwarzbeck und hilft uns.« –

»Ja, wir bitten und betteln recht!«

»Dann kommt die zweite Abteilung: Gesang. Drei ernste Lieder und drei lustige.«

Für die lustigen machten die Kinder gleich eine Menge Vorschläge.

»Und zum Schluss kommt ein Theaterstück, ein – ein Schauspiel. Da wissen wir noch nicht was.« –

»So – und in fünf Tagen ist das Fest«, warf Walter Kienast ein.

»Hört!« sagte Sara plötzlich mit wichtigem Gesicht: »Wir führen die Johanna Sebus auf!«

»Was dir doch alles einfällt!«

»Ja, ja«, fielen nun aber ein paar der Mädchen ein. »In den Sommerferien haben wir Johanna Sebus aufgeführt, auf der gemähten Wiese hinter den Präsidentengarten.« »Das Haus haben wir aus einem Tisch und ein paar Stühlen gemacht«, bestätigte Sara; »und Marie Hug und ich waren die Ziegen und meckerten.«

»Mit meckern bringt man noch kein Theaterstück zusammen«, sagte Walter Kienast.

»Es war aber auch sonst schön«, verteidigte Sara das Stück, »Sophie Berchtold hat die Johanna Sebus vorgestellt und ist durch das Wasser gewatet.«

»Durch das Wasser. Was habt ihr denn für ein Wasser gehabt?« fragte Walter Kienast.

»Ach, wir haben natürlich nur so getan. Eine Wassernot kann man doch nicht darstellen auf einer Wiese und noch weniger im Spitalsaal.«

»Das ist noch die Frage«, sagte Ernst Hutter und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Mir fällt etwas ein. Man müsste lange Tücher haben, so hellbräunliche wie trübes Wasser, und die müsste man zusammennähen. Und ein paar Buben müssten drunter liegen und sich immer so auf- und abwälzen und dazu zischen und heulen wie ein grosser Wasserstrom!«

Nein, das war eine Idee!

»Fein, Hutter! Ja – so machen wir’s. Ja – wir führen die Johanna Sebus auf!« –

Ein Trüpplein der Kinder stürmte zum Spital, um der Frau Verwalter den Plan vorzulegen. Sie hatte einige Mühe, bis sie das Wichtigste herausbekam.

»Und dann?« fragte die Frau Verwalter. »Sie kommen doch hoffentlich alle davon, die arme Frau mit den Kindern und der Ziege und besonders diese tapfere Johanna Sebus selber?«

»Nein – sie versinken in dem furchtbaren Wasser, Johanna auch.«

»Dann geht es nicht, Kinder. Das mit den Tüchern, da hätte ich euch geholfen. Bei meinem Vetter gibt es einen ganzen Ballen Packtuch. Aber der traurige Schluss – nein ... «

»Der ist aber grad so schön«, sagten die Mädchen.

»Ja, das findet man, wenn man jung ist! Aber meine alten Leute würden sagen: Trauriges haben wir schon genug gesehen und erlebt. Nein, Kinder, besinnt euch bis morgen. Es gibt ja gewiss noch allerlei, was man aufführen könnte.« –

Die Leuenhofer Kinder gingen nachdenklich auseinander. Das stand bei allen fest: es musste und musste ein Wasserstück sein. Auf die braunen Fluten, die sich hin und her wälzten, wollte man nicht verzichten. –

»Wir haben etwas!« verkündeten am anderen Vormittag Ernst Hutter und Gustav Brenner. »Wir haben etwas mit Wasser. Es kommt ein Graf drin vor und eine Brücke mit einer Zöllnerfamilie darauf. Die werden alle fast weggerissen von dem furchtbaren Strom. Aber sie werden alle gerettet von einem braven Bauersmann.«

»Das lasse ich mir gefallen«, sagte die Frau Verwalter, als man ihr den neuen Plan vorbrachte. »An der Geschichte kann jeder seine Freude haben. Ist es nicht übrigens ein Gedicht?« »Ja, ja«, bestätigten Ernst Hutter und Gustav Brenner. »Das Lied vom braven Mann«, heisst es.

Die Frau Verwalter erinnerte sich jetzt deutlich.

»In der Sekundarschule haben wir es auswendig gelernt; ich weiss noch den Anfang:

Hoch klingt das Lied vom brauen Mann
Wie Orgelton und Glockenklang«

Sie stockte.

Ernst Hutter half:

»Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.«

Dann fuhr die Frau Verwalter fort:

»Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den brauen Mann!«

»Wie das schön ist! Wie das kräftig tönt! Ja, führt das auf! Was an mir liegt, das soll geschehen. Die werden Augen machen, meine alten Leute!«

Nun hatten die Leuenhofer Kinder furchtbar zu tun in den fünf Tagen. Der Turnreigen und die Stabübungen mussten noch einmal durchgenommen werden und die Lieder. Herr Schwarzbeck versprach zu kommen und den Ton und Takt anzugeben, ganz unauffällig.

»Wollen Sie lieber, dass wir ihnen sagen, wie wir alles machen, oder möchten Sie eine Überraschung?«

»Natürlich eine Überraschung!« sagte Herr Schwarzbeck lustig. »Ich bin ganz ungeheuer gespannt auf eure Künste!«

Und ungeheuer gespannt waren auch die Spitalleute. Sie merkten an allerlei Andeutungen der Kinder und der Frau Verwalter, dass es am Katharinentag noch etwas über den Gänsebraten und den Apfelkuchen hinaus gebe, und konnten den Abend fast nicht erwarten.

Im Hof des Spitals aber wurde gezimmert und gehämmert. Der Herr Verwalter war auch dabei und gab Ratschläge.

Es handelte sich drum, aus Kisten und Brettern eine Brücke darzustellen. Links und rechts musste die Brücke schon zum Teil zertrümmert sein. Ein paar recht schmale Kisten bildeten die stehengebliebenen Pfeiler. »Und die müssen im Stück von den Stromwellen weggerissen werden«, erklärte Ernst Hutter.

»Ja! Fein!« schrien die Buben begeistert. »Wir wollen das grad probieren!« –

Die riesengrosse, braungelbe Decke, die von der Frau Verwalter aus ein paar Streifen Packtuch zusammengenäht worden war, wurde hergeschleppt; in den vier Ecken waren Schnüre angebracht, an denen man die Decke halten konnte. Fast gab es eine Schlägerei unter den Buben; jeder wollte unter die Decke, um da als Welle sich zu wälzen. Glücklicherweise war das Kies des Hofes trocken, und die Werktagshose war dauerhaft und an allerlei Strapazen gewöhnt.

Die Probe fiel prachtvoll aus. Die Wogen des gelbbraunen Stromes bäumten sich auf und sanken zurück, um sich aufs neue hoch zu erheben. Manchmal prallten zwei Wogen aneinander; das sah nur umso natürlicher aus.

Schliesslich wälzten sich verschiedene Wogen gegen die vorn aufragenden Brückenpfeiler, und unter fürchterlichem Gepolter stürzten sie ein, der eine nach dem anderen.

»Famos, famos!« riefen die Mädchen, »und im Saal auf dem Holzboden poltert es dann noch lauter!«

Ernst Hutter stand vorn, um das Ganze zu beaufsichtigen und zu prüfen.

Nur mit Mühe gelang es ihm, die Wassergeister hervor zu bekommen. Immer wieder tosten sie wild nach links und rechts und gegeneinander.

»Vorwärts jetzt einmal«, schrie er. »Ihr habt keinen Begriff, was es noch alles zu tun und auszudenken gibt. Wir haben die Personen noch nicht verteilt! Und dann die Kostüme. Und jeder«, – er zog ein Heft hervor, – »muss sich ausdenken und lernen, was er zu sagen hat, und morgen und übermorgen müssen wir Proben halten.«

Ernst Hutter hatte recht; was gab es noch alles auszudenken! –

Nur schon, bis man das Schiff, in dem der Retter zum Zollhaus fuhr, hatte. Was für Beratungen kostete das!

Von der hinteren Seite musste er herkommen. Dort konnte man die Stromwellen weglassen, ohne dass die Zuschauer das wahrnahmen. Auf zwei kleine niedrige Handwagen band man ein langes breites Brett; auf dem stand der Retter mit einer Stachelstange. Eine schwierige Sache! Aber je schwieriger sie sich stellte, desto eifriger sannen und probten und hantierten die Leuenhofer.

Der Abend des Katharinentages kam. Die Spitalmägde hatten den Saal schön sauber geputzt und vier Reihen Stühle hereingestellt. Der Herr Verwalter zündete die Lampe an, und der Saal füllte sich allmählich. Die vordersten zwei Sitzreihen waren für die Spitalleute; denn die waren die Hauptpersonen. Dahinter setzte sich der Vorstand, der Herr Pfarrer, der Herr Doktor, der Herr Präsident und ein paar andere Herren; weiter hinten standen verschiedene Väter und Mütter. Die hatten die Erlaubnis erhalten. Und eine weitere Anzahl von Leuten kam ohne Erlaubnis. »Es wird wohl noch ein Plätzchen für mich geben«, sagte jeder, der hineindrückte. Und der gutmütige Herr Verwalter liess herein, was nur hereinging.

Die Leuenhofer waren bald hinten, bald vorn im Saal; sie flüsterten geheimnisvoll zusammen, verschwanden durch die Tür, kamen wieder und machten ungeheuer wichtige Gesichter. Einige der Mädchen verteilten Programme unter das Publikum und warfen dabei stolze Blicke auf die Sekundarschüler, die sich auch hereingedrängt hatten und hinten an der Wand auf einer im Hof erbeuteten Bank postiert waren.

Das Programm lautete in seinem zweiten Teil besonders verheissungsvoll:

Das Lied vom braven Mann.

Schauspiel in einem Aufzug.

Der Graf Ernst Hutter

Der brave Mann Gustav Brenner

Der Zöllner Hans Kündig

Die Zöllnersfrau Netti Tobel

Die Zöllnerskinder Einige von der 5. Klasse und kleinere Kinder

Volk 6. und 5. Klässler

»Grossartig!« sagte einer der Sekundarschüler, das Programm halb spöttisch, halb neugierig lesend. »Mich nimmt nur wunder, wie sie das machen, diese Leuenhofer Knirpse!«

Die Leuenhofer Knirpse, wie sie oft von den Sekundarschülern genannt wurden, machten ihre Sache ausgezeichnet.

Punkt halb sechs traten sie zusammen, Herr Schwarzbeck stand ganz unauffällig auf der Seite, gab leise den Ton an und ein wenig den Takt.

Frisch und hell klang das Lied zum Beginn:

»Ich bin ein Schweizerknabe und hab die Heimat lieb.«

Dann folgte die Stabübung der Buben. Das ging stramm und taktfest wie bei den Soldaten.

»Man meint grad, man werde wieder jung«, brummten und nickten die alten Männer und stampften mit ihren grossen Pantoffeln im Takte mit: »Eins zwei drei vier, eins zwei drei vier« ...

Hierauf traten die Mädchen zum Reigen zusammen:

Es sah sehr hübsch aus, wie sie sich drehten und neigten und bald drei Schritte nach links, drei nach rechts taten, dann, wie die einen vorwärts, die anderen zurück hüpften, so dass ein zweiter Kreis entstand, der sich drehte, wieder auflöste und noch einmal erschien. Und dazu das muntere Lied:

»Turnerinnen frisch und frei
Holt den Wanderstab herbei.«

»Wie herzig, wie allerliebst!« flüsterten die Frauen. »Seht, wie unser kleiner Fratz dort niedliche Sprünge macht!«

Alles klatschte in die Hände, als der Reigen zu Ende war. Und der alte Bezold, der sich nicht nur unter Büffeln und Walfischen auskannte, sondern überhaupt wusste, was Brauch war, rief: »Da capo, da capo!« Das hiess: »Noch einmal.«

»Ja, noch einmal!« stimmte alles ein. »Aber die Buben auch!« Also wurden die beiden Turnübungen wiederholt.

Und als die Gesangsvorträge an die Reihe kamen, gab es wieder lebhaftesten Beifall. Das letzte der drei lustigen Lieder war:

»Es fing ein Knab ein Vögelein,
Hahaha, Hahaha!

Das sperrt er in den Käfig ein
Hahaha, Hahaha!«

Das Hahaha klang so ansteckend – der ganze Saal lachte mit: »Hahahahahaha!«

»Nein, das hätten wir nicht gedacht, dass wir noch so lachen könnten«, sagten die alten Leute, und noch einmal ging es los mit Hahaha und Hihihi.

Dann aber kam der zweite und noch viel glanzvollere Teil der Festaufführung. Es wurde ein Vorhang quer durch den Saal gezogen; der Herr Verwalter hatte ihn am Vormittag hergerichtet. Und hinter diesem Vorhang begann nun ein geheimnisvolles Treiben. Man hörte ein Rücken von allerlei Gegenständen, ein Poltern, Kichern, ein aufgeregtes Flüstern und zwischenhinein ein lautes »au« oder »oha« und »gebt doch acht!« »Halt, daher! Nein – weiter zurück! – Sara, wenn du nur dummes Zeug machst, tut man dich hinaus!«

»Was das nur gibt? Was das nur gibt?« sagten die alten Frauen in höchster Spannung. –

Jetzt wurde es stiller hinter dem Vorhang; nur noch ein paar letzte, leise Zurufe und ein Hin- und Herhuschen.

Dann ertönte eine Glocke.

»Jetzt geht’s los«, sagten die Sekundarschüler hinten und reckten sich, dass die Bank ins Schwanken kam.

Hinter dem Vorhang aber trat Walter Kienast hervor:

»Hoch klingt das Lieb vom braven Mann«,

begann er mit lauter Stimme, der man die Begeisterung anmerkte:

»Hoch klingt das Lied vom braven Mann
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den braven Mann!«

»Gut! gut ausgedacht!« sagte halblaut der Herr Pfarrer und nickte Herrn Schwarzbeck zu.

Der Vorhang wurde auseinandergezogen.

Man sah auf eine gelbgraue Fläche, die sich hob und senkte.

»Aha, aha – der Strom, der Po«, sagten die Herren beifällig.

Die Sekundarschüler hinten streckten sich in höchstem Interesse und Staunen:

»Herrschaft! Es bewegt sich wahrhaftig wie Wasserwellen! Es sind ein paar drunter, unter dem Tuch!« flüsterten sie; »wie ihnen das nur eingefallen ist!«

In der Mitte aber sah man, gut aufgebaut aus Kisten und Brettern das Zöllnerhaus und rechts und links die schon halb zertrümmerte Brücke.

Die Wogen fingen an stärker zu fluten unter lautem Gedröhne und Sturmesheulen. Rrrr! Rrrr! Uiiii! Uiiii! Bum!

Eine starke Welle stürzte gegen einen der Brückenpfeiler.

Auf dem Dache aber des Zöllnerhauses wurde jetzt der Zöllner sichtbar; er schaute sich um und rang die Hände.

»Um Gottes Willen!« rief er. »Rings um uns ein wilder See, und die Brücke ist schon halb weggerissen. Barmherziger Himmel! Erbarme dich; wir sind verloren; wir müssen ertrinken! Wer rettet uns?«

Neben dem Zöllner erblickte man jetzt Netti Tobel als Zöllnersfrau und vier oder fünf Kinder. Netti hatte ihre zwei kleinen Schwesterchen mitgebracht, damit Kinder von allen Grössen da seien.

»Barmherziger Himmel!« begann nun auch die unglückliche Zöllnersfrau zu jammern. »Hilfe, Hilfe! Wer rettet uns, wer rettet uns?«

Die drei älteren Kinder stimmten ein in die Jammerrufe der Eltern, während die zwei kleinen erstaunt auf die sich wälzenden Wogen blickten.

Rrrr! rollten sie daher, uiiii! uiiii! heulte der Wind.

Am Ufer aber sammelte sich nun das Volk. Eva Imbach und Hedwig Bühler hatten sich als wirkliche Italienerinnen verkleidet mit roten Röcken und schwarzen Sammetmiedern. Alle Mädchen hatten weisse Tücher um den Kopf gebunden, um Landfrauen darzustellen. »Oh! Seht doch, seht!« begann Eva als Wortführerin. »Die arme Zöllnersfamilie da draussen. Die Leute können nicht mehr über die Brücke; denn das Wasser hat sie schon zum Teil weggerissen! Die armen Leute, wie schrecklich« –

»Wie schrecklich! Die armen Leute«, wiederholten die Frauen. »Oh, oh!«

»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Rettet uns!« rief die unglückliche Zöllnersfamilie. »Oh! Oh!«

Rrrr! brausten die Wellen, uiiii, uiiii! heulte der Wind.

Bum! stürzte polternd wieder einer der Pfeiler zusammen.

»Man bekommt fast Herzklopfen«, sagte Frau Ostermeier zu Frau Wehrli; »aber es ist prachtvoll!« –

Jetzt sahen die Leute nach rückwärts. Mit langen Schritten trat Ernst Hutter als Graf herein.

Auf hohem Ross, wie es im Gedichte stand, konnte er leider nicht auf der Bühne erscheinen. Aber um anzudeuten, dass er eben vom Pferd gestiegen sei, rief er, wie wenn ein Knecht hinter ihm wäre: »Carlo, halte mir meinen Rappen!« Und einer der Buben, der als Halter des Wellentuches tätig war, wieherte laut und sehr natürlich.

»Das ist der Kienast!« flüsterte vernehmlich einer der Sekundarschüler. »Mein Bruder hat’s ihn gelehrt.« »Ich kann’s auch«, wollte er sagen. Aber er erhielt von seinem Nachbarn einen Puff, dass er schweige. Denn der Graf stand nun mitten unter dem Landvolke. Er sah sehr vornehm aus mit seinem Sammetbarett, auf dem eine weisse Feder steckte. Den langen, blauen Mantel hatte er zurückgeschlagen, so dass man den Degen mit dem glänzenden Knauf sah. Er hielt die Hand über die Augen, um nach dem Zöllnerhäuschen zu sehen.

»Wie schrecklich! Dort sind noch Menschen! Und jeden Augenblick kann das Haus zusammenstürzen! Die Leute müssen gerettet werden! Wer wagt es hinauszufahren?«

»Zu Hilfe, zu Hilfe!« begannen die Zöllnersleute aufs neue zu schreien, während die Wellen fürchterlich sich bäumten und donnerten.

Der Graf zog einen ledernen Beutel heraus und hob ihn hoch empor.

»Wer es wagt, der erhält zum Lohne diesen Beutel voll Gold« –

Er sah ringsum; aber die Landleute schüttelten die Köpfe. »Es ist nicht möglich hinauszufahren, Herr Graf!« sagte ein alter Mann; – es war Martin Imbach, dem man einen grauen Bart umgehängt hatte. »Das Wasser tobt zu stark.«

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« jammerte von neuem die Zöllnersfamilie.

Besonders Sara, die das älteste der Zöllnerskinder darstellte, wusste die Verzweiflung durch immer neue Jammertöne auszudrücken.

»Ssst«, der Zöllnervater zupfte sie am Ärmel; denn es kam nun der allerschönste und spannendste Teil des Schauspiels:

Ein Mann erschien, ein einfacher Wanderer in grauem Kittel, in der Hand einen Stab.

Er stutzte, als er das fürchterliche Wasser sah. Die Bäuerin Eva aber trat auf ihn zu, zeigte nach dem Zöllnerhaus und sagte ihm, dass der Graf für die Rettung einen Beutel voll Gold biete.

»Man kann die Leute nicht umkommen lassen. Mit Gottes Hilfe will ich es wagen!« sagte der Mann und eilte zu dem Kahn im Hintergrund.

»Es wird doch geraten«, flüsterte Ernst Hutter als Graf leise der Eva zu, die neben ihm stand.

»Gebt gut acht!« mahnte er die unsichtbaren Schiffzieher durch die offene Türe hinaus.

Sie ging prachtvoll von statten, die Fahrt. Aufrecht, mit mutigem Gesicht, stand der Mann auf dem Brett, mit seiner Stange bald rechts, bald links stachelnd, um den Kahn nach dem Zöllnerhaus zu lenken. Langsam bewegte sich der Nachen vorwärts, von den hochgehenden Fluten halb verdeckt.

Die Bank hinten, wo die Sekundarschüler standen, krachte wieder; es war zu interessant, diese Schiffahrt. Die Buben stiessen und stemmten gegen einander.

Die Zöllnersleute aber erblickten nun den kühnen Schiffer.

»Gott sei Lob und Dank!« riefen sie alle. »Gott sei Lob und Dank. Die Rettung naht! Willkommen, du braver Mann, willkommen!« –

Und der Zöllner kletterte vom Haus herunter, um bei der Anfahrt zu helfen. Wie es im Gedichte stand, war der Nachen zu klein, um die Familie auf einmal zu retten. Zuerst sollte die Zöllnersfrau mit den zwei kleinsten Kindern drankommen.

Das Berteli und das Luisli schrien mörderlich, als man sie von der Kiste herunterzog und in das Schiff lud; aber das machte sich nur um so natürlicher.

Mit schwerer Mühe stachelte der brave Mann den kleinen Kahn durch die Flut.

»Ich – ich will nicht auf dem Wagen fahren«, heulte das Luisli, wurde aber übertönt von dem Brausen und Heulen der Wellen, die mit erneuten Brrr und Uiiii das Schiff bedrohten.

Auf der zweiten Fahrt wurden die zwei anderen Kinder geholt.

Der Zöllner und die älteste Tochter Sara warteten tapfer bis zuletzt; kaum hatten sie das Ufer erreicht, prallte eine heftige Welle an die noch stehenden Brückentrümmer, und das Haus stürzte zur Hälfte zusammen.

»Gottlob, gottlob, dass sie alle draussen sind«, sagte Frau Ostermeier mit einem lauten Seufzer. Sie war mit einem solchen Eifer dabei; sie vergass, dass es nur ein Schauspiel war.

»Ssst, ssst«, mahnte der alte Bezold hinter ihr.

»Heil, Heil dem Retter! Heil dem wackeren, braven Manne!« rief jetzt das ganze Volk und drängte sich zu dem Wandersmann, um ihm die Hand zu schütteln.

Der Graf aber streckte ihm den goldgefüllten Beutel entgegen:

»Hier, mein wackerer Freund«, sprach er. »Da ist dein Preis! Komm, nimm ihn!«

»Verdient hat er’s«, sagte Frau Ostermeier, wurde aber durch ein erneutes »Ssst!« zum Schweigen ermahnt.

Denn der Wandersmann, der vor dem Grafen stand, schüttelte den Kopf.

»Mein Leben ist nicht für Gold feil. Ich bin zwar arm, aber zum Leben besitze ich genug. Herr Graf; gebt lieber das Gold der armen Zöllnerfamilie, die ihre ganze Habe verloren hat!«

Es war sehr schön, wie Gustav Brenner das so stolz und zugleich bescheiden sprach und dann rasch verschwand.

Frau Ostermeier und ihre Nachbarinnen wischten die Augen, was ja weiter nicht störte, umso weniger, als das Schauspiel jetzt zu Ende ging. Rasch traten Volk, Graf und Zöllnersfamilie vorne hin, und – das hatten sich Gustav Brenner und Ernst Hutter als schönen Schluss ausgedacht – nun erscholl noch einmal die Strophe von allen zusammen im Chore aufgesagt!

»Hoch klingt das Lied vom braven Mann,
Wie Orgelton und Glockenklang.
Wer hohen Muts sich rühmen kann,
Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.
Gottlob, dass ich singen und preisen kann,
Zu singen und preisen den braven Mann!«

»Sehr gut! Ausgezeichnet!« riefen die Herren. »Bravissimo, bravissimo«, rief der alte Bezold. »So schön! nein aber auch so schön«, rühmten die Frauen, und die alten Männer und Frauen klatschten mit ihren welken Händen, und das ganze Publikum klatschte begeistert mit. Am allerlautesten aber waren die Sekundarschüler, und damit es noch lauter töne, trampelten sie auf ihrer Bank.

Und dann lief man zu den Eltern und zu den SpitalIeuten, und die sollten sagen, was ihnen am besten gefallen habe. Aber die schüttelten die Köpfe: Das könne man nicht. Es sei alles gleich prachtvoll gewesen, und die alten Leute hatten Rühmens ohne Ende. –

Alles im Saal schwatzte laut und vergnügt durcheinander, und der Tumult wurde immer grösser; denn die Sekundarschüler waren längst von ihrer Bank heruntergestiegen und besichtigten die Bühne. Schon der Vorhang war äusserst interessant. Und dann das Wellentuch!

»Das habt ihr fein gemacht. Man muss es sagen«, und schon waren ein paar Sekundarbuben darunter, während sich die anderen an das Schiff und die Trümmer machten.

Und die Leuenhofer erklärten mit überlegenen Mienen, wie sie alles ersonnen und hergestellt hatten, und es fehlte nicht viel, so hätte das ganze Spiel unter Hallo und Spektakel noch einmal begonnen: Wellengang, Sturmgeheul, Schiffahrt und Zerstörung der Brücke.

Dreimal musste Herr Schwarzbeck mahnen: »Schluss jetzt, Schluss! Alles muss einmal ein Ende nehmen. Jetzt geht es heim!« –

So recht unerbittlich streng tönte allerdings Herrn Schwarzbecks Mahnung nicht. Er hatte selber Freude an der Freude und dem Eifer seiner kleinen Leute. –

Erst als die zwei handfesten Spitalmägde mit den langen Tischen hereindrangen und die Trümmer des Zöllnerhauses kurzer Hand beiseite schoben und das gelbe Powasser aufrollten, kamen die Kinder zur Besinnung, umso mehr als von der Küche drüben der kräftige Duft des Gänsebratens hereinzog.

Und auf einmal merkten die Kinder, dass sie einen gehörigen Hunger hatten.

Also: »Gut Nacht!« So verabschiedeten sie sich von den alten Leuten. »Gut Nacht! Und guten Appetit!« Sie hoben ihre kleinen Nasen: »Fein riecht’s!«

Zu Hause gab es vielleicht nur eine gebrannte Mehlsuppe oder ein Griessmus. Aber es schmeckte auch gut. Heute besonders gut. War das fein gewesen! Alles so gut geraten; und der Ruhm! Und die Spitalleute, wie hatten die eine Freude gehabt!

Das neue Kind.

»Was habt ihr denn da? Warum guckt ihr immer da hinein?« fragten Eva Imbach, Netti Tobel, Ottilie Eggenberg und Hedwig Bühler, als sie an einem Abend am Laden von Frau Haldenreuter vorbeikamen und fast die ganze Schar der Fünftklässlerinnen dort stehen sahen. Eva, Netti, Ottilie und Hedwig waren beisammen gewesen, um miteinander Weihnachtsarbeiten zu beraten; denn es war schon November und also höchste Zeit.

»Ja, seht nur; kommt doch her; da zwischen den Seifen durch kann man ein bisschen hineinsehen« – riefen die Fünftklässlerinnen und abrückten ihre Nasen an das Ladenfenster.

Neugierig kamen die vier Mädchen herbei. Es war nicht leicht, Einblick zu gewinnen in das Innere des Ladens, der durch eine Petroleumlampe sparsam beleuchtet war.

Neben den Seifen machten sich links und rechts Säckchen mit Griess, Erbsen, Reis und weissen Bohnen breit, und gleich darüber kam ein Gestell mit Zitronen und Lebkuchen, mit Gläsern voll Waschbläue und Büchschen, die allerlei Wichse enthielten, Stärke, braunen Gerstenzucker und Fruchtzeltchen.

»Da – jetzt hab ich den Hut wieder gesehen. Einen blauen Hut hat es auf mit grossen Federn« – rief eines der Mädchen.

»Wer hat einen blauen Hut auf?« fragte Eva, die umsonst zwischen den Zitronen und der Waschbläue hindurchspähte.

»Ein Kind – ein ganz merkwürdiges Kind ist es! Ein rotes Kleid hat es an, mit grossen schwarzen Sammetzacken drauf und weisse Schuhe – und Augen macht es! Marie Hug hat es grad noch hineingehen sehen mit einer fremden Frau!« erzählten die Fünftklässlerinnen und stiessen sich aufs neue um den Platz am Fenster und an der Türe, deren Glasscheibe leider verhängt war.

Plötzlich wurde der Vorhang zurückgeschoben. Der Kopf eines etwa elfjährigen Mädchens zeigte sich, auf dessen schwarzem, krausem Haar der besprochene blaue Hut sass, und auf ihrer Schulter sah man einen Papagei. Als das Mädchen die Kinder bemerkte, streckte es blitzschnell seine rote, spitze Zunge heraus und verschwand wieder.

Die Neugierde der Leuenhofer Kinder stieg aufs höchste.

Wenn man nur hinein könnte!

»Ich hab einen Fünfer!« fiel es Eva ein. »Ich gehe hinein und kaufe Pfeffermünzzeltchen.«

»Und ich geh mit! – ich auch!« riefen die anderen.

Eva wählte aber nur ihre drei Freundinnen aus.

»Mehr als vier«, sagte sie, »können für fünf Rappen nicht in den Laden.«

Als die vier eintraten, sass das merkwürdige Kind zu ihrem erneuten Erstaunen auf der obersten Stufe der Treppenleiter und sah herunter wie eine zornige Katze vom Baum.

Von hinten aber hörte man die aufgeregte Stimme der Fremden und der Frau Haldenreuter, die gar nicht auf die Leuenhofer Mädchen achtete.

»Bei dir wäre halt das Kind versorgt, Base!« sagte die Fremde. »Unsere Mutter hat immer gesagt, du habest ein so gutes Herz.«

»Ja, ja«, machte Frau Haldenreuter. »Aber das ist eine Sache! Denk auch in meinem Alter. Und eigentlich, Hermine – es ist doch das Kind von deiner Schwester.« –

»Aber was soll ich auch mit ihm anfangen? Ich kann doch seinetwegen meinen guten Dienst nicht aufgeben! Noch im Sterben hat die Mutter gesagt, wenn wir einmal recht in Not kommen, so sei denn immer noch die Base Haldenreuter da.« –

Die Fremde, die also Hermine hiess und offenbar eine Stelle als Dienstmädchen hatte, fing an zu weinen.

Frau Haldenreuter schüttelte ratlos den Kopf. Dabei fiel ihr Blick auf die vier Leuenhofer Mädchen.

»Was solltet ihr haben?«

»Guten Abend, Frau Haldenreuter«, sagte Eva. »Wir hätten gern für fünf Rappen Pfeffermünzzeltchen!«

»So – ja, wartet einen Augenblick.«

Man merkte, dass Frau Haldenreuter mit ihren Gedanken gar nicht bei den Pfeffermünzzeltchen und den vier Mädchen war.

Warten, ja das wollten sie schon. Noch nie hatten sie ein so merkwürdiges Kind gesehen.

Es sass und nagte, ohne sich um das, was dort hinten gesprochen wurde, zu bekümmern, mit seinen festen, weissen Zähnen an einer Handvoll getrockneter Zwetschgen. Flink löste es das Fleisch von den Steinen und zielte dann mit geschicktem kurzem Schwunge nach Frau Haldenreuters schöner, weisser Angorakatze, die im Strickkorb auf dem Ladentisch sass und ärgerlich den Platz wechselte.

So – und nun bekam Hedwig Bühler, die staunend zur Leiter hinaufstarrte, einen Zwetschgenstein mitten auf die Nase.

Ziemlich unartig war es, das fremde Kind, aber im höchsten Grade interessant.

»Dass aber auch eure Anna diesen Mann geheiratet hat – einen Kunstreiter oder Seiltänzer oder was er war!« hörte man Frau Haldenreuters bekümmerte Stimme wieder.

»Ja eben! es ist uns arg genug gewesen; aber die Anna hat immer so sonderbare Sachen im Kopf gehabt.« –

Die Stimme wurde jetzt leise; man hörte nur noch abgebrochene Worte, etwas von »lange krank« und »vor zwei Jahren in Wien beerdigt« und dann etwas von »abgestürzt.«

»Jedenfalls er, der Vater von dem Kind!« flüsterten die Mädchen zusammen. Nettis grosser Bruder war einmal in einem Zirkus gewesen und hatte Wunderdinge davon erzählt ...

»Ob der Kunstreiter wohl von einem Pferd oder vom Seil abgestürzt?« –

In diesem Augenblick aber ging unter dem üblichen Klingeln die Ladentüre wieder auf, und der Rest der Leuenhofer Mädchen, angeführt von Sara Wiebold, kam in den Laden. Sara hatte von irgendwoher ebenfalls einen Fünfer erbeutet, ihn in der Eggenbergschen Bäckerei in fünf Einer umgetauscht und diese grossmütig unter ihre Kameradinnen verteilt. Wenn Frau Haldenreuter besonders guter Laune war, so gab sie für einen Einer ein Stück Süssholzsaft. Wer keinen Einer erwischt hatte von den Fünftklässlern, drückte sonst herein.

Triumphierend sah Sara die Grossen an.

»Guten Abend, Frau Haldenreuter, wir hätten gern –« Das Wort blieb Sara im Munde stecken; das Kind da zu oberst auf der Leiter mit dem Papagei! Wie das Augen heruntermachte! Und die wilden schwarzen Haare und die blauen Federn!

»Süssholzsaft, jedes für einen Einer hätten wir gern –« Sara bog rasch den Kopf. Fast wäre ihr ein Zwetschgenstein in den Mund geflogen.

Klingling, ging die Tür wieder, und Doktors Köchin trat herein.

»Guten Abend, Frau Haldenreuter. Ein Paket Soda sollte ich haben und ein halbes Pfund Emmentaler. Ach, herrjeh! So viel Kinder! Und eins gar da auf der Leiter oben! Wem gehört denn das –?«

Frau Haldenreuter kam hervor. Erst jetzt schien sie zu bemerken, dass ihr ganzer kleiner Laden voll Kinder war.

»Ja, was wollt ihr denn alle miteinander?« fragte sie aufgeregt, »wo man sonst nicht weiss, wo einem der Kopf steht. – Wie? Für einen Einer Süssholzsaft. Wie oft hab ich euch schon gesagt, dass ich für einen Rappen keinen geben kann – .«

Klingling, läutete die Ladentüre wieder, ging aber vor lauter Kindergedräng nicht mehr recht auf, und der alte Häberli, der Zündholzschächtelchen, Schuhwichse und Essig hätte haben wollen, konnte nur mit seinen grossen Brillengläsern erstaunt durch die Türspalte hereinsehen.

Jetzt machte aber Frau Haldenreuter kurzen Prozess. »Ist auch das eine Manier! Nicht einmal mehr herein können die Leute. Jetzt macht, dass ihr hinauskommt. Alle samt und sonders!« –

»Für einen Fünfer Süssholzsaft...«, versuchte Sara noch einmal, die schnell ihre Einer wieder gesammelt hatte.

»Und für einen Fünfer Pfeffermünzzeltchen«, fügte Eva hinzu. Aber schon wurde sie mit ihren Freundinnen von Frau Haldenreuter zur Tür hinausgeschoben.

»Heut nacht braucht ihr keinen Süssholzsaft und keine Pfeffermünzzeltchen mehr. Vorwärts jetzt.« – Sie schon und schon. »So, Herr Häberli, was wäre gefällig?« Sie spedierte Sara und Marie Hug als letzte hinaus. »Einen schönen Boden habt ihr mir gemacht.« – Damit schloss sie die Türe, und die Mädchen standen wieder draussen, ohne dass sie recht wussten wie. Furchtbar schade, dass man so schnell hatte hinaus müssen! Ob der reden konnte, der Papagei, und singen? Was für einen dicken Schnabel er aber auch hatte und die Zunge! Netti versuchte ihre Zunge so dick und kurz zu machen und so kleine Äuglein. Und das Kind! Wie es wohl hiess und ob es wohl deutsch redete? Und ob es wohl in einem gelb oder blau angestrichenen Komödiantenwagen herumgefahren war, mit Blumen an den kleinen Fenstern und weissen Vorhängen? Schwatzend gingen die Kinder auf den Marktplatz; dann aber liefen sie fast plötzlich auseinander; jedes eilte heim.

Hoffentlich war die Mutter zu Hause oder die Geschwister oder die Grossmutter. Man hatte schrecklich viel zu erzählen.

In den nächsten Tagen redete man im Städtchen fast nur von dem fremden Kind. Die gute Frau Haldenreuter wolle es also wirklich behalten, hiess es. Aber den Papagei nicht. Den wolle der Herr Doktor kaufen. Und das sei gut. Denn Frau Haldenreuter werde eine schöne Mühe haben mit dem Kind. Was das schon alles am Vormittag angestellt habe! Den Strickstrumpf, den Frau Haldenreuter ihm gegeben – denn ein elfjähriges Mädchen konnte doch sonst stricken – habe es dem Papagei ausgeliefert und die Puppe, die es unter Frau Haldenreuters alten Spielsachen gefunden, habe es der Angorakatze auf den Rücken gebunden, so dass diese ganz wild das Haus hinauf- und hinuntergerannt sei. Am Nachmittag sei die Katze dann verschwunden gewesen; erst als Frau Haldenreuter im Laden die Schublade mit Erbsen aufgezogen, sei ihr die Katze mit einem empörten Miau entgegengeschossen. Am Abend habe Frau Haldenreuter dem Kind im Ladenstübchen gezeigt, wie es Bindfaden erlesen und zusammenknüpfen solle und die Türe zugeschlossen, damit sie etwas Ruhe habe. Aber als sie nach zehn Minuten hineingeschaut habe, sei kein Kind mehr dagewesen. Und das kleine Fenster oben, das auf die Treppe gehe, sei offengestanden. Da habe Frau Haldenreuter Angst bekommen, das Kind sei wieder fortgelaufen, wie vor dem Essen, wo Doktors Babette es gerade noch an der Brücke erwischt habe. Und da der Schneider Holderberg gegenüber gesagt habe, zur Haustür hinaus sei es nicht, habe Frau Haldenreuter es alle Stockwerke hinauf gesucht.

»Fast ist mir das Herz stillgestanden vor Schrecken«, habe Frau Haldenreuter erzählt, »wie ich vom hinteren Dachfenster her den schrecklichen Vogel schreien hörte. Als ich hinaussehe, sitzt das Kind auf dem Dach vom Schreiner Kündig droben beim Kamin. Und der Vogel auf seiner Achsel. Es hat schon stark gedunkelt und ein Wind ist gegangen; und geschrien hat der Vogel und mit den Flügeln geschlagen; etwas so Unheimliches hab ich noch gar nicht erlebt. Kündig ist mit mir hinauf gegangen; aber er traute sich nicht das Kind zu holen, er wolle den Dachdecker rufen. Aber wie ich unter der Haustüre hinausgesehen habe, ob er komme, höre ich auf einmal ein Gekreisch im Ladenstübchen, und da sitzt – ich habe meinen Augen nicht getraut – da sitzt das Kind am Tisch an der Bindfadenschachtel!« –

Die Leuenhofer Kinder sassen still und fleissig in ihrer Schulstube und schnupperten hin und wieder ein bisschen mit der Nase. Man hatte heute zum ersten Mal geheizt und Herr Schwarzbeck hatte erlaubt, dass man ein paar Äpfel in die Röhre des alten braven Ofens lege, das roch so nett winterlich; es erinnerte an den Schnee, der bald kommen musste. Es war eine Geometriestunde. Die fünfte Klasse zeichnete Winkel. Den Sechstklässlern zeigte Herr Schwarzbeck an der Wandtafel, wie man den Mittelpunkt eines Kreises finde. Das war nett und seltsam, wie die zwei Linien ganz sicher in der Mitte zusammentrafen, wenn man recht genau umging mit dem Zirkel und dem Bleistift.

Da klopfte es. Herr Schwarzbeck ging an die Türe, um nachzusehen, und herein trat Frau Haldenreuter, das fremde Kind an der Hand.

Ein Flüstern ging durch alle Bänke. Aha, also zu uns kommt es in die Schule! Und alle, die hinten sassen, streckten die Hälse.

Der berühmte, blaue Federnhut war allerdings nicht mehr zu sehen. Frau Haldenreuter hatte sich bemüht, das Kind nach Heimstetter Art herzurichten; die krausen, wilden Haare waren in zwei Zöpfe geflochten; eine grosse dunkelblaue Schürze deckte den roten Rock mit den Sammetzacken, und statt der weissen Schuhe hatte das Kind ein Paar feste, schwarze an.

»Das ist doch gar nichts Besonderes«, flüsterte Walter Kienast zu den Mädchen hinüber.

Aber dann geriet er mit allen anderen gleich in ein grosses Erstaunen. Herr Schwarzbeck wollte das Kind an der Hand zu sich heranziehen; aber es drehte sich auf die Seite und zog die linke Achsel trotzig und abwehrend in die Höhe.

»Eben so macht sie es«, sagte Frau Haldenreuter bekümmert.

»Sei doch nicht so unartig gegen den Herrn Lehrer, Nuschka!«

Ein neues Flüstern in den Bänken der Mädchen. Nuschka! Was für ein ganz aparter Name! Gritli Wegmann und Sophie Berchtold, die noch mit Puppen spielten, nahmen sich vor, ihre Elsa und ihre Kamilla in Nuschka umzutaufen.

»Es ist mir gar nicht recht, dass das Kind Nuschka heisst«, sagte Frau Haldenreuter entschuldigend. »So heisst ja weit und breit kein Mensch. Wenn es sich dann ein wenig angewöhnt hat, dann will ich ihm Anna sagen, wie meine Mutter geheissen hat.«

»Ja, ja, zurechtfinden und angewöhnen muss das Kind sich«, sagte Herr Schwarzbeck freundlich. »Es hat schon viel Trauriges erlebt. Aber wir wollen schon sehen, dass wir gut Freund zusammen werden.«

Nuschka sah ihn von der Seite an und schob trotzig die Unterlippe vor.

Frau Haldenreuter verabschiedete sich etwas erleichtert, nachdem sie Herrn Schwarzbeck noch allerlei Papiere übergeben hatte. Jetzt war das Kind doch für ein paar Stunden im Tag versorgt.

Herr Schwarzbeck übersah seine drei Reihen Fünftklässlerinnen.

»Herr Schwarzbeck« – Sara streckte ihren Zeigfinger und ihre ganze kleine Person, so weit sie konnte – »neben mir wäre Platz!«

Herr Schwarzbeck ordnete aber an, dass Nuschka sich zu Sophie Berchtold setze; das war seine vernünftigste Fünftklässlerin.

Nuschka besann sich, ob sie gehorchen wolle; mit einem widerspenstigen Hin und Her der Achseln schob sie sich dann in die Bank und legte beide Ellenbogen auf den Tisch.

Die Kinder warteten gespannt, was Herr Schwarzbeck dazu sage. Er tat aber, als sehe er die Ellbogen gar nicht.

»So, jetzt wollen wir weiter arbeiten«, sagte er und ging zur sechsten Klasse hinüber, um dort die Geometrieaufgabe zu Ende zu führen.

Natürlich ganz so fleissig, wie sie es sonst getan, konnten die Fünftklässler ihre Winkel nicht weiterzeichnen. Hin und wieder musste man das neue Kind ansehen, das die neugierigen Blicke mit bösen Augen erwiderte. Dem Paul Grossberger und dem Arnold Zwickel, die von der Bubenabteilung herüberschauten, machte sie eine fürchterliche Grimasse.

»Wenn sie uns noch einmal so kommt«, flüsterte Arnold seinem Freund zu, »so soll sie sehen. Wir wollen ihr dann in der Pause lehren, wie man sich aufführt!«

Nach einer Weile kam Herr Schwarzbeck zu Nuschka zurück.

»So, Nuschka, nun musst du mir zeigen, was du so ungefähr kannst.«

Die Ellbogen tat Nuschka herunter; aber sonst sah sie nicht eben bereitwillig drein.

»In Wien bist du in die Schule gegangen? Und in Brünn wart ihr auch?«

»Und in Budapest, in Temesvàr und in Pressburg und Prag und in Debreczin«, antwortete Nuschka und richtete sich auf.

So, das war das erste Wort, das man von dem fremden Kind hörte. Die Buben und Mädchen horchten hoch auf. In all den fremden Orten war die schon gewesen. Sara Wiebold probierte schnell für sich die seltsame Sprache, das harte r und das langgezogene i nachzumachen, damit sie zu Haus zeigen könne, wie das fremde Kind rede. Herr Schwarzbeck aber war froh, dass es überhaupt den trotzigen Mund einmal aufmachte.

»Ei, ei, so weit herumgekommen sind wir«, sagte er. »Und da bist du überall in die Schule gegangen?«

»Manchmal ein wenig –«, sagte Nuschka und zuckte mit der Achsel, als ob sie vom Schulbesuch nicht gerade viel hielte.

»Sieh einmal daher« – Herr Schwarzbeck zeigte auf die verschiedenen Winkel an der Wandtafel.

»Weisst du, was das ist? Hast du noch nie so etwas gezeichnet? Noch keinen Geometrieunterricht gehabt?«

Auf alle drei Fragen schüttelte Nuschka den Kopf .

»Nun, das ist kein Unglück«, sagte Herr Schwarzbeck. »Aber rechnen kannst du sicher. Und da ist deine Tante Haldenreuter in ihrem Laden gewiss froh.«

Nuschka schob trotzig wieder die Unterlippe vor.

»Gib einmal acht: Wenn das Pfund Reis« – Herr Schwarzbeck besann sich, dass Nuschka mit ihrem Vater die letzten zwei Jahre in Österreich gewesen war – »wenn das Pfund Reis sagen wir 40 Heller kostet, wie viel kosten dann sechzehn Pfund – wie fangen wir es nun an, das am besten heraufbringen?«

»So leicht«, dachten die Fünftklässlerinnen und Marie Hug, die sonst gar keine gute Rechnerin war, streckte die Hand.

Aus Nuschkas Gesicht konnte man nicht recht erkennen, ob sie sich besinne oder nicht.

»Wie viel kosten dann sechzehn Pfund?« wiederholte Herr Schwarzbeck.

»Etwa vier Kronen«, sagte Nuschka plötzlich. »Oder vielleicht etwas mehr«, fügte sie nach einem Augenblick hinzu, gleichgültig mit den Achseln zuckend.

Die Kinder warfen einander Blicke zu: »Etwa! Vielleicht! So sagte man doch nicht in der Rechnungsstunde!«

»Ja, Nuschka, das müssen wir schon etwas genauer nehmen!« sagte Herr Schwarzbeck lächelnd. »Denk einmal, wenn deine Tante beim Verkaufen den Leuten sagen würde, das kostet ungefähr vier Franken. Vielleicht etwas mehr!« Er versuchte es dann mit zehn Pfund, und Nuschka schien einzusehen, dass die zehn Pfund gradaus vier Kronen machten. Aber als sie 6 x 40 rechnen sollte, kam es heraus, dass Nuschka wahrhaftig im Einmaleins ganz unsicher war. Zuerst machte 6 x 5 = 25, dann 27 und zuletzt gar 33!

Die Buben und Mädchen waren starr und bezähmten nur mit äusserster Mühe ihr Erstaunen. Mit elf Jahren das Einmaleins noch nicht können!

Herr Schwarzbeck versuchte es noch ein wenig weiter. Auf einmal gab Nuschka zwischenhinein auf eine schwierigere Frage Bescheid. »9 x 9 ist 81« sagte sie ganz flink. Dann aber wusste sie von der ganzen neuen Multiplikation, ob Herr Schwarzbeck herauf- oder herunterfragte, gar nichts mehr, wurde zuletzt wieder verstockt, und es war gut, dass es von der Kirche her zehn Uhr schlug und die Stunde zu Ende war.

Herr Schwarzbeck rief Eva Imbach und noch ein paar von den Grossen herzu und sagte ihnen, sie sollten sich der Nuschka annehmen und freundlich mit ihr sein.

Leicht war das nicht. Nuschka stand in der Fensterecke und sah die Mädchen böse an, als sie auf sie zukamen. Sie versuchten mit ihr zu plaudern. Ob Budapest grösser sei als Münsterau, fragten sie. Ob sie keine Schwester habe und ob der Papagei überall mit ihr herumgereist sei?

Nuschka schüttelte kaum hin und wieder den Kopf und als Hedwig Bühler ihr ihren gebratenen Apfel hinstreckte, wehrte sie verächtlich mit dem Ellbogen ab und drehte sich gegen das Fenster.

Der laute Gesang der Fünftklässlerinnen tönte herein.

»Jammer in der Grube
Sitzt und weint,
Jammer ist so müd und krank,
Dass er nimmer springen kann,
Spring, spring, spring.«

Beim letzten »spring« sprang der in der Mitte zusammengekauerte Jammer auf; der Kreis löste sich fliehend, und der Jammer suchte eines der Davonlaufenden zu fangen.

»Willst du mitmachen?« fragten Sophie Berchtold und Marie Hug herein. »Willst du der «Jammer in der Grube»sein?«

»Nein, ist ein dummes Spiel«, antwortete Nuschka.

»Herr Schwarzbeck«, klagten die Mädchen, als die Pause zu Ende war, »es ist fast nicht möglich, dass man artig mit ihr ist!« Und sie wollten erzählen.

Aber Herr Schwarzbeck wehrte ab: »Nur nicht gleich nachlassen; nur den guten Willen und die Geduld nicht verlieren«, mahnte er.

Es folgte eine Sprachstunde.

Die fünfte Klasse hatte ein Aufsätzlein zu machen über die Katze. Wenn das Äussere der Katze beschrieben war, so durften die Kinder von der eigenen Katze oder von der Katze der Grossmutter oder Nachbarin etwas schreiben, was sie so den ganzen Tag tue, was sie gern habe und was sie nicht leiden möge, was sie könne und was sie etwa angestellt habe.

»Ja, ja«, dachte jedes der Kinder eifrig und vergnügt, »da weiss ich ganz viel.«

»Und Nuschka schreibt mir auch ein paar Sätze über die Katze«, sagte Herr Schwarzbeck und legte ein Heft vor das Mädchen. »Das trifft sich ja gut. Deine Tante hat ja eine schöne, wackere Katze. Von der weisst du gewiss schon allerlei zu erzählen.«

Herr Schwarzbeck ging hinüber zur sechsten Klasse.

Nuschka machte zuerst wieder ein gelangweiltes Gesicht, drehte die Feber und stocherte in der Tinte vor ihr. Dann setzte sie sich auf einmal zurecht und schrieb ein Weilchen drauf los, dass es kratzte.

Herr Schwarzbeck kam vor elf Uhr nicht dazu, die Aufsätze der Fünftklässler durchzusehen; die meisten Kinder waren auch noch gar nicht fertig mit ihren interessanten Katzenabenteuern und so wurden denn, als die Stunde aus war, die Hefte in die Schultaschen und Tornister gesteckt. Und da Herr Schwarzbeck im Seitenbau drüben, wo er einen kleinen Vorratsraum hatte, noch mit ein paar Buben eine Sendung Hefte und Zeichnungspapier auspackte und ordnete, ging das Zusammenräumen und Abrücken recht laut und langsam von statten.

Nuschka kam mit ihrem Schulsack, den die Tante Haldenreuter ihr gekauft, noch nicht recht zu stand; als sie weggehen wollte, fielen ihr all ihre Sachen über die Bank auf den Boden. Die Mädchen sprangen hilfsbereit hinzu. Nuschka bekümmerte sich nur um einen grossen, buntseidenen Beutel, der zu unterst gesteckt hatte; den nahm sie schnell an sich. Die anderen Sachen liess sie von den Kindern aufheben. Das Aufsatzheft lag aufgeschlagen da. Walter Adorf, der in der Mitte stand, nahm es auf.

»Zeig, was hat sie geschrieben?« sagte Arnold Zwickel und sogleich war Walter Adorf umringt von Buben und Mädchen, die neugierig in das Heft guckten.

Nuschka untersuchte ihren seidenen Beutel, als ob das Heft sie gar nichts anginge.

»Wie grässlich! Wie greulich! Solche Buchstaben!« entsetzten sich die Kinder.

Nuschka verzog geringschätzig ihren Mund und band den Beutel zu.

Ja, was waren das für Buchstaben! Die einen fielen fast hintenüber auf den Rücken, die anderen nach vorn auf die Nase. Das eine Wort war über die Linie hinuntergestolpert, das nächste tat einen Sprung in die Luft. Die Abstriche waren so dick geraten, dass das darauf gedrückte Fliesspapier jedes Mal einen dicken Klex gemacht hatte.

»Nein!« – erklärten Walter Adorf und Paul Grossberger, »Marie Hug schreibt ja auch miserabel! Aber so schauderhaft!« Und nun der Aufsatz selbst. Fast noch schauderhafter war er als die Buchstaben:

»Die Kadze hat fir bein und ein Schwantz. Und ein runten Kopff und schbizige Zähn und ein rote Zunge wen sie drinkd siht man die Zunge milch mag si Und Fleisch. Brod nicht birnen auch nicht. Ich mag die kadze von Tante Haldenraider nich. Ist jetzt genuhg.«

Die Leuenhofer Kinder wussten nicht, ob sie eher lachen oder sich entsetzen wollten über diese Arbeit.

»Greulich, greulich!« wiederholten sie. »Schbizige Zähn und Kadze – dz, Kopff mit zwei ff, drinkd mit d und genuhg mit – hahaha, nein, es ist zu arg, als dass man lachen könnte.«

Nuschka knackte eine von den Haselnüssen auf, die auch aus der Schultasche gerollt waren und tat, als kümmerte die Sache sie gar nicht.

»Und die will in der fünften Klasse sein!« –

»Ich will gar nicht in eurer Klasse sein«, fuhr Nuschka nun plötzlich herum. »Bei so dummen Buben.«

»Sag noch einmal dumme Buben!«

»Dumme Buben!« –

Paul Grossberger fasste sie am Arm, um sie zu schütteln – aber blitzschnell fuhr sie ihm mit ihren scharfen Fingernägeln über die Hand, so dass vier rote Striemen entstanden.

»Herrschaft! ist das eins!« rief Arnold Zwickel und wollte sie an der Schulter packen. Aber nun wandte sich Nuschka gegen ihn. Ehe er sich’s versah, fühlte er einen festen Biss im Handgelenk.

»Au!« rief er vor Schmerz.

In dem Augenblick trat Herr Schwarzbeck herzu. Die Kinder fuhren auseinander. Nuschka blieb an ihrer Bank stehen und schaute drein wie ein zorniges kleines Wildtier.

Herr Schwarzbeck war recht böse, als er erfuhr, was vorgegangen war. Er zankte die Buben und Mädchen:

»Fein ist das nicht, alle gegen eins zu stehen und sich lustig zu machen. Wenn Nuschka so viele Jahre wie ihr regelmässig in die Schule gegangen wäre, so würde sie wohl rechnen und schreiben können wie ihr!«

Dann trat er aber auch zu Nuschka und sagte ihr, dass sie nie wieder kratzen und beissen dürfe. Ein elfjähriges Mädchen! Das sei nirgends in der Welt Sitte, weder in Wien, noch in Prag, Budapest oder Temesvàr!

Als er dann freilich später den Aufsatz las, entsetzte er sich darüber, fast wie seine Buben und Mädchen.

Eigentlich hätte Nuschka zur Not in die dritte Klasse gepasst. Aber der Herr Pfarrer, der Präsident der Schulpflege war, und ein anderer Herr vom Schulvorstand fanden, dass es nicht gut wäre, das grosse Mädchen zu den kleinen Kindern zu tun.

»Ich bringe sie schon nach«, sagte Herr Schwarzbeck zum Herrn Pfarrer, während die beiden Herren beratend vor dem Pfarrhaus auf und abgingen. »Ich brächte sie mit einigen Hilfsstunden leicht nach, wenn sie nur erst sich bei uns im Leuenhof eingewöhnt hat und Lust zum Lernen und zur Schule bekommt.«

Aber eben das wollte nicht werden.

Am dritten Tag war Nuschka überhaupt nicht in der Schule erschienen. Als gegen neun Uhr vor der Türe ein lautes Hin und Her von Stimmen hörbar wurde und Herr Schwarzbeck aufmachte, standen Frau Haldenreuter und Nuschka draussen.

»Was ich jetzt für eine Mühe hatte, das Kind da herauszubringen«, klagte Frau Haldenreuter. »Es hat gar keine Begriffe! Die Woche – und es ist doch erst Donnerstag – gehe es nicht mehr in die Schule, hat es heute morgen gesagt. Vielleicht nächste Woche wieder ein wenig. Hat man schon so etwas gehört!«

Es vergingen fast zwei Wochen und Nuschka sass noch so verdrossen, trotzig und gleichgültig an ihrem Platze wie am ersten Tag.

In der Arbeitsstunde klagte Frau Silberschmid: »Weder eine Idee vom Saum, Hinter- noch Steppstich hat sie; von einer Rollnaht nicht zu reden. Sie kann rein gar nichts, und die Kinder haben recht, wenn sie sagen, Nuschka sei eine Schande für den Leuenhof.«

Nicht einmal an der Turnstunde zeigte sie etwas Freude oder Eifer.

Herr Schwarzbeck hatte gehofft, dass sie an der Kletterstange, am Reck und am Barren sich hervortue, und dachte an Nuschkas kühne Dachpartie und dass ihr Eifer vielleicht erwache. Aber mit spöttisch gesenkten Mundwinkeln sah sie den Bemühungen ihrer Klassengenossinnen zu, kletterte an der Stange bis zur Mitte herauf und rutschte ohne jeglichen Ehrgeiz wieder hinunter.

Einmal um elf Uhr ging das Trüpplein Fünftklässlerinnen auf dem Heimweg hinter Nuschka her. Bevor man zum Wendeltor kam, war da zwischen zwei Häusern ein länglicher Hof. Nuschka sah vorsichtig nach rechts und links, ob jemand sie beobachte. Dann schlüpfte sie in den Hof.

»Da ist sie gestern auch schon hineingegangen«, sagte Marie Hug. »Ich hab aber noch zum Schuhmacher müssen, sonst hätte ich geschaut, was sie da tut. Kommt, wir wollen doch sehen.« –

Als sie in den Hof traten, verschwand Nuschka gerade in der Türe einer Art Scheune oder Werkstätte. Die Kinder schlichen nach und guckten vorsichtig durch die Türspalte hinein. Es war ein grosser, leerer Raum; an der Wand standen leere Kisten und Bretter, und von einer Wand zur anderen waren zwei lange Stangen waagrecht gezogen, wie wenn da etwas zum Trocknen aufgehängt worden wäre. Die Kinder sahen mit Erstaunen, wie Nuschka eine der leeren Kisten zu der Stange zog und mit Anstrengung eine andere darauf stellte.

Da die Mädchen sich alle an die Türspalte drängten, gab es einen Knack. Nuschka drehte sich; die Kinder fuhren zurück.

»Kommt, ich weiss, wo wir hineingucken können«, flüsterte Sophie Berchtold, die früher hier herum gewohnt und oft mit Nachbarskindern um die Werkstätte Eckenfangens gespielt hatte. Die Kinder liefen ihr nach an die andere Seite des Gebäudes. Ein neues Trüpplein heimkehrender Buben und Mädchen schloss sich ihnen neugierig an. Und hinten, vom Schulhaus her kam noch ein Schärchen, das die Fährte verfolgte.

»Ssst! still – still!« mahnten die Fünftklässlerinnen, und alle schlichen in einen dunklen Nebenraum, an eine Lattenwand, um in die Werkstätte zu gucken.

Da war etwas ganz Seltsames zu sehen.

Nuschka stand, die Arme leicht nach beiden Seiten erhoben, aufrecht und zierlich auf der Stange. Man fühlte es, ganz schwindelfrei. Die Schuhe hatte sie ausgezogen. Sie drehte das Köpfchen ein wenig nach links und rechts; aber die Kinder am Lattenzaun sah Nuschka nicht. Oben fiel durch ein grosses Fenster das Mittagslicht herein und liess die Lattenwand ganz im Dunkeln. Nun fing Nuschka in ihren schwarzen Strümpfen an, auf der Stange zu gehen; frei auf der schmalen, glatten, hohen Stange. Erst langsam in bedächtigen Schritten, dann rascher, kaum dass der Körper sich, das Gleichgewicht haltend, etwas nach links oder nach rechts bog.

Die Kinder waren ganz benommen; einige von ihnen hatten schon Seiltänzer und ihre Kunststücke gesehen. Aber Nuschka – Nuschka, die nun schon zwei Wochen neben ihnen in der Schule sass! Von neuem kam sie ihnen ganz fremd und wundersam vor.

Als Nuschka am Ende der Stange angekommen war, stand sie still; dann drehte sie sich und lief zurück; es war, als ob sie schweben würde, als ob sie gar nicht daran dächte, dass man fallen könnte.

»Nein«, dachte Ernst Hutter, der zu hinterst bei seinem Freund Gustav Brenner stand, »das ist zu merkwürdig. Das muss doch Herr Schwarzbeck auch sehen«; er schlich hinaus und rannte die paar hundert Schritte ins Schulhaus zurück.

Das dritte Mal machte Nuschka den Weg mit leichtem Hüpfschritt; das vierte Mal kehrte sie auf der Mitte der Stange um und ging den Rest des Weges rückwärts.

»Man kann fast nicht mehr zusehen«, flüsterte Alwine und fasste ängstlich Ottilie Eggenbergs Arm.

Nuschkas Kunststücke aber wurden immer tollkühner; sie hüpfte nun mit auf den Rücken gelegten Armen; dann vollführte sie einen wirklichen Tanz, indem sie sich nach je zwei Hüpfschritten umdrehte. Es schien nichts zu geben, was ihr zu schwer gewesen wäre.

Jetzt sprang Nuschka leichtfüssig hinunter auf die Kiste und von da auf den Boden. Sie lief zu ihrem Schulsack und holte aus dem Seidenbeutel eine Anzahl bunter kleiner Lederbälle heraus. Sie setzte sich wie eine kleine Türkin auf den Boden und begann alsbald ein sehr hübsches kunstvolles Spiel. Sie warf einen Ball ein paar mal hoch in die Luft und fing ihn fast nachlässig auf, so leicht war ihr das. Dann griff sie, während der erste Ball in die Luft flog, rasch, blitzschnell nach dem zweiten, warf ihn nach, fasste den ersten, der herunterfiel, schnellte diesen wieder in die Höhe; so ging das ein kurzes Weilchen; dann kam ein dritter Ball hinzu und zuletzt wahrhaftig noch der vierte. Es war reizend zu sehen, wie die bunten Bälle, rot, blau, gelb und weiss; von einem Sonnenstrahl beleuchtet, stiegen und wieder fielen; blitzschnell und doch in ruhiger Regelmässigkeit. Und immer, immer fingen Nuschkas Hände sie auf; immer im rechten Augenblick fassten sie zu.

»Netti, das ist fast wie Zauberei«, flüsterte Ottilie Eggenberg.

Jetzt aber brach Nuschka das Ballspiel ab, sprang auf die Füsse und holte aus ihrem Beutel ein kleines, sonderbares Messer mit gelbglänzender Klinge. Sie bog den Kopf weit in den Nacken zurück und setzte das Messer behutsam auf die kleine Nase.

»Jetzt, das ist nicht möglich«, dachten die Kinder und ihre Spannung stieg aufs höchste. »Das ist nicht möglich, dass das Messerchen da stehen bleibt.« –

Aber es blieb stehen. Vorsichtig wiegte Nuschka den Kopf hin und her, immer die Augen gespannt auf das Messerchen gerichtet; sie gab mit dem ganzen Körper nach, halb vor, halb zurück, machte ein paar Schritte zur Seite nach der einen Richtung, dann nach der anderen. Das Messer blieb wie angewachsen auf Nuschkas Nädchen, dass man schliesslich das Gefühl bekam, es könne gar nicht herunterfallen. Das vorwitzige Kasperli, das auch dabei war beim Zusehen, zog sein Taschenmesser heraus und versuchte, es auf seine Nase zu setzen. Natürlich fiel das Messer sogleich auf den Boden, und Walter Kienast, der neben ihm stand, gab ihm schnell eine Ohrfeige, weil er fürchtete, Nuschka könnte das Geräusch gehört haben.

Nuschka aber drehte sich jetzt vorsichtig im Kreise, kniete mit ausgebreiteten Armen, sprang plötzlich in die Höhe, dass das Messerchen aufschnellte und fing es mit einer geschickten Bewegung auf und stand rasch atmend da; ihre sonst blassen Backen waren rot geworden.

Schon lange hatte Herr Schwarzbeck hinter den Kindern gestanden. Jetzt trat er schnell hervor und machte die Türe der Lattenwand auf. Nuschka wandte sich und erblickte ihn. Sie fuhr zurück. Verlegen senkte sie den Kopf, und auf ihrem Gesicht erschien wieder der trotzige, ernste Ausdruck.

»Bravo, Nuschka, bravo!« rief aber Herr Schwarzbeck, indem er näher trat. »Das waren Meisterstücke. Was für eine kleine Tausendkünstlerin haben wir bei uns im Leuenhof! Ganz stolz können wir sein. Bravo, Nuschka!«

Und »Bravo, bravo« fielen nun die Buben und Mädchen ein, die aus dem Lattenverschlag hervorkamen, und klatschten in die Hände, eines lauter als das andere.

Da blickte Nuschka auf. Erst ganz erstaunt. Dann kam ein Lächeln auf ihr Gesicht. Zum ersten Mal in den zwei Wochen sah man Nuschka lachen. Ganz anders sah sie aus als sonst.

»Jetzt mag ich sie aber!« flüsterte Gritli Wegmann Sophie Berchtold zu. »Jetzt holen wir sie am Morgen dann immer ab!« Und voll Bewunderung fing sie mit Sophie noch einmal an zu klatschen.

»Ja, ihr dürft eurer Kameradin wohl Beifall spenden«, sagte Herr Schwarzbeck. »Was für schwierige Dinge hat sie da ausgeführt! Und jetzt habe ich auch gar keine Angst mehr, dass Nuschka nicht bald eine ganz wackere Fünftklässlerin werde. Welche Ausdauer, welchen Eifer hat sie angewendet, um all das zu lernen. Hundertmal sind die Bälle und das Messer auf den Boden gefallen, und hundertmal hat sie von neuem anfangen müssen. Und die Schritte auf dem Seil! Was braucht das für einen Mut! Wie muss man sich da zusammennehmen! Die Zähne aufeinander beissen und denken, ich will und ich will! Da ist doch die schwerste Rechnungsaufgabe nur ein Kinderspiel dagegen. Und ich weiss doch Leute, die gleich immer sagen: Herr Schwarzbeck, ich komme gar nicht draus! Herr Schwarzbeck, ich weiss gar nicht, wie man das macht!«

Alwine Gehring, Marie Hug und ein paar Buben sahen verlegen auf die Seite.

Nuschka aber sah ganz glücklich drein.

»Wer hat dich denn all die Künste gelehrt?« fragte Herr Schwarzbeck.

»Papa und Zinetto«, sagte Nuschka. »Der alte Zinetto. Er hat immer gesagt, heut geht es vielleicht nicht, aber morgen.«

»Das waren geschickte Lehrmeister, der Papa und der alte Zinetto«, sagte Herr Schwarzbeck. »Nun probieren wir es zusammen, Nuschka. Willst du?«

Herr Schwarzbeck streckte dem Kind die Hand hin, und frisch und zutraulich legte es die seine hinein.

Von diesem Tag an war Nuschka ein anderes Kind; nicht zwar, dass ihre Buchstaben nun stramm wie die Soldaten dastanden, und mit dem Einmaleins ging’s noch eine Weile gar nicht so sicher wie mit den bunten Bällen. Aber Nuschka hatte guten Willen.

Ganz vergnügt schwatzend kam sie am Morgen mit Gritli Wegmann und Sophie Berchtold daher. Und wenn Eva Imbach, die Herr Schwarzbeck hin und wieder als Hilfslehrerin anstellte, neben ihr sass, so stiess sie nicht mehr mit dem Ellbogen nach ihr.

Ja, Herr Schwarzbeck musste jetzt sogar etwa den beiden mit den Augen zuwinken, damit es nicht gar zu lustig und gemütlich hergehe.

Bei den Buben galt Nuschka etwas. Wie die zielen und werfen konnte und rennen, jetzt wo sie in den Pausen auf der Schulwiese oft mitmachte, und als einmal Hans Oberdorfer aus der Sekundarschule ihr »Komödiantenkind!« nachrief, wurde er von den Leuenhofer Buben durchgeprügelt.

»Ich hätte nicht gedacht, dass das Kind so artig würde«, sagte denn auch Frau Haldenreuter eines Abends zu Herrn Schwarzbeck, als er bei ihr einkaufte. »Es hilft mir so nett im Laden, und gestern abend hat es mir vorgelesen: «Kann sein, s’ist auch so recht», von der Ottilie Wildermuth. Ich würde es nicht mehr hergeben, das Kind, um keinen Preis.« –

Die Leuenhofer Kinder bettelten manchmal, dass Nuschka ihnen erzähle, wie es gewesen sei, wenn sie ihre Kunststücke vor den Leuten aufgeführt habe. Ob das nett sei oder ob sie Angst gehabt habe, ob sie nie heruntergefallen sei, ob sie ein weisses Kleid angehabt habe und einen Goldreifen im Haar?

Und dann liessen sie Nuschka keine Ruhe, bis sie ihnen noch einmal auf der Stange in der leeren Werkstätte lief und tanzte und ihre anderen Kunststücke vormachte.

Aber bald wollte Nuschka nicht mehr viel von diesen Dingen wissen.

Der »Jammer in der Grube« und die anderen Spiele, die im Leuenhof Brauch waren, gefielen ihr besser, und sie wollte nichts anderes mehr sein als ein fröhliches, rechtes Leuenhofer Kind. –

Die Weihnachtsfreude.

Es ging schon stark auf Weihnachten. Die Tage wurden kurz. Wenn die Leuenhofer Kinder nach halb fünf Uhr gemächlich und schwatzend durch’s Wendeltor hereinzogen, so brannten beim Schneider Gutknecht und im Spital schon die Lichter.

Und dann kam schon mitten im Dezember, so wie sich’s für einen rechten Heimstetter Winter gehörte, der erste Schnee. Herr Schwarzbeck war gerade daran, von Berchtold von Zähringen zu erzählen, dem Städtegründer, während die sechste Klasse Noten schrieb.

Da ging eine Bewegung durch die Reihen.

»Es schneit! es schneit!« hörte man flüstern. Wahrscheinlich war es Sara Wiebold gewesen, die, während der Herzog Berchtold sich um seine Städte bemühte, die Augen spazieren gehen liess.

Alles drehte den Kopf nach dem Fenster.

Wahrhaftig, es schneite. langsam schwebten die weissen, leichten Flocken hernieder.

Die Leuenhofer drückten die geballten Hände an die Brust; das hiess: Wie fein! wie fein! Und sie schauten Herrn Schwarzbeck an, ob man wohl hinausgucken, und wenn man weit vom Fenster sass, gar ein wenig sich aufrecken dürfe.

Herr Schwarzbeck schüttelte zuerst den Kopf: »Gewiss schneit es in der Pause auch noch!« Aber dann lächelte er und erinnerte sich daran, wie er als Bub halt auch vor Vergnügen ganz ausser sich gekommen war, wenn’s zum ersten Mal geschneit hatte.

»Nun, so schaut halt drei Minuten zu«, sagte er und schaute mit hinaus den Flocken zu, die jetzt dichter und dichter fielen und liess seine kleinen Leute ihre Ah! und Oh! herausjubeln. Dann aber nahmen sie ihren Herzog Berchtold und den Umriss von Europa tapfer wieder auf.

Am Nachmittag lag der Schnee im Schulhof schon so dicht, dass man in der Pause eine Schneeballschlacht veranstalten konnte.

»Die Sechstklässler gegen die Fünftklässler!«

»Ja! und nachher die Mädchen gegen die Buben!« schrien die Kinder, während sie um drei Uhr in den Hof hinaus rannten, wo der Leu mit einer weissen Kappe auf seiner Säule dasass. Seine Vorderseite war gegen die Schulstube hin gerichtet. Und es sah immer aus, als warte er auf die Kinder, bis sie herauskommen und ihm die Langeweile vertreiben würden.

Der Schnee war weich; es liessen sich die prachtvollsten Bälle kneten. Hui! wie sie flogen! Ritsch! bald hatte man einen am Kopf, bald im Nacken. Brr, das war nicht gerade angenehm, der nasse Schnee hinten im Hals. Also Rache! Aber treffen so in aller Eile –! Ja, wenn man es könnte wie Nuschka!

Sie stand vorn dran mit vorgestelltem Fuss und warf und traf und warf. Wie der Blitz ging’s! Und selbst konnte sie fast jedem Ball, der ihr galt, durch eine rasche Biegung entgehen.

»Ihr müsst zielen, Sophie« – schrie sie in voller Kampfeslust – »einen Augenblick zielen – so –!«

Aber Sophie Berchtold und Alwine und verschiedene andere, die keine besonderen Schützen waren, fingen nun an, ihre rasch geformten Bälle Nuschka zu bieten.

»Da – da!« Und alle Bälle trafen durch Nuschkas geschickte, rasche Hand ihr Ziel.

»Das gilt eigentlich gar nicht!« rief Hermann Steininger hinüber, während er den Schnee eines kräftigen Geschosses aus dem Gesicht wischte. »Jedes muss selber werfen! Das gilt nicht!«

»Wohl, wohl, das gilt schon«, rief Herr Schwarzbeck lachend, der von der Hoftüre her zusah. »Das sind die Munitionskolonnen, die ihren Vorrat dahin bringen, wo er die beste Verwendung findet. Das gehört zur Kriegskunst, Hermann!«

Herr Schwarzbeck zog die Uhr heraus und steckte sie wieder ein und gab noch ein Stückchen Pause hinzu. Es war gar ein lustiger Kampf hin und her und ein Lachen und Jubeln und Schreien.

Es schneite zwei Tage lang fast ununterbrochen fort. Die weide Kappe ging dem steinernen Leu bis über die Ohren und die Nase. Man musste ihm mit einem Besen den Schnee vom Kopf wegwischen, damit er nur wieder sehen konnte. Und wenn der steinerne Löwe sich hätte wundern können, so hätte er sich gewiss gewundert über den anderen weissen Löwen, der auf einmal da ihm gegenüber sass. Den hatten die Buben und Mädchen gemacht: eine stattliche Säule und mit vieler Kunst dann den Leib darauf mit dem schön nach links hinüber gelegten Schwanz und den Tatzen. Bis die recht waren! und der Kopf erst!

Ernst Hutter gab nicht nach, bevor das Werk nicht zum mindesten so löwenmässig aussah wie das Urbild von Stein. Herr Schwarzbeck und der Herr Pfarrer, der gerade einen Schulbesuch machte, hatten dann aber auch ihr Wohlgefallen an dem Tier.

Ein paar Wochen lang sass der Schneelöwe nun so vor dem anderen da.

»Ob sie wohl einander mögen?« lachten die Kinder, als sie in der Pause vor den beiden Tieren standen.

»Nun? sagt?«

Die Löwen sagten nichts; sie fuhren fort, einander ernsthaft ins Gesicht zu sehen. Vielleicht dachte der von Schnee, er sei grösser und habe die schönere Mähne. Und der von Stein dachte: Der da drüben meint jetzt Wunder was er sei; aber wir wollen dann sehen, welcher von uns im Frühling noch da ist. –

Es wurde mit jedem Tag jetzt schöner. Es kam der sechste Dezember, der Nikolaustag, und der wurde im Leuenhof, solange dort Herr Schwarzbeck seine Schule hatte, gefeiert. Die Buben hatten aus dem Schättenwald Tannenzweige gebracht. Die befestigte Herr Schwarzbeck über der Wandtafel und einen legte er in das heisse Ofenrohr, und da kam der feine, liebe Duft des brennenden Christbaumes durch’s Zimmer gezogen, und die Kinder sahen einander an: Weihnacht! Nun kommt ganz bald Weihnacht!

Und sie waren vor Freude sehr fleissig. Am Nikolaustag wurden auch immer die ersten Honigküchlein, die Tirgel, gebacken, die dann über die ganze Festzeit gleichsam als Wahrzeichen des Christmonates in den Auslagen der Bäckereien prangten. Es waren sehr dünne, etwas feste, kleine Kuchen, und es gab Leute, die sagten, man beisse sich die Zähne daran aus. Aber das waren eben keine Heimstetter und verstanden es nicht.

Wie gut schmeckte so ein frischer, bräunlicher Tirgel, nachdem man ihn zuerst bewundert und gegen die brennende Lampe gehalten hatte, damit das Bild recht schön herauskomme. Denn das war das Besondere dieser Honigküchlein: sie waren alle in eine Form gedrückt worden und kamen dann mit einem schön erhabenen Bild aus dem Ofen: Es gab Körbe mit Rosen und Maiglöckchen oder Äpfeln und Trauben; Kinder, die mit Ziegen oder Lämmern spielten, oder eine glückliche Familie vor einem brennenden Christbaum; den Kaiser Karl, der die Schule besuchte; den König Alexander mit dem Diogenes, der in einem Fass sass; Schweizersoldaten, die unter Anführung ihres kühnen Hauptmannes eine Halde hinanstürmten; ein Schloss auf steilem Felsen; eine Mühle mit grossem Rad und runde Wolken am Himmel und sogar – und das war das allerbeliebteste – ein Bild vom Städtchen. Mit höchster Freude und mit Staunen betrachtete man es jedes Jahr wieder neu.

»Nein! wie nett! wie deutlich! der Kirchturm und da unten die Halde und die Brücke und die Mauer vom Doktorsgarten! und die Illig mit ganz wilden Wellen!«

Heuer kamen grad um halb neun Uhr als letzte Ottilie Eggenberg und Netti Tobel angekeucht mit einem grossen Korb, den sie in eine Ecke stellten. In der Zehnuhrpause aber trugen sie den Korb zu Herrn Schwarzbeck vor die Klasse.

»Der Vater lasse grüssen, und es sei für jedes ein Honigkuchen!« meldete Ottilie mit ganz roten Backen vor Stolz und Vergnügen.

»Gelt, der Vater denkt halt immer noch an den 30. Mai«, nickte Herr Schwarzbeck. »Und aus lauter Freude will er der Leuenhofer Schule auch eine Freude machen.« –

Bald hielt jedes der Kinder seinen Honigkuchen und bewunderte und zeigte ihn ringsum und wusste nicht, ob es gleich anbeissen oder das süsse Back- und Kunstwerk für zu Hause aufheben wolle.

Wer geschickt war, der brach sich das Bild heraus und liess sich einstweilen den knusperigen Rand schmecken.

»Siehst du, so –«, sagte Sara und schwang sich auf den Tisch, an dem Anna Hertig sass. Sara hatte den König Alexander erhalten.

»Nur ein wenig von der Krone ist ab und vom Dach. Zeig, was für einen hast du?«

Anneli Hertig hatte ihren Honigkuchen in das Tischfach gelegt. Sie hatte den Kopf auf die Hand gestützt und sah auf ihr Lesebuch herunter.

»Freust du dich denn nicht? Immer langweiliger wirst du. Man kann gar nichts mehr mit dir machen.« – Sara versuchte Annelis Hand vom Gesicht weg zu tun. Ein paar andere Mädchen waren auch herzugetreten.

»Aber, Sara!« flüsterte Netti Tobel, »du weisst ja wohl, warum Anneli traurig ist.« Sie zog Sara weg; denn sie sah, dass Anneli es nicht gern hatte, dass man so vor ihr stand.

Alles im Leuenhof wusste, warum Anneli Hertig ein so trauriges Gesicht hatte. Es war immer ein stilles Kind gewesen und hatte nie viel von sich reden gemacht. Aber mitgespielt und mitgelacht hatte es schon. Bis dann der grosse Kummer kam. Annelis Vater war im Frühling gestorben. Das war schon recht traurig gewesen. Aber als Anneli mit ihren zwei kleinen Brüderchen im schwarzen Kleidchen am Grab standen und zwei Frauen hinter ihm sagten: »Die armen Tröpflein!« hatte Anneli gedacht: »Die Mutter haben wir doch noch.«

Aber nun war die Mutter auch nimmer da. In der Stadt Münsterau hatte sie eine Stelle angenommen als Köchin in einem grossen Gasthof. Sie konnte ausgezeichnet kochen, die Mutter, und die Leute sagten, es sei ein rechtes Glück, dass sie den Platz bekommen habe. Sie verdiene viel Geld, und bei der alten Frau Hertig seien ja die Kinder aufs beste aufgehoben.

Aber Anneli konnte und konnte die Mutter nicht vergessen. Immer musste es an sie denken und musste manchmal tief Atem holen, so schwer war ihm ums Herz. Wenn es den kleinen Brüderchen zusah, dem Theodor und dem Ruedeli, wie sie bauten und dann unter Geschrei und Lachen den Turm wieder umwarfen, konnte sie gar nicht begreifen, dass man so lustig sein könne, wenn doch die Mutter fort sei.

Am Anfang hatte Anneli manchmal geweint.

Aber dann war die Grossmutter traurig geworden.

»Hast du mich gar nicht lieb, Anneli?« fragte sie. »Sieh, da hab ich noch ein Apfelküchlein für dich. Frau Lenz nebenan hat gestern sechs Apfelküchlein gebracht.« Sie ging zum Küchenschrank. »Aber jetzt musst du mir nicht mehr weinen; sonst weine ich auch.«

Anneli schluckte mit dem Apfelküchlein auch seine Tränen hinunter und gab sich Mühe, die Grossmutter nicht traurig zu machen. Aber nachts erwachte Anneli manchmal und setzte sich dann auf und besann sich. Eben war sie noch mit der Mutter zusammen gewesen auf einem grünen Wiesenweg, und sie hatten gesungen und waren Hand in Hand im Taktschritt gegangen im Sonnenschein. Aber das war nur ein Traum gewesen; die Mutter war nicht da; es war dunkel in der Kammer. Anneli hörte die kleinen Brüder atmen und die Grossmutter nebenan. Dann weinte Anneli in ihre Kissen.

Herrn Schwarzbeck tat es leid, wenn er Anneli Hertig mit so ernstem, betrübtem Gesicht dasitzen sah. Manchmal war es auch zerstreut und fuhr zusammen, wenn es an die Reihe kam. Herr Schwarzbeck war aber besonders gut und geduldig mit dem Anneli. Von Tag zu Tag hoffte er, dass Anneli sich daran gewöhne, bei der Grossmutter statt bei der Mutter zu sein. Aber sechs Wochen waren nun schon vergangen, seit Frau Hertig fort war.

»Die Christbäume sind schon da, Herr Schwarzbeck!« meldeten die Leuenhofer Kinder strahlend an einem hellen, weissen Wintermorgen etwa zehn Tage vor Weihnachten.

»Wie ein Tannenwald sieht es jetzt aus auf dem Marktplatz!«

Nach der Schule standen die Leuenhofer mit den anderen Heimstetter Kindern um den Tannenwald herum und besahen die Bäumchen und berieten, welchen die Mutter wohl wähle und was schöner sei, ein recht buschiger, dicker Christbaum oder einer, an dem man die guten Sachen, die daran hingen, recht sehe. Die rotbackigen, kleinen Äpfel, die Nüsse, die Anissternchen und Zuckerringe, die braunen Tirgel und die Quittenwürstchen!

Die Kinder klopften sich auf Herz und Magengegend und hüpften auf.

»Wenn man denkt«, sagte Eva Imbach und strich über die Äste einer Tanne, »so im Wald – und hier ist es ein gewöhnlicher grüner Baum – und dann am Weihnachtsabend – wenn die Lichter dran brennen und der Silberflitter so flimmert und zittert – dann ist es wie ein Wunder. Man kann gar nicht begreifen, dass es so etwas Schönes gibt.« –

»Noch zehn Tage!« sagte Netti Tobel. »Noch furchtbar lang. Man meint, man erlebe es gar nicht mehr. Aber heut in einer Woche kann man dann schon sagen, übermorgen! Manchmal jetzt am Abend, wenn wir am Tisch bei den Aufgaben sitzen, dann ruft auf einmal eines laut: «Weihnacht!»und dann tun wir alle vier miteinander einen lauten Freudenschrei, so dass die Mutter hereinkommt und meint, es habe etwas gegeben.«

»Dort ist das Anneli«, sagte Ottilie Eggenberg. Die Kinder drehten sich um.

Anneli Hertig kam daher, an jeder Hand ein Brüderchen. Die zwei kleinen Buben hatten Tannenzweige erwischt, mit denen sie sich gegenseitig vergnügt um die dicken, kleinen Nasen fuhren.

»Man kann es gar nicht sehen, das traurige Gesicht vom Anneli, jetzt, wo man sich selber so schrecklich freut!« sagte Ottilie Eggenberg.

»Vielleicht kommt seine Mutter heim über Weihnachten?« meinten ein paar der Kinder.

»Nein, eben nicht«, erklärte Sara, die immer alles wusste, was im Städtchen vorging. »Sie hat geschrieben, es sei keine Rede davon; gerade über die Festtage könne sie doch die Frau Breitenstein nicht im Stich lassen. Frau Breitenstein, das ist die Frau, welcher der Gasthof gehört. Vielleicht komme Annelis Mutter dann gegen den Frühling hin einmal.«

Vom Kirchturm schlug es viertel nach zwölf. Es war die höchste Zeit heimzugehen.

Am folgenden Tage hatten die Leuenhofer Kinder eine schöne, feierliche Religionsstunde von halb Vier bis halb Fünf. Es dämmerte schon ein wenig. Über den verschneiten Sträuchern des Vorgartens sah man das schwache Abendrot. Auf dem Kastanienbaum sassen still zwei Krähen und schauten in die Winterdämmerung hinaus.

Herr Schwarzbeck liess die Kinder Weihnachtslieder aufsagen, alte und neue. Martin Imbach musste das Lied: »Du lieber, heiliger, frommer Christ ...« vortragen; er hatte eine so ernsthafte Stimme und war immer etwas verlegen, wenn er aufsagen musste, aber dann klang seine Stimme so feierlich. Dann sprach Herr Schwarzbeck von der heiligen Nacht, von den Engeln, die den Hirten die grosse Freude verkündigten und von den himmlischen Heerscharen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Die Kinder hielten den Atem an. Es klang so schön, so weihnachtlich. Und draussen der stille Winterabend.

Herr Schwarzbeck sagte, wie die Menschen an Weihnachten aufs neue wieder daran denken sollten, Gottes Willen zu erfüllen und Freude und Friede zu schaffen, wie und wo sie nur könnten, jeder wie und wo er könne.

Und zum Schlusse nahm Herr Schwarzbeck seine Geige, und schön und rein ertönte zweistimmig das liebe alte:

»Vom Himmel hoch, da komm ich her
Und bring euch allen frohe Mär ...«

Auf dem Heimweg gingen die Buben und Mädchen ein Weilchen still neben einander her. Der schöne Engelsspruch und das Lied klangen ihnen noch im Herzen nach.

»Wenn ich alles zähle«, unterbrach Sara Wiebolds Stimme das Schweigen, »wenn ich jeden der Pulswärmer, die ich der Mutter gestrickt habe, extra zähle, so habe ich elf Freuden auf Weihnacht. Elf – das ist doch viel!« Sara tat einen stolz vergnügten Hupf. –

»Ja, weisst du, Sara«, belehrte Hedwig Bühler, »Herr Schwarzbeck hat natürlich nicht nur solche Freuden gemeint.«

»Ich weiss schon, ich weiss schon«, unterbrach sie Sara; »man muss auch artig sein und fleissig und verträglich und sauber und gefällig –«

»Und mit den traurigen Leuten recht gut sein, hat Herr Schwarzbeck gesagt«, fiel Ottilie Eggenberg ein, »und sehen, dass die wieder ein wenig froh werden.« –

»Wenn man doch dem Anneli Hertig helfen könnte«, sagte Eva Imbach.

Anneli Hertig war mit ein paar anderen vorausgegangen und verschwand eben im dunklen Bogen des Wendeltores.

»Immer, wenn ich mich so ganz schrecklich freuen will auf Weihnachten, so fällt mir das Anneli ein.«

»Es bekommt aber doch auch einen Christbaum und allerlei Sachen«, meinte Gritli Wegmann. »Seine Grossmutter hat meiner Tante den Muff und die nette Nähschachtel gezeigt, die sie für das Anneli gekauft hat –«

»Ach«, erwiderte Hedwig Bühler, »man weiss wohl, dass es nur einen Wunsch hat. Wenn halt seine Mutter käme!«

»Man muss ihr schreiben«, sagte eines der Mädchen.

»Wenn sie doch nicht fort kann –«, erwiderten die anderen.

»Oder wenn man dieser Frau Breitenstein schreiben würde –?«

»Ach – die würde doch nicht auf einen hören, wo sie einen gar nicht kennt.«

»Man müsste eine Massenpetition einreichen –«, rief Walter Kienast plötzlich, der mit den Buben hinterher ging.

»Eine – was?« Die Mädchen wandten sich zurück.

»Eine Massenpetition«, wiederholte Walter Kienast. »Das ist, wenn man etwas durchdrücken will. Dann sammelt man viele Unterschriften und dann gibt die Regierung nach.«

»Die Regierung –!« sagten die Mädchen und lachten.

»Oder also Frau Breitenstein. Probiert es halt!«

»Ja, ja, wir probieren es!« riefen die Mädchen begeistert. »Wir schicken eine Massenpe – Wie heisst es, Walter –? Wie macht man es? Unterschriften – das ist, wenn man seinen Namen hinschreibt. Auf was, Walter?« riefen sie durcheinander.

»Es muss ein Brief sein, in dem alles steht vom Anneli Hertig und warum es nötig sei, dass seine Mutter heimkomme. Der Brief muss ein wenig lang sein, damit Frau Breitenstein merkt, dass es euch ernst ist –«

Ein Brief! – Die Mädchen sahen einander an. Welche sollte den Brief schreiben – Eva? Hedwig Bühler? Oder Sara? Die wusste immer am meisten; aber sie schrieb nicht schön.

»Hört!« wendete Eva Imbach sich an die Buben. »Ihr müsst auch mitmachen. Massenpetition, das heisst doch: so viele als möglich. Der ganze Leuenhof muss unterschreiben –«

Nach kurzem Hin und Her beschlossen die Buben, sich an der Massenpetition zu beteiligen.

Nun wurde die Frage, wer den Brief zu schreiben habe und wie alles anzustellen sei, schwieriger. Laut und aufgeregt wurden Vorschläge gemacht und wieder verworfen.

»Ich will euch etwas sagen: wir wählen einen Ausschuss;!« riet Ernst Hutter.

»Ja, ja«, schrien alle; »wir wählen einen Ausschuss«, ohne gerade genau zu wissen, was das war.

Man war am Marktplatz angelangt, wo die Verkäufer eben daran waren, die Christbäume über Nacht zusammenzuräumen. Unter ziemlicher Schwierigkeit kamen die Wahlen zustande. Zweimal erschien der Polizeidiener Freudweiler bei dem Kindertrüpplein und sagte, sie sollten jetzt machen, dass sie heimkämen; es sei keine Manier, wenn es schon dunkle, noch so ein Getue zu veranstalten. Es nehme ihn überhaupt wunder, was sie immer zusammenzustehen hätten. Es war ein Glück, dass ihn einer der Verkäufer zu sich hinüber rief.

Gewählt wurden aus jeder Klasse zwei Buben und zwei Mädchen. Das Himperlein meinte durchaus, es müsse in den Ausschuss kommen; aber es wurde nicht als brauchbar erfunden, bekam aber von Ernst Hutter den Trost, es dürfe dann den Brief zukleben und vielleicht auf die Post tragen.

Sehr stolz war Sara Wiebold, dass sie vorgeschlagen worden und nach einem kleinen Kampf wahrhaftig in den Ausschuss kam.

»Sara, weisst du, was jetzt dann das Schwierigste an der Sache ist?« fragte Walter Kienast. »Es muss alles ein Geheimnis bleiben. Das wird schön gehen – wenn du etwas weisst, so weiss es immer die ganze Stadt.«

»Gar nicht«, erwiderte Sara. »Ich kann ganz gut schweigen. Zum Beispiel weiss ich schon seit vorgestern, dass der Vater der Mutter eine Lampe zum Christkind gibt und noch kein Wörtchen habe ich ihr davon gesagt!«

»Kolossal!« rief Walter Kienast beim Auseinandergehen. Er wusste immer solche Wörter von seinem älteren Bruder.

Am anderen Tag erschienen die Mitglieder des Ausschusses mit wichtigen Gesichtern in der Schule. Sie hatten gleich am Abend noch eine Sitzung gehalten in dem grossen Hausflur der Bäckerei Eggenberg, wenn auch, in Ermangelung von Stühlen, stehend; aber sie hatten sehr viel ausgemacht. Heute abend schon sollte der Brief verfasst werden und zwar vom ganzen Ausschuss zusammen. Wem ein vernünftiger Satz einfiel, der sollte ihn sagen. Der Schreiber, Gustav Brenner, würde ihn aufsetzen und Hedwig Bühler, die die schönste Schrift hatte, sollte dann das Ganze ins Reine schreiben.

Das Schwierigste den Tag über – Walter Kienast hatte recht – war, das Geheimnis zu bewahren. Anneli Hertig und niemand im Städtchen durfte etwas wissen. Aber die Leuenhofer hielten sich tapfer. Nur wunderte sich das gute Anneli, dass die Kinder vor und neben ihm sich alle Augenblicke so geheimnisvolle Grimassen schnitten und dass Sara Wiebold jedesmal, wenn sie am Anneli vorbeiging, die Hand fest an den Mund drückte. –

Nur Herrn Schwarzbeck wurde es erzählt.

»So, so«, lächelte er und sagte weiter nicht viel. Er liess seine Buben und Mädchen gerne machen, wenn er sah, dass sie sich selbst zu helfen wussten.

Am Abend allerdings wären sie froh gewesen, ihren Herrn Schwarzbeck da zu haben.

»Den Anfang – wenn man jetzt nur einen Anfang wüsste«, seufzten die Achte und nagten an ihren Fingern, während der Schreiber schon zum dritten Mal den schon sehr spitzigen Bleistift spitzte.

Sie sassen auf zwei Bänken an einem langen Tisch, den Ottilie mit Hilfe der Magd hingestellt hatte.

»Eine Sitzung haben wir«, erklärte ihr Ottilie.

»Eine Sitzung –? Herrjeh! Wie im Rathaus«, sagte sie, ganz stolz, dass der alte Hausgang zu solchen Ehren kam.

»Es ist aber ein Geheimnis. Ich kann es dir erst nach Weihnachten sagen.«

»Ja, ja«, nickte sie, indem sie nach dem Laden zu ging. Die Luft war ja jetzt voll Geheimnisse.

Ja – also der Anfang.

Schon die Anrede hatte grosses Nachdenken erfordert. Wie sagte man jetzt auch zu so einer Frau?

»Wir schreiben einfach: liebe Frau Breitenstein«, sagte Sophie Berchtold. »Das wäre freundlich –«

»Das weiss man jetzt noch nicht, ob sie lieb ist, die Frau –« warf Walter Kienast ein, der, die Hände in den Hosentaschen, hinter dem Schreiber stand.

»An jemand, den man gar nicht kennt, schreibt man ›Geehrte Frau‹, meinte Paul Grossberger. »Das wäre höflich.«

Man einigte sich endlich auf die Anrede »Geehrte und liebe Frau Breitenstein« und brachte ferner den schweren ersten Satz zustande: »Erlauben Sie, dass wir mit einer Bitte an sie gelangten.«

Gelangen, das war fein. Das hatte Ernst Hutter gewusst. Das war ganz wie die grossen Leute schrieben.

Nach diesem ersten Ruck sass das Schiff wieder fest. Sogar Sara wusste nichts.

»Geehrte und liebe Frau Breitenstein! – Ausrufzeichen! – Erlauben Sie, – Komma – dass wir mit einer Bitte an Sie gelangen –«, las der Schreiber laut vor, um einen Anlauf zu nehmen.

»Potz – wie nobel!« sagte der alte Bäckergesell Matthis, der eben mit einem Brett voll frisch gebackener Birnenwecken durch den Hausflur ging. Ein süsser, gewürzreicher Duft zog durch den Raum.

»Weihnacht! Weihnacht!« Die Kinder klopften sich auf den Magen. Es war wohl der Mühe wert, sich etwas anzustrengen mit der Vorfreude im Herzen und in der Nase. Und es war, als ob der schöne Duft auf einmal Schaffenskraft brächte.

»Zuerst müssen wir der Frau Breitenstein sagen, wer wir sind –«

»Natürlich! und dass wir mit dem Anneli Hertig in die gleiche Schule gehen –«

»Und dass wir die Leuenhofer heissen –«

»Ja! Wir schreiben vom Leu«, rief Sara. »Und auch vom Schneeleu und wie der lustig aussieht, weil die Nase ein wenig geschmolzen ist – da muss Frau Breitenstein vielleicht lachen und dann sagt sie eher Ja –«

»Du bist wieder einmal nicht recht bei Trost, Sara; das gäbe ja ein ganzes Buch«, wehrten die einen.

»Doch, doch! Das schreiben wir!«

Satz folgte jetzt auf Satz. Der Schreiber Gustav Brenner kam nicht mehr nach und hielt sich abwehrend die Ohren zu.

»Vor lauter Leu und geschmolzener Nase kommt ihr gar nicht zur Hauptsache.«

Nein, nein, die kam jetzt. In ein paar artigen Sätzen erzählten die Kinder, wie das Anneli Hertig halt ein schreckliches Heimweh nach seiner Mutter habe und wie das eine Freude für es wäre, wenn seine Mutter auf Weihnachten heim dürfte.

»Bitte, liebe Frau Breitenstein, lassen Sie Frau Hertig doch kommen. Wir grüssen Sie freundlich und danken Ihnen schon im voraus –« rief Felix Kleinhans. Er hatte das gestern in einem Briefe seines Vaters gelesen.

»Ja, das schreibt man; das ist höflich«, stimmten Eva Imbach und Ottilie Eggenberg, dem Schreiber über die Achsel sehend, zu; »schreib aber dazu: ›Wir danken dann schon noch extra, wenn Sie Frau Hertig haben kommen lassen‹ –«

Wahrhaftig, jetzt war man fertig. Nur noch die Grüsse kamen und dann die Abschrift. Hedwig Bühler, das war gestern beschlossen worden, musste sie machen.

»Es wäre am besten, du würdest es morgen abend hier im Ausschuss schreiben«, meinten die Buben. »Wir könnten dann zusehen und raten –«

Aber Hedwig schüttelte sehr bestimmt den Kopf : »Nein, ich will keine Räte und keine Zuschauer. Ich schreib in der Stube vom Vater. Ich will schon sehen, dass ich’s recht mache.«

Am nächsten Abend trat der Ausschuss pünktlich wieder in der Bäckerei zusammen, Hedwig als letzte. Sorgsam nahm sie einen grossen, weissen Papierbogen aus dem braunen Umschlag.

»Ah! O! Fein! Famos!« riefen sämtliche Mitglieder des Ausschusses und drängten sich um das Blatt.

Es war wirklich fein. Oben über das Blatt von rechts nach links hin hatte Hedwig mit Tusch einen Christbaumzweig gezeichnet und dann bunt gemalt. Einen schönen, grünen Tannenzweig, auf dem drei Lichter steckten, rot, blau und weiss, während nach unten ein brauner Mandelstern und ein kleiner Lebkuchen, sowie zwei golden schimmernde Nüsse hingen.

»Und schön geschrieben hat sie«, lobten Ernst Hutter und Gustav Brenner, während Walter zur Haustüre ging, vor welcher die ganze übrige Schar der Leuenhofer stand.

»Was habt denn ihr wieder?« fragten ein paar Sekundarschüler im Vorbeigehen.

»Wir müssen unterschreiben. Aber es ist ein Geheimnis. Wir sagen es euch nicht –« entgegneten die Leuenhofer.

»Halt, halt«, rief Walter Kienast und hielt die Türe halb geschlossen. »Nur drei auf einmal kommen herein. Und dass ihr euch zusammennehmt! Und nicht zuletzt den Brief noch verderbt.«

»Mir ist ganz Angst«, sagte Marie Hug.

»Mir gar nicht«, rief das Kasperli und hüpfte ungeduldig auf und ab. »Ich mache dann einen Schnörkel unter meinen Namen, so –« er fuhr mit seinem Zeigfinger in wunderlichen Bogen vor den Gesichtern der Kinder hin und her.

Das Unterschreiben drinnen geschah mit grosser Umständlichkeit. Die meisten der Buben und Mädchen hatten es wie Hedwig Bühler gehabt und sagten, sie könnten besser schreiben, wenn man sie allein liesse. Aber das half nichts. Von links und rechts und von vorn und hinten sah der Ausschuss in höchster Wachsamkeit zu und mahnte und schrie:

»Halt – nicht so weit vorn anfangen! Drücke doch ein wenig! Das sind ja gar keine Abstriche. Herrschaft! was ist das für ein B! Halt! Halt! Ein Haar ist in der Feber – Hast du keine Augen?«

Es war ein Wunder, dass alles doch ohne Fehler und Flecken gelang. Nur bei Alwine Gehring gab’s ein kleines Unglück.

Weder ihr A noch ihr G war dem strengen Ausschuss recht.

»So jetzt auch noch ganz bergab –!« riefen die Buben empört.

Alwine hielt mit Schreiben an, senkte den Kopf, und eine grosse Träne fiel auf das Blatt, mitten auf das getadelte G.

Die Buben und Mädchen schrien laut auf.

»O! Jetzt ist alles aus! Natürlich! Diese Alwine –! Der ganze Brief verdorben!«

Alwine schluchzte, und Ottilie Eggenberg konnte gerade noch neue Tropfen verhindern, indem sie kräftig mit ihrem Taschentuch in Alwines Gesicht fuhr, während Hedwig rasch ein Fliessblatt auf die Unglücksstelle tupfte.

»So«, sagte sie, »es ist nicht so schrecklich. Wenn es trocken ist, sieht man es nicht mehr. Ich hab’s wohl gedacht mit eurem Dreinreden«, wandte sie sich an die Buben.

Erleichtert atmete man auf und verliess dann wichtig und befriedigt schwatzend endlich die Eggenbergsche Bäckerei.

Am anderen Morgen zeigten die Kinder Herrn Schwarzbeck heimlich, damit Anneli ja nichts merke, ihr Werk.

Er freute sich über den Christbaumzweig und lobte auch den Brief.

»Jetzt wünsche ich nur, dass er Erfolg habe, und dass Annelis Mutter kommen könne«, sagte Herr Schwarzbeck, indem er das Schreiben wieder zusammenfaltete.

Ja – dass Annelis Mutter kommen könne! Fast hatten die Kinder über den Sitzungen und dem Verfassen des Schriftstückes seinen Zweck vergessen. Wenn nun Frau Breitenstein Annelis Mutter nicht reisen liess –?

»Schrecklich wäre das!« sagten die Mädchen zusammen und sahen zu Anneli zurück, das am hintersten Fenster stand und den Meisen und Grünfinken zuschaute, die unter Gepiep, Geflatter und Gezänk den Hanf aufpickten.

Die Sonne schien in die Küche des Gasthofes zum Roten Adler. Auf dem grossen Herd brodelte und dampfte es. Frau Hertig zog einen grossen, gelbbraunen Braten aus dem Rohr, um ihn zu wenden. Dabei liess sie die Töpfe oben nicht aus den Augen.

»Die Suppe! Klara, die Suppe!« Die junge Hilfsköchin sprang herbei. »Muss sie jeden Tag überlaufen!« Klara hob den Deckel und rührte, um die zischende Suppe zu beruhigen. Auf das Mädchen, das in der Ecke Kartoffeln schälte, warf Frau Hertig auch einen Blick:

»Nicht so dicke Schalen!« mahnte sie. »Ich hab es dir schon oft gesagt.«

Da trat Frau Breitenstein herein mit einem Brief in der Hand.

»Schön ist das nicht von Ihnen, Frau Hertig«, sagte sie. Sie war eine stattliche Dame mit dunklem Haar und roten Backen.

»Was ist –? Was hab ich getan –?« fragte Frau Hertig.

»Schön ist das nicht von Ihnen, dass Sie einem das Wort nicht gönnen. Dass Sie einem gar nichts sagen von daheim und von dem Kind, dem Anneli. Da – lesen Sie –!«

Frau Hertig nahm den Brief. Sonderbar, dass sie jetzt am hellen Vormittag, wo gerade die Hauptarbeit begann, einen Brief lesen sollte.

»Der Leuenhof – he ja, das ist Annelis Schule«, dachte sie. »Aber was kümmert mich doch der Schneeleu mit seiner halben Nase –?« »Klara«, rief sie hinüber, »nehmen Sie fünf Eier zur Fischsauce, und wallen Sie mir den Teig Zur Apfeltorte aus –«

Aber dann, wie sie weiter las, vergass sie Sauce und Torte. Einmal schüttelte sie den Kopf, einmal lächelte sie ein wenig.

»Nun – sind das nicht gute, wackere Kinder?« fragte Frau Breitenstein. »Und wie artig der Zweig gemacht ist!«

Klara und Luise durften ihn auch sehen. Wie nett die Lichtstrahlen und die goldene Nuss und der braune Mandelstern!

»Ja, gut meinen sie’s schon, die Kinder«, sagte Frau Hertig. »Aber sie haben halt keinen Begriff –«

»Wohl eben haben sie einen Begriff«, entgegnete Frau Breitenstein. »Jetzt sagen Sie mir nur, bin ich denn so eine böse Frau, dass man mich nicht einmal fragen mag?«

»He nein«, wehrte Frau Hertig; »aber ich dachte halt, über die Festzeit könne ich Sie doch nicht im Stich lassen.«

»Wenn aber das Kind solche ein Heimweh hat nach Ihnen« –

»Ja schon. Es ist ein weichmütiges Kind.« Frau Hertig fuhr sich über die Augen; man merkte, dass in ihrem Herzen allerlei aufstieg, was sie sonst zurückhielt. »Aber vielleicht ist es gut, wenn das Anneli lernt, dass es im Leben nicht immer geht, wie man will, und dass man sich zusammennehmen muss.«

»Freilich ist das gut. Aber eine Freude zwischenhinein ist auch gut. Und einfach, ich will, dass Sie reisen.«

»Aber Frau Breitenstein, es wird nicht gehen. Wer soll denn –«

Da trat in Eile die Kellnerin herein.

»Der Herr Bezirksarzt und noch drei Herren sind da. Sie wollen essen. Viermal Suppe, vier Schnitzel und Kartoffelsalat. So schnell als möglich, Frau Hertig. Um 1205 gehe ihr Zug!«

»Vier Schnitzel! Schnell, Klara, das kleinere Stück Kalbfleisch wird grad reichen!« rief Frau Hertig. Die Köchin wurde wieder wach in ihr und in Frau Breitenstein die Wirtin vom Roten Adler, der bekannt dafür war, dass zu jeder Zeit im Hui ein gutes Essen fertig gebracht werde.

Am Abend aber wurde ausgemacht, dass Frau Hertig in ihre Heimat fahre. Eine Base von Frau Breitenstein würde dann die Küche übernehmen.

»Reisen Sie ruhig, Frau Hertig«, sagte Frau Breitenstein. »Der Rote Adler wird, auch wenn wir es acht oder zehn Tage ohne Sie machen müssen, nicht zugrunde gehen!«

Frau Hertig lachte. Sie liess sich gerne überreden. Sie hatte oft Sehnsucht gehabt nach ihren drei Kindern. Aber nur so heimlich. Geredet hatte sie nie davon. Jetzt aber überkam sie eine ganze Ungeduld nach ihrem stillen Anneli und den beiden dicken, kleinen Buben. Sie konnte es fast nicht erwarten, bis der vierundzwanzigste Dezember kam.

Vor dem Stationsgebäude von Heimstetten standen am Weihnachtsabend eine Schar Leuenhofer Buben und Mädchen in freudigster Spannung. Vom Himmel fielen einzelne Flocken, so dass der Schnee, der auf den Dächern und Strassen lag, frisch weiss und recht weihnachtlich zu schimmern begann.

Der Stationsdiener Waltisbühler brummte; aber das störte ihre vergnügte Stimmung nicht.

Sie sollten aus dem Weg gehen, sagte er. Sie hätten nichts zu tun hier.

»Wohl eben«, riefen die Kinder. »Wir müssen jemand abholen.«

»Ich möchte doch wissen wen«, machte der Stationsdiener geringschätzig.

»Das dürfen wir nicht sagen. Es ist ein Geheimnis«, rief das naseweise Kasperli.

»Und dann braucht es zum Abholen doch nicht zwanzig oder wer weiss, wie viele«, brummte Waltisbühler weiter.

»Doch, doch«, beharrten die Leuenhofer. »Achtzehn sind gewählt worden. Wir sind das Empfangskomitee!«

»Was so Kinder doch dummes Zeug schwatzen!«

Waltisbühler schüttelte den Kopf und ging in den Gepäckraum, um nach seiner Laterne zu sehen.

Warum auch nicht? Am Sängerfest vor zwei Jahren war auch ein Empfangskomitee an der Station gewesen. Herren mit kleinen Schleifen im Knopfloch. Statt der Schleifen hatte jedes der Kinder ein Tannenzweiglein als Abzeichen angesteckt.

Diesmal war das Kasperli auch dabei und Eva hatte es durchgesetzt, dass sogar Alwine Gehring gewählt wurde.

»Abholen, das kann sie schon«, hatte Eva gesagt.

Seit einer halben Stunde standen die Kinder da und hüpften vor Erwartung von einem Bein aufs andere.

»Wenn sie nur, bitte, auch kommt!«

»Warum sollte sie nicht kommen, wenn es doch Frau Breitenstein geschrieben hat« –

Ja, ein Brief war vorgestern angelangt von Frau Breitenstein.

»An die Schüler vom Leuenhof in Heimstetten.

Liebe Buben und Mädchen!

Viel Zeit zum Schreiben habe ich nicht. Aber ich muss Euch doch sagen, dass Euer Brief mir eine rechte Freude gemacht hat. Es ist schön, dass Ihr an das Anneli gedacht habt und möchtet, dass es auch vergnügt ist an Weihnachten. Also die Frau Hertig schicke ich Euch. Fast würde es mich anmachen, mitzukommen und Euch zu besuchen in Eurem Leuenhof. Vielleicht bringe ich es im Frühling einmal dazu; dann wird zwar die Nase von Eurem Leu wohl ganz weggeschmolzen sein und das Tier dazu. Aber Ihr seid dann hoffentlich noch da.

Mit einem herzlichen Gruss, auch an Eueren Herrn Lehrer.

Frau Babette Breitenstein.«

»Wenn sie nicht käme!« sagte Gritli Wegmann mit sorgenvollem Gesicht. »Sie könnte ja zuletzt noch krank geworden sein.« –

»Oder sich verbrannt haben in der Küche«, fiel ein anderes ein.

»Oder mit dem Zug könnte es etwas gegeben haben ... Letzthin sind in Amerika sieben Eisenbahnwagen über eine hohe Brücke heruntergefallen und etwa hundert Menschen sind drin gewesen.«

»Ja, und in Russland sind einmal zwei Züge ineinander hineingefahren; mein Vetter wäre fast dabei gewesen.«

Die Kinder sahen sich entsetzt an. Amerika und Russland waren weit weg; aber immerhin –

Da hörte man aus der Ferne ein Rollen; alle spitzten die Ihren. Es wurde lauter; ein Pfiff ertönte ... und jetzt tauchte in der winterlichen Dämmerung ein rotes Licht auf.

»Er kommt! Der Zug kommt!« schrien die Kinder in höchster Erregung.

»Aufstellen!« kommandierte Ernst Hutter. Wie es verabredet worden war, stellten die Leuenhofer sich in zwei Reihen auf.

Der Zug hielt. Die Wagentüren wurden aufgemacht. Viele Leute stiegen aus; alte mit grossen Paketen; manche mit Puppenwägelchen oder bemalten Holzpferden.

»So, jetzt könnte es erst noch sein, dass sie nicht kommt«, sagte der zweifelsüchtige Walter Kienast.

Aber sie kam ... Sie kam. Zwei oder drei Mädchen erkannten die ziemlich hohe Gestalt der Frau Hertig.

»Jetzt! Fest!« wandte sich Ernst Hutter zu der aufgestellten Schar und gab ein Zeichen.

»Hurra! Willkommen! Willkommen!« schrien die Leuenhofer, so fest sie nur konnten. Die Leute schauten herüber, was das für eine Veranstaltung sei. Frau Hertig ging rasch links hinüber der Strasse zu, die in das Städtchen führte. Aber die Kinder rannten auf sie los.

»Willkommen! Willkommen!« schrien sie noch einmal, so dass Frau Hertig zurückprallte. Dann aber begriff sie.

»Ja herrjeh, Kinder! Das ist ja Ottilie Eggenberg und das Netti Tobel! Und da die anderen, die den Brief geschrieben haben. Ja, was ist euch denn eingefallen? Guten Abend, guten Abend.« –

Die Kinder streckten ihre Hände und sahen so vergnügt drein, als ob es ihre eigene Mutter wäre.

Hinter dem Stationsgebäude huschten weitere Leuenhofer Buben und Mädchen hervor. Man wollte doch auch sehen, ob Annelis Mutter angelangt sei.

»Die gehören nicht zum Empfangskomitee; die sind nur sonst gekommen«, erklärte Sara. »Den Brief hat der Ausschuss geschrieben.« –

»Potz, ein Empfangskomitee und ein Ausschuss!« lachte Frau Hertig. »So viel Ehre für mich!«

»Ja, und das Anneli hat gar nichts gemerkt«, sagten die Kinder.

Und nun fingen sie an, vom Anneli zu erzählen, wie es halt immer Heimweh habe und in der Schule manchmal gar nicht acht gebe und in der Pause nur in einer Ecke stehe. »Lachen tut es gar nicht mehr; nicht einmal, wo Ottilie uns die Honigküchlein gebracht hat.« –

Frau Hertig ging immer rascher; man kam zum Reitergässchen.

»Dort steht das Anneli vor dem Haus«, flüsterten die Kinder und blieben stehen.

Sie hatten gestern nach langem Hin und Her beschlossen, dass sie nicht mitgehen würden.

Ein bisschen später wollte man schon noch hineingehen und dem Anneli erzählen, wie man alles gemacht habe, so ganz heimlich.

Frau Hertig beachtete gar nicht, dass die Kinder zurückgeblieben waren. Sie ging, so rasch sie nur konnte, mit ihrem grossen Paket und dem Handköfferchen dem Hause zu.

Anneli stand vor der Türe; sie streichelte eine Katze, die vor ihr auf der Steinstufe sass und schaute so wie in Gedanken in die Gasse hinaus. Plötzlich streckte sich ihre kleine, schmale Gestalt. Ganz regungslos stand sie – wer kam da –? Wer –?

Die Mutter setzte Köfferchen und Paket auf das Pflaster und streckte beide Hände aus.

»Anneli, mein Anneli!«

Da fiel das Anneli der Mutter um den Hals und – und fing an zu weinen, weil die Freude und die Überraschung gar so gross waren.

»Mutter – nein! Mutter!« konnte es nur sagen und hielt den Arm der Mutter umschlungen und sah ihr durch die Glückstränen in das liebe Gesicht, »Mutter!«

Jetzt kam die Grossmutter heraus und fuhr zurück vor Erstaunen.

»Ja, was wär’ jetzt doch das! Ja, Berta! Und wir haben gar nichts gewusst. Das ist aber eine Freude! Gelt, Anneli? Gelt jetzt tust dann wieder lachen? Und da steht ja das Köfferli auf dem nassen Pflaster.«

Die alte Frau nahm das Handgepäck und trat ins Haus. »Ruedeli, Theodorli, seht doch, wer da kommt«, rief sie fröhlich. Die Mutter folgte mit Anneli, das immer fest den Arm der Mutter umschlungen hielt.

Die Leuenhofer Kinder vorn in der Gasse unterhielten sich aufs lebhafteste:

»Dass das Anneli zu weinen anfing, wie es die Mutter gesehen hat!« –

»Ja«, entgegnete Sophie Berchtold, »meine Grossmutter hat auch einmal geweint vor lauter Freude, als der Onkel auf einmal aus Deutschland heimkam.«

»Ja, deine Grossmutter – eine alte Frau«, sagte Sara Wiebold. »Aber ich könnte einmal nicht und dann noch heut! am Weihnachtsabend!«

»Was hat wohl die Frau Hertig dem Anneli und den Buben mitgebracht?« fing ein anderes wieder an. »Es war mir, als ob ein Muff in dem Paket sei.« –

Ein Weilchen noch standen die Kinder am Eingang der Gasse. Dann aber fanden sie, sie hätten lange genug gewartet.

»Jetzt können wir gehen! Kommt, wir müssen doch der Frau Hertig noch Gute Nacht sagen.« –

Die Stube von Annelis Grossmutter war zu ebener Erde. Die Kinder konnten gut hineinsehen und drängten sich alle an die zwei Fenster.

Eine rechte Weihnachtsstube war es, in die sie hineinschauten. Ein so fröhliches, buntes Durcheinander war’s. Das Köfferchen war offen und das Paket auch, und die Buben hantierten schon am Boden mit einem kleinen Bahnzug, einer Lokomotive und vielen Wagen, die man anhängen konnte. Das Glück! Auf dem Tisch lag eine warme Jacke, eine rote Mütze und ein Buch und zwei Paar kleine, kleine Schuhe. Dazwischen standen die Kaffeetassen, und in der Mitte schaute ein grosser, goldgelber Gugelhopf aus dem weissen Papier. Und nun brachte die Grossmutter aus der Kammer das Christbäumchen, um es anzuzünden. Es ging also gar nicht recht der Reihe nach bei dieser Weihnacht; aber so ein Glück und eine Freude waren in der Stube. Das Anneli sah man kaum, so dicht drückte es sich an seine Mutter heran; es war, als ob es in sie hineinschlüpfen wollte. Die eine Hand hatte es richtig in einen schönen, weiss und grauen Muff gesteckt, aber mit der anderen hielt es den Arm der Mutter, die ihm freundlich über das Haar strich, während sie zu ihren lustigen Buben hinübersah.

Jetzt brannten die Lichter am Bäumchen, und die Buben sprangen auf und patschten ihre dicken Händchen zusammen vor Freude. Und die Grossmutter trat zum Anneli und wies auf das Bäumchen. Das Anneli schaute in die strahlende, kleine Tanne und dann wieder zurück zur Mutter, ob sie auch Freude habe an dem Bäumchen, und dann sahen sie miteinander in den lieben Lichterglanz. –

»Jetzt könnte man vielleicht hineingehen?« fragten ein paar der Kinder.

»Zeit hätten wir noch gut«, fügte Sara hinzu. »Bei uns ist die Bescherung erst um sieben Uhr, und die Mutter hat gesagt, es wäre ihr lieb, wenn ich ihr nicht im Weg wäre.«

»Ja, wir wollen jetzt anklopfen«, stimmten Arnold Zwickel und Hermann Steininger ein. »Was ist es wohl für ein Buch? Der Deckel sieht fast aus wie meine ›Schweizersagen‹. –«

»Mich nimmt wunder, ob in der Schachtel auch Schienen sind; das ist fein – Schienen! Eva Imbach, klopf an!«

»Nein – ich klopfe nicht an«, sagte Eva. »Ich finde, wir gehen nicht hinein.«

»Nicht hinein? – Warum?«

»Warum? Ich weiss selber nicht. Aber es dünkt mich, es wäre nicht nett, wenn wir jetzt alle da hinein drückten. Sie hätten es vielleicht nicht gern.« –

»Warum?« fragte Sara Wiebold noch einmal. »Einmal mir würde es nichts machen, wenn ihr zu mir herein kämt.«

»Ja, du« – entgegnete Eva, »aber weisst du, das Anneli ist ein anderes Kind als du. Und kurz und gut, wir gehen nicht hinein.« –

Die Kinder sahen einander an und dann noch einmal in die Stube, und auf einmal kam es den meisten vor, dass Eva recht habe. Es war ein so heimeliges Glück da beisammen; es ging nicht, jetzt da plötzlich hineinzudringen. Nein – das Anneli sah man ja morgen nach der Kinderlehre. Da konnte man noch lang sagen: »Gelt, Anneli! Du hast Augen gemacht gestern abend? Gelt, das ist recht gewesen, dass wir den Brief geschrieben haben?« –

Die Kinder gingen auseinander, der eigenen Weihnachtsfreude entgegen; sie war hinter der vom Anneli ein Weilchen fast verdeckt gewesen. Jetzt stieg sie wieder auf mit ihrer Erwartung des strahlenden Christbaums, mit ihrer Hoffnung auf die Schlittschuhe, die Botanisierbüchse, den Robinson, den Kramladen, die Nähschachtel, das Halskettchen, die Schokoladetafel, die Mandelsternchen und das andere schöne Weihnachtsbackwerk.

»O, o, o! wie freu ich mich«, dachte jedes, als es rasch und immer rascher heim lief. »O, wie freu ich mich.«

Acht Tage später ging Frau Hertig wieder die Bahnhofstrasse hinauf zur Station. Anneli begleitete sie.

»Das arme Tröpflein«, sagten ein paar Frauen, »was hat es davon gehabt? Jetzt geht der Jammer nur von neuem an.« –

Aber Anneli, als es so neben der Mutter herschritt, machte ein ganz tapferes, zuversichtliches Gesicht. Und als die Mutter eingestiegen war und der Zug sich langsam in Bewegung setzte, da weinte das Anneli nicht. Es winkte nur, so stark es konnte.

»Leb wohl, Mutter! Leb wohl! Gelt«, rief es der Davonfahrenden nach. »In neun Wochen hast du gesagt? Leb wohl, Mutter!«

»Was in neun Wochen?« fragte Ottilie Eggenberg, die eine Base ihrer Mutter zur Bahn begleitet hatte und nun auf Anneli zutrat.

»Ja, denk nur«, begann Anneli eifrig, während sie mit Ottilie das Bahnhofsträsschen zurückging. »Denk nur, die Mutter und die Grossmutter haben ausgemacht, dass wir alle nach Münsterau ziehen. Dann kommt die Mutter am Abend immer heim, und ich darf mit ihr in der gleichen Stube schlafen. Denk wie schön! Und am Tag darf ich manchmal zu ihr in die Küche vom Gasthof und darf vielleicht helfen. Ich freu mich so schrecklich! Neun Wochen, das sind 63 Tage? Das kann ich schon noch aushalten.«

»Ja, ja, das kannst du schon« – stimmte Ottilie bei. »Und weisst du, was du tust, damit es schneller vergeht? – Du machst an der Bettwand mit Kreide 63 Striche. Und jeden Morgen wischest du einen weg; dann hast du jeden Morgen eine Freude. Hast du eine Kreide? Nein? – Also dann komm, ich geb dir eine aus dem Laden.« –

Und eifrig und ganz munter trottete Anneli neben Ottilie dem Städtchen zu.

Die Gespenster.

Jedes Jahr gab es im Leuenhof eine Zeit, wo man von Gespenstern redete. Das war unter den früheren Leuenhofer Schülern gewesen, den jetzigen wieder und vererbte sich immer auf den neuen Jahrgang. Schon Ende November fing es allemal an, wenn’s am Abend so bald dunkel wurde. Nur hatte man mit all den Weihnachtsgedanken nicht recht Zeit für gruselige Geschichten.

Jetzt war’s nach Neujahr und nicht wie sonst kaltes, klares Schlittenwetter; es kam eine Reihe feuchter, nebliger Tage, und richtig ging es wieder los mit dem grauen Mönch.

Wenn man vom Klassenzimmer heraustrat, kam man im Leuenhof nicht wie in anderen Schulhäusern auf einen hellen, breiten Gang, worin nichts zu sehen und zu denken war. Der Weg zur Haustüre führte durch einen Teil des auch bei Tag etwas dunklen Kreuzganges, dessen Bogen gegen den Hof hinausgingen. Man kam an allerlei Verschlägen und Türen vorbei; vorn beim Ausgang hatte Frau Beyel, die das Schulzimmer besorgte und heizte, ihre Stube und Küche.

In der Mitte des Ganges aber war eine lange Steinplatte eingemauert.

»Da unter dem Stein ist er begraben, der graue Mönch«, flüsterten die Mädchen geheimnisvoll, wenn sie nach vier Uhr in der Dämmerung durch den Gang gingen.

Ja, und er habe keine Ruhe, weil er im Leben etwas Böses getan habe, wusste man weiter. Da komme er manchmal hervor – als Gespenst, wenn es dunkel werde und gehe langsam durch den Kreuzgang, wie wenn er etwas suche, und dann auf einmal sehe man ihn nicht mehr und höre nur noch ein leises Wimmern –

»So!« –

Sara liess einen unheimlichen Klageton vernehmen.

»Wie grässlich«, sagten ein paar der Mädchen und schüttelten sich; denn jetzt war es gerade am Eindunkeln.

»Hast du ihn schon gehört so machen?« fragte Eva und aus ihrem Ton klang ziemlicher Zweifel.

»Nein, ich nicht. Aber der Grossmutter ihrer Magd ihre Schwester hat da in der Stube von der Frau Beyel gewohnt. Sie weiss überhaupt eine Masse Geistergeschichten, die Kathrine. Und der alte Seiler Jakob am Graben. Und die Frau Schüpfler oben bei uns.«

»Ach was –!« entgegnete Eva und warf den Kopf zurück. »Der Vater hat gesagt, wer nicht daran glaube, der sehe nie Gespenster.« – aber dann hörte sie doch zu, wie die anderen alle nun nacheinander oder auch im Eifer zu zweit und dritt ihre Geschichten zum besten gaben und sich dabei eng aneinander drängten vor Gruseln und Neugierde.

Also das war einmal sicher wahr: Der Vetter von Frau Schüpfler habe es oft und oft erzählt, das von dem feurigen Mann. Er sei einmal in einem alten, ganz einsamen Wirtshaus über Nacht gewesen. Da habe er auf einmal, wie er am Einschlafen gewesen sei, einen Lichtschein an der Wand gesehen. Zuerst schwach, dann aber sei es wie eine glühende Hand gewesen und nach und nach –

»Uh – hör doch auf!« rief Alwine und hielt sich die Ohren zu.

»Fahr doch weiter!« riefen die anderen ... Und nach und nach sei es noch ein Arm geworden und dann eine ganze feurige Gestalt. Der Vetter habe das Gesicht unter die Decke gesteckt, und wie er wieder sich getraut habe, herauszugucken, da sei das Gespenst verschwunden gewesen. Am anderen Morgen habe der Vetter es dem Wirt erzählt. Der habe gesagt, er rede nicht gern von der Sache. Es übernachteten viele in der Kammer und sähen nichts; aber es sei schon wahr; es geiste da. Es heisse, in alter Zeit sei einmal ein Mann in dem Haus verbrannt. –

Und dann kam Hedwig Bühler brav mit der Geschichte von dem Ross ohne Kopf. Es war eine Milchfrau gewesen, die das erlebt hatte. Einmal sei sie einen anderen Weg heimgefahren durch den Wald; der Mond sei gerade aufgegangen; auf einmal sei ihr Schimmel stillgestanden und habe beide Vorderfüsse eingestemmt und seltsam geschnauft, und mit allem Zureden sei er nicht vorwärts zu bringen gewesen. Da sei die Milchfrau abgestiegen und habe den Schimmel am Zügel genommen und auf einmal habe sie ganz nah vor sich ein grosses, schwarzes Ross gesehen, ohne Kopf. Quer über den Weg sei es gestanden. Da habe sie schnell mit lauter Stimme gesagt:

»Alle guten Geister
Loben Gott, den Meister!«

Da sei das schwarze Ross verschwunden. Aber ihrer Lebtag sei die Milchfrau nicht mehr jenen Weg gefahren. –

»Gestorben wär ich vor Angst, wenn ich das Ross gesehen hätte! Dann noch ohne Kopf –!« sagte Marie Hug schaudernd.

»Ja, und erst das Gespensterschiff!« kam nun Netti zu Wort. »Wärt ihr nur dabei gewesen, wo der alte Bezold im Spital davon erzählt hat. Im Winter in der Nacht, wenn es recht stürme auf dem Meer draussen, fahre es auf einmal daher in einem weissen Schein, hart an den Fischerschiffen vorbei. Und die Fischer haben eine grosse Angst davor; denn wer das Schiff sieht, der muss noch im gleichen Jahr sterben.« –

Die Mädchen standen still. es wurde immer interessanter – Geisterrosse gab es und Geisterschiffe!

Und immer wusste ein anderes wieder etwas.

Es kam noch eine Wiesenfrau an die Reihe mit hohlen Augen und ein ganz kleines, dürres Gespenstlein, das manchmal in der Ecke auf dem Küchenherde sass, wenn man hereinkam. Und endlich rückte das Anneli, das sonst nicht viel redete, sondern lieber zuhörte, noch mit dem Humpump heraus. Der Humpump, das war etwas ganz besonders Kurioses und Unheimliches. Sein Rock war wie ein grauer Sack, und seine Arme hingen bis an die Erde. Die Hände konnte er auf den Boden auflegen. Greulich! Sein Gesicht war ganz weiss, und ein Maul hatte er bis zu den Ohren mit spitzigen Wolfszähnen.

Im Dorf von der Grossmutter von meinem Grossvater sei er früher manchmal herumgegangen; so grad, bevor man Licht angezündet habe in den Häusern und habe durchs Fenster in die Stube geschaut. Und wo er hineingeschaut habe, da habe es bald nachher Streit gegeben im Haus. Nur wenn sich die Leute um den Tisch herum ganz schnell an den Händen genommen, habe es nichts gemacht.

Als die Mädchen beim Marktplatz anlangten, waren sie glücklich so weit, dass sie sich wahrhaftig fürchteten, durch die doch so wohlbekannten Gassen heimzugehen.

»Der Humpump, der grässliche Humpump, der kommt mir gewiss im Traume vor«, sagte Alwine Gehring und zog an Eva, bis sie mit ihr den Weg durch das einsame Reitergässchen nahm. –

Am hellen Vormittag in der Schulpause kamen ihnen die gestrigen Geschichten lange nicht mehr so fürchterlich vor, und als Herr Schwarzbeck, der davon hörte, sie auslachte und sie närrische Mädchen nannte, kamen sie sich selber ganz dumm vor. Aber am Abend – das Singen am Donnerstag dauerte bis fünf Uhr –, als sie über den Stein vom grauen Mönch schritten, war es halt doch wieder unheimlich.

Gehörig geneckt wurden sie von den Buben, als die hörten, von was jetzt immer gesprochen wurde. Keiner von ihnen wollte an das schwarze Ross, an den feurigen Mann oder an das Küchengeistlein glauben.

Nur Martin Imbach, der noch ein rechter Märchenbub war, hörte mit grossen Augen zu.

»So etwas Dummes«, sagte Walter Kienast.

»Tu du nur nicht so!« entgegneten die Mädchen ärgerlich. »Wenn du den feurigen Mann so in der Nacht sehen würdest an der Mauer, dir würden auch die Haare zu Berge stehen wie dem Vetter.«

»Ach was, mir stehen sie schon ohne euren feurigen Mann zu Berg«, erwiderte lachend Walter Kienast und fuhr sich über sein dickes, sehr kurz geschorenes Haar im Davongehen.

»Wenn wir den doch einmal recht fürchten machen könnten –« sagten Eva Imbach, Ottilie Eggenberg und Hedwig Bühler zusammen, und nach zwei Tagen schon heckten sie etwas aus.

»Die anderen –«, damit waren die Fünftklässlerinnen gemeint –, »die anderen nehmen wir nicht dazu. Sie würden uns am Ende nur die Sache verderben. Und überhaupt –«

Die sechste und die fünfte Klasse waren seit gestern nicht gut aufeinander zu sprechen. Sie hatten einen Streit wegen ihren Nähschachteln gehabt. Die Fünftklässlerinnen hatten sich auf einmal im anderen Fach des Schrankes damit eingenistet. Und dazu hatten sie kein Recht. Das vordere Fach hatte immer der sechsten Klasse gehört.

Also diesmal brauchten die Fünftklässlerinnen nicht dabei zu sein. Die Grossen flüsterten geheimnisvoll und machten abwehrende Gesichter gegen die Kleinen hin. Sie merkten wohl, dass diese ebenfalls die Köpfe zusammenstreckten. Aber sie achteten nicht viel darauf.

»Sie tun nur so«, sagten Eva und Ottilie. »Damit man meint, dass sie auch etwas Wichtiges haben.«

Keine Ahnung hatten die Grossen, dass die Fünftklässlerinnen wirklich auch etwas Wichtiges hatten. Und zwar das gleiche wie die Grossen.

»Dem Walter Kienast, dem muss man es einmal zeigen!« hatte Sara in der Pause gesagt, während sie auf dem Lattenzaun des Hofes sass, einen angebissenen Apfel in der Hand. Die anderen standen um sie herum.

»Die Eva Imbach oder die Ottilie wüssten gewiss etwas zum Erschrecken, etwas recht Greuliches.«

»Wir brauchen die gar nicht«, erklärte Sara grossartig. »Sie wollen immer nur regieren. Wir machen allein etwas. Grad wir vier zusammen. Wir machen Feuerköpfe.«

»Was?«

»Feuerköpfe! Wenn er sich da nicht fürchtet! Die grossen Kroneggersbuben, die neben uns wohnen, haben vier; die müssen sie mir leihen.«

Und nun erklärte Sara, was sie unter einem Feuerkopf verstand. Das war ein ausgehöhlter, grosser Kürbis. Da waren Augen hineingeschnitten und eine Nase und ein Mund, und da stellte man einen Kerzenstumpf hinein. Unten herum hängte man sich ein Tuch und band den Kürbis auf dem Kopf fest.

»Die Kroneggersbuben und der Eduard und der Hans Merk sind im Herbst so durch den Garten geschlichen«, fuhr sie fort. »Wir haben laut geschrien vor Schrecken, meine Schwester und ich. Also wir sind gerade vier. Aber niemand etwas sagen, gar niemand!«

Vier Feuerköpfe auf einmal, das war etwas! Da musste man viermal stärker erschrecken, als bei einem einzigen. Fein!

Und auch die von der sechsten Klasse –, es waren etwa vier oder fünf im Bunde, hatten etwas Grosses im Sinne. Die wollten mit einer Mehrzahl von Geistern aufrücken, gleichsam ein Massenaufgebot, eine ganze Sammlung und Auswahl von Grauen und Schrecken.

Eva übernahm den grauen Mönch; etwas wie eine Kutte und eine Kaputze, die sie über das Gesicht ziehen konnte, fand sich schon zu Hause.

Das kleine, bewegliche Netti Tobel aber wollte das Küchengeistlein vorstellen; über das Gesicht hatte sie ein weisses Papier gebunden, aus dem nur Augen, Nase und Mund herausschauten. »Ich kann mich ganz niedrig machen. Seht einmal – so.«

Netti wickelte sich in ein gehäkeltes, schwarzes Tuch ein, kauerte sich zusammen und fuhr mit merkwürdiger Geschwindigkeit auf dem Boden hin und her.

Die Mädchen waren in Imbachs Gartenstube und hatten die Läden geschlossen. In dem Halbdunkel sah das schwarze Ding da mit dem weissen Gesicht wirklich wie ein rätselhaftes kleines Ungeheuer aus.

Alwine Gehring wollte durchaus auch mitmachen.

»Aber Alwine – wo du dich selber so fürchtest.« –

Schliesslich übergab man ihr die Rolle des Wiesenfrau mit dem langen Hals. Vermittelst eines Kehrwisches, an den man ein Maskengesicht band und eines alten Vorhanges brachte man eine sehr glaubwürdige Wiesenfrau zustande.

Und jetzt erst noch des Humpump, den Hedwig Bühler machen sollte. Das war eine ganze Arbeit.

An einer grossen Jacke wurden die Ärmel verlängert und an zwei Stecken band man alte Lederhandschuhe von Vater Eggenberg und füllte sie mit Sand. Wie das aussah, diese Gespensterarme bis zum Boden, an denen die Hände so unheimlich baumelten! Das Gesicht aber kam, wie beim Küchengeist, unter eine weisse Papiermaske.

Ottilie Eggenberg erfand ein merkwürdiges Flattergespenst, mit einem weissen Vorhang, den sie mit ausgebreiteten Händen auf und ab schwang und gleich dem grauen Mönch klägliche, leise Wimmertöne einübte:

Mm – Mm –

Zum Auftreten aller dieser Grauengestalten eignete sich am besten der Donnerstag. Er allein konnte eigentlich in Betracht kommen. Und es war ganz natürlich, dass die Mädchen von der fünften ebenso wie die von der sechsten Klasse diesen Abend wählten. Jede Partei im geheimen; keine Ahnung hatten die anderen davon, dass neben ihrer Unternehmung noch eine zweite vorbereitet wurde. Am Donnerstag von halb vier bis gegen fünf gab Herr Schwarzbeck den Sechstklässlerbuben, die im Frühling ins Gymnasium eintreten wollten, eine Extra-Mathematikstunde. Es waren heuer zwei Buben, Gustav Brenner und Ernst Hutter; Walter Kienast und Hans Kündig machten auch mit.

Wenn einer seine Aufgabe fertig hatte, so ging er heim. Herr Schwarzbeck richtete es ein, dass Walter Kienast zuerst fertig wurde; denn der musste um fünf Uhr in die Geigenstunde.

Und auf ihn hatten die Mädchen es besonders abgesehen.

»Also ganz allein kommt er dann durch den Kreuzgang. Das wär’ zu fein, wenn er einen Schrei täte und davon rennen würde! Den lachen wir dann aber aus am Morgen!« triumphierten schon im voraus die Mädchen der sechsten Klasse.

Und in der anderen Ecke des Hofes ging es in derselben Weise.

»... und nach dem Walter Kienast kommt dann etwa der Gustav Brenner oder der Ernst Hutter. Wenn die sich vor Schrecken gar nicht weiter trauten und wieder zu Herrn Schwarzbeck zurückgingen« »Ihr seid aber Helden!« würden wir ihnen nachher sagen. »Die müssten es noch lange hören!«

Sara sah die Sechstklässlerbuben, die eben im Spiel vorbeirannten, spöttisch an, was die nicht weiter beachteten.

Der Donnerstag kam. Es war ein graues Wetter. Am Morgen hatte es geschneit. Jetzt am Abend wehte ein lauer Wind; der Schnee tropfte eintönig von den Dächern des Leuenhofes.

»Das macht sich schon ein bisschen unheimlich«, sagten Eva und Ottilie.

Schwatzend verliessen die Buben und Mädchen, die nicht in der Mathematikstunde und nicht bei der Gespensterunternehmung beteiligt waren, den Kreuzgang.

Eva und ihre Gefährtinnen, die auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes in einer verborgenen Ecke heimlich ihr Zeug hingebracht und versteckt hatten, warteten ungeduldig, bis der Gang leer würde.

Sie machten einen Erkundschaftsgang um die vier Seiten des Hofes. Nein, alles war noch nicht fort; aus dem Holzverschlag der Frau Beyel ertönten Stimmen.

»Was tut denn ihr da drinnen noch?« fragten Eva und Ottilie ärgerlich, als sie die Türe aufstiessen und die vier Fünftklässlerinnen darin sahen, wie sie ihre Kürbisköpfe hervorholen wollten, die sie am Abend heimlich gebracht hatten. »Was tut denn ihr noch da?«

»Wir – wir reitseilen noch ein wenig«, sagte Sara, die nie verlegen war, und setzte sich auf die Schaukel, die die Leuenhofer Kinder sich da errichtet hatten.

»Es wäre jetzt Zeit heimzugehen«, mahnte Eva die Kleinen.

»Ja, ja, geht ihr nur zuerst«, gaben die zurück.

»Also!« die Sechstklässler nahmen den Weg um die obere Ecke und bemerkten, sich umschauend, mit Vergnügen, dass die Kleinen den Holzverschlag verliessen. Von ihrem Versteck aus sahen sie dann aber nicht, dass die vier bei der Türe umkehrten und geduckt und heimlich, wie Indianer auf dem Kriegspfad, zurück in ihren Verschlag schlichen.

Hüben und drüben begannen jetzt die Vorbereitungen.

Es wurde ausgemacht, dass Eva als grauer Mönch sowie das weisse Flattergespenst, im Hofe hin und her huschend, bald auftauchen und dann wieder verschwinden sollten. Sobald Schritte vom Schulzimmer her zu hören wären, mussten die drei anderen Gespenster durch den Hof herangezogen kommen.

Im Verschlag der Frau Beyel ging es auch sehr eifrig zu. Sara als Unternehmerin der Sache hatte alle Hände voll zu tun. Die Zündhölzer – wo waren sie denn? – Und bis nur die Kerzenstümpfe brannten! Und die Kürbisse, mit beiden Händen gehalten, ordentlich auf den Köpfen sassen!

Endlich standen die vier Feuergeister bereit und warteten. Es wurde schon recht dunkel in der Holzkammer.

»Schau mich doch nicht so an mit deinen glühenden Augen«, sagte Marie Hug zu dem gegenüber stehenden Anneli.

»Ich schau dich gar nicht an«, antwortete das Anneli unter seinem Tuch heraus. »Das sind halt die Augen von meinem Kürbiskopf« –

Ein paar Augenblicke horchten die Kinder still hinaus.

»Ich – ich glaube, ich sollte eigentlich heim«, begann Marie Hug mit beklommener Stimme. »Ihr könnt es ja zu dritt machen. Da, Sara – du kannst den Kopf wieder haben« –

Rasch aber trat Sara an die Türe, um sie zuzuhalten.

»Das gilt nicht«, erklärte sie. »Wer einmal dabei ist, der macht ganz mit!«

»Es wäre«, – Sara suchte nach einem Ausdruck der Entrüstung – »ehrlos«, sagten allemal die Sechstklässlerbuben in ganz ernsthaften Fällen, – »es wäre ehrlos, Marie, weisst du, wenn du jetzt davonlaufen würdest« –

Ehrlos wollte Marie Hug nicht sein; sie rückte ihren Kürbiskopf wieder zurecht und drehte sich zu dem kleinen Fenster, durch das noch ein Restlein Helle hereinkam. An ihrem seltsamen Schnaufen merkte man, dass sie nah am Weinen war.

Wieder war es eine Weile still. Die vier Kürbisköpfe sahen einander mit tückischen Gesichtern an.

»Red’ doch etwas, Sara«, unterbrach Marie Hug die erneute Stille. »Sonst schwatzest du an einem fort.«

»Ich weiss jetzt gerade nichts«, erwiderte Sara.

»Du«, flüsterte Marie dem Gritli Wegmann zu, »ich glaube, sie fürchtet sich selber. – Sie fürchtet sich grad so wie wir« –

Horch – war das ein Schritt? – Nein. Es hatte bloss irgendwo ein Balken gekracht. Es krachte oft so unheimlich in dem alten Haus ....

Im Schulzimmer hatte Herr Schwarzbeck die Lampe angezündet, und die Buben arbeiteten fleissig über ihren Rechnungsheften. Neben Herrn Schwarzbeck aber stand der Herr Pfarrer. Er hatte eben in der Dachwohnung bei dem alten Briefträger Heuseler einen Krankenbesuch gemacht und war dann bei Herrn Schwarzbeck eingetreten, um der Mathematikstunde beizuwohnen.

Jetzt nahm er Hut und Stock.

»Macht bald Feierabend, ihr mathematischen Genies« sagte er. »Gute Nacht, Herr Schwarzbeck.«

Im Gang draussen zog er seine Uhr heraus und musste sie ganz nah an die Augen halten. »Wie es schon dunkelt«, dachte er. »Vom Zunehmen der Tage merkt man noch nicht viel.«

Nach ein paar Schritten stand er plötzlich still und spähte in den Hof hinaus. Was war denn das eben gewesen? Wie ein grauer, undeutlicher Schatten war es durch den Hof gehuscht? – Seltsam! Der Herr Pfarrer sah angestrengt über das Holzgatter, das den Gang vom Hofe trennte. Es war nichts mehr zu sehen. »Hab ich mich scheint’s getäuscht ...«

»Der Ernst Hutter und der Brenner, die können’s zu was bringen, kluge, fleissige Köpfe!« dachte er im Weitergehen. »Haben aber auch einen guten Lehrer!« – Wieder hielt er an: jetzt war’s etwas Weisses drüben an der anderen Hofseite – wie wenn ein grosser Vogel lautlos vorüber flatterte.

»Das möchte man doch fast ungemütlich heissen«, sagte der Herr Pfarrer vor sich hin, indem er die Brille abnahm und sie rieb. Als er sie wieder aufgesetzt hatte, war nichts mehr zu sehen. Er schüttelte den Kopf. War’s am Ende nur ein Dampfschwall gewesen aus Frau Beyels Waschküche? – Nach ein paar Schritten stutzte er von neuem. Vom Hofe her ertönte ein merkwürdiges leises Stöhnen. – Mm – Mm, erklang es kläglich in dem Halbdunkel.

Der Herr Pfarrer wusste nicht mehr, was er denken sollte. Da fiel ihm ein, dass das am Ende Frau Beyel sein könnte, die vorgestern über rheumatische Schmerzen geklagt hatte.

»Frau Beyel, sind Sie es?« wollte er hinausrufen, aber das Wort blieb ihm im Munde stecken. Denn – was war das, was jetzt gerade vor ihm um die Ecke geschlichen kam, was für eine ganz greuliche Gesellschaft? – Ein schauderhaftes Wesen, mit Armen bis an den Boden und fletschenden Zähnen und neben ihm ein Ungetüm mit einem ellenlangen Hals. Dahinter eine graue und eine weisse Schattengestalt und am Boden ein schwarzes Ding, das mit einem drohenden Prrr! auf den Herrn Pfarrer zuschnurrte.

Das war nun auch für einen Herrn Pfarrer und tapferen Mann etwas viel. Er stand einen Augenblick starr. Da – als ob heute die Hölle mit allen ihren bösen Geistern los wäre – ging eine Türe auf, ein unförmlicher Kopf erschien, dem aus den Augen, aus Nase und Mund eine rötliche Glut leuchtete und hinter ihm noch zwei andere und noch ein vierter.

»Jetzt um aller Welt willen«, rief der Herr Pfarrer aus, »was ist das für ein Hexensabath.«

Ein gellender Schrei, den das Halsgespenst ausstiess, unterbrach ihn, und in derselben Minute fast schrien auch die Feuerköpfe laut auf. Die zwei Gespenstergruppen rechts und links vom Herrn Pfarrer hatten sich gegenseitig erblickt. Mit Entsetzen prallten sie zurück und schrien, als ob sie am Spiess steckten. Ganz und gar vergassen sie, dass sie gekommen waren, um andere Leute fürchten zu machen. Es war aber auch schauderhaft – selbst Eva und Ottilie verloren alle Fassung – da drüben unter der Türe, diese vier Gestalten auf einmal mit den dicken Köpfen, mit den grässlichen Glühaugen!

Und umgekehrt, welch fürchterlicher Anblick bot sich den Feuergeistern. –

»Ein – ein Humpump uh, uh!« krähten Marie Hug und Gritli Wegmann und drängten zurück; die hinteren aber wollten vorwärts, hinaus aus dem grässlichen Kreuzgang; sie verwickelten sich in ihre Umhänge, wollten sich aneinander halten und purzelten schreiend in einem Knäuel über die Türstufe hinunter. Die glühenden Köpfe kollerten auf dem Steinboden dahin. Das schwarze Küchengeistlein aber auf der anderen Seite schoss fliehend an das Halsgespenst, das im Fallen den Humpump mitriss, der über seine eigenen Arme stolperte. So, jetzt lagen die drei auch am Boden!

»O, halt, uh, lass doch los, au!« zeterte, quiekte und zappelte es durcheinander.

Die Verblüffung des Herrn Pfarrers aber verwandelte sich in eine grosse innere Belustigung.

Zuerst griff er in den heulenden Knäuel vor der Türe, um aufzuhelfen.

»So – so! Tut nicht ganz wie von Sinnen! Beruhigt euch!« Er stellte einmal Gritli Wegmann auf die Füsse.

»Ei, sieh, hat man doch noch einen Kopf, wenn dort schon vier am Boden liegen! Überhaupt scheint ihr mir alle denn doch aus Fleisch und Blut zu bestehen. So mörderlich schreien tun keine Gespenster. Kannst du gar nicht aufhören?« wandte er sich an Marie Hug.

Sie schüttelte schluchzend den Kopf. Die Angst schon vorher in der Holzkammer und nun der Schrecken. Nein, da musste man schon noch weiterfahren. Auch Alwine kam noch nicht zu Ende. Und dazwischen schrien und kreischten die anderen immer von neuem auf, vor den Köpfen am Boden und dem Humpump, der noch sein Greuelgesicht vorgebunden hatte. Auf der Welt kann ja niemand besser kreischen und krähen als elf- und zwölfjährige Mädchen.

Am schnellsten fand natürlich Sara die Sprache wieder.

»Die –«, sie schaute vorwurfsvoll zu den grösseren hinüber, »die haben aber auch so viele Arten gemacht.« –

»Ja, wirklich!« sagte der Herr Pfarrer, »eine ganze Auswahl von Gespenstern, eine wahre Raritätensammlung. Vielleicht erfahre ich dann noch, warum eigentlich die Herrschaften gerade auf mich losgelassen wurden.«

»Ja – Sie waren nicht der Rechte«, erklärte Sara munter. »Wir wollten den Walter Kienast erschrecken und die anderen, weil sie so stolz taten.«

Eva und Ottilie Eggenberg waren derweil auch wieder einigermassen zur Besinnung gekommen und wussten nicht recht, ob sie lachen oder sich schämen sollten. Der Herr Pfarrer? – Wie war denn der Herr Pfarrer dazu gekommen? Und also bloss die paar Fünftklässlerinnen. Woher sie wohl die Köpfe hatten? – Jetzt ging schon ein Schwatzen und Kichern an.

Der Walter Kienast – wenn der jetzt käme; es wäre eigentlich am besten, schnell die Sachen zusammenzusuchen und sich davonzumachen.

Aber da kam er schon daher, pfeifend und raschen Schrittes; denn er hörte ein Schreien und Lachen, Schwatzen und Schluchzen.

Er hielt an, nur undeutlich – denn er war vom Lampenlicht geblendet – konnte er den Herrn Pfarrer erkennen; neben ihm, das konnte nur Sara sein. Was tat denn die da und hinter ihr noch zwei oder drei andere Mädchen, und ein paar fuhren am Boden herum, eine davon mit einem ganz weissen Gesicht.

Herrschaft! – Und der Kopf mit den Augen dort in der Ecke.

Was war da gegangen? – Was für eine merkwürdige Geschichte? – Das musste man mit den anderen Buben und mit Herrn Schwarzbeck zusammen geniessen; da musste die Lampe her! In grossen Sätzen rannte Walter zurück.

»Herr Schwarzbeck! Das Geschrei vorhin, wo wir gemeint haben, es seien die Kinder vom Fuhrhalter Blatter, ist bei uns im Kreuzgang gewesen. Man muss die Lampe nehmen; da ist etwas begegnet, ich weiss nicht, ob etwas Lustiges oder etwas Böses. Zwei oder drei heulen und ein paar lachen. Und die Sara schwatzt an den Herrn Pfarrer hin, und der Herr Pfarrer hält einen Stock in der Hand mit einem Gesicht oben und in der Ecke liegt ein Kopf mit glühigen Augen.« –

Gustav Brenner hatte schon die Lampe erfasst und lief trotz Herrn Schwarzbecks mahnendem: »Langsam! Obacht!« in den Gang hinaus. Walter und die drei anderen rannten voran, Herr Schwarzbeck folgte.

Und nun das Hallo! Halbtot lachten sich die Buben, als sie durch den Herrn Pfarrer von dem Gespensterüberfall hörten. Den Anfang, den der Herr Pfarrer nicht wusste, erzählte Sara bereitwillig und die anderen Mädchen halfen. Auslachen musste man sich doch lassen. Jetzt wollte man wenigstens das Vergnügen haben, mitzureden.

»Fein habt ihr’s ausgedacht, wirklich« – rühmten die Buben sie; die hatten das Gespenstermaterial vom Boden zusammengelesen und betrachteten es mit grossem Interesse.

»Wirklich fein – aber dann hahahah! Dann sind die Gespenster vor einander davongelaufen – Famos! Hahahah!«

»Man weiss jetzt erst noch nicht, was ihr getan hättet«, erwiderte Ottilie Eggenberg.

»Nein, das weiss man wirklich nicht«, bestätigte Herr Schwarzbeck lachend. »Die Probe der Buben muss man auf ein anderes Jahr verschieben. Was wir jetzt sicher wissen, ist bloss, dass die Mädchen vor Gespenstern nicht standhalten.«

Die Buben aber hantierten immer übermütiger mit den Verkleidungsstücken. Den Humpump – den musste man doch schnell noch einmal machen.

Der Herr Pfarrer aber tat zum Ergötzen der Kinder, als ob er sich fürchte.

»Nein, nein«, wehrte er, »für heute habe ich genug Gespensterei gehabt. Nein, bitte!«

So brach man denn endlich auf. Aber das wenigstens musste man den Buben überlassen, dass sie, jeder mit einem Kürbiskopf auf dem eigenen – die Kerzchen hatte der gute Herr Schwarzbeck wieder angezündet – der Gesellschaft voraus marschierten, durchs Wendeltor ins Städtchen hinein.

Die paar Leute in der Gasse wunderten sich sehr und erzählten daheim kopfschüttelnd von dem ganz merkwürdigen Umzug. Ein Schärlein Buben und Mädchen, jedenfalls wieder einmal die Leuenhofer, lachend und lärmend, voran vier Gestalten mit mächtigen Köpfen und feurigen Augen und hinter ihnen, mitten in dem Trubel, der Herr Lehrer Schwarzbeck und der Herr Pfarrer. Und es sei doch weder Fastnacht, noch Weinlese. Und überhaupt, der Herr Pfarrer und der Herr Lehrer!

Am anderen Tag lachte dann das ganze Städtchen über die Geister, die einander einen solchen Schrecken eingejagt hatten. –

Die Gespensterfurcht aber war für diesen Winter verschwunden, umso mehr, als jetzt Schnee kam und helles Frostwetter. Wenn man durch den Kreuzgang rannte, dachte man nicht an den grauen Mönch, sondern ans Schlittschuhlaufen und ans Schlitteln.

Geneckt aber wurden die Mädchen noch lange. Hedwig Bühler hiess überall, wo sie hinkam, der Humpump. Sogar beim Herrn Pfarrer. Und jedesmal, wenn er Netti Tobel begegnete, machte er: »Prrr«, in Erinnerung an das schwarze, kleine Greuelwesen, das ihm an jenem Abend vor die Füsse geschossen war.

Das verschwundene Reisszeug.

In der sechsten Klasse war ein blasser, magerer, ein wenig kränklicher Bub mit Namen Georg Hammerbach, den die anderen nicht recht leiden mochten. Er schaute so von unten herauf, sprach wenig und machte oft, wenn die Kinder etwas Lustiges unternahmen, nicht mit.

»Es ist gar kein rechter Leuenhofer«, sagten manchmal die Buben. »Und dann – wenn man daran denkt –«

Herr Schwarzbeck hatte zwar die Kinder ermahnt, nicht mehr daran zu denken. Das sei jetzt vergangen und verziehen und Georg Hammerbach werde nie mehr so etwas tun. Aber ganz vergessen konnten die Kinder es doch nicht.

Es war vor ungefähr einem Jahr gewesen. Das Bilderstechen war damals ein besonders beliebtes Spiel. Solche Spiele kamen bei den Leuenhofer Kindern auf und verloren sich wieder. In jenem Frühjahr also trieben die Buben und Mädchen alle in der freien Zeit das Bilderstechen.

Es ging so: Jedes der Kinder hatte zwischen die Seiten irgend eines alten Buches eine Anzahl von Bildchen verteilt; bunte Blumen, Landschaftsbildchen, auch etwa Ausschnitte aus Katalogen oder Zeitschriften, selbstgefertigte Lesezeichen und Sterne aus farbigem Papier oder getrocknete aufgeklebte Blumen oder blaue und rote durchsichtige Blättchen, die sich bogen, wenn man darauf hauchte und die man Menschenhaut nannte.

Bevor das Spiel begann, beschaute man sich die Gewinne, und bei dem, dessen Buch kein schön gespicktes war, bei dem stach man nicht.

Das Spiel bestand nämlich darin, dass man mit einem Falzmesser oder einer starken Stecknadel zwischen die Blätter des vom Gegner zugehaltenen Buches stach. Was man zwischen den aufgeschlagenen Seiten fand, das hatte man gewonnen. Der Augenblick des Stechens war sehr spannend.

Nun hatte Netti Tobel ein besonders reichgefülltes Buch besessen. Ihre Tante hatte ihr eine Menge Bilder aus einem alten Stammbuch geschenkt. Man stritt sich darum, in Nettis Buch zu stechen.

Eines Morgens kam Netti Tobel jammernd daher; sie habe ihr Stechbuch nicht mehr. Gestern nachmittag, im Schopf bei Hedwig Bühler, habe sie es noch gehabt und dann zu Hause sei es auf einmal nicht mehr in ihrem Korb gewesen.

Die Buben und Mädchen, etwa ein Dutzend, die auch im Schopf von Hedwigs Vater gewesen waren, besannen sich.

Ja, zuerst hatte man Bilderstechen gemacht und dann noch auf den Brettern geschaukelt.

»Du wirft es halt auf dem Heimweg verloren haben«, sagten sie.

Nein, beteuerte Netti, das sei nicht möglich; sie habe es nach dem Stechen in ihren Korb gesteckt.

»Dann hat zu Hause deine kleine Schwester es vielleicht herausgezogen und irgend wohin verschleppt.«

Netti schüttelte den Kopf, suchte aber dich zu Hause, und am Abend suchten die Leuenhofer eifrig im Schopf und fragten in der Schreinerei nach. Alles war aber umsonst. Das Buch kam nicht zum Vorschein.

Eines Abends, zwei Tage später, als ein Teil der Leuenhofer Kinder am Wendeltor Laufball spielte, kam ein Bursche auf sie zu. In der Hand hielt er ein Buch. Er war Lehrling in Bühlers Schreinerei.

»Ist das hier das Buch, von dem seit vorgestern immer die Rede ist?«

Wahrhaftig, es war das Buch, Nettis verschwundenes Stechbuch. Und dann erzählte er, er habe zum Schlosser Salzmann müssen; weil es pressiert habe, sei er durch das Petersgässchen gegangen; von da könne man über die niedere Mauer springen und komme dann durch das Höflein der Frau Hammerbach und von dort in ein paar Sätzen zum Schlosser.

Wie er aber von der Mauer heruntergesprungen sei, habe er den Georg gesehen in dem Gartenhäuschen, der sei zusammengefahren, und er, der Fritz, habe zu ihm gesagt: »Brauchst nicht zu erschrecken, ich bin’s bloss!«

Aber der Georg habe nicht aufgeschaut, sondern habe rasch ein Buch vom Tisch gezogen und habe drauf sitzen wollen, um es zu verstecken. Das Buch sei aber heruntergefallen.

»He, was hast du da zu verbergen?« habe er gefragt. Aber wie er sich hinter die Bank bückte, sei der Georg ohne Antwort zu geben ins Haus gerannt und habe die Türe zugeschlagen.

Nettis Buch ging von Hand zu Hand. Die Bilder waren alle noch darin. Aber der Georg, – also so einer war er! –

Herr Schwarzbeck war sehr betrübt, als er am anderen Morgen die Geschichte hörte.

Georg machte zuerst ein verstocktes Gesicht. Aber als Herr Schwarzbeck allein mit ihm sprach, da fing der Bub an zu weinen. Mit vielem Fragen brachte Herr Schwarzbeck endlich mühsam aus dem Buben heraus, er habe der Mutter wollen eine Schachtel machen zum Geburtstag und die Bildchen darauf kleben.

»Aber Georg«, sagte Herr Schwarzbeck, »wie konnte dir so etwas einfallen! Wenn deine Mutter am Geburtstag sich über die Schachtel gefreut hätte, so hättest du ja heimlich dich schämen müssen und Angst haben. Und jedesmal, wenn die Mutter die Schachtel hervorgenommen hätte, so würde es dir einen Stich gegeben haben im Herzen, und hundertmal würdest du gedacht haben, wenn ich doch dem Netti das Buch nicht genommen hätte.« –

Herr Schwarzbeck redete dem Georg noch recht zu, dass er so etwas nie mehr tun solle. Er gab ihm auch eine Strafe. Dann aber war er wieder gut mit ihm, wie mit allen anderen Kindern.

Das war vor einem Jahr gewesen.

Da, Ende Januar, gab es wieder etwas.

Auf einmal hatte Gustav Brenner sein Reisszeug nicht mehr. Das schöne Reisszeug, das er von seinem Paten bekommen hatte. Inwendig war das Etui mit dunkelblauem Samt ausgeschlagen, und da lagen verschiedene Zirkel, eine Reissfeder, ein kleines Lineal, ein Transporteur und ein niedliches Winkelmass, auch ein Stückchen Tusch und zwei Porzellanschälchen. Herr Schwarzbeck sagte immer, es sei viel zu schön für einen Sechstklässler. Aber es machte Gustav Brenner doch Freude, es in der Geometriestunde zu brauchen.

Da – an einem Dienstagnachmittag war das Reisszeug nicht mehr da! An der Seitenwand des Schulzimmers stand ein grosser Schrank; er war alt und etwas baufällig, aber Herr Schwarzbeck mochte ihn gern, weil er aus schön gemasertem, dunklem Nussbaumholz war und allerlei Fächer und Schubladen hatte.

In eine der Schubladen durften die Buben und Mädchen manchmal einen Teil von ihren Schulsachen legen. Gustav Brenner meinte sicher, er habe sein Reisszeug am Samstag da hinein getan. Aber als er es herausnehmen wollte, war es nicht mehr da. Nicht da und auch sonst nirgends. Man suchte und suchte. Es war umsonst.

Herr Schwarzbeck und die Kinder besannen sich: Es war am Samstag am Schluss der Zeichenstunde etwas stürmisch zugegangen.

Alwine, das Unglückskind, hatte ein grosses Glas mit blauer Wasserfarbe umgestossen, gerade über einen Stoss fertiger Zeichnungen. Da war ein Tumult und eine Unordnung entstanden. Aber geradezu vom Erdboden verschwunden konnte das Reisszeug deswegen doch nicht sein. Man fragte Frau Beyel, die seit mehr als dreissig Jahren die Schulstube besorgte. Sie wusste auch nichts.

Herr Schwarzbeck machte ein sehr ernstes Gesicht.

»Kinder«, sagte er, als die Buben und Mädchen vom Suchen ganz aufgeregt endlich an ihren Plätzen sassen, »Kinder, – die Sache ist ganz unbegreiflich, aber nicht wahr, das ist doch sicher – ich hab’ doch lauter ehrliche, brave Leute vor mir. Ich muss doch nicht denken, dass eines unter euch sei, das etwas nähme, was ihm nicht gehört?«

»Nein, Herr Schwarzbeck, nein«, riefen die Buben und schüttelten ihre Köpfe, aber alle Buben und Mädchen sahen zurück, wo auf der hintersten Bank Georg Hammerbach sass und jetzt den Kopf senkte.

»Ganz rot wird er«, tuschelten die Buben und Mädchen. »Sehr einmal, ganz rot!«

»Das will nichts sagen«, wehrte Herr Schwarzbeck. »Es kann jemand ein gutes Gewissen haben und doch rot werden, besonders, wenn alle Blicke sich auf ihn richten. Lasst das! Plagt ihn nicht!«

Die Kinder drehten ihre Köpfe wieder, versuchten aber nach links und rechts den Nachbarn bedeutungsvoll zuzunicken.

Herr Schwarzbeck trat vor Georg Hammerbach: »Georg, hast du das Reisszeug genommen?«

Georg schüttelte den Kopf und sah dann scheu zu den Kindern hinüber.

»Gelt, wenn du es genommen hättest, würdest du es mir tapfer sagen?« Zweimal wiederholte Herr Schwarzbeck die Frage.

»Ich hab es nicht genommen«, sagte Georg und neigte den Kopf und sah wieder so von unten herauf, wie es seine Gewohnheit war.

»Ich möchte dir gern glauben, Georg«, sagte Herr Schwarzbeck. »Es wäre sehr, sehr schlimm und du würdest mir von Herzen leid tun, wenn du mir eine Unwahrheit gesagt hättest. Wir reden später noch einmal zusammen.«

Mit einem heimlichen Seufzer begann Herr Schwarzbeck den Unterricht.

Am Abend hiess es auf dem Spielplatz, Herr Schwarzbeck sei bei Frau Hammerbach gewesen, die mit ihrer älteren Tochter eine Krawattennäherei hatte. Er habe lange mit Georg geredet und mit Frau Hammerbach; sie habe geweint und auch auf den Georg eingeredet und gesagt, er sei ein so seltsamer Bub. Aber sie hoffe doch zu Gott, dass er das Reisszeug nicht genommen habe. Die Geschichte mit dem Buch von Netti Tobel habe ihr schon Kummer genug gemacht.

»Gelt, Georg, du wirft doch nicht so eine Schande über uns bringen? Gelt, Georg, du hast es nicht getan?«

Georg schüttelte wieder nur den Kopf und machte seinen Arm los, den die Mutter gefasst hatte.

Oft während des Unterrichts in den nächsten Tagen sah Herr Schwarzbeck den Georg an. Wenn er es doch getan hätte –? Dann aber schlug er sich den Gedanken gleich wieder aus dem Sinn. Nein, so kann der Georg mich nicht anlügen. Nein, er hat es nicht getan. Er ist sicher unschuldig, der arme Bub!

»Der arme Bub«, sagte er auch zu den Kindern. »Denkt euch doch, wie arg es euch zumute wäre, wenn man von euch etwas Böses dächte und euch nicht glauben wollte, wenn ihr schon immer sagt, ihr habt es nicht getan.«

»Ja, Herr Schwarzbeck«, sagte Gustav Brenner, »aber weil er halt jenes Mal das Buch von Netti Tobel genommen hat.«

Die Buben und Mädchen standen, wie oft vor dem Beginn des Unterrichts, um Herrn Schwarzbeck herum und dann durfte man ganz frei plaudern.

»Das ist nun schon lange her; seitdem ist Georg klüger geworden und, denk ich, auch besser. Die Sache mit dem Buch war ihm sicher arg und da hat er sich gewiss vorgenommen, er wolle nie mehr so etwas tun.«

Ganz konnte aber Herr Schwarzbeck nicht verhindern, dass die Kinder gegen Georg ihr Misstrauen merken liessen. Früher beim Spiel hatten sie doch manchmal dem Georg, wenn er auf der Seite stand, zugerufen: »Komm, mach mit! Wir können noch einen brauchen zum Schwarzen Mann.« Das geschah jetzt nie mehr.

Oft, wenn er an ihnen vorbeiging, schaute der eine oder andere absichtlich und naserümpfend weg. Einmal, als Kienast sein neues Notizbüchlein auf der Bank hatte liegen lassen, rief das freche Kasperli: »Gib acht, Kienast! Weisst, in dieser Stube kommen manchmal Sachen weg!«

Ganz aufgebracht aber wurden die Leuenhofer Kinder, als auf der Strasse die Sekundarschüler anfingen, sie zu necken: »Ihr habt nette Leute unter euch! Wohl! Ihr braucht euch etwas darauf einzubilden, Leuenhofer zu sein!«

»Er nimmt unserer ganzen Schule die Ehre!« sagten die Sechstklässler. »Man kann sich bald nicht mehr zeigen im Städtchen.«

»Wenn er es aber nicht getan hat!« erwiderten Eva Imbach und Ottilie Eggenberg. »Herr Schwarzbeck sagt immer, er glaube es nicht.«

So ging es hin und her. Auch im Städtchen sprach man von der Sache und zuckte die Achseln.

Eines Tages kam Georg Hammerbach nicht zur Schule. Er sei krank, erzählte seine Schwester Berta dem Herrn Schwarzbeck auf dem Marktplatz. Er habe es wieder auf der Lunge wie die letzten Jahre auch im Februar und März. Er müsse im Bett bleiben.

Fast war es Herrn Schwarzbeck recht, dass die Krankheit, wenn sie doch sein musste, gerade in diese Zeit fiel. In ein paar Wochen, wenn Georg dann gesund wieder komme, würde die Sache doch etwas vergessen sein oder, was Herr Schwarzbeck immer noch hoffte, das Reisszeug wieder aufgefunden. Man hörte ja oft, wie verlorene Sachen auf ganz merkwürdige Weise wieder zum Vorschein kamen.

Nach einigen Tagen aber hiess es, diesmal habe es den Georg stärker gepackt. Er habe Fieber und huste die Nacht hindurch und wolle nicht essen.

Herr Schwarzbeck ging hin, um ihn zu besuchen. Frau Hammerbach empfing ihn an der Haustüre und sagte, dass Georg eine schlechte Nacht gehabt habe und jetzt schlafe.

»Ich komme ein anderes Mal«, entgegnete Herr Schwarzbeck und zog ein paar Orangen aus der Rocktasche.

»Wie der Georg sich freuen wird, wenn ich ihm erzähle, der Herr Schwarzbeck habe ihn besuchen wollen«, sagte Frau Hammerbach, indem sie die Orangen entgegennahm. »Er sagt immer, der Herr Schwarzbeck glaubt es, dass ich das Reisszeug nicht genommen habe, der glaubt es.«

»Denkt denn Georg jetzt in seiner Krankheit noch an die Geschichte?«

»Ach, die ganze Zeit, Herr Schwarzbeck! Die ganze Zeit! Er schwatzt jetzt überhaupt viel mehr, als wo er noch gesund war. Da hat man manchmal die längste Zeit kein Wort aus ihm herausgebracht. Jetzt geht es oft Viertelstundenlang fort, und immer halt das schreckliche Reisszeug. Man solle es den Kindern in der Schule sagen, so fängt er immer wieder an, dass er das Reisszeug nicht genommen habe, besonders dem Himperlein, damit es nicht mehr so Grimassen mache. Und den Sekundarschülern müsse man es auch sagen, damit sie ihm nicht mehr nachrufen, wenn er wieder in die Schule gehe.« –

»Aber Georg, hab ich heut morgen wieder gesagt, lass das jetzt einmal sein; es glaubt ja niemand mehr, dass du das Reisszeug genommen hast. Ich sage ihm das immer zum Trost. Ich weiss wohl, dass geredet wird im Städtchen. Vorgestern ist die Berta heimgekommen und hat geweint. Sie ist zu Frau Haldenreuter in den Laden gegangen wegen Seife, und da seien Emilie Rott und Anna Pilgerstein dort gewesen, mit denen sie konfirmiert worden ist, und die haben auf einmal aufgehört zu reden und die Berta so sonderbar angesehen; sie habe gut gemerkt, dass man von der Sache gesprochen habe.«

»Und der Bub lässt es sich auch nicht ausreden?« fragte Herr Schwarzbeck.

»Mutter«, sagt er immer wieder, »solange das Reisszeug nicht zum Vorschein komme, könne man mir nicht glauben, haben sie in der Schule gesagt.«

Die Mutter wischte sich die nassen Augen. »Dass er jetzt zur Krankheit auch noch das haben muss!«

Herr Schwarzbeck schüttelte den Kopf.

»Das darf nicht sein! Nein! Das darf nicht so weitergehen. Der arme, arme Bub!«

»Nicht wahr?« Frau Hammerbach sah Herrn Schwarzbeck dankbar an. »Er ist wohl ein eigener, der Georg; aber bös ist er nicht. Er hilft mir, wo er kann. Er wischt den Hausgang und putzt die Schuhe; und Kaffee machen kann er auch schon ganz nett. Ich hab manchmal so eine Angst, Herr Schwarzbeck. Es wird mir mit dem Georg doch nicht gehen wie mit dem Mimeli selig; es war grad so alt, wie es gestorben ist.«

Herr Schwarzbeck suchte sie zu beruhigen und drückte ihr die Hand. Dann ging er nachdenklich davon.

Frau Hammerbach machte sich an ihren Krawattenkorb und nähte eifrig. Von Zeit zu Zeit sah sie hinüber zu Georg.

Nach kaum einer halben Stube erwachte er und sie ging mit den Orangen zu ihm hin.

Georg wurde rot vor innerer Freude, als er hörte, dass Herr Schwarzbeck ihn habe besuchen wollen; er behielt die Orangen in der Hand und roch daran.

»Am Abend zerschneidet die Berta dann eine, weisst du, so künstlich in einen Stern«, sagte die Mutter.

»Ja«, erwiderte Georg. »Einmal hat Eva Imbach in der Pause auch eine so zerschnitten.« Er sah vor sich hin und sein Gesicht bekam auf einmal wieder einen sorgenvollen Ausdruck.

»Weisst, Mutter – es ist halt wegen – wegen dem Buch von Netti Tobel, dass sie mir nicht glauben. Wenn das nur nicht gewesen wäre – gelt, Mutter.«

Die Mutter seufzte. »Du musst nicht immer daran denken, Georg!« wehrte sie.

»Ja, weisst Mutter, ich muss halt«, sagte Georg. »Das denkt immer so von selber in meinem Kopf. Immer weiter, wenn ich schon nicht will. Weisst, so ringsum, immer das Reisszeug und dann dem Netti Tobel sein Stechbuch und dann wieder das Reisszeug.«

»Probier manchmal ein wenig zu rechnen«, riet die Mutter: »Das sei gut für’s Einschlafen, hat mein Vater immer gesagt. Sag einmal das Einmaleins auf!«

Die Mutter ging an ihren Nähtisch zurück und arbeitete beruhigt weiter, als sie aus dem Kämmerlein halblaut hörte: fünf mal sieben ist fünfunddreissig, sechs mal sieben ist zweiundvierzig. Nach einer Weile hörte es aber wieder auf.

Frau Hammerbach sah mit der Arbeit in der Hand hinüber.

»Das hilft mir nichts, Mutter; das ist zu leicht«, sagte Georg.

»So probier es mit dem grossen Einmaleins«, schlug die Mutter vor. »Ich kann es nicht. Aber ich habe schon gehört, es gebe ein grosses.«

»Das haben wir noch nicht gehabt«, erwiderte Georg.

»Oder dann ein Gebet! Ein Gebet ist immer das Beste. Das ist so ein schönes:

Müde bin ich, geh zur Ruh
Schliesse meine Augen zu« –
– »Vater lass das Auge dein
Über meinem Bette sein«

fuhr Georg willig fort:

»Hab ich Unrecht heut getan« ...

Leise sagte er das ganze Gebet zu Ende. Als die Mutter wieder hereinsah, hatte er die Augen geschlossen. Sie wusste nicht recht, ob er schlafe; aber sie war so froh, dass er ruhig war und winkte Berta, die hereinkam, recht still zu sein.

In der Nacht jedoch ging es wieder an.

»Mutter« – flüsterte Georg von seinem Bett herüber – man merkte an seiner Stimme, dass er ganz hell wach war – »Mutter, gelt, aber der liebe Gott weiss, dass ich das Reisszeug nicht genommen habe?«

»Der liebe Gott –?« Die gute Mutter war gerade eingeschlafen. »Ja, ja. Der liebe Gott weiss es ganz gewiss.« –

»Ich möchte halt nicht, dass, wenn ich etwa sterben würde und in den Himmel käme, dass es der liebe Gott nicht wüsste« – fuhr Georg fort.

»Was redest du auch vom Sterben«, sagte die Mutter erschrocken. »Behüte uns! Du stirbst nicht, Georg, du wirst bald wieder ganz gesund. Und dann sind wir wieder vergnügt zusammen, du und die Berta und ich. Und dann gehen wir im Sommer zum Vetter nach Weltishofen und die Base bäckt uns von ihren Salbeiblättern Mäuslein.«

»Ich mag keine Mäuslein.«

»Ja im Sommer, wenn du wieder gesund bist, magst du sie ganz sicher. Wie hast du doch schnabuliert letztes Jahr. Und in die Erdbeeren gehen wir dann! Weisst du noch, den Wald ganz in der Nähe von Weltishofen –?«

»Ja«, sagte Georg jetzt, einen Augenblick erfasst von der schönen Erinnerung. »Ja, der Bub vom Vetter, der Konrad, ist auch dabei gewesen. Er hat die besten Plätze gewusst. Er geht in die Sekundarschule. Er –« Georg stockte, als ob er sich auf etwas besänne – »Du, Mutter, er hat fast ein gleiches Reisszeug wie Gustav Brenner –«

Der Mutter gab es einen Stich. Jetzt war man auf einmal wieder bei dem unglücklichen Reisszeug.

»Ich glaube gar nicht, dass es gleich war. Ich erinnere mich nicht«, suchte sie abzulenken. »Aber eine Armbrust hatte der Konrad, du weisst doch noch die Armbrust? Ihr habt hinter dem Haus geschossen –«

»Ja«, sagte Georg, aber man merkte, dass er nicht an die Armbrust dachte.

Die Mutter seufzte schwer. Das war doch zum Verzweifeln. Kummervoll horchte sie noch lange nach Georgs Kämmerlein, bis sie doch wieder einschlief, ermüdet von der schweren Tagesarbeit.

Herr Schwarzbeck schloss heute morgen seine Sprachstunde etwas früher. Er wollte mit den Kindern reden und winkte sie zu sich her. Sie stellten sich in dichtem Kreis um sein Pult herum.

»Es ist wegen Georg«, sagte Herr Schwarzbeck, und erzählte ihnen von seinem Besuch gestern bei Frau Hammerbach, und wie sehr der kranke Georg darunter leide, dass man ihn für einen Dieb halte.

»Das ist ganz furchtbar für ihn; das ist viel ärger als die ärgste Krankheit und als alle Schmerzen«, fuhr Herr Schwarzbeck fort. »Das geht an die Ehre. Ihr wisst doch, was das ist, «Ehre»? Ihr habt doch auch eine?«

Die Buben und Mädchen besannen sich. –

Ehre? Ja, das ist, wenn man es schrecklich ungern hat, dass die Leute etwas Unrechtes von einem glauben.

Herr Schwarzbeck lächelte: »Ja, so ungefähr. Die Hauptsache ist allerdings, dass man nichts Unrechtes getan hat. Dann hat man die inwendige Ehre und das gute Gewissen nicht verloren. Das hat ja auch unser Georg, das gute Gewissen; denn er ist unschuldig. Er hat das Reisszeug nicht genommen; davon bin ich fest überzeugt.«

Herr Schwarzbeck sagte das mit sehr ernster Stimme, und die Kinder hörten ihm ernsthaft zu.

»Wenn man aber mit anderen Menschen zusammenlebt, möchte man auch die äussere Ehre, den guten Ruf, besitzen. Es ist schrecklich, wenn man einem beides nimmt. Viel lieber um Geld und Gut kommen als um die Ehre. Georg ist bitter unglücklich, dass man sie ihm genommen hat. Wir müssen ihm helfen; er soll sie wieder bekommen. Wir müssen sehen, wie wir das anfangen.«

In diesem Augenblick klopfte es an die Türe, und der Herr Pfarrer trat herein. Er hatte mit Herrn Schwarzbeck etwas zu besprechen.

So schickte dieser denn die Kinder hinaus in den Hof zur Pause. Nachher könne er ja weiter mit ihnen reden.

Einen Augenblick sahen die Buben und Mädchen sich draussen an; es war eine so seltsame und wichtige Sache.

Dann aber ging es los. Sara Wiebold gewann zuerst die Rede wieder.

»Ja, das ist schrecklich, das weiss ich, wenn man in der Nacht immer an etwas denken muss! Einmal bin ich krank gewesen und habe Fieber gehabt und habe immer an eine grosse, grüne Eidechse denken müssen, und habe gemeint, ich sehe sie, wie sie über die Bettdecke zu mir herkroch. Immer, wenn ich noch so wollte nicht an sie denken, kam sie. Hu!« –

»Ach, Sara! Wie kannst du jetzt das vergleichen; die dumme Eidechse und das Reisszeug!«

»Das ist doch ganz etwas anderes für den Georg«, erwiderten die Kinder.

»Ja«, sagte Eva Imbach, »das ist doch tausendmal ärger für den Georg. Mich erbarmt er recht. Denn er ist unschuldig. Ihr habt gehört, wie es Herr Schwarzbeck wieder gesagt hat.« –

»Wenn jetzt nur das Reisszeug auf einmal zum Vorschein käme«, sagte Hans Kündig; »dann könnte man es machen wie in der schönen Geschichte, die ich einmal gelesen. Sie hiess «Der Ring des Königs.»Da ist auf einmal ein kostbarer Ring verschwunden, den der König besonders liebte, und man hatte Verdacht auf seinen Schreiber Theophilos. Der kam ins Gefängnis, wenn schon er immer sagte, er sei unschuldig. Da, nach vielen Wochen fand ein Edelknabe des Königs im Nest einer Elster den Ring. Der König beschloss nun den Schreiber besonders zu ehren, und als eines Tages Theophilos traurig in seinem Kerker sass, da ging die Türe auf, und der König kam mit seinen Hofleuten und brachte ihm Geschenke. Er wurde befreit; und der König machte ihn zu seinem ersten Vertrauten« –

»Ja«, sagte einer der Buben. »Wenn man jetzt nur auch das Reisszeug so fände.«

»Ja«, meinte ein anderer. »Aber mein Vater sagt allemal, es gehe halt im Leben nicht immer wie in den Geschichten« –

Die Buben und Mädchen sahen einander an. »Hört«, sagte dann aber Ernst Hutter, »Hört! Man könnte doch eine Ehrenrettung machen! Das würde den Georg noch mehr freuen, wenn man ihm sagen würde, auch ohne dass das Reisszeug gefunden sei, glaube die ganze Klasse an seine Unschuld.«

»Man müsste zuerst abstimmen, ob die ganze Klasse es glaubt«, warf Walter Kienast ein, die Hände nach seiner Gewohnheit in den Hosentaschen.

»Also! Stimmen wir ab!« rief Ernst Hutter.

»Wer es glaubt, der kommt daher zum Leuen«, schlug Eva Imbach vor und stellte sich mit ihren Freundinnen an die alte Steinsäule, wo Ernst Hutter und Nuschka schon standen.

Einige der Buben und Mädchen traten rasch herzu – auch das Himperlein – ohne sich zu bedenken; wenn doch Herr Schwarzbeck es so fest glaubte, und wenn doch der Georg in seinem Bett so traurig war!

Andere überlegten einen Augenblick, kamen dann aber auch. Es war doch eigentlich viel schöner, das Gute zu denken von jemand; man kam sich selber dabei wie besser und viel tapferer vor.

Als letzter blieb noch Walter Kienast drüben.

»Natürlich – das ist wieder der Kienast!« riefen alle hinüber.

»Es ist nur – wenn man halt an das Stechbuch denkt« sagte Kienast.

»Ach du!« rief Eva Imbach zornig. »Sei du nur nicht so. Jedes hat doch einmal etwas Unrechtes getan. Das wäre schön, wenn man dann immer fortfahren müsste! Es ist einem doch allemal leid, und dann tut man es eben grad nicht mehr. Jetzt komm nur auch hinüber!«

Walter Kienast kam.

»Aber du musst es fest glauben«, sagte Ernst Hutter, der die Sache recht haben wollte.

»Wenn ich’s nicht glaubte, käme ich nicht«, machte Kienast trocken.

Jetzt sahen die Kinder erst, dass Herr Schwarzbeck am Fenster stand und sie hereinrief. Der Herr Pfarrer schritt das Strässchen hinunter dem Wendeltor zu.

Die Kinder stürmten ins Schulzimmer. »Herr Schwarzbeck«, riefen sie, »wir haben eine Abstimmung gehalten! Alle sind auf der Seite von Georg Hammerbach, dass er unschuldig sei! Wir möchten eine Ehrenrettung machen, ja, wie in der Geschichte von dem Schreiber Theophilos. Erzähl doch Herrn Schwarzbeck die Geschichte vom Theophilos, Hans!«

Hans Kündig suchte sich vorzudrängen; aber er kam nicht recht zu Wort; alle redeten ihm drein und erzählten auch.

»Halt, nicht alle auf einmal. Nicht so hitzig!« mahnte Herr Schwarzbeck. Innerlich aber freute er sich über seine Leutchen.

Auf einmal fiel Walter Kienast dazwischen.

»Herr Schwarzbeck«, sagte er, »jetzt fällt mir’s ein, es nützt nichts; man kann doch nichts machen!«

Die Kinder schwiegen betroffen. Felix Kleinhans gab ihm einen Puff, wenn er auch noch nicht wusste, ob er ihn verdiene oder nicht.

»Herr Schwarzbeck«, sagte Walter Kienast und gab heimlich den Puff zurück. »Wenn bloss wir glauben, dass Georg Hammerbach das Reisszeug nicht genommen hat, aber die Sekundarschüler nicht und die Leute im Städtchen herum nicht« –

Die Buben und Mädchen sahen Herrn Schwarzbeck an. Hatte Walter Kienast recht? Nützte es nichts?

Aber Herr Schwarzbeck lächelte. »Wir werfen die Flinte nicht gleich ins Korn. Wenn im Städtchen die Meinung noch gegen unfern Georg ist, so müsst ihr nun euch für ihn wehren. Durch euer Gerede ist er eigentlich in Verdacht gekommen; jetzt müsst ihr ihn wieder heraushauen, wie man im Krieg sagt.«

Die Buben machten entschlossene Gesichter. Sie wussten noch nicht genau, wie Herr Schwarzbeck es meine; aber »wehren« und »heraushauen« und ein bisschen »Krieg«, das war immer etwas Feines.

»Die meisten von euch haben ein recht gutes Mundstück«, – aller Augen richteten sich auf Sara Wiebold, – »jetzt wendet es einmal einen Abend lang an. Sagt überall, wo ihr nur hinkommen könnt, was wir im Leuenhof von unserem Georg halten. Lasst nicht locker, bis ihr das ganze Städtchen auf unserer Seite habt. Ist das nicht ein schöner Kampf, einem Kameraden seinen guten Namen zurückzuerobern?«

»Ja, ja!« riefen alle, Mädchen wie Buben.

»Wir hauen ihn heraus! Wir hauen ihn heraus!«

Mit etwas Mühe ging es nun durch die zwei noch folgenden Stunden, und um zwölf Uhr rannten die Leuenhofer heim, als ob sie noch vor dem Mittagessen zum Sturm gegen die Meinung im Städtchen anlaufen wollten.

Und nun ergab sich, dass der Kampf gar nicht so schwer war. Schon um zwei Uhr, vor der Nachmittagsschule, konnten einige von gutem Erfolg berichten.

»Einmal bei uns in der Bäckerei und im ganzen Haus glaubt es niemand mehr«, erzählte Ottilie Eggenberg.

»Für die Sekundarschule haben es meine beiden Brüder übernommen«, meldete Felix Kleinhans. »Ja, und meine Schwester«, fügte Ernst Hutter bei. »Sie sagen es ihnen schon recht. Vielleicht stimmen sie auch ab. Und der Herr Labhart wird dann wohl auch helfen.«

»Ich werde sein den ganzen Abend im Laden«, erklärte Nuschka, »und jedem sagen, dass Georg es nicht getan hat und dass der serr schlecht ist, der es glaubt.«

Sara Wiebold kam erhitzt, aber mit wichtiger Miene als letzte in der Schule an. Sie hatte schon die ganze Mahlergasse und die kleine Rosengasse abgemacht.

»Ich hab es ja heut auf dem Heimweg gesagt«, hänselte Walter Kienast. »Wir brauchen uns gar nicht so zu bemühen; die Sara bringt’s allein zustande!«

Sara konnte ihm grad noch, bevor Herr Schwarzbeck den Unterricht begann, halb stolze, halb beleidigte kleine Grimassen schneiden.

Es war noch nicht sieben Uhr abends, als im Städtchen schon niemand mehr war, der nicht an Georg Hammerbachs Unschuld geglaubt hätte.

Zuerst fragte man noch ein bisschen hin und her. Woher man denn jetzt auf einmal so sicher sei? Ob das Reisszeug gefunden sei? Das nicht, hiess es dann; aber die Leuenhofer Kinder stehen wie ein Mann dafür ein, dass der Bub unschuldig sei, und der Herr Schwarzbeck sage es auch, und er und die Leuenhofer werden es wohl wissen; die kennen ja den Georg am besten. Nun, also dann werde es so sein, sagten die Dritten. Es sei überhaupt nicht recht gewesen, dass man den armen Buben in Verdacht gehabt habe. Er sei noch dazu so krank. Es sei überhaupt die Frage, ob er durchkomme. Freilich, es sei da einmal etwas gegangen mit einem Buch; aber das sei jetzt schon lange seither, und Hammerbachs seien sonst so brave Leute. Die Berta habe letzthin geweint. »Einmal ich habe gar nie daran geglaubt«, sagte Frau Haldenreuter.

»Ich auch nicht, ich eigentlich auch nicht!« stimmten ein paar andere Frauen ein, die auch dabei standen.

Schliesslich wollte gar niemand je einen Verdacht gehabt haben. Und alles bedauerte den Georg und seine Mutter und sagte, es sei doch nicht recht, jemand so ins Gerede zu bringen.

Es war grade zwölf Uhr. Georg sass aufrecht in seinem Kissen und löffelte langsam und etwas widerwillig die Griesssuppe, die Berta ihm gebracht hatte. Da ging die Haustüre, und Georg hörte draussen sprechen. Er horchte. Dann machte jemand leise die Türe seines Stübchens auf. Herr Schwarzbeck trat herein und hinter ihm die Mutter. Georg war es, als ob sie wieder weine.

Herr Schwarzbeck trat an Georgs Bett.

»Aha«, sagte er scherzend, »Jetzt hat er die Augen offen. Das letzte Mal wollte er nichts von mir wissen! Guten Tag, Georg! Wie geht es denn?«

Georg sah etwas verlegen nach der Mutter.

Herr Schwarzbeck aber setzte sich ans Bett.

»Jetzt horch, Georg«, sagte er. »Jetzt hab ich dir etwas ganz Prächtiges zu erzählen. Denk, die ganze Klasse lässt dir sagen, sie seien jetzt alle ganz, ganz sicher, dass du unschuldig seist. Und die Sekundarschule auch; sie lassen es dir extra sagen durch mich.«

Georg sah Herrn Schwarzbeck mit grossen Augen an, als ob er noch nicht recht begriffe.

»Ja, denk, das ganze Städtchen ist überzeugt von deiner Unschuld. Denk, Georg – kein einziger mehr weit und breit, der noch glaubte, dass du etwas Böses getan habest. Ich bin gestern abend noch im «Bären»gewesen; da hab ich den Herrn Pfarrer getroffen und den Herrn Gemeindepräsidenten; sie lassen dich beide grüssen, Georg. Denk, der Herr Pfarrer und der Herr Gemeindepräsident! Dass du mir jetzt nur nicht stolz wirst!« –

Georg war dunkelrot geworden; seine Augen leuchteten.

»Mutter!« rief er und richtete sich in die Höhe. »Mutter, keines im Leuenhof glaubt mehr, dass ich’s getan habe. Und in der Sekundarschule auch nicht mehr und im ganzen Städtchen niemand mehr, Mutter!«

»Ja, ja, ich weiss«, sagte die Mutter und trat ans Bett.

»Dann musst du aber nicht weinen«; Georg begriff nicht, dass die Mutter aus Freude weinte.

»Berta«, rief er dann. »Wo ist die Berta? Weiss sie es schon? – Man muss es ihr sagen!«

Georgs Stimme zitterte; man merkte, wie ihm das Herz klopfte. So gross war seine Freude, dass seine arme kleine Ehre nun wieder hergestellt war.

Herr Schwarzbeck legte die Hand auf Georgs Arm. »Nur gemach, lieber Bub. Du hast jetzt alle Zeit, dich zu freuen.«

Und dann erzählte Herr Schwarzbeck ihm von der Abstimmung im Leuenhof. Und wie alle auf Ernst Hutters Seite hinüber getreten seien.

»Der letzte, das kannst du dir denken, ist Walter Kienast gewesen. Der muss sich immer am längsten besinnen.«

»Ja«, sagte Georg. »Aber im Winter, beim Schlittschuhlaufen, hat er mich gelehrt Bogen fahren.«

»Eben«, nickte Herr Schwarzbeck. »Er meint’s ganz gut. Also kurz, eine glänzende Abstimmung war es. Und wenn der Leu hätte können, er wäre er auch noch von seiner Säule heruntergekommen und wäre auf Ernst Hutters Seite getreten.«

Georg lachte. Es war seltsam, wie das magere, kleine Gesicht, das so lange nicht mehr gelacht hatte, sich verzog.

»So«, schloss Herr Schwarzbeck, »und jetzt isst man ganz ruhig seine Griesssuppe und den schönen Spinat mit dem Ei, den die Berta da bringt, und dann legt man sich aufs Ohr und schläft ein langes Nachmittagsschläfchen, wie ein alter Ratsherr.«

Georg sah Herrn Schwarzbeck glücklich an.

»Ja, jetzt muss ich nicht mehr immer an das Reisszeug denken«, sagte er behaglich. Und während Herr Schwarzbeck draussen mit der Mutter noch sprach, atmete Georg ein paar Mal tief auf, als ob er versuche, ob es ihn nicht mehr drücke auf dem Herzen. Nein, die Last war fort.

Am Nachmittag schien die Märzsonne hell in Georgs Stübchen. Die Mutter kam leise herein und sah, dass Georg erwacht war. Er lag ganz wohlig da und blinzelte mit den Augen.

»Was ist doch das für ein Glück«, dachte sie vor sich hin. »Nein, der liebe Gott meint es dann allemal doch wieder gut mit einem. Ganz ein anderer Bub ist er, der Georg.«

Sie überlegte, ob sie ihm schon die Milch bringen wolle.

»Einmal zu Mittag hat es ihm geschmeckt. Seit er krank ist noch nie so. Vielleicht kommt jetzt der Appetit wieder!«

Da ertönte von der Gasse herauf ein Gesang. Ein Gesang von Kinderstimmen. Es war das liebe einfache:

»Weisst du, wie viel Sternlein stehen
Dort am blauen Himmelszelt.« ...

Was war doch das?

»Mutter! Horch«, rief Georg.

Von draussen aber kam Berta herein.

»Die Leuenhofer sind es! Sie singen dir! Damit du eine Freude habest. Und weil es ihnen so leid sei.« –

»Extra wegen mir sind sie gekommen – .«

Wieder stieg eine Röte in Georgs Gesicht auf.

»Horcht – jetzt kommt die zweite Strophe! Man hört ganz gut den Arnold Zwickel und den Robert Kaiser; das sind die besten in der zweiten Stimme«, flüsterte er.

Er lauschte. Es wurde ihm ganz seltsam ums Herz. In die Augen kamen ihm Tränen. Er merkte jetzt auf einmal, dass man weinen könne, wenn einem sehr wohl zumut sei. Dann lächelte er wieder vor sich hin.

Drunten begann ein neues Lied.

»Das ist der Butzemann! Das ist furchtbar lustig. Horcht.« –

»Es geht ein Butzemann in unserm Haus herum, didum ...«

Leise summte Georg mit. Dann sah er wieder die Mutter an.

»Du – wegen mir extra sind sie gekommen!«

Das Lied drunten war zu Ende. Es klopfte an die Türe. Als Berta aufmachte, traten Eva Imbach und Ottilie Eggenberg, Ernst Hutter und Walter Kienast herein. Eva trug einen schönen, gelbblühenden Tulpenstock. Ottilie hatte einen Strauss Märzenglöcklein, Ernst eine kleine Flasche Himbeersaft und Walter ein dunkelblaues Mäppchen.

Etwas verlegen blieben die Kinder an der Türe stehen. Georg sah doch recht fremd aus in seinen weissen Kissen.

Frau Hammerbach aber kam ihnen entgegen.

»Nein aber, was denkt ihr auch! Nein, so schöne Tulipanen und Märzenglöcklein. Sieh doch, Georg! Und der prächtige Saft und das nette Mäppchen!«

»Es sind Bildchen drin«, erklärte Ottilie. Eva Imbach aber trat zu Georg.

»Die ganze Klasse lasse dich grüssen«, richtete sie aus, »und es sei ihr schrecklich leid, dass man nicht nett gegen dich gewesen sei, und du sollest nicht mehr bös sein.« –

Georg war bei allem Glück doch auch ein wenig verlegen.

»Ich lasse auch alle grüssen«, sagte er. »Ich bin nicht bös. Ich weiss schon«, sein Gesicht bekam noch einmal ein bisschen einen schmerzlichen Ausdruck, »es ist halt wegen dem Netti Tobel seinem Buch, dass ihr es gemeint habt.« –

Die Kinder wussten nicht recht, was sie sagen sollten.

Aber Herr Schwarzbeck war auch eingetreten.

»Das ist jetzt vorbei«, sagte er. »Das hast du hundertmal gebüsst. Das hat der liebe Gott dir längst verziehen, und Netti und wir alle haben es vergessen, und du denkst nun auch nimmer dran und tust heut und morgen und übermorgen bloss dich freuen.«

Georg lächelte wieder glücklich und nahm den Strauss Märzenglöcklein in die Hand und roch daran, während Ernst Hutter und Walter Kienast die Bilder vor ihm ausbreiteten.

»Siehst du«, sagten sie, »alle haben ihre Namen hingeschrieben, damit du weisst, von wem jedes Bild ist.«

Und nun begann eine lebhafte Unterhaltung über die Bilder.

»Sieh, wie hübsch die Tellskapelle im Mondschein; die ist von Robert Kaiser – und da, die Eidgenossen mit Hans von Hallwyl vor der Schlacht bei Murten; das ist von mir. Und das nette Kränzchen von getrocknetem Moos hat Hedwig Bühler selbst gemacht. Und da, das feine Normannenschiff . – Nein, und sieh einmal, das Bildchen von Nuschka kann man aufmachen; dann sieht man eine Taube drin auf einem roten Abendhimmel. – Und da, auf dem sind die Schweizer Kantonswappen – kennst du alle, Georg? Weisst du überhaupt die Kantone der Reihe nach?«

»Halt, halt«, wehrte nun aber Herr Schwarzbeck. »Heute hält man keine Geographie- oder Geschichtsstunde. Sonst zankt uns der Herr Doktor. Ein knappes Viertelstündchen hat er erlaubt. Das ist jetzt um. Sagt eurem Kameraden Leb wohl und singt unten noch ein Schlusslied. Was möchtest du gern hören, Georg?«

Georg besann sich.

»Morgenrot, Morgenrot hab ich am liebsten.«

»So etwas Ernstes? Nun also! Gelt, wenn man froh ist, sind gerade die ernsten Lieder die schönsten.«

Die vier Kinder gingen. Und das alte Reiterlied klang herauf. Georg legte seinen Kopf etwas müde, aber mit glücklichem Gesicht in die Kissen und lauschte. Die Mutter und Berta standen unter dem Fenster, und die Nachbarn auf der Gasse und in den Häusern hörten zu und nickten freundlich zu Frau Hammerbach hinüber.

Am anderen Tag sprachen die Leuenhofer Kinder die Pausen hindurch fast nur von Georg, wie er sich gefreut habe über die Blumen und die Bilder und wie er ganz anders dreingeschaut habe, viel freundlicher. Wenn er gesund sei, wolle man dann recht nett mit ihm sein.

»Ja, er muss immer mitspielen; er mag gewiss gern. Er ist nur manchmal so sonderbar gewesen und hat gemeint, man möge ihn nicht. Beim Laufball schlägt er famos.« –

»Ja, und wenn er zum ersten Mal wieder in die Schule kommt, machen wir um seinen Platz einen Kranz und ein weisses Schildchen mit «Willkommen»drauf! Ernst Hutter muss es machen oder Eva Imbach, so mit Gold und Schwarz. – Oder wir hängen es an die Türe und den Kranz drum herum.«

»Ja, da wird der Georg gucken! Da bekommt er dann wieder so rote Backen, wie gestern, wo wir ihm die Sachen gebracht haben!«

Die Buben und Mädchen konnten es kaum erwarten, bis Georg wieder komme.

Am ersten und zweiten Tag hiess es, es gehe Georg besser; er möge essen und sei so munter. Als aber am dritten Tag wieder ein paar Kinder kamen und fragten, ob sie ein wenig herein dürften, schüttelte Frau Hammerbach den Kopf.

»Leider nein. Der Herr Doktor erlaubt’s nicht. Georg hat mehr Fieber. Will’s Gott, ist’s morgen dann wieder besser.«

Es wurde morgen aber nicht besser und auch die folgenden Tage nicht. Es war, als ob Georgs Lebenslichtlein nur an dem schönen Tag seiner Ehrenrettung noch einmal aufgeflackert hätte, um dann umso rascher herunterzubrennen.

Er liege matt und fiebrig in seinem Bett, erzählte Frau Hammerbach bekümmert Herrn Schwarzbeck. Man wisse manchmal nicht, ob er schlafe oder nicht. Auf einmal zwischenhinein werde er wieder munterer, und dann müsse sie ihm allemal die Bilder herholen und er blättere sie durch: »Das ist von Eva Imbach«, sage er, »und das von der Nuschka, das von Arnold Zwickel und das von Walter Kienast.«

Bald aber schiebe er sie wieder weg und sehe so ins Leere hinaus und murmle allerlei, was man nicht verstehe.

»Wenn ich ihn dann frage, so sieht er mich so fremd an. Er ist manchmal nicht ganz bei sich selber. Gestern nacht hat er auf einmal wie vor sich hin gelacht und dann leis das Lied da von dem Butzemann zu singen angefangen. Es war unheimlich, so in der Nacht das lustige Lied. Das Stimmlein war so zittrig und schwach. Aber lieber doch das hören, als wenn dem armen Buben jetzt immer das Reisszeug in das Fieber hineinkäme. Wissen Sie, Herr Schwarzbeck, wie es vorher war, immer das Reisszeug! Gott sei Lob und Dank, das ist jetzt vorbei.«

Herr Schwarzbeck trat sachte ins Stübchen an Georgs Bett, fasste des Buben Hand und strich ihm über das Haar. Einen Augenblick schien der Bub ihn zu kennen und lächelte. Dann machte er ein ernsthaftes Gesicht, wie wenn er sich auf etwas besänne. »Alle zwölf Schritte ein Bäumchen«, sagte er, »wie viel Bäumchen braucht es, wenn die Strasse – wenn die Strasse « ... Georg stockte und drehte sich und schien wieder einzuschlummern.

Herr Schwarzbeck ging mit Frau Hammerbach hinaus und kehrte dann betrübt heim. Der Herr Doktor hatte ihm heute gesagt, dass er Georgs Zustand für hoffnungslos ansehe.

Und schon am Samstag darauf ging es mittags durchs ganze Städtchen, dass Georg Hammerbach gestorben sei.

Jedes der Leuenhofer Kinder, das am Nachmittag auf den Spielplatz vor dem Wendeltor ging, wollte die Kunde hinbringen. Aber jedes dort wusste sie schon.

Bestürzt und ernst sahen die Buben und Mädchen einander an. Gestorben war der Georg. Tot – wie traurig das war und wie seltsam! Dort auf den Brettern hatte er immer gesessen, wenn er nicht mitspielte und hatte zugeschaut. Jetzt kam er nie mehr daher vors Wendeltor – und nie mehr in die Schule. Und das Aufsatzheft, das er noch am letzten Tag angefangen hatte, schrieb er nie mehr fertig. Mit geschlossenen Augen lag er jetzt auf seinem Bett in der kleinen Stube. Und übermorgen legte man ihn ins dunkle, tiefe Grab.

»Das ist schrecklich, schrecklich«, sagte Ottilie Eggenberg schaudernd. »Er war so nett zuletzt, der Georg – Wisst ihr noch, wie er sich gefreut hat über die Bildchen! Mein Vater hat vorgestern noch gesagt, wenn es dem Georg besser gehe, dürfe ich ihm einen kleinen Gugelhopf bringen.« Ottiliens Augen füllten sich mit Tränen.

»Ob Herr Schwarzbeck schon weiss, dass Georg gestorben ist?« fiel es jetzt den Kindern ein.

»Ich gehe hin – ich auch!« Die ganze Schar nahm den Weg durch die Wendeltorgasse.

Herr Schwarzbeck stand in seinem Gärtchen. An seinem ernten Gesicht sahen die Kinder, dass er die Kunde vernommen hatte.

»Unser armer, guter Georg«, sagte er, als die Kinder ihm die Hände entgegenstreckten. »Wie traurig, dass wir ihn verlieren mussten! Ihr habt euch gefreut auf die Zeit, da er wieder in die Schule kommen würde. Ihr habt wollen recht gut und freundlich mit ihm sein –«

Betrübt sahen die Buben und Mädchen Herrn Schwarzbeck an.

»Jetzt können wir seinen Platz nicht bekränzen. Eva hat schon an dem «Willkommen»angefangen, und drum herum wäre eine Girlande gekommen.«

»Nein, seinen Platz könnt ihr ihm zum Willkomm nun nicht mehr schmücken; aber einen Kranz zum Abschied wollt ihr ihm doch noch schenken?«

»Ja, o ja! einen Kranz auf seinen Sarg! Gritli Wegmanns grosse Schwester kann so schöne Kränze machen. Die macht ihn uns gewiss, gelt, Gritli? Wir holen im Schättenwald Weissnen- und Rottannenzweige.«

»Wir haben im Garten Bux«, rief Walter Kienast. »Und wir Taxus und Zypressen –«

Die Kinder liefen eifrig davon. Einen recht schönen, grossen, dicken Kranz musste der Georg gekommen. –

Auf dem Tisch im Hausgang bei Wegmanns häufte sich das Grün. Und immer aufs neue kamen die Kinder mit Armen und Schürzen voll Zweigen.

Gritlis grosse Schwester und ihre Freundin wählten die Zweige aus und banden sie zu einem prächtigen festen Kranze. Und die Leuenhofer Kinder sahen zu und sprachen leise miteinander. Sophie Berchtold, die in der Nähe von Hammerbachs wohnte, erzählte, Georgs Mutter habe gesagt, sie dürften kommen und Georg noch einmal sehen.

»O, ich fürchte mich vor toten Menschen«, sagte Nuschka, die auch dabei stand, und hielt die Hände vors Gesicht.

Aber das sonst so stille Anneli Hertig versicherte, sein Vater, als er im Sarg lag, habe nicht zum Fürchten ausgesehen. Die Mutter sei lange mit ihm davor gestanden und habe gesagt, es solle ihn nur noch recht ansehen und ihn sein Leben lang nicht vergessen, den guten Vater. –

»Einmal wir gehen hin«, sagten die Buben. »Wir auch«, rief Eva, und Nuschka entschloss sich ebenfalls dazu, als Eva ihr sagte, sie fände es feig, nicht noch zum letzten Mal zu dem armen Georg zu gehen.

Dann waren die Kinder wieder still. Der Kranz wurde immer dichter; dunkelgrüne Büschel wechselten ab mit hellen. Die Zypressen verbreiteten einen starken Geruch.

»Es riecht von Tod« sagte Netti Tobel leise.

Endlich war der Kranz fertig.

Es wurde beschlossen, dass die vier Buben, die in der Schule Georg am nächsten sassen, ihn zu Hammerbachs tragen sollten, und zwar vorsichtig auf einem Brett. Die anderen gingen hinten drein. Es wollte schon dunkel werden.

Unter der Türe stand Berta Hammerbach. »Wie schön! wie schön!« sagte sie, als sie den grossen Kranz sah, den die Buben im Hausgang niederlegten. »Wie würde er sich freuen, der Bruder!«

»Ihr wollt ihn noch sehen«, schluchzte sie. Ernst Hutter hatte angeordnet, dass sie sich in zwei Gruppen teilen. Die ersten folgten Berta Hammerbach. Die Türe von Georgs Stube stand offen. Das Bett war in die Mitte gerückt; links und rechts brannten Kerzen, und auf dem weissen Kissen lag Georg. Auf den Zehenspitzen traten die Kinder hinzu. Anneli Hertig hatte recht. Gar nicht zum Fürchten sah er aus, der Georg. Er hatte den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und die Augen wie im leichten Schlaf geschlossen. Die Hände lagen gefaltet auf der weissen Decke.

Frau Hammerbach stand am Bette. Sie nickte den Kindern zu und drückte dann wieder beide Hände ans Gesicht. Sagen konnte sie nichts.

Den Mädchen kamen die Tränen in die Augen. Die Buben meinten, ihnen stehe es nicht an, zu weinen, aber dem weichmütigen Martin Imbach flossen die Tränen übers Gesicht, und Ernst Hutter und ein paar andere griffen nach ihren Taschentüchern.

»Wenn jetzt der Georg aufwachen würde, wie damals Ottilie«, flüsterte Netti Tobel so leise sie konnte, Eva zu.

Aber Georg erwachte nicht. Er sah aus, als ob er ganz zufrieden da im Rode läge.

Und wie die Kinder so vor ihrem blassen, stillen Kameraden standen, fühlten sie, wie der Tod etwas Geheimnisvolles war, etwas Feierliches. So einen eigenen Zug hatte Georg um den Mund, wie ein ernstes Lächeln. Er sah aus, wie wenn er älter geworden wäre, klüger, wie wenn er nun etwas wüsste, was sie alle nicht wussten.

Leise brachte Berta Hammerbach mit den vier Buben den Kranz herein und legte ihn nun Georg auf das Bett. Wie schön und ernst das aussah! Frau Hammerbach drückte schluchzend jedem der Kinder die Hand.

Still verliessen sie das Haus und gingen beim. So still waren die Leuenhofer Kinder noch nie durch das Städtchen gegangen.

Am Montag wurde Georg begraben. Herr Schwarzbeck hatte am Sonntag in der Schule ein Grablied geübt. Und der Herr Pfarrer ordnete an, dass die ganze Leuenhofer Klasse ihrem Kameraden das letzte Geleite gebe. Gesetzt, wie sie es bei Leichenbegängnissen an den grossen Leuten gesehen hatten, schritten die Kinder hinter dem schwarz behängten Leichenwagen daher. Nur hin und wieder schaute eines oder das andere ein wenig auf die Seite, was für Leute vor den Häusern ständen und ob die Grossmutter oder die Schwester herunterschaue. Aber dann fiel ihm schnell wieder ein, dass sich das nicht schicke, und es schritt ernsthaft mit den anderen weiter.

Der Trauergesang tönte feierlich und rein über das offene Grab hin. Es war ein milder Märzabend. Die frische Erde roch wie nach Frühling. Und als der Herr Pfarrer eine kurze, schöne Rede hielt, in der er Georgs Mutter und Schwester Trost zusprach, begann auf der Tanne eines nahen Gartens eine Amsel zu singen, als ob auch sie die Betrübten trösten wollte. –

In den nächsten Wochen wurde in der Schule sehr fleissig gearbeitet, besonders in der sechsten Klasse, die im April aus der Leuenhofer Schule austrat. Zwei oder drei Buben sollten ins Gymnasium nach Münsterau kommen, und Herr Schwarzbeck fand, dass es bei ihnen noch ziemlich hapere in der Grammatik.

»Nehmt euch zusammen, ihr künftigen Lateiner!« rief er manchmal. »Wer eine fremde Sprache lernen will, muss in der eigenen Bescheid wissen!«

An einem Mittwoch um halb zwölf Uhr, als die Geographiestunde zu Ende war, trat Frau Beyel ein. Es sei heut ein so schöner, sonniger Tag; sie möchte gerne ein wenig mit Ausputzen anfangen.

»Aber Frau Beyel«, sagte Herr Schwarzbeck, »das haben wir doch immer erst in den Ferien getan –«

»Was gemacht ist, ist gemacht«, meinte die alte Frau. Sie war etwas eigensinnig. »Einmal den Schrank da hätte ich gerne genommen.«

»Also«, gab Herr Schwarzbeck nach. »Dann könnten ein paar von den Buben grad noch ausräumen«, schlug Frau Beyel vor.

Und unter Herrn Schwarzbecks Obhut wurden die alten Hefte und Bücher, fertige Zeichnungen und Mappen aus den Fächern und Schubladen genommen.

Felix Kleinhans und Ernst Hutter machten sich daran, unten die breiten, schweren Schubladen herauszuziehen.

Frau Beyel kniete auch nieder.

»Das ist eine ganz seltsame Schublade«, sagte sie. »Meines Bruders Ältester ist Schreiner; der hat gesagt, wer sie gemacht habe, werde ein Geheimfach oder so etwas im Sinn gehabt haben, den Boden kann man herausziehen.«

»Herausziehen?« fragte Herr Schwarzbeck und bückte sich ebenfalls. »Davon habe ich nie etwas gewusst –«

»Ich hab es auch erst diesen Winter einmal beim Abstauben gemerkt. Da – es geht schwer. Man muss den Vorteil wissen.«

Frau Beyel suchte mit den Fingern an der Kante. »Aber seit ich’s weiss, ziehe ich am Samstag, wo mir alles sauber sein muss, das Brett ein Stücklein heraus, weil ich dann –«

»Sie ziehen das Brett heraus –? am Samstag?« – unterbrach Herr Schwarzbeck sie. Eine Ahnung durchfuhr ihn.

»He ja«, sagte Frau Beyel. »Das wird etwa nichts Böses sein –«

Herr Schwarzbeck schob sie weg und zog die Schublade heraus. Die Kinder standen um ihn herum.

»Da –« sagte er zu den zweien, die zunächst waren. Sie stellten die Schublade auf den Boden. Herr Schwarzbeck griff hinein in das leere Fach, dessen Boden aus zwei Brettern gestand. Er fühlte hinten eine Lücke. Er streckte sich, um hinunter zu tasten.

Wortlos sahen die Kinder zu.

»Du« – flüsterte Ernst Hutter Gustav Brenner zu.

»Ich weiss, was Herr Schwarzbeck denkt.«

Herr Schwarzbeck richtete sich auf. In der Hand hielt er Gustavs verschwundenes Reisszeug.

»O«, rief Gustav und wollte sich freuen. Aber Herr Schwarzbeck sah so ernst aus.

»Der arme Bub! Der arme Georg!« sagte er. »Aber wie konnte man denken, dass der Schubladenboden sich verschieben lasse. Frau Beyel – warum haben Sie an jenem Dienstag, da ich Sie nach dem Reisszeug fragte, nichts von dem Brett gesagt –?«

Frau Beyel war sehr beleidigt. So hatte Herr Schwarzbeck noch gar nie mit ihr geredet.

»He, ich hab halt nicht dran gedacht. Du liebe Zeit!«

»Sie haben doch hören müssen, dass da hinten etwas hinuntergefallen ist –«

Frau Beyel schlug die Hände zusammen ob dieser Zumutung. »Hören –? Wo der alte Kasten beständig auf alle Arten kracht, wenn man nur an ihn hinkommt –! Die Hauptsache ist jetzt doch, dass das Reisszeug wieder da ist – .«

»Es wäre viel Leid und Kummer erspart geblieben, wenn wir es damals gleich gefunden hätten!« Herr Schwarzbeck wendete sich an die Kinder:

»Was hat er durchgemacht, der Georg, in jenen Tagen! Und hat sich gar nicht wehren können. Immer nur hat er sagen können: ich hab es nicht getan. Wie muss es ihm zumute gewesen sein, als man ihm immer nicht recht glauben wollte. Wie froh wollen wir sein, dass wir mit der Ehrenrettung noch zur rechten Zeit kamen!«

»Ja«, sagten die Kinder. »Wenn wir gewartet hätten wie in der Geschichte vom Schreiber Theophilos –! Der hat noch gelebt, als der Edelknabe den Ring fand. Aber bei Georg wäre es nun zu spät.«

»Ja, zu spät!« wiederholte Herr Schwarzbeck, »und das ist in solch ernsten Dingen ein schreckliches Wort. Vergesst euer ganzes Leben diese Geschichte mit dem Reisszeug nicht. Tausendmal besser, wir denken einmal von einem Menschen zu gut, als dass wir einen, der ehrlich ist, mit Verdacht und Verachtung quälen!«

»Wenn man es doch dem Georg noch erzählen könnte!« meinten die Kinder.

»Ja,« sagte Eva Imbach und sah zu Walter Kienast hinüber. »Da würde er sagen: Gelt Kienast und du hast immer nicht glauben wollen –!«

Walter Kienast schwieg und schlug die Augen nieder, was er sonst nicht oft tat.

»Herr Schwarzbeck«, riefen nun aber Ottilie Eggenberg, Netti Tobel und Hedwig Bühler. »Wir gehen heut nachmittag auf den Friedhof zu Georgs Grab und bringen ihm wieder Blumen.«

»Ja, tut das, Kinder!« sagte Herr Schwarzbeck. Und Eva war gleich auch dabei.

»Meine Grossmutter hat eine Menge Blumen. Primeln und Hyazinthen. Sie gibt mir gewiss davon. Aber –« sie kehrte nochmals um, »weisse hat sie nicht. Sie sind rot und blau. Macht das nichts?«

»Nein, das macht nichts«, sagte Herr Schwarzbeck freundlich. »Schmückt es nur recht schön mit den roten und blauen Blumen, das Grab von unserem Georg!«

Der Examentag.

Es wurde immer mehr Frühling. Die ersten Schwalben waren angelangt. Mit ihrem schwirrenden fröhlichen »Kitt« schossen sie durch die klare Luft und um den Leuenhof herum. Die Stärlein auf den alten Birnbäumen hinter dem Hause schauten ihnen nach: »O herrje, wir sind schon lang gekommen. Wir haben schon angefangen, unsere Kinderstuben einzurichten!« Sie taten sehr geschäftig, drehten den Kopf nach links und nach rechts, schlugen mit den Flügeln und machten Kniebeuge und schwatzten aneinander hin.

»Also ja, jetzt muss ich wieder an die Arbeit. Drüben beim Fuhrhalter Blatter gibt es prächtiges Heu« – und schwatzten und hüpften dann immer noch eine Weile auf dem langen Birnbaumast herum.

Die Leuenhofer Kinder hatten auch alle Hände voll zu tun. Droben im Schättenwald gab es schon Anemonen und auf der Langwiese Schlüsselblumen und an der Riedauhalde Veilchen, und wie jedes Jahr im Frühling hatte das Stelzenlaufen und das Springseilen, das Marbel- und das Kreiselspiel begonnen. – Und in der Schule ging es auch eifrig und streng zu. In acht Tagen war ja das Examen. Es war überhaupt so eine volle, seltsame Zeit. Ernstes und Fröhliches kam da zusammen.

Gleich nach dem Examen war Ostern. Ostern mit seinen roten, gelben und blauen Eiern, feinen Gerstenzuckerhasen und Schokoladeschäfchen! In Gedanken daran hüpften und schwatzten die Kinder wie die Stare.

Aber Herr Schwarzbeck erzählte ihnen in diesen Tagen auch die Geschichte von Jesus. Von seinem Leiden und seinem Tod. Mit Herzklopfen hörten die Kinder zu. Die Nacht im Palast des Hohenpriesters! Wie Jesus mit todernstem, ruhigem Angesicht vor den Priestern stand, allein vor seinen Feinden. Und draussen im Hofe das Feuer, an den die Kriegsknechte am Boden sassen; denn die Nacht war kalt. Und Petrus bei ihnen. Und wie dann die Magd zu ihm sagte, er sei auch mit diesem Jesus gewesen, und er dreimal leugnete. Und kaum hatte er das dritte Mal geleugnet, so krähte der Hahn. Petrus erinnerte sich, wie er Jesus versprochen hatte, zu ihm zu halten. Er ging hinaus und weinte bitterlich.

Noch auf den Heimweg mussten die Kinder darüber nachdenken. Sie dachten sich aus, wie sie hätten mutig sein wollen. Sie hätten sich vor die Kriegsknechte und die Mägde hingestellt und mit lauter Stimme gesagt: »Ja, ich gehöre zu diesem Jesus! Nehmt mich nur auch gefangen!« Wenn schon ihnen Herr Schwarzbeck gesagt hatte, dass solch ein Mut schwerer sei, als man glaube. –

Auch der Gedanke an den Examentag hatte seine sehr ernsthafte und seine heitere Seite. Nuschka hatte noch kein Examen erlebt, und die Kinder schilderten ihr aufs ausführlichste, wie es da zu- und hergehe. Vor allem machte Sara eine ganz gefährliche Sache daraus:

»Denk nur schon alle die Herren in den schwarzen Röcken und mit furchtbar ernsthaften Gesichtern. Und ringsherum stehen sie, sogar hinten. Es ist schrecklich, man darf sich nicht ein bisschen bewegen. Und dann noch die vielen anderen Leute! Meine Mutter kommt und vielleicht auch der Vater. Und deine Tante gewiss auch?«

Nuschka nickte etwas beklommen.

»Also und wenn dann die Reihe an dich kommt und du aufstehst, dann schaut dich alles an, und vor lauter Angst sagst du etwas Falsches. Die Jakobine bei meiner Grossmutter hat gesagt, es seien vierzig Jahre seit ihrem letzten Examen; aber sie träume jetzt noch manchmal davon!«

Netti Tobel versuchte Nuschka zu beruhigen.

»Weisst du, man muss nur die Leute gar nicht ansehen, bloss den Herrn Schwarzbeck; der macht ein Gesicht wie sonst immer. Dann geht es schon.«

»Ja, und dann der Nachmittag, Nuschka«, fielen die anderen ein. »Da wirft du gucken. Ah!«

Ja, der Nachmittag eines Leuenhofer Examentages!

Aber als der Mittwoch kam, an den das Examen stattfand, handelte es sich vorläufig ganz allein um den Vormittag, und allen Kindern war sehr feierlich und etwas bänglich zumute, als sie in ihren Bänken sassen und auf den Anfang warteten; die Buben mit glatt gebürsteten Köpfen und frischen, weissen Kragen; die Mädchen mit schön geflochtenen Zöpfen und ebenfalls sonntäglich angetan. Ein ganz klein bisschen musste man auf die Seite schielen: das blau und grüne Kleid von Ottilie Eggenberg war ganz neu, und das von Marie Hug und Lena Kornmann mit den weissen Punkten kannte man auch noch nicht, und Nuschka hatte heute zum ersten Mal die Zöpfe um den Kopf gebunden. Dann aber sah man wieder geradeaus nach Herrn Schwarzbeck, mit dem der grosse Herr im schwarzen Bart leise sprach.

»Das ist der Herr Visitator!« ging es flüsternd durch die Bubenreihen.

Die Herren waren schon ringsum und sogar hinten. Sie besahen die Zeichnungen und die Aufsatzhefte, die aufgelegt waren. Und die Reiben der Zuhörerstühle füllten sich auch mehr und mehr.

Die Religionsprüfung hatte schon begonnen und immer wieder ging die Türe behutsam auf, und es kam wieder auf den Zehenspitzen ein Vater, eine Mutter oder eine ältere Schwester herein. Und jetzt erschien auch noch Herr Bezold und die Frau Wehrli und die Frau Ostermeier aus dem Spital, welche die Leuenhofer Kinder tags zuvor eingeladen hatten. Die beiden hatten Kapothüte auf, die eine mit braunen, die andere mit lila Samtblumen; der alte Bezold aber trug eine dunkelgrüne neue Krawatte mit roten Streifen.

Es war wirklich nicht leicht, nur Herrn Schwarzbeck anzusehen, wie Netti Tobel geraten hatte, und zu denken, es sei wie sonst.

Aber das Examen verlief im ganzen doch recht gut. Die Buben und Mädchen nahmen sich zusammen. Man musste das doch tun, wo die vielen Leute da extra gekommen waren. Selbst Nuschka fand ganz geschickt in dem Sätzlein, das sie zu lesen hatte, das Ausgesagte heraus, den Satzgegenstand, die Orts- und die Zeitbestimmung und sah dann vergnügt schnell nach ihrer Tante.

Nur Alwine Gehring, das Unglückskind, machte, als in der Geographie die Reihe an sie kam, ein Durcheinander. Den Tödi versetzte sie in die Walliseralpen und gar den Pilatus auch noch. Und dann merkte sie, dass sie etwas sehr Dummes gesagt hatte und wusste überhaupt nichts mehr weiter, keinen Monte Rosa und kein Matterhorn, nichts.

»Grässlich! Diese Alwine wieder!« dachten die anderen und warfen ihr empörte Blicke zu; denn es lag ihnen dran, dass die ganze sechste Klasse mit Ehren bestehe.

Herr Schwarzbeck aber hiess Alwine sich setzen und fuhr mit Hedwig Bühler und Ottilie Eggenberg in der Gebirgsreise weiter, bis er bemerkte, dass Alwine sich erholt hatte und sogar einmal schüchtern den Finger wieder streckte.

»So, Alwine, jetzt wollen wir’s noch einmal mit einander wagen«, sagte er und probierte behutsam, ob Alwine richtig vom Wallis ins Urnerland hinüber käme, und wahrhaftig, es geriet. Ganz vernünftig wusste sie zu sagen, dass man über die Furka herunter gelange zur Reuss und dass da die Schöllenenschlucht sei und die kühne Teufelsbrücke und tief im Berg drinnen der Eisenbahntunnel.

»Siehst du, wie gut das geht«, sagte Herr Schwarzbeck, und der Vater von Alwine, der sich vorhin recht geärgert hatte, dachte: »Am Ende gebe ich ihr den neuen halben Franken doch, den ich ihr versprochen habe, wenn sie mir keine Schande mache.«

»Wie die Kinder das alles so nett zu sagen wissen«, dachten Frau Ostermeier und Frau Wehrli. »Ja, wenn wir zu unserer Zeit so viel gelernt hätten, wären wir vielleicht auch weiter gekommen als ins Spital. Aber nun, man muss zufrieden sein.«

Und zuletzt kam noch das Singen; da hatte kein Leuenhofer Kinn mehr Angst, das war bloss Freude. Und dann war das gefürchtete Examen zu Ende, und die Kinder liefen fröhlich aufgeregt zur Begrüssung in den Zuhörerraum. Dann aber drängten sie hinaus.

»Man riecht sie schon!« riefen sie und klopften sich auf den Magen. »Ah!«

Ein schöner Duft von frischem Gebäck drang durch die offene Türe, und draussen stand Frau Beyel in frischer, weisser Schürze und mit feierlichem Gesicht und vor sich hatte sie einen grossen Korb voll prächtiger, goldbrauner, zweizipfliger Examenwecken.

Stolz nahmen die Buben und Mädchen den Wecken in Empfang und abrückten ihn an die Nase. Wie gross Herr Eggenberg sie heuer gemacht hatte!

Die schönen knusperigen Wecken leiteten gewissermassen hinüber zum zweiten Teil des Examentages.

Man wusste in Heimstetten eigentlich nicht recht, wie es gekommen war, dass im Leuenhof und sonst weit und breit nirgends in der Gegend der Examentag mit einer Kaffeegesellschaft im Schulzimmer schloss. Aber es war nun einmal so.

Und da jedes Heimstetter Kind zwei Schuljahre im Leuenhof verbrachte und also auch die Freuden dieses Kafeenachmittags zweimal erleben wollte, blieb es bei dem Brauch.

Den Kaffee – einen richtigen Kinderkaffee, gezuckert und mit viel Milch, lieferten die Kinder selber. Das heisst, ein paar gute Mütter. In Blechkannen, gut verpackt zwischen Decken und Kissen, damit er warm bleibe, wurde der Kaffee in zwei Kinderwagen von den Mädchen zum Leuenhof hinausgefahren. Auf beiden Wagen steckte, an einen Stab gebunden, ein grosser Buschen Dotterblumen. Das musste jedes Jahr so sein.

»Aha! Die Leuenhofer Kinder mit ihrem Examenkaffee!« sagten die Leute und schauten der Schar nach. »Bei denen ist immer etwas los. He nu, warum sollen sie nicht ihre Freude haben? Es sei gut gegangen in ihrem Examen.«

Mit Hallo wurden die Wagen von den Buben empfangen, ausgeladen und die Kannen ins Schulzimmer getragen. Damit es einigermassen vernünftig zugehe, war Frau Beyel da, noch immer mit ihrem Examengesicht. Sie wehrte: »Geratet nur nicht ganz aus Rand und Band! Geduld! Es kommt ein jedes dran.«

Aber im Grunde dachte sie wie die Leute vorhin auf dem Marktplatz.

Es war ja auch so furchtbar interessant und lustig, im Schulzimmer Kaffee zu trinken. Im Schulzimmer, wo man heut vormittag so ehrbar und ängstlich dagesessen. Jedes hatte seine Tasse mitgebracht, und je umständlicher es war, sich auf dem schiefen Schultisch einzurichten, desto mehr gab es zu lachen, und desto besser schmeckte der Kaffee mit dem Examenwecken. Denn das war das Hauptvergnügen, den Examenwecken behaglich hier zum Kaffee zu essen. Viele der Wecken waren zwar schon etwas angegriffen aus. Die knusprigen Zipfel waren gar so verführerisch gewesen.

Ein Jubelgeschrei erhob sich, als Herr Schwarzbeck eintrat. Er musste auch Kaffee trinken. Die Mädchen hatten ihm eine Tasse mit blau und goldenem Rand auf seinen Tisch gestellt, und so viele der schönsten WeckengipfeI wurden ihm angeboten, dass er gar nicht alle essen konnte.

Lustig wurde geschwatzt; das ganze Examen mit seinen Gefahren und Erlebnissen wurde durchgenommen.

»Und die Alwine, mit ihrem Pilatus in den Walliseralpen! Das war doch schauderhaft!«

Alwine sass vergnügt hinter ihrer Tasse. Das war jetzt vorbei.

»Ja, ja Alwine!« sagte Herr Schwarzbeck lächelnd, »und nach den Ferien geht es in die siebte Klasse, drunten im grossen Schulhaus. Gib acht! Da kommst du vom Regen in die Traufe.«

Alwine aber trank unbesorgt ihren Kaffee aus. Das war ja nach den Ferien erst. Da war man auch älter und vielleicht schon wieder ein wenig gescheiter.

Herr Schwarzbeck aber winkte Ernst Hutter und Walter Kienast herbei, und dann hiess es:

»Hinaus gehen sollen alle und draussen warten! Es gibt eine Vorstellung! eine Vorstellung!«

Draussen trieb Walter Kienast sie weit in den Gang vor, damit sie nicht sähen, was für geheimnisvolle Dinge ins Schulzimmer getragen würden.

Es dauerte eine gute Weile. Die Kinder verzappelten fast vor Erwartung.

Als Walter Kienast hineinrief, war das Zimmer nahezu dunkel. Alle Läden bis auf einen waren geschlossen, und der eine wurde, als die Buben und Mädchen in den Bänken sassen, auch noch zugezogen. So, jetzt war es stocknacht.

Was das wohl gab!

Hinten hörte man hantieren, flüstern und klappern. Es gab kleine Lichtscheine, und dann wurde es plötzlich vorn auf einem grossen weissen Leintuch blendend hell; ein Bild erschien, mit festen, schwarzen Strichen gezeichnet. Alles streckte den Kopf:

Mädchen waren es, die an etwas hin und herzogen. An einer Katze? Nein, ein Büblein war’s. – Laut auf lachten die Kinder.

»Das sind ja wir!« riefen Eva Imbach und Ottilie Eggenberg und die anderen Sechstklässlerinnen in höchstem Vergnügen.

»Das bist du, Hedwig, und das falsche Büblein von Frau Horber; nachher, weisst Du, hast du es gar nicht loslassen wollen.«

»Nein! – Wer hat denn das gemacht? – Am Ende der Ernst Hutter und der Gustav Brenner?« – Die zeichneten manchmal ganze Geschichten! Aber so grosse? Ja, das war da hinten die Maschine, die vergrösserte. Wie damals im Rathaus! Aber so lustige Bilder waren es nicht gewesen.

Das Bild verschwand. Es wurde dunkel, und alsbald erschien ein neues; und ein neuer Schrei der Überraschung ertönte.

Man erblickte ein Haus. Aus einem der Fenster beugten sich zwei Gestalten. Eine davon hielt eine grosse Giesskanne in der Hand, aus der ein gewaltiger Wasserstrahl sich ergoss auf die Buben und Mädchen unten.

»Der Herr Konrad und der Herr Rudolf!« lachten die Kinder auf.

»Unsere Katzenmusik! Und da steht der Lustige Herr Mössmer! Das ist ein Lärm gewesen!«

Und so ging es weiter. Unter immer neuem Freudengeschrei der Kinder zogen die Erlebnisse des Schuljahres an ihnen vorüber.

Auf dem dritten Bild war Herr Schwarzbeck selber zu sehen mit seinem grossen Hut. Rechts Buben und links Mädchen, und auf der Seite hinten ein Eisenbahnzug. An der rückwärts ziehenden, mächtigen Rauchwolke erkannte man, dass er in voller Fahrt davoneilte.

»Oh, oh, das ist, wo wir den Zug verfehlt haben!«

»Ja, und das da vorn bin ich!« schrie Sara. »Weisst du noch, Marie Hug, wie wir schrecklich geweint haben!«

Die weinenden Mädchen waren ungemein deutlich dargestellt. In vielen, dicken Tropfen fielen die Tränen von den vor Jammer vorgeneigten Gesichtern auf den Boden.

Es folgte ein Bild mit dem alten Mann und dem jungen Äffchen; der Mond stand über den Tannen, und das dünne Schwänzchen des kleinen Affen hing traurig über den Rücken seines Herrn herunter.

Dann kam die gedeckte Brücke. Es sah sehr kriegerisch aus: Die bewaffnete Schar der Leuenhofer. Von den Feinden sah man nur ein paar Köpfe aus der Brücke herauslauern.

Besonders schön war die Darstellung des Spiels im Spital: Die Wasserwogen, das Schiff mit dem »braven Mann« und die bedrohte Zöllnerfamilie, die die Hände zum Himmel emporstreckte.

Wirklich fein hatte Ernst Hutter das gezeichnet.

Das nächste Bild: eine Gasse; an der Mauerecke ein Laternenlicht, das lange Strahlen verbreitete und in der Gasse eine Frau und ein Kind, beide mit ausgebreiteten Armen. Am Boden stand eine Reisetasche.

»Anneli – das bist du!«

Anneli nickte glücklich im Gedanken daran, dass es in ein paar Tagen seine Mutter wieder habe und ganz bei ihr bleiben dürfe.

Dann kam Nuschka daran. Nuschka, im Laden hoch oben auf der Treppenleiter, mit ihrem grossen Federhut und dem Papagei auf der Hand und einem wilden Gesicht, für das Ernst Hutter sich besondere Mühe gegeben.

»Ja, da war ich noch ein ganz böses Kind«, bestätigte Nuschka lachend.

Der grösste Jubel aber entstand beim letzten Bild:

»Der Humpump! – Die Wiesenfrau! – Das Küchengeistlein! – wie greulich, wie komisch, wie grässlich, wie lustig –!« ertönte es durcheinander.

Ja, da standen sie in einer Reihe, die sämtlichen Fratzengestalten. Die Feuerköpfe mit ihren Glotzaugen bildeten links und rechts den Abschluss. Das Gelächter wollte gar nicht aufhören.

»Oh, halt! noch nicht weg, bitte, Herr Schwarzbeck! Wir haben es noch nicht recht gesehen – haha! Der Hals von der Wiesenfrau!«

Schliesslich aber machte Herr Schwarzbeck ein Ende, indem er die Läden aufstiess.

»Jetzt geht hinaus in die schöne Sonne. Nachher holt ihr hier noch eure Hefte und Zeichnungen!«

»Ja, hinaus in den Hof!« Das gehörte auch zum Examennachmittag. Alle Spiele noch einmal machen, die man das Jahr hindurch gespielt hatte. Die Buben ihre Ballspiele und die Mädchen ihre Versteckens und Eckenfangens und Ringelreihen.

Hoch flogen die Bälle in die klare Abendluft; hell klangen die Stimmen der Mädchen bei ihrem »König-, Königstöchterlein«, oder dem »Gling, Glang, Gloria.« –

Endlich aber schlug es sechs Uhr.

Eva Imbach, Ottilie Eggenberg und Netti Tobel setzten sich auf die Bank beim Leuen. Die anderen Mädchen traten herzu. Alle fühlten plötzlich, dass sie müde seien von der Luft und dem Spiel des Nachmittags. Auch die Buben hörten auf.

»Heut ist es das letzte Mal, dass wir als Leuenhofer da sitzen«, sagte Eva, und die Sechstklässler sahen sich an und wurden fast ein bisschen ernsthaft.

Ja, zum letzten Mal! Zum letzten Mal war man als sechste Klasse beisammen. Dann verteilte man sich in alle Winde. Die einen kamen in die Sekundarschule, ein paar in die siebte Klasse. Ernst Hutter und Gustav Brenner gar kamen fort nach Münsterau, ins Gymnasium.

Wie seltsam zu denken: ein anderes Schulhaus. Nicht mehr der alte, liebe Leuenhof. Neue Lehrer, neue, unbekannte Mitschüler und neue Lehrfächer.

»Jetzt müsst ihr dann Französisch lernen«, wandte sich Sara an die Sechstklässler. »Mit la plüm und la tabel und lö liwer fängt es an. Ich weiss es von meinem Bäschen, und dann kommt schäh, tü a, il a, nus awong ...«

»Lateinisch kannst du natürlich auch«, sagte Walter Kienast. »Du könntet uns ja Privatstunden geben über die Ferien.«

Gegen alle Gewohnheit erwiderte Sara nichts. Auch ihr kamen auf einmal so viele Gedanken. Wie oft hatten die grossen Buben sie geneckt, und wie oft hatte sie sich mit ihnen herumgezankt, und jetzt war die ganze sechste Klasse dann auf einmal nicht mehr da.

»Jetzt müssen wir dann die Grossen sein«, sagte Sophie Berchtold.

Das konnte man sich noch gar nicht vorstellen. Ohne Eva und Ottilie, die immer angaben, was zu tun war.

Und stiller und ruhiger als sonst gingen die Kinder mit Herrn Schwarzbeck heim.

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