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Die Kinder des Kapitän Grant - 1

Jules Verne: Die Kinder des Kapitän Grant - 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJules Verne
titleDie Kinder des Kapitän Grant - 1
publisherA. Hartleben's Verlag
addressWien. Pest. Leipzig.
yearo.J.
seriesCollection Verne
volumeBand 11
printrunVierte Auflage
correctorhille@abc.de
secondcorrectorMichaelWien
senderwww.gaga.net
created20100603
modified20160225
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Erstes Capitel.

Ein Haifisch.

Am 26. Juli 1864 dampfte bei starkem Nordost eine prachtvolle Jacht über den Wogen des Nordcanals. An der Spitze seines Hintermastes wehte die englische Flagge; am Ende des Hauptmastes las man auf einem blauen Stander in Gold gestickt mit einer Herzogskrone darüber die Buchstaben E. G. Diese Yacht hieß Duncan; Besitzer derselben war Lord Glenarvan, einer der sechs schottischen Pairs, welche im Oberhause sitzen, und das ausgezeichnetste Mitglied des im ganzen Vereinigten Königreiche so berühmten »Royal-Thames-Yacht-Club«.

Lord Edward Glenarvan befand sich an Bord derselben nebst seiner jungen Frau, Lady Helena, und einem Vetter, dem Major Mac Nabbs.

Der Duncan war neu gebaut und machte eben seine erste Versuchsfahrt außerhalb des Golfs von Clyde. Im Begriff nach Glasgow zurückzukehren, hatte er schon die Insel Arran im Angesicht, als der wachehabende Matrose einen ungeheuern Fisch in der Richtung der Yacht signalisirte. Der Kapitän John Mangles meldete es sogleich dem Lord Edward. Derselbe begab sich mit dem Major Mac Nabbs auf's Hinterverdeck und fragte den Kapitän, was er davon halte.

»Wahrhaftig, Ew. Herrlichkeit, erwiderte John Mangles, ich denke, 's ist ein stattlicher Haifisch.

– Ein Hai in diesem Seestrich! rief Glenarvan.

– Ganz gewiß, entgegnete der Kapitän; der Fisch gehört einer Gattung an, die man in allen Meeren und unter allen Breitegraden antrifft. Er heißt »Schlägelfisch«, und irre ich nicht sehr, so haben wir es mit so einem Kerl zu thun! Wenn Ew. Herrlichkeit es gestatten, und es der Lady Glenarvan beliebt, einem merkwürdigen Fang zuzuschauen, so werden wir bald wissen, wie wir mit ihm daran sind.

– Was meinen Sie, Mac Nabbs? sagte Lord Glenarvan zu dem Major; sollen wir das Abenteuer versuchen.

– Ich bin der Meinung, welche Ihnen beliebt, erwiderte ruhig der Major.

– Uebrigens, fuhr John Mangles fort, sollte man nicht genug hinter dem abscheulichen Gethier her sein. Benutzen wir die Gelegenheit, wenn es Ew. Herrlichkeit beliebt, so wird es ein reizendes Schauspiel und zugleich eine gute Handlung sein.

– Ich bin es zufrieden, John«, sagte Lord Glenarvan.

Darauf ließ er es der Lady Helena melden; sie kam auf das Verdeck und hatte in der That große Lust zu dem reizenden Fischfang.

Das Meer war prachtvoll; man konnte an seiner Oberfläche die raschen Bewegungen des Thieres, das mit erstaunlicher Lebhaftigkeit untertauchte und wieder emporschnellte, leicht spüren. John Mangles ertheilte seine Befehle. Die Matrosen warfen über das linkseitige Geländer ein starkes Seil, woran ein Haken mit einem dicken Stück Speck als Köder befestigt war. Der Fisch, obwohl noch fünfzig Ellen weit entfernt, roch die seiner Gefräßigkeit dargebotene Lockspeise, und kam rasch heran. Man sah, wie seine Flossen, die unten schwarz, an den Spitzen grau waren, heftig die Wellen schlugen, während sein Schwanz ihn in schnurgerader Richtung hielt. So wie er näher kam, sah man seine großen vorspringenden Augen von Begierde entflammt, und seine aufgesperrten Kiefern ließen, wenn er sich umkehrte, eine vierfache Reihe von Zähnen erkennen. Sein Kopf war breit und wie ein doppelter Hammer am Ende eines Stiels gestaltet. John Mangles hatte sich nicht geirrt, es war das gefräßigste Musterexemplar von der Familie der Haifische, welche die Engländer Schlägelfisch, die Provenzalen Judenfisch nennen.

Die Passagiere und Matrosen folgten mit lebhafter Achtsamkeit den Bewegungen des Thieres. Nicht lange, so befand sich das Thier bei dem Köder, legte sich, um ihn besser zu schnappen, auf den Rücken, und der ungeheure Brocken verschwand in seinem weiten Schlund.

Alsbald hakte er mit einer starken Erschütterung des Taues sich selbst fest, und die Matrosen zogen das Ungeheuer vermittelst eines am Ende der Hauptraae befindlichen Zugwerkes herauf.

Der Hai zappelte gewaltig, als man ihn seinem natürlichen Element entzog; doch ward man seiner Meister. Ein Seil mit einer Schlinge faßte ihn beim Schwanz und hemmte seine Bewegungen. Nach einigen Augenblicken war er über das Geländer gehoben und lag auf dem Verdeck der Yacht. Augenblicklich trat ein Matrose, nicht ohne Vorsicht, zu ihm heran und schnitt mit einem kräftigen Beilhieb dem Thiere seinen fürchterlichen Schwanz ab.

So war der Fang gethan; es war von dem Unthier nichts mehr zu fürchten; die Rache der Matrosen war befriedigt, nicht aber ihre Neugierde. Es ist in der That an Bord jedes Schiffes Brauch, den Magen der Haifische sorgfältig zu untersuchen. Die Matrosen, welche ihre gar nicht wählerische Gefräßigkeit kennen, sind auf einen Fund gespannt, und finden sich nicht immer getäuscht.

Lady Glenarvan hatte nicht Lust, dieser widerlichen Forschung beizuwohnen, und zog sich auf's Hinterverdeck zurück. Der Hai schnaufte noch; er war zehn Fuß lang und wog über sechs Centner. Diese Größe ist keine außergewöhnliche; aber gehört der Schlägelfisch auch nicht zu den riesenmäßigen, so zählt er doch unter die fürchterlichsten der Gattung.

Nicht lange, so war der enorme Fisch mittels Beilhieben ohne Umstände ausgeweidet. Der Haken war bis in den vollständig leeren Magen gelangt; offenbar hatte das Thier schon lange gefastet, und die in ihrer Erwartung getäuschten Matrosen waren im Begriff die Reste in's Meer zu werfen, als sich die Aufmerksamkeit des Rüstmeisters auf einen ganz von Eingeweiden umwickelten plumpen Gegenstand richtete.

»Ei, was ist das? rief er aus.

– 'S ist, erwiderte ein Matrose, ein Felsstück, welches das Thier als Ballast in sich genommen hat.

– Schön! entgegnete ein anderer, es ist nichts anderes als eine Kugel mit einem Stiel, die der Kerl in seinen Bauch gesteckt hat und noch nicht hat verdauen können.

– Schweigen Sie doch! versetzte Tom Austin, der Schiffslieutenant, sehen Sie denn nicht, daß das Thier ein Erztrunkenbold war, der, um keinen Tropfen zu verlieren, den Wein sammt der Flasche verschlang?

– Was! rief Lord Glenarvan, eine Flasche hat der Fisch im Magen!

– Eine wahrhaftige Flasche, erwiderte der Rüstmeister. Aber man sieht wohl, nicht so, wie sie aus dem Keller kam.

– Nun denn, Tom, versetzte Lord Edward, so nehmt sie vorsichtig heraus; Flaschen, die man im Meer findet, enthalten oft kostbare Urkunden.

– Sie meinen? sagte der Major Mac Nabbs.

– Ich glaube, es ist wenigstens möglich.

– Ei, dem will ich nicht widersprechen, erwiderte der Major, und es steckt vielleicht ein Geheimniß darin.

– Das wird sich zeigen, sagte Glenarvan. Nun, Tom?

– Da ist sie, versetzte Tom, und zeigte einen unförmlichen Gegenstand, den er nicht ohne Mühe aus dem Magen des Fisches herausgenommen hatte.

– Gut, sprach Glenarvan, laßt den häßlichen Gegenstand abwaschen und auf das Hinterverdeck bringen.«

Tom gehorchte, und diese unter so besonderen Umständen aufgefundene Flasche wurde auf einen Tisch gelegt, um welchen herum Lord Glenarvan, der Major Mac Nabbs, der Kapitän John Mangles und Lady Helena Platz nahmen, denn eine Frau ist, sagt man, immer ein wenig neugierig.

Auf der See erregt Alles Aufsehen. Einen Augenblick schwiegen Alle. Jeder untersuchte mit den Augen das zerbrechliche Strandgut. Enthielt dasselbe das Geheimniß eines Unglücks oder eine unbedeutende Mittheilung von Seiten eines müßigen Seefahrers?

Indessen, man mußte doch wissen, woran man war, und Glenarvan schritt unverzüglich zur Untersuchung der Flasche; er ergriff übrigens alle in solchen Fallen üblichen Vorsichtsmaßregeln; man hätte ihn für einen Criminalbeamten halten können, der die besonderen Umstände eines verübten Verbrechens aufnimmt; und Glenarvan hatte Recht, denn das scheinbar unbedeutendste Anzeichen kann oft auf die Spur einer bedeutenden Entdeckung führen.

Ehe man das Innere der Flasche untersuchte, prüfte man das Aeußere derselben. Sie hatte einen engen Hals, an dessen starker Mündung sich noch das Ende eines verrosteten Eisendrathes befand; ihre starken Wände, welche den Druck einiger Atmosphären auszuhalten fähig waren, wiesen klar auf einen Ursprung aus der Champagne hin. Mit solchen Flaschen schlagen die Winzer zu Aï und Epernay Stuhlbeine entzwei, ohne daß sich nur eine Spur von Sprung zeigte. Diese hatte also unverletzt die Zufälligkeiten einer langen Reise aushalten können.

»Eine Flasche aus dem Hause Cliquot«, sagte einfach der Major.

Und da er sachverständig sein mußte, so wurde seine Behauptung ohne Widerspruch angenommen.

»Mein lieber Major, erwiderte Helena, es kommt wenig darauf an, was es für eine Flasche ist, wenn wir nur wissen, woher sie kommt.

– Das wird sich zeigen, liebe Helena, sagte Lord Edward, und bereits kann man versichern, daß sie weit her kommt. Sehen Sie die versteinerten Stoffe, womit sie bedeckt ist, diese Substanzen, die unter der Einwirkung des Meerwassers so zu sagen mineralisirt wurden! Dieser Gegenstand hatte bereits lange sich im Meere aufgehalten, bevor er von einem Haifisch in seinen Bauch aufgenommen wurde.

– Es ist unmöglich, Ihre Ansicht nicht zu theilen, entgegnete der Major, und unter'm Schutz seiner versteinerten Umhüllung ist das zerbrechliche Gefäß im Stande gewesen, eine weite Reise zu machen.

– Aber woher kommt sie? fragte Lady Glenarvan.

– Warte, liebe Helena, warte; man muß mit den Flaschen Geduld haben. Irre ich nicht sehr, so wird diese selbst auf alle unsere Fragen antworten.«

Und mit diesen Worten machte Glenarvan sich daran, die harten Stoffe, welche die Mündung deckten, abzukratzen; bald kam der Korkstöpsel zum Vorschein, aber vom Meerwasser stark beschädigt.

»Ein schlimmer Umstand, sagte Glenarvan, denn wenn ein Papier darinnen ist, wird es in üblem Zustand sein. – Das ist wohl zu besorgen, erwiderte der Major.

– Ich füge bei, fuhr Glenarvan fort, daß diese schlecht verwahrte Flasche bald untersinken mußte, und es war ein Glück, daß dieser Fisch sie verschlungen hat, um sie uns an Bord des Duncan zu bringen.

– Ohne Zweifel, versetzte John Mangles, doch wäre es besser gewesen, man hätte sie auf offener See unter einem bestimmten Grad Länge und Breite aufgefischt. Dann hätte man durch Berechnung der Luft- und Meer-Strömungen herausbringen können, welchen Weg sie gemacht hat; aber bei einem Ueberbringer, wie dieser, bei diesen Haifischen, die gegen Wind und Strom schwimmen, weiß man nicht, woran man ist.

– Wir werden es bald sehen«, erwiderte Glenarvan.

Zugleich nahm er den Stöpsel höchst vorsichtig heraus, und ein starker Salzgeruch verbreitete sich auf dem Hinterverdeck.

»Nun? fragte Lady Helena mit echt weiblicher Ungeduld.

– Ja! sagte Glenarvan, ich irrte nicht! Da sind Papiere!

– Urkunden! Urkunden! rief Lady Helena.

– Nur, erwiderte Glenarvan, scheinen sie vom Wasser angefressen, und man kann sie nicht herausbringen, weil sie an den Wänden der Flasche fest hängen.

– So schlagen wir sie entzwei, sagte Mac Nabbs.

– Ich mochte sie lieber unversehrt lassen, entgegnete Glenarvan.

– Ich auch, versetzte der Major.

– Allerdings, sagte Lady Helena, aber der Inhalt ist werthvoller als die Umhüllung, und man muß lieber diese jenem opfern.

– Wenn Ew. Herrlichkeit nur den Hals abschlagen, sagte John Mangles, wird man die Urkunde ohne Beschädigung herausnehmen können.

– Laß sehen! lieber Edward«, rief Lady Glenarvan.

Man konnte nicht leicht anders verfahren, und Lord Glenarvan entschloß sich, den Hals der kostbaren Flasche zu zerschlagen. Man mußte einen Hammer gebrauchen, weil die Umhüllung hart wie Granit war. Bald fielen die Stücke auf den Tisch, und man gewahrte einige Stücke Papier, die aneinander hingen. Glenarvan nahm sie vorsichtig heraus, löste sie von einander und breitete sie vor den Augen aus, während Lady Helena, der Major und der Kapitän sich um ihn drängten.

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