Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Vincente Blasco Ibañez >

Die blutige Arena

Vincente Blasco Ibañez: Die blutige Arena - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorVicente Blasco Ibañez
titleDie blutige Arena
publisherEuropäischer Phönix-Verlag
printrunDritte Auflage
translatorStefan Hofer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidb4111919
Schließen

Navigation:

I

Juan Gallardo betrat als erster den weiten Speisesaal, in welchem er sich zu einem einfachen Mahle setzte: Ein Stück gebratenen Fleisches war sein einziger Gang, der Wein blieb unberührt vor ihm stehen. Er durfte nichts trinken, wollte er sich nicht der Gefahr aussetzen, den sicheren Blick zu trüben, die Schnelligkeit seiner Entschlüsse zu lähmen. Er trank zwei Tassen schwarzen, starken Kaffees und zündete sich eine dicke Zigarre an. Dann setzte er die Ellbogen auf den Tisch, stützte das Kinn in die Hände und schaute träumerischen Blickes auf die Gäste, welche langsam den Speisesaal füllten.

Seit seinem ersten Auftreten in Madrid, das schon einige Jahre zurücklag, blieb er dem Hotel in der Alcalastraße treu, denn hier behandelten ihn die Besitzer mit einer Herzlichkeit, als gehörte er zur Familie, während die Kellner, Türhüter, die Köche und die alten Stubenmädchen bewundernd zu ihm aufblickten. Hier hatte er infolge zweier Verwundungen manch bösen Tag auf dem Schmerzenslager, in einer von Jodoform und Zigarrenrauch verpesteten Luft verbracht. Doch diese Erinnerung machte keinen weiteren Eindruck auf ihn. In seinem durch alle möglichen Gefahren genährten Aberglauben dachte er, daß ihm dieser Gasthof Glück bringe und er hier gegen jedes Unglück gefeit sei. Er konnte Pech haben, indem ihm ein Hornstoß das Galakleid zerriß oder seinen Körper traf, aber etwas Ernstliches, wie es so vielen anderen Kameraden passiert war, deren Bild nun seine schönsten Stunden trübte, das war bei ihm ausgeschlossen.

An Tagen eines Stierkampfes blieb er gerne nach seinem frühen Mittagmahl im Speisesaal sitzen, um dem Leben und Treiben um ihn zuzuschauen: Fremde oder Leute aus anderen Provinzen gingen gleichgültigen Blickes, ohne ihn anzuschauen, vorüber, doch drehten sich alle sofort neugierig um, wenn sie von den Kellnern erfuhren, daß dieser stattliche Mann mit dem glattrasierten Gesicht und den schwarzen Augen, der wie ein feiner Herr gekleidet war, Juan Gallardo, der berühmte Stierkämpfer sei, den alle familiär nur Gallardo nannten.

In dieser aus Neugierde und Bewunderung zusammengesetzten Umgebung verbrachte er die aufreibende Wartezeit bis zu der Stunde, die ihn in die Arena rief. Doch wie lang wurde ihm die Zeit! Diese Augenblicke der Ungewißheit, in welchen eine unbestimmte Furcht aus der Tiefe seines Herzens aufstieg, eine Furcht, welche ihn an sich selbst zweifeln ließ, diese Stunden waren die bittersten seines Berufes. Er wollte nicht auf die Straße gehen, da er an die Anstrengungen des Stiergefechtes und an die Notwendigkeit dachte, sich frisch und gelenkig zu erhalten. Ebensowenig durfte er sich den Genüssen der Tafel hingeben, da er die nach üppigen Mahlzeiten eintretende Mattigkeit während des Kampfes zu fürchten hatte.

Er blieb also an seinem Tische, das Kinn in die Hände gestützt und eine Wolke duftenden Rauches vor den Augen, welche manchmal mit einer gewissen Eitelkeit einige Damen anblickten, die ihrerseits den berühmten Stierkämpfer mit Interesse betrachteten. In solchen Augenblicken glaubte er als der verwöhnte Liebling der Menge, Lob und Schmeicheleien in diesen Blicken zu erraten, die ihn wohlgefällig ansahen, da er hübsch und elegant war. Diese Huldigung der Frauen brachte ihn gleich auf andere Gedanken, er setzte sich mit der Gebärde eines Mannes, der gewohnt ist, eine stolze Haltung vor dem Publikum einzunehmen, aufrecht hin, streifte mit dem Nagel die Asche seiner Zigarre ab und richtete sich den breiten Ring, dessen großer Diamant einen Strahlenglanz um sich verbreitete.

Sein Blick glitt voll Zufriedenheit über seine Person, er bewunderte die Eleganz der Kleidung, seine goldene Uhrkette, die Krawattennadel, deren Perle in ihrem milchigen Schein den dunklen Ton seines Gesichtes zu mildern schien, seine Lackschuhe, welche zwischen dem Schaft und der Hose ein Paar Seidensocken freiließen, die wie Strümpfe einer Kokotte durchbrochen und gestickt waren.

Ein starker Duft nach englischem Parfüm stieg aus den Kleidern und aus den Wellen seines schwarzen, glänzenden Haares auf, als er so vor der weiblichen Neugierde die Haltung eines Triumphators annahm. Für einen Stierkämpfer paßte das ganz gut, er fühlte sich von seiner Person befriedigt. Doch gleich darauf stellten sich die früheren Gedanken wieder ein und der Glanz seiner Augen trübte sich. Er dachte sehnsüchtig an die Stunden der Dämmerung, an die Heimkehr, wann er schweißbedeckt und ermüdet nach Hause kam, aber voll Freude auf die besiegte Gefahr zurückblickte, er dachte an seine nun durch kein Verbot gehemmten Neigungen, an seine närrische Begierde nach Lust und an die Gewißheit, so viele Tage in Sicherheit und Ruhe verleben zu können. Wenn Gott ihn so wie früher beschützen wollte, dann würde er auch wieder mit seinem alten Appetit essen, sich einige Gläschen Wein vergönnen und ein Mädchen aufsuchen, das in einer music-hall sang. Es war eine Bekanntschaft aus früheren Tagen, die er aber auf seinem Zigeunerleben quer durch die ganze Halbinsel nicht weiter fortgesetzt hatte.

Inzwischen hatte sich der Saal mit Freunden und Anhängern Gallardos, welche den Stierkämpfer vor ihrem Mittagessen noch sehen wollten, fast ganz gefüllt. Es waren alte Verehrer, welche ihn mit einer gönnerhaften Vertraulichkeit begrüßten. Er antwortete ihnen, wobei er ihrem Namen die Anrede »Don« vorsetzte und so den traditionellen Unterschied betonte, der noch immer zwischen dem aus dem Volke emporgestiegenen Torero und seinen Bewunderern besteht. Auch andere Gäste in abgetragener Kleidung und mit blassen, vor Hunger abgezehrten Mienen betraten den Saal. Es waren Leute, welche nur den Stierkämpfern bekannt waren und deren Beruf ein Geheimnis blieb. Allein sie stellten sich pünktlich ein, wenn Gallardo auftrat und machten sich dann mit Bitten und Schmeicheleien an ihn heran, um Karten zu erhalten. Doch eine gemeinsame Begeisterung verband sie mit den anderen Herren, welche Großkaufleute oder öffentliche Würdenträger waren und die eifrig mit ihnen die Chancen des Stiergefechtes erörterten, ohne sich irgendwie durch das bettelhafte Äußere ihrer Nachbarn abgestoßen zu fühlen.

Alle umarmten den Torero oder drückten seine Hand, wobei sie Fragen und Ausrufe an ihn richteten. Es war der erste Stierkampf im Frühjahr und die Anhänger Gallardos zeigten große Zuversicht, da sie sich an die Nachrichten erinnerten, welche sie in den verschiedenen Zeitungen über die jüngsten Erfolge ihres Helden gelesen hatten. Er war der Stierkämpfer, welcher die meisten Verträge abgeschlossen hatte. Nach der ersten Toreada zu Ostern in Sevilla, womit die Saison eröffnet wurde, reiste Gallardo von Stadt zu Stadt, um Stiere zu töten. Im August und September mußte er die Nacht im Zug und den Nachmittag im Zirkus verbringen, ohne Zeit zu haben, sich ein wenig auszuruhen. Sein Vertreter in Sevilla wurde oft halb verrückt, da er so viele Anträge erhielt, daß er nicht mehr wußte, wie er sie in die noch freie Zeit einordnen sollte. Vorgestern hatte er in Ciudad Real gekämpft und war noch im Galakleide in den Zug gestiegen, um am Morgen in Madrid anzukommen. Er hatte die Nacht, nur von Zeit zu Zeit ein wenig nickend, auf dem Sitz verbracht, den ihm gefällige Reisende abgetreten hatten, um dem Mann, der am Nachmittag sein Leben wagen sollte, ein wenig Erleichterung zu gewähren. Die Enthusiasten bewunderten seine physische Widerstandskraft und seine Tollkühnheit, mit welcher er sich auf die Stiere stürzte, wenn er ihnen den Todesstoß versetzte. »Wir werden ja heute abends sehen, was du kannst«, sagten sie mit der Überzeugung treu ergebener Anhänger. »Deine Freunde erhoffen viel von dir. Trachte nur, daß du dich so wacker hältst, wie in Sevilla.« Langsam löste sich die Schar der Bewunderer, die nach Hause eilten, auf, weil sie nach dem Mittagessen rechtzeitig in die Arena kommen wollten. Da sich Gallardo allein sah, entschloß er sich, der nervösen Spannung, die ihn beherrschte, nachgebend, auf sein Zimmer zu gehen.

Als er aus dem Speisesaal trat und sich der Treppe zuwandte, da kam eine Frau, welche in einen alten Mantel gehüllt war, aus der Portierloge des Hotels und eilte auf ihn zu, ohne sich um die Einsprache der Kellner zu kümmern. »Juan! Mein lieber Juan! Kennst du mich nicht? Ich bin die Caracola, die Dolores des armen Lechuguero.« Gallardo lachte der alten, schwarzen, kleinen und verrunzelten Frau, welche ihn mit einem Wortschwall begrüßte und ihn mit feurigen Augen anschaute, freundlich zu. Da er gleichzeitig den Grund ihrer Lobsprüche erriet, hob er die Hand zur Weste. »Mein Sohn, seit ich wußte, daß du heute auftrittst, sagte ich mir: Suche Juan auf, denn er wird die Frau seines Kameraden nicht vergessen haben ... Wie hübsch du bist. Die Frauen laufen dir auch alle nach ... Mir geht es schlecht. Man läßt mich aus Mitleid im Gasthof Pepona dort unten, ein sehr feines Haus, komm einmal hin, um dich zu überzeugen ... Ach, wenn mein armer Junge lebte! Erinnerst du dich an Pepiyo und an die Nacht, in der er starb?«

Gallardo legte schnell den Duro in ihre magere Hand und bemühte sich, ihrem Geschwätz zu entfliehen. Verdammte Alte! Sie mußte ihn auch gerade am Tage des Stierkampfes an den Kameraden seiner ersten Jahre, den armen Lechuguero erinnern, den er an den Folgen eines Hornstoßes, der ihm die Brust durchbohrt hatte, auf der Plaza de Lebrija hatte sterben sehen, als sie beide noch Anfänger waren. Verdammte Alte! Er schob sie zur Seite, doch sie wechselte unvermittelt ihr Thema und begann eine Lobrede auf die wackeren Burschen, die Toreros, welche das Geld der Zuschauer und die Herzen der Frauen gewinnen. Die lauten Bemerkungen der Alten und ihre begeisterten Apostrophen verursachten unter den Angestellten des Gasthofes eine allgemeine Heiterkeit und ermutigten dadurch eine Menge Neugieriger und Bittsteller, welche die Gegenwart des Toreros angelockt hatte. Sie stürzten sich alle, Kellner und Angestellte des Hauses beiseite drückend, in das Vestibül, die Straßenjungen mit ihren Zeitungspaketen unter den Armen schwenkten die Mützen und grüßten Gallardo mit einer Begeisterung, in welche sich auch eine gewisse Vertraulichkeit mischte. »Hoch Gallardo, hoch die Stierkämpfer!« Die Kühnsten haschten nach seiner Hand, faßten und schüttelten sie nach allen Richtungen, wobei sie nur den Wunsch hatten, dieses Zusammensein mit dem berühmten Nationalhelden, den sie so oft in den Zeitschriften abgebildet gesehen hatten, so lang als möglich auszudehnen. Sie ermutigten ihre Kameraden, denen sie auch einen Strahl dieses Ruhmes verschaffen wollten. »Gib ihm nur die Hand, er ist nicht böse, sondern sehr freundlich.« Und es fehlte nicht viel, so hätten sie sich in ihrer Begeisterung vor dem Stierkämpfer niedergekniet. Andere Zuschauer, mit struppigem Bart, alten Kleidern, schäbiger Eleganz und zerrissenen Schuhen umringten das Ideal starker Männlichkeit und schwenkten vor ihm ihre schmutzigen Hüte. Dabei sprachen sie leise zu ihm und nannten ihn Don Juan, um sich dadurch von dem zudringlichen Gesindel zu unterscheiden. Einige baten ihn um ein Almosen, andere wieder, die kühner waren, ersuchten mit Rücksicht auf ihre Verehrung für ihn um eine Karte, die sie dann schleunigst verkaufen wollten. Gallardo verteidigte sich lachend vor dieser Lavine, die auf ihn einstürzte, ohne daß es den Angestellten des Hotels, die über eine solche Popularität nicht wenig bestürzt waren, möglich gewesen wäre, ihn zu befreien. Er hielt in seinen Taschen Nachlese, und verteilte blindlings alles, was er fand. »Nun habe ich nichts mehr, die Taschen sind leer. Laßt mich in Ruhe, ihr Schlingel!« Indem er sich über diese Beliebtheit, die ihm schmeichelte, ungehalten stellte, bahnte er sich mühsam einen Weg und eilte die Treppe hinauf, während die Diener nun rücksichtslos die Menge auf die Straße hinausstießen.

Gallardo ging an dem Zimmer, welches sein Diener Garabato bewohnte, vorüber, und sah durch die offene Tür, wie sein Famulus zwischen Koffern und Schachteln das Kostüm für den Stierkampf vorbereitete. Als er dann allein im Zimmer stand, fühlte er, wie mit einem Schlage die fröhliche Erregung, in welche ihn die Begeisterung der Menge versetzt hatte, schwand. Nun kamen die schwarzen Momente jener Tage, an welchen er den Degen umgürtete, die Ungewißheit der letzten Stunden, ehe er den Zirkus betrat. Stiere aus Miura und das Publikum aus Madrid warteten auf ihn. Die Gefahr, welche er um sich sah, schien ihn zu berauschen, seine Kühnheit zu vergrößern, beim Alleinsein jedoch zu bedrücken, wie etwas Übernatürliches, das schon durch die Ungewißheit Furcht und Schrecken erregt. Er fühlte sich ganz klein, als ob mit einem Schlage die Anstrengung der vergangenen bösen Nacht auf ihn einwirkte. Er empfand das Verlangen, sich auf das Bett zu werfen, doch die Ungewißheit dem gegenüber, was ihn erwartete, verscheuchte sein Schlafbedürfnis. Er ging unruhig durch das Zimmer und zündete sich am Ende der abgerauchten Zigarre eine neue an. Wie würde sich die Saison, die er nun in Madrid eröffnen sollte, für ihn anlassen? Was würden seine Feinde sagen, wie sich seine Konkurrenten verhalten? Er hatte schon viele Stiere aus Miura erlegt, einer war schließlich so wie der andere. Gleichwohl dachte er an die Kameraden, die tot in der Arena geblieben waren, alle ein Opfer der Viehzucht dieses Ortes. Glückliche Leute aus Miura! Dafür verlangte er und die anderen Stierkämpfer in den Kontrakten um tausend Pesetas mehr, wenn sie diesen Tieren entgegentreten sollten.

Er ging noch immer nervösen Schrittes durch das Zimmer. Manchmal hielt er an, um Gegenstände zu betrachten, die ihm schon längst vertraut waren, dann ließ er sich in einen Lehnstuhl fallen, als ob ihn ein plötzlicher Schwindel erfaßt hätte. Er schaute wiederholt auf die Uhr, es war noch nicht zwei. Wie langsam verging die Zeit! Er wollte, um seine Nerven zu beruhigen, schon vor dem Augenblicke stehen, in welchem er sich anziehen und auftreten mußte. Die Menge, der Lärm, die Neugierde des Volkes, der Wunsch, sich heiter vor der öffentlichen Bewunderung zu zeigen, und vor allem die Nähe der wirklichen und greifbaren Gefahr verscheuchten sofort dieses Angstgefühl der Einsamkeit, in welcher sich der Toreador, da ihm das Stimulans der von außen kommenden Spannung fehlte, in nichts vor einem anderen furchtsamen Menschenkinde unterschied. Der Wunsch, sich zu zerstreuen, ließ ihn in der inneren Tasche seines Rockes Nachschau halten. Er zog mit seiner Brieftasche auch ein Schreiben heraus, welches einen süßen und starken Duft verbreitete. Er trat an ein Fenster, durch welches die gedämpfte Helle eines Hofes fiel, und betrachtete den Briefumschlag, den man ihm bei seiner Ankunft im Hotel überreicht hatte, wobei er die schöne Schrift der Adresse bewunderte.

Er zog das Blatt heraus und entfaltete es, während er mit Entzücken den undefinierbaren Duft einsog, der dem Brief entströmte. Oh, diese vornehmen, vielgereisten Personen! Wie lassen sie doch ihre unnachahmliche Überlegenheit sogar in den kleinsten Einzelheiten erkennen und fühlen! Denn Gallardo parfümierte sich, als ob ihm wieder der üble Geruch des Elends seiner ersten Jahre in die Nase gestiegen wäre, in einer übertriebenen Weise. Seine Feinde spotteten diesbezüglich oft über den athletischen Burschen und gingen in ihrer Gehässigkeit so weit, ihm die natürlichen Empfindungen seines Geschlechtes abzusprechen. Seine Freunde lächelten über diese Schwäche, mußten aber oft das Angesicht abwenden, da sie nicht selten von den übermäßigen Parfümwolken, die der Stierkämpfer um sich verbreitete, wie betäubt waren. Auf seinen Reisen begleitete ihn eine Sammlung verschiedener Riechwasser und die weibischesten Essenzen salbten seinen Körper, wenn er die Arena betrat. Einige begeisterte Kokotten hatten ihm das Geheimnis ausgesuchter Mischungen feiner Parfüms mitgeteilt. Aber dieser Brief hatte einen geheimnisvollen, undefinierbaren Duft, den man nicht nachahmen konnte und der aus einem aristokratischen Körper auszuströmen schien, so daß er ihn »Frauenduft« nannte.

Er las die Karte mit dem glücklichen Lächeln der Freude und des Stolzes. Es war nicht viel. Ein halbes Dutzend Zeilen, ein Gruß aus Sevilla, der ihm viel Glück in Madrid wünschte, ein schon vorweggenommener Glückwunsch für seinen Triumph. Dieser Brief konnte ohne jede Gefahr für die Frau, welche ihn geschrieben hatte, in fremde Hände kommen. Am Beginn stand »Freund Gallardo«, am Ende »Ihre Freundin Sol«, alles in einem kalten, höflichen Stil, die Ansprache »Sie« mit einem liebenswürdigen Ton der Überlegenheit, als ob die Worte nicht zu einem Ebenbürtigen gesprochen, sondern herablassend an ihn gerichtet wären. Der Torero konnte sich, als er den Brief las, eines gewissen Gefühls des Unbehagens, von oben herab behandelt zu werden, nicht erwehren. »Dieses Weib,« murmelte er, »nur sie kann mir in dieser kalten Form schreiben!« Doch die Erinnerung an verschwiegene schöne Stunden ließ ihn voll Befriedigung lächeln. Der kalte Stil war für den Brief, es war die Gepflogenheit der großen Damen, welche viel in der Welt herumgekommen waren. Sein Ärger verwandelte sich in Bewunderung und in seinem Lächeln zeigte sich die Genugtuung, der Stolz des Bändigers, der, wenn er die Kräfte des besiegten Tieres mit seinen eigenen vergleicht, mit dem Erfolge prahlt.

Während Gallardo den Brief betrachtete, trat sein Diener Garabato in das Zimmer und brachte Kleider und Schachteln, welche er auf das Bett legte. Er war still und geschickt in seinen Bewegungen und begleitete den Torero schon lange Jahre als treuer Leibbursche. Er hatte in Sevilla mit Gallardo die Stierkämpferlaufbahn begonnen. Doch wie seinem Gefährten der Ruhm, so waren ihm die Schattenseiten des Berufes vorbehalten geblieben. Er war klein, schwarz, schwach, eine schlecht verharschte Narbe durchschnitt wie ein weißer Haken sein vertrocknetes und schlaffes Gesicht. Es war dies die Erinnerung an eine Wunde, die ihn für tot auf den Sand hingestreckt hatte, und zu dieser Erinnerung gesellten sich noch andere, die sein Körper an verschiedenen Stellen aufwies. Wie durch ein Wunder kam er trotz all' dieser Verletzungen mit dem Leben davon, doch das Grausamste war für ihn, daß die Leute über sein Unglück lachten und ein Vergnügen daran fanden, wenn sie sahen, wie die Stiere ihn zugerichtet hatten. Endlich mußte sich seine starrköpfige Ungeschicklichkeit vor der Ungunst des Glückes für besiegt erklären und er wurde der treue Diener seines alten Kameraden. Er war der glühendste Bewunderer Gallardos und tat sich manchmal etwas auf seine Freundschaft zugute, indem er sich Ratschläge und Kritiken erlaubte: wäre er an Stelle seines Herrn gewesen, so hätte er manches besser gemacht. Die Freunde des Torero hatten über die gescheiterten Ambitionen seines Dieners viel zu lachen, doch dieser kümmerte sich nicht um diese Scherze. Er sollte auf die Stiere verzichten? Niemals! Um aber die Erinnerung an seine Vergangenheit nicht ganz zu verwischen, kämmte er sich das störrige Haar in glänzenden Locken über die Ohren und trug rückwärts das traditionelle Büschel Haare, das Kennzeichen des Toreros. Wenn sich Gallardo mit ihm zankte, ereiferte sich der Espada immer über diesen Kopfputz. Garabato hörte alle Drohungen seines Herrn an, ohne ein Wort zu erwidern, rächte sich aber, indem er sich in Schweigen hüllte und mit einem Achselzucken die fröhliche Laune Gallardos beantwortete, wenn dieser nach einem glücklichen Stiergefecht mit kindlicher Befriedigung fragte: »Nun, was denkst du?« Von ihrer früheren Kameradschaft her hatte er das Vorrecht behalten, seinen Herrn zu duzen, er konnte gar nicht anders mit ihm sprechen. Doch begleitete er jedes »Du« mit einer würdevollen Bewegung, mit einem Ausdruck tiefen Respektes. Seine Vertraulichkeit war ungefähr dieselbe, mit welcher die alten Knappen ihre Raubritter behandelten.

Torero vom Scheitel bis zur Sohle war er gleichzeitig auch Schneider und Kammerdiener. Bekleidet mit einem englischen Anzug, einem Geschenk seines Herrn, brachte er Büchsen mit Näh- und Stecknadeln und auf einem Kissen verschiedene schon eingefädelte Nadeln. Seine trockene, braune Hand hatte eine fast frauenhafte Anmut, die Gegenstände zu handhaben und herzurichten. Als er die für seinen Herrn notwendige Kleidung auf dem Bette ausgebreitet hatte, musterte er noch einmal die verschiedenen Gegenstände, um sich zu überzeugen, daß nichts fehlte. Dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, und ohne Gallardo anzublicken, sagte er, gleichsam zu sich sprechend, mit mürrischer Stimme und starker Betonung: »Zwei Uhr!«

Gallardo hob nervös den Kopf, als hätte er die Gegenwart des Dieners bis jetzt noch nicht bemerkt. Er steckte seinen Brief in die Tasche und ging nachlässig durch das Zimmer, wie um den Augenblick des Anziehens hinauszuschieben. Doch plötzlich belebte sich sein blasses Gesicht wie unter einem heftigen Schlag, seine Augen öffneten sich weit, als ob er unter der Einwirkung einer furchtbaren Überraschung zu leiden hätte. »Welches Kleid hast du da herausgenommen?« Garabato zeigte auf das Bett, doch ehe er antworten konnte, schrie ihn der Torero zornig an: »Verdammt! Kennst du noch immer nicht dein Geschäft? Bist du verrückt! Ich soll hier in Madrid gegen Stiere aus Miura auftreten und du bringst mir den roten Anzug, denselben, welchen der arme Emanuel Espartero trug? Es scheint, daß du mir den Tod wünschest, du Schurke!« Seine Erregung stieg in dem Maße, als er den Gedanken, der einer Todesdrohung gleichkam, weiterspann. Seine Augen funkelten in einem feindseligen Feuer, als wenn er gerade einen heimtückischen Überfall erlebt hätte. Das Weiße der Augen rötete sich und es schien, als ob er über den armen Garabato herfallen wollte.

Ein diskretes Klopfen an der Tür machte dieser Szene ein Ende. »Herein!« Ein junger, weißgekleideter Mann mit roter Krawatte und dem Filzhut in der Hand, trat in das Zimmer. Gallardo erkannte ihn sogleich mit jener Leichtigkeit, mit der sich Leute, welche immer vor den Augen der Menge stehen, an Gesichter erinnern. Sein Zorn verwandelte sich sofort in liebenswürdigste Freundlichkeit. Es war ein Freund aus Bilbao, einer aus der Schar seiner begeisterten Verehrer. Das war alles, woran er sich erinnerte. Doch der Name, wie lautete er nur? Er wußte bloß, daß er ihn duzen konnte, daß beide schon lange Zeit Freunde waren. »Welche Überraschung! Wann bist du gekommen? Wie geht es zu Hause?« Sein Bewunderer setzte sich mit der Befriedigung eines Jüngers, der in das Heiligtum des Meisters eindringen darf. Voller Freude, von ihm mit »du« angesprochen zu werden, schien er entschlossen, ihn erst im letzten Augenblicke zu verlassen. Nach jedem zweiten Wort nannte er ihn Juan, damit das ganze Haus und alle, welche draußen vorbeigingen, ihn um seine Vertraulichkeit beneiden konnten. Er war in der Frühe aus Bilbao gekommen und wollte am nächsten Morgen wieder zurückfahren, das alles, nur um Gallardo zu sehen. Er hatte seine großen Erfolge gelesen, die Saison fing ja gut an, und nun freute er sich auf den Kampf. Den Morgen hatte er bei den Stieren verbracht und dort einen schwarz-braunen Bullen bewundert, der unter der Hand Gallardos sicher ein spannendes Spiel aufführen würde.

Doch der Meister unterbrach diese Prophezeiungen seines Verehrers mit einer gewissen Hast. »Entschuldige mich jetzt, ich muß mich anziehen.« Und er verließ das Zimmer und ging schnell zu einer kleinen Tür am Ende des Korridores. »Was soll ich herauslegen?« fragte Garabato mit einer Stimme, welche durch das Bestreben, sich unterwürfig zu zeigen, noch brüchiger klang. »Das grüne, das braune, das blaue, was du willst«, und Gallardo verschwand hinter der Tür, während der Diener, der sich nun allein sah, boshaft vor sich hinlächelte. Er kannte dieses plötzliche Verschwinden seines Herrn im Augenblick des Anziehens. Und sein Lächeln drückte Befriedigung darüber aus, daß auch die Großen und Starken die gleiche Furcht, das gleiche Bedürfnis empfanden wie er, als er seinerzeit in die Arena ging.

Als Gallardo in sein Zimmer zurückkehrte, begegnete er einem neuen Besucher. Es war Dr. Ruiz, der bekannte Arzt, der seit dreißig Jahren den ärztlichen Dienst bei den Stierkämpfern versah und den Toreros im Falle einer Verwundung Hilfe leistete. Gallardo bewunderte ihn und hielt ihn für den ersten Vertreter des universalen Wissens, während er sich gleichzeitig freundliche Späße über seinen gütigen Charakter und sein vernachlässigtes Äußere erlaubte. Seine Bewunderung war die eines Mannes aus dem Volke, der das Wissen nur bei einem Sonderling anerkennt. Der Doktor war klein und dick, hatte ein breites Gesicht, eine etwas platte Nase und einen graumelierten Backenbart; all das verlieh seinem Aussehen eine gewisse Ähnlichkeit mit Sokrates. Wie er so dastand, schien sich sein Bauch mit jedem Wort zu bewegen, beim Sitzen ragte dieser Teil des Körpers weit über seine flache Brust hinaus. Schmutzige und abgetragene Kleider schlotterten wie Geschenke aus fremder Hand um seinen Körper, der in den Partien, die der Verdauung fröhnten, dick und fett war, jedoch dort, wo Bewegung zu leisten war, armselig und zurückgeblieben aussah. »Er ist ein guter Kerl,« sagte Gallardo, »einer, der niemals einen Peseta nimmt. Er gibt was er hat, und nimmt, was man ihm geben will.«

Zwei große Leidenschaften füllten das Leben des Doktors aus: die Revolution und die Stiere. Eine in ihrem Wesen noch unbestimmte und furchtbare Revolution, welche noch kommen und alles Bestehende in Europa umstürzen mußte; ein dem Anarchismus nahekommender Republikanismus, den er sich nicht die Mühe nahm zu erklären, der ihm nur in seinen umstürzlerischen Verneinungen klar vor Augen schwebte. Den Stierkämpfern war er ein Vater, sie standen alle unter seinem Schutze, es genügte ein Telegramm aus irgend einem fernen Punkte der Halbinsel und unser Doktor bestieg sofort den nächsten Zug, um eines seiner »Kinder« von irgend einer Verwundung zu heilen, ohne auf eine andere Belohnung zu rechnen als auf die, welche man ihm freiwillig gab. Als er Gallardo nach so langer Abwesenheit sah, umarmte er ihn, indem er seinen schwammigen Bauch gegen den Körper des Toreros drückte.

»Wie steht's mit der Republik, Doktor, wann kommt sie?«, fragte Gallardo mit leichtem Spott. »Der ›Nacional‹ sagt, daß sie jeden Tag ausgerufen werden kann.«

»Was kümmert dich das, du Spaßvogel? Laß den armen ›Nacional‹ in Ruhe. Zieh dich lieber an! Was dich interessieren soll, ist etwas ganz anderes. Trachte vielmehr, deine Stiere auf den ersten Stich zu treffen. Du hast heute eine schwere Arbeit vor dir. Man sagte mir, daß der Preis ...«

In diesem Augenblick unterbrach der junge Mann, der zu Besuch gekommen war und mit Nachrichten dienen wollte, den Redeschwall des Doktors, um von einem schwarzbraunen Bullen zu sprechen, der ihm aufgefallen war und der sich, wie er hoffte, wacker halten würde. Die beiden Männer standen sich jetzt gegenüber, so daß es Gallardo für angezeigt hielt, sie einander vorzustellen. Doch wie hieß nur der Freund, den er duzte? Er zerbrach sich den Kopf und runzelte die Stirne, als er so vergeblich nachdachte. Allein sein Schwanken dauerte nicht lange.

»Du, sag' mal, wie heißt du denn? Du weißt, bei soviel Leuten ...«

Der junge Mann verbarg seine Enttäuschung, sich von dem Meister vergessen zu sehen, unter einer lächelnden Zustimmung und nannte seinen Namen. Als Gallardo ihn hörte, da fühlte er die Vergangenheit vor seinen Blicken aufsteigen und er machte die Vergeßlichkeit dadurch gut, daß er hinzufügte: »Der reiche Bergwerksbesitzer aus Bilbao«. Hierauf stellte er den Doktor vor und die beiden Männer begannen, als ob sie sich schon ihr ganzes Leben kannten, in ihrer gemeinsamen Begeisterung von den Aussichten des heutigen Tages zu sprechen.

»Setzen Sie sich doch!« sagte Gallardo und wies auf ein Sofa. »Lassen Sie sich in Ihrem Gespräch nicht stören, ich ziehe mich jetzt an. Ich glaube, unter Männern ...« Und er entledigte sich seines Anzuges und blieb in der Unterkleidung. Er setzte sich auf einen Sessel unter dem Bogen, der den Salon vom Schlafzimmer trennte, und überließ sich den Händen Garabatos, der einen Lederkoffer geöffnet hatte und ein Necessaire herauszog, das eher für eine Frau als für einen Stierkämpfer paßte. Da dieser immer sorgfältig rasiert war, ging der Diener mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der ein solches Geschäft täglich vollführt, daran, ihm das Gesicht einzuseifen und das Messer über seine Wange zu führen. Sogleich nach dem Waschen setzte sich Gallardo wieder nieder. Der Diener befeuchtete sein Haar mit Brillantin und Essenzen und zog dann die Haarlocken über die Stirne und Schläfen. Dann kam das traditionelle Zeichen seines Berufes an die Reihe: der alte, ehrwürdige Zopf, den jeder Stierkämpfer trägt. Garabato kämmte mit einer gewissen Ehrfurcht die breite Haarflechte auf dem Hinterhaupt seines Herrn und befestigte sie mit zwei Haarnadeln am Kopf, wobei er sie mehr nach vorne legte. Nun bückte er sich zu den Füßen Gallardos, zog dem Torero die Socken aus, so daß dieser in seinem Hemde und den seidenen Beinkleidern dasaß. Die starke Muskulatur des Stierfechters trat unter diesen dünnen Hüllen in kräftiger Schwellung hervor. Eine Vertiefung in einem Schenkel verriet die Narbe eines Hornstoßes. Unter der braunen Haut der Arme schimmerten weiße Flecken, es waren die Spuren überstandener Stöße. Die breite, unbehaarte Brust war von zwei unregelmäßigen, violetten Linien durchzogen, gleichfalls eine Erinnerung an blutige Ereignisse. Dieser Organismus des Kampfes und der Kraft hauchte den Geruch reinen und wilden Fleisches in einer seltsamen Vermischung mit Frauenparfüms aus. Garabato hatte inzwischen Watte und weiße Binden geholt und bückte sich zu den Füßen des Toreros nieder.

»Genau so, wie bei den alten Gladiatoren«, sagte der Doktor Ruiz, der sein Gespräch mit dem Besuche Gallardos unterbrach. »Du bist ein ganzer Römer, Juan!«

»Schon recht, alter Doktor«, erwiderte der Stierkämpfer mit einer gewissen Melancholie. »Man wird alt. Als ich außer mit Stieren noch mit dem Hunger kämpfte, da brauchte ich all das nicht und stand wie Eisen in der Arena.«

Garabato steckte kleine Watteflocken zwischen die Zehen des Toreros. Dann bedeckte er die Sohlen und den Oberteil des Fußes mit der weißen Binde, zog sie zusammen und begann, sie in Spiralen aufzuwickeln, als ob er einen Verband anlegen wollte. Dann zog er Nähnadeln aus einem Kissen und vernähte sorgfältig die Enden der Rolle. Gallardo stampfte mit den Füßen, welche durch ihre weißen Binden stärker geworden zu sein schienen, auf den Boden. Er fühlte, wie sie trotz des Druckes der Umhüllung stark und beweglich waren. Der Diener legte ihm dann lange Strümpfe an, welche bis zur Mitte der Lenden reichten und stark und schmiegsam wie Gamaschen waren. Sie bildeten unter dem dünnen Galakleid aus Seide den einzigen Schutz für das Bein. »Paß auf die Falten auf, Garabato!« Bei diesen Worten warf der Torero einen prüfenden Blick in den großen Wandspiegel und bückte sich dann, um glättend über die Waden zu streifen. Über die weißen Strümpfe kam ein zweites Paar aus rosa Seide, dann wählte Garabato unter den Schuhen, welche auf dem Koffer standen, ein Paar noch ungebrauchter, mit weißer Sohle aus. Nun begann erst die eigentliche Arbeit des Ankleidens. Der Diener reichte ihm die Hose aus brauner Seide, deren Nähte mit breiten Goldstreifen besetzt waren. Gallardo schlüpfte hinein und ließ die starken, mit Goldquasten durchwirkten Bänder, welche das Beinkleid unterhalb des Knies zusammenzogen, herabhängen. Diese Bänder, welche die Beine mit festem Druck umschlossen, hießen in der Torerosprache »Schrauben«. Gallardo sagte nun seinem Diener, ihn fest unterhalb der Knie zu drücken, während er gleichzeitig die Muskeln seiner Beine anspannte. Diese Probe war unerläßlich notwendig, denn ein Stierkämpfer muß die »Schrauben« straff anliegen haben. Garabato drehte die eingerollten Schnüre, welche unter der Hose verborgen blieben, geschickt und flink in engen Windungen um das Bein seines Herrn. Dieser nahm dann ein feines schmiegsames Hemd, das auf der Brust mit Spitzen besetzt war, entgegen. Nun schlang Garabato den Knoten der breiten Krawatte, die wie eine rote Schlange über die Brust lief, sie in zwei Hälften teilte und sich dann in dem Gürtel verlor. Jetzt kam das Schwerste der ganzen Toilette: die Schärpe, ein Seidenband von mehr als vier Meter Länge, welches die ganze Breite des Zimmers auszufüllen schien und das Garabato mit gewohnter Kunstfertigkeit durch seine Hände gleiten ließ.

Der Stierkämpfer trat nun wieder zu seinen Freunden und steckte einen seiner Finger in den Gürtel. »Aufgepaßt!« sagte er zu seinem Helfer. Dann drehte er sich langsam um seine Achse und brachte so die Schärpe in regelmäßigen Windungen um die Hüften, während Garabato mit geschickten Handbewegungen nachhalf. Einmal legte sich die Schärpe doppelt auf, ein andermal war sie wieder offen und trotzdem schmiegte sie sich flüssig, wie aus einem Stück, ohne Falten an den Körper des Stierkämpfers. Während seiner Drehungen hielt Gallardo, der mit allem, was seine Person betraf, äußerst genau und schwer zu befriedigen war, manchmal inne, um zwei oder drei Windungen wieder aufzurollen und die Arbeit besser zu machen. »Es paßt mir nicht gut«, sagte er unwillig, »verdammt, gib doch acht!«

Nach mehreren Unterbrechungen kam Gallardo endlich zum Ziel und trug das ganze Stück Seide um seine Hüften gerollt. Der Diener hatte überall Sicherheitsnadeln und Stecknadeln angebracht und so den Anschein erweckt, als ob die Kleidung seines Herrn nur aus einem Stück bestünde. Um sich ihrer zu entledigen, hätte der Stierkämpfer Scheren und die Hilfe fremder Hände gebraucht. Er mußte in seinen Hosen bleiben, bis er in das Hotel zurückkehrte, außer einer der Stiere riß sie ihm in der Arena herunter oder man zog sie ihm im Spital aus. Gallardo setzte sich wieder nieder und Garabato beschäftigte sich mit dem Haarzopf. Er machte die Haarnadeln los und flocht nun eine Schleife aus schwarzen Kokarden, welche an das alte Netz der früheren Stierkämpfer erinnerte, durch das Haar.

Wie um den Augenblick zu verzögern, die letzte Hand an seine Toilette zu legen, dehnte und streckte sich der Torero, bat Garabato um die Zigarre, welche er auf das Nachttischchen gelegt hatte, fragte wie spät es sei, weil er behauptete, daß alle Uhren vorgingen. »Es ist noch immer Zeit, die anderen sind ja auch noch nicht zur Stelle. Ich will nicht so früh auf dem Platze sein, man wird ja nur von allen Seiten gestoßen, wenn man dort wartet.« Ein Kellner meldete, daß unten der Wagen mit der Cuadrilla, dem Gefolge des Stierkämpfers, warte. Nun war es Zeit, er hatte keine Ausrede mehr, den Aufbruch hinauszuschieben. Er legte die Weste über die Schärpe und schlüpfte in ein helles Jäckchen mit schwerer Stickerei, die wie der Schein der roten Glut leuchtete. Die braune Seide war nur auf der inneren Seite der Ärmel und dem Dreieck des Degengehänges sichtbar. Das ganze verschwand fast vollständig unter dem großen Mantel und der Goldstickerei, welche Blumen mit farbigen Steinen in ihren Kelchen vorstellte. Die Achselstücke waren aus schwerem Golde und trugen Troddeln aus gleichem Metall. Das Gold lief in Fransen aus, welche bei jedem Schritte zitterten. In der vergoldeten Öffnung der Tasche sah man das Seidenfutter im gleichen Rot der Schärpe und der Krawatte aufleuchten. »Die Mütze!« Garabato hob aus einer ovalen Schachtel behutsam die Torerokappe heraus. Sie war schwarz und trug zwei Quasten. Gallardo setzte sie auf, wobei er darauf achtete, daß der Haarschopf freiblieb. »Den Mantel!« Der Diener reichte ihm den Galamantel aus Seide, der in der Farbe des Kostüms gehalten und ebenso mit Gold und Stickerei überladen war wie jenes. Gallardo legte ihn über eine Schulter und betrachtete sich dann, zufrieden mit all seinen Vorbereitungen, in dem Spiegel. Er machte keinen schlechten Eindruck. »Vorwärts in die Arena!«

Seine zwei Freunde empfahlen sich schnell, um eine Kutsche zu nehmen und ihm zu folgen. Garabato ergriff ein Bündel roter Tücher, unter deren Fransen sich die Griffe mehrerer Degen abhoben. Als Gallardo durch die Vorhalle des Hotels ging, sah er die Straße von einer zahlreichen und drängenden Menge erfüllt, die auf ihn wartete als hätte er schon einen großen Erfolg zu verzeichnen. Er konnte bereits das Gesumme der Menge, die ihm noch durch die Tür verborgen blieb, vernehmen. Der Wirt und seine ganze Familie eilten ihm mit ausgestreckten Händen entgegen, als ob sie sich für eine lange Reise empfehlen wollten. »Viel Glück!« Auch die Diener vergaßen unter dem Impulse der Begeisterung und der inneren Bewegung die Schranken der Zurückhaltung und streckten ihm die Rechte entgegen. »Viel Glück, Don Juan!« Und er verbeugte sich lächelnd nach allen Seiten, ohne sich viel um die erschreckten Gesichter der Frauen zu kümmern. »Ich danke! Auf Wiedersehen!« Er war ein anderer: seitdem er sich den leuchtenden Mantel umgeworfen hatte, erhellte ein fröhliches Lächeln sein Gesicht, welches, von feinen Schweißperlen benetzt, in seiner Blässe dem Antlitz eines Kranken glich. Dennoch lächelte er voller Freude, sich zu zeigen und das Publikum durch seine Erscheinung zu begeistern. Er fand sich sofort mit der instinktiven Leichtigkeit eines Mannes, der einer gewinnenden Geste bedarf, um sich vor der Menge zu zeigen, in seine neue Umgebung hinein. Er schritt würdevoll weiter und sog an der Zigarre, welche er in der linken Hand trug. Er bewegte beim Gehen die Hüften und ging mit der Eitelkeit eines strammen Burschen durch die Menge. »Bitte meine Herren, machen Sie Platz. Ich danke sehr!«

Als er sich so den Weg durch die schlechtgekleidete und schmutzige Schar, welche vor der Tür des Hotels hin und her drängte, bahnen mußte, da trachtete er so viel als möglich, jede Berührung mit der unreinlichen Umgebung zu vermeiden. Alle diese Leute hatten keinen Duro in der Tasche, um sich eine Karte zu kaufen. Gleichwohl benützten sie die Gelegenheit, dem berühmten Gallardo die Hand zu drücken oder seine Kleider zu berühren.

Hart am Gehsteig wartete eine Kutsche mit vier Maultieren, deren Geschirr mit Quasten und Schellen aufgeputzt war. Garabato hatte sich mit seinem Bündel bereits auf den Kutschbock geschwungen. Im Innern saßen drei Toreros und hielten ihre Mützen auf den Knien. Ihre bunten Kleider waren ebenso wie das Kostüm Gallardos mit reicher Stickerei, jedoch nur aus Silber, verziert. Gallardo, der, so gut er es unter den Püffen der begeisterten Menge vermochte, alle Hände abwehrte, kam endlich zum Trittbrette der Kutsche. Die Begeisterung all dieser Leute hatte sich in freundschaftlichen Püffen und Zurufen Luft gemacht. »Guten Abend Caballeros!« sagte er zu den Teilnehmern seiner Cuadrilla. Dann setzte er sich neben den Kutschenschlag, so daß ihn alle sehen konnten, und lächelte dem Publikum zu, während er mit einem Kopfnicken für die Rufe einiger zerlumpter Frauen und für den kurzen Applaus der Zeitungsverkäufer dankte.

Die Kutsche rollte schnell durch die Straßen, welche sie mit dem lustigen Schellengetön der Maultiere erfüllte. Die Menge teilte sich, um das Gespann durchzulassen, aber viele drängten sich an den Wagen, als ob sie sich unter die Räder stürzen wollten. Sie schwenkten Hüte und Stöcke. Eine Welle der Begeisterung erfaßte alle Zuschauer, es war ein Taumel, welcher zu gewissen Stunden die Menge handeln und reden läßt, ohne daß sie eigentlich wußte, warum und wofür. »Hoch unsere wackeren Burschen, es lebe Spanien!« Gerührt über diese Begeisterung und voll Stolz, seinen Namen mit dem seines Vaterlandes vereinigt zu hören, grüßte Gallardo bleich und lächelnd nach allen Seiten. Eine Schar Straßenjungen und zerlumpter Mädchen lief aus Leibeskräften hinten her, als ob sie hofften, am Ende ihres närrischen Wettlaufes etwas ganz Außergewöhnliches zu finden.

Seit ungefähr einer Stunde glich die Alcalastraße einem Strom von Karren und Wagen zwischen zwei Ufern, als welche man die langen Reihen der Fußgänger bezeichnen konnte, die bis an das andere Ende der Stadt marschierten. Alle modernen und alten Beförderungsmittel figurierten in dieser zeitweiligen, lärmenden, alles mitreißenden Auswanderung, von der ehrwürdigen längst überholten Postkutsche bis zum modernen Automobil. Die Straßenbahn war überfüllt, Trauben von Menschen hingen an den Trittbrettern. Der Omnibus nahm an der Ecke der Sevillastraße Fahrgäste auf, während der Schaffner von der Plattform des Daches herabschrie: »Einsteigen!« Mit fröhlichem Geklingel trabten Maultiere daher und zogen Wagen, in denen Frauen in blauer Mantilla und mit blühenden Blumen saßen. Jeden Augenblick ertönte ein Schreckensruf, wenn sie plötzlich einen Straßenjungen mit affenartiger Gelenkigkeit zwischen den fahrenden Wagen hindurch von einem Gehsteig zum anderen laufen sahen. Die Hupen der Automobile tuteten, die Kutscher brüllten, die Zeitungsverkäufer priesen ihre Blätter an, in denen man die Abbildungen und die Geschichte der Stiere, dann die Bilder und Biographien der berühmten Toreros sehen und lesen konnte. Und von Zeit zu Zeit hörte man noch einen Ausruf der Neugierde in dem dumpfen Gemurmel der Menge. Neben den dunkelgekleideten Reitern der Stadtwache sah man auffallend kostümierte Männer auf armseligen Pferden. Die Reiter trugen gelbe Beinkleider, ein goldfarbenes Wams, breite Hüte mit einer starken Quaste. Es waren die Picadores, rauhe Burschen mit wildem Aussehen.

Die Stierkämpfer fuhren in offenen Wagen und die Stickereien, welche das Licht der Nachmittagssonne reflektierten, schienen die Menge zu blenden und ihren Enthusiasmus anzustacheln. Zufrieden, die Vorüberfahrenden erkannt zu haben, eilten die Leute hastig hinter ihnen her, als ob sie fürchteten, zu spät zu kommen.

Oben von der Alcalastraße übersah man die breite Verkehrsader in ihrer ganzen Länge. Die Sonne brannte auf die Chaussee herab, welche unter dem Ameisengewimmel der Menge und den dichten Reihen der Wagen nur streckenweise sichtbar war. Zuschauer blickten von den Balkonen der Häuser diesem Heereszug nach, aus der Ferne grüßten, durch die Bäume, welche die Gehsteige von dem Fahrdamm trennten, halb verdeckt, die Berge herüber und ganz unten ragte wie ein Triumphbogen das Tor der Alcalastraße auf, dessen durchbrochene Konturen sich hell vom blauen Himmel abhoben, auf welchem wie einsame Schwäne einige weiße Wolken schwammen.

Gallardo blieb schweigend auf seinem Sitze und betrachtete mit einem unbeweglichen Lächeln die Menge. Seit dem Gruß an die Banderillos hatte er kein Wort gesprochen. Auch sie blieben stumm und bleich unter der Angst vor dem Unbekannten. Da sie jetzt um sich nur Stierkämpfer sahen, verzichteten sie, weil es unnütz war, auf die zur Schau getragene selbstbewußte Miene.

Ein geheimnisvoller Einfluß schien der Menge das Nahen der letzten Cuadrilla, welche nach dem Platze fuhr, zu melden. Die Straßenjungen, welche hinter dem Wagen mit Hochrufen auf Gallardo hergelaufen waren, mußten schon lange zurückbleiben, doch nichtsdestoweniger wandten die Leute den Kopf, als würden sie in ihrem Rücken das Kommen des berühmten Stierkämpfers erraten haben. Sie blieben stehen und stellten sich längst des Straßenrandes auf, um ihn besser zu sehen. Unverständliche Zurufe erschollen aus manchen Gruppen, welche auf dem Gehsteig standen. Es waren Beifallskundgebungen. Einige schwenkten die Hüte, andere hoben die Stöcke in die Höhe und winkten mit ihnen, als ob sie grüßen wollten.

Gallardo antwortete allen mit einem Lächeln, schien sich aber in seinen Gedanken dieser Begrüßung nicht recht bewußt zu sein. Neben ihm saß ein Banderillo, der um zehn Jahre älter war als er und »Nacional« genannt wurde. Er erfreute sich unter seinen Kollegen wegen seiner Freundlichkeit, seines geraden Wesens und seiner politischen Gesinnung einer großen Beliebtheit. »Juan, du wirst dich über Madrid nicht beklagen«, sagte er. »Du hast das Publikum schon für dich«. Doch Gallardo erwiderte, als hätte er ihn nicht verstanden und als wollte er die Gedanken, die ihn beschäftigten, abschütteln: »Mir sagt eine Ahnung, daß es heute heiß hergehen wird«. Plötzlich hielt die Kutsche an. Es kam ein großer Leichenzug daher. Gallardo wurde noch bleicher, als er voll Entsetzen den Zug der Priester betrachtete, welche ihre Gesänge unterbrachen und teils mit abweisender Strenge, teils mit Neid auf das gottverlassene Volk blickten, welches zu seiner Belustigung lief.

Der Torero machte sich mit seinen Gefährten bereit, das Barett abzunehmen. Nur der »Nacional« tat nichts dergleichen. »Zum Teufel,« rief Gallardo, »herunter mit der Mütze, du Ketzer!« Und er schaute ihn wütend an, als wollte er ihn prügeln, im unklaren Gefühl, daß diese Auflehnung für ihn die schwersten Folgen haben könne. Sie mußten lange Zeit stehen bleiben, um den Leichenzug vorbeizulassen. »Schlechte Vorbedeutung«, murmelte Gallardo mit vor Zorn zitternder Stimme. »Das fehlte uns noch, einem Leichenzug vor dem Stierkampf zu begegnen. Ich sagte ja schon, heute wird es etwas abgeben«. Der Andere lächelte und zuckte mit den Schultern: »Aberglauben und dummes Gerede. Gott und die Natur kümmern sich nicht um solche Dinge«. Diese Worte, welche Gallardo noch mehr in Zorn setzten, weckten die anderen Toreros aus ihren Gedanken und sie fingen an, sich über ihren Nachbarn lustig zu machen, was immer geschah, wenn er seine beliebte Phrase »Gott und die Natur« hören ließ.

Als der Zug vorüber war, griffen die Maultiere tüchtig aus und der Wagen rollte schnell zwischen den anderen Fuhrwerken dahin. Beim Zirkus angelangt, wendete er sich nach links zur Pforte, durch welche man zu den Ställen und Gehegen gelangte. Hier erhielt Gallardo eine neue Ovation, als er mit seinen Banderillos vom Wagen stieg. Mit Händen und Ellbogen suchte er die Berührung mit den mehr oder weniger reinlichen Zuschauern abzuwehren. Er grüßte mit einem Lächeln und versteckte seine rechte Hand, welche alle fassen wollten. »Laßt mich durch, Caballeros. Danke sehr!«

Der weite Platz zwischen den Tribünen und den Stallgebäuden des Zirkus war von dem Publikum erfüllt, welches sich vor Beginn des Kampfes die Stiere anschauen wollte. Über den Köpfen der Menge tauchten die Picadores (Lanzenstecher) und die Alguacilen (Polizisten) in ihrer altmodischen Tracht des XVII. Jahrhunderts auf. Auf der einen Seite des Platzes erhoben sich einstöckige Gebäude aus Ziegeln mit Weinranken über den Türen und Blumentöpfen in den Fenstern. Es waren Büros und Werkstätten, worin die Stallburschen, Zimmerleute und das übrige Gesinde des Zirkus hauste.

Der Stierkämpfer bahnte sich mühsam einen Weg durch die vielen Leute. Sein Name ging von Mund zu Mund, begleitet von allen möglichen Ausrufen der Begeisterung. Er aber ging zufrieden und voll Selbstbewußtsein weiter, als ob er ein ihm zu Ehren veranstaltetes Fest beehren würde.

Zwei Arme legten sich um seinen Hals und gleichzeitig verspürte er einen starken Weingeruch. Es war ein gut gekleideter Mann, offensichtlich ein Bürger, der mit seinem Freunde gefrühstückt hatte und welcher nun sein Haupt an die Schulter des Stierkämpfers lehnte. Er blieb in dieser Stellung als wollte er vor lauter Begeisterung an der Brust des berühmten Mannes einschlafen. Die Freunde Gallardos machten dieser endlosen Umarmung ein Ende, worauf der Betrunkene, der sich so von seinem Idol verdrängt sah, vor Begeisterung in laute Hochrufe auf die Toreros ausbrach.

Gallardo durchschritt einen großen, weißgetünchten, kahlen Saal, in welchem seine Kollegen unter Gruppen begeisterter Anhänger standen. Er drängte sich durch die Leute, welche die Tür verstellten, und sah sich hierauf in einem kleinen, dunklen Raum, in welchem Lichter brannten. Er stand in der Kapelle. Ein altes Marienbild nahm die Stirnseite des Altars ein, verwelkte Blütenzweige wurden in irdenen Blumentöpfen von den Motten zerfressen.

Die Kapelle war voll von Andächtigen. Die Freunde der Toreros aus den niedrigeren Volksschichten drängten sich hinein, um hier noch vor dem Kampfe ihre berühmten Männer zu sehen. Sie standen entblößten Hauptes im Dämmerlichte da, einige knieten in den ersten Bänken, andere saßen, doch fast alle blickten zum Gnadenbilde empor. Einige schauten zur Tür, um dann einen Namen zu nennen, wenn ein Lichtstrahl das Dunkel teilte. Die Banderillos und Picadores, arme Teufel, welche so, wie ihre berühmteren Kameraden, ihr Leben aufs Spiel setzten, erhoben bei Gallardos Eintritt kaum ein leises Gemurmel. Da plötzlich summte ein Name von Mund zu Mund: »Fuentes, da ist Fuentes«. Der elegante Torero ging mit seiner fast aristokratischen Schönheit, den Mantel über die Schulter geworfen, bis zum Altar und beugte mit theatralischer Gebärde ein Knie, während sich das Licht in seinen schwarzen Augen widerspiegelte und seine schlanke, biegsame Gestalt hervortreten ließ. Nach dem Gebet, das er mit dem Kreuzzeichen beschloß, erhob er sich und ging wie ein Tenor, der sich beim Abgehen dankend vor dem Publikum verbeugt, rücklings zur Tür, ohne das Bild aus den Augen zu lassen. Gallardo war in seinen Bewegungen einfacher. Er trat mit der Kappe in der Hand und übergeschlagenem Mantel ein, ohne jedoch an Geziertheit des Auftretens dem anderen nachzustehen. Doch vor dem Gnadenbild senkte er beide Knie zur Erde und begann sein Gebet, ohne sich um die hundert Augenpaare zu kümmern, die auf ihn gerichtet waren. Seine gläubige, einfache Christenseele zitterte vor Furcht und Gewissensbissen. Er bat um Schutz, mit der Inbrunst eines Mannes, der immer in Gefahren lebt und an alle möglichen Einflüsse oder an übernatürliche Hilfe glaubt. Das erstemal an diesem Tag dachte er an seine Frau und an seine Mutter. Die arme Carmen in Sevilla, wie wird sie auf das Telegramm warten. Dann die alte Angustias, die so ruhig bei ihren Hennen im Hofe La Rinconada saß, ohne recht zu wissen, wo ihr Sohn heute sein Leben aufs Spiel setzte. Und er war hier mit dem furchtbaren Vorgefühl, daß ihm diesen Abend irgend etwas zustoßen würde. Heilige Jungfrau, nur ein bißchen Schutz, er würde schon wieder brav sein, auf alles andere vergessen und nach Gottes Geboten leben. Und gestärkt durch diese überflüssige Reue verließ er die Kapelle, noch ganz bewegt und trüben Auges, ohne auf das Volk zu achten, welches ihm den Weg verstellte. Draußen im Zimmer, wo die Toreros warteten, grüßte ihn ein glattrasierter, schwarzgekleideter Herr. »Schon wieder Pech«, murmelte der Torero beim Gehen. »Ich sagte es ja, daß heute etwas geschehen wird.« Es war der Kaplan des Zirkus. Er kam mit dem heiligen Öl aus einem ziemlich entfernten Stadtteil, ein zweiter Geistlicher begleitete ihn für den Fall, daß seine geistliche Hilfe gebraucht werden sollte. Er stritt sich schon einige Jahre mit einer Pfarre Madrids herum, welche infolge ihrer Nähe beim Zirkus behauptete, größeren Anspruch auf die Ausübung der heiligen Handlung zu haben. An den Tagen eines Stierkampfes mietete er sich eine Droschke, welche die Gesellschaft bezahlte, nahm das geweihte Öl an sich, wählte unter seinen Freunden und Schützlingen einen aus, der das Geschäft des Sakristans übernahm und begab sich dann in den Zirkus. Dort hatte man ihm zwei Plätze in der ersten Reihe neben den Stalltüren angewiesen.

Der Priester trat mit der Miene eines Mannes in die Kapelle, der hier zu Hause ist. Er ärgerte sich über die Haltung der Anwesenden, die zwar alle das Haupt entblößt hatten, jedoch laut sprachen, während einige sogar rauchten. »Meine Herren, hier ist kein Kaffeehaus. Bitte hinauszugehen, die Corrida beginnt schon.« Diese Aufforderung beschleunigte den Aufbruch, während der Priester das Öl aus seinem Rocke herauszog und es in einer bemalten Holzschachtel aufbewahrte. Nachdem er diese in dem Tabernakel eingeschlossen hatte, ging er eilig hinaus, um seinen Platz vor dem Einzug der Toreros aufzusuchen.

Die Zuschauer waren verschwunden, man sah jetzt nur mehr Männer, die in Seide und goldgestickter Tracht dastanden, ferner gelbgekleidete Reiter mit großen Biberhüten, Schutzwachen zu Pferde und die Angestellten des Zirkus in ihrer blaugoldenen Livree. Sie alle versammelten sich unter dem Bogen der Pforte, die man »caballos« nannte und welche auf den Platz hinausführte. Die Toreros waren an der Spitze, dann kamen in kurzem Abstände die Lanzenwerfer (Banderillos), ihnen folgte als Nachhut die Schar der Picadores, welche auf mageren Pferden saßen. Den Troß dieses Heereszuges bildeten endlich die Maultiere, welche die Tierleichen hinausschaffen sollten. Es waren lebhafte und kräftige Tiere mit gestickten Decken und Schellen geschmückt und die Mähne mit den Nationalfarben durchflochten. Im Hintergrunde des Bogens zeigte sich oberhalb der Planken, die den Ring abschlössen, ein blauer und leuchtender Kreis, der ein Stück des Himmels, die Dächer des Zirkus und einen Teil der Tribünen mit der kompakten und wimmelnden Zuschauermenge sehen ließ.

Ein Gefühl konzentrierter Spannung strömte wie der Atem einer gewaltigen Lunge aus dieser Galerie zu den Toreros herein und ein harmonisches Summen kam mit den Schwingungen der Luft bis hieher und ließ eine ferne Musik mehr ahnen als hören. Im Rund des Bogens zeigten sich unzählige Köpfe.

Gallardo reihte sich mit zwei Kameraden in den Zug ein und grüßte die anderen mit einem ernsten Kopfnicken. Sie tauschten kein Wort, kein Lächeln. Jeder dachte nur an sich, ließ seine Gedanken weit wegfliegen oder starrte leeren Blickes vor sich hin, mit jener Gedankenlosigkeit, welche sich so oft vor ernsten Augenblicken einstellt. Ihre innere Spannung suchte nach äußerer Ablenkung: sie richteten sich ihren Mantel, ohne damit fertig zu werden, ließen ihn über die Schulter herabfallen, rollten ihn um ihre Hüfte, wobei sie darauf achteten, die hellen Farben des Wamses und der Beinkleider nicht zu verdecken. Alle Gesichter waren bleich, ohne jedoch fahl zu sein, denn die Aufregung hatte einen glänzenden Firnis von Schweißperlen über ihr Antlitz gelegt. Sie dachten an die Arena, die sie bis jetzt noch nicht betreten hatten, und fühlten die unwiderstehliche Furcht vor den Dingen, die sich jenseits abspielen sollten, die Angst vor einer unsichtbaren Gefahr, die man ahnt, ohne sie zu sehen. Wie wird der Tag enden? Diese Frage stand auf aller Mienen.

Als sich der Zug der Toreros formiert hatte, setzten sich zwei Reiter in altertümlicher Tracht an die Spitze der Schar, die Türe, welche in die Arena führte, öffnete sich nun in ihrer ganzen Breite und der große Platz, auf dem das blutige Spiel zur Belustigung und Aufregung von vierzehntausend Personen vor sich gehen sollte, erschien in seiner ganzen Ausdehnung. Das anfangs dumpfe Summen wurde stärker und ging in einen flotten, eigenartigen Marsch über, der Beine und Hüften nach dem Takt der Musik sich bewegen und straffen ließ.

»Vorwärts!« Und die Stierkämpfer traten, mit den Augen vor dem plötzlichen Übergang zwinkernd, aus dem Schatten ins Licht, aus der Stille der dunklen Galerie in das Gebrause des Zirkus, auf dessen Tribünen die Menge unter dem Wellenschlag der Neugierde erschauerte und sich erhob, um besser zu sehen.

Die Toreros schritten vor und es hatte infolge der Größe des Zirkus auf einmal den Anschein, als ob sie immer kleiner würden. Sie waren wie glänzende Puppen, deren Goldstickerei in der Sonne glitzerte. Ihre anmutigen Bewegungen versetzten die Menge in eine ähnliche Begeisterung, wie sie ein Kind vor einem schönen Spielzeug empfindet. Ein wilder Enthusiasmus, der die Menge durchraste, und sie aufspringen ließ, ohne zu wissen warum, ergriff den ganzen Platz. Die Zuschauer applaudierten, die Feurigsten und Aufgeregtesten schrien, die Musik fiel lärmend ein und mitten in diesem Getöse, das von allen Seiten anschwoll, rückte der Zug der Stierkämpfer langsam und feierlich, gemessenen Schrittes, in freier und ungezwungener Haltung vor. Einige weiße Tauben schwebten, ohne sich von der Stelle zu rühren und wie betäubt von dem Orkan, der aus diesem Ziegelkrater aufstieg, hoch oben in der Luft.

Die Männer wurden, als sie so in die Arena einzogen, von einem anderen Gefühl erfaßt. Sie setzten ihr Leben für mehr als nur für Geld aufs Spiel. Die Ungewißheit und die Furcht vor dem Unbekannten hatte sie in dem Augenblick verlassen, als sie die Arena betraten. Nun durchschritten sie den Zirkus, nun standen sie vor dem Publikum, die Wirklichkeit war da. Und die Ruhmbegierde ihrer wilden und einfachen Seelen, das Bestreben, die Kameraden zu übertreffen, das Bewußtsein ihrer Kraft und Geschicklichkeit ließ alle Furcht zurücktreten und verlieh ihnen neuen Mut.

Gallardo war wie verwandelt. Er richtete sich beim Gehen auf, um größer zu sein. Er bewegte sich mit dem Stolz eines Eroberers, blickte mit einer triumphierenden Miene nach allen Seiten herum, als wenn seine Gefährten überhaupt nicht da wären. Alles gehörte ihm, der Zirkus und das Publikum. Er fühlte sich stark genug, allein alle Stiere zu erlegen, welche man in Andalusien und Kastilien auftreiben konnte. Alle Zurufe galten ihm und er zweifelte nicht, daß die Frauen nur nach ihm allein ausblickten. Das Publikum vergötterte ihn, und während er auf seinem Rundgang voll Eitelkeit lächelte, als ob diese ganze Ovation nur seiner Person gälte, musterte er die Sitze der Tribünen, um zu wissen, wo sich seine Anhänger befanden.

Sie grüßten den Präsidenten indem sie die Kappe schwenkten, und dann löste sich der glänzende Zug auf, um den Reitern und Stallburschen Platz zu machen. Während ein Alguacil den Schlüssel, den ihm der Präsident herunterwarf, in seinem Hute auffing, ging Gallardo zu der Tribüne, auf der seine Anhänger saßen, und gab ihnen seinen prachtvollen Mantel. Das herrliche Stück, nach dem sich zahlreiche Hände ausstreckten, wurde über die Brüstung gehängt, als wäre es eine Fahne, ein heiliges Symbol der Partei. Andere hatten sich erhoben und grüßten den Torero mit Händeklatschen und Stockschwenken und er lächelte voll Befriedigung über seine Beliebtheit. Dann rief er ihnen zu: »Dank euch allen, ich werde mein Bestes geben.«

Nicht nur seine Anhänger waren voll Hoffnung, als sie ihn sahen, auch die Übrigen blickten mit festem Vertrauen auf ihn. Er war ein Torero, der, wie seine Freunde versicherten, einen »schönen Kampf« versprach, und das hieß, daß man sich auf manche, unvorhergesehene Wendungen gefaßt machen konnte. Alle glaubten, daß es ihm bestimmt sei, im Zirkus unter dem Horn eines Stieres zu bleiben, und das bewirkte es, daß sie ihm mit solch wilder Begeisterung entgegenjubelten. Mit dem gleichen Gefühl müssen oft die Zuschauer vor wilden Tieren auf den Augenblick warten, daß die Bestien über ihren Bändiger herfallen und ihn zerfleischen.

Gallardo lächelte nur über all diese Leute, welche sich für genaue Kenner der Stierfechtkunst hielten und einen schlechten Stoß für unmöglich erklärten, wenn sich der Torero nach den Regeln richte. Die Regeln! Er kannte sie nicht und legte keinen Wert darauf, sie zu kennen. Kraft und Kühnheit war notwendig, um zu siegen und gewissermaßen blindlings, nur mit seiner Tollkühnheit und seiner körperlichen Kraft, hatte er seine Laufbahn durchmessen und das Publikum bis zur Siedehitze der Begeisterung mitgerissen. Er war nicht, wie andere Toreros, langsam in die Höhe gekommen, indem er die Vorstufen des peon und banderillo in der Truppe eines großen Meisters abdiente. Die Hörner der Stiere verursachten ihm keine Furcht. »Der Hunger bohrt tiefer«, sagte er. Das Wichtigste war, schnell bekannt zu werden und das Publikum hatte ihn gleich als Stierkämpfer gesehen, der im Laufe weniger Jahre eine ungeheuere Popularität erlangt hatte. Man bewunderte ihn in dem Maße, als man seinen Untergang für sicher hielt. Das Publikum raste vor Begeisterung über die Tollkühnheit, mit der er mit dem Tode spielte. Das war ein Torero, der sich nicht schonte: Er gab alles, sogar das Leben. Er war das Geld wert, welches man zahlte. Und mit der Grausamkeit derer, welche eine Gefahr vom sicheren Platze aus sehen, bewunderte das Volk seinen Helden. Die Vorsichtigen hielten seine Bravourstücke für Selbstmord und murmelten: »Wenn ihm nur nichts passiert!«

Hörner und Pauken ertönten und der erste Stier sprang in die Arena. Gallardo, der nun einen einfachen schmucklosen Mantel umgeworfen hatte, blieb an der Balkenwand vor der Loge seiner Anhänger stehen und zeigte in der Annahme, aller Augen auf sich gerichtet zu sehen, eine sorglose Unbeweglichkeit. Dieser Stier war für einen anderen bestimmt, er wollte sich schon bemerkbar machen, wenn er den Augenblick für gekommen hielt. Doch der Beifall für die Lanzenstöße seiner Gefährten schreckte ihn aus dieser Teilnahmslosigkeit auf und trotz seines Vorsatzes stürzte er sich auf den Stier, wobei er mehr Beweise der Kühnheit als der Kunstfertigkeit gab. Der ganze Zirkus klatschte seinem Liebling Beifall für die Proben dieser Unerschrockenheit.

Als Fuentes den ersten Stier getötet und vor der Präsidentenloge die Menge gegrüßt hatte, da erbleichte Gallardo, als ob jeder Beweis der Anerkennung, der nicht ihm galt, eine Zurücksetzung seiner Person wäre. Nun kam die Reihe an ihn: jetzt sollten sie etwas noch nicht Dagewesenes erleben. Er wußte zwar selbst nicht was, aber er war entschlossen, das Publikum in Angst und Aufregung zu versetzen.

Kaum war der zweite Stier draußen, als Gallardo mit seiner Beweglichkeit und dem Wunsche, sich auszuzeichnen, auch schon den ganzen Platz auszufüllen schien. Sein Mantel flog immer um das Maul des Tieres. Ein Lanzenstecher seiner Cuadrilla wurde vom Pferde geschleudert und blieb schutzlos vor den Hörnern liegen. Er schien verloren zu sein, als der Torero den Schweif des Tieres mit solcher Gewalt an sich riß, daß er den Stier zwang, auszuweichen, bis sich der Reiter in Sicherheit bringen konnte. Das Publikum klatschte voll Begeisterung.

Als die Abteilung der Banderillos kam, blieb Gallardo abseits, um auf das Zeichen zu warten, den Todesstoß zu führen. Der Nacional hielt seine Lanze in der Hand und schleuderte sie, in der Mitte des Platzes stehend, dem Stier in den Rücken. Seine Bewegung zeigte weder Gefälligkeit noch Kühnheit. Für ihn war es eine Geldsache. In Sevilla hatte er vier kleine Kinder, welche, wenn er fiel, keinen anderen Vater mehr fänden. Er tat seine Pflicht und nicht mehr wie einer, dem das Geschäft nicht neu ist, ohne Beifall zu suchen und nur darauf bedacht, Äußerungen des Mißfallens zu vermeiden. Als aber Gallardo beim Klang der Trompeten und dem Wirbel der Pauke wieder in die Arena sprang, da ging eine Bewegung durch die Menge. Nun kam ihr Liebling, man konnte gespannt sein. Und voll Erregung schaute man sich gegenseitig an und wartete auf ein neues Bravourstück. Ein Schauer lief durch die Reihen der Tribünen wie eine Vorahnung großer Ereignisse. Ein tiefes Schweigen legte sich mit einem Male über die Menge, als wenn der ganze Zirkus leer geworden wäre. Das Leben all dieser Tausend Zuschauer konzentrierte sich nur in die Augen. Niemand schien mehr zu atmen.

Langsam näherte sich Gallardo dem Stier. In der einen Hand hielt er das scharlachrote Tuch, mit der anderen führte er den Degen, welcher in pendelnder Bewegung jeden Schritt begleitete. Als er einen Augenblick den Kopf wandte, sah er, daß der Nacional und ein anderer seiner Cuadrilla folgten, um ihm zu helfen. Da rief er laut: »Alle zurück!« Bei der Stille, die über dem Zirkus lagerte, drang seine Stimme bis in die letzten Reihen und ein Ausbruch der Bewunderung war die Antwort darauf. »Er will allein sein, was für ein Mann!« Tatsächlich näherte er sich ganz allein dem Stiere und sofort herrschte wieder lautlose Stille. Ruhig entfaltete er sein rotes Tuch, streckte es vor, und machte einige Schritte bis vor die Schnauze des Stieres, der über die Kühnheit des Mannes ganz betroffen und erstaunt war.

Unter den Zuschauern wagte niemand zu sprechen oder zu atmen, doch in aller Augen glänzte die Bewunderung: »Was für ein Mann, sich bis vor die Hörner des Stieres zu wagen«. Nun stampfte er ungeduldig mit einem Fuß auf die Erde, wie um das Tier anzufeuern, endlich auf ihn loszugehen, und die gewaltige Fleischmasse stürzte sich, den Kopf senkend, brüllend auf ihn. Das rote Tuch flog über die Hörner, welche die Quasten und Fransen am Kleide des Torero streiften, der ruhig in seiner Stellung geblieben war und nur den Oberkörper nach rückwärts gebeugt hatte. Ein Gebrüll der Menge begleitete diesen kühnen Wurf. »Bravo! Bravo!«

Der Stier wandte sich um und wiederholte seinen Angriff auf den Mann und das rote Tuch. Und wieder konnte man die gleiche Szene unter gleichem frenetischen Beifall sehen. Der Stier griff nun, immer mehr und mehr durch dieses Spiel gereizt, den Torero wütend an, doch dieser setzte kaltblütig seine Neckereien fort, wobei er sich auf einem ganz engen Raum bewegte. Die unmittelbare Nähe der Gefahr und die bewundernden Zurufe des Publikums schienen ihn anzufeuern und zu berauschen. Er hörte neben sich das Schnauben der Bestie, rechts und links traf ihn der feuchte Geifer, doch er war mit dieser Berührung vertraut und betrachtete das wütende Tier wie einen guten Freund, der sich für ihn und seinen Ruhm töten ließ. Ermüdet von seinen vergeblichen Angriffen blieb der Stier nun einige Augenblicke stehen und schaute mit düster glühenden Augen auf den Mann und das rote Tuch, als ahnte er in seinem dunklen Gefühle das Vorhandensein einer Täuschung, welche ihn von Angriff zu Angriff und schließlich bis in den Tod trieb.

Gallardo fühlte jetzt die Gewißheit seines Erfolges. Mit einer kreisenden Bewegung schlang er sich die Muletta um seine linke Hand und hob die Rechte über die Höhe der Augen, um den Degen in das Hirn des Stieres zu stoßen. Die Zuschauer stießen Rufe des Protestes und der Entrüstung aus. »Nicht so«, riefen tausend Stimmen. Er gehorchte dem Rufe, außerdem stand der Stier nicht günstig. Er begann von neuem seine Versuche, an ihn heranzukommen, ohne sich irgendwie an die Regeln des Kampfes zu halten. Was kümmerte sich ein so verzweifelter Bursche um diese Vorschriften? Er warf sich plötzlich in dem Augenblick, als das Tier auf ihn losstürzte, mit dem Degen nach vorne. Es war ein roher, wilder Zusammenstoß. Während einiger Sekunden bildeten Tier und Mensch eine einzige Masse und machten so zusammen einige Schritte, ohne daß es möglich gewesen wäre, den Sieger zu erkennen: War es der Mann, welcher mit einem Arme und seinem Körper zwischen den beiden Hörnern hing, oder das Tier, welches mit gesenktem Kopfe vergeblich die glänzende, bunte Puppe zu erfassen suchte, welche seinen Hörnern immer zu entwischen schien? Doch endlich löste sich die Gruppe. Die Muleta blieb auf dem Boden und der Torero sprang mit leeren Händen und taumelnd zurück, bis er nach einigen Schritten wieder das Gleichgewicht fand. Seine Kleidung war in Unordnung geraten, die Krawatte flatterte außerhalb der Weste, ein Horn hatte sie erfaßt und zerrissen. Der Stier lief mit unverminderter Schnelligkeit in der gleichen Richtung weiter. Der rote Griff des Degens, der bis zur Parierstange hineingestoßen worden war, hob sich kaum von seinem breiten Halse ab. Plötzlich verlangsamte sich der Lauf, das Tier zuckte wie unter einem schmerzvollen Schlag zusammen, knickte mit den Vorderbeinen ein, neigte das Haupt, bis es den Sand mit dem brüllenden Maul berührte, und fiel dann in seinen Todeszuckungen schwer auf die Seite.

Es hatte den Anschein, als ob der Zirkus einstürzte, die Ziegel aufeinanderprallten und die Zuschauer in wilder Panik flüchten wollten, als sie bleich, zitternd gestikulierend aufsprangen. Alle hatten während einer Sekunde den Torero auf den Hörnern des Stieres geglaubt, sie waren überzeugt, ihn blutend und entseelt in den Sand geschleudert zu sehen. Und als sie ihn nun lächelnd, wenn auch ein wenig benommen von dem Zusammenprall, in der Mitte der Arena erblickten, da vermehrte die Überraschung und das Erstaunen die allgemeine Begeisterung.

»Was für ein Kerl,« rief man auf den Tribünen, ohne den richtigen Ausdruck für das Maß der Bewunderung zu finden, »was für ein Teufelskerl«. Und die Hüte flogen in die Arena und ein neuerlicher gewaltiger Beifallssturm lief, ähnlich einem Hagel, von Tribüne zu Tribüne, überholte den Torero im Rundbogen des Zirkus, folgte dem Verlauf der Sitzreihen und pflanzte sich bis zur Präsidentenloge fort, zu der Gallardo leichten Schrittes ging. Die Ovation brach mit doppelter Heftigkeit los, als sich Gallardo vor dem Präsidenten verneigte. Alle schrien laut und verlangten, ihm die Ehre des Tages zuzuerkennen. Man sollte ihm das Ohr des erlegten Stieres geben, niemals sei diese Auszeichnung besser verdient worden. Solche Stöße, wie diesen, sah man selten. Und der Enthusiasmus wuchs zur Siedehitze, als ihm ein Diener des Zirkus ein dunkles, haariges und blutiges Dreieck überreichte: das abgeschnittene Ohr des Stieres.

Schon standen drei andere Tiere in der Bahn und noch dauerte die Ovation für Gallardo fort, als ob sich das Publikum noch immer nicht von seiner Erregung erholt hätte und alles andere, was noch während des Nachmittages gezeigt werden sollte, an Wert hinter die Tat Gallardos stellte.

Die anderen Toreros bemühten sich, ganz blaß vor Neid, die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihre Person zu lenken. Auch sie ernteten Beifall, doch war er schwach und gedämpft nach den vorangegangenen Ovationen. Das Publikum achtete, noch zu erschüttert durch das Delirium der aufgebrachten Begeisterung, nur zerstreut auf die Bänder der Wurflanzen, welche in der Arena flatterten. Lebhafte Diskussionen entwickelten sich von Tribüne zu Tribüne, von Sitz zu Sitz. Die Anhänger der anderen Stierfechter hatten sich von ihrer Verblüffung, welche sie in die allgemeine Begeisterung mitgerissen hatte, erholt und besprachen nun die Tat Gallardos. Schön, er war mutig, unerschrocken, ein Draufgänger, der sein Leben nicht achtete. Aber all das war keine Kunst. Die enthusiasmierten Anhänger Gallardos ereiferten sich, wie es Leute tun, welche die Bilder ihrer Heiligen angezweifelt sehen.

Der Stierkampf ging weiter. Doch die Nerven der Zuschauer waren gereizt, was sich in einer oft ungerechten Abneigung gegen einige Stierfechter oder in einem mißvergnügten Schweigen äußerte. Noch ganz hergenommen von der großen Aufregung des vorigen Kampfes, verhielt sich das Publikum teilnahmslos und vertrieb sich seine Langeweile durch Essen und Trinken. Die Verkäufer brachten mit erstaunlicher Geschicklichkeit ihre Waren an. Die Orangen flogen wie rote Bälle bis in die höchsten Sitzreihen, als zöge sie ein unsichtbarer Faden aus der Hand des Verkäufers zu dem Kunden. Flaschen wurden entkorkt, das flüssige Gold andalusischer Weine funkelte in den Gläsern.

Eine Bewegung der Neugierde ging durch die Tribünen. Fuentes machte sich bereit, den Stier mit der Wurflanze anzugehen. Und alle erwarteten irgendeine Überraschung bei diesem Bravourstücke. Er ging ruhigen Schrittes bis in die Mitte der Arena, der Stier verfolgte seine Bewegungen mit neugierigen Blicken, erstaunt, plötzlich nur einen Mann vor sich zu sehen, während kurz vorher noch Mäntel vor seinen Augen geflattert, Lanzen sich in seinen Hals gebohrt hatten und Pferde auf seine Hörner gesprungen waren, wie um sich freiwillig aufspießen zu lassen. – Der Mann hypnotisierte das Tier, er näherte sich so weit, daß er mit der Spitze der Lanze seine Stirne berühren konnte. Er machte kleine Schritte und der Stier folgte ihm, bis an das andere Ende der Arena. Die Bestie schien wie gezähmt zu sein und gehorchte jeder Bewegung, bis Fuentes endlich das Spiel aufgab, den Arm nach vorne streckte, seinen schlanken und zierlichen Körper auf die Fußspitzen hob, gelassenen Schrittes auf den Stier zuging und mit jeder Hand die bebänderte Wurflanze in den Hals des Tieres stieß. Er wiederholte unter stets wachsendem Applaus noch zweimal dieses gefährliche Spiel und diejenigen, welche sich für Kenner hielten, entschädigten sich nun für den Beifall, den Gallardo erhalten hatte. Das war ein wirklicher Torero, der seine Kunst verstand.

Gallardo, der an dem Schranken lehnte, wischte sich mit einem Tuche den Schweiß vom Gesicht, wobei er sich mit dem Rücken zum Zirkus stellte, um die Bravourstücke seiner Kameraden nicht mit anzusehen. Außerhalb der Arena schätzte er die Rivalen mit der Brüderlichkeit, welche die gemeinsame Gefahr verleiht. Doch wenn er die Kampfbahn betrat, dann waren alle Feinde und ihre Erfolge schmerzten ihn wie Beleidigungen. Nun empfand er den Beifall der Zuschauer wie einen Raub, der seinen großen Triumph beeinträchtigte. Als der fünfte Stier, der für ihn bestimmt war, in die Arena sprang, da eilte er vorwärts mit dem Vorsatz, das Publikum durch seine Taten in neuerliche Raserei zu versetzen.

Als ein Picador fiel, sprang er schnell herzu, hielt den Mantel vor und der Stier eilte an das andere Ende des Zirkus, wo er ihm durch alle möglichen Finten so zusetzte, daß das Tier schließlich unbeweglich und ganz erschöpft dastand. Alsdann stieß ihm Gallardo den Fuß in die Schnauze und hing ihm die Kappe auf seine Hörner. Dann wieder benützte er die Verblüffung des Tieres, um ihm seinen Körper entgegenzuhalten oder er kniete sich unmittelbar vor den funkelnden Augen seines Gegners nieder. Diejenigen der Besucher, welche sich als Anhänger der Regeln bekannten, protestierten verstohlen dagegen. Das waren Spiegelfechtereien und Hanswurstereien, die man zu anderen Zeiten niemals geduldet hätte ... Doch mußten sie, übertönt durch die Rufe der Zuschauer, schweigen.

Als das Glockengeläute der Banderillos ertönte, blieben die Leute noch in Ungewißheit, als sie sahen, daß Gallardo dem Nacional seine Lanzen abnahm und sich mit diesen dem Stier näherte. Ein Ruf des Protestes erhob sich. Was? Er wollte sich mit den Lanzen abgeben? Alle kannten seine Ungeschicklichkeit in diesem Gange. Der blieb für die vorbehalten, welche ihre Laufbahn Schritt für Schritt zurücklegten, für solche, die sich an der Seite ihres Meisters geübt hatten, bevor sie selbst den Degen führen konnten. Und Gallardo hatte gleich dort begonnen, wo die anderen aufhörten. Der Doktor Ruiz rief laut und beugte sich dabei über die Schranken: »Laß das sein, Freund, du weißt warum. Nimm doch den Degen.« Aber Gallardo verachtete das Publikum und war taub gegen seine Zurufe, wenn er den Regungen seiner Tollkühnheit nachgab. Unbekümmert um das Geschrei ging er gerade auf den Stier zu, und ehe sich dieser bewegen konnte, schleuderte er ihm eine Lanze in den Körper. Die nächsten trafen nicht gut, da sie ungeschickt geworfen wurden, und eine derselben fiel bei einer Bewegung des Stieres zu Boden. Das Publikum beklatschte mit der Schwäche, welche die Öffentlichkeit immer für ihre Lieblinge hat und mit der sie ihre Fehler entschuldigt, lächelnd die kühne Geste des Stierfechters. Gallardo wiederholte das Spiel mit den Lanzen noch mehreremale, so daß die Zuschauer in laute Rufe der Bewunderung ausbrachen. Von sechs Lanzen, die Gallardo geschleudert hatte, waren vier stecken geblieben und auch diese nur so oberflächlich, daß sie keine Schmerzen zu verursachen schienen. »Er spürt ja nichts«, schrien die Vertreter der Regeln in ihren Logen, während Gallardo mit Degen und Scharlachtuch sich dem Stiere näherte, seinem Glücksstern vertrauend. »Alle zurück!« rief er wieder, doch da er fühlte, daß jemand trotz seines Befehles hinter ihm stand, blickte er nach rückwärts. Fuentes war ihm mit dem Mantel auf dem Arme gefolgt und stellte sich, als hätte er seinen Befehl nicht gehört. Er war bereit, ihm zu helfen, sollte er seinen Beistand benötigen. »Laß mich, Antonio«, sagte Gallardo zornig, jedoch mit solcher Achtung in seinem Tone, als würde er zu seinem älteren Bruder sprechen. Und sein Blick war so zwingend, daß Fuentes die Schulter hob, als wollte er damit sagen, daß er jede Verantwortung ablehne. Dann drehte er sich um und entfernte sich langsam mit der Überzeugung, in einem der nächsten Augenblicke eingreifen zu müssen.

Gallardo entfaltete wieder das Tuch vor dem Haupt des Stieres, der diesmal angriff. Er machte einen Schritt nach rückwärts. Bravo! riefen die Enthusiasten, als das Tier an ihm vorüberschoß. Aber es wandte sich schnell um und führte einen zweiten heftigen Stoß gegen den Mann, dem es das rote Tuch samt dem Degen aus der Hand riß. Als sich Gallardo so wehrlos und verfolgt sah, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich über die Barriere in Sicherheit zu bringen. Doch im gleichen Augenblick zog der Mantel des Fuentes die Aufmerksamkeit des Stieres auf sich. Gallardo, der noch auf seiner Flucht erriet, daß der Stier von ihm abließ, sprang nicht über die Barriere, er setzte sich auf einen Pfeiler und blieb dort einige Augenblicke, während welcher er seinem Feinde ruhig in die Augen blickte. Seine Niederlage verwandelte sich in den Augen der Zuschauer auf einmal in prahlerische Sorglosigkeit, die man mit neuem Beifall begrüßte.

Inzwischen hatte Gallardo Tuch und Degen wieder bekommen und trat aufs neue dem Stier entgegen, diesmal aber mit weniger Sorglosigkeit, sondern vielmehr von dem Drange beherrscht, seinen Gegner, welcher ihn vor soviel Tausenden seiner Bewunderer zur Flucht genötigt hatte, mit einem sicheren Stoß zu erledigen. Er hatte kaum einen Schritt gemacht, da hielt er den entscheidenden Moment für gekommen und richtete sich auf, während er den Degen in die Höhe der Augen erhob. Das Publikum protestierte wieder, da es für sein Leben fürchtete. »Nicht stoßen, nicht, oh!...« Ein Schreckensschrei gellte über den großen Platz, ein Schauer, der die vielen Tausende von Zuschauern mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen aufspringen ließ, während sich die Frauen das Gesicht verhüllten oder voll Schreck nach dem Arm ihres Nachbars griffen.

Der Stoß des Toreros hatte einen Knochen getroffen und sein Sprung war durch dieses Hindernis auf einige Sekunden aufgehalten worden, was aber genügte, daß ihn der Stier mit einem Horn erfaßte. Gallardo wurde in der Mitte des Körpers in die Höhe gehoben und der starke Mann sah sich plötzlich mit seinem ganzen Gewicht wie eine leichte Strohpuppe auf dem Horne hin und her geschüttelt, bis ihn die Bestie mit einer Bewegung des Schädels derart wuchtig in die Arena schleuderte, daß er mit ausgestreckten Armen wie ein goldener seidener Hampelmann liegen blieb. »Er ist tot, ein Stoß in den Bauch«, schrien die Leute auf den Tribünen. Doch Gallardo erhob sich mitten unter den Stierfechtern und anderen Leuten, welche zu seiner Hilfe und seinem Schutze herbeieilten. Er lächelte, betastete seinen Körper und hob dann die Schulter, um dem Publikum zu zeigen, daß er unverletzt geblieben war. Das Horn war nur in die dicke Seidenhülle der Schärpe gedrungen. Wieder nahm er den Degen in die Hand, doch diesmal hatte er nicht die Absicht sich lange zu spielen, denn er wußte, daß der Kampf kurz, aber schrecklich sein werde. Er stürzte sich mit solcher blinden Verwegenheit auf den Stier, als glaubte er selbst nicht mehr an die Möglichkeit, unverletzt dem Horn der Bestie zu entgehen: Er war entschlossen zu siegen oder zu sterben, jedoch sofort, ohne weitere Vorsichtsmaßregeln für seine Person zu treffen. Er hatte einen roten Schein vor den Augen, als würde er durch Blut blicken. Wie ein weites, aus einer anderen Welt kommendes Geräusch hörte er die Rufe der Menge, die ihm Vorsicht anempfahlen.

Er machte zwei Schritte, gefolgt von einem Kameraden, der sich an seiner Seite hielt, und mit Gedankenschnelle, mit der Geschwindigkeit einer losgelassenen Feder stürzte er sich auf den Stier und gab ihm einen Stoß, den seine Bewunderer mit einem Blitz verglichen. Er hatte so gewaltig zugestoßen, daß er beim Rücksprung von der Spitze eines Horns gestreift und einige Schritte zurückgeworfen wurde. Doch blieb er stehen, während das Tier in seinem rasenden Laufe auf der anderen Seite des Platzes niederstürzte, die Füße ausstreckte und das Maul in den Sand wühlte, bis es durch einen zweiten Stich erlöst wurde.

Die Zuschauer schienen vor Begeisterung außer Rand und Band geraten zu sein. Welch herrlicher Kampf! Dieser Gallardo war sein Geld wert, die Leute konnten drei Tage in den Kaffeehäusern von ihm sprechen. Welche Kraft, welcher Mut! Manche blickten in ihrer Begeisterung nach rechts und links, als ob sie Gegner ihres Enthusiasmus suchten.

Als der letzte Stier gefallen war, da brach eine Sturmflut in die Arena herein. Alle umringten Gallardo und begleiteten ihn auf seinem Triumphzuge von der Präsidentenloge bis zum Ausgang. Sie drängten sich an ihn, wollten seine Hände schütteln, seine Kleider erfassen und schließlich packten sie, ohne auf die Stöße des Nacional und der anderen Banderillos zu achten, Gallardo bei den Füßen und hoben ihn auf ihre Schultern, auf welchen sie ihn bis auf die Straße hinaustrugen. Der Torero schwenkte die Kappe und grüßte die Leute, die ihm zuklatschten. Er ließ sich in seinem Galakleide wie einen Gott bejubeln und stand unbeweglich und stolz über den tausenden Hüten und Kappen, die man ihm mit allen Ausrufen der Begeisterung entgegenschwenkte.

Als er die Alcalastraße zurückfuhr und die Grüße der Menge, welche zwar dem Kampfe nicht zugesehen hatte, jedoch über seine Triumphe schon unterrichtet war, entgegennahm, da erhellte ein Lächeln der stolzen Befriedigung sein schweißbedecktes Antlitz, auf welchem noch die Blässe der vergangenen Stunde zu sehen war.

Der Nacional, dem der Unfall und der schwere Sturz seines Herrn Sorge machte, fragte, ob er Schmerzen fühle und nicht den Doktor Ruiz holen lassen wolle. »Es ist nichts, kaum der Rede wert, mir kann kein Stier etwas tun.« Doch wie wenn inmitten seines Übermutes die Erinnerung an die vergangene Schwäche auftauchte und er in den Augen des Nacional einen ironischen Ausdruck zu bemerken glaubte, fügte er hinzu: »Es gibt Dinge, die mir auf die Seele fallen ehe ich in die Arena gehe ... So etwa, wie der Duft der Frauen. Doch du hast Recht, Sebastian, wie sagst du immer? ›Gott oder die Natur‹, ja, so ist es, die beiden kümmern sich nicht um die Angelegenheiten eines Stierkämpfers. Hier handelt ein jeder wie er kann, kraft seiner Geschicklichkeit oder seines Mutes, ohne daß ihm Empfehlungen von der Erde und vom Himmel etwas nützen. Du hast Talent, Sebastiano, du solltest die Regeln unserer Kunst studieren«. Und im Optimismus seiner Fröhlichkeit betrachtete er den Banderillo wie einen Sachverständigen, ohne sich an die Scherze zu erinnern, die er immer über seine Reflexionen gemacht hatte.

Als er vor seinem Hotel abstieg, begegnete er im Vestibül einer Anzahl begeisterter Anhänger und Bewunderer, welche ihn alle umarmen wollten. Sie sprachen mit solcher Überschwenglichkeit über seine Taten, daß ihre Worte einem Außenstehenden übertrieben und sinnlos vorkommen konnten. Gallardo machte sich aus diesen stürmischen Umarmungen so vieler Leute frei und eilte mit Garabato in den Korridor. »Schick sofort das Telegramm nach Hause. Du weißt schon: »Alles glücklich vorüber«. Der Diener entschuldigte sich, er müsse dem Torero beim Ausziehen helfen, die Leute des Hotels würden sich gerne der kleinen Mühe unterziehen, die Depesche zu befördern. »Nein, ich will daß du es machst. Ich werde auf dich warten. Doch mußt du noch ein zweites Telegramm aufgeben, du weißt schon, für jene Dame, für Doña Sol. Ebenfalls: Alles glücklich vorbei«.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.