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Der Roland von Berlin - Zweiter Band

Willibald Alexis: Der Roland von Berlin - Zweiter Band - Kapitel 1
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typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Roland von Berlin ? Zweiter Band
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWillibald Alexis' historische Romane.
volumeFünfter Band.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Kapitel.

Es trifft sich, sagen die Weisen, daß sie in der Geschichte der Welt, seit sie erschaffen ward, das aufzeichneten, was nichts ist, und das fortließen, was etwas ist. Und so war es in Berlin auch von je an. Denn wo steht zu lesen, wer es gebaut hat, und wer ihm Stadtrechte verlieh, und noch vieles mehr, was zu wissen not thäte, woraus Irrungen allerlei Art entsprungen sind? Aber wenn die Herren alles zugelassen hätten, zu schreiben, was wahr ist und wirklich geschehen, was bekämen die zu lesen, die nachher kamen! Zumal von jenem Tage, von dem wir schrieben. Denn wo fand man morgens die meisten Herren vom Rate und die ehrsamen Ältermänner, die so froh gewesen und sich gütlich gethan bei Herrn Thomas Wyns? Wie sahen sie alle bleich aus und stieräugig, und regten sich nicht im Bett, und ihre Ehefrauen mußten ihnen dünne Suppen kochen von der Kamille, die auf dem Felde wächst; die tranken sie, und wie manchen mußte der Feldscher bluten lassen! Aber wie viele fand man gar nicht im Bett, vielmehr da, wo kein Ratmann hingehört. – – Wenn solches in der Chronik geschrieben stände, was möchten die Spötter, die nach uns kommen, von der Ehrbarkeit denken, die doch gewiß hier zu Hause war wie in einer deutschen Stadt; und konnte ein guter Bürger sich mit jedem wo anders her messen, was ein rechtschaffenes Trinken war, und vertrug auch wohl noch mehr.

In der Ratssitzung am anderen Tag sah es gar traurig aus, wie wir noch vermelden werden; und wie viele fehlten da! Die Frauen der Herren, die konnten sich nun gar nicht zufrieden geben. Das war ein Laufen und ein Besuchen, und hinterm Ofen ward gezischelt, und wenn sie gingen, auf dem Flur, und die halbe Treppe hinunter! Die Hände schlugen sie über den Kopf und entsetzten sich und doch waren manche recht froh; daß eine und die andere das Gesicht schelmisch verzog, wenn sie von dem und jenem erzählen konnte, wie er gefunden worden, und wie sie ihn nach Hause gebracht, das wird von glaubhaften Zeugen auch als gewiß versichert.

Und es waren auf beiden Seiten der Spree wenige Frauen, welche nicht die Elsbeth Rathenow um ihren Hochmut schalten, und unter den Männern waren noch weniger, welche nicht schlimm redeten von ihrem Vater Johannes, und es ward alles wieder hervorgebracht, was die Geschlechter und die Städte gegen die Rathenows hatten. Ihre Freunde mußten schweigen, zumal da es aus den Barbierstuben verlautete, es sei nicht weit her mit seinem Kranksein, was vorschützend er nicht zu Herrn Thomas Wyns, auf dessen Abendschmaus, gekommen war. Und alle meinten, Herr Wyns sei schwer gekränkt, und dürfe es nimmer vergessen. Es verlautete auch, daß, als am nächsten Morgen der Bürgermeister einen Vertrauten nach Köln in die Brüderstraße geschickt, der an Herrn Bartholomeus Schumms Hause anklopfen sollen, der ehrenwerte Bürger mit der Nachtmütze auf dem Kopf selbst zum Fenster hinausgeblickt habe und gerufen: »Der Bartholomeus Schumm ist nicht zu Haus für Seine Wohlweisheit und was ihm anhängt!« Darauf schlug er lärmend das Fenster zu. Es hatten es Nachbarn mit eigenen Augen gesehen und gehört; und wiewohl einige des Dafürhaltens waren, in Herrn Bartholomei Kopf habe wohl noch der Wein von gestern gespukt, nahmen es doch andere für etwas ganz anderes hin, und es waren ihrer viele, die sich darüber freuten. Und so sehr beschäftigte sie das, daß in den nächsten Ratssitzungen der Schreiber und Syndikus die Geschäfte fast allein abthun mußten. So wenig paßten die Ratsherren auf, und die immer so laut waren, und keiner dem andern das Wort gönnten, mußten aufgerufen werden, daß sie ihre Stimme abgäben, denn es hatte jeder mit seinem Nachbar zu sprechen. Und in diesen Tagen hätten die Gemeinen auf offener Gasse Rat pflegen mögen zum Untergang der Obrigkeit; es wäre ihnen nicht besser Zeit und Gelegenheit gekommen. Auch schickte Kurfürst Friedrich der Andere grad jetzt eine Botschaft an den Rat beider Städte durch des Landeshauptmanns ersten Schreiber, des Inhalts, daß er wissen wolle, was es sei, daß so viel Lärm mache in den Städten, wovon viel Gerede sei im Lande, und keiner könne doch Rede stehen, was es sei. Also sollten sie Rede und Antwort darüber geben, die Ältermänner und Bürgermeister dem Landesherrn, wie es recht und schicklich ist. Aber auf die rechte Antwort hätte der Kurfürst lange warten können, wenn er nicht ohnedem besser gewußt, wie es stand. Denn die Herren vom Rate ließen das Schreiben auf dem Tisch ruhen, und was sie durch ihren Schreiber dagegen vermeldeten, das war eben auch nur, wie man Worte schreibt, wo jeder draus lesen mag, was er Lust hat.

Schreiben ganz anderer Art wurden hingegen gewechselt zwischen dem Rat und dem Bürgermeister, denn dieser kam nicht ins Haus auf der langen Brücke. Am ersten Tage, weil er noch krank sei, wie er vermelden ließ, oder, wie die ihm übel wollten vermeinten, weil er sich krank stelle. Darauf aber, weil sie ihm nicht gebührlich geschrieben hätten. Und er schrieb wieder, was den Rat sehr erzürnte. Das waren andere Briefe, als der an den Kurfürsten; darin hatte jedes Wort einen Sinn, und jedes Kind wußte was für einen, und noch mehr stand daneben zu lesen, wer's wollte. Und weil das Schreiben dazumal eine saure Arbeit war, so ließen sie's beim Mündlichen bewenden, und ließen sich so arge Dinge einander sagen, daß, die es überbrachten, kaum sich getrauten, es auszusprechen.

Doch das geschah freilich erst später, und im Gefolge von dem, was wir noch zu erzählen haben; denn der Ärgernisse gab es dazumal so viele, daß man nicht weiß, wo man anfangen und wo man enden soll.

Wer aber an dem Morgen nach dem bunten Tag den Henning Mollner aus des Bürgermeisters Haus kommen gesehen, hätte den jungen Fant kaum wieder erkannt. So glühte ihm die Stirn, und die Augen leuchteten vor Freude, und wie viel Licht sie auch strahlten, er sah doch nur vor sich hin und die nicht, die nur um einen halben Schritt vor ihm standen und ihn erkannten, ob er doch vermeinte, bis über die Ohren, sich in den Mantel verhüllt zu haben. Aber es ist mit der Liebe wie mit dem Feuer, es schlägt überall durch und verrät sich selbst.

Aber zuvor geschah noch manches in dem Hause, was wohl nötig ist zur Verständigung des folgenden, daß man es in Worte faßt, wenn überhaupt solcherlei sich in Worte fassen läßt, was wie Träume und lose Gedanken um das Hirn gaukelt. Es hält schwer, daß der Maler auf die Leinwand bringt den Rauch, der in allerhand Figuren aufkräuselt, und dann ist er fort, man weiß nicht wohin; und so hält es schwer auch für den, der der Feder mächtig, dergleichen auch in Wort und Rede zu bringen. Unsere Väter thaten es nicht, weil dazumal das Papier teuer war, und sie Siegel drückten unter alles Geschriebene, zum Zeichen, daß es wahr sei, und Zeugen mußten es beschwören. Aber jetzt, wo das Papier wohlfeil, und man kein Siegel mehr drunter drückt, schreibt man auch solches nieder, was keiner beschwört.

Die Jungfrau Elsbeth konnte in der Nacht kein Auge zuthun, und wenn sie es versuchte, ach, was für schreckliche Gestalten traten dann auf das Kind zu und ängsteten es. Mehr als ein Mal war es ihr Vater, der durch die Thüre kam und an ihr Bett und sie aufrüttelte und nach der Kette fragte. Dann zog sie den Kopf unter die Decke und schwitzte, daß sie fast erstickte, und doch klappten ihre Zähne. Nun hielt sie's nicht mehr aus; sie sprang auf und warf sich in die Kleider und dann nieder vor dem Marienbilde, das in der Blende hing. Inbrünstig mit gefalteten Händen betete sie und bat die heilige Jungfrau, daß sie auf sie niederschaue und ihr bitteres Leid sehe und ihr – die Kette wiederbringe. Nein, das traute sie sich nicht zu beten; wie sollte die hochheilige Mutter Gottes sich selber bemühen um ein Stück eitlen Schmuckes! Sie bat wieder um Verzeihung, daß ein solch eitler Gedanke in ihr aufgestiegen. Aber den Mollner solle sie ihr schicken, daß der die Kette suche, daß sie dessen Augen erleuchte und ihn zum Rechten führe. Ja, ja, sie möge bei dem Henning sein, bei dem lieben guten Henning, der verdiene wohl den hochheiligen mütterlichen Schutz, er sei so grundgut von Herzen, wenn er auch ein bißchen wild und auffahrend wäre, und wenn auch nur eines Raschmachers Sohn, so möchten doch viele in den Geschlechtern wünschen, daß ihre Söhne auch so gerieten. Da erschöpfte sie sich in Lob und drückte die Hände so fest, und die Jungfrau mußte es wohl glauben, weil sie so eifrig bat; denn als Elsbeth die Augen aufschlug, lächelte die Königin auf eine Art, daß die Jungfrau fast erschrak. Hatte sie doch vielleicht zu viel gebeten und zu viel des Lobes gesagt. Mehr wenigstens, als ihr Vater oder irgend einer sonst hören durfte. Aber wenn die Jungfrau Maria dem Henning helfen sollte, mußte sie doch das Beste von ihm wissen; und wenn es auch zu viel des Guten war, so ein kleiner Betrug war ja wohl erlaubt, wo es galt, ihren guten Vater zufriedenstellen.

Ach, die Nacht war so lang. Die Hähne wollten noch nicht krähen. Die Katzen auf den Dächern miauten abscheulich; es klang ihr, als wenn die Eva Schumm mit hundert Stimmen sie auslachte. Und dann sprang sie auf sie los und riß sie an der Brust und schüttelte sie. Sie hatte jetzt, wie gestern abend, keine Macht, die giftige Kleine zurückzustoßen. War es das Schuldbewußtsein? – Aber es war ja nicht deswegen, weil sie über den alten Herrn Bartholomeus gelacht, daß die Eva sie an der Brust gefaßt; es war ja nur der verhaltene Ärger über die widerfahrene Kränkung, was das Mädchen außer sich gebracht. Weil sie nicht die Schönste war, sondern Elsbeth, weil sie nicht gemeint war von Herrn Dietrich Wyns, sondern Elsbeth, weil Herr Dietrich sie stehengelassen und mit Elsbeth abgetanzt war, weil das Gelächter ihr gegolten, um deshalb war sie wie eine Katze an ihre Brust gesprungen. Und der Stolz hob sich in Elsbeths Brust; sie ward wieder um einen Zoll größer, obgleich es Nacht war und keiner es sah. »Ich bin doch die Schönste,« flüsterte es in der stillen Kammer. Da flammte das kleine Lämpchen unter dem Muttergottesbilde durch eine Zugluft, die es traf, hoch auf, und sie sah einen Blick der Heiligen, – war er so ernst oder so zornig, oder was war er? – Er ging ihr durch Mark und Bein, und sie stürzte auf ihre Kniee und umfaßte sie mit den Armen und drückte den Kopf hinein.

Ein heftiges Klingeln, das sich wiederholte, weckte sie auf. Es war so heftig, daß die kleinen Bilder an der Wand zitterten. Ihr war, als ob es Feuer riefe, und doch stand sie noch, wie gelähmt und zitternd, als itzt die Thür aufging und die Muhme hineinlief: »Ist das ein Kind, das noch zaudert, wenn der Vater stirbt?«

»Der Vater stirbt!« Nun waren die bösen Gespenster fort. Sie stürzte hinaus und die Treppe hinunter, der Muhme nach, die schon vorauf im Zimmer war, und das ganze Haus war auch wach, und die Diener und Mägde rannten und liefen. In seinem Zimmer stand Herr Johannes Rathenow, an den Tisch gelehnt. Er war halb angezogen und in seinem Pelze, daß man sah, wie er die Nacht nicht im Bett gelegen haben mochte. Sein Gesicht war blaß und wie verstört, und es war augenscheinlich, daß er seine Kräfte wieder sammelte, und wie erwachend aus einem schweren Traume, die Gegenstände umher ansah, um des gewiß zu werden, daß er wache. »Es ist nichts, mein liebes Kind,« sprach er, als Elsbeth sich ihm zu Füßen geworfen, und er hob sie zu sich auf; »es ist nichts, mein Kind. Sei ruhig. Sie gehen schon fort.« Er winkte den Dienstboten, befahl, daß sie sich stille hielten, und sank in den Armsessel. Elsbeth nahm Platz auf dem Bänklein zu seinen Füßen, derweil die Muhme über der Lehne hockte.

»Er atmet wieder frei. Gott sei's gedankt!« sprach Elsbeth.

Der Bürgermeister strich über die Stirn des Töchterchens, und seine Augen wurden klarer, die Runzeln seiner Stirn glätteten sich, als er in den lieblichen Zügen las, und wie sie voll zärtlicher Besorgnis sein wartete und den Pelz um seine Lenden schlug. –

»Ich habe doch noch Dich,« sagte er. »Du wirst mich nicht verlassen.«

»Nimmermehr, Vater, lieber Vater, was denkst Du! Du warst in einem bösen Traume.«

»War das ein Traum!« – Der alte Mann stierte wieder vor sich in die Luft. »Dann war's ein böser Traum, Elsbeth. Sie fielen da alle von mir ab, sie verließen mich alle. Sie starben und welkten hin wie dürre Zweige; der Wind bricht sie, und ich stand allein.«

»Du sollst, Du wirst nicht allein stehen.« liebkoste Elsbeth.

»Wir sind alle große Sünder vor ihm, der ohne Sünden zum Vater ins Himmelreich ging. Aber was habe denn ich schwerer gesündigt als die andern –«

»O Du bist der beste Vater und der beste Christ,« unterbrach ihn die Tochter, »und reiner wie Du geht keiner in dieser Stadt zum Beichtstuhl.«

Es zuckte häßlich über Muhme Gertrauds Lippen, aber sie schwieg. »Ja rein, das kann ich mir sagen, rein vom bösen Willen, rein in guten Gedanken und Vorsätzen!« so sprach der Bürgermeister und erhob sich wieder, und schritt langsam das Zimmer auf und ab. – »Ich stehe jedem Rede und Antwort, wer sie von mir fordert.«

»Auch den bösen Geistern?« murmelte die Muhme.

»Zur Stadt Bestem habe ich gelebt. Was an mir, habe ich die Zucht gefördert und alte Sitte aufrecht erhalten. Es kostete mich etwas –«

»Blut von Deinem Blut!« rief die Alte; sie hielt die Stimme nicht mehr zurück.

»Blut von meinem Blute,« wiederholte der Bürgermeister, indem ein ernster, voller Blick sie traf; doch lag nichts von Zorn darin. »Ehre und Preis meinem Vater Mattheus; und wann die harte Stunde käme, lieber Vater, so Du erlebt und nicht gebangt, Dein Sohn Johannes, so vertrau ich zu Gott, würde auch nicht bangen, und standhaft sein, und sprechen als Du gethan.«

»Höre ihn nicht, heiliger Nikolaus, höre ihn nicht, heiliger Petrus! Er möchte sein Kind unters Richtbeil legen,« so stöhnte die Alte.

»Um Jesu willen, lieber Vater, was ist geschehen! Was mußt noch so grausam sprechen? War's gewiß doch nur ein Alp. Du siehst, es steht alles wie sonst und ist nichts vorfallen.«

»Nichts?« fragte er mit einem finstern Blick auf die Maid, daß sie die Augen senkte, und sie glaubte, er wisse alles; seine Gedanken waren aber anderswo.

»Sie waren alle freundlich gegen mich, und sprachen mir zu und erkundigten sich viel, wie es Dir ginge?«

»Und hörtest Du, wie sie hinter Deinem Rücken sprachen! – Ach, Du liebes Kind, wie gern ließ ich Dich bei Deinen Spielen, und Du brauchtest nichts zu wissen, wie die Welt im argen spielt. Aber so soll's nicht sein. – Sie fragten meinen Vater Mattheus, warum er niemals lache? Wer kann lachen, so er sieht, daß die Gerechtigkeit der Welt ein Ärgernis ist! Ich kann auch nicht lachen, des ärgere ich sie. Ein Dorn bin ich ihnen im Auge. Meinen die Herren, die feinen Herren, ich solle mich mäßigen. Wäre von mir klug gewesen, den Thoren zu sagen, daß sie Thoren, den Schurken, daß sie Schurken sind. Ließen mir gestern etliche sagen: hätte mich nicht einmischen sollen, was mich nichts anging, bedenken die Aufregung und mein Auge zudrücken. – Wozu haben sie mich zum Bürgermeister gekürt? Um zu schlafen oder um zu wachen? So lang ich's bin, will ich mein Auge aufthun.«

Und er riß es auf und that Schritte durchs Gemach, daß den Frauen bange ward.

»Lieber Vater, sie werden's auch noch einsehen, wie gut Du bist und gerecht.«

»Wollen den Schimpf, den das Volk mir anthat, nicht auf sich nehmen,« fuhr er fort. »Aber ich will ihnen ins Gesicht sehen, zu ihnen reden will ich ein gut berlinisch Wort. Möchten mich aus dem Rat haben, weil mein Rat herbe klingt. Aber die Rathenows sind einmal geborene Herren vom Rate, und läßt der Rat aus ihrem Namen sich nicht schneiden, ohne daß der Name wie ein Schild in Stücke fällt, das man überm Grab zerbricht.«

Als der Herr so immer heftiger wurde, winkten die Muhme und die Tochter sich zu, wie sie es machten, daß sie ihn beschwichtigten, denn sie kannten seine Art. Es war nimmer gut, wenn er sich in Zorn redete. Da reichte ihm Gertraud ein kühles Tränklein, daß sie bereitet, und Elsbeth mit süßen Schmeichelworten hing sich an seinen Arm, bis er wieder auf dem Ruhebett saß; und sie sagte ihm, das Rathaus sei auf der langen Brücken, und dort säßen die Herren mit den Balken und Ketten; hier aber sei ihres lieben Vaters Haus, wo der Vater mit seiner Tochter freundlich zuspräche. Wie er sie so lieblich sprechen hörte, heiterte sich wohl sein finsteres Gesicht auf, und die bösen Geister mochten von ihm weichen. Doch aber suchte sein Auge noch rings umher, und er hieß mehr Lichter anzünden, als wolle er sich gewiß überzeugen, daß dem so sei, wie die Tochter sagte.

Wie es nun ganz hell war, nickte er mit dem Kopfe und hielt die Hand auf dem Scheitel der lieben Tochter: »Es war nur ein Traum, und Gott sei dafür gelobt. Da saßen sie an den Wänden und richteten, und ich, ich stand vor ihnen und mußte Rede und Antwort geben. Ich, der ich im Recht war, und sie im Unrecht! – Wer die Richter waren?« fuhr er sinnend fort. »Ich kannte sie nicht, und doch sollte ich sie kennen. Auf hohen Ledersesseln um den grünen Tisch saßen sie, und forderten mein Recht mir ab. Wie ein Wandersmann die Kleider auszieht, wenn Räuber auf der Straße ihn anfallen, Stück für Stück mußte ich alles herausgeben. Und jedesmal rief der hohe Mann an der Tafel: »Von Rechts wegen!« Wer kann mir von Rechts wegen mein Haus nehmen, meinen Hof, meine Felder! – ich schwor, ich hob die Hand, zu Gott und allen Heiligen, daß das mein sei. Wer schwört dagegen? Es konnte es keiner. Und das Gericht! Vor Gottes offener Sonne gehegt, und Fahnen mit Adlern rauschten in der Luft, und Herolde bliesen, und Ritter und Herren saßen darum; und das Volk sprach Amen und pries den hohen Herrn um den gerechten Spruch.« Er hielt erschöpft inne.

»Hast vielleicht, weil Du krank warst, nicht Dein Abendgebet gesprochen vorm Einschlafen,« bemerkte Elsbeth. »Da haben die bösen Mächte Gewalt über die Seele, sagt der Pater Cyriak, und schicken arge Gedanken, die den Menschen versuchen.«

»Versuchen!« sagte der Alte nachdenklich und rieb die Stirn. »Meinst Du denn, daß Dein Recht ewig ist? Ewig sind nur die Sterne!« sprach der Richter. – Aber mein Recht, Herr! mein Recht ist ewig. Da legte er die Hand auf meine Schulter, und ich ward Staub.«

Der erste Hahn draußen krähte. Herrn Johannes überfuhr es fröstelnd: »Führe mich zum Bett, mein Kind. Will versuchen den Schlaf nachzuholen, den mir der böse Traum kürzte. Und kommt er wieder« – er blieb wie vorhin stehen, mit den wesenlosen Bildern verkehrend – »und spricht wieder – antworten will ich ihm –«

»Ewig ist Gott allein,« fiel die Muhme ein, »und unsere Sünde, die er von uns nehmen wollte, und starb für uns den Tod der Sünder.« – »Amen!« sprach der Bürgermeister. »Sonst ist nichts ewig, Johannes.«

Es trat eine lange Pause ein, der kranke Mann sammelte seine Erinnerungen. Er suchte nach freudigen; die trüben mußten immer wiederkommen, die bösen Nachtbilder wollten nicht weichen. Die beiden Weiber sahen bang und schweigend, dieweil der Kranke phantasierte, still vor sich hin. Da schrie er plötzlich auf und richtete sich in die Höhe, und streckte die Arme flehend aus. »Die Kette ist mein, hoher Herr! Alles – nur die Kette nicht. Die Stadt – was soll ich sprechen, wenn die Stadt die Kette fordert – Kaiser Karl – der große Kaiser – Herr, es ist nicht recht, ein Herr nimmt nicht, was der andere gab!«

Sie weckten ihn, und er strich den Schweiß von der Stirn und sah sich wieder um und fühlte auf der Brust. Da rief er, daß man ihm seine Kette bringe. Gertraud ging an den Schrank von Ebenholz und brachte die schwere güldene Kette mit dem Schilde daran. Er hielt sie vor sich und ließ die Ringe durch die Hand spielen.

»Die Kette gehört der Stadt. Sie giebt sie mir und nimmt sie wieder. Die ist auch ewig. Und mögen sie alle Jahr ihren Bürgermeister auf den Gottesacker tragen, der Bürgermeister stirbt nicht. – Aber gieb mir meine Kette, Elsbeth.« Elsbeth und die Muhme blickten sich an. »Die ist mein,« fuhr der Vater wild aufschauend fort. »Kein Herr und Fürst, auch Kaiser und Reich nicht, können mir die nehmen. Und war's ein alberner Traum, daß ich auch die hergeben sollte. Denn wo in der Christenheit ist ein Gericht, das mir abspricht, was mein ist. Die Kette. Elsbeth! Wenn ich sie sehe und mit den Händen fühle, werde ich wieder wach und gesund sein; gewiß, liebes Kind.«

Elsbeth schlug die Augen nieder. Ein ängstlicher Blick fiel auf die Muhme. Frau Gertraud sprach: »Ei, Johannes, kaum mit Gottes Gnaden und der lieben Heiligen Beistand gesundet, und Du verlangst schon nach eitlem Schmuck. Weil Du an glitzerndes Gold dachtest, als Du einschliefest, beschlichen Dich die bösen Geister und sandten den Traum. Schlage die Gedanken aus dem Sinn und lege Dich mit einem frommen Gebet aufs Ohr.«

»Ich verlange nicht nach eitlem Schmuck,« sprach Herr Johannes. »Was mein ist, will ich. Das ist kein böser Gedanke vor dem Herrn und seinen Heiligen. Was mein ist, will ich anschauen, will es anfassen und um mich fühlen. Des hab ich ein Recht. Um sein Recht ward noch keiner verdammt, aber um sein Unrecht.«

»Die Kette, Elsbeth!«

Elsbeth war aufgestanden, aber sie zitterte und brachte, was sie antwortete, nur stotternd vor: »Aber, lieber Vater, hättest Du gesehen, wie sie Augen machten zu dem schönen Halsband – sie sagten, es blende ihnen das Aug.«

»Deine Urgroßmutter blendete es auch,« sprach der Vater. »Kaiser Karl trug die Kette um seinen Hals. Da sagen sie, der Kaiser erlaubte sich, was nicht des Kaisers Recht ist. Seine Sitten waren aus der Fremde. Meine Großmutter strafte ihn wie eine sittige Frau. Und es traf sich, daß sie ihm die Kette von der Brust riß. Sie erschrak auch nicht, als der Kaiser sie anfuhr: Weib, Du vergriffst Dich an des Kaisers Recht. –.»Das ist mein Recht, Herr Kaiser,« sprach sie trotzig. »Es ist Frauen-Recht.« Kaiser Karl lachte, wie er sie so zornig sah, die Kette in der Hand, und sprach: »Nun wohlan, wenn das Dein Recht ist, so behalte es und hüte es, und zum Andenken an die mutige Bürgerin, die vor einem Kaiser ihr Recht schützte, bleibe und erbe es in Deiner Familie fort.« – Und so hielten wir's. Gieb mir das Band zurück, daß ich's verschließe.«

»Gleich, lieber Vater – morgen, wenn es Tag ist. Die Steine sind von dem Kerzendampf angelaufen, ich will sie abreiben und putzen, daß sie rein werden.«

»Die Kette, Elsbeth!« rief Herr Johannes und richtete sich auf, und die Muhme winkte ihr zu gehen, ehe der Verdacht, der in dem Kranken aufstieg, in ihrer Verlegenheit Nahrung schöpfe, oder auch ehe die Angst vor dem Zorn des Vaters die Jungfrau zu einer Lüge treibe.

»Vor Gericht standest Du, Johannes!« hob nun die Muhme an. »Ei, Du gerechter Mann, nur gewohnt zu richten, selbst gerichtet! Und schuldig fanden sie Dich, trotz allem Deinem Rechte! Und verlangst doch nach einem goldenen Halsband! Was willst Du mit dem Halsband? Verschließen Dein Recht, daß es keiner stiehlt? Das Gold bestach Deine Eltermutter nicht. Ihr gab der Herr Kraft. Aber Dich bestach der Glanz. Ein Erbstück ward sie Deines Hauses. – Weißt Du, was sie vererbt? – Hochmut, Stolz und Neid. Du bist stolz, daß die Eltermutter tugendhaft war. Nicht ihre Tugend erbt in Deinem Haus, sondern der Stolz auf ihre Tugend. Der wächst und wuchert und speist den Neid und die Abgunst. Hast das Band nun umgehängt dem Töchterlein, daß es glänze und gefalle, und die Leute verwundert sich fragen: Wie kommen sie zu dem Geschmeide, die Rathenow? Freust Du Dich des, Johannes? – Hast Du die Blicke gesehen, gehört ihr Zischeln? Du willst hoch mit ihr hinaus, aber die Grube ist tief, die Du gräbst. – Freue Dich, Johannes, wenn die Kette verloren ging.«

Wie man in einer Mühle nicht mehr auf das Geräusch der Räder hört, so pflegte man im Hause des Bürgermeisters nicht mehr auf die Unkenstamme der Muhme zu achten. Aber das letzte Wort weckte den Alten aus seinem düstern Sinnen. »Verloren!« rief er. »Die Kette verloren!« und richtete sich vom Lager auf.

Gertraud sah die rote Ader, die über seine Stirne schwoll. Es war ein böses Zeichen. Sie trat ihm in den Weg, sie breitete die Arme aus, sie beugte sich und faßte sein Gewand. »Johannes! bete und bitte, daß sie verloren ist. Heilige Jungfrau, was ist ein Halsband, und was ist eine Tochter?«

»Verloren!« wiederholte der Bürgermeister und maß mit einem durchbohrenden Blick die Verwandte: »Verrücktes Weib, Du lügst. Die Kette darf nicht verloren sein! Sie war mein Letztes. Sie darf nicht verloren sein, ich sag's!«

Es lag etwas in Rathenows Ton, das die Alte selbst schüchtern machte. »Um Gottes und aller Heiligen willen, Du bist krank, Johannes. Du hast noch Haus und Hof und Roß und Wagen und Meierhöfe, bist Ältermann der reichen Stadt, hast Freunde, die Dich nicht verlassen –«

»Sie verlassen mich alle!« rief er. Damit riß er sich los aus ihren Händen und wollte nach der Thür. Aber er blieb stehen davor, als wie man eben stehen bleibt vor einer letzten Thür, die uns ein Etwas verschließt, was wir zu sehen fürchten. Herr Johannes sah leichenblaß aus. Das erste bleierne Morgengrau drang durch die kleinen runden Fensterscheiben, die Hähne krähten, und die Hofhunde schlugen an. Er griff nach dem Schellenzuge, als er plötzlich innehielt, denn er hörte etwas, das er nicht erwartet hatte.

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