Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Der Mann mit dem porösen Schädel

Otto Julius Bierbaum: Der Mann mit dem porösen Schädel - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAnnemargret und die drei Junggesellen
titleDer Mann mit dem porösen Schädel
authorOtto Julius Bierbaum
isbn3-7663-0784-3
pages155-185
senderhille@abc.de
created19981215
Schließen

Navigation:

Otto Julius Bierbaum

Der Mann mit dem porösen Schädel

Eine Reise durch Flandern ließ mich in Centéglises Station machen.

Warum auch nicht? Es gab da in einem alten Gemeindehaus ein paar alte Bilder zu sehen.

Allerdings kommt mir die Manier, jeder verräucherten Ölschwarte frisch nach ihrer Entdeckung auf irgendeinem Speicher sofort den oder jenen berühmten Namen anzuheften, ein bißchen allzu hurtig und skrupellos vor. So schreibt man, seitdem vor etwa zwanzig Jahren Memling in die Mode gekommen ist, dem wunderbaren Meister vom Rheine wirklich ein bißchen zu viel zu, nämlich nicht bloß einige tatsächlich interessante und schöne Holztafelbilder, sondern auch eine Unmasse von uninteressanten Stricheleien braver Kunstjünger auf alten Schildern und Votivtafeln, denen man lediglich nachsagen kann, daß sie in ehrlicher Angst entstanden sind.

Ich wage mich im allgemeinen zu der Anschauung zu bekennen, daß infolge der gewaltig gelehrten deutschen und der mit gewaltig vielen Belegstücken hantierenden italienischen Kritik die flämischen Kunsthistoriker einer bedenklichen Neigung verfallen sind, allzu eifrig und lückenlos die Geduldsprobenbeweise zahlloser Biedermänner der Vergangenheit zu sammeln, die, als sie lebten, ihr Brot davon hatten, daß sie der höchst löblichen Gewohnheit dienten, derzufolge man damals die Häuser sowohl außen wie innen bunt zu bemalen pflegte. Ursprünglich hatten es diese braven Malersleute nur darauf abgesehen, die Türen und Fenster zu betünchen, sorgfältig, sauber und wiederholt, und zwar die Türen blau, die Fenster aber in zwei Grün, nämlich einem dunkleren für den allgemeinen Rahmen, und einem helleren für die besondere Einrahmung der kleinen Schiebescheiben. Dann machten sie sich an die Zimmerdecken, denen sie entweder einen roten, einen braunen oder einen grünen Anstrich verliehen. Nun aber wurden sie kühner und schmückten die Wandverkleidung des Treppenhauses sehr prächtig mit den Erzeugnissen jener wagemutigen Kunst aus, die man das Marmorieren heißt, d. h. sie ließen geschickt auf dem geschmeichelten Kalk die üppigsten Marmoräderungen von Paphos und Carrara entstehen. Und da sie dies vermocht hatten, fanden sie, daß der Malerpinsel wohl auch noch weiterer Hexereien fähig wäre, und so ließen sie, fortan vor keiner Kühnheit mehr zurückschreckend, über den gemalten Marmor gemalte Brokattapeten herabfallen, Brokattapeten, meine Herrschaften, die in brillanten Farbeneffekten, weiß Gott, etwas leisteten. jetzt aber war der Teufel des Ehrgeizes in ihnen los, und sie griffen nach höherem Lorbeer, wobei sie aber, was zu ihrer Entschuldigung erwähnt zu werden verdient, nicht bloß von Ruhmbegierde, sondern auch von der Erwägung geleitet wurden, daß ein geschmeichelter Auftraggeber eine leichtere Hand beim Bezahlen der (allerdings ohnehin kaum übertrieben großen) Rechnung haben möchte; sie taten ein übriges und erboten sich, als Zuwaage sozusagen, die Gesichtszüge des verehrten Hausherrn oder seiner werten Gemahlin oder des verehrungswürdigen Fräulein Tochter auf der Leinwand farbig festzuhalten, so gut es eben in ihren Kräften stand. – Dagegen läßt sich nicht das geringste einwenden, und ich denke gar nicht daran, diese freundliche Übung zu tadeln. Mir drängt sich nur die hochachtungsvoll ergebene Frage auf: Ist das ein genügender Grund dafür, von derartigen langweiligen und unbeholfen gemalten Herren- und Damenantlitzen (teils von vorn, teils von der Seite) ganze Stapel in die Museen zu stopfen und die höfliche Unterschrift: »Unbekannter Meister« darunterzusetzen? – Die staatliche Kunstkritik Frankreichs braucht sich zu dieser Frage nicht zu äußern. Unsere französische Kritik ist im allgemeinen gegen Abfälle einer so verwegenen Begeisterung durch das Serum des ebenso bequemen wie beliebten Prinzips gefeit, ein Bild überhaupt erst dann für beachtenswert zu halten, wenn der Name seines Urhebers die akademische Eichung erhalten hat. Dadurch wird das Kapital der Nation an anerkannter alter Kunst vor übermäßigem Anschwellen bewahrt, oder, wenn man das vielleicht nicht unbedingt für einen Vorteil halten will: dieses Prinzip hat den angenehmen Effekt, daß sich in den Sälen der französischen Schule unserer Museen keine ganz schlechten Bilder befinden. Die ganz guten sind ja auch nicht dort; es herrscht das tüchtige Mittelmaß, aber das ist nur ein weiterer Beleg dafür, daß unsere staatlich bestellte Kunstkritik harmonisch mit den übrigen weisen Einrichtungen unseres Landes und mit der wohl temperierten Art unserer regierenden und akademischen Kreise überhaupt übereinstimmt.

Die vier Bilder des Gemeindehauses waren übrigens nicht von den ganz uninteressanten.

Hätte ich nicht das Glück gehabt, auf nur leider zu kurzen Wanderungen durch Museen voll wirklich schöner mittelalterlicher Werke die Originale davon zu sehen, so würde ich gewiß sehr zufrieden gewesen sein. Für den Herrn Ratsschreiber aber, der mit Centéglises als Bürger durch Vererbung, Gewohnheit und Amt eng verbunden war, bedeuteten die vier eine Versammlung von Wundern, die er mit vor Stolz geblähter Seele vorzeigte. Ich war nicht barbarisch genug, seine Hochgefühle abzukühlen, und so entschloß sich der brave Mann gerne, einen Schlüssel zu holen und aus einem Schranke Weiteres zu produzieren. ein paar mittelmäßige Goldschmiedearbeiten und eine Reihe sehr schöner Spitzen.

»Da haben Sie nun also«, bemerkte er dazu, »den Kern und Keim unseres zukünftigen Gemeindemuseums: Gemälde und andere Kunstgegenstände. – Wir werden bald den Vorzug genießen, daß uns zwei direkte Züge täglich mit dem allgemeinen Verkehr verbinden. Dann, wenn der Zufluß der Fremden begonnen haben wird, werden es auch die wenigen Zweifler erkennen, wie wichtig es ist, den Gästen aus der Ferne in einem guten Gemeindemuseum die Merkwürdigkeiten unseres Gemeinwesens zeigen zu können. – Unsere Stadt eignet sich überhaupt vorzüglich als Besuchsort für Fremde. Centéglises eine tote Stadt zu nennen, ist ein großes Unrecht. Es sind noch nicht acht Tage her, daß hier eine Fabrik sehr bequemer und verkäuflicher Stühle eröffnet worden ist. Das Dutzend davon zu zwanzig Francs in den Handel gebracht, werden sie wie warme Semmeln abgehen. Außerdem hat sich eine Gesellschaft zur Hebung der Qualität unserer Biere gegründet. Sie werden noch Wunder erleben, mein Herr, verlassen Sie sich darauf.«

Ich verabschiedete mich von diesem höflichen Patrioten, indem ich ihm versicherte, daß ich zweifellos sehr bald zu der Überzeugung kommen werde, in Centéglises eine Stadt bewundern zu müssen, deren Schönheit zu immer wiederholtem Besuch einlädt. Dann ging ich nach dem Parke zu, so rasch, als es das Pflaster dieses Gemeinwesens erlaubt.

Weiß Gott, Centéglises ist eine alte Stadt; das muß ihr der Neid lassen. Der bündigste und sowohl aus- wie eindruckvollste Beweis ihrer Eigenschaft als Antiquität ist ihr Pflaster, das einen vollkommenen Überblick über alle Steinarten gewährt, die in den verschiedensten Perioden der Menschheitsgeschichte zum Pflastern von Straßen verwendet worden sind, und nicht bloß über die Steine selbst, sondern auch über die verschiedenen Techniken, mit denen man sie zu Pflasterungsmaterial machte. Die rundlichen Steine des achtzehnten Jahrhunderts, die Steine des Rokoko finden sich da brüderlich eng vermischt mit den scharfkantigen Kieseln der roheren und kräftigeren Gotik; der revolutionäre Asphalt ist dagegen von den konservativen Vätern dieser antiquarischen Stadt ihren Straßen ferngehalten worden.

Ich schlug ein sehr schnelles Tempo im Gehen ein; denn um es offen zu bekennen: obwohl mir eine so revolutionäre Seele zu eigen ist, wie nur sonst einem, und obwohl ich neuen Ideen mit aller Inbrunst anhänge, glaube ich dennoch, wie alle Franzosen, da man doch wenigstens an ein Buch zu glauben das Bedürfnis hat, an die dogmensichere Unfehlbarkeit des Buches, in dem die Fahrpläne der Eisenbahnen niedergelegt sind. Die aus tausend Erfahrungen und Überlieferungen wie mit Elementargewalt entstandene Bewunderung, die uns die zu einer Art neuem Naturgesetz erhobene Pünktlichkeit unserer französischen Bahnen einflößt, die Regelmäßigkeit und unwandelbare Ordnung, mit der bei ihnen alles in ein felsenfestes System gebracht ist: Abfahrt, Entgleisung, Bezahlung des Billetts; die geschäftliche Weisheit, mit der sie eine Verbesserung des Materials immer erst dann zugestehen, wenn sie durchaus nicht mehr vermieden werden kann: alles dies übertrug ich, ohne viel zu überlegen, auch auf die Verwaltung der Schienenstränge, die nicht den Vorzug haben, unser Land zu überspannen, und so überließ ich mich denn auch in Centéglises dem vaterländisch gewohnten Vertrauen auf die unbedingte Zuverlässigkeit des Fahrplanbuches. Ich war vollkommen überzeugt, auf dem Abfahrtplatze den kleinen Zug mit den bekannten grünen Wägelchen vorzufinden, die mich zu dem grauen Gras, den grauen Wellen und dem an diesem etwas traurigen Tag gleichfalls grauen Himmel des Meeres befördern sollten, wo die puppenhaft niedlichen Landhäuser mit ihren übereinandergebauten hellen Holzveranden stehen. Indessen, so gewiß die grünen Käfterchen nach dem Fahrplane hätten dasein sollen, so wenig waren sie in Wirklichkeit da. Ich wandte mich mit einigem Erstaunen an den ehrenwerten Gastwirt um Auskunft, der neben dem Abfahrtplatze etabliert ist,- und erhielt den Bescheid, daß der Zug heute fünf Minuten früher abgegangen sei, weil er es gerade sehr eilig hatte. Dabei wurde auch nicht ein Schatten von Ironie auf seinem feisten und ernsthaften Gesichte wahrnehmbar, das im übrigen das Gepräge einer durch nichts aus dem sicheren Gleise unerschütterlicher Ruhe zu bringenden Gemütsverfassung trug.

»Die Gesellschaft«, fügte dieses Sinnbild vollkommenster seelischer Harmonie seiner Auskunft hinzu, »verpflichtet sich nicht, ihre Züge zu bestimmten Zeitpunkten abgehen oder ankommen zu lassen.« Um diese erstaunliche Bemerkung zu erhärten, wies der Mann, der offenbar Aktionär war, auf einen kleinen Anschlag an der Mauer seines Hauses hin, worauf es klar zu lesen stand, daß er eine Tatsache bekundet hatte. Demgegenüber mußte jede Einwendung verstummen. Der Fahrplan ist gewiß eine Institution von Festigkeit und Dauer. Aber ein Maueranschlag hat auch seine Autorität.

So blieb mir denn, da vor dem nächsten Morgen kein Zug mehr fuhr, nichts anderes übrig, als Centéglises noch einmal zu durchstreifen.

Die drei Kirchen der Stadt sind ganz nett; schade ist nur, daß man sie, allerdings gestützt auf die Angaben der Kunstgelehrten des Ortes, allzu polychrom behandelt hat. Man verfolgte damit die Meinung, ihnen auf diese Weise getreulich und pietätvoll das Aussehen zu verleihen, das sie vor alters gehabt hatten, in den Zeiten, als Centéglises seinen Namen noch in der Tat trug, indem es die Glut seiner Gebete mit hundert Pfeilen gen Himmel sandte. – Auch ein paar gute Bilder sind da. Aber es hat seine Schwierigkeit, ihre Schönheit ohne sinnliche Ablenkung zu genießen, da man sie nur in Gegenwart der geschwätzigen und einen starken Persönlichkeitsduft verbreitenden Küster betrachten darf.

Aber die Kanäle von Centéglises – was sind die schön in ihrer wundervollen Ruhe des lautlosen Dahingleitens! Schwäne schwimmen auf ihnen zwischen Wasserrosen. Ich langweilte mich durchaus nicht angesichts dieser sanften, stillen Schönheit und kam zu dem Schlusse, daß es am Ende gar so schlimm nicht sei, hier geblieben zu sein.

Nach dem Essen spazierte ich nochmals durch die Stille und begab mich dabei auch in das durcheinandergeschlungene Netz der kleinen Gäßchen, wo Madonnen und Heilige aus bemaltem Gips über kleinen Laternen beschaulich hängen. Da kommt man an Brücken über Wassern vorbei, die nicht rauschen, sondern nur ganz, ganz leise und sanft lange grüne Strähnen von Wasserpflanzen um die Pfeiler schmiegen. Der Mond hatte das bleiche Ansehen einer tragischen Maske und warf bald hier-, bald dorthin auf dunkle Wolkenschatten einen düstern Glanz. Einsam hallte mein Schritt.

Auf einmal befand ich mich im freien Felde, wo sich lange Baumreihen im Undurchsichtigen einer vollkommenen Stille verloren. Ich gab mich dieser Verbannung in das Leere eine Weile mit Genuß hin, ehe ich wieder in die Straßen zurückkehrte. Die schienen jetzt unendlich lang, und es war dunkel wie in Schläuchen. Kaum daß man die winzig kleinen, ganz verschlossenen Häuser gewahrte, von denen sie gebildet wurden. Von Zeit zu Zeit umrankte den Stundenschlag die Musik des Glockenspiels; sonst war es totenstille, und ich ging, ging, ging, unbekannte Straßen hinauf, unbekannte Straßen hinab, ohne die geringste Idee, ob ich mich so dem Hotel näherte, zu dem ich schließlich gelangen wollte. Einmal kam ich wieder ins Freie, wo es ganz so war wie vorhin, und ich war immer, immer ganz allein, allein in dieser eingeschlafenen Stadt. Es war wie das Wandern in den unabsehbaren Gängen eines riesigen Klosters. Die Stadt schien von allem Lebendigen verlassen. Nicht die Spur eines Lichtes drang durch die Glinzen der verschlossenen Läden. Ich fand mich darein und sagte mir, daß, wenn ich immer so weiter ginge, ich wohl schließlich auch irgendwo hinkäme. Da hörte ich plötzlich einige Schritte vor mir sagen: »Das ist doch merkwürdig, sehr merkwürdig!«, und ein schwarzes Etwas löste sich von einer Mauer ab. Dieselbe Stimme dann wieder: »Sie sind gewiß fremd hier, mein Herr, und haben sich verirrt, da Sie um diese Stunde spazierengehen. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«

»Ich möchte vor allem etwas Feuer«, antwortete ich. Denn ich litt schließlich darunter, in dieser lichterlosen Gefangenschaft mitten in der Finsternis einer für mich unentwirrbaren Stadt kein Streichholz zu haben, wo mir doch das Glimmfeuer einer Zigarre wenigstens ein kleines Licht und imstande gewesen wäre, die immer undurchdringlicheren Wandschatten um etwas zu erhellen. Denn jetzt eilten tiefschwarze Wolken, eine Herde riesiger, rußfarbener Ungeheuer, quer über den Himmel und bedeckten das bißchen Mondlicht ganz, mit dem der Gemeinderat von Centéglises allzu ausschließlich für die Beleuchtung seiner Straßen rechnete.

»Das ist leicht zu machen«, sagte der Unbekannte, und er ließ mit einem freundlichen Gruße die kleine blaue und gelbe Flamme aufleuchten, an der ich meine Zigarre anzündete.

»Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«

»Danke, ich habe selbst.«

Und er entzündete ein neues Streichholz, das mir länger als das vorige zu brennen schien und, ganz in Übereinstimmung mit der geheimnisvollen Umgebung, für das Feuer zu einer Zigarre etwas beinahe zu Feierliches hatte. Während ich ihn beim anhaltenden Scheine seines Zündholzes so betrachtete, schien es mir, als seien mir seine Gesichtszüge nicht unbekannt. Ich sagte ihm das.

»Mir ist es auch so, als müßte ich Sie kennen«, erwiderte er, »aber ich kann bisher nur nach dem Tone Ihrer Stimme urteilen. Wenn Sie mir erlauben, Sie auch noch in Ruhe zu betrachten?« Damit zog er aus seiner Tasche eine kleine Kerze und zündete sie an. In ihrem Licht betrachteten wir uns einander so lange, bis ein kleiner Luftzug die ohnehin schon flackernde Flamme zum Tanzen brachte.

»So geht das nicht«, sagte der Unbekannte, »ich sehe Sie nur sehr bruchstückweise. Würden Sie mir vielleicht die Ehre geben, Sie etwas bequemer betrachten zu dürfen, ich meine sitzend und daher in Ruhe? Sie brauchten nur die Güte zu haben und einer Einladung zu einem Glas Bier zu folgen, die uns gar nicht weit weg von hier führen würde, nämlich in die Schenke zum Vlissinger Wappen.«

»Gut«, erwiderte ich, denn ich fühlte wahrhaftig das Bedürfnis, diesem Netz von Dunkelheit auf eine Weile zu entkommen.

Wir überschritten eine kleine Brücke, unter der sich ein dichter Nebel fast unbemerklich dahinschob, und kamen nach ein paar Minuten vor ein Haus, das geradezu hermetisch verschlossen schien; wenigstens war an ihm nicht die geringste Spur von Leben oder Licht zu bemerken. Es war, als hätten seine Bewohner, wenn es deren gab, alle Eingänge, durch die ein Geräusch heraus- oder hineinkommen konnte, mit Schweigen verklebt und verstopft.

»Ich glaube, hier schläft schon alles«, sagte ich zu meinem Gefährten.

»Vielleicht doch nicht«, antwortete der.

Er klopfte mit dem Zeigefinger an die Türe. Erst ganz leise, dann etwas stärker, und schließlich entschloß er sich, den Türklopfer zu nehmen, ließ ihn aber nur sehr langsam und mit unendlicher Vorsicht fallen. Der Laut, den er dadurch hervorbrachte, war äußerst schwach. Dennoch sagte mein Begleiter sogleich: »Sie haben uns gehört.«

Ich horchte mit äußerster Aufmerksamkeit hin und vermochte so in der Tat hinter der Türe ein Geräusch zu vernehmen, wie wenn eine Maus hinter einer Holzverschalung sich bewegte. Dann wurde es um eine Wenigkeit stärker, schließlich schlürften Pantoffeln herbei, die Türe öffnete sich, und es erschien, eine kleine Lampe in der Hand, eine Frau.

»Ich bin's«, sagte der Unbekannte.

»Das dacht' ich mir«, sagte die Frau. »Treten Sie nur ein, Herr van Ormans!«

Van Ormans? Der Name löste keine Erinnerung in mir. Eine zufällige gegenseitige Ähnlichkeit, weiter nichts. Oder sollte ... nein, ich kenne keinen van Ormans ... Währenddessen hatte die Frau, die uns aufgemacht hatte, das Licht einer großen über uns hängenden Lampe aufgedreht und damit einem mächtigen eichenen Tisch, zwei Strohstühlen und einer aus gelben und schwarzen Schnüren geflochtenen Matte, die den Boden bedeckte, Licht gegeben.

»Zwei Trappisten!« bestellte mein Begleiter.

Während die Frau sich entfernte und ich ihr mechanisch mit den Augen folgte, hatte ich Gelegenheit, einige Einzelheiten der Stube zu bemerken. Auf einem hohen Kaminsimse glänzte Zinngeschirr; unter dem Lichte der Lampe blinkte an einer Wand wie ein ferner Stern ein Spiegel; auf die paar weiteren Tische, die im Schatten standen, legte die Lampe nur etwas wie eine fahle Decke von Licht. – Nun kam die Frau zurück, oder vielmehr: aus dem dunklen Hintergrunde löste sich ein unbestimmtes Weiß, nahm Körper an und näherte sich, eine Flasche in der Hand. Sie setzte die Flasche und zwei Gläser nieder, legte eine Pfeife vor meinen Begleiter hin und zog sich wieder in den Schatten zurück.

»Ist sie fort?« fragte ich.

»Nein, sie ist noch da.« Und richtig: auf einem Stuhle irgendwo schnaufte etwas, schien aber dann sogleich wieder in denselben lautlosen Schlaf zu verfallen, der diese Stube, dieses Haus, diese Straße, diese Stadt beherrschte.

»Nun«, begann mein Gefährte, »erkennen Sie mich?«

»Ich denke noch nach.«

»Ich erkenne Sie aber, obgleich Sie sich verändert haben. Wahrscheinlich habe ich mich aber noch mehr verändert als Sie.«

Was ich vor mir sah, war ein etwas bleiches, etwas aufgedunsenes Gesicht und eine Andeutung von blonden Haaren. Aber die Augen, die mußte ich schon einmal gesehen haben. Es waren blaue Augen von einem leeren, unbestimmten Blick, ganz merkwürdige Augen: wie entstellende Spiegel. ja: die mußte ich schon einmal gesehen haben.

»Herr van Ormans?« sagte ich.

»Herrn van Ormans kennen Sie nicht.«

»Eben das wollte ich sagen. Ich hörte Sie Herrn van Ormans nennen und erinnere mich niemandes mit diesem Namen. So haben wir uns beide doch wohl geirrt; was aber nicht hindert, daß es mir sehr angenehm ist, ihnen begegnet zu sein.«

»Nein, Sie kennen Herrn van Ormans nicht«, bestätigte der Unbekannte mit einem träumerischen Ausdrucke. »Niemand kennt Herrn van Ormans, und es hat wahrhaftig auch gar keinen Zweck, den zu kennen. Van Ormans, mein Herr, ist ein Name ohne jeden Klang, höchstens gut genug, daß ihn der Brauer, der Wirt, der Schneider und dergleichen Leute nennen. Ein ganz einfältiger, belangloser Name. Dennoch aber der Name meines Vaters, des Vaters meines Vaters und so auch der meine. Weiß Gott, ein abgeschmackter Name.«

»Ich finde, daß er hier sehr wahrscheinlich klingt und famos in die Lokalfarbe dieser Stadt paßt.«

»Dieser Stadt, ja, das habe ich mir auch schon gesagt; aber ist das etwa ein Trost? – Wird Ihr Gedächtnis noch nicht wach?«

»Es schläft so tief wie vorhin.«

»Erinnern Sie sich vielleicht an einen Mann namens Michel Larbaleste?«

»Michel Larbaleste? Richtig: ja! Er machte Verse und war aus dieser Gegend. Sie sind Michel Larbaleste ?«

»Noch einen Trappisten!« rief der wunderliche Herr und begann, gewissenhaft seine Pfeife zu stopfen. Das weiße Etwas hatte sich sofort von der Mauer gelöst, trat in den Lichtkreis, stellte eine Flasche auf den Tisch und zerfloß aufs neue geräuschlos.

»Michel Larbaleste, mein Herr, ist tot. Ich habe ihn in einen tiefen Keller geworfen, wohin kein Licht dringt, nachdem ich ihn mit seinen eigenen Händen erdrosselt habe. Hinter ihm her geworfen habe ich die Nummern der Revuen, in denen er sich gespreizt hat. Ein Glück, daß der Verbrecher es wenigstens nicht gewagt hat, ganze Bücher zu machen! – Ja, ich, ich habe Michel Larbaleste getötet; ich, der ich ihn liebte, habe ihn umgebracht, und dennoch beweine ich ihn.«

Und eine wirkliche Träne rollte in das Bier, von dem der brave brauende Mönch, als er es da unten in Tilburg, in der unfruchtbaren, ewig von Regen überschwemmten Ebene, schweigend herstellte, gewiß niemals angenommen hatte, daß es einmal diese salzige Würze erhalten würde.

»Hören Sie mal, mein werter Herr«, entgegnete ich, »Sie schauen mir nicht aus wie einer, der jemand ermordet hat. Ihre Augen sehen zu bieder dazu aus, und wenn ich Sie genauer ansehe, so kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß ich Sie ebensowohl kenne, wie ich den armen Michel Larbaleste gekannt habe. Ich bin schon ein paarmal mit Ihnen zusammengewesen, mein Herr, in Paris, in einer kleinen Kneipe, die mit impressionistischen Bildern dekoriert ist. jawohl, ich habe schon mit Ihnen an einem Tische Bier getrunken. Aber natürlich: Sie sind Michel Larbaleste.«

»Michel Larbaleste ist tot, mein Herr, tot und begraben; lassen wir ihn in Frieden ruhen und reden wir nicht weiter von seiner traurigen Geschichte. Ich als sein Vater habe genug Jammer daran erlebt.«

»Entschuldigen Sie, Sie kommen mir etwas zu jung vor, als daß ich ihnen die Würde zuerkennen könnte, der Erzeuger eines so großen Jungen zu sein. Larbaleste war damals schon zwei- bis dreiundzwanzig Jahre alt.«

»Also gut; hören Sie!« Ehe er aber zu erzählen begann, bestellte er ein neues Glas, was zur Folge hatte, daß sich wiederum der schweigsame Schatten von der Wand abhob.

»Du kannst jetzt hinausgehen, Kätje«, sagte er ihm dann; »wenn ich dich brauche, werde ich dich wieder rufen.«

Und der Schatten verschwand.

»Ich fühl' ihn fast noch körperlich um mich, den Tag, als Michel Larbaleste geboren wurde. Es ist mir nie mehr ein so schöner Tag geworden. Ein Sommertag über den Dünen, und die Sonne ließ alle ihre Zauberkünste auf dem Sande des Strandes von Knocke spielen. An diesem Tage gaben sich dort die entzückendsten kleinen Feenfräulein Stelldichein, waren aber husch im Gezweige der Meerkirschbäume verschwunden, wenn sich Profanes näherte. Und an diesem Tage mäßigten die vielen Tausende von wilden Kaninchen, die dort ihr munteres Wesen zwischen dem wilden Thymian haben, ihre zugleich etwas vorwitzigen und ängstlichen Sprünge. Auch sie empfanden offenbar, daß etwas Gutes geboren wurde, etwas Stilles, Großes, Religiöses, erhaben Friedliches. Und leise, leise schlückelten sie aus kleinen Wasserlachen, mit putziger Behäbigkeit dahockend, als wären sie die Rentiere der Düne. Aber um sie herum war ein unablässiger Flügelregen von Tausenden gedankenlos glücklichen Vögeln. Da waren Stare da, sanft schiefergraue zahme Tauben da, und wilde Tauben aus dem nahen Holze. Auch Liebespaare wandelten umher; und die fühlten deutlicher als alle andern, welch ein Glück in dieser holden Stunde geschah. Von der Höhe der höchsten Düne aus sahen sie hin übers Meer. Ach, wie sah sich das Blau sanft und schmeichlerisch an! Betupft mit hoffnungsgrünen Hügelchen und breiten goldenen Ebenen lag es leise wogend da, die wie Ackerfelder waren, auf denen zukünftige Ernten reiften. Die Dampfer aber glitten fröhlich dahin, wolkig umhüllt von ihrem dicken Rauche. Trotzdem ist kein Zweifel erlaubt, daß sie auch an diesem gebenedeiten Tage entweder nach Vlissingen fuhren oder von dort nach London zurückkehrten. Denn ein Schiff, mein Herr, läßt sich auch durch die glorreichste aller Geburten nicht aus dem Fahrplan bringen; ein Schiff kennt keine Empfindsamkeit; seine Nebelpfeife heult, aber sie singt nicht. Dennoch schienen auch sie etwas Festliches an sich zu haben; es war, als ob sie unsichtbaren Flaggenschmuck trügen, wie sie durch das freudig aufschäumende Meer hinzogen. Wollte einer diesen Tag im Logbuche nachschlagen, so würde er wohl finden, daß der nachdenkliche Kapitän eine überraschende Zunahme der Geschwindigkeit seines Schiffes notiert hat. Bestimmt weiß ich übrigens, daß an einem freilich etwas entfernten Punkte der Kapitän Leysenar, der den Wochendampfer zwischen Ecluse und Centéglises fährt, im Augenblick seiner Ankunft an der Lände von Brügge einen Kranz musizierender Engel gesehen hat. Aber der Kapitän Leysenar ist mit Mystizismus gefirnißt; er geht sonntags in die Kirche und singt dort; nicht ohne Talent, wie man mir gesagt hat. Außerdem trug sein Schiff an diesem Tage kostbare Fracht: eine ungeheure Quantität echten Schiedamers, und das mag wohl dazu beigetragen haben, seine Seele träumerisch zu beeinflussen. – Nun: kurz und gut, um nicht durch zu viele Einzelheiten zu ermüden, ich schwöre Ihnen nur noch, daß Michel Larbaleste am Tage seiner Geburt fröhlich und vergnügt war und sprang und tanzte wie ein kleines Kind, obwohl er geschlagene achtzehn Jahre zählte. An diesem Tage war Michel Larbaleste kein Pessimist, mein Herr. – Sie verstehen mich?«

»Ich glaube.«

»Wenn mir, seinem Vater, damals jemand sein schmerzliches Schicksal hätte voraussagen wollen! ... Eins ist leider gewiß: ich habe ihn verhätschelt. Ich kannte nichts als die Sorge für ihn. Was er auch wünschen mochte, ich habe es ihm gewährt: Reisen, Bier, Wein, Bücher ... Bücher! Hören Sie, wie dieses Wort von tragischen Glocken klingt?«

Und er sprach vor sich hin: »Ein Buch, ein Buch, ein Buch.« Wie ein Derwisch ließ er dabei seinen Kopf herüber und hinüber fallen: »Ein Buch, ein Buch ...«

In diesem Augenblick wurde mir durch das Gebaren des sympathischen Herrn van Ormans eine meiner stärksten Vermutungen zur Gewißheit, die nämlich, daß unter allen Produktionszentren von Narren diese todstillen, pietistischen und heuchlerischen Kleinstädte die ergiebigsten und unfehlbarsten sind.

Herr van Ormans als derartiges Produkt und Centéglises als Produktionsort für derlei Artikel schienen mir jeder Konkurrenz gewachsen zu sein. Und wie sie zusammenpaßten die beiden: der Ort und sein Produkt. Wahrhaftig, Herr van Ormans paßte in seinen Rahmen, in dieses schwere Schweigen, in diese augendrückende Lust, in diese farbenverzückten Kirchen, zu diesen überspannten Priestern, von denen, wie ich auf den Straßen beobachtet hatte, ein jeder seinen privaten Nerventick hatte, und zu diesen stier blickenden Radfahrern, die mit jeder Bewegung zeigten, daß sie auf ärztlichen Befehl ihre Maschine bewegten. Und wie zu ihnen, so überhaupt zu allen denen, die als Volk von Schläfern diese Stadt anfüllten.

»Ein Buch«, murmelte Herr van Ormans noch immer. »Aber wozu davon reden! Soll ich ihnen nicht lieber Ihren Weg zeigen?«

»Ganz wie Sie wollen, Herr van Ormans, obwohl ich nun eigentlich wirklich und etwas genauer wissen möchte, wo wir uns schon begegnet.«

»Also gut! Wir ehren damit einen Toten ... Es ist übrigens schon eine Reihe von Jahren, daß ich mit keiner lebenden Seele von ihm gesprochen habe ... Wie urteilen Sie eigentlich über ihn? Ich meine über Michel Larbaleste.«

»Er war«, erwiderte ich, »ein guter Bursche und sah Ihnen sehr ähnlich. ich glaube, daß er nicht ohne ...«

»Sie wollen sagen, mein Herr, daß er nicht ohne Talent war. Ich bitte Sie, es nicht zu sagen! Ich bitte Sie kniefällig! Oh, es ist frevelhaft und eine Sünde wider den Heiligen Geist, zu glauben, daß die Höflichkeit das grausame Opfer der Lüge fordere, und das wozu? Zu dem kümmerlichen Zwecke, einem anderen Menschen die Seele zu streicheln. – Die Wahrheit ist: Michel Larbaleste hatte durchaus kein Talent. Du lieber Gott: Dafür kann kein Mensch. – Aber ich will meine, nein doch: seine Geschichte erzählen ...

Er kam nach Paris. Ich begleitete ihn. Ich habe ihn niemals verlassen. Und so weiß ich auch, welche schreckliche Sache es gewesen ist, die ihn zu Boden schlug und mich zwang, ihn hierherzuführen, um ihn vollends zu töten ... Dieser Mord war eine etwas kostspielige Affäre ... Ich mußte ganze Jahrgänge von Revuen aufkaufen und zertrennen, worauf natürlich Angebot und Nachfrage stiegen, wie es ja immer geht. Zum Glück besitze ich einige Centimes.«

»Ich gratuliere.«

»Aber es ist leider ganz unmöglich, alles aufzukaufen. Es gibt Bibliotheken. Und Michel Larbaleste stöhnt in seinem Grabe. – Sie haben gewiß auch noch Verse von ihm.«

»Ja.«

»Sehen Sie! Und andere haben auch noch welche. Es ist unmöglich, die Erde davon zu reinigen! ... Die Bibliothek, das ist der Moloch. Sie hat ihn in sich geschlungen, und sie gibt ihn nicht wieder her. Es ist das etwas ganz Ähnliches wie die schreckliche Aufzehrung des Mannes durch die Frau.«

Herr van Ormans erhob sich, verschwand im Dunkel des Zimmers und schellte.

Die Frau von vorhin trat mit einem leisen Sappen wie auf Socken ein. Er richtete ein paar flämische Worte an sie. Sie holte einen Krug von blauem Steingut, den sie mit zwei kleinen Gläsern auf den Tisch setzte.

Dann verschwand sie so leise, wie sie gekommen war.

Ich sagte: »Sie beherrschen die metaphorische Redeweise zum Erstaunen gut, werden sich aber dennoch kaum wundern, wenn ich Ihnen erkläre, daß nach meiner Ansicht Michel Larbaleste und Herr van Ormans ein und dieselbe Person sind. Ich darf hinzufügen, daß ich entzückt bin, Ihnen wieder begegnet zu sein. Was haben sie in der Zwischenzeit getrieben? Wie kommt es, daß Sie sich in Centéglises aufhalten?«

»Es ist meine Vaterstadt.«

»Richtig! Sie haben mir ja auch schon in Paris davon gesprochen.«

»Zweifellos ... Nun gut, mein Fehler war, daß ich Michel Larbaleste, als ich ihn nach Paris gebracht hatte, viel zu oft in die Bibliothek gehen ließ. – Es ist ja wahr, daß er seine ganze Jugend hindurch keine Bücher zu sehen bekommen hatte. Ich ließ es ihn also nachholen: ich ließ ihn lesen. Das Buch aber, mein Herr, ist etwas ganz anderes, als Sie wohl meinen. Glauben Sie es mir!«

»Was ist es?«

»Das Buch ist ansteckend.«

»Ach?«

»Das Buch lebt, das Buch stirbt, das Buch ist ein Bienenstock lebendiger Geister ... Sie sitzen in einer Bibliothek; Sie haben irgendeinen Band vor sich und glauben zu lesen; ein Lehrbuch über Prosodie etwa, oder meinetwegen etwas Mathematisches. Aber, mein Herr, während Sie über Ihr Buch gebeugt sind, werden die Millionen Schwarten, die Sie umringen, lebendig: die Gedanken lösen sich von den zusammengeklappten Seiten, die unendliche Fülle der Vergangenheit nimmt Besitz von Ihnen, umfädelt, umgarnt, umwebt, umnetzt Sie wie eine Spinne! ... Sie machen Ihr Buch zu und gehen nach Hause. Sie setzen sich an Ihren Schreibtisch und beginnen zu schreiben. Sie schreiben wohl, aber ein anderer diktiert: Der vermaledeite Geist des Buches diktiert. Er ist es, nur er, der Ihnen die Ideen einbläst, daß Ihre Finger sie wiederholen müssen. Wenn Sie dann am nächsten Tage das Geschriebene überlesen, stellt es sich mit abscheulicher Klarheit heraus, daß nicht Sie es gewesen sind, der alles das von sich gegeben.«

»Das mag zuweilen schon so sein, aber nicht bei allen.«

»Nicht bei Ihnen; schon recht; meinethalben. Ich glaub' es schon. Bei einigen anderen auch nicht; gut; in Gottes Namen. ja doch: Sie sind harthirnig, oder wie Sie es nennen: originell. Ah: ein stolzes Wort. Klingt wie eine Schelle: o ... ri ... gi ... nell. Und Sie glauben natürlich, daß es ein Vorzug sei. Beruht aber nur auf einer mangelhaften Durchlässigkeit Ihrer Schädeldecke. – Bei Ihnen, sehen Sie, schichten sich die Ideen nicht ein. Sie und Ihresgleichen leben ohne Zusammenhang mit der Außenwelt in einer herrisch abgeschlossenen Existenz, die sich auf, was weiß ich: Phantasie oder Imagination gründet. jawohl: Sie entziehen sich den Einsickerungen der Allgemeinheit. Sie und Ihre Geistesverwandten sind Söhne des Satans, die sich hochmütig mit dichten Mauern umgeben haben und in der Einsamkeit von Teufeln leben. Der Gefolgsmann Gottes aber, der Geist von Einfalt und Reinheit, öffnet sich dem Schwalle alles Gedachten: ihn erfüllen, ihn beugen, ihn zähmen, ihn verzehren und zernichten die Bücher. Oh, ich möchte wahrhaftig wünschen, daß Michel Larbaleste jenen Gehirndefekt gehabt hätte, dessen sich die Originellen rühmen, damit er nicht bloß ein Wiederkäuer von Ideen geworden wäre. Denn das ist es, was ich ihm nicht verzeihen kann, diesem Papagei!«

»Sie drücken sich zu schroff aus. Michel Larbaleste hat nur keine Geduld gehabt. Er hätte es recht wohl zu etwas bringen können, wenn er nur ruhig weitergearbeitet hätte. Warum haben Sie so bald die Flinte ins Korn geworfen?«

»Sie wissen nicht, was ich weiß, mein Herr. Oder ist ihnen das etwa auch schon passiert? Ich kaufe mir beim Buchhändler ein Buch. Ein Buch, von dem ich durchaus nichts weiß. Weder den Inhalt noch den Stil noch den Verfasser. Aus Furcht, daß mir die direkte Berührung etwas daraus mitteilen könnte, lasse ich es mir zuschicken und stelle es nun in die Bibliothek von Michel Larbaleste, wohlgemerkt, extra noch einmal in Zeitungspapier eingewickelt, also unter einem doppelten Verschluß, da ja auch der Buchhändler es mir eingewickelt übersendet hat. Das Buch ist also verschlossen, verhüllt, umgeben von einer Schicht journalistischer Banalitäten; alle Maßregeln sind getroffen, seine verfluchte Eigenseele zu ersticken. Michel Larbaleste ignoriert es vollkommen, sowohl mit seinen Augen wie mit seinen Gedanken, geschweige denn, daß sein Papiermesser auch nur eine Seite davon angerührt hätte. – Alles in Ordnung, nicht wahr, mein Herr, alles in der schönsten Ordnung. Aber nun, bitte, achtundvierzig Stunden später! ... Wenn ich Michel Larbaleste frug nach zwei Tagen (denn ich hatte unrecht, die Erzählung im Präsens zu beginnen, da diese Dinge gottlob hinter mir liegen), wenn ich ihn achtundvierzig Stunden später frug, was er denn geschrieben hätte, und ob er mir seine Arbeit nicht mitteilen wolle – was geschah, welche Entdeckung machte ich? (Er konnte es mir natürlich nicht abschlagen und mußte mir das Manuskript überlassen.) Also, was geschah? Ich ging in die Bibliothek, wickelte jenes infame Buch aus seinem doppelten Verschluß von allerhand bedruckten Papieren, sah hinein und fand, daß es meinen unglücklichen Sprößling mit seinen Ideen vollkommen verseucht hatte.«

»Nach dieser Methode, lieber Herr van Ormans, würde es genügen, einen Band Shakespeare in sein Zimmer zu stellen, um ein Genie zu werden.«

»Ja, wenn der Einfluß weniger intensiv wäre, und wenn nur nicht immer fast genau das gleiche herauskäme! Und dann: diese Reklamationen hinterher! Vergessen Sie, bitte, nicht, daß alle diese sogenannten Genies der Vorzeit, wie man es ja mit einem ihnen hergebrachtermaßen verliehenen Epitheton auch direkt ausspricht, unsterblich sind, und das heißt doch wohl, daß sie heute noch leben! Aber auch das genügt ihnen nicht einmal. Sie haben unter unseren heutigen Zeitgenossen ihre Agenten und Vertrauten, Kritiker und Literaturhistoriker, die sie unablässig dazu anhalten, nach dem zu schnüffeln und das mit Gehässigkeit vor das Publikum zu bringen, was sie das Plagiat nennen, während es doch nichts weiter ist als das Resultat besonders feiner Durchlässigkeit besonders zarter, will sagen besonders poröser Schädel.

Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit, einmal den folgenden Versuch zu machen, den ich für meinen Teil oft genug und leider immer mit Erfolg unternommen habe. Sie brauchen nur mit mir zu kommen, und Sie werden dann sofort Ihr blaues Wunder erleben. Es ist nichts weiter dazu nötig, als daß Sie sich neben mein Bücherregal setzen. Sie lassen die Läden schließen, alle Lampen auslöschen und sitzen nun im Finstern. Kaum ein paar Minuten werden vergehen, und Sie werden ein sanftes und dennoch deutliches Geräusch vernehmen ... ja, richtig: Sie können das Experiment auch komplizieren und dadurch abwechslungsreicher gestalten, nämlich wenn Sie auf das Bücherbrett Werke einer Ihnen durchaus fremden Literatur stellen, ich meine Werke in einer Sprache, die Sie noch nie gehört haben. Sie werden dann das Vergnügen erleben, von fremden Klängen umgeben zu werden. Voraussetzung ist nur, daß Sie sich nicht bewegen! Dann aber müssen Sie sie fühlen, diese Bücherwelt mit alledem, was in ihnen an Schicksalen, Leidenschaften, Gedanken steckt. Die Helden und Heldinnen von Romanen erheben sich im augenscheinlichen Vollgefühl, daß sie die Hauptpersonen sind; die Nebenfiguren, weniger selbstbewußt, aber doch auch sehr lebendig, kommen hinzu, und es entwickelt sich sofort die angeregteste Unterhaltung. Auch die Autoren selber können es sich nicht versagen, zu erscheinen. Dabei ist Balzac besonders merkwürdig, zumal, wenn er sich über gewisse Zeitgenossen von uns ausläßt. Doch ist das schließlich eine Marotte, die ihnen allen ohne Ausnahme anhaftet, ich meine die ewige Rederei von den Anleihen, die sie sich heutzutage gefallen lassen müssen. In dieser Hinsicht sind sie alle einander gleich und haben nur das eine Ziel im Auge, die ruhige Arbeit der Gegenwart durch Vorschiebung ihrer Persönlichkeit zu stören. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie der liebe Gott ihnen das erlauben kann ... Wollen Sie das Experiment machen, so bin ich bereit, heute abend einmal nach Hause zu gehen.«

»Gewöhnlich gehen Sie abends nicht nach Hause?«

»Mein Herr, Sie würden diese Frage nicht stellen, wenn Sie wüßten, daß bei mir zu Hause eng beieinander zweitausend Bücher stehen. Wüßte ich sie auf eine anständige Weise loszuwerden, ich täte es wahrhaftig. Aber ich kann sie doch nicht in die Kanäle werfen, und auf andere Weise sind sie in dieser Stadt nicht anzubringen. So stehen sie denn also bei mir, diese drei- oder vierhundert Autoren mit ihren, ich weiß nicht, wieviel tausend Helden und Heldinnen, und jammern und klagen und sind nicht zu beruhigen. Und ich? Soll ich wirklich nach Hause gehen, um Hamlet stöhnen und Roland Horn blasen zu hören, während Victor Hugo sich mit Stendhal rauft?«

»Irgendeinen Käufer würden Sie ja wohl finden.«

»Aber das ist es ja eben: Ich liebe sie trotz alledem, und sie sind tagsüber meine einzige Unterhaltung. Mit wem sollte ich auch sprechen, wenn nicht mit ihnen? Denn, sehen Sie, meine Mitbürger liebe ich nicht besonders, und zu sagen habe ich ihnen schon gar nichts. So bleibt mir denn nichts anderes übrig, als mich mit meinen Büchern zu unterhalten. Aber wohlgemerkt: Michel Larbaleste darf sich nicht an der Unterhaltung beteiligen! Tot ist er, tot und begraben.«

»Und abends? Wo halten Sie sich abends auf?«

»Hier. Ich bin Mitbesitzer dieser kleinen Wirtschaft, und so gibt es hier nur die eine Zeitung des Ortes zu lesen. Mit ihr unterhalte ich mich am Abend; sie ist meine Retterin vor der Lektüre. – Also: Wollen Sie das Experiment machen?«

»Lieber nicht. Ich bin ein bißchen müde.«

Während wir dann zu meinem Hotel gingen, sagte Herr van Ormans noch das Folgende zu mir: »Es mag vielleicht auch sein, daß Sie gegen diese Phänomene eine Art Schutzimpfung besitzen, und Sie mögen dies ja immerhin für einen Vorzug halten. Dafür erfreuen wir anderen uns eines anderen, und zwar unzweifelhaften Vorzuges, nämlich der Gabe, Paris besser zu kennen als Sie, und zwar eben, weil wir nicht gegen das Buch geimpft sind. Denn, mein Herr, ihr Frankreich und besonders Ihr Paris ist voll von den Dämonen des Buches; Sie merken das nur nicht so, von wegen Ihrer Lymphe. Und nun denken Sie einmal daran, welche Millionen von Schlupfwinkeln diese Dämonen in dieser ungeheuren Stadt haben. Von den verwünschten Bibliotheken will ich ganz schweigen: Die Fallstricke und Schlingen sind auch sonst in Mengen ausgelegt. – Wie oft habe ich es erlebt, daß mein armer Michel ruhig und harmlos das Haus verließ, um spazierenzugehen, aber kaum hatte er ein paar Schritte gemacht, da saß auch schon der Widerhaken in ihm fest, und wie ein besessenes Tier stand er, festgehalten von dem Unsichtbaren, vor einer Ihrer zahllosen Bücherbudiken, deren Inhaber die Frivolität so weit treiben, daß sie die Bücher frei daliegen lassen, jeder Hand erreichbar. Und bilden Sie sich nur ja nicht ein, daß ein Buchhändler immer der primitive Organismus ist, als den er sich äußerlich gibt. Diese scheinbaren Biedermänner stecken zuweilen voll teuflischer Absichten. Man muß nur den Blick dafür haben und den inneren Sinn im Arrangement ihrer Auslagen und Preisnotierungen verstehen. in der Benachbarung von Büchern, wie sie von diesen Herren da geübt wird, spricht sich zuweilen eine furchtbare und zynische Überlegung aus, die ganze Brutalität von Leuten, die eine Wollust darin finden, das Leben auf die Probe zu stellen. Mein Herr, mein Herr, diese Leute jonglieren ebenso virtuos wie frivol mit Theorien, genauso wie die Dichter selbst, diese Gedankenjongleure, deren Werke sie Band an Band nebeneinanderlegen. Ich könnte Ihnen Benachbarungen von einer inneren Kompliziertheit erzählen, daß Sie staunen würden; soviel satirische Bosheit drückt sich in ihnen aus. Und dabei zu denken, daß der Buchhändler meist nichts von dem gelesen hat, was er mit sicherer Empfindung für das immanente Böse einander benachbart! Er handelt unter dem Zwange der Bücherdämonen: das ist es.«

Mein gefälliger Begleiter zog für mich die Schelle an der Hoteltüre und erklärte mir in seinem und Michel Larbalestes Namen, daß es ihm ein großes Vergnügen bereiten werde, mich wieder einmal zu sehen, doch nur unter der Bedingung, daß ich die Erinnerung an den verehrten Toten nicht aufwecken würde, den er mit vollstem Fug und Recht getötet und mit Andacht in das Grab der Vergessenheit versenkt habe.

Am nächsten Morgen reiste ich ziemlich früh ab, doch unterließ ich es nicht, mir die falschen Primitiven schnell noch einmal anzusehen, die man hier ans Tageslicht gestellt hatte, und ich mußte mich dabei fragen, ob unter denen, die vor ein paar hundert Jahren diese alten Schwarten heruntergebürstet hatten, nicht auch ein Maler van Ormans gewesen war zu einer Zeit, da er sich als ein Michel Larbaleste gefühlt hatte.

Dann führte mich der Zug langsam, recht langsam dem Meere entgegen, dem Meere, das die Primitiven zu malen sich niemals getraut haben. – Warum wohl nicht? – Hat sie Aberglaube davon abgehalten, oder der Mangel an Bestellung, oder die Angst ihrer Auftraggeber bei der Idee, daß er, der sie malte, das Wesen oder die Form jenes schrecklichen Elements einmal gestaltet haben könnte? Das wäre dann etwas Ähnliches wie die Furcht und das Entsetzen des Orientalen davor, daß einer unter ihnen das Bild Gottes wiederzugeben sich erfrechen möchte.

An derlei mußte ich denken, als ich über van Ormans nachdachte, als merkwürdiges Erzeugnis dieser Rasse, deren verstörter Abkömmling er war, und die ich in ihrer wunderlichen Gesamtheit besser verstehen zu können glaubte, wenn ich mir über ihn klar würde...








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.