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Der Diamant

Honoré de Balzac: Der Diamant - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
booktitleDie falsche Geliebte
titleDer Diamant
publisherDiogenes
year1977
isbn3257204450
translatorEmmi Hirschberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080711
projectid61a61b23
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Honoré de Balzac

Der Diamant

Le Diamant (La Paix du Ménage), deutsch von Emmi Hirschberg

Die Begebenheit, die in den folgenden Blättern dargestellt werden soll, trug sich gegen Ende November des Jahres 1809 zu, in der Zeit, als Napoleons flüchtige Herrschaft den höchsten Gipfel ihres Glanzes erreicht hatte. Die Fanfaren des Sieges von Wagram hallten noch im Herzen der österreichischen Monarchie wider. Der Friede zwischen Frankreich und der Koalition war unterzeichnet. Die Könige und Fürsten kamen herbei, um, gleich Gestirnen, ihre Bahn um Napoleon zu beschreiben, der sich seinerseits ein Vergnügen daraus machte, ganz Europa in seinem Gefolge hinter sich herzuziehen, ein glänzendes Vorspiel zu dem Gepränge, das er später in Dresden entfaltete.

Nie hat Paris, nach Aussage der Zeitgenossen, schönere Feste gesehen, als es diejenigen waren, die der Heirat des Herrschers mit der Erzherzogin aus dem Hause Österreich vorangingen und folgten. Nie hatten sich in den größten Tagen der ehemaligen Monarchie so viele gekrönte Häupter an den Ufern der Seine zusammengedrängt, und nie war der französische Adel so reich und so glänzend gewesen wie damals. Die Diamanten, im Überfluß an jedem Schmuckstück angebracht, die Gold- und Silberstickereien der Uniformen stachen so sehr von der Dürftigkeit der Republik ab, daß man glaubte, auf einmal die Reichtümer des ganzen Erdballs in den Salons von Paris zu erblicken. Eine allgemeine Trunkenheit hatte dieses kurzlebige Kaiserreich ergriffen. Alle Militärs, ihr oberster Herr nicht ausgeschlossen, genossen als Emporkömmlinge die Schätze, die eine Million Soldaten erobert hatte, deren Ansprüche mit einigen Ellen roten Bandes leicht befriedigt wurden. In dieser Zeit trugen die meisten Frauen jene Leichtfertigkeit der Sitten und jene Laxheit in der Moral zur Schau, die die Regierung Ludwigs XV. gekennzeichnet hatten. Sei es nun, um den Ton des verflossenen Königreiches nachzuahmen; sei es, weil gewisse Mitglieder der kaiserlichen Familie das Beispiel dazu gaben, – wie die Frondeurs aus dem Faubourg Saint-Germain es behaupten. – Tatsache ist, daß sich alle Männer und alle Frauen mit einer Kühnheit in die Vergnügungen stürzten, die das Ende der Welt zu verkünden schien. Doch noch einen anderen Grund gab es für diese Ungebundenheit. Die Vorliebe der Frauen für das Militär wurde wie zu einer Raserei und entsprach den Wünschen Napoleons nur zu sehr, als daß er ihr Einhalt geboten hätte. Das häufige Zu-den-Waffen-greifen, wodurch alle Verträge zwischen Europa und Napoleon nur mehr zu Waffenstillständen wurden, zwangen auch die Leidenschaften zu Lösungen, die ebenso plötzlich waren, wie die Entschlüsse des obersten Herrn all dieser Pelzmützen, Wamse und Achselschnüre, die dem schönen Geschlecht so sehr gefielen. Die Herren waren also damals ebenso nomadisch wie die Regimenter. Zwischen dem ersten und dem fünften Bulletin der großen Armee konnte eine Frau nacheinander Geliebte, Gattin, Mutter und Witwe sein. War es die Aussicht auf eine nahe Witwenschaft, auf eine Rente, oder war es die Hoffnung, einen Namen zu tragen, den die Geschichte einst verewigen sollte, was das Militär so begehrenswert machte? Fühlten sich die Frauen zu ihm hingezogen durch die Gewißheit, daß das Geheimnis ihrer Leidenschaft auf den Schlachtfeldern begraben würde, oder muß man die Ursache dieses süßen Fanatismus in dem Reiz suchen, den der Mut für sie besaß? Vielleicht trugen all diese Ursachen, auf die ein künftiger Sittenschilderer des Kaiserreiches gewiß näher eingehen wird, gemeinsam dazu bei, daß die Frauen sich mit so leichter Bereitwilligkeit der Liebe hingaben. Was es auch gewesen sein mag, das eine müssen wir zugeben: die Lorbeeren deckten damals manche Sünden zu, die Frauen bemühten sich voller Eifer um jene kühnen Abenteurer, die ihnen wahre Quellen der Ehre, des Reichtums oder des Vergnügens schienen, und in den Augen der jungen Mädchen bedeutete eine Achselklappe – diese Hieroglyphe der Zukunft – Glück und Freiheit. Ein Zug dieser Epoche, der sehr bezeichnend für sie ist und in unseren Annalen einzig dasteht, war eine ungehemmte Leidenschaft für alles Glänzende. Nie wurde so viel Feuerwerk veranstaltet, nie besaß der Diamant einen so hohen Wert. Die Männer waren nach diesen weißen Kieselsteinen ebenso lüstern wie die Frauen. Vielleicht hatte die Notwendigkeit, die Kriegsbeute in der am leichtesten zu transportierenden Form mitzunehmen, die Edelsteine bei der Armee so zu Ehren gebracht. Ein Mann wirkte damals nicht – wie es heute der Fall wäre – lächerlich, wenn er auf seinem Jabot oder auf seinen Fingern große Diamanten trug. Murat, dieser Südländer, gab dem modernen Militär das Beispiel eines unsinnigen Luxus! – Der Graf von Gondreville – er hatte sich vorher »Bürger Malin« genannt – ein Lucullus jenes konstituierenden Senats, der nichts konstituierte, hatte mit seinem Feste zu Ehren des Friedens nur deshalb so lange gewartet, um desto besser Napoleon den Hof machen zu können, indem er all die Schmeichler, die ihm zuvorgekommen waren, in den Schatten stellte. Die Gesandten aller befreundeten Mächte Frankreichs, die wichtigsten Persönlichkeiten des Kaiserreiches, selbst einige Fürsten waren in diesem Augenblick in den Salons des reichen Senators versammelt. Der Tanz war noch nicht recht im Gange, alles wartete auf den Kaiser, dessen Anwesenheit der Graf versprochen hatte. Napoleon hätte auch sein Wort gehalten, wenn nicht gerade an jenem Abend der Auftritt zwischen ihm und Josephine stattgefunden hätte, der die baldige Scheidung dieses hohen Paares nach sich zog. – Die Nachricht von diesem Ereignis, das damals sehr geheim gehalten wurde (das die Geschichte aber verzeichnet hat), war noch nicht bis zu den Ohren der Höflinge gelangt, es wirkte nur durch die Abwesenheit Napoleons auf die Heiterkeit des Festes beim Grafen von Gondreville. Die schönsten Frauen von Paris, die sich darum bemüht hatten, diesem Feste beiwohnen zu können, wetteiferten in diesem Augenblick an Luxus, Koketterie, Schmuck und Schönheit miteinander. Die haute finance, stolz auf ihre Reichtümer, forderte die glänzenden Generäle und hohen Offiziere des Kaiserreichs, die eben erst mit Orden, Titeln und Auszeichnungen überschüttet worden waren, förmlich heraus. Diese großen Bälle waren für die reichen Familien stets die Gelegenheit, um den Prätorianern Napoleons ihre Erbinnen vorzuführen, in der wahnwitzigen Hoffnung, ihre glänzende Mitgift gegen eine ungewisse Gunst einzutauschen. Die Frauen, die sich allein durch ihre Schönheit stark glaubten, erprobten deren Macht. Dort, wie anderswo auch, war das Vergnügen nur eine Maske. Hinter heiteren und lachenden Gesichtern, hinter ruhigen Stirnen verbarg sich abscheuliche Berechnung; Freundschaftsbezeugungen logen, und mehr als einer mißtraute weniger seinen Feinden als seinen Freunden! – Diese Betrachtungen mußten notwendigerweise vorausgeschickt werden, um die verwickelte Begebenheit, von der auf den folgenden Seiten gesprochen werden soll, zu erklären, sowie auch die freilich noch sehr gemilderte Schilderung des Umgangstones, wie er damals in den Salons von Paris herrschte.

»Wenden Sie Ihr Auge einmal jener zerbrochenen Säule zu, auf der ein Kandelaber steht, sehen Sie da eine junge Frau mit einer chinesischen Frisur, dort in der Ecke links? Sie hat blaue Glockenblumen in das Büschel kastanienbrauner Haare, das in Locken herabfällt, gesteckt. Sehen Sie nicht? Sie ist so blaß, daß man sie für krank halten möchte; sie ist sehr klein und ganz allerliebst.

Jetzt wendet sie uns den Kopf zu; ihre blauen, mandelförmigen und entzückend sanften Augen scheinen wie zum Weinen geschaffen zu sein. Aber sehen Sie nur, sie bückt sich, um Frau von Vaudremont durch dieses Labyrinth von auf- und abwogenden Köpfen, deren hohe Frisuren ihr den Durchblick erschweren, zu erspähen.«

»Ah, jetzt sehe ich sie, mein Lieber! Du hättest sie mir nur als die bleicheste aller hier anwesenden Frauen bezeichnen sollen, dann hätte ich sie gleich erkannt; sie ist mir schon aufgefallen; sie hat den schönsten Teint, den ich je bewundert habe. Von hier aus wirst du wohl auf ihrem Hals die Perlen kaum erkennen können, die die Saphire ihres Halsbandes voneinander trennen. Sie muß entweder sehr tugendhaft sein oder sehr kokett, denn kaum gestatten die Rüschen ihres Mieders, daß man die Schönheit ihres Körpers ahnt. Welche Schultern! Wie lilienweiß!«

»Wer ist sie?« fragte derjenige, der zuerst gesprochen hatte.

»Ich weiß es nicht.«

»Aristokrat! Sie wollen wohl alle für sich behalten, Montcornet?«

»Es steht dir gut, mich zu verspotten!« erwiderte Montcornet lächelnd. »Glaubst du das Recht zu haben, einen armen General wie mich zu verspotten, weil du als glücklicher Nebenbuhler von Soulanges dich nicht einmal herumdrehen kannst, ohne Frau von Vaudremont in Aufregung zu versetzen? Oder aber, weil ich erst vor einem Monat in dies gelobte Land gekommen bin? Ihr seid unverschämt, ihr Verwaltungsbeamte, die ihr auf euren Stühlen sitzt, während wir im Granatfeuer stehen! Geh, mein Herr Finanzsekretär, laßt uns die Ähren auf dem Felde auflesen, dessen unsicherer Besitz euch erst dann bleibt, wenn wir es geräumt haben. Zum Teufel auch, ein jeder muß leben! Würdest du die deutschen Frauen kennen, ich glaube, du würdest ein gutes Wort für mich einlegen bei der Pariserin, die du liebst.« »General, da Sie diese Frau, die ich hier zum erstenmal erblicke, schon den ganzen Abend zu beobachten scheinen, so haben Sie, bitte, die Güte mir zu sagen, ob Sie sie schon haben tanzen sehen.« »Oh, mein lieber Martial, wo kommst du her? Wenn man dich mit einer diplomatischen Mission betraute, ich prophezeite dir keinen Erfolg! Siehst du denn nicht drei Reihen der unerschrockensten Pariser Koketten zwischen ihr und dem Schwarm von Tänzern, der unter dem Kronleuchter herumsummt, und mußtest du nicht erst dein Lorgnon zu Hilfe nehmen, um sie überhaupt in der Ecke bei jener Säule zu entdecken, wo sie, trotz der Lichter, die über ihrem Haupte erstrahlen, wie im Dunkel begraben zu sein scheint? Zwischen ihr und uns blitzen so viele Diamanten und so viele Blicke, wehen so viele Federn, wogen so viele Spitzen, Blumen und Besätze, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn ein Tänzer sie inmitten dieser Gestirne bemerken würde. Wie, Martial, erkennst du in ihr nicht die Frau irgendeines Unterpräfekten aus den Departements von Lippe oder Dyle, die hier versucht, ihren Gatten zum Präfekten zu machen?«

»Das soll er werden!« sagte der Finanzsekretär lebhaft.

»Das bezweifle ich noch,« erwiderte der Kürassierobrist lächelnd. »Sie scheint mir in der Intrige ein ebensolcher Neuling zu sein wie du in der Diplomatie. Ich wette, Martial, du weißt nicht einmal, wie sie dort hinten hingekommen ist.«

Der junge Sekretär betrachtete den Gardeobristen mit einer Miene, die sowohl Verachtung als auch Neugier verriet.

»Nun,« fuhr Montcornet fort, »sie ist sicherlich pünktlich um 9 Uhr gekommen, als erste vielleicht und wird die Gräfin von Gondreville, die nicht zwei Gedanken aneinanderreihen kann, in die größte Verlegenheit versetzt haben. Von der Dame des Hauses links liegen gelassen, von jeder neu Angekommenen von einem Stuhl zum andern bis in das Dunkel jener Ecke rückwärts gedrängt, wird sie sich dort haben einschließen lassen, ein Opfer der Eifersucht dieser Damen, die nichts sehnlicher wünschen, als dieses ihnen gefährliche Gesicht auf solche Art unschädlich zu machen. Sie wird keinen Freund gehabt haben, der ihr Mut gemacht hätte, den Platz zu verteidigen, den sie anfangs eingenommen haben muß, und jede dieser perfiden Tänzerinnen wird den Herren ihrer Bekanntschaft unter Androhung der fürchterlichsten Strafen den Befehl gegeben haben, unsere arme Freundin nicht aufzufordern. So haben sich diese harmlos und unbefangen erscheinenden Gesichter gegen die Unbekannte verbündet; und dabei mag keine von diesen Frauen dort unten etwas anderes gesagt haben, als nur: ›Kennen Sie diese kleine blaue Dame?‹ Höre, Martial, willst du in einer Viertelstunde mehr verführerische Blicke auf dich lenken und von mehr herausfordernden Fragen überschüttet werden, als dir in deinem ganzen Leben vielleicht je zuteil geworden, so versuche, den dreifachen Wall, der die Königin von Dyle, Lippe oder Charente verteidigt, zu durchdringen. Du wirst sehen, wie die dümmste dieser Frauen sogleich eine List erfindet, die den entschlossensten Mann verhindert, unsere bedauernswerte Unbekannte ans Licht zu ziehen. – Findest du nicht, daß sie etwas elegisch aussieht?«

»Glauben Sie, Montcornet? So wäre sie also eine verheiratete Frau?«

»Warum sollte sie nicht auch Witwe sein?«

»Dann wäre sie herausfordernder,« meinte der Finanzsekretär lachend.

»Vielleicht ist sie eine jener Witwen, deren Gatten beim Hazardspiel sitzen,« entgegnete der schöne Kürassier.

»Seit dem Frieden gibt es tatsächlich viele solcher Witwen,« erwiderte Martial. »Aber, mein lieber Montcornet, was sind wir doch für zwei Einfaltspinsel! Dieses Haupt drückt noch zu viel Unbefangenheit aus, es liegt noch zu viel Jugend und Herbheit auf dieser Stirn und um diese Schläfen, als daß es eine verheiratete Frau sein könnte. Welch ein gesunder Teint! Nichts ist welk an den Linien um die Nase. Die Lippen, das Kinn, alles an diesem Gesicht ist frisch wie die Knospe einer weißen Rose, wenn auch das Antlitz von dem Schleier der Traurigkeit wie verhangen ist. Was mag dieses junge Geschöpf zum Weinen bringen?«

»Die Frauen weinen um so geringer Ursachen willen,« sagte der General.

»Ich weiß nicht,« begann Martial wieder, »aber sie weint gewiß nicht, weil man sie nicht zum Tanz auffordert; ihr Kummer stammt nicht von heute.

Man sieht, daß sie sich aus Vorbedacht für heute abend so schön gemacht hat. Ich möchte wetten, sie liebt schon.«

»Bah, vielleicht ist sie die Tochter irgendeines deutschen Duodezfürsten; keiner spricht mit ihr«, sagte Montcornet.

»Wie unglücklich ist ein armes Mädchen dran,« nahm Martial wieder das Wort. »Besitzt jemand mehr Anmut und Feinheit, als unsere kleine Unbekannte? Und keine von diesen Megären, die um sie herumstehen und sich für zartfühlend halten, richtet ein Wort an sie. Wenn sie sprechen würde, könnten wir sehen, ob sie schöne Zähne hat.«

»Sieh an, du kochst ja über, wie Milch bei der geringsten Temperatursteigerung!« rief der Obrist aus, ein wenig gekränkt, in seinem Freunde so prompt einem Nebenbuhler zu begegnen.

»Wie!« sagte der junge Sekretär, ohne die Worte des Generals zu bemerken und sein Lorgnon auf alle Personen richtend, die um sie herum tanzten, »wie! kein Mensch hier sollte uns den Namen dieser exotischen Pflanze nennen können?«

»Ach, sie wird irgendeine Gesellschaftsdame sein,« sagte Montcornet.

»So, eine Gesellschaftsdame, mit Saphiren geschmückt, die einer Königin würdig sind, und in einem Kleid aus echten Spitzen? Das machen Sie andern weis, General! Sie werden auch nicht sehr groß in der Diplomatie sein, wenn Sie in Ihren Mutmaßungen in einer Minute von der deutschen Prinzessin zur Gesellschaftsdame übergehen!« Der General Montcornet hielt einen kleinen dicken Herrn am Arm fest, dessen graue Haare und kluge Augen man an allen Türecken erblickte, und der sich ohne Umstände in die verschiedenen Gruppen mischte, wo er überall ehrerbietig aufgenommen wurde.

»Gondreville, lieber Freund,« sprach ihn Montcornet an, »wer ist die entzückende kleine Frau, die da unter dem riesigen Kandelaber sitzt?«

»Der Kandelaber? Ravario, mein Lieber, Isabey hat die Zeichnung dazu gemacht.«

»Oh, ich habe deinen Geschmack und deinen Kunstsinn an dem Stück schon bewundert, aber die junge Frau darunter?«

»Die kenne ich nicht. Sie ist sicherlich eine Freundin meiner Frau.«

»Oder deine Geliebte, alter Spitzbube!«

»Nein, auf mein Ehrenwort. Die Gräfin von Gondreville ist die einzige Frau, die es fertig bringt, Leute einzuladen, die niemand kennt.«

Trotz dieser bitteren Bemerkung hatte der dicke kleine Herr ein Lächeln auf den Lippen, das die Vermutung des Kürassierobristen hervorgerufen hatte. – Dieser traf in einer benachbarten Gruppe wieder mit Martial zusammen, der dort seinerseits vergeblich versucht hatte, näheres über die Unbekannte zu erfahren. Er nahm ihn beim Arm und flüsterte ihm ins Ohr:

»Nimm dich in acht, mein lieber Martial. Frau von Vaudremont beobachtet dich seit einigen Minuten mit verzweifelter Aufmerksamkeit. Sie ist eine Frau, die schon aus der Bewegung deiner Lippen errät, was du zu mir sagst. Unsere Augen blicken schon zu vielsagend; sie hat sehr wohl die Richtung derselben bemerkt und verfolgt, und ich glaube, sie ist im Augenblick noch viel mehr mit der kleinen blauen Dame beschäftigt als wir.«

»Eine alte Kriegslist, mein lieber Montcornet. Was geht mich das übrigens an? Ich bin wie der Kaiser: wenn ich Eroberungen mache, dann halte ich sie auch fest!«

»Martial, deine Eitelkeit verlangt eine Lehre! Wie, du Wicht, du hast das Glück, der zukünftige Gatte von Frau von Vaudremont zu sein, einer Witwe von 22 Jahren, mit einer Rente von 4000 Napoleons ausgestattet, einer Frau, die dir Diamanten an die Finger steckt, welche so schön sind, wie dieser hier,« fügte er hinzu, indem er die linke Hand des Finanzsekretärs ergriff, der sie ihm bereitwillig überließ, »und du willst noch den ›Lovelace‹ spielen, als wenn du Obrist wärest und verpflichtet, den militärischen Ruf in der Garnison aufrecht zu erhalten. Pfui! denke doch an alles, was du verlieren kannst.«

»Wenigstens meine Freiheit werde ich nicht verlieren,« erwiderte Martial, gezwungen lachend. Er warf Frau von Vaudremont einen leidenschaftlichen Blick zu, auf den sie nur mit einem ängstlichen Lächeln antwortete, denn sie hatte bemerkt, wie der Obrist den Ring des Sekretärs betrachtete. »Höre, Martial,« nahm der Obrist wieder das Wort, »wenn du um meine junge Unbekannte herumflatterst, werde ich mich an die Eroberung von Frau von Vaudremont machen.«

»Das sei Ihnen gestattet, lieber Kürassier, aber Sie werden nicht so viel erreichen,« sagte der junge Finanzsekretär, indem er den wohlgepflegten Nagel seines Daumens unter einen seiner oberen Vorderzähne legte, von wo er ihn mit einem lustigen Geräusch fortschnellte.

»Bedenke, daß ich Junggeselle bin,« sagte der Obrist, »daß der Säbel mein ganzer Reichtum ist und daß mich so herausfordern bedeutet, Tantalus vor ein Festmahl setzen, das er verschlingen wird!«

»Brrrr!«

Diese spöttische Anhäufung von Konsonanten diente als Antwort auf die Herausforderung des Generals, den sein Freund vergnüglich von oben bis unten maß, ehe er ihn verließ.

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