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Das Staatspapier des Herzens

Ludwig Börne: Das Staatspapier des Herzens - Kapitel 1
Quellenangabe
authorLudwig Börne
titleDas Staatspapier des Herzens
booktitleSpiegelbild des Lebens - Aufsätze zur Literatur
publisherBund-Verlag, Köln
year1987
typeessay
isbn3-7663-3036-5
pages5-109
senderadlerbird@onlinehome.de
created20031001
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Ludwig Börne

Das Staatspapier des Herzens

Fragmente und Aphorismen

Hätte man den Anstiftern und Lenkern des Dreißigjährigen Krieges gesagt: »Ihr guten Leute, gebt euch keine vergebene Mühe; erinnert euch, was Luther dem Kurfürsten von Sachsen geschrieben: >Ew. Kurfürstliche Gnaden wissen nun und zweifeln nicht daran, daß im Himmel ganz anders als zu Nürnberg über diese Sache beschlossen ist.< ... Glaubt den Toten, die Toten lügen nicht« – sie hätten geantwortet: »Luther war ein braver Mann, ein kluger Mann, ein rechtlicher Mann, wir glauben an ihn wie an Gottes Wort; aber Luther hat von Nürnberg gesprochen und nicht von Prag.« ... Und hätte Luther von Prag gesprochen, so hätte er nicht von Leipzig gesprochen; und hätte er von Leipzig gesprochen, so hätte er nicht von Magdeburg gesprochen; und hätte er von Magdeburg gesprochen, so hätte er nicht von Nördlingen gesprochen, und von welchem Orte er also gesprochen hätte, er hätte vergebens gesprochen.

So ein eitles Tier ist der Mensch, daß er lieber sich selbst herabwürdigt als sein philosophisches System.

Die Philosophen sind doch sonderbare Käuze. Den Egoismus der einzelnen Menschen will keiner gelten lassen, da schreien alle, er wäre sündlich, wider Moral und Christentum. Den Egoismus der Menschheit hingegen predigt ein jeder. Schon mit der Ammenmilch wird er uns eingeflößt: »Wir Menschen sind die Kronen der Schöpfung, und die ganze Welt ist unser wegen da; drum preiset, ihr Kinder, Gott den Herrn und bewundert seine Weisheit. « O Eitelkeit der Eitelkeiten! Die Erde ist das Komödienhaus in der großen Himmelsstadt, und du, O Mensch, spielst den Hanswurst darin.

Wo wir unfähig sind, die Gesetze der Notwendigkeit zu erkennen, da glauben wir frei zu sein.

Die Deutschen haben zwar vielen körperlichen Mut, aber auch gar keine Geistestapferkeit. Sie haben den Mut, nicht witzig zu sein; sie haben den Mut, nicht mit ihrer Sprache vertraut umzugehen, und auch aus Feigheit verstecken sie sich hinter die Moral.

Die Deutschen bilden sich so viel auf ihre Bescheidenheit ein; das kommt mir vor, als wollte ein Hase mit seiner Furchtsamkeit prahlen.

Über die Schwächen der Menschen zu spotten, das ist ein selbstmörderisches Handwerk. Man kann dem Kritiker vorwerfen: Du gleichst dem Kinde, welches das Bild im Spiegel für etwas Fremdes hält.

Selten bewohnt der Architekt ein Haus, das er selbst gebaut. – Er gleicht den modernen Philosophen.

Schmerz ist der Vater und Liebe die Mutter der Weisheit.

Geschichte ist die Biographie der Menschheit.

Das Genie bildet die Welt aus sich heraus, der Held bildet sie in sich hinein.

Der Ehrgeiz ist für die Seele, was der Hunger für den Leib ist.

Originell wollen sie alle scheinen, und so machen sie's dem leicht, es zu sein, der’ s nicht scheinen will.

Erziehung ist Erziehung zur Freiheit.

Die Polizei müßte ein wachsames Auge auf die Moralisten haben, sie sind das für die Seele, was die Quacksalber sind für den Leib.

Verleumder gleichen den Windbüschen; man hört sie nicht, man sieht nur ihre Opfer fallen die Sperlinge.

Der Mensch muß innerhalb eines Totallebens irgendein Organ zum höchsten Leben individualisieren, daß es das Herrschende werde für die übrigen

Das Leben ist allen Tieren gemein, aber sterben kann nur der Mensch.

In einem wohlorganisierten Staate muß jedes Glied abhängig vom Ganzen sein. Darum sollten darin keine Bettler und keine Philosophen geduldet werden. Denn beide sind frei: die ersten, weil sie nichts zu verlieren, die andern, weil sie nichts zu gewinnen haben.

Philosophen sind nicht mehr als die Schmiede, die den Pflug verfertigen; da muß noch gar vieles geschehen, bis man das Brot an den Mund bringen kann.

Die Weiber sind die Schwellen des Glücks und die Pforten des Ruhms.

Die Menschen sind Gedanken der Erde.

Die Sitten sind für den Geist, was Kleider dem Leibe sind.

Man muß niemand fürchten als sich selbst.

Nicht wer den Bogen geschnitzt, der ihn spannt, wird Sieger.

Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daran legte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.

Manche Systemfabrikanten gleichen jenem Barbaren, der seine Schlachtopfer verstümmelte oder ausdehnte, bis sie in sein eisernes Bett paßten.

Man nimmt keinen Marmor zu dem Grundstein eines Gebäudes. Darum verlange man von starken Menschen nicht die Spiegelglätte einer Toilettenpuppe.

Das Studierzimmer eines Gelehrten gleicht oft der Kindbettsstube einer Wöchnerin. Das Weinen und Schreien der neugebornen unsaubern Gedankchen ist jedem, nur nicht dem Vater, zuwider. Darum soll ein Gelehrter, wenn er Besuche erwartet, erst die Wiege wegtragen lassen und seinem Gäste bloß die erwachsenen Kinder präsentieren.

Bedenkt ihr denn nicht – doch nein, man muß nicht bedenken, wo man fühlen soll – Fühlt ihr denn nicht, wie abgeschmackt es sei, mit der Elle des Schneiders das Weltmeer ausmessen wollen?

Die Nachtigall singt nur im Dunkeln. So lernen wir die himmlische Melodie eines edlen Herzens erst kennen, wenn es trauert.

Geistreiche Menschen geraten öfter in Verlegenheit als dumme; denn man muß Geist besitzen, um die Geistesgegenwart verlieren zu können.

Minister fallen wie Butterbrote: gewöhnlich auf die gute Seite.

Das Schicksal macht nie einen König matt, ehe es ihm Schach geboten.

Sinnliche Ausschweifung ist viel öfter die Folge als die Ursache einer zerrütteten Gesundheit.

Es gibt Menschen, die geizen mit ihrem Verstande wie andere mit ihrem Gelde.

Vernunft verhält sich zum Verstande wie ein Kochbuch zu einer Pastete.

Es ist schwer zu entscheiden, welches ein verdrießlicheres Geschäft sei: die Lichter putzen oder Weiber durch Gründe belehren. Alle zwei Minuten muß die Arbeit wiederholt werden, und wird man ungeduldig, löscht man das kleine Licht gar aus.

Der Eigensinn einer Frau ist auf eine ganz wunderliche Art befestigt. Der Graben ist hinter dem Walle, und hat man die steilsten Einwendungen erstiegen und glaubt, jetzt wäre alles geschehen, entdeckt man erst, daß das Schwerste noch zu tun sei.

Das größte häusliche Unglück, das einem Manne begegnen kann, ist, wenn seine Frau einmal gegen ihn recht hat, nachdem er es ihr abgestritten. Dieses einzige kleine Recht dient ihr wie ein Fläschchen Rosenöl; damit macht sie zwanzig Jahre all ihr Geräte und Gerede wohlriechend.

Hätte die Weltgeschichte ein Sachregister, wie sie ein Namenregister hat, könnte man sie besser benutzen.

Diplomaten sehen mit den Ohren; die Luft ist ihr Element, nicht das Licht. Darum lieben sie Stille und Dunkelheit.

Die Freiheit kann reden, denn ihr ist das Wort zugleich Waffe und Beute; die Macht aber ist verloren, sobald sie anfängt, sich zu rechtfertigen.

Die öffentliche Meinung ist eine See, und man behandelt sie wie eine Suppe. Verrückte Köche stehen vor ihr – der eine wirft Salz hinein, der andere Zucker; ein dritter kommt mit dem Schaumlöffel, die Blasen abzuheben, ein vierter bläst, daß ihm die Backen schmerzen, ein fünfter will sie aufessen; ein sechster sie dem Haushunde vorsetzen; ein siebtenter sie in das Spülfaß schütten. Wahrhaftig, die Kinder auf der Gasse werden euch noch auslachen!

Leidenschaften der Regierungen zeugen von Schwäche, Leidenschaften des Volkes aber zeugen von Stärke.

Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei.

Zu gewissen Handlungen reicht nicht hin, kein Herz, man muß auch keinen Kopf haben. Es ist nicht jeder dumm, der will. Gibt es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, die man nicht erwerben kann, die angeboren sein muß: so ist es die Dummheit. Es gibt für jeden Minister nur ein Mittel, sich durch die Gefahren zu schlagen, welchen er begegnet, wenn er den Staat nach den Wünschen der Aristokratie beherrschen will – er darf diese Gefahren nicht sehen. Über enge felsige Wege, an tiefen Abgründen vorüber ohne Schwindel und Sturz zu schreiten, das vermag nur ein Packesel.

Unter Mäßigung wird verstanden: die einen wollen den Tag, die andern wollen Nacht, der Minister aber will Mondschein, um beide Parteien zu befriedigen. Er betrachtet sich als die Zunge der Waage, die nur so lange aufrecht steht, als gleiches Gewicht in beiden Schalen liegt.

Im alten Frankreich machte der Witz auch Bürgerliche hoffähig und ward dadurch zur Nadel, durch die man den geistigen Faden zog, welcher den dritten Stand mit dem Adel verknüpfte. Auf diese Weise wurde die Revolution herbeigeführt. Die Regierungen unseres Landes können also ruhig bleiben; denn unsere grobe Packnadel zerrisse nur die feingewebte Seele der Weltleute – wir werden uns nie vereinigen und befreunden. Aber welch ein großer Mißverstand ist es, politischen Schriftstellern Grobheiten zu untersagen und Feinheiten zu verstatten! Man sollte gerade das Gegenteil tun.

Es hüte sich der junge Dichter, an seinen Werken jene steinerne Ruhe herauszuarbeiten, von welcher Goethe so verlockende Beispiele gab. Bei den Alten warf die Anbetung den warmen Purpurmantel um die kalten, nackten Marmorgötter. Aber wir mit unsern Winterherzen lassen nackt, was wir nackt gefunden. Ruhe, Friede und Klarheit muß im schöpferischen Geiste wohnen; dann wird sie den Schöpfungen nicht ermangeln. Die Ruhe der Gleichgültigkeit schafft nur Werke, die gleichgültig lassen. Shakespeare und Calderon wurzelten tief, der in der Natur, der im Glauben, und weil sie so fest gestanden, gaben sie ihre Zweige dem Sturme, ihre Blätter kosenden Lüftchen hin und zitterten nicht vor der rohen Gewalt des Windes und fürchteten nicht, nahende Vertraulichkeit möchte der Ehrfurcht schaden. Der Bewegungslose wird nie bewogen, und nur der bewegte Dichter kann dem bewegten Herzen Ruhe geben.

Im Kampfe zwischen Adel und Bürgerschaft hat der Adel, er mag angreifen oder sich verteidigen, den Vorteil, daß er von der Höhe herab gegen einen Feind streitet, der in der Ebene steht.

Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, ihr das neue Lager abzustecken. Ließe man diese Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und beobachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinaus will. Aber das tut man nicht. Man nennt jene Vorläufer, Unruhestifter, Verführer, Schwärmer und hält sie mit Gewalt zurück. Aber die Zeit rückt doch weiter mit ihrem ganzen Trosse, und weil sie nichts bestellt und angeordnet findet, wohnt sie sich ein, wo es ihr beliebt, und nimmt und zerstört mehr, als sie gebraucht und verlangt.

Was die Besten und nur die Besten unter den Zeitgenossen wünschen, das geschieht zwar auch, aber spät, denn da die Besten ihrer Zeit vorauseilen, so werden ihre Wünsche und Bedürfnisse erst die der Nachwelt. Doch was die Menge wünscht, das geschieht bald.

Die deutschen Blätter, die politischen sowohl als die nichtpolitischen, sind, wenige ausgenommen, ganz unbeschreiblich abgeschmackt. Die Armut hat doch sonst etwas Romantisches, die Bettelei hat etwas Rührendes; aber die deutschen Blätter haben von der Armut nur das Widrige und von der Bettelei nur das Unausstehliche. Alle Zeitungen sind alle Tage und allerorten mit Berichten über Schauspieler und Sänger angefüllt, und die Ausländer, die unsere Blätter lesen, müssen denken, daß dreißig Millionen ehrwürdige Germanen nichts täten als spielen und singen und für nichts Sinn hätten als für Spiel und Gesang. Mag immerhin jedes Blatt das Schauspiel und die Oper seines Ortes besprechen; geschieht es nur mit Kenntnis und Feinheit, hat das auch sein Gutes und Ergötzliches. Aber was kann einem Dresdner daran gelegen sein, wie Herr der in München den Franz gespielt, wie Frau die in Wien die Agathe gesungen? Was nützt es dem Frankfurter, am 4. Oktober zu erfahren, daß am 29. September Demoiselle Sontag in Berlin die Donna Anna singen werde? Kann er die fünf Tage, die beide Zeiten trennen, zurückleben, ungerechnet die drei, die er zu einer Reise nach Berlin brauchte, um der Vorstellung des Don Juan beizuwohnen? 0! es ist eine Schmach! Man glaubt sich in die Zeiten des römischen Kaiserreichs zurückversetzt, wo entartete Fürsten und entartete Völker, vom Schlamme der Lüste über und über bedeckt, mit heißdurstigen Blicken einem Wagenführer in der Rennbahn nachsahen und überhörten, daß die Barbaren schon die Tore stürmten!

Daß die Diplomatik sich verrechnet, ist etwas sehr Gewöhnliches, auch etwas sehr Natürliches; man verlernt leicht das Rechnen, wenn die Folgen der Rechnungsfehler auf andere fallen. Daß aber auch jene sich verrechnen, die, entfernt vom Gedränge der Taten, ungestört in ihrem einsamen Zimmer nachdenken können und Zeit genug haben, hundert Male die Probe zu machen darüber muß man erstaunen. Wenn die deutschen wissenschaftlichen Männer den Verstand auch noch verlieren, was bleibt ihnen übrig? Tatkraft, Reichtum, Macht und Ansehen haben sie nie gehabt.

Der Leichtsinn ist ein Schwimmgürtel für den Strom des Lebens.

Die deutsche Geschichte gleicht einem ungebundenen Buche; so beschwerlich und verdrießlich ist sie zu lesen. Man muß oft die Bogen umwenden, verliert den Zusammenhang darüber, und Titel und Register liegen nicht selten in der Mitte versteckt.

Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muß, wenn ein idealische Geburt zustande kommen soll.

Der Hofnarr des Kaisers Claudius sagte: Man könne die Namen aller guten Fürsten auf einen einzigen Ring schreiben. Der Geschichtsschreiber, der dieses erzählt, spricht dann weiter: »Fragst du, woher solche bösen Fürsten kommen, so antworte ich. Mein Bester, daß zuvörderst die Ungebundenheit, dann der Überfluß, außerdem ruchlose Minister, verabscheuungswürdige Gesellschafter, habsüchtige Verschnittene, dumme und nichtswürdige Höflinge und, was nicht zu leugnen ist, die völlige Unwissenheit in den Staatsgeschäften die Ursachen davon sind. Der Kaiser Diokletian, da er bereits in den Privatstand zurückgetreten war, sagte: Wie mir mein Vater erzählt hat, es sei nichts schwerer, als löblich zu regieren. Vier oder fünf Personen vereinigen sich, machen einen Plan, den Regenten zu betrügen, und schreiben ihm sein Verhalten vor. Der in seinem Palaste verschlossene Kaiser ist von der Wahrheit nicht unterrichtet, erfährt nichts weiter, als was ihm diese Leute vorreden, besetzt alle Stellen mit Personen, die man entfernen sollte, und entfernt diejenigen, die man hätte beibehalten sollen. Kurz, der beste, vorsichtigste und vortrefflichste Regent wird, wie Diokletian sagt, verraten und verkauft. «

Vor der Revolution war es am französischen Hofe Sitte, daß gemeinschaftlich mit dem königlichen Prinzen ein bürgerliches Kind erzogen wurde, das, sooft der junge Prinz sich verging, statt seiner gezüchtigt wurde. Eine ähnliche bürgerliche Bestimmung hat das deutsche Volk. Wenn die Franzosen, wenn die Spanier und Portugiesen, wenn die Neapolitaner und Piemonteser, wenn die Russen sich unartig betragen, bekommen die armen deutschen Kinder Ohrfeigen. Es ist gar zu betrübt; wir müssen machen, daß wir groß werden.

Klugheit ist oft lästig wie ein Nachtlicht im Schlafzimmer.

Man sollte denken, wer sich vor keiner Kanonenkugel fürchtet, fürchtet nichts auf der Welt; aber man gewahrt das Gegenteil. Vielen Menschen, vornehmen wie geringen, ist ein solcher Aberglaube anerzogen, daß sie zittern vor dem Rauschen eines Blattes, ob sie zwar mit freudigem Mute in die Schlacht gehen. In der politischen Welt hat diese Schwäche üble Folgen. Nicht an tapfern Feldherren fehlt es manchen Fürsten, aber an diplomatischen Helden, die – nicht zittern vor dem Rauschen eines Blattes.

Regierungen sind Segel, das Volk ist Wind, der Staat ist Schiff, die Zeit ist See.

Es wird keineswegs behauptet, daß in Staaten mit repräsentativen Verfassungen ein ewiger Frühling herrsche. Aber sie haben den Vorzug, daß jedes Jahr der Schnee in ihnen schmilzt, während er sich in unbeschränkten Monarchien zu Gletschern und Lawinen anhäuft, die das unten wohnende Volk immer bedrohen, oft zermalmen.

Denkt euch: ein Arzt untersagte seinem Kranken jede anhaltende Bewegung; sie könnte ihm tödlich werden, erklärte er. Der Kranke wäre unfolgsam und ginge eine Meile weit. Was würdet ihr von jenem Arzte sagen, der, um den Fehler wiedergutzumachen, den Kranken seinen gegangenen Weg wieder zurücklegen ließe? Jetzt denkt euch: ein Volk sei krank, man verbiete ihm die Bewegung; aber es hat sich doch bewegt. Wenn nun, um den Schaden zu verbessern, die Staatsärzte dasselbe zu dem Punkte, von dem es ausgegangen, wieder zurückführten, was würdet ihr davon denken? ... Ist Bewegung schädlich, so Ist es jede, sie richte sich vorwärts oder rückwärts, und es bleibt nichts übrig, als das Volk an dem Orte, wo man es eingeholt, ins Bett zu legen und die Krise abzuwarten.

Was den Übergang der alten Zeit in die neue so blutig macht, ist die Enge des Weges, der von jener zu dieser führt. Zwischen Vergangenheit und Zukunft fließt ein breiter Strom, die Gegenwart ist die Brücke darüber. Die Angreifenden und die, welche sich verteidigen, die Vordringenden und die Fliehenden, treiben, drängen und hindern sich darauf. Tausend Schlachtopfer fallen fruchtlos, ohne den Sieg zu beschleunigen noch die Niederlage zu verzögern. Aber der Mensch muß auch gerecht gegen sich selbst sein, das ist nicht seine Schuld, das Schicksal hat es zu verantworten.

Die Staatsbaumeister glauben, um dem Rauchen ein Ende zu machen, brauche man bloß die Schornsteine zu vermauern. Sie tun es, treiben den Rauch zurück, vermehren ihn, werden ärgerlich darüber und ahnen gar nicht, daß ihre Unwissenheit das Übel vergrößert.

Alle Narrheit erschöpfen – so gelangt man zum Boden der Weisheit.

Die Geheimnisse der Politik und die Brabanter Spitzen werden unter der Erde geklöppelt; denn die freie Luft zerrisse das überfeine Gespinst. Und das Erzeugnis so vieler Tage, so vieler Hände, so vielen Geldes? – Ein Schleier. Und der Gebrauch? – Die Schönheit verliert, was die Häßlichkeit gewinnt. Und der Nutzen? – Ein Windstoß hebt den Schleier auf, und eine einzige Minute zerstört die Täuschung einer langen Woche. Und die Lehre? – Verwebt euren Flachs zu Leinwand für das Volk; die hält Wind und Wetter aus und kleidet den Bürger wie den König.

Wenn, wie es in Deutschland oft geschieht, Gesetze in der Sprache von Befehlen abgefaßt werden, gewöhnt man die Bürger daran, Gesetze als bloße Befehle anzusehen, denen man folgt, nicht weil man sie ehrt, sondern weil man sie fürchtet.

Die Mauern Jerichos sind freilich von den Trompeten der Juden eingestürzt; aber es geschehen in unsern Tagen keine Wunder mehr, und ein vernünftiger Mensch sollte sich schämen zu glauben, das Geschrei der Zeitungen könne das gelobte Land der Freiheit eröffnen.

Wer glaubt, er könne die öffentliche Meinung benützen, ohne ihr wieder zu nützen, der betrügt nicht, der wird betrogen. Diese Wirtin läßt den reichen und lustigen Studenten auf Borg zehren und fortzechen – am Ende kommt die Rechnung.

Es wäre nichts leichter, als die alte Zeit wieder herzustellen, man brauchte nur die öffentliche Meinung zu unterdrücken – und Kindern sagt man: Schwalben wären leicht gefangen, man brauche ihnen nur Salz auf den Schwanz zu streuen.

Welche Staatsverfassung ist die beste? »Diejenige, die am besten verwaltet wird.« Diese Antwort hat die Schlauheit erfunden, um über die Nutznießung der Freiheit deren Besitz und über deren zeitigen Besitz das ewige Recht daran vergessen zu machen. Man könnte ebenso gut, nämlich ebenso falsch, auf die Frage: Welches Geschöpf ist das vollkommenste in der Reihe der lebendigen Wesen? erwidern: das gesündeste woraus folgen würde, daß ein gesunder Pudel höher stände als ein kranker Mensch. Dieses ist aber in dem Grade unwahr, daß sogar ein kranker Weiser mehr als ein gesunder Narr ist; denn der Weise kann gesund, der Narr kann aber nie weise werden.

Bei jeder Ministerialherrschaft (in der Kanzleisprache absolute Monarchie genannt) ist es Grundsatz und muß es Grundsatz sein, die Mißbräuche der Verwaltungsbeamten mit weniger Strenge zu untersuchen und zu bestrafen. Eine Regierung solcher Art steht dem Volke stets kriegerisch gegenüber, und wie ein General im Feldlager den Ausschweifungen der Soldaten, wenn sie nicht den Dienst betreffen, nachsieht, um ihnen Liebe für ihr Handwerk einzuflößen, so finden die Beamten aus gleichem Grunde Gelindigkeit für ihr Vergehen. Nur die Insubordination der Beamten wird bestraft. Man nehme jeden beliebigen Staat, wo keine Volksrepräsentation stattfindet, und gehe einen Zeitraum durch, so lange als man will, und dann berechne man, wie viele Staatsdiener wegen Mißbrauch der Gewalt der Hinrichtung. So sehr war das Leben getrennt von der Wissenschaft, daß man die öffentliche Rede auch eines Verbrechers nicht fürchtete. Fällt aber jetzt nur der leiseste Verdacht auf die polizeigemäße Denkungsart eines Professors, So werden gleich seine Vorlesungen eingestellt. Ist das nicht Ehrfurcht vor der Wissenschaft? Das ist die Furcht vielleicht, aber sie führt zur Ehrfurcht. Die bessern unter den Großen liebten vormals die Wissenschaft, aber sie liebten sie, wie man ein Spiel, ein Kind, ein Mädchen liebt, sie achteten sie nicht. jetzt ist es besser. Man soll zittern vor ihr; denn der Geist sei König der Welt und das Recht sein Schwert.

Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück ersparen können, wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten. Seit die Wahrheit nicht mehr sprechen darf, handelt sie.

Heringe oder Sardellen – das ist der ganze Unterschied zwischen sonst und jetzt. Gesalzen sind sie immer noch und werden es immer bleiben.

Die Staatsmänner schreiben ihre Erfahrungen mit Bleistift auf Pergamenttafeln, und ist das Blatt voll, löschen sie die Bemerkungen wieder aus, um für neue Platz zu gewinnen. Daher sind sie oft klüger als gestern, aber niemals klüger als vorgestern.

Philldor konnte sechs Schachpartien zugleich spielen, und er gewann sie alle. Doch das waren hölzerne Figuren, die stille stehen, bis man sie bewegt. Wer aber mit Menschen spielt, verliert gewiß, wenn er mehrere Spiele gleichzeitig verfolgt.

Es könnte eine zweite Sündflut über die Erde kommen, was würde sie nützen? Die Toren und die Bösen würden untergehen, aber Torheit und Bosheit würden bleiben. Die Vorsehung ist barmherzig, sie sorgt für eine rettende Noahsarche und läßt keine Gattung auch des niedrigen Gewürms verderben.

Man kann verhindern, daß Völker lernen, aber verlernen machen kann man sie nichts.

Sie wollen keine Preßfreiheit, weil sie glauben, der Wind drehe sich nach der Wetterfahne.

Der echte Deutsche wird verlegen, wenn man ihn über einen witzigen Einfall ertappt; keuschen Geistes errötet er bei den buhlerischen Küssen der Phantasie.

Man kann nie genug bewundern, mit welcher Schlauheit das Schicksal die Schwächen, Eitelkeiten und Leidenschaften der Menschen benutzt, um seine Zwecke zu erreichen. Dieses ist so klar geworden, daß man sich freuen muß, wenn der Unverstand oder der böse Wille einflußreicher Menschen hervortritt; denn das ist ein untrügliches Zeichen, daß das Wünschenswerte sich seiner Erfüllung naht.

Auf der Weltbühne ist das Schicksal der Souffleur, der das Stück ruhig und leise abliest, ohne Gebärden, ohne Deklamation und ganz unbekümmert, ob es ein Lustspiel oder ein Trauerspiel ist. Das Zappeln, das Schreien und übriges tun die Menschen hinzu.

»Alles für, nichts durch das Volk« – sagen die Schlauen. Das heißt ins Aufrichtige übersetzt: nicht am Gelde und Gute ist uns gelegen, sondern nur daran, daß wir herrschen. Wer aber ist der gefährlichste Feind der bürgerlichen Freiheit? Nicht der niedrige Mensch, der nur nach Reichtum und sinnlichen Genüssen strebt; denn dieser läßt sich abfinden, und hat die Macht sich zum Volke gewendet, bettelt er auf dem Markte, wie er früher in den Palästen gebettelt. Der gefährlichste Feind der Freiheit ist der Herrschsüchtige; denn selbst das Gute tut er nur mit Willkür. Nicht Mirabeau, ein Lüstling und ein bestechlicher Mensch, sondern Robespierre, der den Reichtum verachtete, ward der Tyrann seines Vaterlandes.

Gewisse Menschen leben, als wüßten sie, daß sie am andern Morgen gehängt werden. Auch sind sie wirklich verurteilt, nur daß die Tage des Schicksals keine Sonnentage sind. Darum wollen wir ihrer letzten Mahlzeit, so teuer sie uns auch zu stehen kommt, mit Vergnügen zusehen, ihr Appetit sei unser Trost.

Vor der Revolution gab es in Frankreich nach der Berechnung eines der zuverlässigsten Schriftsteller, und um seine eigenen Ausdrücke zu gebrauchen: »sieben Millionen Menschen, die Almosen verlangten und zwölf Millionen Menschen, die nicht imstande waren, Almosen zu geben.« Jetzt ist der Wohlstand über das ganze Land verbreitet, durch alle Stände des Volks verteilt; es gibt keine Bettler mehr ... Man nenne uns den Staat, wo eine so glückliche Verwandlung oktroyiert worden ist.

Ein ehrlicher Mann, der in sogenannten Welthändeln verwickelt ist, verfällt oft in Gewissenszweifel, ob er denn wirklich ehrlich verfahre oder nicht. Denn da man sein Gesicht für eine Maske hält, wird er an sich selbst irre und weiß endlich nicht mehr, ob er die Leute oder ob die Leute sich nur in ihm betrogen.

Die heutigen Menschen, in der kleinen wie in der großen Welt, sind über ihren eigenen und wechselseitigen Vorteil so aufgeklärt, daß sie sich einander nicht mehr täuschen können. Wenn es daher nicht aus alter Gewohnheit geschieht, ist es ganz unerklärlich, warum man noch lügt oder sich verstellt. Die einzige Art zu betrügen, die zuweilen noch Erfolg hat, ist – offenherzig zu sein.

Wenn es wahr ist, daß der Bandwurm sich erneuert, solange der Kopf besteht, dann bleibt den Völkern nur die traurige Wahl zwischen Verbrechen und Krankheit. Darum bedenkt euren Vorteil, die Tugend des Volkes und die Ruhe der Welt – seid nicht länger der Kopf des Bandwurms.

Es gibt immer noch wohltätige Menschen, und wer einmal so glücklich ist, unglücklich zu werden, dem wird geholfen. Früher freilich nicht!

Seitdem das Wunderbare vor unsern Augen sich erfüllt hat, haben wir alle Berechnung für das Natürliche verloren.

Die Fürsten sehen immer noch nicht ein, daß die Polizei ihre gefährlichste Feindin, ja die einzige revolutionäre Macht ist, die sie zu fürchten haben. Sind wirklich Übel vorhanden, so werden sie von der plumpen und abgeschmackten Quacksalberei jener Staatsgewalt nur verschlimmert. Ist das Volk krank, so gebt ihm frische Luft und freie Bewegung, vertraut es aber nicht den ungeschickten Händen eitler, törichter und pflichtvergessener Pfuscher an.

Die Weiber haben Launen, weil sie zu gut sind, das Böse nach Grundsätzen, und zu schwach, das Gute mit Dauer zu üben.

Eitelkeit ist die sicherste Wächterin der öffentlichen Ruhe. Sie ist die Omphale des Ehrgeizes und legt ihm Rosenketten an. Wer am Schimmer des Goldes eine Freude findet, wird das Eisen nicht achten, und im Tanzschritte ist noch keiner auf den Thron gestiegen.

Beschränkten Menschen ist es eigen, daß sie die wenigen Ideen, die in dem engen Kreise ihrer Fassungskraft liegen, mit einer Klarheit ergreifen, die uns in der Schätzung ihres Geistes oft irre macht. Sie sind wie Bettler, die das Gepräge und die Jahreszahl jedes ihrer Kreuzer kennen.

Bei epileptischen Menschen hat man zuweilen bemerkt, daß, wenn sie aus ihrer Ohnmacht wieder erwachten, sie da in ihrer Rede fortfuhren, wo sie stehengeblieben waren, als ihr Niederfall sie unterbrochen hatte, mochte auch immer unterdessen die Rede ihre Bedeutung verloren haben. Man will bei einigen fallsüchtigen Staaten diese nämliche Erscheinung wahrgenommen haben.

Alle Aussprüche und Vollstreckungen einer geheimen Justiz sind heimliche Hinrichtungen, mit welchen bürgerliche Freiheit gar nicht zu vereinen ist. Ob eine streitige Sache dem Hans oder dem Kunz verbleibe, ob ein einzelner Missetäter bestraft werde oder nicht, dieses ist dem Gemeinwesen sehr gleichgültig. Aber die Zuversicht, daß Recht geübt werde, ist Lebensbedürfnis in der bürgerlichen Gesellschaft, und diese Zuversicht versagt die heimliche Justiz. Kein Fürst, kein Richter, kein Verwalter darf Glauben fordern an seine Gerechtigkeit; nur an Gott glaubt man, die Menschen aber will man sehen, hören, betasten, ausrechnen.

In der bürgerlichen Gesellschaft gibt das Volk seine natürliche Freiheit der Regierung als ein Darlehn gegen bedungene Zinsen hin. Werden ihm letztere vorenthalten oder geschmälert, dann zieht es sein Kapitel mit Recht zurück und sucht sich einen sicherern Schuldner.

Man sollte die Ministerstellen erblich machen, damit diejenigen, welche sie verwalten, an dem Wohle des Staates ein Familieninteresse fänden und nicht bloß auf ihren leiblichen Vorteil sähen. Schlimme Fürsten haben, an die Zukunft denkend, manche böse Tat unterlassen; einen eigensüchtigen Minister hält nichts zurück. Zu wissen aber ist, daß die politischen Trennungen und inneren Kämpfe, die jetzt stattfinden, nichts anderes sind, als ein Streit zwischen Volksfreiheit und Ministerialgewalt.

Gute Fürsten müssen wie fruchtbare Jahre angesehen werden. Man soll ihre Regierung dazu benutzen, Notmagazine von Volksfreiheiten Bund Gerechtsamen aufzuspeichern für die möglichen Hungerjahre eigenmächtiger Erbfolger. Vorsicht hierin ist nie überflüssig, Pharaos magere Kühe entbleiben nicht.

Wenn der Fürst glaubt, das Volk sei ein Kutschpferd, das, mit Gebiß und Scheuleder versehen, der Staatskarosse, in welcher nur er sitzt, vorgespannt werden müsse – und wenn das Volk den Staat für einen Familienwagen hält, den der Regent allein fortzuziehen habe; dann irren beide. Aber was ist der Staat sonst? Es ist schwer, hierauf eine Antwort zu finden. Der politische Zirkel kann nie vollkommen zur Quadratur einer Definition gebracht werden.

Die Weiber verlangen das Größte und das Kleinste zugleich, sie fordern Liebe und auch, daß man artig gegen sie sei – eine Million in Scheidemünze.

Die politischen Nachtwächter, welche die Zeit ausrufen und ihre Warnung, das Haus vor Feuer und Licht zu bewahren, stündlich wiederholen, wecken freilich Völker und Fürsten aus dem Schlafe; aber sie sollen auch nicht schlafen, es soll Tag sein, und dann hören die Schreier von selbst auf.

Jene schöne Zeit, da noch – wenn selten ein schadenfroher Geist über Völker und Länder zog nichts bebte als die Erde und man Menschen weniger fürchtete als Gott, jene Friedenstage kehren in Europa nie zurück. Denn die Triebfeder seines Lebens ist gesprungen, und was man trüglich für erhöhte Kraft annimmt, ist nichts als das Schnarren und die Übereile der zerbrochenen Kette, die, in ungemessener Tätigkeit sich, abhaspelnd, dem Stillstande und dem Tode zuläuft.

Was ist die sogenannte Freiheit der Presse? – Die Erlaubnis, außerhalb der Festungsmauern spazierenzugehen, einem Staatsgefangenen auf sein Ehrenwort erteilt.

Den Füchsen hat man die Freiheit in engen Flaschen, den Störchen in flachen Schüsseln vorgesetzt. Die schlauen Füchse werden sich zu helfen wissen, sie werden der Flasche den Hals brechen; aber welche Hoffnung bleibt den dummen Störchen? Sie ließen sich wohl gar weismachen, es käme nur darauf an, sich den Schnabel putzen zu lassen! ... Aufgabe zur Übung des Verstandes: Wo sind die Füchse, und wo sind die Störche?

Freilich wäre der Staat berechtigt, die Herzen und Köpfe als Herde und Rauchfänge der menschlichen Seele bei seinen Bürgern von Zeit zu Zeit untersuchen zu lassen, um zu erfahren, ob alles brandfest gebaut, ob nicht viele feuerfängliche Materialien darin aufgehäuft sind und ob mit dem Lichte vorsichtig verfahren werde. Eine solche Seelenschau, verbunden mit den Löschanstalten der Zensur, würde eine vollständige Geniefeuerordnung bilden und das Gemeinwesen vor großen Unglücksfällen bewahren.

Es gibt politische Karyatiden, die sich mit tragischen oder komischen Fratzen gebärden, als trügen sie die Last des ganzen Staatsgebäudes auf ihren Schultern, und welche nichts weiter sind als die untern Teile des Hauses.

In Meinungskämpfen sei man dann am vorsichtigsten, wenn die Gegner sich uns nähern und uns beistimmen. Die Wahrheit dient oft nur als Leiter zur Lüge, der man verächtlich den Rücken kehrt, sobald die Höhe erreicht ist.

Kanonen- und Flintenkugeln sind oft Fleckkugeln zum Reinigen der beschmutzten Welt.

Warum ist die Heimat des Herzens die Fremde des Kopfes, oder umgekehrt, und warum darf niemand ohne Abzug und Nachsteuer aus einem Lande in das andere ziehen? Die Bundesakte, welche eine solche Freizügigkeit bewilligte, wäre die gemeinschaftliche heilige Schrift für die gesamte Menschheit.

So leicht es ist, Kindern eine Fabel als Wahrheit zu erzählen, so schwer ist es, Männern die Wahrheit als Fabel darzustellen. Man hat uns alle zu den Griechen und Römern in die Schule geschickt, und nun, da wir in das Leben treten und das Erlernte auszuüben gedenken, verspotten sie uns und sagen: Alles, was wir gehört, sei nur Märchen gewesen. Aber es ist zu spät. O glückliche Verblendung der Blendwerkmacher! Sie meinten es recht klug zu machen, indem sie, um sich in die Gegenwart allein zu teilen, uns in die entfernteste Vergangenheit schickten, und sie vergaßen, daß die Geschichte rund ist wie die Erde und daß man fort und fort schiffend wieder zur Heimat gelangt.

Es gibt Menschen, die wohnen auf dem Cimborasso der Gemeinheit. Es ist unmöglich, ihnen beizukommen – sie behalten immer recht. Der Witz, der sie aufsucht, sinkt schon am Fuße des Berges entatmet nieder und bekennt mit Scham, daß ein Prügel besser sei als eine Lanze.

Der wahre Mut ist nicht bloß ein Luftball der Erhöhung, sondern auch ein Fallschirm des Herabsinkens.

Man baut selten seine Meinung auf festem Grunde, man baut sie in die Luft, gibt dem Zimmerwerke schwache Stützen, und erst wenn man mit dem Dache fertig ist, unterwolbt man das Gebäude. Auch vor dem gerechten Urteile geht oft ein Vorurteil her.

Keine größere Tücke kann das Schicksal gegen große Menschen üben, als wenn es sie am Schlusse einer alten Zeit erscheinen läßt. Sie sind dann nur die Leichensteine begrabener Geschlechter, und ihr Ruhm wird mit Füßen getreten. Welche aber das Geschick begünstigt,-die läßt es am Anfange einer neuen Zeit auftreten. Sie wachsen dann in das zarte Jahrhundert hinein, mit ihm gegen den Himmel, und werden unsterblich. Goethe und Napoleon gehören zu den einen; Voltalire, Rousseau, Washington, Lafayette zu den andern.

Sooft ich in eine Universitätsbibliothek kam, fühlte ich Lust, den im Saale Herumgehenden zuzuflüstern: Weckt die guten Bücher nicht, tretet leise auf, unterhaltet euch lieber mit den wachenden – mit den Professoren.

Die Haushaltsbücher der Erfahrung sind darum so schwer zu benutzen, weil die Geschichte nur die einzelnen Posten bemerkt, aber nie Summe und Transport zieht.

Napoleon war der hohe Priester der Revolution, und als er so dumm war, die Göttin um ihre Anbetung zu bringen, brachte er sich um seine Priesterwürde, und seine Macht ging unter.

Ja, Luther hatte es verstanden, als er dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf geworfen! Nur vor Tinte fürchtet sich der Teufel, damit allein verjagt man ihn.

Wie habe ich mich auf meinen Reisen bemüht, etwas zu finden, das lächerlicher wäre als die deutsche Zensur! Aber ich habe vergebens gesucht. Wenn wir durchaus nicht reden wollten, sollten uns die deutschen Staatsmänner auf die Folter spannen, uns zum Reden zu zwingen. jede freie Zeitung würde Preußen ein Regiment ersparen.

Auch wissen sie das sehr wohl, nur meinen sie, es hätte Zeit bis zum Kriege. Sie füllen den Geist in kleine Riechfläschchen und verstopfen diese gut, und wandelt sie eine Ohnmacht an, greifen sie nach dem Spiritus. Es ist gar nicht zu sagen, welchen Hochmut die deutschen- Staatsmänner gegen die Schriftsteller zeigen, sobald diese von etwas Gegenwärtigem, Lebendigem, Barem reden. Die Wahrheit dürfen wir besitzen, aber das Münzrecht derselben behalten sie sich vor. Ich will nicht behaupten, daß sie uns so sehr verachten, uns nicht für hängenswert zu halten; aber sie verachten uns ziemlich, beschauen uns von hinten und vorn, lachen über unser düsteres, ledernes, fremdartiges Ansehen, wünschen spöttisch ihr Glückauf! und zählen heimlich die Taler, die wir aus dem dunkeln Schacht geholt. Das freie Wort belästigt sie wie eine Mücke. Die Unglückseligen! Darum zählen sie auch die Bajonette, nicht die Herzen, und zittern, wenn der Feind so viel Bajonette mehr zählt als die vaterländische Macht. Es wird ihnen so bange, wenn ein anderer Staat fett und dick wird; sie wissen nicht, daß Fett keine Nerven hat, daß den Dicken der Schlag droht. Sie wissen nicht, daß es in unsern Tagen nur das Herz ist, welches siegt, welches erobert.

Es ist mit der Herrschbegierde wie mit der Eßlust. Bei schwachen Gemütern ist jene oft am stärksten, wie diese oft am größten ist bei Menschen von schwacher Verdauung.

Es ist nichts angenehmer, als aus einem Übel, das uns begegnet, Vorteil ziehen – und man kann das immer. Dieses ist in einem andern als dem gewöhnlichen, aber in einem schönern Sinne eine Schadenfreude. Man kann den Teufel nicht feiner prellen.

Der Verstand, als Blitzableiter des Unglücks, kann es an dem Herzen der Menschen unschädlich herabführen, vermag aber nicht, es abzuwenden.

Was nützen uns oft die wärmsten Freunde? Sie lieben uns höchstens wie sich selbst – aber wie lieben sie sich selbst!

Es gibt Fußpfade, die zu dem Geiste und Herzen der Menschen schneller und anmutiger führen als jene staubigen Heerstraßen einer feindlichen und grämlichen Lehre, auf welchen die Hartnäckigkeit den Angriff erwartet, sich verteidigend in den Weg stellt oder uns mit ihren Ausfällen zuvorkommt.

Man fand im Altertum geld- und geistreichere Menschen als jetzt, aber der Wohlstand war weniger verbreitet; es gab keine Bemittelte.

Vor allen Kindern, die uns begegnen, sollten wir uns tief und ehrfurchtsvoll verneigen; sie sind unsere Herren, für sie arbeiten wir. Ein Kind in der Hütte ist mehr als ein Greis auf dem Throne. Schon darum muß man suchen, Vater zu werden, um Kinder ohne Neid betrachten zu können.

Ein Zuckerbäcker in Spanien hat neulich erfunden, warmes Eis zu bereiten. Der Erfinder hat wahrscheinlich an Höfen gedient.

Liegt ein Vornehmer krank auf seinem Lager, dann eilt die bezahlte oder die bettelnde Sorgfalt, Stroh auszubreiten über das Pflaster der nah gelegenen Gassen, damit nicht der schwere Fuß des Lastträgers, noch der Trott der Pferde, noch die rasselnden Räder den Leidenden aus seinem Fieberschlummer stören. Dieser ist froh, daß die Welt so stille sei; aber die geschäftige Menge treibt sich umher wie immer, jeder wandelt seinen Weg der Lust und Not, die Wagen rollen nicht minder schnell, keiner verliert, und nur der Dieb gewinnt, daß er, wenn die Nacht herannaht, zögernden Schleichens überhoben, seiner Beute rascher entgegenstürzen darf ... So auch gehen Gedanken und Reden wie früher ihren gewohnten Weg, nur leisern Trittes, über die welche Decke hin, mit der man, empfindliche Köpfe zu schonen, die Straßen der öffentlichen Meinung belegt hat.

Beim Beginnen einer Unternehmung und unweit des Zieles ist die Gefahr des Mißlingens am größten. Wenn Schiffe scheitern, so geschieht es nahe am Ufer.

Die französische Revolution wird nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt werden, und es ist nicht ratsam, dieses zu verhindern. Man nötigte hierdurch alle Welt, Französisch zu lernen, um das Original zu verstehen. Die Fehler des Originals aber könnten in der Übersetzung verbessert werden.

Schädliche Ideen werden oft nur durch Mitteilung unschädlich gemacht. Mancher Gedanke und manches Gefühl, in der Hirnschale und der engen dunkeln Brust eines Menschen sich entzündend, haben Zerstörung um sich her verbreitet und würden, hätten sie bei Tage und frei sich entladen dürfen, gefahrlos und lächerlich verpufft sein.

Die Freiheiten, die man zu Zeiten dem Volk gestattete, sollten nichts als eine Probe sein, ob wohl die Ketten noch gut anliegen. So geschieht es, daß man eine schon verschlossene Tür wieder öffnet, uni zu sehen, ob sie recht verschlossen war.

Man betrachte die Geschichte der Vergangenheit nicht als ein düsteres memento mori, sondern als ein freundliches Vergißmeinnicht, dessen Lehre man sich mit Liebe erinnern soll.

Mündliche Verleumdung ist das Geschoß aus einer Windbüchse: Man sieht das Schlachtopfer fallen, doch der Täter der geräuschlosen Tat bleibt unentdeckt. Gedruckte Übelrede ist die Kugel eines Pulvergewehres, wobei Knall und Licht den Mörder verraten und der Strafe überliefern.

Ihr Lehrer der Wahrheit, laßt euch nicht abschrecken, wenn die Zensur nach den Grundsätzen einer pharaonischen Polizei die neugeborenen Kinder eures ihr allzu fruchtbar dünkendes Geistes umbringen läßt. Einst wird doch einmal irgendein fürstliches Herz sich eines ausgesetzten Mosesgedankens erbarmen, ihn aufnehmen, erziehen, bilden – und dieser wird der Befreier seines Volkes.

Die Zufälle, als sinnentstellende Druckfehler im Geschichtsbuche der Menschheit, werden zwar wie in den andern Büchern hinter dem Werke verzeichnet; aber sie können nicht wie in jenen auch verbessert werden.

Es gibt politische Schriftsteller in Deutschland, denen es weder an Freimütigkeit noch an Einsicht, noch an Kraft der Rede gebricht und dennoch bewirken sie nicht, was sie sich vorbedacht und was zu wünschen wäre. Sie erreichen es darum nicht, weil sie, ängstlich, mißverstanden zu werden, unverständlich sind. Denn sie ahnen es nicht, wie ausgebreitet unter dem deutschen Volke der klare Sinn der rechtlichen Freiheit sei. Jene Schriftsteller machen es wie gemeine Leute, wenn sie mit Franzosen sprechen, die ihre eigene Muttersprache ausländisch radebrechen, weil sie glauben, sich so deutlicher zu machen.

Nicht allen Revolutionen gehen Zeichen und Warnungen vorher, es gibt auch eine politische Apoplexie.

Wenn eine Schrift ausgezeichnete neue Ideen enthält, deren Verbreitung aber bei den obwaltenden Verhältnissen bedenklich gefunden würde, so möge der Druck derselben zwar von der Zensur verboten werden, aber die Regierung sollte das Werk gegen eine Belohnung des Verfassers an sich bringen, um entweder die darin enthaltenen Lehren sogleich im stillen zu benutzen oder um die Schrift aufzubewahren, bis die Zeit kommt, wo die Bekanntmachung derselben zum allgemeinen Besten ersprießlich wird. Hierdurch würde die gefährlichste Folge des Preßdruckes, nämlich die Beschränkung des menschlichen Geistes und der Kindermord der Ideen vermieden werden. Von solchen dem Umlaufe entzogenen Werken bilde sich der Staat ein Ideenmagazin, das in Zeiten einer geistigen Hungersnot Rettung bringe.

Unglücklicherweise hat die sittliche Blindheit viel Ähnlichkeit mit der körperlichen. Eine angehende wird schwer gehoben, man muß den Star erst reif werden lassen. Aber darüber vergeht ein großer Tell des Lebens, und der endlich Geheilte findet eine neue, ihm unverständliche Welt. Was er früher begriffen hätte, sah er nicht, und was er jetzt sieht, begreift er nicht.

Ist es nicht möglich zu tadeln, ohne zu spotten, und zu spotten, ohne zu verwunden? Müssen Aufklärer den Lichtscheren gleich sein, die nur helle machen, indem sie schneiden? Verdrießliche Notwendigkeit!

Ein verrostet Schild flehte zur Sonne: Sonne, erleuchte mich! Da sprach die Sonne zum Schilde: Schild, reinige dich!

Die Erfahrung bereitet uns vorsorglich harte und trockene Lehren, welche als Schiffszwieback für das menschliche Herz ausdauern zur langen Seefahrt des Lebens. Wir müssen uns daran sättigen oder verhungern. Frische Nahrung genießt der Mensch nur zweimal: auf der seligen Insel der Kindheit und einst wohl in dem Hafen der Ruhe.

Lots Frau, weil sie stehenblieb und rückwärts sah, wurde in eine Salzsäule verwandelt. Das Salz, welches erhält, ist ein treffendes und warnendes Bild für die Konservatoren der alten Zeiten, die auch stehenbleiben und zurücksehen.

In Republiken wird das Gefühl der Freiheit erst in ihrem Mißbrauche zum Genuß, ja, die gesetzliche Freiheit selbst kann sich oft nur durch ihre Ausschweifungen erhalten.

Eine unbeschränkte Herrschaft gleicht einem Garten ohne Zaun. Der Besitzer kann freilich überall hinaustreten, aber der Fremde kann von allen Seiten hereinkommen.

Moral ist die Grammatik der Religion; es ist leichter, gerecht als schön zu handeln.

Es ist leicht den Haß, schwer die Liebe, am schwersten Gleichgültigkeit zu verbergen.

Was für den Körper der Schwindel ist, das ist Verlegenheit für den Geist.

Um Kindern Moral in Beispielen zu lehren, dazu gebraucht man die Geschichte. Das heißt, ihnen Schwert und Lanze als Messer und Gabel in die Hände geben.

Der Mensch ist wie eine Spieluhr. Ein unmerklicher Ruck – und er gibt eine andere Melodie an.

Warum Shakespeare auf deutschen Bühnen kein Glück macht? Weil man nicht gewohnt ist, mit Vorlegelöffeln zu essen.

Die Deutschen lassen sich leicht unter eine Hut bringen; aber unter einen, schwer. Sie sind nur einig, wo es etwas zu leiden gibt, wo zu tun, niemals.

Einen Dieb zum Nachtwächter und einen Jesuiten zum Zeitungsschreiber bestellen, das ist einerlei.

Wenn sie eine kleine Zeitung unter ihre Faust gebracht, frohlocken sie, daß sie den Strom der Zeit aufgehalten! Sie gleichen jenem dummen Teufel, der die Quelle in Donaueschingen mit seiner Hand bedeckte und dabei lachend ausrief: Wie werden sie sich in Wien wundern, wenn auf einmal die Donau ausbleibt.

Eine schwache Regierung zu stärken, muß man ihre Macht vermindern. Die Staatspfuscher begreifen das nicht.

Man kann die Gedanken wie die Naturkörper ordnen; sie stehen auf niederer oder höherer Stufe, gleich Steinen, Pflanzen, Tieren. Es gibt mineralische, vegetabilische und tierische Ideen. Den deutschen Ideen, so kostbar sie auch sind, fehlt es an Leben. Ein Demant ist mehr wert als ein Ochs; aber ein Ochs lebt.

Die Geschichte lehrt uns die Tugend, aber die Natur predigt unaufhörlich das Laster.

Das Unglück ist der Ballast, der uns auf dem Ozean des Lebens im Gleichgewichte erhält, wenn wir keine Glücksgüter mehr zu tragen haben.

Das Philosophieren ist eine angeerbte Krankheit des menschlichen Geistes, der Fluch des mit Schmerzen Gebärens.

Ein Mann von Geist wird nicht allein nie etwas Dummes sagen, er wird auch nie etwas Dummes hören.

Jede Stunde, dem Hasse vergeudet, ist eine Ewigkeit, der Liebe entzogen.

Wenn es in Waffenkriegen oft bedenklich ist, auf dem Schlachtfelde zu kämpfen, das der Feind anbietet, ist es in Meinungsstreitigkeiten immer rätlich, sich auf den Standpunkt zu stellen, den sich der Gegner gewählt.

Der Deutsche ist keusch und fordert von jedem, der sich mit einer Idee vermählt, eheliche Treue. Darum tadelt er auch so bitter jene Zeitungen, die als schlaue Kammerzofen der Zeit allen zärtlichen Launen ihrer Gebieterin schmeicheln und forthelfen. Aber das ist eine falsche Tugend. Seiner Handlungsweise muß man ergeben bleiben; dem Denker aber ist ein Harem erlaubt, damit er dem Zuge der Schönheit folge, nicht dem Zwange des Systems.

Frankreich ist das Ziffernblatt Europas; hier sieht man, welche Zeit es ist, in andern Ländern muß man die Uhr erst schlagen hören, um die Stunde zu erfahren – man verhört sich aber leichter, als man sich versieht.

Löwen und Despoten sehen schärfer in der Dunkelheit als bei Tage.

Wir werden erzogen, als sollten wir Könige werden. Was wir nicht alles lernen! – als sei Gehorchen so eine schwere Wissenschaft!

Jede Revolution endet, wie sie angefangen; wer daher nur versteht, die wesentlichen Erscheinungen einer Revolution von den zufälligen zu unterscheiden, kann sicher vorhersagen, wie sich die Geschichte dieses oder jenes Staates entwickeln wird. Wo wird Frankreich stille stehen? An der Stelle, von der es 1789 ausgegangen. Damals wollten die Franzosen eine konstitutionelle Monarchie – und sie wird ihnen werden. Weder die Republikaner, welche das Königtum umstürzen, noch die Ultras, welche die Konstitution vernichten wollen, erreichen ihren Zweck.

Ein französischer Arzt hat kürzlich eine Abhandlung über das Schreien und Weinen kleiner Kinder geschrieben und dargetan, daß die Kinder davon dumm würden. Jetzt wissen wir auch, warum man das Schreien verbreitet.

Gleich den Hunden auf der Straße, die hinter den Wagenrädern herlaufen und sie anbellen, rennt man schreiend und die Zähne fletschend hinter den Freigesinnten her, die doch nur die Räder sind der rollenden Zeit. Den lenkenden Geist aber, der sicher und bequem in der Kutsche sitzt, erreichen sie, ja, sie gewahren ihn nicht!

Wie wird es enden? ... Man hat eine Geschichte von einem jungen Offizier, der in seiner ersten Schlacht, bleich und zitternd, gedrängt zwischen der Liebe zum Leben und der Liebe zur Ehre, zu schwach, dem Triebe der Natur zu widerstehen, zu stark, ihm zu weichen, sich selbst tötete und starb aus Furcht zu sterben.... So wird es enden – nur war es dort nicht der Feldherr, welcher zitterte.

»Das Vaterland und die Menschheit verlieren an ihm viel« – sagte die Trauerrede. An wem? An Voltaire, Friedrich dem Großen, Washington, Franklin, an Napoleon etwa? Keineswegs; es ist von irgendeinem Polizeidirektor die Rede, der in irgendeiner kleinen Stadt vor kurzem gestorben ist ... Der Verstorbene war gewiß ein guter Vater, ein guter Sohn, ein guter Gatte, ein treuer Untertan, ein redlicher Beamter – aber das Vaterland, aber die Menschheit! Solche aufgeblasenen Redensarten finden sich in jedem Wochenblättchen. Von einem jungen Mädchen, das gestorben, heißt es: es sei im 18. Jahre seines tätigen Lebens aus der Welt geschieden! Des Kanzleistils eurer dumpfen Begeisterung, des Kommisstils eurer unschmackhaften Schmeichelei, könnt ihr euch seiner nie entwöhnen? Ist es nicht möglich, ist es gar nicht möglich, daß ihr besser und gesünder werdet?

Es gibt zwei Arten, Früchte vor Fäulnis zu bewahren und sie eßbar zu erhalten: durch Essig und durch Zucker. Die Konservatoren der alten Zeit haben den Essig gewählt. Warum den Essig, da er vielen widersteht, warum nicht lieber den Zucker, womit man Weiber, Kinder, Fliegen und die Menge lockt? ... Aber desto besser; sauer oder süß, die alte Zeit ist eine ungesunde Lebensnahrung.

»Der Mensch denkt's, Gott lenkt's« ... Das ist nun wieder nicht wahr. Wenn Gott lenken will, macht er, daß die Menschen nicht denken, er läßt sie den Kopf verlieren.

Es wird noch dahin kommen, daß man in politischen Schriften sich nur der Vokale wird bedienen dürfen. A, e, i, o, u – nichts Allgemeineres als das. Diphthonge haben schon viel Unbescheidenes, und man wird sie bloß in seltenen Fällen verstatten, wo es nottut, das Volk zu begeistern so etwa in Befreiungskriegen.

Deutschlands Hemmschuh, man wisse ihn zu achten; Torheit, ihn zu schmähen, weil er aufhält! Die zahmsten Pferde, die besonnensten Wagenführer machen ihn nicht überflüssig. Die Zwingburgen lagen so hoch, der Weg ist gar zu steil.

Ein Geck hatte zwei Wintermonate in Paris zugebracht. Als er nun in die Heimat zurückgekehrt, zierte er sich immerfort französisch zu reden. Da fragte ihn ein Spötter: Lieber Freund, wissen Sie auch, wie Gewitter auf französisch heißt? ... Man könnte diese Frage den Diplomatikern machen. Sie haben das Land der Menschheit im Winter bereist und glauben es zu kennen. Wissen Ew. Exzellenz, was ein Gewitter ist?

Es ist erstaunlich, wie sehr die Journalisten an Feinheit, Gewandtheit, Zweideutigkeit, Unerforschlichkeit und allen übrigen diplomatischen Tugenden täglich zunehmen, und nach einigen Jahren, wenn die Zensur so lange fortdauert, wird man die Gesandtschaftsstellen nur mit Zeitungsschreibern besetzen. Statt zu sagen Rußland, sagen sie: »eine große nordische Macht«; statt zu sagen Österreich, sagen sie: »eine große süddeutsche Macht«. Die Hälfte der Konjugationen der Zeitwörter gerät ganz in Vergessenheit, denn man gebraucht keine Indikative mehr, sondern nur noch Konjunktive. Man schreibt nicht: »Tunis ist ein Raubstaat«, sondern: »Wenn es einen Staat gäbe, der mitten im Frieden Handelsschiffe anderer Nationen wegnähme, so könnte ein solcher Staat allerdings ein Raubstaat genannt werden.« Welch ein Heimlichtun! Das ist wie auf Maskenbällen, wo man schon für maskiert gilt, wenn man die Maske an den Hut steckt.

Es ist eine schöne Erfindung unserer Zeit, den Gelddurst der Gegenwart mit den Weinlesen der Zukunft zu stillen und auf die bequemste Art von der Welt lustig in den Tag hineinzuzechen. Unsere Enkel werden auch so klug sein als wir und auf ihre Nachkommenschaft Wechsel ausstellen. Diese treibt es dann so fort. Endlich am jüngsten Tage wird es auf der ganzen Erde nur ein einziges Lumpenvolk geben, mit dem sich der Teufel selbst nicht wird befassen wollen. Dann kommen die Armen in den Himmel, und die Christenheit wird es mit Beschämung erfahren, daß sie der Judenschaft ihre ewige Seligkeit zu verdanken hat.

Wenn Uhrmacher den Zeiger auf eine frühere Stunde setzen wollen, dann drehen sie ihn nicht zurück, sondern sie lassen ihn vorwärts den ganzen Kreis durchlaufen, bis er auf die gehörige Stunde kommt. Nun ist zwar die Menschheit keine Uhr; da es aber Leute gibt, die sie dafür ansehen, so sollten sie auch nach den Regeln der Mechanik verfahren.

Bei den Pferdewettrennen in England gewährt die Regierung demjenigen, dessen Pferd alle andern Übertrifft, noch eine Prämie. Die Preise werden durch eine Jury zugesprochen, welche aus Pferdebesitzern gebildet und von der Regierung ganz unabhängig ist. Man sieht, daß es in England die Pferde besser haben als in Deutschland die Menschen.

Wenn man jenen hausbackenen Philistern zuhört, jenen Menschen mit kurzem Gesichte und langen Ohren, wie sie sich herausnehmen, Fürsten zu hofmeistern, sie, die vom Morgen bis Abend sich von ihren Weibern, Ihren Kindern, ihren Dienern, ihrer Pfeife, ihren Dampfnudeln, ihren Vettern und Basen beherrschen lassen und nicht so viel Kraft des Willens haben, einen halben Schoppen weniger zu trinken als den Abend vorher – dann muß man die Freiheit sehr treu und standhaft lieben, um für solche Thersiten und in ihrer Reihe ihre Sachen zu verfechten. Es gäbe ein sicheres Mittel, wie Fürsten mit Unrecht murrende Untertanen könnten zum Schweigen bringen; aber das Mittel ist zu romantisch für unsere abendländische Zeit. Sie brauchten nur einen Tag herabzusteigen von ihren Thronen und einen jener Philister hinaufsteigen zu lassen, damit er den andern Morgen seiner Sippschaft erzähle, wieviel angenehmer es sei, sogar schrankenlos zu gehorchen, als selbst unbeschränkt zu herrschen.

Die Deutschen erreichen später als andere Völker ein Ziel, es sei in Kunst, Wissenschaft oder im bürgerlichen Leben. Nicht etwa, daß sie den kürzesten Weg nicht kennten oder zu träge fortwanderten – sie haben nur darum einen längern Weg zum Ziele, weil sie weiter herkommen. Sie gehen überall von Grundsätzen aus, und ist ein Fettflecken vom Rockärmel wegzubringen, studieren sie die Chemie vorher und studieren so lange und so gründlich, bis der Rock darüber in Lumpen zerfällt. Aber das gerade ist ihnen recht, aus Lumpen machen sie Schreibpapier. Sie machen aus allem Papier.

Will der Spott nur Registratur sein im Archive der Lächerlichkeiten, um sie uns aufzubewahren, dann übernimmt er ein schädliches Amt, welchem der stärkste Tadel zukommt. Eine begangene Lächerlichkeit ist ein Verbrechen des Geistes, das zur Abschreckung anderer zwar bestraft werden muß, aber auch Mitleiden verdient und Belehrung erheischt. Beweinenswerter ist ja wohl niemand als der Mensch, dem das Los zugeteilt ward, lächerlich zu sein.

Ist es ihr Verbrechen, daß sie Durst haben? Hatten sie die gesalzenen Speisen verlangt, die ihr ihnen vorgesetzt? Ihr wolltet eine Schadenfreude genießen – das ist es; aber nur der Schaden wird euch werden, keine Freuden.

Der Teufel hat noch keinen seiner alten Anhänger verloren, obzwar seine Vermögensumstände nicht glänzend mehr sind. Das kommt daher, weil er für einen Schelm bekannt ist und jedermann glaubt, er stelle sich nur, als ginge es ihm schlecht, um seine Freunde zu prüfen.

Die einen wähnen, wenn sie nur Fenster hätten, dann ginge die Sonne nie unter, und die anderen wähnen, würden die Fenster nur zugemauert, dann ginge nie die Sonne auf.

Das Volk kann, einem Kinde gleich, nur weinen oder lachen. Daß es Schmerz hat oder Freude, erkennt man wohl; aber woran es leidet und wessen es froh sei, ist oft schwer zu erforschen.

Die meisten sogenannten edeln Menschen haben nur Krämertugenden; ihr Herz ist ein Gewürzladen und freilich alles Lobes wert. Sie wiegen ihre Guttaten in Loten und Quentchen kleiner Gefälligkeiten zu, und indem sie die dringenden Bedürfnisse des Augenblicks befriedigen, werden sie der Armut und der bettelhaften Eitelkeit ganz unentbehrlich. Die Tugend hoher Menschen aber ist ungemünztes Gold, das im Verkehre des alltäglichen Lebens nicht zu gebrauchen ist. Solche Menschen beglücken leichter Völker als einzelne Menschen; sie geben lieber Saatkorn als Brot. Ihre Seele ist keine Gießkanne, die eine geliebte Nelke erfrischt, sondern eine Gewitterflut, die weite Felder und hohe Eichbäume tränkt. Die zerknickte Blume im stillen Gärtchen mag den donnernden Jupiter schelten – sie hat doch geduftet und den Menschen erfreut. Darf aber Unkraut, das noch keinen erquickt, den Sturm lästern, der es geschüttelt? Soll die Luft stille stehen und faulen, damit es ewig fortwuchere? Nein wahrlich, der Löwe, welcher starb und auch nur einen Esel schonend übrigließ, der seine Leiche mit Füßen tritt – das war kein grausamer Löwe!

Nicht die Jahre, die Erfahrungen machen alt; darum wäre der Mensch das unglücklichste aller Geschöpfe, wenn er ein fleißiger Schüler der Erfahrung wäre. Daß jedes neue Geschlecht und jede neue Zeit von der Wiege ausgehe – das ist es, was die Menschheit in ewiger Jugend hält.

Nadelstiche sind schwerer zu parieren als Schwerthiebe – das haben sie endlich gelernt, die Verfechter der alten Zeit.

Die Deutschen können das Befehlen und das Gehorchen nicht lassen, und es ist schwer zu bestimmen, woran sie am meisten Vergnügen finden. Auch ist es ein höchst deutscher Dichter, welcher singt:

Du mußt herrschen oder dienen,
Amboß oder Hammer sein.

Treffender Spruch, ob er schon eine große Unwahrheit und eine abscheuliche Verleumdung der menschlichen Natur enthält. Herrschen oder dienen, das heißt Sklave sein auf diese oder jene Weise; dort umschließen goldene, hier eiserne Stäbe den Käfig. Die Kette, welche bindet, ist so gebunden als das, was sie bindet. Aber der Mensch ist zur Freiheit geboren, und nur soviel, als die Lebensluft der Beimischung des Stickgases bedarf, um atembar zu sein, soviel muß die Freiheit beschränkt werden, um genießbar zu bleiben.

Wer aber dieses Zuvielregieren den Regierungen als Schuld beimißt, der würde, wenigstens in Deutschland, eine große Ungerechtigkeit begehen. Es ist die Schuld und Schwäche der Untertanen. Man versuche es und hebe die hundert überflüssigen Gesetze auf, die verbieten, was nicht verboten werden sollte, oder erlauben, was keiner Erlaubnis bedurfte, und man wird sehen, wie sich die Bürger bei Jedem Schritt gehindert fühlen und wieviel sie klagen würden, daß es ihnen an einer Vorschrift mangle. Das kommt daher, weil es ihnen an Tugend fehlt, die ohne Zwang jedem sein Recht zuspricht; und an Tugend fehlt es ihnen, weil ihnen die eigene Kraft fehlt, die das eigene Recht zu verteidigen weiß; und an Kraft fehlt es ihnen, weil ihnen der Geist fehlt, welcher der Hebel des Willens ist; und an Geist fehlt es ihnen, weil sie Deutsche sind.

Die Freiheit der Presse hat für die Regierenden manche Unbequemlichkeit; aber wenn sie dieser ausweichen, stürzen sie sich ins Verderben. So hat schon tausendmal der Blitz diejenigen erschlagen, die bei einem Gewitter, nur um nicht durchnäßt zu werden, Schutz unter Bäumen suchten.

Unsere Vornehmen haben den Kitzel verloren, und das Volk hat eine harte Haut: Ihr verlangt aber dennoch, wir sollten bloß durch gute Gründe zu wirken suchen!

Die gemeinen Türken glauben, daß auf allen Stückchen Papier, die sie zufällig finden, der Name Gottes unsichtbar geschrieben steht. Daher versäumen sie nie, solche aufzuheben und zu verschlucken, überzeugt, daß ihnen diese Frömmigkeit in jener Welt hoch werde angerechnet werden. Die vornehmen Christen haben eine andere Art von Aberglauben: sie wähnen, auf jedem Stückchen Papier stände der Name des Teufels unsichtbar gedruckt, und darum lassen sie, um sich bei ihm einzuschmeicheln, alle vermeintlichen Teufelspapiere von dazu bestellten Dienern verschlingen. Diese armen Menschen sind sehr zu bedauern, sie haben unaufhörlich den Teufel im Leibe.

Napoleon war ein Gewitter, welches die schwülen Südländer erfrischte; aber der herbstliche Teil der Welt bedarf eines Winters, um zu erstarken. Wir begriffen das wohl, wären wir nicht so hausbackene, wirtschaftliche und nutzsüchtige Menschen, daß wir um wenige Tage des Kelterns willen einen ewigen Herbst ertrugen mit seinem Nebel, seiner Naßkälte, seinen unfahrbaren Wegen, seinen unerquicklichen Winden, seinen Drohungen und aller seiner Zweideutigkeit. Um Wintertage flehet, das sind eure Messiaden. Denn nur nicht einen Messias! Sooft noch ein Erlöser die Welt befreite, war das Lösegeld zu hoch für den Dienst, weil die Zeit den freien Zins der Dankbarkeit immer in einen ewigen Tribut der Furcht verwandelt.

Ehrfurcht ist die Leibwache der Könige gewesen, Furcht war es, Gewohnheit ist es, Liebe wird es sein.

Die Regierungen, welche Verschwörungen anzetteln, um solche kundzumachen und ihren Argwohn zu rechtfertigen, ahmen hierin dem berühmten italienischen Arzte Cardano nach. Dieser hatte sich abergläubisch das Horoskop seines Lebens gestellt und starb in seinem 75.Jahre eines freiwilligen Hungertodes, um sein vorhergesagtes Sterbejahr nicht zu überleben.

Als Pythagoras seinen bekannten Lehrsatz entdeckte, brachte er den Göttern eine Hekatombe dar. Seitdem zittern die Ochsen, sooft eine neue Wahrheit an das Licht kommt.

Die Hoffnungen guter Menschen sind Prophezeiungen, die Besorgnisse schlechter sind es auch.

Für die, welche an keine Unsterblichkeit glauben, gibt es auch keine.

So not tut es den lebenssüchtigen Menschen, sich eine Ewigkeit zu denken, daß sie, wenn ihnen die Brücke der Hoffnung verwehrt ist, auf der Brücke der Furcht hinübergehen.

Soll man die Menschheit beweinen oder über die Menschen lachen? Jeder, wie er will: es ist eines wie das andere. Ob wir spotten oder ernst sind, kriechen oder hüpfen, zaudern oder fortstürmen, hoffen oder fürchten, glauben oder zweifeln – am Grabe begegnen wir uns alle. Doch eins ist, was nützt: die Klarheit. Eins ist, was besteht: das Recht. Eins ist, was besänftigt: die Liebe.

Die Weiber sind am gefälligsten, wenn sie Furcht haben; darum fürchten sie sich auch so leicht.

Ein Deutscher kann seines Lebens nur froh werden, solange er reist. Jeder Deutsche ist in seinem Vaterländchen, hier oder dort, wie in einem warmen Bade, das keinen Gesunden erquickt und worin man nicht ein wenig mit dem Finger plätschern kann, ohne alles naß und verdrießlich zu machen. Der Wandernde aber badet sich im freien Strome; Luft, Wasser, Feld und Himmel genießt er zugleich, die frische Welle stärkt ihn, und der Strom tritt nicht über das Ufer, wenn er ihn mit seinen Armen schlägt., Die saubersten Philister lassen ihn gewähren.

Höflichkeit ist das Staatspapier des Herzens, das oft um so größere Zinsen trägt, je unsicherer das Kapital ist.

Eis oder Wasser – dieses allein unterscheidet den bösen von dem guten Menschen. Darum kann ich den einen nicht hassen und den andern nicht lieben. Die zackigste, härteste Selbstsucht ist nichts als gefrorenes Mitleid und die zärtlichste Teilnahme nur aufgelöste Eigenliebe. Daß in einem Herzen der Sommer oder der Winter wohne, daß es am Nordpole oder unter einem warmen Himmel geboren, ist weder Schuld noch Verdienst. Nur große Herzen, dem Weltmeere gleich, gefrieren nie; daher stürmen sie, und ihre Liebe ist gefahrvoller als der Haß der Kleinen.

Nur die Glücklichen kommen ins Paradies. Die Unglücklichen sind verdammt, in jenem wie in diesem Leben.

Leichter ist eine Zeit zu schaffen als umzuschaffen, leichter sie umzuschaffen, als eine alternde zu verjüngen. Ist es etwas Erfreuliches, durch mühsame Heilkunst und lästige Lebensordnung ein hinfälliges Dasein zu fristen? Der denkende Baumeister hilft einem hinfälligen Gebäude zu schneller Zerstörung, nur daß er es während dem Niederreißen stützt, damit herabfallende Balken nicht beschädigen.

Das Licht, das sogenannte offizielle Mitteilungen verbreitet, ist oft nichts als ein Irrwisch, der uns in Sümpfe führt.

Der Hund heult, wenn er geschlagen wird, und der Mensch soll es nicht dürfen? Aber es gibt Menschen, die hündischer sind als Hunde – und nicht heulen, wenn sie geschlagen werden.

Menschen, die mit Leichtigkeit fremde Sprachen erlernen, haben gewöhnlich einen starken Charakter.

Um zu gefallen, muß man eitel sein; man lernt die Eitelkeit anderer nur an sich selbst schmeicheln.

Rousseau hatte ein deutsches Herz und einen britischen Geist; französisch war nichts an ihm als die Sprache.

Die Regierungen tun öfter Böses aus Feigheit als aus Übermut.

Soll die bürgerliche Gesellschaft eine Maschine sein; nun wohl, so behandle man sie wenigstens mit der Schonung, mit der man eine Maschine zu behandeln pflegt. Ist die Uhr einmal aufgezogen, zeigt sie richtig die Stunde, läßt man sie gehen, bis sie abgelaufen ist oder ganz regellos geworden. Die Regierungen aber legen den Schlüssel nie aus der Hand, sie rücken immerfort am Zeiger, sie regieren unaufhörlich.

Wer Tyrannei stürzen will, muß ihr dienen.

Eine Staatsverfassung darf nichts enthalten als die Beschränkung der Freiheit, denn die Freiheit selbst ist ein angeborenes Recht und braucht nicht bewilligt zu werden, da sie nicht versagt werden kann. Daher ist eine freie Konstitution ein törichtes Wort, das einen törichten Gedanken ausdrückt.

Manche Regierung des Festlandes, die nicht zu den vorherrschenden gehört, ist in der bedauernswerten Lage, daß sie das Böse willig, das Gute gezwungen zu tun scheint, ob es zwar umgekehrt ist.

Wenn politische Schriftsteller in den Einrichtungen und in der Verwaltung der Staaten oft nur Tadelnswertes finden, so tut man ihnen unrecht, wenn man dieses einer störrischen unerträglichen Denkungsart oder einer eiteln Verbesserungssucht zuschreibt. Es liegt das vielmehr in der Natur der Sache. Der Tadel ist so mannigfaltig als die Fehler, die er trifft, das Lob aber einfach wie das Lobenswerte und darum unberedt. Es gibt tausend Krankheiten, aber nur eine Gesundheit.

Oft gleichen Fürsten den ängstlichen und ungeschickten Reitern, die ein allzu rasches Pferd, um es einzuhalten, stark anziehen, den Zügel kurz nehmen, ihm den Sporn in den Leib drücken und hierdurch seinen Lauf nur noch toller machen. Nämlich das Volk ist hier das Pferd.

Die Heilung eingewurzelter Staatsübel muß mit vieler Vorsicht unternommen werden. Oft werden politische Hautkrankheiten zurückgetrieben und hierdurch innere, weit gefährlichere Übel erzeugt.

Das Geheimnis jeder Macht besteht darin zu wissen, daß andere noch feiger sind als wir.

Schrecklich ist die Eifersucht eines Liebenden, aber die einer Regierung ist schrecklicher. Eine eifersüchtige Regierung wacht aus Argwohn Tag und Nacht, versagt sich die nötige Ruhe und gebraucht, ihrer Schläfrigkeit Meister zu werden, täglich stärkere Reizmittel. Dieses macht sie schwach, verdrießlich, zänkisch, endlich krank. Und wenn Regierungen krank sind, müssen die Völker das Bett hüten. Eine seltsame Einrichtung, die aber nicht ganz ohne Beispiel ist. Man kann im Diodor lesen, daß, wenn auf der Insel Korsika die Weiber niederkommen, sich ihre Männer ins Kindbett legen und Krankenbesuche annehmen. Wie klassisch sind Minister!

Gewönnen sie alles, was wir verlieren – nun, dann möchten sie zusehen, wie sie mit dem Himmel fertig werden, wir Menschen wollen ihnen verzeihen. Aber daß wir so vieles verlieren und sie so wenig gewinnen, daß sie uns mehr Brot nehmen, als sie brauchen zu ihrer eigenen Sättigung; daß sie unsere schönsten, teuersten Güter zerstören, nur daß wir nicht froh werden; daß sie uns den Frühling mit seiner Lust, den Sommer mit seinem vollen warmen Leben, den Herbst mit seinen Früchten rauben und durch bösen Zauber den Winter ewig bannen, und dies alles nur, eines eitlen Balles, einer Schlittenfahrt willen – das schmerzt zu tief, das empört den Friedlichsten, das macht uns unversöhnlich.

Die Erfahrung gleicht einer unerbittlichen Schönen. Jahre gehen vorüber, bis du sie gewinnst, und ergibt. sie sich endlich, seid ihr beide alt geworden, und ihr könnt euch nicht mehr brauchen.

In Deutschland sind die Menschen geordnet wie in Bibliotheken die Bücher. Die großen und schweren stehen unten, die leichten und kleinen oben. Man muß sich bücken, einen Foliomenschen, man muß steigen, eine Duodezseele zu fassen. Die deutschen Oberen sind schön gebunden und haben goldene Titel, die Untern sind auch gebunden, aber wie die Schweine, und haben kein Ansehen.

Der Deutsche liebt bescheidenes Rechten, mäßiges Fordern, sanften Tadel, stille Vorwürfe. Darum muß man, um auf sie zu wirken, durch Rede und Schrift anmaßlich streiten, ungebührlich fordern, bitter tadeln und polternd zurechtweisen. Denn mäßigt euch, wie ihr wollt, der deutsche Leser mäßigt noch eure Mäßigung. Er kann das Feilschen nicht lassen; man muß ihn wie ein Krämer überteuern. Man muß mit ihnen alles übertreiben, sie haben eine Elefantenhaut; zarten Kitzel fühlen sie nicht, man muß ihnen eine Stange in die Rippen stoßen.

Über vieles habe ich aufgehört, mich zu verwundern; aber daß sich zwei Diplomaten ansehen können, ohne zu lachen, darüber erstaune ich noch alle Tage.

Mancher Gelehrte gleicht dem Kassierer eines Bankiers; er hat den Schlüssel zu vielem Gelde, aber das Geld gehört nicht ihm.

Die Geschichten der Völker und Staaten haben den Geschichtsschreibern und den Buchhändlern, die ihre Werke verlegt, etwas Geld eingebracht; was sie sonst noch genützt, das weiß ich nicht.

Stünde ich an jeder Tür jedes geheimen Kabinetts in Europa, – ich würde freilich horchen, aber nicht aus Neugierde, sondern nur, um mich zu belustigen.

Die Krankheiten der Regierungen werden immer für asthenische erklärt, und man verordnet ihnen Wein, kräftige Speisen und andere Reizmittel; die Krankheiten der Völker immer für sthenische, und man gibt ihnen Wasser, Essig, nimmt ihnen Blut oder kühlt sie auf eine andere Weise. Das ist das Brownische System der Politik; weiter haben sie es noch nicht gebracht, und zu der Falschheit des Grundsatzes gesellt sich zum größern Verderben noch die Falschheit der Anwendung. Die Regierungen leiden an Sthenie, die Völker an Asthenie.

Dem Sturme, und kommt er noch so plötzlich, geht doch ein warnendes Lüftchen vorher; aber wie schützt man sich gegen die Launen der Weiber?

Sie spielen Politik und wissen nicht, was Trumpf ist. Die Jesuiten meinen, Kreuz wäre Trumpf, Canning weiß, daß Herz Trumpf ist; die andern fragen gar nicht darnach und sind ganz verblüfft, wenn der Bube den König sticht.

Es gibt keinen Menschen, der nicht die Freiheit liebte; aber der Gerechte fordert sie für alle, der Ungerechte nur für sich allein.

Wenn Jupiter beim Styx geschworen, hielt er seinen Schwur; der Olymp hatte keine Pfaffen.

Sie haben freilich gesehen, daß die Sonne am ersten Januar und am zweiten und auch am dritten aufgegangen; aber jetzt naht der vierte, den sie noch nicht erlebt, und da meinen sie, das sei doch ein ganz anderer Fall, und weil sie das meinen und so klug unterscheiden, halten sie sich für große Staatsmänner.

Wer das Naturgesetz auch in der Geschichte kennt und anerkennt, der kann prophezeien; wer nicht, weiß nicht, was morgen geschieht, und wäre er Minister.

Unsere Zeit ist der Wissenschaft nicht günstig; man hat so viel mit Lichtputzen zu tun, daß man gar nicht ans Sehen kommt.

Alte Monarchien gleichen dem Stall des Augias, nicht Gassenkehrer können sie reinigen, der Herkules Volk muß den Strom seines Zorns durchbrausen lassen.

Der gefährlichste Mensch ist ein furchtsamer; er ist am meisten zu fürchten.

Um zu erproben, welch ein lästiges Geschenk des Himmels der Verstand sei, muß man täglich mit einem Schirme ausgehen und am Ende des Jahres die unvorhergesehenen Regentage zählen.

Durch schroffe Strafgesetze hat man wie mit einer Krätzsalbe die Missetätigkeit der Menschen zurückgetrieben. Die Haut ist zivilisiert, die Psore schleicht in den dunkeln Eingeweiden umher, die Verbrechen haben sich vermindert, aber die Menschen sind lasterhafter geworden.

Hätte die Natur so viele Gesetze als der Staat, Gott selbst könnte sie nicht regieren.

Das Eindringen des niedern Volks in die höhern gesellschaftlichen Klassen wird die Folgen haben, wie der Einfall der nordischen Barbaren zur Zeit der Völkerwanderung: eine Verjüngung der Menschheit. Eine Volkswanderung aus dem Norden der Entbehrung in den Süden des Genusses.

Wenn ihr glaubt, die Ruhe des Staates werde nur von den Bürgern gepflegt und, wenn gefährdet, beschützt und verteidigt, die etwas zu verlieren hätten, nun, dann sorgt dafür, daß alle Bürger etwas zu verlieren haben, damit keiner bei Unruhen gleichgültig bleibe.

Die blutigen Greuel der demokratischen Revolutionen sind lange nicht so schauderhaft als die, welche eine Folge monarchischer politischer Leidenschaften sind. In ersteren ist es ein Bürgerkrieg, aber ein Krieg; die Parteien sind alle bewaffnet; die stärkste, die mutigste, die schlaueste, aber auch die ruchloseste Partei siegt, aber die besiegte fällt nicht wehrlos. In der politischen Wut der Monarchien aber sind die Bürger unbewaffnet, wehrlos; alle Macht ist auf der Seite des Fürsten; da ist kein Krieg; da ist ein Morden, eine Schlächterei.

An wem die Schuld, wenn der Wein der Freiheit, bestimmt zu täglichem mäßigem Genusse, das Volk, weil es ihn nur gekostet, in Rausch und Taumel brachte?

Es ist mit der Freiheit wie mit der Herrschaft. Wie die Machthaber immer nach größerer Macht streben müssen, um sie zu schützen, die sie haben: so haben die Bürger nie Freiheit genug, wenn sie nicht zuviel Freiheit haben.

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Unsere heutigen Staatsmänner, die so seltsame Mittel gebrauchen, die Forderungen der Zeit zu beschwichtigen, ahmen hierin nur die französische Geistlichkeit des Mittelalters nach, die einst, um eine Hungersnot abzuwenden, dreitägige Fasten verordneten.

Die herrschende Partei nennt jeden Zustand der Dinge, der ihre Herrschaft bedroht oder beschränkt, Anarchie.

Der Kampf des Volkes gegen die Bürgerschaft, d. h. gegen die Reichen, wird von Zerstörung, Raub und Plünderung begleitet sein. Aber das sind die Folgen, nicht die Ursachen des Kampfes. Es war nicht Zweck der Revolution von 1789, die Schlösser der Edelleute zu zerstören. Wenn die Bürger ihr Vermögen zur Feste ihrer Privilegien machen, muß man, diese zu vertreiben, notwendig jenes zerstören.

Ein Volk, das nicht den Mut hat, seine Freiheit selbst an die Erhaltung seiner Freiheit zu setzen, wird sie nicht lange erhalten. Das hat sich In der Revolution gezeigt, wo man aus Furcht, das Ganze zu verlieren, einen Tell der Freiheit hingab oder sich nehmen ließ und darum den Angriffen gegen sie nachgab oder schwach widerstand. Es gibt keine halbe Freiheit, wie es keinen halben Tag gibt, es gibt nur eine wachsende und abnehmende , wie es eine Morgen- und Abenddämmerung gibt.

Es ist Heuchelei oder Torheit, zu behaupten, das Volk müsse erst gebildet, um die Freiheit ertragen zu können; die Freiheit muß der Bildung vorausgehen, sie ist Mutter und Lehrerin.

Wenn man das Volk, wie dieses in allen monarchischen Staaten geschieht, als ein wildes Tier betrachtet, das man nicht arg, nicht fest genug verwahren, nicht streng genug bewahren könne, so wird es zum wilden Tiere, wenn einmal sein Käfig sich auftut. Die beleidigten Rechte der Natur rächen sich immer, früher oder später, und vergelten Gleiches mit Gleichem. Ein Volk, das sich frei macht, begnügt sich mit der ihm gewordenen Freiheit nicht, sondern nimmt wucherliche Zinsen für die Jahrhunderte der Entbehrung.

Es ist kein Unglück ohne Ersatz, verkannt zu werden während seines Lebens; es ist eine Bürgschaft der Wiederauferstehung nach dem Tode. Wer mit den Zeitgenossen fühlt und denkt, stirbt mit ihnen; wer für die Nachkommen, überlebt seine Mitwelt und sich selbst.

Diese abgerissenen Sätze stehen in geheimer Verbindung und sind aus der Gehirnloge als Brüder hervorgetreten. ich hätte sie und die Leser ebenso leicht an eine gemeinschaftliche Galeerenkette der Langeweile schmieden können. Aber lange Aufsätze werden als zu zeitkostspielig in dieser aphoristischen Zeit, wo jede Begebenheit eine Sentenz und selbst jeder Zufall zum Sprichworte des Schicksals wird, seltener gelesen als verfertigt. Man fordert, daß die Reden sein sollen wie die Taten der Gegenwart: kompakt und, gleich Bouillontafeln, für sich nicht genießbar. Der Leser will das Vergnügen haben, sein eigenes kochendes Wasser darüber herzugießen, um sich selbst daraus eine Fleischbrühe zu bereiten.








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