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Willibald Alexis: Cabanis - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleCabanis
firstpub1832
addressFrankfurt
senderwww.gaga.net
created20050816
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Erstes Buch

Die Knabenzeit

1. Der junge Adler

Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren reichen weit zurück. Ich habe keine frohe Jugendzeit verlebt; mitten aus dem Kreise meiner Kinderspiele wuchs mein Schicksal auf, und während ich noch zu spielen wähnte, hatte mich seine eiserne Hand gefaßt und den Knaben hinausgeschleudert aus dem Vaterhause in den Strudel des Lebens. Besonders deutlich entsinne ich auch eines Vorfalls aus meinem neunten Jahre, weil ich in dem an sich unbedeutenden Ereignis den ersten Quell zu der seltsamen Wendung meiner Lebensgeschichte suchen muß.

Als wäre es heute erst geschehen, so sehe ich noch die Straße, die Häuser, die Gesichter, die aus den Fenstern blickten, die rauchenden Schornsteine. – Es war eine der Straßen von Berlin, welche erst unter dem vorigen Regenten fertig gebaut wurden. Wir spielten Murmel, eine bei unserer Schuljugend von alters her beliebte Lustbarkeit. Auf das strengste wird der Spieler beobachtet und um den Gewinn einiger Kügelchen oft Angstschweiß vergossen. Es herrscht eine Totenstille, und erst wenn ein glücklicher Wurf entscheidet, bricht der langverhaltene Knabenjubel los, der sich dann nicht immer mit Schimpfreden begnügte. Nicht selten kam es zu jenen kleinen Kriegen, die alle Lustigkeit beenden und doch auch wieder die Würze derselben werden. Der Knabenhaß gegen einen langen Schlagetot, von dem ich oder mein Freund blaue Flecke aufzuweisen hatten, wurde mit Ernst gehegt. Ich hatte von meinem älteren Bruder die Lehre erhalten, nie etwas auf mir sitzenzulassen. »Wenn du einmal eine Memme warst, hören sie nie auf, dich zu necken!«, und ich fürchte, ich bin dieser Weisung zu sehr in meinem Leben gefolgt. Der lange Schlagetot bekam es zu seiner Zeit richtig wieder, doch zu unser beider Vorteil, denn Haß und Groll wurden mit den Schlägen ausgeschüttet, und wir waren desto bessere Freunde für eine andere Gelegenheit. Nur wer bei Lehrern oder Eltern angab, mit dem war kein Friede zu schließen nach unserem Völkerrecht.

So war auch diesmal Welt und Berlin, Schule und Straße über dem Spiel vergessen, und die Aufmerksamkeit auf die Murmel ließ uns übersehen, was dicht um uns vorging.

Aus allen Nachbarhäusern waren die Leute zusammengetreten, die Vorübergehenden stehengeblieben, und aus den geöffneten Fenstern blickten Hauben und Frisuren, wobei ich bemerken muß, daß Anno 1740 die Zahl der Müßiggänger sehr gering in Berlin war. Denn allzu gefährlich war es, dem alternden Könige zu begegnen, wenn ihn etwa die üble Laune trieb, einen, der ihm auffiel, heranzuwinken und ein Examen mit ihm anzustellen. Wer nicht bestand, wer geckenhafter gekleidet war, als es ihm erlaubt schien, und keine nützliche Beschäftigung nachzuweisen wußte, hatte eine üble Behandlung zu fürchten, wovor ihn Stand und Familienrücksichten am wenigsten schützten. Wußten doch alle, wie es in der eigenen Familie des Königs aussah. Die bewunderungswürdige Kontrolle, welche durch Friedrich jetzt in den preußischen Ländern eingeführt ist, kann nicht so genau sein, wie es der hochselige König gegen seine Umgebung war, wobei ihn ein erstaunenswürdiges Gedächtnis unterstützte. Singen und Lachen auf der Straße gehörten daher zu den Seltenheiten, und wenn es die Laune des Fürsten einmal wollte, konnte man merken, daß der Jubel nur erzwungen, immer mit einer Art Peinlichkeit vermischt war.

Um so auffallender war das Zusammentreten an der Ecke der Jägerstraße. Mehrere mögen stehengeblieben sein aus keinem ändern Grunde, als weil sie andere auch stehen sahen. Man meint, dies liege seit uralter Zeit im Charakter der Berliner. Ein Peruquier, den wir Kinder nur gewohnt waren, treppauf, treppab laufen zu sehen – für uns der Repräsentant eines Perpetuum mobile –, hielt inne, zwei Tischlerburschen, welche einen Sarg trugen, ließen ihn mitten auf dem Straßendamm nieder, und es hätte nur gefehlt, daß auch ein Leichenzug stillgestanden wäre, um seinem Toten noch dies überirdische Schauspiel zu zeigen, das meinen Zuhörern vielleicht sehr gleichgültig dünkt, welches aber – und nicht allein bei unseren Köchinnen und Ammen – ein großes Aufsehen erregte und Stoff zu vielem Nachdenken gab. Die Sonne war so tief herabgesunken, daß ihre Strahlen, abgeschnitten von scharfen Dächern, nur noch den oberen Teil des Horizontes glänzend durchleuchteten. Man konnte die Schicht zwischen Schatten und Licht in der Luft wahrnehmen, und der erhellte Teil glühte ganz ungewöhnlich für einen nordischen Himmel. Die tiefe Röte am zweiten Stockwerk des Fürstenhauses lockte aus den Fensterscheiben Goldfeuer und Scharlachflammen, und das königliche Schloß dünkte an dem Abend, während die unteren Stockwerke in Schatten, Nacht und Asche versanken, in seinen oberen Teilen wie ein Feenschloß aus Luft und Feuerstoff gewebt. Die steigende Dunkelheit riß zwar Zoll um Zoll von diesem Gebäude aus Flammenguß an sich, aber das luftige Bild, wie es damals die Sinne empfingen, steht noch heute vor meiner Phantasie.

Die Blicke unserer guten Nachbarn gingen weit höher, denn sie verfolgten einen Vogelschwarm, den ich anfänglich für Tauben hielt. Aber sie stiegen zu hoch und kühn, und als sie in rascher Wendung wieder herabstürzten und das helle Sonnenlicht ihr dunkles Gefieder beschien, ward ich meines Irrtums inne. Es waren Raubvögel in großer Zahl und unter ihnen – eine seltene Erscheinung für unsere flache Gegend – ein junger Steinadler, der eben erst flügge geworden sein mochte. Sie kreisten bald als schwarze Punkte in den höchsten Lufträumen, dem Auge kaum erkennbar, bald schossen sie bis da hinab, wo Licht und Schatten sich trennten und die Sonne glänzte von den schwarzen Federn des schönen Adlers und dem bunten Gefieder der Habichte, Falken oder Reiher. Die alten heimischen Raubvögel machten sichtbar Jagd auf den fremden Eindringling in ihre Regionen, in ihre bis da unangefochtenen Rechte.

»Nun ist's um ihn geschehen«, rief der Hufschmied, dessen Amboß in seiner Schmiede an der Ecke zu meiner Mutter Ärger vom frühen Morgen bis in die späte Nacht nicht ruhen wollte, und es klang zwischen Wehmut und Verdruß in des rauhen Mannes Kehle.

»Ja, jetzt haben sie ihn«, setzte ein anderer bedauernd hinzu. »Wie kann auch ein einzeln Tier gegen solche Hetze sich wehren?«

»Wenn's eine Eule wäre!« sagte ein alter Jäger. »Aber wißt ihr, was ein Adler ist? Sie haben einen Adler aufgescheucht.«

»Oder ein Adler sie«, warf der vierte ein.

»Das ist egal, er durfte ihnen nicht ins Revier kommen«, bemerkte eine mir nur zu wohlbekannte Stimme, von der ich leider noch oft zu reden genötigt sein werde.

Der Adler hatte seinen Verfolgern einen Vorsprung abgewonnen, und diese, in Schuß geraten und jetzt eingeschüchtert durch die Nähe der Menschen, stoben auseinander. Der Adler war gerettet. Als befinde er sich unter den Seinen, als verstehe es sich von selbst, daß keine Hand das königliche Tier berühren könne, so war er mit einer majestätischen Ruhe über den Köpfen fortgeschwebt. Wie er nun aber wieder aufstieg in schönen, kühnen Kreisen, frisch und kräftig, als schüttle er die Drangsale ab, und seine stolzen Flügel in den letzten Sonnenstrahlen wiegte, brach eine unwillkürliche Lust aus den hundert und aber hundert Kehlen. Ein Triumphgesang wurde ihm nachgesandt und ein schallendes Gelächter, ein Spottlied den Habichten, die zu spät dumpf krächzend ihm folgten.

Ich gaffte noch immer in den leeren Raum, wo der verschwundene Adler geschwebt, als ein Spielgenosse mich aufrüttelte. »Du bist dran.« Meine Phantasie aus den Wolkenräumen sammelte sich schnell zu der Entscheidung auf platter Erde. Ein großer Gewinn hing von meinem nächsten Wurfe ab. Adler und Habichte waren vergessen, als die Murmel aus meinen Fingern glitt und meine Kameraden mit weit aufgerissenen Augen die rollende Kugel verfolgten. »Sie geht hinein«, schrie es, und die ganze kleine Genossenschaft fiel mit den Vorderleibern vor, die Hände auf dem Pflaster. Er wäre auch hineingerollt und ich der Sieger des Abends geblieben, wäre nicht im entscheidenden Moment ein grober Schnallenschuh dazwischengetreten. Die Kugel berührte die rindslederne Sohle, prallte ab, und das Spiel war nicht gewonnen. Ein lautes »O weh!«, ein unwillkürliches Aufjauchzen! Doch sei es zur Ehre meiner Kameraden gesagt, ihr Jubel verstummte im Augenblick; sie schämten sich. Allein ein heiseres Hohngelächter und der unbewegliche Fuß sagten mir, daß hier von keinem Zufall die Rede war. Erbittert, meiner selbst nicht mächtig, griff ich nach dsn Murmeln neben mir, sie dem Spielverderber an den Kopf zu werfen. Ich weiß nicht, ob ich es ausgeführt, wenn ein anderer vor mir gestanden, als der vor mir stand; aber wie kühlte sich schnell mein hitziges Blut, als ich einen Mann vor mir sah, den ich unter allen Männern am wenigsten gern sah.

»Schmeißen, Patron?« sagte die hagere Gestalt im kurzen Advokatenmantel und legte die langen Arme auf den Rücken, als erwarte sie nicht ungern das straffällige Attentat, während es sie doch nur eine Handbewegung gekostet, meinen bewaffneten Arm festzuhalten. Meine Bestürzung freute ihn. Er holte die eine Hand langsam vor und strich sich wohlgefällig über das ungeheure Kinn seines olivenfarbenen, langen Gesichtes. »Warum schmeißen wir denn nicht zu, Patron, wir machen unseren Verwandten und Paten noch nicht genug Ehre.«

Mit seinen dürren langen Fingern klopfte er mir auf die geschlossene Hand, und die Kugeln – ich weiß nicht, ob vor Schmerz oder Ekel – fielen heraus. Er hob sie grinsend auf, und wie ein gefundenes corpus delicti glitten sie in des Advokaten Westentasche. – »Wir sitzen wohl schon recht lange hier bei der noblen Vergnügung? Auf dem Wege, ein Straßenjunge zu werden! – Ist ja eine gute Aussicht bei der Erziehung. – Werden es bald so weit gebracht haben wie unser Taugenichts von Bruder. – Und die Hosen, die Stiefeln, wie sieht das aus! – Freilich, wer den lieben langen Tag auf dem Straßenpflaster rutscht, da sind Ellenbogen und Knie bald durch, die Spitzen von den Schuhen kommen nach. – Herr Vater und Frau Mama nur immer neue machen lassen, das würde uns gefallen. – Nicht wahr?«

Es ist schwer zu sagen, ob der gedehnte, schneidende Ton des Herrn Paten widerwärtiger war oder sein persönlicher Anblick. Mein Vater war ein mehr als strenger Mann. Er hatte uns gewöhnt, ihn nur mit Zittern anzusehen, ich habe nie ein freundliches Wort von ihm gehört, nie einen väterlichen Blick erhascht, es lag in seinen Grundsätzen, uns nur durch die Furcht zu erziehen, die Liebe hielt er nicht für nötig. Dennoch war seine herbe Erscheinung für mich eine Wohltat, wenn ich sie mit der des Herrn Paten verglich.

Advokat Schlipalius gehörte zu unseren Verwandten. Wie nahe er es eigentlich war, kann ich nicht angeben; auch war er es nur von selten meines Vaters; vor meiner Mutter sollte der Ehrenmann, ehe sie dem Vater die Hand reichte, selbst auf Freiersfüßen erschienen sein. Ich mag nicht glauben, daß es nur der empfangene Korb gewesen, der ihn zu dem Störenfried gemacht, als der er nur zu häufig bei uns auftrat. Scheelsucht und Neid müssen schon an seiner Wiege gesessen haben. Er war geizig in hohem Grade, aber noch weit mißgünstiger als geizig. Behutsam, auflauernd, nachtragend, kriechend, wenn es sein mußte, und mit allen Eigenschaften eines Schleichers, nur nicht mit den angenehmen, wußte er sich doch so wenig selbst zu beherrschen, daß man ihm die Schadenfreude in den Augen las. Es verriet wenig Zartgefühl, daß er ungeachtet seiner Verhältnisse zu meiner Mutter der tägliche Gast in unserm Hause wurde. Die stille, gute Mutter mochte dies in einer Zeit, über die ich keine Rechenschaft geben kann, schmerzlich empfunden haben; jetzt war ihr seine Gegenwart doppelt zuwider, indem er fast nie über die Schwelle trat, ohne den Angeber zu spielen.

Der Haß des vorigen Königs gegen die Advokaten ist bekannt. Jeder Advokat mußte als Uniform einen kurzen Mantel tragen, damit die Leute ihm schon von weitem aus dem Wege gehen konnten, und wehe dem, welcher sich ohne diese Tracht auf der Straße sehen ließ. Für die hohe, hagere Gestalt unseres Herrn Paten mit seinen überlangen Armen und Storchbeinen, die in noch ungestaltetere Füße ausliefen, war sie besonders ungünstig. Wenn er sie nicht in den Westentaschen hielt, hingen ihm die Hände unter dem Mantel heraus wie zwei immer drohende Strafruten. Er selbst hatte nicht das mindeste dazu getan, seinem widerwärtigen Aussehen abzuhelfen; seine Manschetten, die geblümte Schoßweste waren selten rein, an der hier und da zerstörten Perücke fehlte der Puder, ja es schien, als wenn er ein eigenes Vergnügen darein setze, durch seine Gegenwart zu erschrecken. Meine Spielkameraden, anfangs kaum weniger als ich selbst erschreckt, fingen an einzusehen, daß es doch nur Worte waren; die besseren schämten sich, daß ich wegen des häßlichen Mannes verloren haben sollte, und einer reichte mir meine Murmel wieder: »Wirf noch mal, Etienne, das soll nicht gelten.«

»Es gilt nicht!« wiederholte die kleine Schar. »Den Fuß weg!« schrie schon ein Beherzterer. Ich zitterte, die Tränen standen mir in den Augen; es waren aber mehr Tränen der Wut über ein erlittenes Unrecht als der Furcht. »Wirf dreist zu, Etienne!« schrie man mich an. »Was hat er ein Recht, uns das Spiel zu verderben.« – »Fort der lange Laban!« – »Fort da!« rief ich nun auch, und Lust und Bosheit hatten in der Knabenbrust gesiegt. Der Herr Pate hatte den Fuß fortgezogen, ich zielte, und meine Kugel glitt in das Loch. Allgemeiner Jubel! ich hatte gewonnen; doch jetzt, wo niemand mir die Ehre bestritt, blickte ich schüchtern zum Advokaten auf, um zu wissen, was sie mich kosten würde. Er grinste freundlich, schmunzelte etwas von »charmanten Kindern«; ach, aber im Augenblick, als ich nach meinen Kugeln fassen will, als die ändern rufen: »Zählt sie!« war es abermals geschehen. Seine Fußspitze schaufelte die ausgeworfene Erde in das Loch und seine rindslederne Sohle trat die Murmel fest. Da stand der lange, häßliche Mann, und seine noch häßlicheren Beine stampften wie zwei Pflasterschläger auf unser verlorenes Spielzeug.

Da lagen alle meine Trophäen begraben, und die hellen Tränen stürzten aus den Augen. Auch damit war der grausame Mensch noch nicht zufrieden. »Wir wollen doch den Herrn Polizeisergeanten rufen, ob er die Permission gegeben hat, hier Steine auszureißen, das obrigkeitliche Pflaster zu lädieren und Gruben zu graben, wo ein Mensch stolpern kann. – Was würden wir sagen, Patron, wenn man uns auf die Vogtei brächte, bei Wasser und Brot eine Nacht einsperrte und am Morgen eine Lektion aufzählte?« Der Pate gehörte zu dem Schlage Menschen, die, je weniger Widerstand sie finden, um so dreister werden. Die Gelenke seiner dürren Finger hämmerten mir jetzt, wie eben noch seine Beine auf das Pflaster, auf den Scheitel. Es tat empfindlich weh. Ich schrie. Meine Kameraden murrten, sie blickten sich fragend an, indessen noch war die Autorität auf des Advokaten Seite. Als aber einige Vorübergehende stillstanden und Miene machten, sich des mißhandelten Knaben anzunehmen, erwachte auch ihr Mut. Man schrie, tobte, man umringte den Herrn Paten, laute Anklage gegen den Spielverderber brachen heraus. Der mutige Fritz raffte schon eine Handvoll Erde auf, sie ihm in sein gelber werdendes Gesicht zu schleudern, ich schluchzte, diesmal weniger aus Schmerz als aus Politik, um die Mittelspersonen zu gewinnen, und der Straßenskandal war auf dem besten Wege sich zu vergrößern und vielleicht in eine große Verfolgung und Hetzjagd auf den Advokaten auszuarten, als plötzlich etwas in buchstäblichem Sinn dazwischen trat und uns zum Vorteil des Letztem auseinander trieb.

Es war diesmal kein himmlisches, sondern ein sehr irdisches Schauspiel. Um die Ecke der Wallstraße tönten schon eine Weile gedämpfte Trommeln, und einige Kompanien von Friedrich Wilhelms Riesengarde lenkten nach dem königlichen Schlosse zu. »Platz da!« rief der vorderste Unteroffizier und stieß den Advokaten beiseite, mit seinem blinkenden Sponton zwischen uns fahrend. Seltsam mochte es ihm vorkommen, daß nicht alles schon auseinandergeflogen war, denn die Potsdamer Riesen waren an solche schweigende Verehrung gewöhnt. Der Handwerksmann zog vor einer Ablösung den Hut, und vor einem Bataillon machte groß und klein auf der Straße Front. Man konnte es wohl tun, ebenso vor Bewunderung als aus Respekt, denn nie in der ganzen Welt mögen so viel gigantische Männergestalten sich an einem Ort zusammengefunden haben als dazumal in Berlin. Uns Kindern erschienen diese Riesen immer wie Wesen anderer Art. Wußte doch jeder, wie sie gehätschelt und gepflegt wurden. Sie allein wurden in der arbeitsamen Zeit nicht zur Arbeit angehalten. Mancher dieser wohlgenährten Soldaten ließ sich sogar sein Gewehr zur Parade nachtragen. Wie sonderbare, märchenhaft klingende Erzählungen zischelte man sich zu über Art und Weise, wie sie aus ihrer Heimat hergelockt und in die Montur gesteckt wurden! Der hochblonde Schwede marschierte neben dem dunkeln Sarmaten, und in den schwarzen Augen des Südländers glühte ein Feuer, verurteilt, hier nutzlos zu verdampfen. Das bequeme Leben gab Haltung und Mienen, aber nicht den behaglichen Ausdruck des wohllebigen Weltmannes. Ich hatte einmal einen fremden Offizier äußern hören, alle diese Sechsellensoldaten wären im Felde nicht mehr nütz als bleierne, und bleierne, wußte ich, konnten nur stehen und fallen. Wenn sie vorübermarschierten, ein Gegenstand staunender Ehrfurcht für jung und alt, wandte kaum einer sein Auge rechts oder links, so gleichgültig schien ihnen alles. Und denken Sie nicht, die Verdrossenheit sei immer der nachhallende Schmerz über eine, gewaltsame Einsteckung gewesen. Die Mehrzahl hatte sich ja kaufen lassen, zum Teil zu ungeheuren Preisen; ihnen ging nichts ab als eine Sache, für die sie fechten, eine Sache, für die sie sich begeistern konnten.

Man war diese Garde fast nur im feierlichsten Parademarsch zu sehen gewohnt, heute war darin etwas anders; sie schienen rascher sich zu bewegen und doch nicht so sicher. Weil ihr Dienst so regelmäßig, die Straße, die Stunde, wo sie passierten, seit Jahren so bestimmt war, fiel dieser außergewöhnliche Marsch jedem andern als uns Kindern auf. Ich sah nichts, als daß mir die langen Leute heute noch trauriger schienen, und Fritz meinte nachher, sie seien sehr zur unrechten Zeit gekommen, denn ohne sie hätten wir einmal sehen sollen, wie der böse Mensch es von ihm abbekommen hätte. »Siehst du, Etienne«, sagte er, »der Kerl machte schon Miene auszuziehen, und dann hätten wir alle hinterdrein gesetzt. Geschrien hätte ich, was das Zeug hält, und alle Straßenjungen wären mitgelaufen, daß es eine Lust war. Und wenn auch einer nachher geklatscht hätte, und ich auf einen Tag ins Karzer gemußt, was tut das, wenn man seine Pflicht tut und recht hat!«

Das wurde freilich erst gedacht und gesprochen, als die letzten Reihen der Grenadiere längst um das Fürstenhaus verschwunden waren und hinter ihnen her, wie Eisenspäne vom Magnet angezogen, was auf der Straße Beine hatte. Der Herr Pate war eine große Autorität, die berufene Polizei eine noch weit größere, aber Friedrich Wilhelms Garde waren Wesen, in deren Gegenwart es wohl erlaubt war zu denken, wer damals denken mochte, doch nicht zu sprechen, kaum zu atmen. Der Herr Pate hatte sich unter ihrem Schutz längst davongeschlichen.

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