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Bismarck - Band 3

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 3 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 3
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090128
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Die Feuerprobe

Und der Alte im Sachsenwald schloß die müden Augen unter dem Wodan-Schlapphut, die Eichen rauschten ein wehmütig schauriges Lied. Sie hörten sein letztes Gebet, Gott möge sein Werk schützen, wenn die Götterdämmerung auflodere, der Fenriswolf heule und die Midgardschlange zische. Es möge überstehen die Feuerprobe, überwinden die höllischen Mächte, bis die Walküren in Lüften rufen: Deutschlands Sieg, das ist die Bismarckfeier. Doch die Unerforschlichen beachten nicht der Sterblichen Wünsche, unter denen der Beste weder allweise noch allwissend; sein Gebet erhörten sie nicht, sein Fürstenbund zerbrach, sein Erbkaiser wurde allzeit Minderer des Reichs, sein Deutschland ging in Scherben mit geschändeten Grenzen und grauenvoller Franzosentid, wie kein Fritz Reuter sie je humoristisch verklären wird. Aber in höherm, tieferem Sinne wird es erhört, sein Gebet. Unerhörte Feuerprobe schmolz innere Einheit deutscher Lande und Stämme in festeres Gold zusammen als je zuvor, der harte Demant germanischer Kraft leuchtete unzerbrechlich durch Nebelnacht und Sturm der Not. Schlummert der Alte oder geht er nächtlich um und tauscht Zwiesprach mit dem wilden Heer, das über unsere Gaue dahinfährt, oder mit Wodans leisem Lispeln im Korn? Lehrt ihn die Seherin Saga, aus deren Methorn Wodan Begeisterung und Hellgesicht schöpft, die Zukunft der Deutschen?

Ja, Gewitter zerstörten viele Saaten, doch durch Wolken der Trübsal lugt manch Stückchen blauer Himmel durch. Zerronnen ist der drückende Alb, der Schneemann im Norden, der seine turmhohe Freundschaft als Bärentatze über Preußen ausstreckte, das Zartum ist tot; Iwan der Schreckliche stiert nicht mehr auf Mitteleuropa und bewegt die Kiefer, als fräße er es auf. Verschwunden ist der schwarzgelbe Schatten des Deutschtums, gelb von Neid und schwarz von Groll, die Habsburgerei, die südslawische Vormacht unter deutscher Maske, der falsche Bundesgenosse, der sich jederzeit in Judas umwandeln konnte, immer noch die heimliche Hochburg des weiland spanischen Islam der Jesuiten. Die kleinen Raubstaaten von Ententegnaden, die man aus jedem der drei Kaiserreiche zuschnitt, haben als künstliche Fehlgeburten ein kurzes Leben. Ungarn, Bulgaren, Türken sind durch die Natur der Dinge stärker an deutschen Konzern gefesselt als je zuvor.

Italien hat seine Lehre weg, was die Fratellanza bedeute. Gallien heult sein altes Brannuswort Vae victis, doch wird ihm Ach und Weh in plötzlicher Vereinsamung, weil es unvorsichtig sein Basiliskengesicht entmummte, so daß die phrasenbeschwindelte Welt vor seiner Häßlichkeit erschrickt. Früher sang man fröhlich bei jeder Barère-Barzahlung: »Der Franken reist, der Franken fällt, was ist der Mensch? Ein Schuft«, doch heute hat die Spielmarke des Märchens französischer Großmut keinen Münzwert mehr, den Angelsachsen gingen die Augen auf für ihre eigene Dummheit, obschon noch lange nicht für ihre eigene phrasenumnebelte Schlechtigkeit, das enfant terrible Frankreich als enfant gaté aufzupäppeln. Welch ein Feld der Tätigkeit für einen Bismarck der Zukunft, der zwar dem Imperialismus absagt, doch uns den vollen zukommenden Platz in der Sonne sucht! Noch freilich ist die siebente Schale nicht ausgegossen, ein großes Erdbeben droht nahe, Babel wird wie ein Mühlstein ins Meer versinken, bis ein neuer Himmel kommt und eine neue Erde, über die Allvadur die Hände segnend breitet und der Adler von Patmos spricht: »Ich sah keinen Tempel, denn Gott selbst ist der Tempel.« Doch wir brauchen nicht die Offenbarung Johanni, um die Vergangenheit zu schauen und an grauem Aschermittwoch in Staub und Asche Buße zu tun.

Als ein cäsarenwütiger Charlatan den Gründer und Hüter des Reiches durch Hausknechte hinauswerfen ließ, schlug es Mitternacht und der alte Geisterspuk von Kloster Lehnin begann die uralte Weissagung zu erfüllen, daß der Einarm mit den Hohenzollern auch Deutschland ins Verderben risse. O wunderbare Gerechtigkeit der sittlichen Weltordnung! Bismarcks Beschimpfung gerächt an einem ganzen Geschlecht aufgeblasener Nullen, geheimrätlicher Schwätzer vom unheimlichen Monomanen Holstein bis zum glatten Bülow und Hammann, die mit Eiapopeia Michel in den Schlaf sangen: Schlaf, Kindchen, schlaf, dein Vater ist ein Schaf und böse Menschen haben keine Glieder ... der Einkreisungskette. All diese Verlogenheit und Protzigkeit fand verdiente Züchtigung und statt des schrecklichen Endes, dem der falsche bösartige Zar verfiel (den Unkunde für einen armen Schwachkopf hielt), gab es ein verächtlich lächerliches Finale für den übergeschnappten Schwächling, der den Weltmarschall der Weltpolitik mimte mit Fähnrichsallüren. Glaubt man wirklich, die anderen Verbrecher an Seine und Themse würden der Vergeltung entrinnen? Wait and see!

Der Krieg mit den seit 40 Jahren auf Revanche Lauernden und den Panslawisten, die ein Rundreisebillet nach Konstantinopel über Berlin nehmen, ließ sich nicht vermeiden. Doch den mit England verdanken wir ausschließlich dem blödsinnigen Zickzackkurs und den persönlichen Rüpeleien des Aegirsängers. Die Enthüllungen des Baron Eckartstein entschuldigen viel von Englands Verrat an der germanischen Rasse, der mit Recht erboste Onkel des Neffen kennzeichnete die deutsche Politik »ebenso perfide wie dumm«. Das von Bismarck schon Disraeli vorgeschlagene Bündnis hätte man von Chamberlain kostenfrei erhalten, doch mit einem Unzurechnungsfähigen, halb Fatzke, halb Brutalisator, konnte man nie an einem Verhandlungstische sitzen. Dies Instrument des Himmels führte uns herrlichen Zeiten entgegen oder »zerschmetterte« ... sich selbst. Suprema lex asini voluntas ... Hurra!

Seine Revanchepolitik darf man so wenig einem Poincaré vorwerfen, wie einst der Maria Theresia ihre Anzettelung jener Koalition, die so genau dem Einkreisungssystem King Edwards entsprach. Doch welcher Historiker macht wohl heute noch Friedrich den Großen für seinen Präventivkrieg verantwortlich! Die Zarenregierung verbrannte zwar viele Akten, doch der Petersburger Staatsprozeß brachte genug zu Tage, da man ja auch in der russischen Gesellschaft und Presse lange zuvor Kriegsabsichten des Panslawismus gerade so offen ankündigte wie der Pariser Chauvinismus. Die zahlreichen Verrätereien der österreichischen Armee und Grenzbevölkerung enthüllten, wie tüchtig der Rubel dort den gewollten Eroberungskrieg vorbereitete. Den Muschik-Soldaten versprach man zynisch deutsche und galizische Äcker. Zweifellos gab es eine Wiener Partei, als deren geistiges Haupt vielleicht der ermordete Thronfolger galt, die ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzog. Auch hielten in Deutschland überall Patrioten – nur nicht in Nähe des Kaisers, die sogenannte »Berliner Kriegspartei« ist Mythe – aus klarer sorgenvoller Zukunftsahnung den Krieg für unvermeidlich, um die Einschnürung abzuschütteln. Doch über jeden Zweifel steht fest, daß nicht nur die Ententeregierungen, sondern weite einflußreiche Kreise ihrer Völker nach Krieg lechzten (in Rußland hoffte man dadurch die erneut drohende Revolution abzulenken), während bei den Mittelmächten die Kriegsvoraussicht nur auf wenige beschränkt blieb und Deutschlands Wohlstand nur Frieden wünschen konnte. Daß in England trotz der endlosen Jingo-Bearbeitung ähnliche Stimmung herrschte wie in Rußland und Frankreich, halten wir für übertriebene Unterstellung. Gewiß hatte Grey den Krieg für alle Fälle in der Tasche, doch mußte er dreimal vor dem Parlament seine Geheimverträge ableugnen und die Masse der Engländer wollte so wenig Krieg wie auch einige Schichten des französischen Bürgertums. Hierfür bot Sturz des Ministeriums Ribot ein Zeichen, für die Kriegsverschwörung war Gefahr im Verzuge, daher die rasche Entwicklung der Krise und Jaurès' Ermordung, eine nötige Ergänzung des Serajewomordes. Gerade aus der Friedenssehnsucht des eigentlichen Volkes, das niemals Krieg wünscht, in England und Frankreich konnte man ihm einreden, die bösen Deutschen wollten harmlose Nachbarn überfallen. Des Kaisers nervöser Verzweiflungsakt der übereilten Kriegserklärung (Österreich war nicht so töricht) trieb Wasser auf die Mühle der Fälschung. Wer kann sich des Lachens enthalten, wenn man im Kriegshetzorgan »National Review« liest: 2 Russenkorps hätten bei Tannenberg eine Schlappe erlitten (d.h. 6 Korps wurden vernichtet), weil die vorbereitete deutsche Übermacht sich auf das ungerüstete Zarenheer stürzte! Den triftigsten Vorwand lieferte die Verletzung Belgiens, dessen »Neutralität« insofern kein »Fetzen Papier« war, als sie das Sprungbrett für Entente-Invasion zum Rhein bilden sollte. Man darf nicht bestreiten, daß Frenchs Heer von vorneherein für Belgien bestimmt war, das schon im Juli so mobilisierte, daß es am 8. August seine 6 Divisionen im Felde und schon am 4. den Volkskrieg bei Lüttich organisiert hatte. Nicht umsonst machten Kitchener und French vorher Inspektionsreisen zu König Albert und Kriegsminister Broqueville. Selbst ein Belgier lacht wohl über die Frage, ob Belgien sich einem Entente-Durchmarsch überhaupt oder nur annähernd so widersetzt hätte wie den Deutschen. Ob die Invasion ein »Verbrechen« war, überlassen wir dem verständnisvollen Urteil, jedenfalls war dies militärisch die einzige Rettung, wie damals Friedrichs Einfall in Sachsen. Die in Brüssel gefundenen Dokumente hatten eine verzweifelte Ähnlichkeit mit den damals im Dresdener Archiv entdeckten.

Die Vorstellung, die wahrlich nicht an überflüssigem Mut leidende »Wilhelmstraße« habe übermütig im denkbar ungünstigsten Augenblick die ganze Welt herausgefordert, können nur Kindsköpfe beherbergen. Frankreich wollte Elsaß-Lothringen, Rußland Ostpreußen, Posen, Galizien, Konstantinopel gewinnen, England die deutschen Kolonien, Flotten, Konkurrenzhandel beseitigen, Italien, Serbien, Rumänien erstrebten Zerstückelung Österreichs, außerdem schwebte noch Zerstörung der Türkei als Kriegsziel vor. Was hatten Deutschland und Österreich zu gewinnen, um dafür einen Weltbrand zu entzünden? Warum einige deutsche Lumpen sich ein Schuldbekenntnis erpressen ließen, sieht doch ein Kind. In Rußland wußte man schon im Mai, es gäbe Krieg, wegen unablässiger Truppenverschiebung. Bonals »La Verité« scheut nicht den furchtbaren Satz: »Rußland benahm sich so, als ob es den Serajewomord und die daraus notwendig entspringenden Folgen vorher gewußt hätte.«

»Gott strafe England!« Hohngrinsend bat der teuflische Haß der Gallier und Slawen, ihnen doch auch ihr Teil zu gönnen, die auf Deutschlands völlige Vernichtung sannen. Selbst die Profitwut der englischen Handelskonkurrenten teilte nicht den Schmerz der Jingo-Albionisten, daß ihre Losung Germaniam esse delendam nicht leicht in Erfüllung ging. So kräftig der Daily Liar über Fair Play triumphierte, war den Briten nicht wohl bei der Sache. Gott hat viel zu strafen an England wie an Deutschland, doch deutsche Geschichte lehrt nur: Gott strafe Frankreich! Wenn Pariser Damen den Negerliebsten aufs Herz binden, recht viel Bochesköpfe abzuhacken, so marschiert man an jener Spitze der Zivilisation, auf der blutige Trophäen nicken wie auf den Picken der Septembriseurs. Knietief im Schmutz der Lüge watend, belehrte die Schandpresse die sittlich entrüsteten Menschenfresser des Kongo, daß die Hunnen den Frauen die Brüste abschneiden, besonders die wilden Völkerschaften der Bayern und der in Sibirien hausenden Pommern. Barnum wollte demnächst aufgespießte Kinder vorführen zu fixem Eintrittspreis, 1 Dollar pro Ochse, und der famose Film »Kriegsfackel in Amerika« die Transatlantier warnen, daß demnächst die Pickelhaubenträger in Luftschiffen die höchsten Wolkenkratzer anzünden. Satan heißt nicht umsonst Vater aller Lügen, Gottes Mühlen mahlen oft allzu langsam. Wer stopft solche Krötenmäuler mit ihrem eigenen Unrat? Die Lügenpropaganda züchtete Leichtsinn und Übermut, man trieb Raubbau an der Zukunft und untergrub das eigene Ansehen durch endlose Prahlerei, die immer wieder in Rauch aufging. Doch wer berechnet das Schicksal, wie seltsam waltet das Walkürenlos, das wahllos Ruhm- und Todesgaben verstreut! Hätten die heldenmütigen Westfalen ahnen können, daß ihre schwerste Prüfung noch bevorstand, nicht an der Lys, sondern an der Ruhr! So scharf schießen die Preußen nicht, wie Neger auf blonde Mädel scharf sind.

Der Operettengeneral Garibaldi, Sohn des sonderbaren Nationalhelden mit dem deutsch-langobardischen Namen, beschwerte sich in den Argonnen über schlechte Behandlung seitens der Herren Franzosen. Doch das erfuhr ja schon der alte Garibaldi selber, der sich als Retter Frankreichs bei Dijon aufspielte und in seiner Eitelkeit nicht ahnte, daß der gallische Dünkel solche Hilfeleistung des verachteten »Brudervolkes« als Beleidigung empfindet. Kein Fußtritt stört die Dynastie Garibaldi und andere italienische Gimpel in ihrer kindlichen Affenliebe für die Fratellanza mit dem großen Bruder, der so wenig Verwandtschaft fühlt, sintemal Gallier und Italiker nicht einen Tropfen gemeinsamen Blutes haben, es sei denn germanische Blutmischung dort durch Franken, hier durch Langobarden und Goten! Die Tollheit solcher Unwissenheit über eigene Rassentradition! Da läuft eine große Nation schweifwedelnd hinter einem fremden bösen Nachbar her, den sie geschichtlich nur als grausamen Unterdrücker und Verwüster kennt, schon seit Karl VIII. mit vandalischer Mordbrennerei in Italien seine Visitenkarte servierend. Über Louis Napoleons Unterstützung des Risorgimento schimpften all seine Generale, denen Italiens Einheit so verhaßt, wie die Deutschlands. »Das Land der Revolution«, »Lichtstadt Paris«, »Republik«, solche Zauberworte erhitzen jedes Spatzenhirn und die Händedrücke Barèrescher Barzahlung besiegeln d'Annunzios Lateinertum. Nichts ist Koalitionen verderblicher als gegenseitiges Anlügen, was bei räumlich getrennten Operationen jede wahrheitsgemäße Aufklärung erschwert. Wurde doch einst in Wien ein Tedeum gefeiert, weil der Russe bei Zorndorf so schön siegte!

Hielt doch Friedrich Wilhelm III. die russische Niederlage bei Eylau für entscheidenden Sieg, weil bis Königsberg nur russische Lügenbulletins durchdrangen. Lügen ist im Krieg stets vom Übel, sogar unfreiwilliges Abweichen von der strikten Wahrheit hat oft entsetzliche Folgen wie 1918, wo man zeterte: »Die O.H.L. hat uns belogen und betrogen.« Weil die Verbündeten immer zu spät sich von der Zerrüttung Rußlands ein Bild machten, begriffen sie auch ihre eigene Lage nicht, glaubten zuversichtlich Rußland Luft zu machen, als dort schon nichts mehr zu retten war. Oft bewogen zu krankhaftem Optimismus und verkehrter Schlächtertaktik nur politische Gründe, die jeden Koalitionskrieg bestimmen. Dem auftrumpfenden Russen mußten die Westvölker guten Willen zeigen und die Russen umgekehrt suchten unreife Entlastung für den Westen. In allen Ländern aber geheime Wühlarbeit vaterlandsloser Elemente, der »freien« Demokratie machte dies weniger zu schaffen als dem geschwächten Preußentum. Schutzhaft? Mit solchen Kleinigkeiten gab sich Frankreich nicht ab, da wurde gleich füsiliert und Amerika setzte lebenslänglich ins Zuchthaus, wer gegen Wilsons Stachel löckte. Bei uns scheute man die lieben Knechte der Phrase als »immun«, bis man sie als Armierungssoldaten wegen groben Unfugs gleich zu Zuchthaus verknackte, beides gleich ungeschickte schulmeisterliche Stümpermethode.

Ach! Undank ist der deutsche Lohn! dachten wohl die Kanadier, als sie zu Tausenden in ihr Blut sanken. Bloody foreigners sollten doch dankbar sein, daß der Britenleu sie eines Tatzenhiebs würdigt, statt dessen rissen sie ihm die Mähne aus, bis er den Schwanz einkniff. Unübertüncht von Europens Unhöflichkeit, schlugen Kanadier sich seitwärts in die Gebüsche und erzählten fluchend daheim, gegen die obskuren Hunnen sei kein Kraut gewachsen, das teure Mutterland nicht der Nabel der Schöpfung, wie man in den Schulen lehrt, sondern hinterm Berge wohnten auch noch Leute, was man in den Kolonien nicht ahne. Auch die australischen Buschritter, denen man die schönsten Frauen und ungeheure Beute versprach, sintemal die Hunnen schon auf dem letzten Loch pfiffen, führten sich zwar in Kairo wie Bestien auf und variierten den Spruch: Wir Wilden sind doch nicht bessere Menschen, aber die braven Exoten gondelten umsonst nach Europa, um schmutzige Deutsche zu verhauen. Sie machten mit ihnen die unangenehmste Bekanntschaft, deren bereits vollzogene Niederlage man ihnen vorschwatzte. Australiens schöne Hoffnung, auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege seine ungeheure Schuldenlast loszuwerden, sah sich geprellt mit neuen Schulden und 60 000 Toten. Triumph moralischer Weltordnung über böse Gelüste? Dafür durften die Enkel de Sades sich höchst königlich bewähren und göttlich amüsieren, Ruhrdurchfall der Weltmoral.

Wer Englands Kulturverdienst ehrt, schämt sich für seine Soldaten, daß sie Seite an Seite mit unwissenden Barbaren gegen ein stammverwandtes Kulturvolk wüteten. Zwei Seelen wohnen ach! in Englands Brust, eine hochedle und eine hundsgemeine. Täglich erfand der Daily Liar Kreuzigung gefangener Kanadier und ähnliche Scherze, doch was ein Northcliffe schwerlich begriff, ist die Schädigung des englischen Ansehens bei den Kolonialen, die man zu Mitleidenden britischer Ohnmacht machte. Ein Nichtengländer kennt ja nicht den geradezu wahnwitzigen Hoheitsdünkel, wie er naiven Angehörigen des British Empire anerzogen in der Vorstellung, daß Europa ein Vasall Englands und jeder Tommy ein Herkules sei. Das Staunen der Exoten, zumal der Inder, über die Unverschämtheit, daß ein obskures Deutschland allein so stark sei, um England militärisch als quantité négligeable zu behandeln, wird als aufklärende Blamage die Zukunft des Reichs peinlich belasten.

In technischem Fortschritt gegenseitiger Anschauungsunterricht: nachdem England ein Zetermordio über barbarische Kriegführung aufschlug, verlegte es sich selbst auf Vergasung mit dem alten Motto englischer Politik: »Ich tue das Böse und schreie selbst zuerst.« Als Einführung zum Studium der Humanität platzten Frankreichs Stinkbomben mit Brechreiz erzeugenden Explosivstoffen, die in Flammen aufgingen. Warum sich also erbosen über den Einschlag deutscher Flammenwerfer, die mit Schlimmerem aufwarteten? Keiner hatte dem Anderen etwas vorzuwerfen, folgte unerrötend den Spuren des Mädchens aus der Fremde, das sich Technik nannte und »verbotene« Gaben vorrätig in der Schürze trug. Doch es gab wirklich Hunnisches, das uns Barbaren Grauen und Ekel einflößte: In wilder Wut bauten oft die Gallier als Brustwehr am Grabenrand die Leichen ihrer Kameraden auf, und die Briten, denen man dies nicht zutrauen sollte, mauerten gleichfalls manchmal die eigenen Gefallenen als Kugelfang ein. Seelischer Schmutz pietätloser Rohheit entsprach bei den feinen Westvölkern ihrer physischen Unsauberkeit. England verbreitete Seife und Waterclosets über den Erdball, doch der mit Übersauberkeit prunkende Gentleman nennt sein Volk »die ungewaschene Menge« ( unwashed many), und französische Schweinerei kann sich Deutschland, das neben Japan reinlichste Land der Welt, gar nicht vorstellen. Auch Tommy hinterließ aber seines Geistes Hauch in verpesteten Laufgräben, wo weggeschleuderte Hirschfänger, Tornister, Verbandzeug und selbst zahllose Dumdumgeschosse im Dreck herumlagen. Pfui Teufel, wie stinkt diese Hexenküche der Kultur und Humanität!

Und doch! Trotz elender Prahlsucht in den Spalten aller tonangebenden Londoner Presseausschleimung, standen die Briten bei Ypern »wie bei Waterloo« ober besser. Wellington kündete einst W. Scott bissig an: »Nicht jeder war ein Held bei Waterloo«, gab grimmigen Tagesbefehl über dortige Feigheit vieler englischer Offiziere und Soldaten, schrieb einen Zornbrief über seine fälschlich gepriesene Artillerie. Hätte French so sein Heer anklagen dürfen? Nein, im Weltkrieg erwies sich die Leistungsfähigkeit des angeblich »verwöhnten« Geschlechts bei allen Völkern moralisch und physisch der Vergangenheit überlegen. Um so widriger das Hetzen schwarzer Sklaven gegen die »Barbaren«. Das arme Vieh schmeichelte sich noch damit, für die sog. Zivilisation verenden zu dürfen. Versoffene Scheichs verschworen sich, sie durch Massakrierung aller deutschen Wilden zu retten, die ältesten Neger – nie waren Sterbliche greiser und weiser – sträubten ihr Wollhaar über Hunnengreuel. Auch Südseeinsulaner ließen sich nicht lumpen. Ein edler Fürst dieses Landes beglückwünschte den König Georg, der verdutzt fragte: »Wer ist Goethe?«, er möge alle Huns auffressen. Die Tinte errötet über so scheinheilige Schande der Menschheit. Wenn die Schwarzen sich zu Tausenden am Boden wälzten und zu ewiger Ruhe kamen, bimmelten über ihnen die christlichen Sonntagsglocken.

Ja, kein Christentum, doch mehr als Römermut, Monate lang Tag und Nacht auf gleichem Schlachtfeld durchzukämpfen wie bei Arras, Verdun, an der Somme; welches Heer der Vergangenheit vermochte Gleiches! Aber wozu dies Heldentum? Die Bestialität wird sich gleich herrlich offenbaren. Zu ohnmächtigen Wutausbrüchen, weil die Dinge nicht nach Wunsch verliefen, gehörte auch feige Mißhandlung der Elsässer Zivilbevölkerung, Austreibung von Frauen, Kindern, Greisen. Vorübung für die Schandtaten im Saar-, Rhein- und Ruhrgebiet mitten im Frieden! Über deutsche Gase heuchelte man weiter, weil die eigene Stinkerei zu wenig Teufelei erwies. Ausstattung der Flieger mit scharfen Pfeilen war mehr theoretische als praktische Grausamkeit, doch den Bethlehemitischen Kindermord in Karlsruhe und andere Fliegerschuftereien über sieben offenen Grenzstädten pries »Havas« als ›großartigste Leistung, die je in Lüften vollführt‹. Als deutsche Flieger aber am befestigten Nancy und der Großfestung Paris Vergeltung übten, erhob sich klägliches Gewimmer mit Krokodilstränen wie von »tränenerzeugenden Gasgranaten«. Die Nationalfranzosen übertrafen noch die Neger im Niedermetzeln überrannter Grabenbesatzungen. Im Franzosen schlummert der Sadismus, jede Niedertracht der Menschennatur kommt zum Vorschein, wenn das Brennusschwert als Nettoyeurmesser sich gegen »Hunnen« alles erlauben darf. Nur Bravour muß man ihm lassen. Clausewitz rühmt die Festigkeit napoleonischer Kolonnen im Kartätschenfeuer. Doch diese Kolonnenform, wie die Macdonalds bei Wagram, Erlons bei Waterloo, war eine staffelförmige mit seitlich herausgezogenem Hintertreffen und vermehrte kaum den Verlust; denn die Friedericianische und Wellingtonsche Lineartaktik zahlte bei Kollin, Kunersdorf, Albuera und Waterloo gleiche Opfer. Was ist das alles neben den Massenstürmen in der Champagne und bei Arras, teils in wirklichen dichten Sturmsäulen, später in dicken Wellen hintereinander, in die unsere Sichel mähend hindurchfuhr!

Doch so sehr dies zu bewundern, wie trübt das Bild die bösartige Verbissenheit, mit der z. B. General Bazelaire bei Verdun im Tagesbefehl Milde und Schonung gegen Gefangene verbot, man solle sie zu tiefster Unterwürfigkeit anhalten, d. h. grausam behandeln! Das sind die Menschen, die über deutsche Brutalität plumpe Fabeln erfanden. Und wie ungeschickt sie logen! Eigenartig berührt die Forderung des gleichen Bazelaire, man solle die übliche Phrase »überlegene Kräfte des Feindes« weglassen, man habe ihn nicht zu zählen, sondern zu schlagen. Immer hörte Frankreich von frischen deutschen Divisionen (wär's doch wahr gewesen angesichts erdrückender Übermacht), nie von französischen. Wäre Aufpassen und Nachdenken eine Pariser Eigenschaft, hätte man längst den komischen Widerspruch erfaßt, daß ständige Prahlerei mit Ententeübermacht und Auspumpung deutscher Reserven stets mit Erdichtung deutscher Übermacht auf dem Schlachtfeld Hand in Hand ging. Um so schlimmer: entweder war ersteres oder letzteres erlogen, die Führung unter aller Kritik, wenn sie trotzdem gegen »überlegene Kräfte« focht. Napoleon I. war außer sich, wenn die Pariser Presse seine Minderzahl hervorhob, sie müsse seine Streitmacht vielmehr größer angeben, als sie sei. Obiges wirkt tragi-komisch, doch die Komik endet bei den von Pariser Kulturbarbarei eingesegneten Hackmessern der Mohren, die an armen Verwundeten jede Verstümmelungsscheußlichkeit verübten. Reinen Heiterkeitserfolg hat aber das Staunen edler Buschmänner Australiens, weil sie bei den Antipoden etwelche Irrtümer über Alleinherrschaft des Union Jack nährten. In angelsächsischen Unwissenheitsdünkel schlug der Weltkrieg ein derbes Loch.

Spielen mit Wahrheitsliebe am unrechten Ort betrügt sich aber selbst mit Aufrichtigkeitsschein.

Welch albernes Verfahren, dem deutschen Publikum von Anfang an die Ententeberichte vorzulegen! So töricht war man drüben nicht; man ließ kein Lüftchen der Wahrheit durch. Doch unsere Oberlehrer mit Karmoisin-Hosenstreifen des Magisterkollegiums der »Halbgötter« am grünen Geheimratstisch militärischer Pedanterie gewinnen keinen Weltkrieg. Die Entente war, weiß Gott, von Feldherrnfähigkeit unangekränkelt, aber wenigstens nicht von Bedenklichkeit; ihr Wille zum Sieg schreckte vor nichts zurück, und sollten ihre Völker dabei alle auf der Strecke bleiben. Sie spielten von Anbeginn mit dem höchsten Einsatz, verdoppelten ihn nach jedem Verlust, verloren, verloren, verloren und sprengten mit dem letzten Gewinn die Bank.

Welch' entscheidende Dummheit, die Erklärung des uneingeschränkten U-Bootskrieges, da doch Wilson nur auf Kriegsgrund lauerte! Das erinnert wahrlich an Oliviers »coeur léger« und an Leboeufs »archiprêt«. Leichten Herzens, mit Papierblockade ohne U-Boote, bereit zu sein! Nagende Nervosität verlockte dazu mit der irrigen Überzeugung, daß man so England auf die Knie zwingen werde. Welcher Mangel an Geschichtskenntnis, die dem Staatsmann wie dem Militär das tägliche Brot sein müßte! Kontinentalsperre schuf einst England schwere Beklemmung; es wollte auch Anfang 1812 Frieden machen (Talleyrands Memoiren), doch stellte immer noch unerfüllbare Bedingungen und sein Friedenswille fiel sofort um beim geringsten Steigen seines Barometers. Das Volk hat im »freien« England nichts zu sagen, die Herrschende Jingo-oligarchie bleibt unerbittlich und erbarmungslos folgerichtig im Durchhalten ihrer Imperialziele. Die »Times« bekannte schon früh offenherzig, man fechte nicht »für Belgien«, sondern die eigene Weltherrschaft, der Deutschland im Wege stand. Germaniam esse delendam! ganz wie beim römischen Patriziersenat. Und diesem eisernen Willen gegenüber die deutsche Mieselsucht, die sich gegen Flotte und Kolonien sträubte, ebenso aber aus »turmhoher« Liebedienerei für den Zarismus sich mit England nicht freundschaftlich vertragen wollte. Jetzt hintennach jammert man: »Ja, wenn Amerika nicht gewesen wäre!« Alle »Berufenen« wußten aber genau, daß es nie rechtzeitig Truppen nach Europa schicken könne. Jede Warnung wirklich Wissender ward überhört, weil unwissende Darstellung des einstigen Bürgerkriegs durch den interessierten Berliner Militarismus täuschte. Sonst hätten unsere »Ehrendoktors« auf militärischem Katheder nicht so kindisch die beispiellose Organisationskraft der Union unterschätzt.

Noch schlug unser Heer sich glänzend, doch banger Zweifel schlich umher, ob man es schaffen würde. In der Heimat mit ihren Hungerklagestimmen und pazifistischen Miesmachern träumte alles von »Verständigung«. Die Regierung war willens dazu wie der Reichstag. Nachträglich sucht man die Gründe feindlicher Ablehnung in Unklarheit der Ansprüche auf belgische Garantie und den Unebenheiten des Friedens von Brest, wo man gern beschäftigungslose Prinzchen unterbringen, sozusagen unter die Haube bringen wollte, nämlich Herzoghütchen zur Vasallenstaffage für Se. Majestät. Törichte Afterkritik besonders superkluger Neutraler! Die Entente wollte eben nie und nimmer, es sei denn, daß ihr das Messer an der Kehle sitze. Denn wie König Georg richtig kundgab, unentschiedener Krieg war deutscher Sieg.

Man zog aus, damit Kosaken und indische Lanzers sich Unter den Linden ein Rendezvous gäben, wie Curzon so schön prophezeite, promenade à Berlin sollte einfach Vernichtung des deutschen Reiches bedeuten, Wiederherstellung des alten »Gleichgewichts«, wo im europäischen Konzert wieder die alten Machtanwärter allein die erste Geige spielen und dem Michel die nötigen Flötentöne beibringen dürften. Ist dies disharmonische Leitmotiv zu symphonischer Siegeseintracht geglättet worden? Nein und abermals nein! Der Gouvernantenwunsch, Michel dauernd mit der Rute die Hosen stramm zu ziehen, wird niemals erfüllt werden, trotz aller Kapriolen französischer Hegemoniewut. Das ist der große Schmerz. Denn zur Ausschaltung der deutschen Nation gehört ein übermächtiges Rußland, und dieser Albdruck schwand nun für immer. Ein Deutschland voll Industrie ohne Rohstoffe, Frankreich mit Rohstoffen ohne Industrie, solch Gleichgewicht war ein Ziel aufs innigste zu wünschen für englische Interessen; doch das Abnorme blieb leider nicht normal, und Albions Betrübnis kannte keine Grenzen, als Frankreich sich als alleinige Wirtschaftsherrin des Kontinents an der Ruhr niederließ. O, die Schlange, die man am eigenen Busen genährt und die ein förmlicher Luftschiffdrache wurde!

Es spornt zur Nacheiferung, daß England zuletzt doch noch sein Geschäft machte, Ruin der Konkurrenz trotz lange drohendem eigenen Konkurs. In den zur Firma Entente später assoziierten Ländern hatten die geschätzten politischen Numismatiker eine Münzsammlung aller Geldsorten in der Tasche vom Sovereign bis zum Rubel, bauten aber keineswegs auf Vorspiegelung falscher Tatsachen, daß alles zum Besten stehe, sondern die ehrlich Verkauften wollten nur den Karren einer verlorenen Spekulation aus dem Dreck ziehen. Daß sich so bald die Unterbilanz aufs Gewinnkonto umbuchen lasse, daran dachte nicht mal Uncle Sam, der moralisch Entrüstete. Nutzte also militärischer Schwindel nichts mehr, so doch noch immer der Greuelfeldzug für geistig unbemittelte Rothäute und die Kriegsschuldfabrikation.

Indessen darf man die Irredenta, die natürlich auch Nizza und Tessin begehrt, nicht mit dem niedrigen Unterdrückerwillen der Ententebrüder verwechseln, da ihr doch wenigstens berechtigter Nationaldrang zugrunde lag wie bei Deutschlands Befreiung Schleswig-Holsteins. Auch sieht der politische Verrat etwas anders aus, wenn man bedenkt, welche vollbegründeten Rachegefühle Italien gegen Österreich nährte. Trotz der falschen Orientierung nach französischer Seite, lebte in Italien bei allen Gebildeten aufrichtige Hochachtung für Deutschland. Als aber nach dem Kriege diese Sympathie in wahren Franzosenhaß umschlug, bekam man dasselbe wie in anderen »freien« Staaten: Die Volksmeinung hat das Maul zu halten, die Exekutive bestimmt, was sie will. Die Schilderhebung Mussolinis war ein famoser französischer Trick, Absage an den Sozialismus nur ein Vorwand, um Italien erneut ins Fahrwasser der Fratallanza zu locken. Die französischen Köche halten immer offene Galatafel für Jeden, der sich ihren Ragout fin schmecken läßt.

Ganz wie im siebenjährigen Krieg feierte auch Unterrockspolitik ihr Schäferstündchen. Der vom Cäsarenwahn geblähte und allmählich jeder Vernunft unzugängliche Zar schwatzte mal unnützes Zeug vor General Pau, den man ihm als Aufpasser und Überwacher der Russenfront schickte – zu schmerzvollem Zorn Ruskis – von Blutsverwandtschaft mit der Entente! Meinte er seine deutsch-englische vom heiligen Geist Rasputins befruchtete Gattin, die den einen Pantoffel schwang, die dänische Mutter den anderen? Diese Medea des Weltkrieges, die schon ihren Mann französisch umnebelte, ahnte nicht den Tag, wo sie »blaß wie Marmor« schweigend des Söhnchens Absetzung erfuhr. Des Welfen Georg und des Holsteiners Nicky (alle Romanows hatten sonst deutsche Mütter, Katharina II. stammte aus Anhalt) dänische Mütter schlugen eine seelische Brücke zwischen von Natur todfeindlichen Völkern; die Angelsachsen bekehrten sich über Nacht zu russischem Juchtenleder. Das arme Jüngelchen Zarewitsch, vom Väterchen ins Feldlager huckepack getragen, damit die Muschiks sich an solchem Jesuskindlein erbauen möchten, verlieh sich höchstselbst eine Tapferkeitsmedaille als Lutschbeutel für begangene Heldentaten in der Windel und die mit Georgskreuzen Dekorierten salutierten ihm als Ehrenleibwache. O grausige Stunde, wo im fernen Irkutsk das sieche Kind in Vaters Armen die Sünden der Väter büßte, o grausiges altes Wort: Ich strafe bis ins dritte und vierte Glied! Warum dem Bösen fluchen und drohen mit ohnmächtigem Vergeltungstrieb! Die Rache ist Mein, spricht der Herr, Ich will vergelten. Jeglichem nach seinem Maß, denn schrecklich, wie ihm gebührt, war das Ende des Erben Ivans des Schrecklichen. Andere strafte nur der Fluch der Lächerlichkeit, c'est le ridicule qui tue. – –

Bismarck verachtete die Presse und der Weltkrieg drückte sein Siegel drauf. Die illustren Heimkrieger in Paris und London immer zu Haus und immer am Werk, an Irrlichten das kümmerliche Feuerchen ihrer Kriegsbegeisterung weit vom Schuß anzuzünden und mit dem Maul Deutschland totzuschlagen. Wenn der Totgesagte solche Maulschellen gab, daß ganz Europa erzitterte, zeterten sie über die Gemeinheit. Ausgerechnet sogar an Kosaken zur Abwechselung verübten wir Schauerdinge. Hätte man diesen Bestien peinliche Todesarten auferlegt, wäre dies im Entente-Stil gewesen. Unsere gewissenhafte Eselslangmut verhängte leider nie Vergeltung für Ostpreußen und die gräßlichen Gefangenen- und Interniertenbaracken, wo Kulturmenschen wie Fliegen starben. Auch die allzu milde Behandlung französischer gefangener Offiziere empfehlen wir nicht zur Nacheiferung. Man möchte vorziehen, wenn man diejenigen russischen Generale, deren Anweisungen zu Verwüsten und Niedermetzeln man Schwarz auf Weiß in Händen hatte, mit echtrussischer Knute bearbeitet und ihnen dann eine Kugel in den Leib gejagt hätte. So allein lehrt man Barbaren gute Sitten. Doch es war gut so, »die Rache ist mein«, wie viele von ihnen sind später elend verkommen! Die Bolschewiki übernahmen das Henkeramt, das wir unter unserer Würde hielten.

Jeder deutsche Gottseibeiuns, Admiral Nietsche bewaffnet U-Boote, Marschall Treitschke hackt dem unsichtbaren belgischen Wunderkind die Händchen ab, Quitschke und Quatschke ziehen für Welteroberung gegen den Mann im Mond zu Felde... dieselben Mondsüchtigen, vor deren kalter Schläue man sonst Angstschweiß vergoß! Weiß-, Grün- und Gelbbücher mit fälschenden Auslassungen, daß einem grün und gelb vor den Augen wird, gefälschte Tagebücher deutscher Soldaten, bei denen Altonaer Pioniere mit Pommerschen Füsilieren verwechselt werden, fabriziert am Quai d'Orsay von Schmierern, die Deutsch wie Ausländer schreiben!

Betrunkene Popen spenden Weihwasser und plärren Gebete zu den Heiligen von Kasan, Kiew, Smolensk, doch haben keinen telefonischen Anschluß an Gott, der sich als Herrgott von Dennewitz beträgt, und als Herr der Heerscharen die »Hunnen« begünstigt. Diesen Alliierten – Napoleon nennt ihn »Schicksal«, doch Name ist Schall und Rauch – trieb die Entente nicht auf, soviel Neutrale sie in den feurigen Ofen lockte, ein Brand für Freiheit und Recht und sonst was guts. Sie verteilte so viele J'accuse, daß man den Muschiks die interessante Mitteilung machte, sie zögen für Zivilisation den Degen. Fielen die Götter vor Lachen von den Olympischen Stühlen? Sie hörten nicht zu, der Kabel war zerschnitten. War Gott neutral? Durfte Jung-Siegfried singen: »Ich habe geschmiedet ein gutes Schwert, ich will bezwingen die ganze Welt?« Gott ging schweigend seinen unerforschlichen Weg. Englands Jehova zahlt keine Konventionalstrafe, wenn er den Pakt mit seinem auserwählten Volk, ihm die ganze Erde zu geben mit ihrer Fülle, nachträglich mit allerlei Klauseln einschränkt.

Während in Czernowitz die Fenster klirrten und das Pflaster bebte, flanierten und flirteten die k. k. Offiziere auf Urlaub und warfen, wenn sie in die Schlacht zogen, ihren Freudenhäusern Kußhände zu: Tschau, Schatz! Et tu, felix Austria, nube! Die Entente sagte nur Finis Austriae an, in den Lüften grollte: Finis Russiae! Doch es stirbt sich nicht so leicht, und wie Finis Poloniae in verfrühtes Auferstehungslied umklang, so kann kein Geheul britischer und gallischer Hochmutsteufel in Finis Germaniae ausklingen.

Ungeheure Anstrengungen Japans und Amerikas, dem Schellentanz des zu Tode getroffenen Zarismus ein Scheinleben einzublasen, brachten nur Zuckungen einer galvanisierten Halbleiche hervor, das Siegel des Golem ward plötzlich gelöst und er sank um, ein Haufen Lehm. Die Opferfreude der Dollarprinzen mit festen Wucherpreisen galt natürlich dem demokratischen Westeuropa? Geschäft ist Geschäft, und dem Zarismus unter die Arme zu greifen, den man bisher in Acht und Bann getan, war ein biederes Samariterwerk. O zahlungsfähige Moral, dein Name ist Großkapital, o Heuchelei, dein Name ist Yankee. Und was ist Dein Name, heilige Dummheit? Bauernschläue, Prozeßsucht, die den Prozeß immer in letzter Instanz verliert, der »heilige Egoismus«, der nicht den Wald vor Bäumen sieht. Japan wird einst in Sack und Asche trauern, weil es fürs Linsengericht der Kriegslieferungen seine Ostasiatische Erstgeburt verkaufte, die Spanne Frist verstreichen ließ, wo es just im Weltkrieg mit Amerika abrechnen konnte. Überall Kurzsichtigkeit pfiffiger Schmutziane. Alle ernten einst den Lohn ihrer Schäbigkeit.

Keine Lüge versäumend, an die weder die Presse noch ihre Leser glaubten, zum Aufreizen dummer Leidenschaften, gaben Armeebefehle die Losung weiter, Gefangene und Verwundete abzumurksen, nachher aber erfand man riesige Gefangenenziffern. So schwachherzig mißachteten Muschiks und Poilus solche väterliche Strenge, durch Nagasika und Maschinengewehre hinter der Front aufgepeitscht? Der deutsche Totenverlust blieb immer normal, sintemal die »Sieger« selten Zeit zu Gnadenstößen fanden, weil sie so bald das Weite suchten. Was stimmt nun, viele Tote oder viele Gefangene? Löse mir, o Örindur! Auch diesen Zwiespalt der Natur, daß alle »liberalen« Demagogen ein Herz und eine Seele waren mit den bramarbasierenden Organisatoren der Niederlage, die sich nachher im Westen als Carnots des Sieges spreizten, weil ein ironisches Schicksal ihre Unfähigkeit in bengalische Beleuchtung rückte. Und all diese Knock-out-Verbrecher mit dem Säbel und mit dem Schnabel flunkerten von deutschem Militarismus als einzigartig und vomierten täglich »Freiheit und Recht«, bis selbst die unmündigen Kindlein, Volk genannt, sich die Nase zuhielten, an der man sie herumführte. Dies Geschlecht der Örindur bleibt der Gemeinheit feste Säule und sein Thron wird bestehen, »ob die Natur auch damit zu Ende eile«. Ich kenne dich, schöne Maske!

Die Rumänen ließen sich anfangs in Masse niedermachen, die Deutschen staunten über solche Verbissenheit, bis sie erfuhren: Die feile Ignorantenpresse machte den armen Teufeln vor, wir marterten unsere Gefangenen zu Tode nach guter alter Hunnensitte Attilas! Die kulturlose Unbildung der analphabetischen Volksschichten in allen Ententeländern (denn was wußten Poilu und Tommy anders von Deutschland, als was »Daily Liar« und »Matin« – guten Morgen, Herr Fischer! – vorschwatzen?) förderte wesentlich den Kampf für »Freiheit und Zivilisation«. Warum weissagte unsere Presse nicht auch den deutschen Gefangenen, wie die »großmütig ritterlichen Franzosen« sie mißhandeln würden? Weil man sie ausgelacht hätte, denn Michel ist unfähig, sich französische Niedertracht richtig vorzustellen, noch weniger das Maß von Lügensucht, das die englische Presse den wahrheitsliebenden Briten zumutete. Doch, o wunderbare Gerechtigkeit des Maß für Maß! am schlimmsten sind deutsche Gefangene behandelt worden nach dem Zusammenbruch, wo man unsere Vergeltung nicht mehr zu fürchten hatte, alle Überläufer und feige sich Drückenden der Schlußphase hatten ein schlimmeres Los als je. Man liebt den Verrat und haßt den Verräter, dies alte Lied lernten auch alle untreuen Bundesgenossen, die sich auf Deutschlands Kosten salvieren wollten.

Die in Verbrecherkreisen so beliebten Spartakisten ohne Spartakus beriefen sich umsonst, wie Eisner auf »Freund Clemenceau«. Also verderb' ein Jeder, der ähnliche Werke vollführt hat! zitierte Scipio den Homer, die Entente aber schreibe sich den Schillervers ins Stammbuch: Das eben ist der Fluch der bösen Tat! Die Krokodilsträne über Vergewaltigung des Brester Friedens, obschon die Randstaaten nur unter deutschem Protektorat Lebensfähigkeit bekommen hätten, wich dem Wolfsgeheul der Schadenfreude, als der polnische Sklavenaufstand wie eine Hyäne den großen Scheintoten benagte. Noch war Polen nicht verloren, solange es ein ideales Schattendasein in den Köpfen romantischer Schwärmer lebte, jetzt wo es Schlangenblut trank, um Leben zu gewinnen, zeigte es seine wirkliche Gestalt. »Quand Auguste buvait, la Pologne etait ivre« heißt hier: Wenn Paris trinkt, ist Warschau besoffen, einst zerrieben zwischen gemeinsamem Zorn der Deutschen und Russen. Das hat mit ihrem Singen die Marianne getan, Frankreichs naive Sturmpolitik des illusionären Gernegroß mit Augenblickseffekten. Sein hemmungsloses Delirium macht Schule, es kurierte sogar Abällino und Mussolino von Barèrezahlung blinder Wälschgängerei. Es möchte kein Vasallenstaat der Angelsachsen sein und zerhaut daher den Ast, auf dem sein Kuckucksnest saß. Friedrich der Große klagte über unnatürliche Allianzen, die unnatürlichsten kannte er noch nicht. Wer den Bogen überspannt, zerbricht ihn. Die Nemesis lacht über die Hybris, wo sogar das geschlagene Italien Mussolinis in Imperialübermut stolziert. »Realpolitik?« Ja, am Piave!

Joffre verschwatzte sich nachher bezüglich Verabredung mit der englischen Militärbehörde vor dem Kriege über Transport Frenchs nach Belgien. Doch die Enthüllung ging spurlos vorüber, denn der Chauvain glaubt wie ein hysterisches Frauenzimmer an die eigenen Lügen und beschwört feierlich, Frankreich sei das Opfer brutalen Überfalls, selber von Friedensbalsam überfließend. Die Völker sind noch so dumm, an ihre Mitwirkung bei Außenpolitik der Geheimdiplomatie zu glauben, und verwechseln ihre eigene natürliche Friedensliebe mit der allein maßgebenden Exekutive, die ihnen Brei ums Maul schmiert. Folgt eine Lüge auf die andere, holt man keine mehr ein, denn Lügen haben nicht kurze, sondern sehr lange Beine. Wo schon manch leichtgläubig Blindem in England halbwegs der Star gestochen und der Schleier zerronnen, auch der um kitschige Kitcheners gewobene, da glaubt der transatlantische Hinterwäldler noch inbrünstig an die von Wallstreet bezahlten Barnumspäße, die das Belgierkind mit abgehackten Händchen – ähnlich den Gespenstern, jeder hörte davon, keiner sah sie – mit Kirmesgebrüll ihrer ›Clowns‹ zur Schau stellen. Und was half es, daß »Bertourien« (Senator Graf Bonal) die Wahrheit auf dem Marsche sah (La verité), daß in England sich Achtbare gegen die Pharisäerwirtschaft erhoben? Nicht mal heut nach Kriegsschluß dringen ihre Stimmen durch, die unbeschreiblich törichten französelnden Northcliffiten bis in die höchsten Deutschenfresserkreise bestehen noch heute auf ihren aufgeschwatzten Jingophrasen vom harmlosen Unschuldslamm Frankreich und dem bösen Wolf Deutschland, der ihm allezeit (durchschlagender Heiterkeitserfolg Clemenceaus) das Rheinwasser trübte. Umsonst beeiferte sich der arme Münsterberg in Harward, noch in seinem Sarg witterte man deutsche Bomben. »Deutsche mißverstehen stets fremde Mentalität?« Und wer versteht die deutsche allzu friedfertig versöhnungslustige? Umsonst erscheinen heute überm großen Wasser die vernünftigsten Bücher, die niemand liest außer den paar Gebildeten, was nicht zählt. Uncle Sam gähnt, man möge ihn ungeschoren lassen. Die schöne Sensations-Attraktion des Kreuzzuges gegen die Hunnen sei nun vorüber, fette Gebühren dafür bezahlt, und nun wolle man ihm hinterher sein Vergnügen rauben, daß er für Freiheit, Recht und Munitionsdividenden den blamierten Europäern die 14 Punkte Wilsons als Kanzeltraktätchen aufdrang? Larifari! Die Hunnen bleiben Hunnen, Belgier Märtyrer, Franzosen glorreiche Marseillaisesänger, der kaiserliche War-Lord (o Gott!) ein Attila und damit basta bis zum jüngsten Gericht!

Diese Atmosphäre giftiger Verleumdung war der tödlichste Gasangriff, er verpestete solange die Luft, bis die deutsche Lunge nicht mehr atmen konnte. Wir wurden nicht besiegt, sondern fühlten uns besiegt, wurden nicht getötet, sondern waren schon eine lebende Leiche. Als man einem an Blutvergiftung seelisch Gebrochenen, durch Brunnenvergiftung um jeden Heiltrunk begaunerten galvanisierten Leichnam, der noch künstlich mit den Armen um sich schlug, einen Rippenstoß versetzte, fiel er um! Sein sinnbildlicher Vertreter bekam einen Ohnmachtsanfall und lallte: Fahr wohl für immer, schöne Leiche! Die Northcliffe-Medea schlug in die Harfe: Jason, ich weiß ein Lied ... die Argonauten stahlen herzhaft das goldene Vließ und die Drachensaat streitbarer Männer wird nochmals aufgehen. Mit diesem Zaubertrank im Leibe aus mephistophelischer Hexenküche, wimmert nicht nur das Gretchen, sondern auch die schöne Marianne: Nachbarin, Euer Fläschchen! Denn jeder spürt, daß Leichengift vom deutschen und russischen Volkskadaver ganz Europa ansteckt. Doch die Vogelstrauß-Politiker der »Siegerstaaten« (!) stecken den Kopf in den Sand, um nichts zu riechen, oder heben als Kriegsgewinnler phäakisch die Hände zum lecker bereiteten Mahle. Die Oberförster im Phrasenwald, diese nur unter Deutschen möglichen Hoch- und Selbstverräter, kreischen Beifall zur Schmierenkomödie »Untergang von Bismarcks Reich« und der deutsche Blätterwald rauscht von Leitartikeln gehässiger Scheel- und Parteisucht, Hyänen des Schlachtfeldes zerfleischen als Leichenräuber ihr sterbendes Vaterland. Rot, Schwarz-Rot-Gold, Schwarz-Weiß-Rot, ein Wald von Zwitterfahnen, nur keine Sturmfahne wider den Landesfeind!

Nietzsche predigte, unglücklicher Krieg sei besser als ehrloser Friede. Schmeckst Du es, Michel? Bis zuletzt bewegtest Du Dich in Einbildungen, die Angelsachsen würden ein Einsehen haben, und doch versetzten nur sie Dir den vergifteten Todesstoß. Schöne »Vettern« oder Stiefbrüder, die solche Verwandtschaft nicht mal anerkennen! Unter allen Vernichtungsstrebern sind die Franzosen die entschuldbarsten, da sie etwas zu »rächen« hatten und Revanche nun mal ihr Leibgericht. Vergalten sie nicht auch den einstigen Waffenstillstand (Bourbakis Untergang)? Die Panslawisten, so empörend der Undank Väterchen Nickys für alle ihm von Willy geleisteten dynastischen Schuhputzerdienste, berufen sich auf angeborenen Deutschenhaß. Das offizielle England aber handelte aus allerniedrigsten Beweggründen, während es Mitleidszähren um Belgien vergoß und seinem unwissenden Pöbel die Greuellegende einimpfte. Was sich die Amerikaner mit krankhafter Ideologie suggerierten, stammt nur aus der Requisitenkammer gemeinster Imperialselbstsucht und wahnwitziger Überhebung. Wer pries vordem unsere sozialen Institutionen als musterhaft? Wilson und Lloyd George. Beide beschworen, sie wollten nur das arme deutsche Volk von »Junkern« erlösen, doch kein Anflug von Achtung und Erbarmen für das große Volk, das sich heldenhaft so lange gegen eine Welt von Henkern aufrecht erhielt, trübte ihre Erdrosselungsbosheit. Ja, selbst für die ursprünglich dem Kriege Abgeneigten in England heiligte nachher der Erfolg jede Imperialuntat. Machiavelli schuldet noch ein Kapitel, wie John Bull sich moralisch erhitzt, wenn er gaunert. Über der Weißen Schmach der Erben Melacs und all der anderen Gallischen Mordbrenner – Sadisten vergißt man heute allzusehr die unersättliche Wolfswut der Jingos. Mit nichts anderem als Deutschlands Vernichtung wollten die Besessenen der Primrose-League sich zufrieden geben, sonst lieber selber untergehen. Sie verlachten jedes Friedensangebot erst recht, nachdem unsere Macht all ihre Erwartungen trog. Man könnte diese Haltung bewundern, wie die des römischen Senats bei Hannibal ante portas, der freilich den punischen Krämersinn kannte, an dem Hannibal zugrunde ging. Kannte die Entente den deutschen Hödurgeist? Die Friedensresolution des Reichstags erschien ihr als Schwächesymptom, sie verhandelte heimlich mit dem Habsburger Verräter, baute auf die Hungerqual und reichliche Bestechung, wofür die dumme »Wilhelmstraße« nie Gelder übrig hatte. »Die große Reserve« Amerika steifte ihr das Rückgrat. Doch sie selber begriff noch nicht, daß schwerer als alles Blutgeld und alle erstaunliche Rüstung der Yankees die 14 Punkte als Falle mit Rattengift ins Gewicht fielen. –

Daß man unklug den Bulgaren die verheißene Dobrudscha halb vorenthielt, hinderte nicht das Geheul aller Neutralen über den angeblichen Gewaltfrieden von Brest, das reine Zuckerwasser neben dem späteren Versailler Vitriol. Statt die Bundesgenossen vor den Kopf zu stoßen, hätte man an ihren Forderungen festhalten sollen, das hätte sie vielleicht an uns geschmiedet bis zum bitteren Ende. Statt dessen die Parole: Friede sobald wie möglich! Keine Annexionen! Das Friedensprotokoll war eine Stümperei, wobei Trotzky mit Ironie trotzte und durch diplomatisches Wissen die »Fachleute« überraschte. Dieser Friede empörte Alldeutsche und Bulgaren durch seine Milde, ohne dem Feind den Vorwand zu nehmen, er sei gewalttätig. Nicht Fisch noch Fleisch: Den Neutralen die Mäuler aufreißen und doch nichts Bestimmtes durchsetzen, ob Hofmann noch so derb auf den Tisch klopfte. Auch bei den Westvölkern schrien viele nach Frieden, doch die »demokratischen« Regierungen schlossen ihnen den Mund mit Kerkerklammern und Füsiladekugeln, jede Meuterei wurde blutig erstickt, während der stramme deutsche Militarismus fein säuberlich die gesetzliche Regeldetri befolgte und ihre Zuchthausstrafe an den lieben Knechten der roten Phrase erst vollstreckte, wenn ihre Immunität einen Augenblick durch Armierungstoilette aufgehoben war. Man schleppte zwar 20  000 harmlose Nörgler in Schmutzhaft, unterdrückte aber nirgends den sogenannten Pazifismus, der mit schönen Gesten bewußten oder unbewußten Vaterlandsverrat inszenierte. Man ließ das Gift »neutraler« Ententezeitungen ungestört kursieren, wie auch Umtriebe und Auslandsgelder für Propaganda und Spionage Eingang fanden. Gewiß schrie die steigende Not zum Himmel, doch wie durfte man sich über die Angelsachsen sentimental beschweren, da England einst dieselbe Hungerblockade über das revolutionäre Frankreich verhängte und die Yankees sie gegen ihre eigenen südstaatlichen Landsleute brutal durchführten, beides unter viel mißlicheren Umständen, als wir im Weltkrieg sie je erduldeten, da uns die Ostsee, Holland, Schweiz offen standen. Die damaligen Opfer bissen schweigend die Zähne zusammen, wir aber verstanden nicht, daß die Feinde keinen Frieden um keinen Preis wollten, und lauschten dem verlockenden Sirenenlied der 14 Punkte des Weltschulmeisters. Bei uns lag der Urgrund aller Friedenssehnsucht nur in niedriger Selbstsucht des Individuums, das sein Behagen nicht geschmälert sehen mag, vielen Friedensschreiern ging es gar nicht schlecht, der verelendete Mittelstand hielt am geduldigsten aus. Wir möchten keineswegs magisterhaft die ideale Forderung präsentieren wie Ibsens Gregers Werle, man darf von ungeläutertem Menschentum nichts Ideales fordern. Dann muß also die Strenge des Staatsgedankens, individuelles Bedürfnis rücksichtslos mißachtend, das Ganze aufrechterhalten. Wenn Arbeitersoldaten ihren stürmenden Kameraden zuriefen »Streikbrecher«, so griff tatsächlich eine Streikgesinnung in Heer und Heimat Platz. Mit unerhörtem Zynismus betonte Wilsons Vertrauensmann, Oberst House, 1920 in Paris, daß Deutschland sich mindestens bis Mitte 1919 noch halten konnte, doch Wilson habe uns durch seine 14 Punkte »demoralisiert«. Die Pazifisten, soweit sie nicht bezahlte Verräter waren, sitzen heute wie Marius auf den Trümmern von Karthago, Dummheit ist keine Entschuldigung. Vom Tiger Clemenceau, Fuchs Lloyd George, Krokodil Wilson Schonung für Opfer ihrer Freßgier erwarten war reiner Gehirnschwund. Doch solche Stimmung sentimentaler Vertrauensseligkeit in Heimat und Heer förderte den Sturz abwärts, niemand war davon frei. Mit Ludendorffs Nervenkollaps hat die Revolution nichts gemein, wie die Zeitdaten lehren, sie war die Folge der Waffenstillstandsverhandlung, letztere aber die Folge fassungsloser Erschütterung. Nicht zu vergessen das schmachvolle Benehmen der Ungarn am Piave, sowie den durch Bestechung erreichten Treubruch Bulgariens. Der Knabe Karl fing an schon fürchterlich zu werden, wieder bewundert man die sittliche Weltordnung, daß sein Verrat ihn ebenso umbrachte wie sein Undank das zweimal durch deutsche Waffen gerettete Ungarn. Vielmehr wurde die Austreibung Habsburgs so erst recht beschleunigt, der letzte Habsburger büßte für tausend Sünden seines Geschlechts.

Wilson war die wahre Baßgeige und große Pauke für Michels Taubstummengehör. Und diesen Rattenfänger von Hameln, der deutsche Kindsköpfe verführte, hielt sogar Shaw, der für Lichnowskys Bremsversuche mit Löschpapier für entgleisende Expreßzüge den richtigen Blick hatte, für den richtigen Weichensteller! So werden selbst professionelle Ironiker umnebelt, wenn man nur hübsch bumfiedelt, der Ire Shaw schwatzte oft über sein verehrtes Deutschland so albern wie sein Ironie-Kollege Chesterton, der die alten heidnischen Prussi mit den preußischen Germanen verwechselt. Noch heut erröten Leute wie Stillich nicht, den Treubruch von Versailles mit dem »brutalen« Diktat von Brest und Bukarest zu vergleichen, als ob gerechte Bestrafung des kriegsschuldigen Rußland und des heimtückischen Vertragsbrechers Rumänien irgendwie ähnliche Voraussetzungen hätte wie der vorliegende feste Pakt der 14 Punkte. Bakers Mohrenwäsche zeigt Wilson höchstens als betrogenen Betrüger, der aus den Wolken fiel, als die Spatzen auf den Pariser Dächern pfiffen. Er war entsetzt, als er die geheimen Raubverträge der Entente kennen lernte? Dann hatte er die unbedingte Pflicht, zumal Lloyd George ihm gegen Clemenceau das Rückgrat gestärkt hätte, seine maßgebende Macht in die Wagschale zu werfen: Ich garantiere meine 14 Punkte. Man schämt sich in die deutsche Seele hinein, wenn Stillich den Frankfurter Frieden, den Moltke viel zu milde fand, mit dem von Versailles vergleicht, als ob Rücknahme früher geraubten altdeutschen Landes ungerechte Amputierung wäre. Gewiß enthielt der Brester Frieden eine Dummheit, die Annexion von Cholm, was wieder das vermaledeite Österreich verschuldete, das immer für sich auf Kosten deutscher Interessen Beute machen wollte. Aber die Randstaaten wollten ja selber von Rußland los, also verteidigte man nur ihr Selbstbestimmungsrecht. Rumänien aber wurde im Grunde glimpflich behandelt, am liebsten hätte Ungarn ein Stück davon geschluckt. Daß die rumänischen Macchiavellisten vor getäuschter Bosheit laut schluchzten, als sie den Frieden unterschreiben sollten, und daß deutscher Militarismus so wenig wie jeder andere sich auf Sentimentalitäten einläßt, soll man mit den beispiellosen Schandtaten der Franzosen im besetzten Gebiet auf eine Stufe stellen? Wahrlich, wenn Persius ein solches Pamphlet empfiehlt, so sollte uns auch seine Charakterisierung Wilhelms und Prinz Heinrichs verdächtig vorkommen, wenn sie nicht durch Graf Zedlitz so traurig bestätigt würde.

Wir denken nicht daran, das alte System reinzuwaschen, wie sich heut alle Spießbürger nach den Fleischtöpfen Pharaos zurücksehnen mit falscher Perspektive damaliger und heutiger Weltlage. Wir fürchten, daß die Reste des Obrigkeitsstaats nichts gelernt und nichts vergessen haben, wie denn heut jede Partei nur im fremden Auge den Balken (freilich nicht bloß Splitter) sieht. In gutgeschriebenen Büchern »Um den Kaiser«, »Der mißverstandene Bismarck« sucht der begabte Streber Hamann sich und seinen Meister, den schlauen Hlg. Bernhard, weißzubrennen, jede politische Erdbebenkunde ging ihrer Warte geradeso ab wie unsern ehemaligen Korpsstudenten, die sich auf schweinsledernem Korpus Juris ihrer Cameraliaexamen räkelten, sich als Salonfaxe und Schön-bartspieler mit Schmier- oder Parfümseife über den Löffel barbieren und sich das Monokleauge mit Ordensbändern blenden ließen, in lauter »ausgezeichneten Beziehungen«. Kiderlen fand das erlösende Wort, es werde gelogen, daß »die Balken sich biegen«, aber den Balken im eigenen Diplomatikerauge nahm er wohl aus. Und was fünf deutsche Professoren über »Deutsche Freiheit« als Erbauungsfibel zusammenschwätzten, erinnert an jene »teutsche Libertät«, für die einst Friedrichs Kriegsmanifest angeblich das Schwert zog. Ein Austauschprofessor band seine Festreden als Sträußchenangebinde für Amerika zusammen unter dem geschmackvollen Titel »Vom Weltreich deutschen Geistes«, das so bald die Sonne in seinen deutschen Staaten untergehen sah. Heutige Professoren aber scheuen sich nicht, den braven Hitler, den sie früher als unakademischen Anstreicher keines Wortes gewürdigt hätten, mit – Giadano Bruno zu vergleichen! »O Narr, ich werde rasend!« tobt Lear auf der Heide, enttäuschter Größenwahn rumort mit der alten Anmaßung. Auch dem Katheder-Militarismus als »Lehrer der Nation« hat die Geschichte des Weltkriegs manch böses Sprüchel zu sagen. Unsere schroffe Ablehnung offenbarer Entstellungen und Erfindungen, wo man sich das kindliche Vergnügen macht, deutsche Kriegsverbrecher in contumaciam zu hängen, beirrt nicht das bittere Geständnis, daß hier und da in der Hitze des Gefechts wohl Grausamkeiten verübt wurden. Die Franzosen nennen ausdrücklich 4. 10. D., ohne zu ahnen, daß es sich dabei um viel polnische Bestandteile handelt, wie auch bei der Oberschlesischen 12., trefflichen Soldaten, die aber nachher die scheußlichen Banden beim Raub dieser deutschen Gebiete bildeten. Schlimmer drücken die kalt überlegten Härten in Lille ins deutsche Gewissen, viel glaubwürdiger als die belgischen Aussagen von Hysterikern beiderlei Geschlechts. Denn man bezeugt, unsere Soldaten seien alle gutmütig und mitleidig gewesen, nur die Offiziere brutal erbarmungslos, deren sonstige Selbstsucht die Mannschaften erbitterte. Die Schrift von Gothein sagt darüber das Nötige. Nun, das ist würdig jedes Militarismus, wahrlich nicht bloß des deutschen, wir fragen die deutschen Pazifistenschreier mit Byron: »Bestraft man Sünde nur durch größere Sünder?« Wie verfuhren denn die Russen in Ostpreußen? Daß sich in Wisé, Tamines, Aerschot, Andennes, Löwen, Dinant sich die Bevölkerung unzweifelhaft am Kampf beteiligte, verschwieg natürlich die berüchtigte Untersuchungskommission über Hunnengreuel. Und das soll die Reparationsgreuel des Ruhrskandals mitten im Frieden rechtfertigen? Solche traurigen Schächer wie unsere Friedensschmoke, die für Nobelpreise die Feder wetzen – einer hieß sogar Fried, da konnte es ihm nicht fehlen – mit ihren Schiefblicken nur für deutsche Vergehen kennt kein anderes Volk. »Nie wieder Krieg?« Bravo, wir wollen eine Liga wider den Tod stiften, nie wieder Krebs, Tuberkulose, Syphilis! Die große Neuigkeit, daß Krieg das größte Übel sei! Na, Lungenpest und Cholera sind auch nicht zu verachten. Als ob der Krieg Aller gegen Alle im Erwerbsleben »Friede« wäre! Da meuchelt langsam und heimlich, was im Krieg mit offener Größe die Knute schwingt. Erst ändert die Bazillen verderbter Gesinnung, betrachtet die wuchernden Wirtschaftsbanditen als Raubmörder, dann werden wir über Heildiagnose reden, wie dem »Krieg« beizukommen sei.

Schriften von Scheidemann, Noske, Bernstein oder Hertling, Erzberger, Nowack geben alle das gleiche Bild wie »Vorgeschichte des Waffenstillstands, Amtliche Urkunden«, wie Hindenburgs Telegramm nach Compiègne vom 10. November, trotzdem Gallwitz am 26. Oktober und Gröner am 5. November sich gegen unbedingte Kapitulation sträubten. Ein einziges »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«. Hier gab es keinen letzten Ritter Maximilian, der sich beim Kraxeln verstieg, weil es von Zugspitz der Kaiserträume so bedenklich zieht, doch in der Revolutionsbrühe schwamm auch kein Maximilian Robespierre, höchstens als »Unbestechlicher« ein Maximilian Harden. Auf den Baron Ochs folgte der Bürger Rindfleisch, welche Verbesserung! Arminius übertölpelte die klugen Römer, Karl V. witzelte über die »tollen und vollen« Deutschen, da hatte ihn schon Moritz am Kragen, Wallenstein durchschaute die ollen Schweden, deren Wickingszug unsere Gustav-Adolf-Vereine treugehorsamst verewigen, und der Sohn Verhuells, der sich für den Neffen der Schlacht von Austerlitz ausgab, fiel auf Bismarcks Biedermiene herein. Wir sind gar nicht so dumm wie wir aussehen. Doch wer waren unsere Gambettas der Nationalverteidigung? Der vatikanische Hintertreppenfindling, der Schmerzberger und Erzherzog bauchrunder Pfiffigkeit! Seine mit 30 Millionen (als es zu spät war) geschmierte Propaganda gründete im schönen Süden zwei Blättchen unter Ausschluß der Öffentlichkeit, deren einzige Leser in der Villa Malta saßen, und ließ sich herausschmeißen, wo er mit behaglicher Gönnermiene anklopfte. In der Schweiz schlug sein gut österreichisches Herz in Einklang mit den Klerikalen für möglichste Erhaltung Habsburgs. Das waren die deutschen Männer, die dem Foch beim Anblick der feisten Jammergestalt, die per Dolmetsch mit dem Franzmann verkehrte, den Ausruf entpreßte: »Das also ist das Deutsche Reich!« Dies Neue System mästete sich von Schwätzern, der einzig Bedeutende, Rathenau, mußte eiligst gemeuchelt werden. Doch siehe da, seine wahren Mörder, Plutus I. und der helferliche Hetzkaplan »nationaler« Großhändler, hat sie nicht »der Finger Gottes« ausgemerzt? So wird noch mancher ins Gras beißen, ehe die Mummelgreise und Parteibonzen erster und zweiter Garnitur, faulige Überreste des Alten und Pilze des Neuen Systems, einem neuen Geschlecht den Platz räumen. Das Plapperment der »Sumpfkröten«, wie man in der Französischen Revolution so unhöflich sagte, muß erst von einem »Berg« eines Wohlfahrtsausschusses überschattet werden, sei er kaiserlich oder republikanisch – Res Publica heißt nicht Republik, sondern Gemeinwohl –, ehe die Sonne dahinter aufgeht. Willy und seine Leute waren nicht darnach, um die Nation zur Pflichterfüllung anzuhalten. Dem gemeinen Manne muß sich das Vaterland in einer großen Persönlichkeit verkörpern. Als alles um ihn nach Frieden wimmerte um jeden Preis, entschied Friedrich der Große: »Nie werde ich ehrlosen Frieden unterzeichnen.« Seine Kerls, die treuen Gesellen, verstanden das Imperatorwort: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?«

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