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Atomgewicht 500

Hans Dominik: Atomgewicht 500 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
booktitleKönig Laurins Mantel/Atomgewicht 500
titleAtomgewicht 500
publisherUniversitas
year1980
isbn3800408856
firstpub1934
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140207
modified20190102
projectidba5b648e
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»In Gottes Namen los!«

Hart und gepreßt kamen die Worte aus dem Munde Robert Slawters, während seine Rechte den großen Stromschalter umlegte. Wohl an fünfzig Augen folgten der Bewegung seiner Hand und hingen an Meßinstrumenten, die hier und dort aus dem grauen Erdreich herausragten. Nur an diesen Instrumenten ließ sich ja die Wirkung der riesenhaften elektrischen Energie ersehen, der Mr. Slawter, der Chefchemiker der Duport Company, durch eine Schalterbewegung soeben den Weg in die Tiefe der Dammgrube freigegeben hatte.

Ein gefährlicher Versuch war es, der hier unternommen wurde, und von größter Wichtigkeit mußte sein Ausgang für die weiteren Arbeiten der Dupont Company, des zweitgrößten amerikanischen Chemietrustes, werden. Deshalb waren auch mehr Zuschauer zugegen, als sich sonst zu derartigen Experimenten einzustellen pflegen. Da stand Direktor James Alden neben dem Chief Manager Lee Dowd und verfolgte ebenso gespannt das Klettern der Zeiger über die Instrumentenskalen wie die Herren Larry und O'Brien, die andere Abteilungen der Company leiteten. Und hinter ihnen drängte sich die Schar der Assistenten und Laboranten, die alle darauf brannten, das große Ereignis in nächster Nähe mitzuerleben.

Würde es glücken? Würde Mr. Slawter die gewaltsame Umänderung der Materie gelingen, die er unter einem Einsatz von Tausenden von Kilowatt anstrebte? Dann mußten sich für den Konzern ganz neue Aussichten und Arbeitsmöglichkeiten eröffnen. Dann hatte die Company mit einem Schlage einen Vorsprung vor ihrer größten Rivalin, der United Chemical, den diese nicht so leicht wieder einholen konnte.

Das waren die Gedanken, die auch Mr. Spinner, den Nachrichtenchef des Konzerns, bewegten, denn kraft seiner Stellung wußte der ja vielleicht am besten von allen Anwesenden, was man bei der Konkurrenz trieb und wie weit man dort mit dem Problem gekommen war. Aber trotz seines Interesses blieb er vorsichtig im Hintergrund und zog sich noch weiter zurück, als die Zeiger der Meßinstrumente sich mit erschreckender Schnelligkeit dem roten Warnungsstrich auf den Skalenscheiben näherten. Jetzt hatten sie ihn erreicht, jetzt schossen sie darüber hinaus.

Slawter sah es, stutzte . . . zögerte einen Augenblick, hob die Hand zum Stromschalter, wollte ihn zurückreißen . . . um eine halbe Sekunde zu spät. Von selbst fielen die Zeiger zurück, die eben noch Drücke von vielen Tausenden von Atmosphären und Riesentemperaturen angaben. Ein Zeichen, daß die Energie auf dem Grunde der tiefen Dammgrube sich bereits selber gewaltsam freie Bahn geschaffen hatte.

Während Robert Slawter den Stromhebel herausriß, ging schon ein Beben und Schüttern durch das festgestampfte Erdreich über der Grube. Ein dumpfes Brausen erschütterte die Luft in der mächtigen Halle. Wie ein Krater hob sich der Boden an einer Stelle, und in mächtigem Schwall brach ein weißlichgelbes Gas aus der Tiefe. Alles vernebelnd, den Atem raubend, erfüllte es im Augenblick die große Halle.

Flucht! – der Gedanke, der alle Hirne beherrschte. Durch das offene Tor stürzten die Menschen ins Freie. Hier kam einer zu Fall, dort wurde ein Direktor von einem Assistenten überrannt. Stand und Rang waren in diesen Sekunden der Panik vergessen, Todesfurcht saß allen im Nacken, ließ die Gestürzten sich wieder aufraffen, zwang alle zu rasendem Lauf.

Erst mitten auf dem Werkhof, weitab von der Stätte des Unheils, kam die wilde Flucht zum Stehen. Mit keuchenden Lungen hielten sie an, sogen die frische Luft ein, sahen Sonne und blauen Himmel über sich und wurden sich bewußt, daß sie dem Verderben entronnen waren.

Mit dem Gefühl der Sicherheit kam die Selbstbesinnung wieder.

Direktor Alden packte Slawter bei der Schulter.

»Was war das, Slawter? Ist's mißglückt?«

Robert Slawter riß sich zusammen und zwang seine Gedanken in Reih und Glied.

»Die Stahlbombe ist gesprengt, Alden . . . der Druck stieg zu schnell . . . die Gasmasken, Tamblyn«, schrie er seinen Assistenten an. »Schnell mit den Gasmasken her, Grimshaw! Howard, schaffen Sie schnell ein paar Rezipienten heran . . . wir müssen Gasproben nehmen und untersuchen«, wandte er sich wieder an Alden, »wir müssen feststellen, ob das Gas radioaktiv ist. Erst dann können wir sagen, ob der Versuch ein Erfolg oder ein Fehlschlag war.«

Lee Dowd, der Chief Manager, hatte die letzten Worte gehört und zuckte die Achseln.

»Ein Erfolg? Diese Explosion? Mr. Slawter, ich möchte es einen krassen Mißerfolg nennen.«

Robert Slawter warf den Kopf in den Nacken. »Die Explosion ist nebensächlich, Sir. War mein Fehler, ich habe zu spät ausgeschaltet. Die Instrumente haben rechtzeitig gewarnt. Das läßt sich beim zweitenmal vermeiden. Für einen zweiten Versuch können wir die Bombe auch später bauen. Nur darauf kommt's an, ob die Materie radioaktiv geworden ist.«

Slawter hatte nicht länger Zeit, sich mit Dr. Dowd zu befassen, denn seine Assistenten kamen mit den Gasmasken und Rezipienten zurück. Er stülpte sich eine Maske über, griff einen der gläsernen luftleer gepumpten Rezipienten und lief wieder auf die Halle zu. Tamblyn und Grimshaw rüsteten sich in gleicher Weise aus und folgten ihm. Howard blieb abwartend stehen.

»Wollen Sie Mr. Slawter nicht folgen?« fragte Direktor Alden mit einer leichten Schärfe im Ton.

Howard stand immer noch überlegend und sagte dann zögernd:

»Ich fürchte, Herr Direktor, gegen radioaktive Gase schützen die Masken nicht.«

»Unsinn, Howard, unsere Masken sind gut gegen jedes Gas.«

Der Unwille Aldens kam voll zum Ausbruch, als er weitersprach. »Los, Mann! Seien Sie kein Feigling! Tun Sie, was Ihnen Mr. Slawter befohlen hat.«

Die Stimme und noch mehr der Blick des Direktors veranlaßten Howard, sich die Maske überzustülpen und sich in Bewegung zu setzen. Aber er ließ sich reichlich Zeit auf dem Wege zur Halle, und kaum war er ein paar Schritte in sie eingedrungen, hatte die ersten Gasschwaden erreicht, als er auch schon den Hahn seines Rezipienten öffnete. Zischend drang die ihn umgebende Atmosphäre in das luftleere Gefäß ein. Schnell schlug er den Hahn zu und machte, daß er mit der so gewonnenen Gasprobe wieder ins Freie kam. –

Auf dem Werkhof standen Alden und Lee Dowd zusammen und warteten die weitere Entwicklung der Dinge ab.

»Wenn Howard recht hätte . . .« bemerkte Lee Dowd nach einiger Zeit. »Wenn Slawter und seine Leute zu Schaden kämen . . . es wäre eine böse Geschichte . . .«

»Ich halte es für ausgeschlossen«, versuchte Alden ihn zu beruhigen. »Ich sah, daß sie unsere Universalmasken hatten. Die schützen gegen jede Art von Gas; machen Sie sich keine unnötigen Sorgen, Mr. Dowd.«

Er hatte den Satz kaum beendet, als Howard zurückkam. In der einen Hand hielt er den Rezipienten, in der anderen die Gasmaske, die er sich vom Kopf gerissen hatte. Sein Gesicht war gerötet; es ließ sich nicht sagen, ob von dem schnellen Laufen oder aus irgendeinem andern Grunde.

»Ein Unglück, Direktor Alden«, keuchte er atemlos, »die andern liegen bewußtlos bei der Dammgrube.«

Lee Dowd preßte die Lippen zusammen und blickte Alden an. Bevor er noch etwas zu sagen vermochte, griff Alden nach der Gasmaske in Howards Hand. Er wollte sie überstülpen, damit zu der Halle eilen, als Larry und O'Brien sich ins Mittel legten und ihn festhielten.

»Keinen Schritt weiter, Mr. Alden! So geht das nicht . . .«

Mit Gewalt wollte Direktor Alden sich befreien, aber die beiden packten nur um so fester zu.

»Sie würden auch in den Tod laufen«, schrie ihn O'Brien an. Larry aber rief nach Sauerstoffapparaten. Er hetzte seine Assistenten über den Platz, um die Apparate so schnell wie möglich herbeizuschaffen.

»Lauft, was ihr könnt, Jungen«, brüllte er ihnen nach, »ihr rennt um das Leben eurer Kameraden.«

*

Im Arbeitszimmer des Präsidenten der United Chemical, Henry Chelmesford, fand eine Besprechung statt. Seit fünf Minuten beklagte sich Professor Melton, der Chefchemiker des großen Trusts, bei Chelmesford über die Eigenwilligkeit eines Untergebenen.

»Well, Professor«, unterbrach ihn der Präsident ungeduldig, »werfen Sie den Mann 'raus, wenn er Ihnen Schwierigkeiten macht.«

Professor Melton suchte noch nach Worten für eine Entgegnung, als sich der dritte Mann im Zimmer, Direktor Clayton, einmischte.

»Ich rate dringend davon ab, Chelmesford. Wenn wir Doktor Wandel heut entlassen, tritt er morgen bei den Duponts ein.«

Präsident Chelmesford warf dem Direktor einen scharfen Blick zu, als der Name des Konkurrenzunternehmens fiel. Ärgerlich stieß er die Frage hervor:

»Wie kommen Sie auf die Dupont Company, Clayton?«

»Weil ich weiß, wie scharf die Company hinter Doktor Wandel her ist. Vielleicht erinnern Sie sich daran, daß ich es war, der den Deutschen für unsern Konzern gewann. Nach meiner Meinung ist er der geeignetste Mann für unsere neuen Arbeiten.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte Chelmesford den Professor. Stockend antwortete der, während seine Blicke unsicher zwischen den beiden Direktoren hin und her gingen: »Ich kann nicht leugnen, daß Doktor Wandel über hervorragende Kenntnisse verfügt. Aber er widersetzt sich bei jeder Gelegenheit meinen Anordnungen . . . will alles nach seinem Kopf machen . . . überwirft sich mit meinen Assistenten . . .« Wieder mußte Professor Melton nach Worten suchen und konnte sie nicht recht finden. »So kann es mit diesem Doktor unmöglich weitergehn«, schloß er unvermittelt seine Rede.

»Also? Was soll geschehen?« fragte der Präsident.

»Ich werde mir den Doktor kommen lassen, Mr. Chelmesford, und unter vier Augen ein ernstes Wort mit ihm sprechen«, schlug Clayton vor, »ich glaube, ich habe einigen Einfluß auf ihn.«

»Ach ja, Herr Direktor! Tun Sie das«, sagte der Professor. »Hoffentlich gelingt es Ihnen, den überspannten Menschen zur Vernunft zu bringen. Sonst weiß ich nicht, was aus der Sache noch werden soll.«

Während diese Besprechung beim Präsidenten der United Chemical stattfand, stand Dr. Wandel, der Mann, um den es dabei ging, in dem neuen Versuchslaboratorium und überwachte die Aufstellung eines großen Autoklavs. Mammuthaft wirkte das mächtige Stahlgußgebilde, wie es da von den schweren Ketten zweier Deckenkrane langsam Zoll für Zoll auf die vorbereiteten Fundamente abgesenkt wurde. Knirschend nahm das Mauerwerk das gewaltige Gewicht auf, und die Ketten entspannten sich.

Schon bewegten sich die beiden Krane, von ihrer Last befreit, nach der Giebelwand des großen saalartigen Raumes hin, während Dr. Wandel das Fundament langsam umschritt und das kugelförmige Stahlgefäß von allen Seiten betrachtete. Schimmernd und glänzend ruhte es wie ein Sinnbild verhaltener Kraft auf seinen Fundamenten, aber dem Doktor schien es nicht zu gefallen.

Während er es betrachtete, vertieften sich die Falten auf seiner Stirn, und von seinen Lippen fielen halblaut Worte, die für Professor Melton keine Schmeichelei bedeuteten.

»Hallo, Doktor! Ein feines Stück, das die Bedlam-Stahlwerke uns da geliefert haben. Meinen Sie nicht auch?«

Die Worte kamen von einem der Laboratoriumstische her, an dem Phil Wilkin, der Erste Assistent Professor Meltons, mit allerlei Retorten und Reagenzgläsern hantierte. Dr. Wandel konnte den hämischen Zug nicht bemerken, der dabei um Wilkins Lippen spielte. Er war eben auf dem Wege zu der anderen Saalwand, um sich eine Leiter zu holen.

»Ein feines Stück, nicht wahr, Doktor?« wiederholte Wilkin seine Frage, als der Deutsche zurückkam. Ohne dem Assistenten zu antworten, lehnte der die Leiter gegen den Autoklav und stieg auf ihr empor. Oben angekommen, zog er eine Zeichnung aus seinem Rock, verglich sie kopfschüttelnd und achselzuckend mit dem Verschlußdeckel des Autoklavs und stopfte sie mit einer ärgerlichen Bewegung wieder in die Tasche.

»Ein erstklassiges Stück, nicht wahr?« stellte der Assistent die Frage zum drittenmal, als der Doktor von der Leiter herunterkam.

»Eine erstklassige Schweinerei ist's, wenn Sie's genau wissen wollen, Wilkin!« rief Dr. Wandel wütend. »Aber ich werde . . .«

In seine Worte schrillte das Telephon. Wilkin nahm den Hörer ab, lauschte einen Augenblick, antwortete dann:

»Jawohl, Herr Direktor, Herr Doktor Wandel ist hier. Soll ich ihn an den Apparat rufen? . . . So, nicht nötig? Danke schön, Schluß!« Er legte den Hörer wieder auf und wandte sich an Dr. Wandel.

»Sie möchten zu Direktor Clayton kommen, er erwartet Sie in seinem Zimmer.«

Der Doktor streifte den weißen Laborantenmantel ab und verließ den Raum. An der Tür prallte er beinahe mit dem irischen Laboratoriumsdiener MacGan zusammen. Verwundert blickte der Sohn der Grünen Insel dem eilig Weiterschreitenden nach.

»Der Deutsche scheint heute schlechte Laune zu haben«, konnte er sich nicht enthalten zu Wilkin zu bemerken.

»Ich vermute, MacGan«, erwiderte ihm der Assistent, »seine Laune wird in der nächsten Viertelstunde noch schlechter werden. Hoffentlich nimmt Direktor Clayton kein Blatt vor den Mund und sagt ihm gehörig die Meinung.«

Leise vor sich hinpfeifend, machte sich Wilkin wieder an seinem Tisch zu schaffen und zeigte keine Neigung, das Gespräch fortzusetzen.

Armer Dutchman, du hast keinen leichten Stand bei den Yankees, dachte der Ire bei sich, während er daranging, die Flaschen und Mensuren in einem Schrank zu ordnen. – –

»Ich habe Sie zu mir gebeten«, empfing Direktor Clayton Dr. Wandel bei seinem Eintritt, »um Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen, die offenbar zwischen Ihnen und Professor Melton bestehen.«

Empörung und Verdruß malten sich in den Zügen des Doktors, während er dem Direktor gegenüber Platz nahm.

»Die Ursache dazu liegt nicht bei mir, Mr. Clayton«, erwiderte er mit kurzem Achselzucken. »Es wäre vielleicht richtiger, wenn Sie mit Professor Melton darüber sprächen.«

»Das ist eben geschehen, Herr Doktor. Der Professor hat sich in meiner Gegenwart bei dem Präsidenten über Sie beklagt. Ich habe es darauf übernommen, auch mit Ihnen zu sprechen. Sie wissen, Doktor Wandel, mit welchen Erwartungen und Hoffnungen ich Sie zur United Chemical geholt habe. Es wäre für mich nicht angenehm, wenn ich nachträglich eine Enttäuschung erleben sollte.«

Während Clayton sprach, fand Dr. Wandel Zeit, sich zu sammeln. Die Röte aus seinem Gesicht war gewichen, und sein Atem ging ruhiger, als er antwortete:

»Sie wissen auch, Herr Direktor, mit welchen Ideen und Plänen ich zu Ihrem Konzern gekommen bin. Doch was nutzt das, wenn ich sie nicht nach eigenem Ermessen ausführen kann? Ich weiß nicht, ob ich gegen Unwissenheit oder Böswilligkeit zu kämpfen habe, aber gegen eins von beiden sicherlich. Das steht für mich außer Zweifel.«

Stahlhart traf sein Blick während der letzten Worte den Claytons, bis der die Augen senkte.

»Ich begreife nicht recht, Herr Doktor, wie Sie etwas Derartiges behaupten können,« begann der Direktor von neuem. »Wir sind doch auf Ihre Ideen eingegangen. Auf meine Veranlassung wurden die erheblichen Mittel für die Beschaffung des von Ihnen gewünschten Autoklavs zur Verfügung gestellt. Der Apparat wurde nach Ihren Zeichnungen gefertigt. Er ist meines Wissens inzwischen . . .«

»Er wurde nicht nach meinen Zeichnungen gefertigt«, fiel ihm Dr. Wandel ins Wort, »man ist von meinen Plänen abgewichen, . . . in einer Weise abgewichen, Mr. Clayton, daß ein Erfolg der beabsichtigten Versuche von Anfang an in Frage gestellt ist. Ich weiß nicht, auf wessen Veranlassung es geschah. Die Verantwortung dafür hat jedenfalls Professor Melton zu tragen.«

Während er sprach, zog Dr. Wandel einen Plan aus der Tasche und schob ihn dem Direktor hin.

»Das hier ist meine Zeichnung. Gerade jetzt mußte ich mich davon überzeugen, daß man sehr wesentlich von ihr abgewichen ist, ohne mir vorher ein Wort davon zu sagen.«

Clayton blickte unschlüssig auf die Zeichnung.

»Ich werde Professor Melton ersuchen, mir seine Gründe dafür anzugeben«, sagte er beschwichtigend.

»Er wird um Gründe nicht verlegen sein. Ich habe noch nicht erlebt, daß es Professor Melton an Gründen, sagen wir lieber Beschönigungen, für seine verkehrten Maßnahmen gefehlt hätte« brauste Dr. Wandel von neuem auf.

»Beruhigen Sie sich, Doktor!« fiel ihm Clayton ins Wort. »Man kann wissenschaftliche Fragen doch objektiv und in aller Ruhe besprechen.«

Der Doktor lehnte sich in seinen Sessel zurück.

»Also, bleiben wir objektiv, Mr. Clayton! Bei den Besprechungen, die meinem Eintritt in die United Chemical vorausgingen, waren wir beide uns über das Arbeitsprogramm völlig einig: man muß die geeignete Materie ganz außergewöhnlich hohen Drücken und Temperaturen aussetzen, wenn man das gesteckte Ziel erreichen will.«

Clayton nickte. »So ist es, Doktor Wandel, ich habe nicht vergessen, was Sie mir damals über die Forschungsergebnisse unseres berühmten Eddington mitteilten. Doch ich sagte Ihnen auch sofort, daß wir die Milliarden von Atmosphären und Temperaturgraden, die dieser Astronom im Innern der Weltensonnen voraussetzt, in einem irdischen Laboratorium niemals erreichen können.«

»Ihr Einwand ist berechtigt, Mr. Clayton. Aber wir müssen die Drücke und Temperaturen so hoch wie nur irgend möglich treiben. Wir müssen versuchen, im Laboratorium den von Eddington angenommenen Verhältnissen möglichst nahezukommen, wenn wir Erfolg haben wollen. Gerade daraufhin hatte ich den neuen Autoklav konstruiert. Ich muß mich bitter darüber beklagen, daß man hinter meinem Rücken von meinen Plänen abgewichen ist.«

Der Direktor rieb sich die Stirn. »Eine dumme Geschichte, Doktor Wandel. Lassen Sie doch die Dinge während der nächsten Wochen laufen, wie sie wollen. Wenn es Fehlschläge gibt, wird Professor Melton selber einsehen, daß er unrecht hat . . .«

»Und dann versuchen, mir seine Fehler mit allen Mitteln in die Schuhe zu schieben. Ich bin aber nicht gewillt, die Suppe auszulöffeln, die er eingebrockt hat.«

»Davor werde ich Sie schützen, Herr Doktor.« Clayton griff nach Bleistift und Papier. »Ich nehme Ihre heutigen Erklärungen zu meinen Akten. Widersprechen Sie einstweilen Professor Melton nicht. Lassen Sie ihn die Versuche nach seinen Anweisungen ausführen. Sollte es so kommen, wie Sie es fürchten, werde ich dies Blatt hier zu Ihrer Entlastung auf den Tisch legen und darauf dringen, daß man dann nach Ihren Vorschlägen arbeitet.«

Direktor Clayton wollte die Besprechung damit beenden, aber Dr. Wandel hatte noch etwas auf dem Herzen.

»Bedenken Sie auch, Mr. Clayton«, erwiderte er, »daß wir auf diese Weise wahrscheinlich Wochen und Monate verlieren werden. Sie könnten uns sehr fehlen, wenn andere Stellen, die an demselben Problem arbeiten, inzwischen Erfolg haben.«

Clayton machte eine beschwichtigende Handbewegung.

»Die Gefahr halte ich nicht für groß. So schnell wird es den andern auch nicht gelingen. Vermeiden Sie jetzt offenen Krach mit Professor Melton. Lassen Sie ihn sich totlaufen, dann wird Ihre Zeit ganz von selber kommen.«

Dr. Wandel erhob sich. »Ich danke Ihnen für Ihre Vermittlung und Ihren Rat, Herr Direktor«, sagte er beim Abschied; »ob meine Nerven allerdings der Geduldsprobe gewachsen sein werden, die Sie mir auferlegen, das kann ich Ihnen nicht mit Sicherheit versprechen.«

Und dann war Direktor Clayton allein in seinem Zimmer. Bedächtig steckte er die Notiz über die soeben beendigte Unterredung in seine Akten. Im Selbstgespräch kamen dabei abgerissene Worte von seinen Lippen. »Vielleicht hat der Deutsche recht . . . ich fürchte, Melton ist ein Esel . . . hoffentlich muß die United nicht die Zeche bezahlen . . .«

Nach dem Lunch kam Professor Melton in das Laboratorium zurück. Er war gespannt darauf, zu erfahren, wie die Unterredung mit Direktor Clayton auf seinen Untergebenen gewirkt hatte. Ob der eigensinnige Doktor nun endlich klein beigeben und sich seinen Anweisungen ohne lästigen Widerspruch fügen würde? Professor Melton wünschte es, aber er gab sich selbst keinen allzu großen Hoffnungen nach dieser Richtung hin. Erwartungsvoll betrat er den Raum und schaute sich nach allen Seiten um. Von dem Deutschen war nichts zu sehen.

»Wo ist Doktor Wandel?« fragte er Wilkin.

»Er ist fortgegangen, Herr Professor. Er bat mich, ihn für den Nachmittag bei Ihnen zu entschuldigen.«

Melton stutzte. Sollte es gar nicht zu der Unterredung gekommen sein, auf deren Ausgang er so neugierig war?

»Wann ist Doktor Wandel fortgegangen?« wollte er weiter wissen.

»Vor einer Viertelstunde, Herr Professor. Er wurde zu Direktor Clayton gerufen. Kam danach zurück, nahm seinen Hut und erklärte kurz, daß er einen Gang in die Stadt machen müßte.«

Eine Weile stand Melton nachdenklich da. Die Besprechung hatte also stattgefunden. Hoffentlich hatte Direktor Clayton dem Deutschen gehörig den Kopf gewaschen. Aber warum war er danach fortgegangen? Das sah nicht gerade nach innerer Zerknirschung und Besserung aus.

»Fiel Ihnen etwas Besonderes an Doktor Wandel auf? War er erregt . . . oder schlechter Laune?« fragte Melton vorsichtig weiter. Wilkin beobachtete ihn dabei forschend von der Seite.

»Nichts Besonderes, Herr Professor«, erwiderte er nach kurzem Überlegen. »Schlechter Laune war er eigentlich mehr vorher, ehe er zu Direktor Clayton gerufen wurde, als er sich den Autoklav hier besah. Als er zurückkam, schien er mir ganz ruhig zu sein.«

»So, Mr. Wilkin. Also war der Herr Doktor schlechter Laune. Wie hat sich das denn geäußert?«

Wilkin zauderte.

»Ich weiß nicht, Herr Professor, ob ich recht daran tue, es Ihnen zu sagen . . . es handelte sich dabei um den neuen Autoklav . . .«

»Bitte, keine falsche Scheu, Mr. Wilkin! Ich möchte einen genauen, möglichst wortgetreuen Bericht von Ihnen.«

Der Assistent zuckte die Achseln.

»Wenn Sie es durchaus wünschen, Herr Professor . . . es war nicht gerade fein, was Doktor Wandel über den neuen Apparat sagte . . .«

»'Raus mit der Sprache, Wilkin! Was hat Doktor Wandel gesagt?«

»Er nannte es eine erstklassige Schweinerei, Herr Professor.«

Während Wilkin sprach, beobachtete er Melton unter halb gesenkten Lidern und sah, wie der abwechselnd rot und blaß wurde.

»Das war vor der Unterredung mit Direktor Clayton?« fragte er kurz.

»Vor der Unterredung, Herr Professor.«

»Sie können diese Äußerung nötigenfalls auch vor andern bezeugen, Mr. Wilkin?«

»Selbstverständlich, Herr Professor. Ich habe sie deutlich gehört und Wort für Wort im Gedächtnis.«

Wieder arbeitete es in den Zügen Meltons, und er überlegte eine ganze Weile, bevor er seinem Entschluß Ausdruck gab.

»Nun gut, mein lieber Wilkin, dann wollen wir die Konsequenzen daraus ziehen. Wir wollen es Herrn Doktor Wandel nicht zumuten, mit einem Apparat zu arbeiten, den er so absprechend beurteilt. Wir beide werden zusammen die Versuche mit dem neuen Autoklav machen. Gelingen sie so, wie ich es hoffe, dann . . .«

Er scheute sich in Gegenwart des Assistenten auszusprechen, was er weiter dachte, nämlich, daß der querköpfige Doktor dann wohl endlich sein Bündel schnüren und sich zum Teufel scheren würde. Und Phil Wilkin bildete für sich auch einen ganz andern Schluß zu dem Satz. Dann werden wir beide den Ruhm und den Gewinn von der Sache haben, dachte der Assistent für sich. Dann kommt die Zeit der fetten Tantiemen und Beteiligungen, und ich werde ein ebenso großes Tier sein wie Professor Melton.

*








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