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Allerseelen

Ludwig Anzengruber: Allerseelen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
titleAllerseelen
authorLudwig Anzengruber
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeErster Band
editorW. Lennemann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
projectidfeabbf14
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Ludwig Anzengruber

Allerseelen

Weit da draußen auf unfreundlicher Heide, über welche der Wind dahinfegt, haben die Toten ihre Ruhestätte, eine Fahrstraße mit dürftigen Pappeln führt daran vorüber; schier endlos geht es auf dem Schienenwege der Pferdebahn dahin, immer in gleichmäßigem Trotte und mit eintönigem Geklingel, ermüdend, einschläfernd. Für den Anfang zerstreut es, die Mitfahrenden zu mustern; die meisten führen Kränze, Blumen, Grablaternen mit sich, ja dort vorne neben dem Kutscher hat sogar jemand ein eisernes Grabkreuz hingelehnt; unter dem Namen, den die Tafel zeigt, steht das Datum des Todestages; der Gestorbene liegt nun fast schon ein Jahr in kühler Erde, ohne ein anderes Merkzeichen als das der Nummer zu seinen Häuptern, und die Angehörigen beeilen sich jetzt das Kreuz »setzen« zu lassen. Tun sie das, damit die Bekannten es finden, oder ist es wahrhaft ein Zeichen liebevollen Gedenkens, von kargem Erwerbe in so langer Frist erspart, abgedarbt?

Es steht kein Mütterchen dabei, die es hütet wie einen Schatz, kein Mann in dürftigen Kleidern, der es mit wehmütigem Stolze betrachtet und manchmal wie mit streichelnder Hand über die vergoldete Christusfigur fährt, der Nebenstehende, der seine Rechte nachlässig auf dem Querbalken ruhen läßt, trägt ein Schurzfell, er macht ein Geschäft ab und wird wohl morgen den trauernden Hinterbliebenen die saldierte Rechnung präsentieren.

Dort in der Ecke sitzt ein junges bleiches Weib in schwarzer Kleidung, die Augen durch die müden Lider halbgeschlossen, die Lippen herbe gegeneinander gepreßt, während beide Nasenflügel unregelmäßig und stoßweise sich heben und senken. Das ist junger, kaum wochen-, vielleicht nur wenige Tage alter Schmerz. Sie preßt einen kleinen Kranz an sich und achtet nicht darauf, daß unter ihren Fingern die Blumen knicken und die Blätter sich verwirren, so wenig sie darauf achtet, daß nahe, ganz nahe, vom Schoße der Nachbarin langstielige Astern, wie vertraulich und beruhigend, mit den bunten Köpfen ihr zunicken.

Diese Nachbarin, die zu Füßen eine Laterne liegen, zur Seite einen Kranz hängen und auf dem Schoße zwei Blumentöpfe stehen hat, ist ein behäbiges Frauchen mit ergrauendem Scheitel und freundlich lächelnden, wohl auch gesprächigen Lippen; aber jetzt sitzt die gute Alte in der ersten Bank, hat kein Gegenüber und die Nebensitzende, »die, in der tiefen Trauer«, will sie nicht anreden, die hätte nicht Gehör, noch Dank für eine Ansprache.

Mein Gott! Wie einem in solchem Falle um das Herz ist, das weiß die alte Frau ja selbst recht gut, wenn es auch schon lange her ist, daß sie ihr den Mann hinwegtrugen, schon Jahre her. Und Jahr für Jahr ist sie zur selben heiligen Zeit hinausgefahren und hat dafür gesorgt, daß er sein Licht, seinen Kranz und seine Blumen habe und dabei erinnert sie sich so lebhaft seiner, als stünd' er ihr wieder vor Augen und es ist ihr – ach, es ist ein kindischer Gedanke, sie weiß es – als vermöchte ihre Geschäftigkeit um ihn ihm Freude zu machen. – – – –

Sie wendet ein wenig den Kopf und blickt durch die Scheibe nach der Straße.

Rücken gegen Rücken mit ihr sitzt eine Dame, welche sich, was Gesprächigkeit anlangt, durchaus keinen Zwang auferlegt, unbekümmert darum, ob man ihr Gehör schenkt oder Dank weiß. Die unermüdlich Plaudernde hat eine kleine, aber keineswegs zierliche Figur, denn ein überlanger Oberleib läßt die Beine lächerlich kurz erscheinen, aus dem vollen runden Gesichte blicken, blau und wässern, ein paar nichtssagende Äugen und unter dem Stumpfnäschen zeigt sich ein Mund, der nur dadurch den Eindruck unangenehmer Breite macht, weil die Lippen sich so platt schließen, der Umstand, daß sie geöffnet diesen Eindruck unangenehmer Breite und Plattheit nur verstärken und der welke Zug um ihre Winkel weist darauf hin, daß wir hier eines jener Kinder vor uns haben, die wohl altern, aber nie groß werden, und die glauben, sie seien Weib geworden, weil sie verheiratet gewesen.

Die kleine Dame sprach unaufhörlich von ihrem »Seligen«, und wenn sie fürchtete im Straßengelärme unverstanden zu bleiben, so begann sie mit ihrem kreischenden Stimmchen zu schreien, dazu nickte sie und wiegte sie, als wollte sie es den beiden Kränzen zuvor tun, die mit flatternden Schleifen außen an den Hacken schaukelten, zwischen denen sonst die Wagenlaterne hing.

Neben stand ein Mann mit hohlem Auge und eingesunkener Wange, er sog an einer Strohzigarre. Wenn der Wind gar zu arg an den Kränzen zauste, dann griff der Raucher schützend nach dem einen, auf dessen schwarzer Schleife in Silberdruck die Worte »Ruhe sanft« zu lesen waren, dabei hatte sich ihm einmal die goldbefranzte Atlasschleife des anderen über den Arm geschlagen und er las die in plumpen, schreiend gelben Lettern angebrachte Devise. Er lächelte bitter und streifte verächtlich das Band von sich.

Dieser Vorgang veranlaßte die kleine Witwe, eine äußerst lebhafte Schilderung des Todeskampfes ihres verewigten Gatten zu unterbrechen und sich über die Roheit der Welt zu beklagen, da eben jener Kranz der für ihren »Seligen« bestimmte ist. Mit sichtlicher Genugtuung erwähnt sie, daß sie selbst »angegeben« habe, was »ihm« auf das Band zu »setzen« sei, nämlich »das« Wort: Auf Wiedersehen! (Sie sagte allerdings: Aufs Wiedersehen!) Sofort aber – an das zuvor Unterbrochene anknüpfend – erzählte sie, daß sie nicht eine Viertelstunde mit der Leiche ihres Mannes unter einem Dache geblieben sei, aus Furcht, der Tote möchte wieder »lebendig werden oder ihr sonst etwas antun«.

Über diese naive Äußerung, die mit der Sehnsucht nach dem Wiedersehen einigermaßen im Widerspruche stand, lachte ein junger Mensch an meiner Seite laut auf, das machte mehrere mitlachen und die Schwätzerin verstummen.

Das Bürschchen neben mir, vermutlich ein Student, schien sein Verdienst um die Gesellschaft nicht gering anzuschlagen. Er saß da, in Miene und Gebärde jene überschwengliche Selbsteingenommenheit zur Schau tragend, welche verzogene junge Leute sich so häufig merken lassen und unvernünftige ältere wie eine Beleidigung empfinden, während vernünftige darüber lächeln. Er hielt ein Buch in der Hand, zwischen dessen Blättern er den Zeigefinger einklemmte, indes er mit dem Rücken sich den rechten Schenkel frottierte. Ich neigte mich ein wenig vor und las den Titel des Werkes: »Der Tag nach dem Tode«. Wahrscheinlich sucht er das Grab eines Jugendgenossen auf und zu diesem Gange hat er sich in seiner Art vorbereitet, mit einem – Lehrbuche; ihm mag es ja für ein solches gelten, denn sicher imponiert ihm noch eine schlankweg aufgestellte Hypothese mit waghalsig darauf gebauten Schlüssen.

Fernab liegt der Jugend Tod. Eine weite Strecke, erfüllt mit Träumen von Ehre und Glanz, Genuß und Glück, legt sie zwischen ihn und sich. Sie glaubt nicht an den Tod, weil sie eine stets wachsende Kraft in sich fühlt, über deren Betätigung sie zwar im unklaren ist, deren Vernichtung aber so ganz undenkbar erscheint, daß selbst die Frage nach einem Anderswo und Irgendwie für eine müßige gilt!

Wahrhaftig, die Jugend bedarf nicht jener Trostbücher, jener Streitschriften gegen die ziemlich allgemein verbreitete Meinung, daß der Tod ein Übel sei; was aber sollen wir Erwachsene mit ihnen anfangen?

Es ist eines der jämmerlichsten Machwerke dieser Gattung, das mein Nachbar da mit sich führte, denn es behandelt »das zukünftige Leben nach den Forschungen der Wissenschaft«, benützt auch, größerer Anschaulichkeit halber, daß beliebte Mittel der Illustration, »mit zehn astronomischen Abbildungen«, steht auf dem Titelblatte. Also in einer Sache des Herzens wendet sich der Autor nicht an dieses? Auf einem Gebiete, wo sich zu allen Zeiten die erleuchtetsten Geister des Wissens beschieden haben, will er sich nicht bescheiden?

Glauben denn diese Philosophaster, wenn sie einen Traum, mit eigenem halben Wissen und fremder mißverstandener Beobachtung herausgeputzt, zu Markte bringen, daß ihn irgendwer für ein System kauft und zu einer Überzeugung ausfüttert?

Mit euren Büchern macht ihr auch nicht einen Zweifelnden um ein Bedenken ärmer, um eine Hoffnung reicher; der Ernste wird sie kopfschüttelnd aus der Hand legen, dem Launigen bieten sie Anlaß zu wohlfeilen Späßen, denn wenn ihr über Auferstehung, Wiedergeburt, Existenz auf anderen Welten oder im weiten Ätherraume so wortreich und selbstbewußt euch vernehmen laßt wie irgend ein Dozent über ein gang und gäbes Kapitel aus der Naturgeschichte, dann wird man euch auch fragen, wo denn bei eurem Wissen der Prüfstein aller Wissenschaft, das Experiment, bleibt; ob ihr schon einmal auferstanden, wiedergeboren worden, auf anderen Sternen gewesen, im Äther geschwebt seid oder ob ihr andere zu derlei Motionen veranlaßt und sie dabei und danach kontrolliert habt?

Daß ihr Zweiflern gegenüber vergebene Mühe aufwendet, das wird sich eure Autoreneitelkeit nie klar machen, doch wahrlich nicht das nimmt man euch übel, daß ihr Spötter lachen macht, wohl aber, daß ihr durch eure Machwerke, die Gläubigen, die Hoffenden verletzt.

Was auch den Menschen bewegt, nach der Unsterblichkeit seines Wesens zu verlangen, ob ihn grübelnder Sinn lüstern macht, den letzten Grund der Dinge zu schauen – ob das Rätsel des Daseins so schwer auf ihm lastet, daß ihn vor dem Zusammenbrechen nur der Gedanke schützt: er werde wissen warum, wofür er litt und stritt – ob er von der Unzulänglichkeit des irdischen Rechtes bedrückt, nach dem göttlichen aufschreit und ihm Lohn und Strafe anheimstellt – ob es die Liebe ist, die ihn nach seinen Heimgegangenen sehnen macht – oder ob es auch nur der Kampf ist gegen den Gedanken der Vernichtung, der ihn in einsamen Nächten durchfröstelt – all dies Bangen, Sehnen, Heischen, Hoffen und Ahnen, es ruht zu tiefst in der Brust des Menschen eingeschlossen, unausgesprochen, unaussprechbar, über allen Schrecken des Todes und Greuel der Verwesung – ein Mysterium!

Ein Mysterium, das ihr entheiligt, wenn ihr es vom Herzen nach dem Kopfe versetzen wollt! Ein Mysterium, das, auf den lauten Markt gezerrt, zum Märchen wird und in euren Büchern – zu Unsinn!

Ich hatte mich vergessen und die letzten Worte laut gesprochen.

»Wie meinen?« fragte der Student.

Ich legte den Zeigefinger auf das Buch und sagte: »Das mein' ich.«

Jetzt tauchte zur rechten Hand die Rohziegelmauer mit den darüber wegragenden Kreuzen und Urnen auf, der Wagen rollte rascher dahin, die Schleifen der beiden Kränze flatterten hintennach und drehten sich im Winde ab und zu – Ruhe sanft! – Ruhe sanft! – Auf Wiedersehen! – Auf Wiedersehen! Jetzt faßt der Kutscher nach der Kurbel der Rädersperre. Eine kurze Strecke noch schleift der Wagen hin, dann halten wir am Ziele. Der hagere, hohlwangige Mann außen wirft den Zigarrenstummel von sich, hebt seinen Kranz vom Haken und steigt vom Trittbrette, die kleine Witwe schießt zur Wagentür hinaus, wobei sie dem Studenten einen mißgünstigen Blick zuwirft; dieser erhebt sich und folgt ihr, nachdem er aus überragender Körperlänge mit entsprechend überlegenem Lächeln auf mich herabgesehen, die Dame in Trauer seufzt schwer auf und verläßt zögernd ihren Sitz, und das behäbige alte Frauchen, obwohl vollauf beschäftigt, Laterne, Kranz und Blumentöpfe zu ordnen, nickt ihr teilnehmend zu.

Als ich durch das große Tor eintrat, kam ein Diener in reicher Livree, der ein schwarzsamtenes Kissen unter dem Arme hielt, herzugelaufen und gab Zeichen nach dem Standplatze der Privatequipagen; dann blickte er nach einem alten Herrn zurück, der noch in einiger Entfernung bedächtig einherschritt.

Es war ein rüstiger alter Herr trotz des schneeweißen Haares, das unter der breiten Krempe seines Zylinderhutes bis zum Rockkragen niederhing; das schwache Rohr mit dem goldenen Knopfe benützte er, um hie und da ein Steinchen spielend aus dem Wege zu schleudern, und den feinen Oberrock, der ihn vor der Unbill der Witterung schützen soll, trug er nicht einmal zugeknöpft, so daß man bei mancher Wendung den Brillant der Busennadel im Sonnenlichte sprühend aufleuchten sah.

Der Greis kehrte Wohl aus dem vornehmen Viertel des Friedhofes zurück, wo sich Gruft an Gruft reiht, er fand dort die Ruhestätte der Seinen – einst die eigene – unter Palmenzweigen, Blumen und Kränzen, von Lichtern umflackert, und kniete davor im Betschemel auf samtenem Polster.

Jetzt wandelt er achtlos an den Schachtgräbern dahin.

An dem letzten derselben steht ein Mann, gleichfalls schwarz gekleidet, aber dürftig, ein fadenscheiniges Röckchen am Leibe, ein dünnes Beinkleid, das ihm der Wind an die dürren Glieder preßt. Der Mann starrt vor sich hin auf das Grab, nur wenn das kleine in seinen Lumpen frierende Mädchen, das er an seiner linken Hand hält, zusammenschauert, dann blickt er, wie scheu, nach der Kleinen, sein Auge wird unstet und er fährt schnell mit den Fingern der Rechten danach und wischt, als quälte ihn dort ein Sandkorn.

Auf diese Gruppe trat der alte Herr zu, mit leutseliger Miene beugte er sich herab zu dem Kinde. »Hast du ein Schwesterchen oder ein Brüderchen da?«

Der Arbeiter griff an den Schirm seiner Mütze. »Die Mutter, Herr!«

Der Greis berührte flüchtig mit der Hand das Köpfchen der Kleinen. »Nun, sei nur recht brav,« sagte er, »deine Mutter sieht jetzt alles, die ist ja im Himmel dort oben.«

Der Dürftige mochte wohl dem noblen Herrn nicht ins Gesicht widersprechen, er sah daher zur Seite, drückte das frostgerötete Pätschchen in seiner Linken, um das Kind aufmerksam zu machen, und sagte leise, aber bestimmt, indem er mit der Rechten nach dem Grabhügel wies: »Da, in der Erd' ist sie!« Der Alte stieß einen mißbilligenden Laut aus und zog die Brauen zusammen. »Pfui. Wenn sie jetzt auch da in der Erde ruht, so wird sie doch einst, wie wir alle, wieder auferstehen.«

»Bester Herr,« sagte der Arme und diesmal hielt er den Blicken des Reichen stand, »die hat all ihr Lebtag nichts Gutes gehabt, wozu sollte sie wieder auf?!«

Da kehrte sich der alte Herr ab und ging zornig murmelnd hinweg. Der Diener, der ihm in den Wagen half, erlauschte dabei, daß jetzt ein roher Unglaube unter den niederen Schichten um sich greife. Bestürzt klappte er den Schlag zu.

Ich hatte wenige Schritte seitwärts gestanden, während die beiden Männer sprachen; als jetzt der Arbeiter das Grab verließ, faßte er mich ins Auge und streckte die Hand nach dem Hügel aus, mit einer Geste, als wollte er etwas sanft nach der Erde zurückdrücken. »Es ist doch besser so!« sagte er, und an mir vorüberschreitend, deutete er nach der Richtung, die der Alte eingeschlagen, und lächelte bitter: »Glaub's schon, daß der gerne ein Leben fortführen möcht', wo ihm nie etwas abgegangen ist.«

Gleich diesen beiden werden viele verstimmt, verbittert, verdüstert von Grabstätten heimkehren, weil sie ihren Glauben oder Unglauben nicht außer den Friedhofsmauern gelassen haben. Wir leben einmal dieses Leben und an diese Welt sind wir mit allen Nervenfasern und Muskelsträngen geknüpft, mit den Bewohnern einer andern wüßten wir nichts anzufangen; aber auch das lebendige Angedenken derer, die mit uns gewohnt hatten, vermögen wir nicht auszutilgen, und ebensowenig wie sich der Gläubige die Verklärung, vermag sich der Ungläubige die Vernichtung vorzustellen. Verständlich sind uns die Toten nur als das, was sie waren!

Als Vorkämpfer in den gleichen Streiten, als Vorläufer nach den gleichen Zielen stehen sie uns nah, und weil die Bahn, soweit sie dieselbe durchmessen, abgeschlossen vor unseren Augen liegt, weil wir wissen, welchen Weges und an welches Ende sie von Irrtum, Leidenschaft oder Tüchtigkeit Schritt für Schritt geführt worden, so wirkt auch ihre Lehre ernster, ihre Mahnung eindringlicher, ihr Beispiel mächtiger; doch Lehre, Mahnung und Vorbild sprechen nur dem Geschlechte, dem sie angehörten, von der Welt, in deren Lichte sie einst gewandelt. O glaubt nur ja nicht, daß die Toten so ganz tot seien! Ihr müßtet eben nie davon gehört haben, was sie aus einem feigen Geschlechte zu machen vermögen, wenn dieses, dem Untergange nah, der Tüchtigkeit seiner Vorahnen sich erinnert und zu ihnen aufschreit in höchster Not; ihr müßtet überhaupt nicht von dem Verkehre mit ihnen wissen.

Fürchte niemand, daß ich ihn jetzt vom Friedhofe weg in die Sitzung eines spiritistischen Klubs führe, noch daß ich hier, angesichts der Gräber, für ein Medium oder für eine neue Broschüre über Kundgebungen aus dem Jenseits Reklame zu machen beabsichtige; das alles hat nichts mit dem zu schaffen, was ich meine.

Ich werde jetzt hier die Gräberreihe entlang gehen, ich weiß dort einen Hügel, der eine teuere Heimgegangene deckt, ich werde ihr diesmal wenig sagen können, denn wir werden vielfach gestört sein durch Leute, die nur der eigene und fremde Putz und der der Gräber beschäftigt, aber ich werde alles, was mit mir und um mich vorgegangen, seit ich das letztemal an derselben Stelle gestanden, kurz zusammenfassen; mählich wird in Ton und Geste, in Ausdruck und Mienen das Bild der Dahingeschiedenen lebendiger – hier hasche ich einen Ton des Einwurfs – dort eine Geste der Zustimmung – und wenn ich dann in mir etwas wie Beschämung empfinde, dann mißbilligt sie – und wenn mir's frohmütig wird, dann heißt sie gut – und wenn zutiefst mir in der Seele stille, dann tröstet sie, – –

Ah, ihr denkt, es rede nur dieser eine Tote und nur mir? O, fragt doch – fragt ein gutes Kind, das am Grabe seiner Eltern sich deren Segen erfleht, fragt ein arges Kind, das Verzeihung erbettelt, fragt den Vater, der am Grabe seines Lieblings sich Trost holt, fragt, fragt alle, die sich auf den Umgang mit den Verstorbenen verstehen, und sie werden euch sagen:

»O, glaubt nicht, daß die Toten so ganz tot seien!«








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